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Full text of "St. Petersburger Medizinische Zeitschrift 37.1912"

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ÜNtVERSITY OF MICHIGAN 
















ST. PETERSBURGER 


MEDIZINISCHE ZEITSCHRIFT, 

früher 

St Petersburger medizinische Wochenschrift 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. Karl Dehio (Dorpat), Dr. Paul Klemm (Riga) 
und Dr. Friedrich Holzinger^Petersburg), 

unter der Redaktion von 

Dr. F. Holzinger. 



37. JAHRGANG 



ST. PETERSBURG. 

Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Ko., Englischer Pr. 28. 
1912. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



INHALT. 


Originalien. 

Seite 


Kernig. Ueber einen Fall von Oesophagomalazia . . 1 

von Haffner. Diagnose und Therapie der Subkutanen 

Bauchverletzungen. 2 

Hermann Stillmark. Einige' Methoden der funktio¬ 
nellen Herzdiagnostik ., _.%</. 3. 

Arthur Weber. Zur Wirkung von Anhalonium Lewinif. 17 
Fr. Werner. Ein Fall von komplizierter Schädelver¬ 
letzung mit homolateraler Hemiplegie. 20 

M. E1 i a s b e r g. Verband und Nachbehandlung nach 

Augen-Qperationen ..: . . 21 

A. Berte l^s. .Ueber Krebserkrankuhgep . . . ^ ’* 21 

W. Spind ler. Der Verband frjjscher'Verletzuigen rpit * 

" Dr. FiricHs Haütlack ... v .. . 24 

G, Tiling. Ueber 1 Narkose .' ... . *. 33 

ITermann. Die Unterernährung in der Therapie ... 37 
S. Unterberger. ZurWasserversor.derStt. Petersburg 38 
W. v. H o 1 s t. Das Entwicklungsalter vom neurologischen 

Standpunkt. 47 

Dr. Kernen. Ueber chronischen Gelenkrheumatismus, 

Gicht und Ischias .. 50 

N. M a k e w n i n. Zur Frage der radikalen Therapie des 

Volvulus der flexura sigmoidea .... •....' 55 
A. P i 1 c z. Zur Tuberkulinbehandlung der progressiven 

Paralyse. 63 

W. Pomortzew. Wohnungsfürsorge als Mittel der Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose in Deutschland auf der 
Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden . . 64 

N. Schroeter. Ueber moderne Eisenpräparate . . . . 70 

I. Grünberg. Zur Kasuistik der Reaktionserscheinungen 

nach Salvarsaninfusionen . 72 

Th. Dobbert. Ueber die' Leistungsfähigkeit der La¬ 
parotomie bei eitrigen Prozessen der inneren Ge¬ 
schlechtsorgane des Weibes . 79 

R. von Engelhardt. Das Greisenalter. 86 

D. Orudschiew. Lässt sich die Diagnose des Ab¬ 
dominaltyphus aus dem Verlaufe der Temperatur und 1 

dem Verhalten des Pulses ableiten?. 89 

Otto Tilo. Plattfuss und Klumpfuss . ^. 91 

Marie Jerofejewa. Starke faradischeHautreizung als 

bedingter Erreger der Speicheldrüsenarbeit beiHnnden 99 

Eduard Schwarz. Ueber „Neurorezidive“ nach Sal- 

varsan. 99 

R. Schütz. Die Pathologie des Nukleinstoffwechfcels ' 

(Gicht, Uratsteindiathese). 110 

Th. Kubli. Die Behandlung der Kurzsichtigkeit . . . 119 

C. Sarfels. Die Störungen des Bewegungs-Apparates 

im Kindesalter.• . . . 121 

A. Kröger. Klimatologisches aus Pernau. 129 ' 

A. Pald rock. Sollen Leprakranke mit Salvarsan be¬ 
handelt werden?. 135 

Julius Grünberg. Zur Kasuistik der Salvarsanwir- 

kung bei malignen Tumoren. 141 

Li eck. Rhinosklerom und Salvarsan. 147 

Greiffenhagen. Zur operativen Behandlung deform 

geheilter Frakturen und Pseudarthrosen. 148 

Schawlow. Zur Bestimmung der Harnsäure im Blut 151 
v. Haff n er. Zur Therapie des Volvulus des Dickdarms .153 
v. zur Mühlen. Ueber Kropf in Estland*...... 156 j 

Hirsch. Die Psyche des Patienten. 161 

Schröppe. Die stillende Mutter. 165 | 

Hörschelmann. Chirurgische Erfahrungen aus der ! 

königsberger Universitätsklinik.• . . 169 

K r y 1 o w. Eine neue Ansicht über dieEntstehung des Pulsus i 

differens bei Stenose des linken venösenOstiums 170 | 

F i n c k. Die Anwendung der Harzlösung Cleol in der ! 

Orthopädie und Chirurgie .. 170' 

H o 1 b e c k. Ueber ungekreuzte (kollaterale) Lähmungen 179 
Grönberg. Der breite Bandwurm und die Magensaft¬ 
sekretion. . . . •. 148 

Ischreyt. Ueber Blendungsveränderungen durch Son¬ 
nenlicht . 106 1 

M. Hirschberg. Innere Ursachen bei Hautkrankeiten 193 

O. v. Dehn. Zur Kasuistik des Morbus Banti .... 196 

A, Jarotzky. Ueber die Notwendigkeit die Okulare 

des Mikroskops mit Fäden zu versehen. 197 

A. B e h r. Bericht über die ersten vier Jahre des Be¬ 
stehens der Livländischen Landes-Heil- und Pflege¬ 


anstalt für Geisteskranke in Stackein (1907 1910) 199 


Seite. 

V u 1 p i u s. Ueber die Entwickelung der Lähmungstherapie 207 
Hampeln. Ueber Arteriosklerose des Greisenalters . 209 

Kanngiesser. Ueber die Todesursache bei Alexander 

dem Grossen (Nachtrag). 215 

Schwarz. Die Gefährdungen und Schädigungen des 

Mannesalters durch den Beruf. 221 

Übterb e i ge r. Die Bedeuttmg der lymphatischen Kon¬ 
stitution für den Verlauf der Krankheiten .... 224 

Koppe. Luftbäder und Sonnenbäder. 230 

• Bertels. Ueber Parthenogenese beim Menschen als Ur¬ 
sache von Gesctiwulstbildung., . . 235 

v. Dehn. Vonj interbiitterenden Sanduhrmageii .’ . \. -h 237 

P. R os e fi ba c h. '= Ufiber die Internierung Geisteskranker 
'■ "t gegen ihren Wilfen v * .?*. . > . . 259 

B. 011 o W. Zur klinischen Symptomatologie des protra¬ 

hierten Chloroformtodes. 249 

E. Zimmermann. Medizinischer Jahresbericht aus dem 

evangelischen Sanatorium für Lungenkranke zu 

Pitkäjärvi. 1911. . 252 

J. G r ü n b e r g. Etwas über den heutigen Stand der 

Salvarsan frage ... • •.• . 255 

H e ck e r. Ein Scharlachfall mit seltener Komplikation . 263 
011 o w. Zur Kasuistik der funktionellen Amenorrhoe . 265 
Schneider, Zur.‘Behandlung der traumatischen Me¬ 
ningitis . 266 

Hermann. Eine Fastenkur. 267 

Weber. Organisationen der Filiale der russischen Tuber¬ 
kuloseliga . 267 

Bode. Die chirurgischen Krankeiten des Pankreas . . 277 

Zabel. Versuche mit Tuberkulinum purum (Endotin) 

bei Lungentuberkulose. 281 

Unterberger. Zur Frage der Paratyphus-Erkrankungen 283 

P. Klemm. Indikationen zur Operation beim Ulcus 

ventriculi 293 

. K. D e h i o. Der Alkohol und der menschliche Organismus 295 

C. Siebert. Vorschläge zur Bekämpfung des Alkohol¬ 

missbrauches .;. 300 

F, Kanngiesser. Zur Frage der Giftigk. einzeln. Beeren 301 

Hirsch. Alkohol und Nerven. 311 

Engelhardt. Die Alkoholfrage in individual- und sozial- 

■ hygienischer Beleuchtung. 316 

I London u. Wersilowa. Zur Lehre von der Re¬ 
sorption des Fettes und der Lipoide. 325 

| Pa oder, Zur Biologie der roten Blutkörperchen, über 

Blutstäubchen und Blutplättchen . . 327 

; Hinze. Zur Behandlung der akuten Gonorrhoe. Prolon¬ 
gierte Injektionen mit Silberpräparaten nach A. Neisser. 329 

I Holbeck. Salsomaggiore. 331 

Holbeck. Ueber die Indikationen zur primär-opera- 
I' tiven Behandlung der Schädelschüsse im Frieden 

und Kriege. 339 

D e h i o. Welche Naturanschaung ist die der heutigen Me¬ 
dizin gemässeste?. 340 

S t e n d e r. Neurologische Indikationen zum chirurgischen 

Eingriff am Gehirn. 353 

Beckmann. Zur Kasuistik und Therapie der chronischen 

Uterusinversion. 359 

Wulff. Ueber Pseudoleukämie. 361 


Sitzungsberichte: 

Deutsch, ärztl. Verein in Petersburg. 11, 60,74,143, 233, 244, 257. 
Dorpater medizinische Gesellschaft. 223, 333. 

Gesellschaft praktischer Aerzte zu Libau. 76, 95, 113, 258. 
Gesellschaft praktischer Aerzte zu Mitau. 144. 

Gesellschaft praktischer Aerzte zu Retfal. 28, 42,61, 75,131, 143 
Gesellschaft praktischei Aerzte zu Riga. 11, 27, 74, 94, 158 
175, 189, 204, 286, 321, 365. 

Verein St. Petersburger Aerzte. 10, 172, 203, 216, 231, 303, 364. 
Wissenschaftlicher Verein der Aerzte des Obuchow-Kranken- 
hauses. 281, 336. 

Livländische Abteilung des Petersburger Aerzte-Vereins zu ge¬ 
genseitiger Hilfe. XIII. Jahressitzung, 367. 

VII. Aerztetag der estländischen ärzlichen Gesellschaft zu Reval i 
245, 259, 270, 289, 307. 

XXII. Aerztetag der livländischen Aerztegesellschaft 344. 

III. Aerztetag der kurländischen Aerztegesellschaft 114. 

Bücherbesprechungen. Referate. Chronik. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





















































SACHREGISTER. 

Die mit * bezeichnten Zahlen beziehen sich auf Original-Artikel. 


A. 

Abdominaltyphus. Diagnose aus Tempe¬ 
ratur und Pols 89*. 

Alexander des Grossen Todesursache 215*. 
Alkohol 295*. 

Alkohol und Nerven 311*. 
Alkoholmissbrauch 300*. 

Amenorrhoe, funktionelle 265*. 

Ammenwahl und Arnmenbehandl. 9. 
Anhalonium Lewinii 17*. 

Anomale Kinder 113. 

Arteriosklerose im Greisenalter 209*. 
Augenheilkunde. Lehrbuch 9. 
Autoserotherapie bei Pleuritis 59. 
Augenoperationen. Verband 21*. 

B. 

Bakteriologie und Protozoenkunde, kli¬ 
nische 216. 

Bakterio-serologische Diagnostik. Taschen¬ 
buch 171. 

Bandwurm und Magensaftsekretion 184*. 
Banti Morbus 197*. 

Bauchverletzungen subkutane 2*. 
Bernhoff. Konstantin f. 60. 

Beruf. Gefährdungen durch den -- 221* 
Bewegungs-Apparat, Störungen 221*. 
Blendungsveränderungen durch Sonnen¬ 
licht 187*. 

Blutkörperchen, Blutstäubchen und Blut¬ 
plättchen 327*. ' 

Blutuntersuchung. Grundriss 29. 

c. 

Cancer ventriculi 231. 

Chirurgie. Lehrbuch 8. 

Chirurgische Erfahrungen 169*. 

Chirurgie Zahnärztliche 172. 

Güoroformtod 249*. 

Choletabazil len Verbreitung 10. 

Cholera. Diagnostik 9. 

Choleraepidemie 9. 

Cornelius Celsus 216 

D. 

Defekte im Organismus. Plastische Wieder¬ 
herstellung 93. 

Diabetesstudien 231. 

Diagnostik. Taschenbuch der medizinisch. 

klinischen — 8. 

Diphtheriebekämpfung 269. 
Durchsichtigmachen von Präparaten 41. 

E. 

Eisenpräparate moderne 70*. 
Entwickelungsalter von neurol. Standpunkt 
47*. 

Entwickelungsgeschichte des Menschen 42. 
Epilepsie. Neue Wege zur Heilung der — 
58. 

F. 

Faradische Hautreizung als bedingter Er¬ 
reger der Speicheldrüsenarbeit bei Hun¬ 
den 99*. 

Fastenkur 26T*- 


Finks Hautlack 24*. 

Frakturen und Pseudarthrosen-Behandlung 
148*. 

Furunkulose. 

G. 

Geburtshilfl. und gynaekolog. - Untersu¬ 
chung 26. 

Gehirnerkrankungen. Diagnose und Fehl¬ 
diagnose 26. 

Gelenkerkrankungen, statische 269. 
Gelenkrheumatismus, Gicht und Ichias 50*. 
Geschichte der Medizin 216. 
Gesichtsfeld-Schemata 72. 
Gesichtsfeldumrisse 269. 
Geschwulstbildung. Parthenogenese als Ur¬ 
sache 235*. 

Gicht 142. 

Glaukomfrage 244. 

Gonorrhoe 329*. 

Greisenalter 86*. 

Gynaekologenkongress. VI internation. 285, 
302. 

H. 

Haeinatologie, klinische 170. 

Harnsäure im Blut 151*. 

Harnsedimente. Diagnostische und pro¬ 
gnostische Bedeutung 171. 

Harzlösung (Cleol) 170*. 

Hautkrankheiten. Innere Ursachen 193*. 
Herzdiagnostik, funktionelle 5*. 
Hyperämiebehandlung. Lehrbuch 57. 


I Immunitätsforschung. 

! Immunodiagnostik undImmunotherapie332. 
| Influenza. Historische Biographie des Er¬ 
regers 143. 

| Innere Krankheiten. Diagnose und The- 
| rapie 268. 

| Innere Medizin, Handbuch 141. 

Innere Medizin. Theorie und Praxis 230. 
Internationale Vereinigung der medizini- 
Fachpresse 176. 

Internierung Geisteskranker 239. 

j. 

Jahrbuch der praktischen Medizin 270. 
Joddosen, grosse 59. 

K. 

Kinderheilkunde. Lehrbuch 93. 
Kinderheilkunde. Lehrbuch 268. 
Kinderheilkunde. Reden und Abhandlun¬ 
gen 243. 

Klimatologisches aus Pernau 126*. 

Koch, Robert. Gesammelte Werke 157. 
Kompressionsbehandlung der Lungentuber¬ 
kulose 58. 

Konditionelles Denken in der Medizin 56. 
Krebserkrankungen 21*. 

Krebsfrage 95. 

Kropf in Estland 156*. 

Kurzsichtigkeit 243. 

Kurzsichtigkeit, Behandlung 119* 


L. 

i Lähmungen, ungekreuzte 179*. 
j Lähmungstherapie 207*. 

! Laparatomie bei eitrigen Prozessen der in¬ 
neren Geschlechtsorgane des Weibes 79*. 
Lepra. Behandlung mit Salvarsan 135*. 
Leseproben 244. 

Lichtbehandlung bei Nerven- und Geistes¬ 
krankheiten 73. 

Luft- und Sonnenbäder 230*. 

Lupus 26 — 

i Lupus erythematodes. Behandlung 73. 

: Lupuskranke. Heilstätten für — 8. 

I Lymphatische Konstitution 224*. 

| • M. 

I Magenachylie. Therapie 59. 

I Magengeschwür. DiatetischeBehandlung59. 

; Magenkrankheiten 40. 

Magenkrankheiten, Diagnostik und Therapie 
57 . 

i Magenradiologie 92. 

Massage. Leitfaden 57. 

Massage, Technik 92. 

Meningitis 263*. 

Mikroorganismen. Handbuch der patho¬ 
genen — 333. 

Milzbrand. Klinik und Therapie 58. 
Mutter, die stillende 165*. 

j N. 

Narkose 33*. 

Naturanschaung und heutige Medizin 340*. 
Nekrologe: 

Tiling, Gustav 337. 

; Schönfeld, Max 261. 

Nervenkranheiten des Kindesalters 188. 
Neue deutsche Chirurgie 333. 

Neurologie, praktische 188. 

Neurologische Indikationen zur Gehirn¬ 
chirurgie 353. 

Neurorezidive nach Salvarsan 99*. 
Neuritische Lähmung. Behandlung mit Hy¬ 
perämie 60. 

Nierentuberkulose 231. 

! Nierentuberkulose. Diagnose und The¬ 
rapie 59. 

Nierentuberkulose. Spezifische Behandlung 
59. 

Nukleinstoffwechsel. Pathologie des — 
110 *. 

o. 

Oesophagomalacia 1*. 

Ohrenheilkunde 41. 

Operationskursus 333. 

Opsonine der Frauen- und Kuhmilch 231. 
Orthopaedische Operationslehre 209. 
Oxypathie 171. 

p. 

Pankreas, chirurgische Krankheiten 277 % 
Paracelsus 41. 

Paratyphus 283*. 

Pathogene Mikroorganismen. Handbuch 145. 
Pathologische Anatomie. Taschenbuch 142. 
Pathologische Physiologie 188. 
Physikalische Heilkunde 57. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Physiologische Methodik. Handbuch 142. 
Pitkijärvi, Jahresbericht 252*. 
Plazentarreste. Sollen gelöst werden? 73. 
Plattfuss und Klumpfuss 91*. 

Progressive Paralyse. Tuberkulinbehan- 
behandlung 63*. 

Prot, des deutschen ärztlichen Vereins 11, 
60, 74, 143, 233, 244, 257. 

Prot, der Dorpater med. Gesellschaft 322, 
333. 

Prot, der Gesellschaft pr. Aerzte zu Libau 
76, 95, 113, 250. 

Protokolle des VII. Aerztetages der est- 
ländischen ärztlichen Gesellschaft zu 
Reval 245, 259, 270, 289, 707. 
Protokolle des XXII Aerztetages der Ge¬ 
sellschaft livländ. Aerzte in Pernau 344. 
Prot, des III. Aerztetages der kurl. Aerzte- 
Gesellschaft 114. 

Prot, der Livl. Abt. des St. Petersburger 
Vereins zu gegens. Hilfe 367. 

Protokolle der Gesellschaft pr. Aerzte zu 
Mitau 144. 

Prot, des wissensch. Vereins der Aerzte 
des Obuchow-Krankenhauses 218, 330. 
Prot, des Vereins St. Petersburger Aerzte 

10, 172, 203, 216, 231, 303. 

Prot, der Gesellsch. prakt. Aerzte zu Reval 
42, 61, 75, 131, 143. 

Prot, der Gesellsch. prakt. Aerzte zu Riga 

11, 27, 74, 94, .158, 175, 187, 204, 286, 
321 

Pseudoleukämie 361. 

Psyche des Patienten 161*. 

Psychiatrie. Handbuch 112. 

Psychiatrie. Handbuch 320. 

Psychiatrie. Lehrbuch 320. 


Psychiatrische Vorträge 343. 
Psychopathische Konstitution 113. 
Pulsus-differens bei Stenose des linken 
venösen Ostiums 170. 

Pyelonephritis, operativer Eingriff 73. 

R. 

Rachitis. Atlas — 27. 

Resorption des Fettes und der Lipoide 
325*. 

Rhinosklerom und Salvarsan 147*. 
Röntgendiagnostik 158. 

Röntgenliteratur 172. 

Röntgenstrahlen. Behandlung 60. 
Röntgenuntersuchung des Herzens 27. 

s. 

Sachverständigen-Tätigkeit. Handbuch der 
ärztlichen — 112, 142. 

Salvarsan 255*. 

Salvarsaninfusioneh. Reaktionsescheinun¬ 
gen 72*. 

Salvarsan bei malignen Tumoren 141*. 
Salsomagiore 331*. 

Sanduhrmagen 237*. 

Schädelverletzung mit homolateraler Hemi- 
; plegie 20*. 

Schädelschüsse. Behandlung 339*. 
Scharlachfall 263*. 

Schönfeld t 261. Nekrolog. 
Schulgesundheitspflege 242. * 

1 Schutzpockenimpfung und Impfgesetz 93. 
| Sekretion innere. Störungen bei Pankreas- 
1 erkrankungen 73. 

Sprachheilkunde 188. 

Stackein. Bericht 199*, 223*. 


Stoffwechseluntersuchungen. Methodik 171. 
Syphilis. Behanlung mit Hektine 58. 

T. 

Tabakologia medicinalis 41. 

TSrapentique usuelle du praticien 246. 
Therapie. Handbuch 41, 172. 

Therapie innerer Krankheiten. Lehrbuch 
142. 

Tiling G. r 337 1 . 

Trachom 243. 

Tronc. coeliaque <333. 

Tuberkulinum purum (Endotin) 2S1*. 
Tuberkulose. Lehrbuch 27. 

u. 

Ulcus ventriculi 293*. 

Unfälle des Auges. Begutachtung 73. 
Unternährung 37*. 

Uterusinversion 359. 

v. 

Verein St. Petersburger Aerzte. Bericht 
für 1911. 306. 

Vererbungelehre. Die Bedeutung der — 
für die Augenheilkunde 72. 

Volvulus der Flexura sigmoidea. Radikale 
chirurgische Therapie 55*. 

Volvulus. Therapie 153*. 

w. 

Wasserversorgung St. Petersburg 3<8*. 
Wohnungsfürsorge in Deutschand 64*. 
Wundinfektion, puerperale 343. 

z. 

Zuschrift an die Redaktion 118. 
j Zystoskopie. Hanbuch 6. 


Anton 343. i 

Aschaffenburg 112, 320. i 
Axenfeld, Th. 9. | 

Baisch K. 26. j 

Bandelier & Röpke 27. i 
Beckmann 359. 

Behr A. 199*, 228*. * 

Behring, v. 269. ! 

Bertels A. 21*, 235*. 
Birkhäuser 244. 

Blessig, E. 56. 

Boas, J. 57. 

Bode 277*. 

Böhm, M. 57. 

Bresler, J. 41. 

Brock 338. 

BTülow 10. 

Bruns, v. 233. 

Brustein 73. i 

Casper, L. 9. 

Citron, J. 216. 332. 
Clairmont u. Handek 92. j 
Cohn, M. 73. 

Dehio 295*, 340*. | 

Dehn, O. v. 197*, 237. i 
Ditrich, P. 112, 142. 
Dobert, Th. 79*. 

Drigalski v. 242. 

Eliasberg 21*. 

Engelhardt, R. v. 86*, 
316\ / '' '“i 

Fackenheim 57. I 

Feer 268. 

Fischer 269. , 

Finck, J. 170*. 
Frankenhäuser, N. 57. 

Frey tag, G. 72. 

Gemmel 142. 

Gierke, E. 142. 


AUTORENREGISTER. 


Gocht, H. 172. I 

Greiffenhagen, W. 148*. ; 
Grödel, M. 158. 

Grönberg, J. 184*. 
Grünberg, J. 72*, 95, i 
141*, 255*. 

Gutzmann, H. 189. 
Häberlin 26. 

Haffner, H. v. 2*, 153*. 
Hamm 343. 

Hampeln, P. 209*. 
Hansemanii, D. v. 56. 1 

Hasslauer, W. 41. 

Hecker 263*. 

Hermann 37*, 267*. 
Heubier, O. 93, 243. 
Hinze 329*. 

Hirsch. H. 161*, 311% | 

Hirschberg, M. 193*. 1 

Hoerschelmann, E. 169*. j 
Holbeck, O. 179*, 331*, j 
333*. | 

Holst, ’W. v. 47*. I 

Holweg 59. I 

Idelson 261*. 

Ischreyt, G. 186*. j 

Jakimow, W. 9. i 

Jarotzki, A. 59, 197*. 
Jerofejewa, M. 99*. 
Joseph, E. 57. 

Jundell 231. ! 

Jungmann. A. 8. 
Kanngiesser, N. 215*, 
301*. i 

Karo 59. 

Kernen 50 . 1 

Kernig, W. 1%- i 

Kindborg 230. i 

Kirschner, M. 93. 1 


Klemm 293*. 

Kolle und Wassermann 
142, 333. 

Koppe 230*. 

Krause und Garrö 142. 
Krehl, L. 188. 

Kroeger, A. 129*. 
Krylow, N. 170*. 

Kubli 119*. 

Kühnemann, E. 171, 268. 
Kulescha, G. 9. 
Kusnetzki, D. 73. 
Lapinsky, M. 60. 

Leifert u. Müller 8. 
Levinsohn 243. 
Lewandowski, M. 188. 
Lieck, W. 147*. 

Lindstet 231. 

Loening, K- 27. 

London und Wersilowa 
325*. 

Lordkipanidse 59. 
Makewnin 55*. 

Mall, P. 42. 
Mestscherski, G. 73. 
Mey, E. 118. 
Meyer-Steineg 216. 

Mohr und Beuttenmüller 
171. 

Mohr und Stählin 141. 
Mühlen v. zur. 156*, 
286. 

Neden, M. zur 73. 
Nemenow 60. 
Neuburger, M. 216. 
Nieden 269. 

Obersteiner, H. 42. 
Orndscbiew, D. 89*. 
Ottow 249*. 265*. 


Paldrock, A. 135*. 
Pander 327*. 
Pappenheim, A. 27. 
Peiser, H. 73. 

Penzoldt und Stinzing 
41. 172. 

Peritz 188. 

Persch, R. 58. 

Peters, A. 72. 

Petrin 231. 

Philippson, L. 26. 

Pilcz, A. 63 f 320. 
Pollatschek u. Charmatz 
171. 

Pomortzew, W. 64*. 
Posner, C. 171. 

Preiser 269. 

Proksch, J. 41. 

Quiring 73. 

Rio-Branco 333. 

Robin 243. 

Rokitzki, W. 93. 
Rosenbach, P. 239*. 
Sabolotny, D. 9. 

Salzer, Nr. 26. 

Salzmann 269. 

Sarfels 121*. 

Schauta, P. 73. 
Schawlow 151*. 
Schmieden 333. 
Schneider 266*. 

Schnirer, M. T. 171. 
Scholz, L. 113. 
Schröppe, V. 165*. 
Schroeter, N. 70% 
Schütz, R. 110*\ 
Schwalbe 157, 270. 
Schwartz, E. 99* 221*. 
Schwarz, G. 27. 


Seitz, C. 93. 

Selenew, J. 58. 
Shukowsky 243. 

Siebert 300*. 

Slatogorow, G. 9. 
Sokalski 59. 

Spalteholz, W. 41. 
Spindler, W. 29*. 
Stanculeanu u. Mihail 
243. 

Stender. 353. 

Stepanow undBinstock9. 
Sticker, G. 143. 
Stillmark. H. 5*. 
Stöeltzmer, W. 171. 
Thilo, O. 91*. 

Tigerstedt, R. 142. 
Tiling, G. 33*. 
Tschigaew, N. 59. 
Tschurilow, A. 10. 

Türk, W. 171. 
Unterberger, S. 38*, 224*, 
283* 

Vulpius, O. 207*. 
Vulpius und Stoffel 249. 
Waeber, A. 17*. 
Wallstein und Wilms 8. 
Weber, N. 267*. 
Weichhardt 49. 

Werner, Nr. 20*. 
Wildbolz 231. 

Williger. N. 172. 
Wohlauer, N. 26. 

Wolf, G. 9. 

Zabel 281*. 

Zabludowski 92. 

Ziehen, Th. 113. 
Zinimermann 252*. 
Zingerle, H. 142. 


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Halbmonatsschrift. :::::::: Bezugspreis in Russland 6 rbl. :::::::: füR’s Ausland 14 mark jährlich 


Organ der deutschen medizinischen Gesellschaften in Russland. 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. KARL DEHIO in Jnrjew (Dorpat), Dr. PAUL KLEMM in Riga, Dr. F. HOLZINOER in St. Petersburg. 

1E1UTIIII: Dr. f. lilztaier, V. I., 2 mit Hr. 1t Ttltiln 491-41 % GESClKFTSSTCLLt: L Klinge, Ugliider Pnspekt Br. 28. Telepfcon 14-91. 

^ v v v v Sprechstunde täglich von 6—7. 99999 Sprechstunde täglich mit Ausnahme der Sonn- u. Feiertage von 12--1. 


JVs 1. 


St. Petersburg, den 1. (14.) Januar 1912. 


37. Jahrg. 


lieber einen Fall von Oesophagomalacia. 

Von Dr. W. Kernig, 

früher Chefarzt des Obuchow-Frauenhospitals. 

Die Lehre - von der Selbstverdauung, von der Er¬ 
weichung des Magens und der Speiseröhre, die in äl¬ 
terer Zeit vielfach besprochen worden ist, scheint gegen¬ 
wärtig fast der Vergessenheit anheimgegeben zu sein. 
Der folgende eigentümliche Vorfall im Hospital lehrt 
indessen, dass die Frage nach der Selbstverdauung 
durchaus nicht jeden klinischen Interesses entbehrt. 

Am 5. März dieses Jahres (1911) gegen l 1 /- Uhr Mittags wurde 
ich während des Umgangs im Hospital plötzlich und dringend in 
die Abteilung für septische Puerperalerkrankungen gerufen unter der 
Mitteilung, es liege möglicherweise eine im Hospital stattgehabte 
Vergiftung vor. Als ich wenige Minuten später mich am Kranken¬ 
bett befand, sah ich eine agonisierende Kranke vor mir, an deren 
Kinngegend von der Unterlippe abwärts bis zum e gentlichen Kinn 
sich ein ungefähr viereckiger hochroter Flecken von etwa 5—6 zm. 
Breite und 6—7 zm. Höhe befand. Der Flecken hatte vollständig 
das Aussehen wie wir es gegenwärtig leider nur allzuhäufig bei 
Vergiftungen mit Essig — eventuell mit Mineralsäuren zu sehen ge¬ 
wohnt sind. Er hatte in erster Linie Anlass zur Hypothese von 
einer stattgehabten Vergiftung gegeben. 

Von dein behandelnden Arzt Herrn Dr. A. M. M i c h e 1 s o n 
erfuhr ich Folgendes. Die 18-jährige Kranke war am 28. Februar 
eingetreten mit den Zeichen eines am Ende des 3. Monats stattge¬ 
habten Abortes. Vom 1. März ab fieberte sie und am Vortage, am 
4. März, waren die Zeichen eines im Becken sich bildenden Abszes¬ 
ses so deutlich, dass die Eröffnung desselben per vaginam für den 
Morgen des 5. März in Aussicht genommen war. An diesem Morgen 
fand Herr Dr. M i c h e 1 s o n indessen gegen seine Erwartung die 
Kranke in tiefstem, in Agonie übergehenden Kollaps vor, mit nicht 
mehr deutlich fühlbarem Puls und mit den Zeichen einer allgemeinen 
diffusen Peritonitis, wobei indessen auffallend war, dass der Unter¬ 
leib nicht aufgetrieben war. Der hinzugezogene Kollege Herr Dr. 
Alba nus konstatierte in der Lebergegend vollen tympanitischen 
Schall und dieser Umstand, der auf Perforation eines lufthalügen 
Organs (Magen) hinwies, gab zusammen mit dem Verätzungsfleck am 
Kinn die Veranlassung zu der Hypothese, dass eine Vergiftung statt¬ 
gefunden habe, die unmittelbar zur Perforation des Magens und da¬ 
mit zum Luftaustritt in die Unterleibshöhle und zur allgemeinen 
Peritonitis, abgesehen von dem Beckenexsudat, geführt habe. Zu¬ 
gleich erfuhr ich, dass während - er Nacht wiederholt Erbrechen 
stattgefunden habe, wobei zuletzt gegen Morgen nur etwas blutig 
gefärbter Schleim herausbefördert worden war. 

Obgleich die Kranke in voller Agonie dalag, konnte doch noch 
eine genaue Besichtigung der Innenfläche der Lippen, der ganzen 
Mundhöhle und des Rachens vorgenommen werden. Es ergab sich, 
dass nirgends auf der Schleimhaut auch nur die Spur einer An¬ 
ätzung vorlag, die Schleimhaut war überall vollstän¬ 
dig normal. Dieser Umstand liess mich auf der Stelle jeden 
Verdacht einer Vergiftung durch Einführung eines ätzenden Giftes 
per os ausschliessen, und den roten Flecken auf dem Kinn abwärts 
von der Lippe als das Resultat einer oberflächlichen Anätzung der 
Haut durch erbrochenen, auf der Haut liegen geliehenen 
Mageninhalt erklären. Das Vorhandensein einer Luftblase an der 
Stelle der Leber musste ich neben den übrigen.Zeichen einer allge¬ 


meinen Peritonitis ohne Weiteres zugeben, woher diese Luftblasen 
stammen, konnte ich im Augenblick nicht erklären. Der Unterleib 
war trotz äusserster allgemeiner Empfindlichkeit nicht aufgetrieben, 
doch gespannt. Während wir uns noch am Bett der Kranken be¬ 
fanden, verschied sie. 

Bei der Sektion, die 24 Stunden nach dem Tode vorgenommen 
wurde, erwies sich Folgendes. Zunächst war der rote Fleck ab- 
, wärts von der Unterlippe pergamentartig eingetrocknet und hatte 
eine gelbliche oder hellbräunliche Färbung angenommen. Bei vor- 
j sichtiger Eröffnung des Abdomen fand sich eine grosse Luftblase im 
| oberen Teil desselben angcsammelt. Ausserdem eine erhebliche 
I Menge eitrigen Exsudates in der Unterleibshöhle ohne diege- 
| ringste Beimischung von Magen- oder Darminhalt. 
Der Magen, dessen Mukosa chronisch katarrhalisch affiziert war, er¬ 
wies sich als heil und normal bis auf einen geringen nur einige mm 
breiten Streifen längs der Kardia, von dem aus sich die eigentüm¬ 
liche Erweichung der Wände des Oesophagus über dessen untere 
Hälfte nach aufwärts erstreckte. Den vom Magen bereits früher ab¬ 
getrennten Oesophagus in toto herauszunehmen, namentlich dessen 
unteres Ende, gelang nicht wegen einer eigentümlich matschen, 
zerreisslichen Beschaffenheit desselben. 

Diese vom Prosektor Dr. A. N. S s o k o 1 o f f als Oesophagoma- 
j lacie bezeichnete Beschaffenheit der Speiseröhre erstreckte sich haupt- 
i sächlich auf die hintere Fläche der unteren Hälfte derselben, dabei 
! erschienen die erweichten Partien schmutzig rot. Es war für Alle, 
die an der Sektion teilnahmen klar, dass die Oeffnung, durch welche 
die Luft aus dem Magen in die Ünterleibshöhle eingetreten war, 
in jenem schmalen Streifen schon erweichten Gewebes sich befunden 
• haben musste, der an der Kardia konstatiert wurde oder etwas höher, 
| doch jedenfalls subdiaphragmal 1 ). — Der übrige Sektionsbefund 
! lautet: Uterus post abortum. Endometritis acuta purulenta. Oopho- 

, ritis purulenta sinistra. Pneumoperitoneum. Peritonitis acuta puru¬ 
lenta et Pelveoperitonitis saccata. 

I Wir haben uns somit den Vorgang, der innerhalb der 
! letzten 24 Stunden sich an der Kranken abspielte, folgen- 
I dermassen zu denken. Infolge des Eintritts der allgemei- 
! nen Peritonitis, die vom Becken ihren Ausgang genom- 
j men hatte, und mit ihr in Zusammenhang, stand das 
I wiederholte Erbrechen in der Nacht vom 4. auf den 
5. März Nicht fortgewischter an der Unterlippe und am 
Kinn haftengebliebener Mageninhalt war die Ursache 
des beschriebenen roten Fleckes am Kinn. Infolge der 
grossen Schwäche der Kranken ist beim letzten Er¬ 
brechen nicht sämtlicher Mageninhalt aus dem Oeso¬ 
phagus fortgeschafft worden, ist hier liegen ge¬ 
blieben und hat die Selbstverdauung des unteren 
Oesophagusabschnittes bewirkt, ln den allerletzten Le¬ 
bensstunden oder noch kürzere Zeit vor dem Tode 
hat der Luftaustritt aus der Kardiagegend des Magens, 
resp. aus dem untersten Ende des Oesophagus in die 
Peritonealhöhle stattgefunden, so dass er noch während 
der Agonie der Kranken klinisch konstatiert werden 


x ) Beiläufig sei hier bemerkt, dass F. Krons (siehe unrer p. 25) 
den subdiaphragmal liegenden Teil des Oesophagus auf etwa 2 zm 
Länge schätzt. 


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1912. 


2. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. .\«j 1. 


konnte. — Dass der Mund und die Rachenhöhle keine 
Spuren des ätzenden Einflusses des Mageninhalts be¬ 
merken Hessen, ist daraus zu erklären, dass hier Magen¬ 
inhalt eben nicht liegen geblieben ist, was an der 
Haut der Kinngegend und im Oesophagus der Fall ge¬ 
wesen ist. — In dankenswerter Weise ergänzte Herr 
Dr. Th. Dobbert diese meine kleine Mitteilung indem 
deutschen ärztlichen Vereine am 14. März a. c. dahin, 
dass ihm diese rotgelben Flecken an der Kinngegend 
bei puerperaler Sepsis als vom Erbrechen herrührend, 
sehr wohl bekannt seien. 

Die Beschränkung der Erweichung auf den Oesopha¬ 
gus in diesem Falle ist nichts Auffallendes. Sowohl 
Eichhorst 1 ) wie F. Kraus 2 ) erwähnen ausdrück¬ 
lich, dass es Fälle von Oesophagomalacie ohne Gastro- 
malacie giebt. — Ganz evident ist in diesem Falle, dass 
bei dem Vorgang der Selbstverdauung das längere 
Liegenbleiben des ätzenden „scharfen“ Magen¬ 
inhalts, der nach F. Kraus wohl als genügend sauer j 
und pepsinhaltig zu betrachten ist, eine ausschlagge- j 
bende Rolle spielen muss. Hierin liegt auch die Erklä- I 
rung warum die Mund- und Rachenhöhle keine Spur 
von Aetzung aufwies im Gegensatz zu der Einführung 
eines ätzenden Giftes per os, ganz abgesehen zunächst 
von der Konzentration des Giftes. Beim Erbrechen 
passiert für gewöhnlich der Mageninhalt unter grosser 
Gewalt „blitzschnell“ in einer Sekunde oder vielleicht 
weniger den Rachen- und Mundraum, das Trinken 
nimmt dagegen mehr Zeit in Anspruch als das Erbrechen, 
erfolgt nicht mit derselben Geschwindigkeit und Kraft 
und bietet mehr Veranlassung zum Verweilen und Haf¬ 
tenbleiben der ätzenden Flüssigkeit im Munde und 
Rachen als das Erbrechen. 

Wie oben gesagt Hess mich der Umstand, dass die 
Mund- und Rachenhöhle absolut intakt gefunden wur¬ 
den, sofort den Verdacht einer Vergiftung mit einem 
ätzenden Gift ausschliessen. Es ist klar, dass ein 
ätzendes Gift von der Stärke, dass es in wenigen Stun¬ 
den allgemeine Peritonitis mit Luftaustritt in die Peri¬ 
tonealhöhle bewirkt haben sollte, unmöglich die Mund- 
und Rachenhöhle hätte intakt lassen können. Ueber- 
haupt muss ich sagen, dass ein so frühzeitiges Eintreten 
einer allgemeinen Peritonitis, wie es hier vorausgesetzt 
werden musste, mir nicht erinnerlich ist, obgleich ich 
im Laufe der Jahre und namentlich in den letzten 
Jahren, wo hier eine förmliche Selbstmordmanie herrscht, 
eine sehr grosse Zahl 3 ) von Vergiftungen gesehen habe. 
Eine allgemeine Peritonitis mit Luftaustritt habe ich 
bestimmt nicht gesehen. 

Schliesslich möchte ich noch darauf hinweisen, dass 
der hier referierte Fall offenbar in die Kategorie der 
sogenannten intramortalen Oesophagomalacie gehört. 
Der Ausdruck stammt von Zenker und von Ziemssen 4 ) 
und will besagen, dass es Fälle von Oesophagus — (und 
Magen-) Malacie gibt, die noch während der letzten 
Lebensstunden während der Agonie eingeleitet werden. 
Auch F. Kraus schliesst sich dieser Auffassung an 
und gebraucht diesen Ausdruck. Die rote Verfärbung 
der erweichten Partien des Oesophagus, sowie die blutige 


9 Handbuch der spez. Pathologie und Therapie, sechte Auflage. 
Band II p. 113. 

-') Nothnagels Handbuch Band XVI. 1. Teil, 1. Abteilung, 
zweite Hälfte, Erkrankungen der Speiseröhre p. 179. 

3 ) Die Zahl der im Jahre 1909 im Obuchow-Frauenhospital 
beobachteten Vergiftungen betnig 298, davon mit Mineralsäurcn 1, 
mit Essigsäure 208, mit Liq. ammon. caustici 40. Im Jahre 1910 
wurden 355 Vergiftungen beobachtet, davon mit Mineralsäure 11, 
mit Essigsäure 227, mit liq. ammon. caustici 48. konz. Essigsäure 
(70 pZt.) in Form der sog. Essigessenz ist jetzt das Modemittel für 
Selbstmorde. 

4 ) v. Ziemssen. Handbuch der speziellen Pathologie und 
Therapie. Band VII, erste Hälfte, Anhang Krankheiten des Oeso¬ 
phagus p. 98. (1877). 


Färbung des zuletzt erbrochenen Schleimes könnten in 
unserem Fall mit zur Begründung der Annahme, dass 
die Erweichung noch während des Lebens eingeleitet 
worden ist, geltend gemacht werden, (vergl. Kraus 
p. 180 und Zenker und v. Ziemssen p. 97). — 
Gradezu interessant ist aber, dass unser Fall einem 
Postulat entspricht das Zenker und v. Ziemssen 
aufstellen und das Kraus ebenfalls akzeptiert. Zen¬ 
ker und von Ziemssen schreiben (p. 101): „der end- 
giltige und unantastbare Beweis aber (dass in einem 
Teil der Fälle die Erweichung noch vor dem Tode be¬ 
ginnt), muss durch klinische Beobachtungen geliefert 
werden, denen es gewiss einmal gelingen wird den plötz¬ 
lichen Eintritt der Flüssigkeit oder von Luft in die 
Pleurahöhle während der Agonie durch die physikalische 
Untersuchung sicher zu konstatieren“. 

In unserem Fall ist, wie man sieht, noch während 
der Agonie die Luftansammlung festgestellt worden, 
allerdings nicht für die Brust, sondern für die Bauch¬ 
höhle. 

Die Grundlagen für die, wie es scheint, gegenwärtig 
herrschende Anschauung von der Gastro- und Oeso¬ 
phago— Malacie, dass in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle sie postmortalen, aber doch in gewissen Fällen 
intramortalen Ursprungs sind, finden sich in eingehen¬ 
der Weise erörtert für den Oesophagus in der oben zi¬ 
tierten Arbeit von Zenker und von Ziemssen, für 
den Magen in der Arbeit von v. Leube „Ueber Magen 
und Darmkrankheiten“ in der 2. Hälfte des VII. Bandes 
des von Z i e m s s e n sehen Handbuchs. (1876). 


Aus der I chirurgischen Abteilung des I Stadtkrankenhauses 
zu Riga. Chefarzt: Dr. med. A. von Bergmann. 

Diagnose und Therapie der subkutanen Bauch¬ 
verletzungen. 

Von Dr. H. von Haffner (Sekundärarzt.) 

Trendelenburg hat 1899 folgenden Satz aufgestellt: 
„Die traumatische Milzruptur gehört zu den Verletzungen, 
deren klinisches Bild nicht nur dem Chirurgen, sondern 
auch dem praktischen Arzt immer gegenwärtig sein soll, 
damit er nicht durch untätiges Abwarten dem Kranken 
die einzige Chance der Rettung nimmt.“ 

Eine Verallgemeinerung dieses Gedankens und Aus¬ 
dehnung desselben auf sämtliche Arten subkutaner 
Verletzung intraabdominaler Organe diene als Einleitung 
und Motivierung meines Vortrages. 

Der Chirurg ist in seinen Erfolgen, wie bei jeder 
akuten chirurgischen Erkrankung, so besonders bei Trau¬ 
men, nicht nur von der exakten Ausführung der jeweilig 
üblichen Technik, der gewissenhaften Nachbehandlung etc. 
etc. abhängig, sondern ausschlaggebend für den Erfolg 
ist die rechtzeitig gestellte Diagnose, der möglichst bal¬ 
dige Transport des Patienten in eine chirurgische Station, 
welches beides Aufgaben sind, die in praxi zumeist dem 
praktischen Arzt zu lösen obliegen. 

An einem Material von 71 Fällen von subkutaner Bauch¬ 
verletzung, wie es sich im Laufe der letzen 10 Jahre in 
der I chir. Abteilung des I Stadtkrankenhauses zu Riga 
angesammelt hat, lassen sich alle diejenigen Symptome 
bewerten, deren Summe eine leichte oder schwere Schä¬ 
digung der Bauchorgane charakterisiert, lassen sich die¬ 
jenigen Wege zeigen, auf denen am ehesten ein Bauch- 
kontusionierter geheilt werden kann. 

Das Material stellt sich aus folgenden, in Tabelle 
notierten, Fällen zusammen: 


:i: ) Vorgetragen auf dem 22. livl. Aerztetage zu Pemait. 


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1912. 


3. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N 2 1. 


Tabelle I. 


Art der Verletzungen. 

Zahl der i 
Fälle, j 

Geheilt. 

Gestorben. 

A. Leichte Kontusionen.■ 

7 ! 

7 I 


B. Quetschungen. 

18 

18 

1 _ 

C. Ruptur der Bauchdecken . . . 

1 

1 

1 - 

D. Primärer Meteorismus 

! 2 

2 

; 

E. Darmruptur. 1 




1. nicht operiert. ! 

! 10 


, 10 

2. operiert.| 

1 22 

10 

i 12 

F. Leberruptur.; 


j 

i 

1. nicht operiert.! 

1 


* 

2. operiert. 

' 4 

4 


G. Milzruptur. 




1. nicht operiert. 

2. operiert. 

1 

1 

‘ 1 

1 


H. Schädigungen infolge Hebens j 

schwerer Lasten.! J l 

1. nicht operiert. 

: 3 

3 

1 

2. operiert. 

: 1 

l 

1 

| 1 

Summa: . . 

: 71 

48 

1 23 


Sind die Hohlorgane des Individuum, welches die 
Kontusion erleidet, leer oder fast leer, sind die Bauch¬ 
decken von normaler Beschaffenheit, ist die Kraft des 
Stosses eine geringe, so werden die Bauchdecken an der 
Stelle, wo sie betroffen wurden, nachgeben und nach 
Aufhören des plötzlichen Druckes wieder die normale 
Lage einnehmen, es sei denn, dass eine Abschürfung 
der Haut oder ein Hämatom zwischen diesen oder jenen 
Schichten der Bauchwand zu Stande gekommen ist. Ist 
die Füllung der Hohlorgane eine bedeutendere gewesen, 
und die Kraft des Stosses eine stärkere, so kann ent¬ 
weder die Bauchwand incl. oder excl. Peritoneum reissen, 
wenn der Darm die Möglichkeit zum Ausweichen hat, 
oder die Bauchwand bleibt intakt und die Wand des 
Magens oder Darmes wird in einer oder zwei Schichten 
geschädigt, ohne dass es zur Perforation kommt; ist die 
Gegend eines parenchymatösen Organes getroffen, so 
kommt es zu mehr oder weniger ernster Schädigung des¬ 
selben. Wenn alle die oben erwähnten Vorbedingungen 
in jeder Beziehung ungünstige sind, so wird am Darm 
oder Magen eine Ruptur mit mehr oder weniger reich¬ 
lichem Austritt von Inhalt, an den parenchymatösen Orga¬ 
nen eine Zerreissung oder Zertrümmerung mit schwächerer 
oder stärkerer intraabdominaler Blutung die Folge der 
Kontusion sein. 

Dieses gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen 
Trauma und Zustand des Organismus während des Trau¬ 
mas einerseits, und zwischen Folgen des Traumas ande¬ 
rerseits, entspricht nur ganz im Allgemeinen den beob¬ 
achteten Tatsachen, und es sei hier ausdrücklich darauf 
hingewiesen, dass aus der Art oder Kraft des Traumas 
und dem Grad der Füllung der Organe allein niemals 
ein Schluss auf die Schwere der Verletzung gezogen 
werden darf. Versuche hier experimentell Aufklärung zu 
schaffen haben auch keine Handhaben von Bedeutung 
geliefert, und zudem wird es ja meist kaum möglich sein 
sich den Vorgang der Verletzung in allen Details zu 
rekonstruieren. 

Wenn uns ein Fall von Kontusion des Abdomens 
zur Beurteilung vorgelegt wird, so genügt im Allgemei¬ 
nen zur Anamnese, dass Patient einen Schlag auf den Bauch 
bekommen hat oder, dass er mit dem Bauch auf einen 
harten Gegenstand aufgefallen ist, — das Weitere, was 
mit dem Patienten zu geschehen habe, werden wir vollstän¬ 
dig von den allgemeinen und lokalen Symptomen in Ab¬ 
hängigkeit stellen. 

Bei allen Kontusionen und besonders bei denen des 
Unterleibs treten Shockerscheinungen auf, deren 


Intensität und Dauer wechselnd sind und die in keinem 
Verhältnisse zu der Schwere der Verletzungen stehen. 
Bei leichten Quetschungen, von denen Patient sich in eini¬ 
gen Tagen vollkommen erholt, kann schwerster Shock 
bestehen, bei Darmruptur kann Patient, wie Petri einen 
Fall anführt, noch im Stande sein zwei Meilen weit zu 
reiten. Am besten wird man wohl tun, wenn, man 
' Angerers Rat befolgt: „bei Shockerscheinungen, die 
I mehrere Stunden nach dem Unfall in gleicher Intensität 
anhalten oder sich sogar steigern, nicht mehr an reinen 
Shock zu glauben“, sondern auf Läsion innerer Organe 
zu schliessen. 

Die weiteren allgemeinen Symptome: Schmerz, 

I Temperatur, Puls, Atmung, Erbrechen ha- 

! ben in diesem oder jenem Falle etwas Besonderes an 

j sich, jedoch sind sie, ebenso wie der Shok, im Allge- 

■ meinen zur Frühdiagnose nicht zu verwerten. 

Es entspräche nicht dem Wesen eines Vortrages, 
wenn ich einen detaillierten Bericht über die 71 Fälle 
I erstatten würde, (dieses soll anderen Orts geschehen), ich 
j will nur dasjenige aus dem Material herausgreifen, was 
von wesentlicher Bedeutung ist, was diejenigen Bilder zu 
I fixieren geeignet ist, deren Kenntnis die Entscheidung 
|i in schweren Fällen von Bauchkontusionen erleichtert. 

; Die beiden ersten Gruppen: A. leichte Kontu¬ 
sionen (7 Fälle) und B. Quetschungen (18 Fälle) 
will ich deshalb nur flüchtig streifen. Es handelt sich 
hier um auf mancherlei Weise zustandegekommene Kon¬ 
tusionen, wo anfänglich leichter oder auch schwerer 
Shock vorlag, wo Erbrechen, Druckschmerz des Abdo¬ 
mens, Spannung der Bauchdecken, geringe Temperatur- 
und Pulsschwankungen zu konstatieren waren, alles 
Symptome, die nach längerer oder kürzerer Zeit in mil¬ 
derer Form zur Erscheinung kamen und endlich ganz 
schwanden. Es sind denn auch alle diese 25 Patienten nach 
durchschnittlich 12 Tagen als geheilt entlassen worden. 

Ich lenke hier die Aufmerksamkeit auf eine Erschei¬ 
nung, die mir mehrfach die Diagnosenstellung erleichtert 
hat und die ich sonst in der Literatur nicht angetroffen 
habe. Es ist dieses die auffallende Besserung des All¬ 
gemeinzustandes und die geringere Intensität der lokalen 
Symptome, nachdem Patient ein warmes Bad bekommen 
hat. Waren die Symptome einige Zeit nach dem Bade 
gleich schwere, wie vor demselben, so habe ich, voraus¬ 
gesetzt, dass vor dem Bade eine Operation indiziert 
schien, stets operiert, ohne jemals unnütz eingegriffen 
zu haben. 

Eine genauere Erörterung erfordert die isolierte 
Ruptur der Bauchdecken, da sie in ihrer Beur¬ 
teilung besondere Schwierigkeiten in den Weg legt. Sie 
entsteht wohl meist dadurch, dass ein unregelmässig 
oder spitz geformter Gegenstand auf die straff gespannten 
Bauchdecken auffällt und die Muskulatur ohne Läsion 
der elastischen Haut durchschneidet. Wirkt nun die 
betreffende Gewalt nach Durchtrennung der Muskulatur 
weiter, so können die Organe der Bauchhöhle gleichfalls 
geschädigt werden, hört die Gewalt nach Läsion der 
Bauchwand auf zu wirken, so bleibt es eben bei isolierter 
Ruptur der Muskeln. Es ist natürlich von grösster 
Wichtigkeit sich möglichst bald darüber klar zu werden, 
wie tief die Gewalt gewirkt hat, was noch dann beson¬ 
ders erschwert ist, wenn, wie in unserem Fall, ausser 
Ruptur der Bauchwand eine Rippenfraktur vorliegt, die 
an sich eine Spannung der Bauchdecken zur Folge hat. 
Da diese Fragen bereits ins Gebiet der Darmrupturen 
hineingehören, sei hier von ihnen weiter nicht die Rede; 
nur noch einige Worte über die Therapie. Meint man 
ganz sicher zu sein, dass es sich faktisch nur um eine 
Läsion der Bauchmuskeln handelt, so genügt die Ruhig¬ 
stellung zur Heilung. Allerdings muss zugegeben wer¬ 
den, dass, da die Muskulatur an der Stelle der Verletzung 
nur bindegewebig heilt, hier ein locus minoris resisten- 
tiae bleibt, der zur Ventralhernie führen kann, was jedoch 


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4 . 


1912 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 1. 


immer noch durch eine spätere Operation weggeschafft 
werden kann. Zu einer sofortigen Operation ist jeden¬ 
falls bei der meist vorhandenen Abschürfung der Haut 
und dem Hämatom nicht zu raten. 

Ganz anders liegen die Dinge natürlich dann, wenn 
das Peritoneum mit zerrissen ist, und sich der vorge¬ 
fallene Darm zwischen den beiden Rissflächen der Mus¬ 
kulatur und unter der Haut befindet, ln diesen Fällen 
soll aus leicht verständlichen Gründen sofort operativ 
eingegriffen werden, ohne jedoch vorher den prolabierten 
Darm in die Bauchhöhle reponiert zu haben, da man 
namentlich anfänglich eine absolute Gewissheit über den 
Zustand des Darmes doch nicht hat. 

Das auffallendste Symptom der Kontusionen der 4. I 
Gruppe ist der primäre Meteorismus. 1907 hat I 
Heineke aus der Leipziger Klinik über 5 Fälle be¬ 
richtet, wo es durchschnittlich 1 bis 2 Stunden nach dem 
Trauma zu beträchtlichem Meteorismus kann. Heineke 
meint, dass diese frühzeitige Auftreibung des Leibes 
wahrscheinlich auf eine Schädigung der retroperitonealen 
Nervenplexus zurückzuführen sei, und dass sie bei Ma- 
gen-Darmrupturen und inneren Blutungen so gut wie 
niemals vorzukommen scheine, weil die bei solchen Ver¬ 
letzungen fast immer vorhandene Spannung der Bauch¬ 
decken die Ausbildung des Meteorismus verhindert. Die 
beiden hierher gehörigen Fälle aus unserem Material 
lassen sich ungezwungen den Fällen von Heineke 
anreihen. Bei beiden trat bald nach dem Trauma be¬ 
deutender Meteorismus auf, der mehrere Tage anhielt 
und dann allmählich schwand, ohne dass bei der Ent¬ 
lassung der Patienten an ihnen nachteilige Folgen des Trau¬ 
mas nachgewiesen werden konnten. Ich wäre geneigt 
primären Meteorismus als Kontraindikation zur Operation 
aufzufassen, wenn nicht Bucci 1910 an 3 Fällen die 
Unzuverlässigkeit dieses Symptoms nachgewiesen hätte. 
Bucci schliesst seine Ausführungen über das Heineke- 
sche Symptom, resp. Heineke-Lejars’sche Syndrom 
(d. h. primärer Meteorismus und guter Puls) damit, dass 
es bei Bauchkontusionen nicht immer ein gutes Zeichen 
ist, dass es über Eingeweideverletzungen hinwegtäuschen 
kann, und dass deshalb bei Verdacht auf innnere Ver¬ 
letzung dieses Syndrom kein Grund sein darf, die Ope¬ 
ration zu verschieben. 

Ich habe im Laufe meiner Ausführungen mehrfach 
darauf hingewiesen, einen wie geringen Wert sowohl die 
allgemeinen, wie auch die lokalen Symptome zur Deutung j 
eines Falles von Bauchkontusion haben, hier, wo ich 
zum Kapitel der Darmrupturen übergehe, habe ich 
deshalb keine Veranlassung nochmals die Aufmerksam¬ 
keit darauf zu lenken. Es gibt nur ein Symptom, das 
einen über alle Zweifel erhebt, nur ein einziges, das fast 
immer auf den rechten Weg führt, und dieses ist das 
Trendelenburgsche Symptom — die brettharte 
Spannung der Bauchdecken. Sie braucht sich nicht 
über das ganze Abdomen zu erstrecken, häufig ist sie 
auf die Stelle lokalisiert, die betroffen wurde, sie paart 
sich mit dem Druckschmerz der Bauchdecken, und 
schwindet erst, wenn allgemeine Peritonitis den Darm 
paretisch gemacht hat und sekundärer Meteorismus 
aufgetreten ist. 

Hier noch einiges über die Leberdämpfung,de¬ 
ren Breite oder Schwinden früher eine grosse Bedeutung 
zugemessen wurde, aus deren Vorhandensein häufig ge¬ 
folgert wurde, dass eine Darmruptur nicht vorliegt. Diese 
Folgerung ist, wie Angerer auf dem 29. Deutschen 
Chirurgenkongress 1900 betonte, absolut falsch: „Das 
Bestehenbleiben der Leberdämpfung spricht durchaus 
nicht gegen eine Darmruptur.“ Erstmals kann, wenn j 
der Darm im Momente der Verletzung leer war, die aus¬ 
getretene Gasmenge eine sehr geringe sein und wird 
sich in diesem Falle nur als eine den obersten Punkt 
der Bauchhöhle einnehmende Gasblase äussern, die sich 
an ihrem hochtympanitischen, ja selbst metallischen 


Schalle und ihrem Lagewechsel bei Umlagern des Pa¬ 
tienten erkennen lässt. Dann kann eine Ruptur des Darmes 
extraperitoneal stattgefunden haben, und es ist überhaupt 
kein Gas in die Bauchhöhle ausgetreten, und drittens 
kann eine Verklebung der verletzten Darmstelle mit Pe¬ 
ritoneum oder Netz so. schnell stattgefunden haben, dass 
die ausgetretene Gasmenge lange nicht genügt die Ver¬ 
hältnisse der Leberdämpfung irgendwie zu ändern. 

Wenn man also das Vorhandensein des Trendelen- 
burgschen Symptoms als genügenden Grund zur Lapa¬ 
rotomie ansieht, was durchaus zu geschehen hat, so 
wird es dieses oder jenes Mal, jedoch nur als Ausnahme, 
Vorkommen, dass man nach Eröffnung der Bauchhöhle 
die Organe derselben als intakt antrifft. Es ist aber 
einleuchtend, dass es besser ist ein Mal unnütz, als zehn 
I Mal zu spät operiert zu haben. Der ganze Schwerpunkt 
der Therapie der Darmrupturen liegt ja darin, dass man 
operiert, bevor man den absoluten Beweis des Bestehens 
einer solchen hat. Wartet man ab, bis durch Auftreten 
aller bekannten Symptome das hoffnungslose Bild der 
Perforationsperitonitis erscheint, dann ist es zum Eingriff 
fast immer zu spät, dann hilft dem Patient die ganze 
moderne Chirurgie garnichts. 

Allgemeine Regeln, ob in diesem oder jenem Falle ope¬ 
riert werden soll, lassen sich trotz allem nicht aufstellen, das 
ist, wie Hildebrand bemerkt, „eine Sache der Er¬ 
fahrung, des Talentes, das lässt sich nicht mit Worten 
als Regel fixieren“. 

Es fragt sich hier, ob es nicht möglich ist, dass Darm¬ 
rupturen spontan zur Heilung kommen. Es ist möglich 
und zwar, wie einige statistische Zusammenstellungen 
zeigen, in durchschnittlich 2,5°<> der Fälle. Aber es muss 
hier doch berücksichtigt werden, dass zum Zustande¬ 
kommen einer spontanen Heilung eine Reihe besonders 
günstiger Momente erforderlich ist, die sich in praxi nur 
extrem selten alle zusammenfinden, und dass zweitens 
diejenige Fälle, die zunächst mit dem Leben davon¬ 
kommen, „noch mancherlei Gefahren unterworfen sind, 
welche weiterhin das Leben beschwerlich machen und 
bedrohen“. L e x e r sagt, „es sind dieses seltene Glücks¬ 
fälle der konservativen Behandlung, welche niemals be¬ 
rechnet, noch weniger durch unser Zutun erzielt wer¬ 
den können“. 

Von den 32 Fällen von Darmruptur unseres Materials 
sind 10 nicht operiert worden, teils weil ein Eingriff 
abgelehnt wurde, teils weil der Zustand der Patienten 
ein derartiger war, dass eine eventuelle Operation den 
Exitus nur beschleunigt hätte. Alle 10 Patienten sind 
gestorben. 

Von den 22 operierten Fällen sind 10 geheilt, 12 
gestorben, was, wie aus untenstehender Tabelle II zu 
ersehen ist, ein bei der Schwere der Verletzung und auch 
vergleichweise durchaus günstiges Resultat ist. 

Tabelle II. 



! Zahl der 

Mortalität 


operierten! 

in 


■ Fälle 

Proz. 

Hagen-Nürnberg. 

. . . ;; 17 ~ ! 

94,1 

Wilms-Heidelberg. 

.... 8 I 

87,5 

Brentano-Berlin. 

. . . . ü 16 1 

81,2 

Schwarz-Essen-Ruhr. 

.... - 12 

75,0 

Hertle-Graz. 

.... 78 i 

66,6 

Wölfler-Prag. 

.... i 13 

61,5 

Hildebrand-Berlin . 

12 

58,3 

v. Khautz-Wien. 

. . . . ! 7 

57,1 

Hagemeister-Berlin. 

.... 9 ' 

55,5 

v. Bergmann-Riga. 

. 22 

54,5 


Was nun die Operation selbst anbetrifft, so ist 
es geraten vor derselben den Magen zu sptihlen, aus 


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1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. vNb 1. 


dem sich meist reichlicher, häufig übelriechender Rück¬ 
stand ergiesst, und die Harnblase mit einem Katheter 
zu entleeren, um während der Operation möglichst viel f 
freien Raum zu haben. Zur Anaesthesie empfehle ich 
dringend die lumbale, sie genügt zum ungestörten Ope¬ 
rieren vollkommen und schützt den Patienten doch eher i 
vor postoperativen Lungenkomplikationen, als es die j 
Inhalationsnarkose im Stande ist. i 

Der Schnitt wird in der Mittellinie geführt, braucht j 
jedoch keineswegs vom Schwertfortsatz bis zur Symphyse 
zu reichen. Man wird meist vor der Operation sagen j 
können, ob sich die verletzte Darmstelle in der oberen ! 
oder unteren Hälfte des Abdomens befindet, und danach ! 
den Schnitt dann höher oder tiefer anlegen. Dieses hat I 
insofern Bedeutung, als es nicht selten mehrere Tage nach 
der Operation zum Platzen der Bauchdeckenwunde kommt, j 
Die Verhältnisse sind dann natürlich günstiger, wenn ; 
der Defekt in der Bauchwand ein kleinerer ist. In jedem 
Falle muss der Schnitt aber ausreichend sein, um eine 
genügende Uebersicht über das innere des Bauches zu 
haben. Austritt von mehr oder weniger Gas und miss- 
farbiger, trüber, häufig nach Darminhalt riechender, in 
späteren Stunden mit Fibrinflocken untermischter Flüssig¬ 
keit zeigen einem dann an, dass der Eingriff gerecht¬ 
fertigt ist. Bald gelingt es die verletzte Stelle des Dar¬ 
mes aufzufinden, sie wird vorläufig in eine feuchte Korn- j 
presse eingehüjlt, worauf der ganze Darm allmählich 
vorgezogen und auf seine Unversertheit hin untersucht 
wird. Es gehört gamicht zu den Seltenheiten, dass der 
Darm an zwei und mehr Stellen verletzt ist, die häufig 

weit von einander liegen, und erst nachdem der ganze 

Umfang der Verletzung erkannt ist, lässt sich entschei- 
- den, was weiter geschehen soll, ob eine Uebernähung j 
der Löcher genügt, oder eine Resektion mehr Sicherheit ! 

bietet. Dann, wenn das Lumen des Darmes auf diese 1 

oder jene Weise geschlossen ist, soll man spühlen und 
zwar so, wie es diejenigen, die die Spühlung der Bauch¬ 
höhle aufgebracht haben, es verlangen, d. h. so lange, 1 
bis die Kochsalzlösung vollständig klar abfliesst. Es j 
sind hierzu meist 40 bis 50 Liter nötig, die, weil scho¬ 
nender, in gleich starkem Strahl und ohne Unterbrechung 
mit einer Temperatur von ca 40° C einfliessen sollen. 

Ich habe den Eindruck, dass unsere Heilerfolge der letz- | 
ten Zeit im Wesentlichen dem zuzuschreiben sind, dass , 
wir im Stande waren die Spühlung so, wie oben er¬ 
wähnt, auszuführen. Die Bauchdeckenwunde wird hier- i 
auf vernäht bis auf einen Glasdrain, der ins kleine Becken j 
führt. Ich habe es ein Mal versucht die Bauchdecken , 
ganz zu schliessen, der Patient starb an Peritonitis. Die 
Menge der schädlichen Stoffe ist in der wasserklaren, 1 
in der Bauchhöhle zurückbleibenden Flüssigkeit wahr¬ 
scheinlich eine noch so grosse, dass ihr Abfluss geschafft 
werden muss. Sind nun auf diese Weise die momentan 
drohenden Gefahren abgewandt, und ist der Patient jetzt 
in einen Zustand versetzt, der eine Heilung möglich er¬ 
scheinen lässt, so ist er damit noch lange nicht gerettet, j 
Erst eine gewissenhafte und sehr aufmerksame Nach¬ 
behandlung führt einen Teil der Patienten, und zwar 
den kleineren, zur endgültigen Heilung. 

An den Darmrupturen habe ich gezeigt, wie schwie¬ 
rig sowohl die Diagnose als auch eine erfolgreiche The¬ 
rapie der schweren Bauchkontusionen sind. Die subku- . 
tanen Verletzungen der Leber und der Milz mit den sie 
stets begleitenden inneren Blutungen verdienen dasselbe i 
Interesse, wie diejenigen des Darmes, da jedoch die 
Besprechung eines jeden dieser Kapitel zum mindestens 1 
dieselbe Zeit beanspruchen würde, wie die Darmrup- | 
turen, so unterlasse ich es hier. 

Zum Schluss noch einige Bemerkungen über den 
endgültigen Ausgang der Bauchkontusionen. Noack: 
„Wenn ein Patient nach einer Bauchkontusion entlassen 
wird, bei der während des klinischen Aufenthalts keine 
Läsionen objektiv nachgewiesen werden konnten, so 


5. 


kann ein solcher Patient nicht ohne weiteres als geheilt 
bezeichnet werden, wenn auch zur Entlassung er schein¬ 
bar völlig gesund ist. Es bleibt immer daran zu denken, 
dass durch kleine Blutextravasate aus dem Peritoneum 
parietale oder viszerale, späterhin Adhaesionen, Strang¬ 
bildungen, ja sogar Achsendrehungen entstehen können, 
die die mannigfaltigen bekannten Erscheinungen zur 
Folge haben können“. 

Umso ernster sind die Heilerfolge der Patienten zu 
beurteilen, die einer schweren inneren Verletzung wegen 
einer Laparotomie unterzogen wurden. Es kommen hier 
zu den eben erwähnten möglichen Folgeerscheinungen 
noch eventuelle Darmfisteln und sekundäre Hernien hinzu, 
deren Beseitigung häufig schwierig ist und nicht immer 
gelingt. 

Einige Methoden der funktionellen Herzdia¬ 
gnostik *). 

Von Dr. med. Hermann Still mark in Pernau. 

Eine der allerwichtigsten Fragen aus dem Gebiete 
der Herzkrankheiten ist natürlich die nach der Leistungs¬ 
fähigkeit des Herzens in normalem und krankem Zu¬ 
stande. Dieser Bedeutung entsprechend ist denn nun, 
wie bekannt, eine sehr grosse Zahl von Arbeiten in 
letzter Zeit erschienen, die dieses Thema nach allen 
Seiten hin beleuchten. Mit Befriedigung können wir 
konstatieren, dass diese Bemühungen nicht ohne nen¬ 
nenswerte Erfolge geblieben sind. Immerhin aber kann 
man die Arbeiten auf diesem Gebiete noch lange nicht 
für abgeschlossen halten. Dabei sind verschiedene der 
Methoden der funktionellen Herzdiagnostik schwer von 
dem praktischen Arzte anwendbar, der nicht die Mög¬ 
lichkeit hat, sich ein kompliziertes, kostspieliges Instru¬ 
mentarium und mit teuren Apparaten ausgestattetes La¬ 
boratorium anzuschaffen, 

Andrerseits muss aber die Beurteilung der Herzkraft 
jedes Arztes Sache sein, welcher Spezialität er auch 
angehören möge. Die Vertreter der Chirurgie in allen 
ihren Unterabteilungen, die der inneren Medizin, der 
Gynäkologie und Ophtalmologi? u. s. w. — alle sind 
gleichermassen an der Entwickelung der funktionellen 
Herzdiagnostik interessiert, alle sind berechtigt, eine 
Verbesserung und Vereinfachung der in Frage kom¬ 
menden Methoden zu wünschen. 

Dass —- trotz der reichen Zahl der einschlägigen 
Arbeiten — ein solches Bedürfnis immer noch vorliegt, 
geht u. A. auch z. B. aus dem Umstande hervor, dass 
das diesjährige Thema zur A1 v a r e n g a - Preisaufgabe 
(von der Hufelandischen Gesellschaft gestellt), lautet: 
„Funktionelle Herzdiagnostik in ihrer Anwendung auf 
die ärztliche Praxis“. Die Betonung der ärztlichen 
Praxis gerade ist es, die dieser Arbeit eine besondere 
Bedeutung verleihen wird. Somit können wir mit Span¬ 
nung ihrem Erscheinen entgegen sehen. 

Der Zweck meiner heutigen Besprechung ist, die¬ 
jenigen Methoden wieder in Erinnerung zu bringen, 
die uns bei der funktionellen Herzdiagnostik am Kran¬ 
kenbette zu Gebote stehen. 

Nach Feststellung der anamnestischen Daten, die 
übrigens gerade bei den Herzkrankheiten von besonders 
grossem Werte sind, ist gemäss uralter ärztlicher Ge¬ 
pflogenheit beinahe das Erste, worauf wir unsere Auf¬ 
merksamkeit richten, der Puls unserer Kranken. Fast 
mechanisch und unwillkürlich greifen wir nach der 
Hand des Patienten, um aus dem Pulse unsere Schlüsse 
über sein Befinden zu ziehen. Diese durch ihr hohes 
Alter schon geheiligte Gewohnheit hat aber, wie wir 


*) Mitgeteilt auf dem XXII. livländisclien Aerztetage in Pernau 1911. 


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6 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSs 1. 


1912. 


wissen, eine Bedeutung, die über das bloss historisch 
Interessante hinweggeht, ja die durch die neueren Ar¬ 
beiten immer bestimmter ihre Berechtigung erweist. 

Unter letzteren sei besonders die Schrift Janowskis l ) 
hervorgehoben. Diese Arbeit, die auf einer eminenten 
Kenntnis der einschlägigen Literatur und umfassenden 
langjährigen Untersuchungen des Verfassers beruht, gibt 
uns in klarer und übersichtlicher Weise ein Bild über 
die Fortschritte der Pulsuntersuchung in Rücksicht auf 
die funktionelle Herzdiagnostik, während die anderen 
Methoden der Leistungsprüfung des Herzens nicht mit 
derselben Ausführlichkeit behandelt worden sind. 

Die seit den ältesten Zeiten geübte digitale Pulsunter¬ 
suchung gibt uns bekanntlich eine ganze Reihe von 
wertvollen Aufschlüssen über den Zustand des Kreis¬ 
laufsystems, deren Aufzählung, weil es sich um allge¬ 
mein bekannte Tatsachen handelt, hier zu weit führen 
würde. Ich möchte hier nur in Erinnerung zurückrufen 
das Verhalten der Pulsfrequenz bei den verschiedenen 
Graden der Leistungsfähigkeit des Herzens. 

Mendelsohn 2 ) hat diese Frage einer ausführ¬ 
lichen Bearbeitung unterzogen. Auf Grund der Tat¬ 
sache, dass das Herz eines gesunden Menschen beim 
Uebergang aus der vertikalen in die horizontale Hai- 1 
tung eine Verlangsamung der Schlagfolge um 10—12 
Schläge zeigt und diese Erscheinung auch bei Erkran¬ 
kungen, so lange es nur suffizient ist, gefunden wird, 
dagegen bei insuffizientem Herzen mehr oder weniger 
grosse Abweichungen eintreten, hat Mendelsohn 
eine Reihe von Versuchen gemacht, die dieses Phänomen 
für die Frage der Leistungsfähigkeit des Herzens zu 
benutzen trachteten. Da erwies es sich denn, dass die 
Pulsverlangsamung im Liegen immer geringer wird oder 
ganz verschwindet, wenn das Herz gewisse Grade der 
Insuffizienz erreicht hat. Ja, bei starken Kompensations¬ 
störungen steige der Puls im Liegen sogar noch an. 

In sinnreicher Weise hat Mendelsohn zu seinen 
Versuchen durch ein Dynamometer dosierbare körper¬ 
liche Arbeit benutzt und gelangt zu dem Satze, dass 
je grösser die Zahl von Kilogrammetern ist, die ein 
Herz bewältigen kann, wonach es wieder zu seiner Nor¬ 
malzahl zurückkehrt, um so grösser seine Funktions¬ 
tüchtigkeit sei. , 

Wenn auch Mendel sohns Anschauungen nicht 
einwandfrei zu sein scheinen, wobei von der Kritik 
u. a. besonders auf vasomotorische Einflüsse hingewie¬ 
sen wurde, so können wir doch immerhin recht wert¬ 
volle diagnostische Fingerzeige erhalten, wenn wir auch 
bei voller Berücksichtigung der Fehlerquellen, Men¬ 
delsohns Hinweise nicht ausser Acht lassen. 

Wenn ich des Sphygmomanometers und Spygmo- 
graphen Erwägung tue, so geschieht es eben deshalb, 
weil die genannten Apparate sich in neuerer Zeit grös¬ 
serer Verbreitung auch unter den praktischen Aerzten 
zu erfreuen haben. 

Verschiedene dieser Apparate sind sehr gut im 
Sprechzimmer oder sogar am Krankenbette anwendbar. 

Allerdings gehört bekanntlich zur Ausübung der 
Sphygmographie einige Uebung. Dafür sind aber die 
Resultate, die wir durch die genannten beiden Methoden 
der Pulsuntersuchung erzielen, ungemein wertvolle. 

Natürlich geben diese Untersuchungsarten, allein 
angewandt, noch nicht ohne weiteres etwa eine fertige ! 
Diagnose, im Verein mit den anderen Methoden aber j 
sind sie recht wichtig. I 

Janowski, der sich über 20 Jahre lang mit der j 
Sphygmographie theoretisch und praktisch beschäftigt ; 
hat, misst ihr bei der Bestimmung der Arhythmien eine | 
grosse Bedeutung bei, während nach seiner Ansicht | 


1 ) Die funktionelle Herzdiagnostik 1910. 

2 ) Verh. d. 19. Kongr. f. innere Med. Zitiert nach L. Braun, 
Therapie d. Herzkrkh. 


wir durch die Sphygmographie keinen Aufschluss 
erhalten über die Pulsgrösse und den Blutdruck, einen 
geringen über die Pulszelerität und über die Widerstände, 
gegen die das Herz anzukämpfen hat. 

Ungemein wertvoll aber ist nach seiner Meinung die 
sphygmographische Kurve zur Analyse der Ursachen der 
Arhythmien, doch genüge in vielen Fällen durchaus 
nicht allein die Untersuchung des arteriellen Pulses, 
sondern es müssten gleichzeitig auch kardio- und phle- 
bographische Kurven aufgenommen werden. 

Wegen des Interesses, das gerade diese kombinierte 
Untersuchungsmethode zu beanspruchen scheint, seien 
hier die Hauptpunkte der Besprechung über die Herz¬ 
arhythmien wiedergegeben: 

Die Herzarhythmie kann entstehen: 

I. Durch Störungen im Inotropismus, d. h. Störungen 
der Kontraktilität des Herzens. Bei Herzschwäche kann 
es zu ungleicher Grösse der einzelnen Pulswellen kom¬ 
men (p. irregularis), während die Pulsbasis, nach d. Zeit¬ 
abszisse kontrolliert, gleich bleibt. Hierzu gehört das 
bekannte Phänomen der Herzalternation d. h. der „Re¬ 
gelmässigkeit in den unregelmässigen Herzaktionen“ 
(Allorythmie) u. d. pulsus paradoxus im Gegensätze 
zum p. pseudoparadoxus, der immer durch eine Ermü¬ 
dung des Herzens veranlasst wird. 

II. Durch Störungen im Bathmotropismus (in der 
Erzeugung der Herzreize). Es handelt sich um die 
Tachykardie und Bradykardie. 

Die Ursachen der Tachykardie sind bekannt. Zu 
dieser Gruppe gehört auch die inspiratorische und or- 
thostatische Tachykardie und vielleicht die paroxysmale, 
transitorische Tachykardie. Die Bradykardie, entweder 
nervösen oder kardigmuskulären Ursprungs, kann nur 
auf Grund einer sphygmographischen Kurve eventuell 
auch eines Kardio- und Phlebogramms mit Sicherheit 
erkannt werden. Es kann nämlich eine Bradykardie 
vorgetäuscht werden, wenn schwache Extrasystolen nicht 
zur Peripherie gelangen. Der früher häufiger diagno¬ 
stizierte pulsus intermittens und der p. irregularis per- 
petuus sind bei Anwendung der kombinierten Unter¬ 
suchungsmethode sehr viel seltener gefunden worden. 

III. Störungen im Chronotropismus, d. h. der Eigen¬ 
schaft des Herzens nur nach einer Ruhepause auf ent¬ 
sprechende Reize mit Kontraktionen zu reagieren. 

Bei einigen krankhaften Zuständen treten vorzeitige 
Systolen auf, sogen. „Extrasystolen“, die durch Palpa¬ 
tion sehr selten, durch Ausmessen der Kurven aber 
leichter erkannt werden. Diese Extrasystolen sind ent¬ 
weder aurikulären, ventiikulären oder atrioventrikulären 
Ursprungs. 

Während die ersteren, die aurikulären Extrasystolen, 
am normalen Orte der Ursprungsreize entstehen, bilden 
sich die ventrikulären und atrio-ventrikulären an einem 
abnormen Ursprungsorte. — Die Besprechung der ein¬ 
zelnen Formen, der gewöhnlichen ventrikulären, der 
interpolierten, der retrogradierenden Extrasystolen wür¬ 
de uns heute zu weit führen. Ich will nur erwähnen, 
dass, wie Janowski hervorhebt, die kombinierte 
Sphygmographie es uns ermöglicht nicht nur „die Ab¬ 
normitäten in dem Bildungsorte der Extrareize des Her¬ 
zens festzustellen, sondern auch die Konstatierung der 
Bildungsstätte der Ursprungsreize“ gestattet. 

IV. Störungen der dromotropischen Eigenschaften 
des Herzmuskels können gleichfalls Arhythmien hervor- 
rufen. 

Der Dromotropismus oder das Ueberleitungvermögen 
des Herzens kann Störungen, „Ueberleitungsstörungen“, 
erleiden. Während bekannlich normaler Weise die Kon¬ 
traktion des Herzens vom sulcus terminalis aus auf 
die Vorhöfe, den Aschoff-Tawarasehen Knoten, 
das P a 1 a d i n o - H i s sehe Bündel und die Kammern 
fortschreitet, kommen zuweilen in dieser Beziehung Ano¬ 
malien vor. Von diesen hat beispielsweise eine Störung 


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1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 1. 7. 


der Leitung von den Vorhöfen zu den Herzkammern 
in der Literatur eine gewisse Popularität erlangt: es ist 
der sogen. „Herzblock“. — Unanfechtbar lässt sich 
diese Störung nur durch gleichzeitige Aufnahme von 
Phlebo-, Sphygmo- und Kardiogramm nachweisen. 

In diese Gruppe gehört auch z. T. der Adams- 
Stockes sehe Symptomenkomplex, der in vielen Fällen 
auf einer Erkrankung des Paladino-Hissehen Bün¬ 
dels beruht. 

Janowski betont im Anschluss an diesen Ab¬ 
schnitt die Wichtigkeit der Venenpulsuntersuchung, die 
uns eine Orientierung über die Tätigkeit der Vorhöfe 
vermittele. 

An dieser Stelle möchte ich noch eines eben — 
1911 — erschienenen Werkes Erwähnung tun, das den 
Titel hat: „Die Atmungsreaktion des Her¬ 
zens“ von Dr. Chr. Al brecht. 

Dieses Werk ist mit einer anerkennenswerten Gründ¬ 
lichkeit und einem seltenen Aufgebot von physikalisch¬ 
physiologischen Betrachtungen und Reflexionen ausge¬ 
stattet und behandelt den Einfluss der Atmung auf die 
Herztätigkeit in gewissen Fällen, d. h. der Autor lässt 
gewisse Atmungsversuche machen und beobachtet nun 
deren Wirkung auf die Herztätigkeit beim Gesunden und 
Kranken. 

Es ist erstaunlich, welche Fülle von physiologischen 
Tatsachen sich aus diesen Versuchen ergibt. Ein ab¬ 
schliessendes Urteil über 'den Wert dieser Versuche 
wird natürlich erst in der Zukunft möglich sein. Wollen 
wir hoffen, dass sich die Spezialärzte für Herzkrank¬ 
heiten die Mühe nicht verdriessen lassen die Arbeit 
Albrechts nachzuprüfen. Hier ist aber nicht der 
Ort ein ausführlicheres Referat über sie zu geben. 

Wir kommen jetzt zu der Besprechung der Blut¬ 
druckmessung, der Sphygmomanometrie. Dieses 
in der Neuzeit mit erfreulichem Eifer bearbeitete Gebiet 
hat so manches Resultat gezeitigt, das uns einen ge¬ 
wissen Einblick in die Leistungsfähigkeit des Gefäss- 
systems gibt. Aus der sehr grossen Zahl von Blut¬ 
druckmessern wollen wir nur die gebräuchlichsten er¬ 
wähnen : es sind das der R i v a - R o c c i sehe Apparat, 
der Recklinghausen sehe, das Basch sehe Sphyg¬ 
momanometer, das Gärtner sehe Tonometer. 'Diese sind 
erstens schon in den Händen von vielen Aerzten, auch 
finden sich genaue Beschreibungen in zahlreichen Zeit¬ 
schriften und vielen Lehrbüchern, so dass eine Schilde¬ 
rung ihrer Konstruktion hier nicht nötig ist. Leider ist 
— wie ich hier bemerkt haben will — bei fast allen 
diesen Apparaten in ausgiebiger Weise Gummi z. B. 
bei der Anfertigung der Röhren u. s. w. in Anwendung 
gebracht worden, was natürlich die Präzision bei der 
Vergänglichkeit dieses Materials gewaltig beeinträchtigen 
musste. Ich habe übrigens darüber auf einem Acrzte- 
tage in Reval zu sprechen Gelegenheit gehabt, wobei 
ich zugleich einen von mir konstruierten Apparat, der 
das Gummi vollständig ausschaltete, demonstrierte 1 ). 

Aus der Klinik des Herrn Prof. K. Dehio sind be¬ 
kanntlich verschiedene Arbeiten hervorgegangen, die die 
Einwirkung der Muskelarbeit auf den Blutdruck erfor¬ 
schen sollten. 

Ich hebe hier z. B. die Arbeiten von M a s i n g 2 ) 
und Moritz 51 ) hervor. Nach ihnen bedingt jede Mus¬ 
kelarbeit Schwankungen des arteriellen Blutdrucks und 
zwar beim Gesunden, Nichtermüdeten eine Schwankung 
nach oben, beim Kranken, Schwachen nach unten. Bei 
letzterem überwiegt die Tendenz zum Absinken des 
Blutdrucks, und kommen sehr starke Schwankungen vor, 
stärkere wie beim Gesunden. Je weniger deutlich eine 
Muskelarbeit von Blutdrucksteigerung gefolgt ist, je 


1 ) Stillmark, H. Ein neuer Blutdruckmesser. 

2 ) Masing, Deutsches Archiv (. klin. Medizin 1902. 1903. 

3 ) Moritz, Di ss. 


tiefer die Remissionen der Blutdruckkurve nach der 
Muskelarbeit ausfallen, je geringere Muskelarbeit — 
i caeteris paribus — erforderlich ist, um ein Abfallen 
des Blutdrucks zu bewirken und je später die Blut- 
! druckkurve wieder zur Norm zurückkehrt, desto geringer 
ist die Funktionsfähigkeit des Herzens. 

; Ich will noch zwei weitere Beispiele hervorheben, die 
I uns die Bedeutung der Blutdruckmessungen bei der 
| funktionellen Herzdiagnpstik zeigen. Hier erwähne ich 
I z. B. die Wirkung der Kohlensäure-Bäder auf den Blut- 
j druck. Diese beeinflussen den Blutdruck in ähnlicher 
Weise 1 ) wie die Muskelarbeit. Sehen wir während des 
! Bades den Blutdruck steigen und zwar in gewissen 

Grenzen, so werden wir — falls natürlich die übrigen 
Indikationen für die Bäder vorliegen — wahrscheinlich 
I mit Erfolg die Kur zu Ende führen, 
i Bleibt der Blutdruck unbeeinflusst, so werden wir 
! auf keinen grossen Erfolg zu rechnen haben, fällt da¬ 
gegen der Blutdruck durch die Kohlensäure-Bäder, so 
werden wir gezwungen sein, die Kur aufzugeben, da 
I wir bei der sich durch diese Erscheinung manifestie- 

j renden Schwäche des Herzens eine mehr oder weniger 

| grosse Schädigung der Gesundheit unseres Patienten 

j hervorrufen können. 

I Bekanntlich sehen wir bei der Arteriosklerose und 
| gewissen Fällen von Nephritis eine zuweilen sehr be- 

| deutende Steigerung des Blutdrucks. Durch sehr interes- 

! sante Versuche und Beobachtungen von Engel 2 ) ist 

kanstatiert worden, dass nur die interstitielle Nephritis 
! eine Hypertension hervorruft, nicht aber die parenchy¬ 
matöse. Tritt aber bei letzterer starke Blutdruckerhö¬ 
hung auf, so ist sie gewöhnlich kardialen Ursprungs 
(Herzinsuffizienz) oder urämischer Natur. Kann .aber 
Urämie ausgeschlossen werden, so ist eine starke Blut¬ 
druckerhöhung Symptom einer bedrohlichen Herzinsuf¬ 
fizienz. 

Bei der Schrumpfni^re dagegen, die, wie bekannt, 
gewöhnlich einen sehr hohen Blutdruck zeigt, deutet 
ein plötzliches Fallen desselben auf ein definitives Ver¬ 
sagen der Herzkraft hin und ist deshalb ein signum 
pessimi ominis. 

Gehen wir nun zu der Besprechung einiger anderer 
Methoden der funktionellen Herzprüfung über. 

Da sind nun zwei perkutorische Methoden erwäh¬ 
nenswert, die uns ein gewisses Urteil über die Funk¬ 
tionsfähigkeit gestatten. Das geschwächte Herz zeigt 
ein vermindertes Kontraktionsvermögen und eine grös¬ 
sere Dehnbarkeit. Während der Gesunde auch erheb¬ 
liche Muskelarbeit leisten kann ohne wesentliche Aen- 
derung seiner Herzdämpfung, so tritt bei geschwächtem 
Herzen eine grössere oder kleinere Dilatation und in¬ 
folge dessen eine Verbreiterung der Herz- 
1 dämpfung nach Muskelarbeit ein. 

H e i 11 e r 3 ) mfeint geradezu, dass die Dauer der 
grösseren Dämpfung als ein Massstab für die Resistenz¬ 
fähigkeit des Herzens zu bezeichnen sei. 

I • Eine ähnliche Methode ist die Funktionsprüfung des 
i Herzens durch Beklopfen der Herzgegend. Wäh- 
| rend das Herz des Gesunden bei der Perküssion das 
! Bestreben zeigt sein Volum zu verkleinern, tritt beim 
i insuffizienten Herzen eine Verkleinerung der Dämpfung 
um so weniger ein, je höher der Grad der Insuffizienz 
ist. — Bei der Insuffizienz zweiten Grades fehlt die Vo¬ 
ll- lumsabnahme völlig. 

i Braun 4 ), dessen vortrefflichem Werk ich einige der 
| folgenden Methoden der Funktionsprüfung des Herzens 
I entnehme, gibt an, dass besonders bei einem akut — 

| etwa im Laufe eines Gelenkrheumatismus — erkrankten 


x ) Schott. 

-) Engel, Berliner klin. Wochenschr. 1908. 

3 ) Heit ler, Wiener klin. Wochenschr. 1890. 

4 ) Braun, Therapie der Herzkrankheiten. 


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Original fro-m 

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8. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N? 1. 


1912. 


Herzen die Dämpfungsfigur während des Bestehens der j 
Erkrankung durch Beklopfen nicht beeinflusst wird, j 
später aber um so mehr, je weiter die Genesung fort- j 
schreitet. Zugleich mahnt er zu grosser Vorsicht bei | 
dem Versuche. i 

Wertvolle Resultate gibt uns die sog. Differenzbe¬ 
stimmung nach Oertel, die darin besteht, dass die 
Menge der eingenommenen Flüssigkeit mit dem Urin¬ 
quantum verglichen wird und aus der Differenz gewisse 
Schlüsse gezogen werden. Die Beobachtungszeit er¬ 
streckt sich über 4 Tage. An den beiden ersten Tagen 
behält der Kranke seine gewohnte Nahrung bei, doch 
wird er angewiesen die Menge der eingenommenen 
Flüssigkeit und des gelassenen Harns zu messen. An 
den beiden folgenden Tagen wird die Flüssigkeitsmenge 
möglichst herabgesetzt. Unter normalen Verhältnissen 
werden ca. 18—32 pZt. weniger Harn ausgeschieden, 
als Flüssigkeit aufgenommen wurde. Die Versuche er¬ 
geben nun ein dreifaches Resultat: eine Zunahme oder 
Abnahme des ausgeschiedenen Harns oder ein Gleich¬ 
bleiben der Menge. Je grösser nun der Ueberschuss 
des Ausgeschiedenen, um so besser ist die Funktion des 
betreffenden Herzens. 

J ü r g e n s e n 5 ) hat gefunden, dass der auffällige 
Wechsel des spezifischen Gewichts des Urins wichtig 
ist als Frühsymptom der Herzinsuffizienz. 

Eine Verlängerung der Systole und dadurch Abkür¬ 
zung der systolischen Pause bedeutet einen hohen Grad 
von Schwäche des Ventrikels; je rascher der 2. Ton 
dem 1. folgt, um so grösser die Gefahr. 

Zeigen Kranke mit Mitralfehlern Neigung zu Bron- 
chialkatarrhen, Aortenkranke Störungen der Verdauung, 
so liegt die Gefahr der beginnenden Herzschwäche vor. 

Tritt der Galopprythmus bei der Auskultation des 
Herzens zu Tage, so ist diese Schwäche gewöhnlich 
schon eingetreten (besonders bei Myokarditis). Wir hören 
infolge des Auftretens eines präsystolischen Tons statt 
zweier Herztöne deren drei, wodurch der Galopprythmus 
entsteht. 

Ebenso bekannt ist die Wichtigkeit des Gegensatzes 
zwischen Herzstoss und Puls (M a r t i u s scher Gegen¬ 
satz) als Zeichen akuter Ueberdehnung des Herzmus¬ 
kels, akuter Herzinsuffizienz: einem verbreiteten stark 
hebenden Herzstoss entspricht ein kleiner weicher, 
schwach fühlbarer Radialpuls. 

Die Stauungshyperämie der Lunge ist der Wertmesser 
der Kontraktionsfähigkeit des rechten Ventrikels. Es ist 
nun selbstverständlich, dass die Stauungen in der Lunge 
verschieden beurteilt werden müssen, je nachdem, ob 1 
es sich um Aortenfehler oder Mitralfehler oder Myo- ; 
karderkrankungen handelt. Tritt bei Aortenfehlern etwa \ 
Zyanose auf, so ist das schon ein Zeichen des sog. 
„Mitralisierens“, der beginnenden Insuffizienz der linken ! 
Kammer. ' j 

Bei fortgeschrittener Stauung auf den Lungen kommt 
es zu einer Akzentuation des zweiten Pulmonaltons. 
Der Grad dieser Akzentuation ist caeteris paribus für • I 
den Grad der Stauung charakteristisch, ihr Schwinden, 
bei Zunah'me der übrigen Insuffizienzerscheinungen, ein 
Zeichen von ominöser Bedeutung. 

Dass die Dyspnoe ein leicht erkennbares und wich¬ 
tiges Kennzeichen funktioneller Herzschwäche sein kann, 
ist mit Recht immer von allen Aerzten berücksichtigt 
worden. Mitralfehlerkranke zeigen früh noch vor der j 
Dekompensation Kurzatmigkeit, während das bei den 
Aortenfehler-Kranken nicht immer beobachtet wird. 

Zu den wichtigeren Stauungssymptomen gehört das 
Verhalten der Halsvenen. Den Graden der Insuffizienz 
entspricht in der Regel in aufsteigender Reihenfolge: 
Schwellung der linksseitigen Halsvenen (jugul. externa), 


5 ) J ii r g e n s e n , Insuff. d. Herzens. Cit. nach Braun, Ther. 
d. Herzkrh. 


Schwellung der rechtsseitigen Halsvenen — in den An¬ 
fangsstadien bloss exspiratorisches Anschwellen, inspira¬ 
torisches Abschwellen, später andauerndes Sichtbarbleiben 
der Venen — Venenundulation, präsystolische Venen¬ 
pulsation, präsystolisch-systolischer Venenpuls, Puls in 
den Lebervenen. 

Damit glaube ich die wichtigsten und überall aus¬ 
führbaren Methoden der funktionellen Herzprüfung an¬ 
geführt zu haben. Der Vollständigkeit halber erwähne 
ich noch die folgenden: Die Diaphanoskopie nach 
Bazzi-Bianchi hat sich nicht bewährt, viel ange¬ 
wandt wird dagegen die Orthodiagraphie, bekanntlich 
die Untersuchung des Herzens vermittelst des Röntgen¬ 
apparates. Zu erwähnen sind noch ferner die Versuche 
der objektiven Aufzeichnung der Herztöne (z. B. nach 
der Weis s’schen Methode), die vielleicht einen grossen 
Wert in der Zukunft haben werden, wenn die Apparate 
den gewünschten Grad der Vollkommenheit erreicht 
haben werden, die Oesphagoatriographie, die Elektro¬ 
kardiographie, die auf der Tatsache beruht, dass bei der 
Herzkontraktion elektrische Erscheinungen zu Tage 
treten, die nun ihrerseits in sinnreicher Weise zur An¬ 
fertigung der Elektrokardiogramme benutzt werden. 

Ebenso die chemische Blutuntersuchung, ferner die 
Methode von Poczobutt 15 ) die der eigentümlichen 
Erscheinung ihre Entstehung verdankt, dass bei Leuten 
mit geschwächtem Herzen, die an einer Infektionskrank¬ 
heit leiden, eine ungewöhnlich grosse Differenz zwischen 
der Temperatur im Mastdarm und in der Achselhöhle 
vorkommt. Beträgt z. B. diese Differenz etwa 1°, so 
drohe dem Kranken ernste Gefahr. Diese Methode ist 
noch nicht genügend geprüft worden, doch verdient sie 
— nach Janowski — eine Nachprüfung an grossem 
Material. 


Bücherbesprechungen und Referate. 

Alfred Jungmann. Die Wiener Heilstätte für Lupus¬ 
kranke. Wien und Leipzig. Verlag von J. Safär. 19J1. 
Preis 80 Pf. 

Die kleine Schrift ist einer Streitfrage gewidmet, sie 
verteidigt die Wiener Lupusheilstätte und ihren Leiter, 
Prof. Lang, gegen Angriffe, die Prof. Finger gegen sie 
erhoben hat. Wer in dem Falle Recht hat, lässt sich 
von hier aus nicht beurteilen. Die Resultate Lang’s mit 
seiner chirurgischen Behandlung des Lupus scheinen 
recht gute zu sein, eine grössere Berücksichtigung der 
Lichttherapie wäre aber vielleicht doch am Platz, wie 
Finger sie zu verlangen scheint. W. Schiele. 

Wallstein u. Wilms. Lehrbuch der Chirurgie. Band I 
und II. 1910. 2. Auflage. Verlag von G. Fischer. 
Jena. Preis 10 u. 8 Mark. 

Es sind einige Aenderungen eingetreten und einige 
Ergänzungen in der 2. Auflage zugefügt worden, die den 
Wert dieses modernen chirurgischen Lehrbuches heben. 
Die Darstellung ist durchweg eine vorzügliche, der Text 
reich illustriert (der I. Band mit 355 zum Teil mehr¬ 
farbigen Abbildungen, der II. mit 207). Der nicht hohe 
Preis und die ausgezeichnete Ausstattung des Werkes 
wird ihm leicht Freunde erwerben und besonders Studie¬ 
renden kann es auf das wärmste empfohlen werden. 

K. Heinrichsen. 

L e i f e r t u. M ü 11 e r. Taschenbuch der medizinisch-klini¬ 
schen Diagnostik. Wiesbaden. 1910. J. Bergmann. 
Preis geb. 4 M. 50. 

In knapper Form bietet das Buch alles, was man 
von einem guten Taschenbuch zu erwarten gewohnt ist. 

% Po cz obiitt, Gaz. Lek. 1905 (polnisch). 


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1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 1. 9. 


Die 14. Auflage weist schon darauf hin, dass das Buch ! 
weite Verbreitung gefunden hat und es bedarf daher 
kaum einer neuerlichen Empfehlung. 

K. Heinrichsen. 

Prof. Dr. Th. A x e n f e 1 d. Lehrbuch der Augenheilkunde. 

II. Auflage. Jena. Verlag von Gustav Fischer. 1910. 

ln der Reihe der in letzter Zeit erschienenen Lehr¬ 
bücher der Augenheilkunde nimmt das Vorliegende 
einen der ersten Plätze ein, zeichnet es sich doch durch 
seltene Präzision im Ausdruck, leichtfassliche Darstellung j 
des schwierigen Stoffes und ausgezeichnete Illustrationen 
aus. So ist denn auch in kurzer Zeit die 1. Auflage 
vergriffen worden, weshalb ihr schon nach knapp 2 Jahren 
eine zweite folgen musste. — Sehr dankenswert ist es, 
dass den einzelnen Abschnitten kurze normal-anatomische 
und physiologische Einleitungen vorausgeschickt sind, und 
dass auch die pathologische Anatomie die gebührende 
Berücksichtigung gefunden hat. Besondere Erwähnung 
verdienen ferner das Kapitel über Unfallentschädigung 
und über Allgemeine Erkrankungen mit Augensymptome, 
Gegenstände, die nicht in jedem anderen Lehrbuch behan¬ 
delt werden. Schliesslich sei noch besonders auf die 
wunderschönen lithographischen Tafeln zum Schluss des 
Buches hingewiesen, die so schön sind, dass man dem 
Verfasser und dem Verleger dafür besonders Dank wissen 
muss. — Wenn das Buch auch dem Spezialisten nicht 
alles bieten kann, was er sucht, denn „seltene und 
nur den Augenarzt angehende Dinge sind höchstens kurz 
erwähnt und unsichere theoretische Erörterungen sind 
möglichst beschränkt“, so ist es dennoch allen Aerzten, 
die sich mit Augenheilkunde beschäftigen, wärmstens zu 
empfehlen, denn es erreicht seinen Zweck vollkommen: 
„den Studierenden ein Lehrer und den Aerzten ein Rat¬ 
geber“ zu sein. 

Lezenius. 

Leopold C a s p e r. Handbuch der Zystoskopie. Dritte 
umgearbeitete und vermehrte Auflage. Mit 172 Ab¬ 
bildungen und 22 Tafeln in Dreifarbendruck. Leipzig. 
1911. Verlag von Georg Thieme. 

Die neue Auflage dieses bekannten und allgemein 
geschätzten Lehrbuches ist entsprechend den grossen 
Fortschritten, die die Zystoskopie in den letzten Jahren 
gemacht hat, bedeutend erweitert und vervollständigt 
worden. Besonders ist es das neue optische Zystoskop- j 
System von R i n g 1 e b, welches Verfasssr einer genauen j 
und ausführlichen Besprechung unterzieht. Die dabei 
in Betracht kommenden optischen Fragen sind von i 
Dr. v. Rohr bearbeitet worden, welchem es vorzüglich 
gelungen ist dieses schwierige Gebiet klar und anschau- : 
lieh darzustellen. Die Photogramme geben neben den 
gemalten Bildern einen ausgezeichneten Einblick in die 
pathologischen Veränderungen der Blase. Es hat sich j 
diese Anordnung schon bereits in den früheren Auflagen 
als durchaus zweckmässig erwiesen, und 67 der charakte¬ 
ristischsten Figuren hat Verfasser mit einem kurzen Text ! 
versehen als besonderen Atlas dem Lehrbuche beigefügt. 
Die Ausstattung des Werkes ist in jeder Beziehung ein i 
mustergiltige. I 

Fr. Mühle n. 

G. Wolf. Ammenwahl und Ammenbehandlung. Ein Leit¬ 
faden für Aerzte. Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 
1911. 

Ist aus irgend einem Grunde eine Mutter verhindert 
ihr Kind selbst zu stillen, so muss, wenn es die Ver- j 
hältnisse gestatten, eine Amme angenommen werden, i 
Dass die Auswahl einer solchen häufig mit grossen j 
Schwierigkeiten verbunden ist, ist natürlich jedem Arzte j 
bekannt. Ein wesentlicher Umstand ist der, dass die 
Ammenvermittlung nicht verstaatlicht ist, wir also ganz 
auf private Vermittelungsbureaus angewiesen sind, die 
in erster Linie ihren Vorteil im Auge haben. Eine . 


Aenderung der bestehenden Verhältnisse ist daher eine 
unbedingte Notwendigkeit. 

Dieses Büchlein, in welchem Verfasser die Erfahrung 
einer 20-jährigen Praxis niedergelegt hat, soll nun als 
Berater in dieser verantwortungsvollen Situation dienen. 
Er beginnt mit der Untersuchung des Ammenkindes und 
geht dann zu der der Amme über, die er genau und 
sehr ausführlich schildert. Dann folgen die Abschnitte 
über prophylaktische Massnahmen gegen das Versiegen 
der Brustdrüsensekretion und über die zweckmässige 
Lebensweise der Amme, über Ammenwechsel mit Indikatio¬ 
nen von seiten des Kindes und der Amme und schliess¬ 
lich ein kurzer Hinweis auf die Entwöhnung des Kindes. 

Wie in der Einleitung, so auch zum Schluss spricht 
sich Verfasser direkt gegen die künstliche Säuglings 
ernährung aus, die nur dort am Platze ist, wo jeder 
natürliche Ausweg versperrt ist. 

Fr. Mühle n. 

W. Stepanow und W. Binstock. Zur Statistik der 
Choleraepidemie 1908—1909 in St. Petersburg. 
Russkl Wratsch 1910 Ne 47. 

Die V. verweisen kurz auf die früheren Choleraepidemien in 
Russland bei denen St. Petersburg erst im folgenden Jahre nach Aus¬ 
bruch der Epidemie befallen wurde. Hier hielt sich die Epidemie 
stets mehrere Jahie. Der Anfang der letzten Epidemie ist nicht genau 
festzustellen, schon 1907 wurden vereinzelte Cholerafälle beobachtet. 

Die Statistik gibt Angaben über Erkrankungen und Todesfälle 
nach Monaten. Wochen, Alter, Art der Beschäftigung und nach den 
einzelnen Stadteilen. 2 Diagramme und 1 Kartogramm veranschau¬ 
lichen das Gesagte. 

Die Gesamtzahl der Erkrankungen beläuft sich auf 16 635, darunter 
10 218 Männer. Davon starben 7273 (d. h. 43,7%). Die grösste Zahl 
der Erkrankungen entfällt auf den September (6178), im März fällt 
die Zahl auf 81, steigt im Mai wieder an, gibt im Juni 2379 Erkran¬ 
kungen und fällt dann allmählich, um im Dezember gänzlich aufzuhören. 

Nach den Stadtteilen steht der Alexander-Newsky Stadlteil mit 
143,7 Erkrankungen auf 10 000 Einwohner an erster Stelle, ihm folgt 
der Roshdestwensky Stadtteil mit 131,2 und an letzter Stelle steht 
der Admiralteisky Stadtteil mit nur 32,2 Erkrankungen. 

Nach der Beschäftigungsart geben Tagelöhner 34% aller Erkran¬ 
kungen; unter den Frauen entfällt die grösste Zahl der Erkrankungen 
(25,9%) auf solche, die sich mit der Wirtschaft beschäftigen. 

W. Jakimow, D. Sabolotny* S. Slatogorow und G. 
Ku lese ha. Die Choleraepidemien 1908—1909 in 
St. Petersburg nach den Daten der städtischen 
bakteriologischen Laboratorien. Russki Wratsch 
1910 Ns 47. 

Die erste bakteriologisch festgestellte Choleraerkrankung fällt au 
den 17. August 1908. Einige Monate vorher wurden in St. Peters¬ 
burg eine erhöhte Zahl von Kranken mit akutem Magenkatarh in die 
Hospitäler aufgenommen. Vereinzelte Cholerfälle wurden schon im 
Winter 1907 beobachtet und der Anfang der Epidemie muss mit die¬ 
sen Fällen in Zusammenhang gebracht .werden. Zu Anfang der 
Epidemie wurden Erkrankungen beobachtet, bei denen keine Cholera¬ 
vibrionen bakteriologisch nachgewiesen werden konnten, was durch 
das rasche Absterben der Bazillen im Organismus zu erklären ist. 

Die Arbeit gibt ausführliche Daten über Morphologie, Biologie 
und Bestimmung der Choleravibrionen, über Wasseruntersuchung und 
seine epidemiologische Bedeutung, über die Bedeutung des Kontakts 
bei Verbreitung der Choleraerkrankungen in St. Petersburg; Diagramme 
sind zur Veranschaulichung beigeftigri- — 

Auf Grund ihrer Untersuchungen kommen die V. zu folgenden 
Schlusssätzen: 

Alle Choleraepidemien dauern in St. Petersburg mehrere Jahre 
Die während der Epidemie entstehenden akuten Magendarmerkran 
kungen sind mit der Cholera in Zusammenhang zu setzen. Die ne 
gativen bakteriologischen Befunde müssen mit Vorsicht aufgenommen 
werden, die Untersuchungen müssen oft wiederholt werden. Neben 
typischen Bazillen finden verschiedene Abweichungen in der Form 
der Bazillen wie auch in ihrem Wuchs auf Nährböden statt. Die 
grösste Zahl der Choleravibrioncn (von Cholerakranken und Bazillen¬ 
trägern) hatten die Eigenschaft, mit dem Choleraserum zu agglutinieren, 
andere wieder besassen diese Eigenschaft nicht. Typische Cholera¬ 
vibrionen geben die Reaktion der Komplementbindung, ln der Ent¬ 
wicklung der Cholernepidemie in St. Petersburg spielte neben dem 
Trinkwasser eine hervorragende Rolle die Verbreitung der Epidemie 
durch unmittelbare Berührung (Kontakt). Das Kindesalter gibt die 
grösste Zahl Bazillenträger, Frauen sind dazu mehr geneigt als Männer 
und zwar in allen Lebensaltern. Die Ansteckung erfolgt auf 2 Wegen: 
durch unmittelbare Berührung von Mensch zu Mensch und durch 
verschiedene Gegenstände, besonders Getränke, Milch, kalte Speisen. 
Die epidemiologische Bedeutung der Bazillenträger unterliegt keinem 


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10. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 1. 1912. 


Zweifel, daher sind die Massnahmen gegen die Bazillenträger im 
Kampfe gegen die Cholera von besonderer Bedeutung. 

Die Choleravibrionen behielten ihre Lebensfähigkeit, bis zu 5, 

6 Monaten, in 1 Falle 9 Monate. Die Vermehrung der Cholerabazillen 
in dem Wasser der Newa geschieht nur in Ausnahmefällen. Die nie¬ 
drige Stufe der Kultur, Armut der Stadtbevölkerung, ungenügende 
Lebensverhältnisse, Alkoholismus — sind die Hauptursachen der Ver¬ 
breitung der Choleraepidemien. 

A. Tschurilow. Zur Frage der Diagnostik der Cholera¬ 
erkrankungen. Russki Wratsch 1910 Ne 47. 

3089 Untersuchungen von Ausleerungen Cholerakranker gaben in 
933 Fällen ein positives Resultat, in 2156 Fällen ein negatives. 

In einigen Fällen konnten Cholerabazillen nicht in Reinkultur er¬ 
halten werden, trotz des typischen klinischen Bildes einer Cholera¬ 
erkrankung. V. machte die von Nedrigailow vorgeschlagene 
„biologische Reaktion“, Reaktion Bordet-Gengou. Das Resultat 
wurde mit der bakteriologischen Untersuchung verglichen. Als Antigen 
diente die zentrifugierte Flüssigkeit der Cholerastühle, als hämolyti¬ 
scher Ambozeptor eine Lösung (1:500) Kaninchenserum, das' gegen 
rote Blutkörperchen eines Hammels immun war; als Komplement 
frisches Meerschweinchenserum (1 kzm) (Verdünnung 1:10 und 1:15.) 

Als Choleraamhozeptor diente gegen Cholerabazillen immunisiertes 
Pferdeserum. 

Zur Untersuchung wurden 2 Dosen Antigen 0,1 und 0,3 Cholera¬ 
ambozeptor genommen. Die Mischung von Ambozeptor, Antigen und 
Komplement blieb 24 St. im Thermostat (37°), dann wurde 1,0 hämo¬ 
lytisches Serum und rote Blutkörperchen eines Hammels (5% Lösung) 
hinzugefügt (2 St. im Thermostat). — 

Aul Grund von 18 Untersuchungen kommt V. zu folgenden Schluss¬ 
sätzen: Die Cholerastühle enthalten spezifische Antigene, die mit 
pieser Reaktion festgestellt werden können. Diese Methode muss j 
besonders da angewandt werden, wo das klinische Bild für eine 
Choleraerkrankung spricht, die Cholerabazillen aber nicht nachgewiesen 
werden können. Ausserdem kann auf Grund dieser Methode, die 
nur 5—6 St. benötigt, die Diagnose in verdächtigen Fällen viel früher 
gestellt werden, was in sanitärer Hinsicht sehr wichtig ist. 

L. B r ü 1 o w. Zur Frage der Verbreitung von Cho¬ 
lerabazillen im Organismus (auf Grund von Sek- 
tionen). Russki Wratsch 1910, JVTe 47. 

Auf Grund von 109 Untersuchungen an Leichen kommt V. zu 
folgenden Schlusssätzen: Die Cholerabazillen können nicht nur aus 
dem Inhalt des Magendarmkanals, sondern auch aus dem Blut und 
anderen Organen in Reinkultur erhalten werden; am leichtesten aus I 
dem Dünndarm (92—94%), Galle (76%), Pfortader, Herz und Harnblase ! 
(40—38%). Die Zeit vom Tode bis zur Sektion (24 St.) übt keinen ! 
Einfluss auf die grössere oder geringere Verbreitung der Cholera¬ 
bazillen in den Organen aus. 

Wenn die Cholera auf Grund der gegenwärtigen Untersuchungen 
nicht als identisch mit Septikämie anzusehen ist, so unterliegt es j 
doch keinem Zweifel, dass die Cholerabazillen im Verlaufe der Krank- ! 
heit ins Blut gelangen und von hier aus in alle Organe transportiert 
werden können. 

K. Heinrichsen. 


Verein St. Petersburger Aerzte. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 18. Oktober 1911. 

Vorsitzender: (stellvertretend) Schiele. Sekretär: Fuhrmann. 

1. Grönberg- Wiborg (a. G.). Der breite Bandwurm und die 
Magen sa ft sek retion. 

Westphalen. Wie lange nach dem Probefrühstück wurde 
exprimiert? 

Grönberg. Nach einer Stunde. 

Westphalen. Auffallend ist es, dass nach den vom Vor¬ 
tragenden angeführten Zahlen die Aziditätsverhältnisse des Magen¬ 
saftes in Finnland wesentlich niedriger zu sein scheinen, als in 
Petersburg. Gegenüber den Zahlen 43 für die Gesamtazidität und 
20 für die freie HCL in Finnland stehen für Petersburg 50—60 für 
die Gesamtazidität und 30—40 für die freie HCL. Es mag dieser 
Unterschied vielleicht einerseits durch das grössere Probefrühstück 
und eine dadurch bewirkte grössere Bindung der HCL bedingt 
werden, andererseits mag es sich auch um regionäre Besonderheiten 
handeln, wie solches ja auch für manche Gegenden in Deutschland 
bekannt ist. Besonderheiten, die durch Verschiedenheit in den 
Lebensbedingungen, Ernährungsverhältnissen und Gewohnheiten viel¬ 
leicht zu erklären wären. Doch sind die Gründe dafür noch unbekannt.- - j 
Im Alexanderhospital kommen Fälle von Bothriozephalus nicht selten 
vor und betreffen dann meistens Finnländer. Es scheint, dass der 
Bandwurm, falls er nicht durch Anaemie kompliziert ist, eigentlich 1 
überhaupt keine Symptome macht, jedenfalls giebt es keinen 
Symptomenkomplex, der den Verdacht auf Helminthiasis rechtfertigt. 

Am häufigsten pflegt noch Uebelkeit zu bestehen. Bei dieser 


Symptomlosigkeit ist es daher auch nicht verwunderlich, dass auch 
die Aziditätswerte keiner bestimmten Regel folgen. Bei Anämikern 
allerdings pflegt die Sekretion herabgesetzt zu sein und besteht meist 
vollständige Achylie. Nun pflegt die Achylie im Allgemeinen ent¬ 
weder eine primäre, aus einer Atrophie der Magendrüsen hervorge¬ 
gangene, daher auch eine irreparable zu sein, oder sie entsteht se- 
kunoär durch eine toxische Schädigung der Drüsenzellen oder ihrer 
Nerven und könnte, theoretisch gedacht, mit Aufhören der Noxe 
wieder rückgängig werden. 

Zu dieser Form dürfte wohl auch die Achylie gehören, welcher 
wir bei der Botriozephalusanaemie begegnen. 

Grönberg. Die angeführten Zahlen betreffen nicht gesunde 
Personen, sondern ausnahmslos Dyspeptiker, vornehmlich anämische 
und nervöse Personen und lassen sich daher auch in keiner Weise 
zu einer Gesamtstatistik verwerten, auch ergeben sich daraus die 
relativ niedrigen Aziditätswerte. Bei Gesunden liegen auch in Finn¬ 
land die Aziditätswerte viel höher. Von Anazidität wurde gesprochen, 
wenn das Kongopapier nicht verfärbt wurde, von einer Superazidität 
bei Werten über 40 für freie HCL. Die perniziöse Anämie bei 
Bothriozephalus führt in Finnland gewöhnlich zum Tode, weil die 
Patienten erst sehr spät in Behandlung treten. In diesen Fällen 
wird dann allerdings vollständige Atrophie der Magen-Darmschleim¬ 
haut beobachtet, wenn einmal leichtere, weniger vorgeschrittene 
Fälle zur Beobachtung gelangen, so ist eine Restitution wohl möglich. 

Westphalen. Fs ist doch merkwürdig, dass die Leute so spät 
in Behandlung kommen, und dass es bei einer so relativ kurz 
dauernden Krankheit, wie bei der Botriozepholusanaemie zu einer 
dauernden anatomischen Schädigung der Magenwand kommen kann. 

Hier in St. Petersburg habe ich schon so manchen Fall von 
Botriozephalusanaemie nach Abtreibung der Parasiten genesen sehen 
und erinnere mich eigentlich nur eines einzigen Todesfalles an der 
Krankheit. 

Interessant ist es, dass Lebamann für die Entstehung der Botri¬ 
ozephalusanaemie auch familiäre Disposition annimmt. 

Grönberg hebt noch hervor, dass wiederholt in gewissen 
Familien mehrere Fälle von Bothriozephalusanämie beobachtet wurden. 
Der Hb Gehalt erreicht sehr niedrige Werte, bis 20 30 0 <>. 

2. Holzinger. Ueber Morbiditäts- nnd Mortalitätskoef¬ 

fizienten. (vergl. Berichte des 2. Russischen Therapeuten— 
Kongresses in Petersburg 1910). 

Heuking. Es ist schwer sich in die angeführten Verhältnisse 
hineinzudenken. Es scheint doch nach dem Vortrage, dass die Kultur 
in der Morbidität keine Rolle spiele, dass gewissermassen ein Ver- 
hängniss walte. Aus den Schlussworten aber gehen wiederum ge¬ 
wisse kulturelle Einflüsse hervor. Liegt da nicht ein Widerspruch vor? 

Schiele. Aus dem Vortrag scheint hervorzugehen, dass nicht 
nur die relativen, sondern auch die absoluten Zahlen für die ver¬ 
schiedenen Länder die gleichen bleiben. Solches wäre doch sehr 
verwunderlich. Anderseits ist der Unterschied von 12 und z. B. 
15 Promille für die Mortalität der Erwachsenen doch nicht so gering, um¬ 
somehr wo es sich um so grosse absolute Zahlen handelt Da wird 
denn doch wohl die Kultur und die aus ihr erwachsende Hygiene 
eine nicht unwesentliche Rolle spielen. 

Holzinger (Schlusswort). Bei meinen Untersuchungen handelt 
es sich nicht um das Verhältnis von Erkrankten zu Gesunden, 
sondern nur um das Verhältnis von Krankheitsgruppen zu der Gesamt¬ 
krankenzahl der betreffenden Statistiken. Wie sich die absoluten 
Werte verhalten werden, geht aus diesen Daten nicht hervor, es ist 
aber anzunehmen, dass die Morbiditätsverhältnisse in Bezug auf die 
beiden Krankheitsgruppen (d. h. für die Summe der Krankheiten der 
Atmungs- und der Verdauungsorgane) tatsächlich in verschiedenen 
Ländern sehr nahe zu einander liegen müssen, wenn immer dieselben 
Verhältniszahlen wiederkehren, in Ländern mit hochentwickelter 
Hygiene und in solchen, wo die Hygiene noch in den Windeln 
liegt. So überraschend diese Zahlen sind, so sind dieselben im 
Grunde nur eine Bestätigung und Ausdehnung der von Ascher 
I gefundenen Verhältnisse. Es kommt eben nicht auf die Erkrankung 
I an dieser oder jener Infektionskrankheit an, sondern auf die Erkran¬ 
kungsfähigkeit der betr. Organe und Organsysteme und in dieser Be¬ 
ziehung scheinen die Verhältnisse in der geschilderten Weise zu liegen. 
Von einem Fatum kann nicht die Rede sein, so fatalistisch geführt meine 
Ausführungen auf den ersten Blick auch erscheinen mögen. Dagegen 
spricht : li die Verschiedenheit der Diagramme für beide Geschlechter 
und die strenge Gesetzmässigkeit in dieser Verschiedenheit, trotzdem 
es sich um Erkrankungen handelt, für die von einer spezifisch gene¬ 
rellen Disposition nichts bekannt ist und 2) die grosse Abweichung 
von den Durchschnittswerten, die wir für Aethiophien konstatieren 
können, trotzdem das Untersuchungsmaterial mehr oder weniger 
einheitlich ist. Was die Mortalitätszahlen anlangt, so habe ich die¬ 
selben nur angeführt, um zu zeigen, dass nach Abstraktion der 
kindlichen Altersklassen die Verhältnisse in den verschiedenen 
Ländern einander viel näher rücken, als gewöhnlich angenommen 
wird und dass diese Zahlen die Morbiditätskoeffizienten nicht ent¬ 
kräften können. 


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1912. 


11. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Jve 1. 


Deutscher Aerztlicher Verein. 

Wissenschaftliches Protokoll 
(offiziell) 

der 1394. Sitzung am 24. Oktober 1911. 

I. Ucke: Ein Fall von Lebernekrose mit Demonstration makro 
und mikroskopischer Präparate. (Der Vortrag wird im Druck erscheinen). 

Diskussion: 

Schrenck: In den gangraenoesen Prozessen innerer Organe 
müsse ausser der vom Vortragenden als einziger genannten Lungen- 
gangraen auch die Metritis dissecans gezählt werden, welche nach 
Beckmanns Untersuchungen nichts weiter ist, als eine Gangraen 
der Schleimhant und oberflächlichen Muskelschichten des Uterus. 

H e u k i n g : Die Leber sei nicht ausschliesslich als entodermales 
Gebilde aufzufassen; entwickelungsgeschichtlich sei sie auch ein 
Flächenorgan (besteht z. B. bei den Krebsen aus einem Knäuel 
schlauchartiger Ausstülpungen des Darmes) und könne demnach auch 
gangraenoes werden, nicht nur nekrotisch. 

Ucke: Dieser Charakter der Leber ist bei den höheren Tieren , 

verloren gegangen. Handelte es sich um Gangraen, so müsste diese j 

an den Ausführungsgängen der Leber zu konstatieren sein, während 
man hier nur eitrige Prozesse findet, und die Nekrose der Leber von j 
der Oberfläche eindringt. 

Westphalen: Gangraen und Nekrose werden hauptsächlich 
im Sprachgebrauch unterschieden, während sich eine Differenz nur in 
chemischer Beziehung feststellen iässt. So ist die Mumifikation eine 
Nekrose, wird aber als trockene Gangraen bezeichnet, so ist die 
senile Oangraen eine Nekrose plus chemische Abbau Vorgänge. - Im 
vorgetragerien Falle sind die Streptotricheen, offenbar auf dem Blut¬ 
wege in die Leber geraten, aus dem Munde in den Darm, aus diesem 
in den äppendizitischen Abszess und aus dessen thrombosierten Venen 
durch die Portalvene in die Leber. Ein Analogon würde dieser Vor¬ 
gang haben in den Amoeben, welche aus dem Darm in die Leber 
gelangen und dort keine Abszesse bilden, wenn vorher kein Eiter 
dabei war, sondern nur eine Nekrose des Lebergewebes herbeiführen, 
welche aber anders aussieht als die durch Streptotricheen veranlasste, 
einen schwammigen Charakter hat und grosse Progredienz besitzt. 

Die hier demonstrierte Nekrose gehört sicher zu den biochemischen 
Eigenheiten der Streptotricheen, wie sie auch bei der Lungengangraen 
und bei der Noma beobachtet wird. — Ist dem Vortragenden bekannt, 
in welcher Weise die Streptotricheen ihre Abbauprodukte aus dem 
Eiweiss bilden? Bei diesem in bestimmter Richtung vor sich gehen¬ 
den Abbau scheinen die Fettsäuren eine grosse Rolle zu spielen von 
deren Vorhandensein man sich leicht durch den Geruch der Tonsil- 
larpröpfe überzeugen kann; derselbe Geruch ist auch bei den Lungen- 
streptotricheen vorhanden, und es wäre interessant zu erfahren, ob > 
dieser Geruch auch im vorliegenden Falle konstatiert werden konnte. 

Bei einzelnen seltenen Magenkarzinomen mit dem gleichen Gerüche i 
entsteht dieser durch Autolyse des Tumors, nicht des Mageninhalts. 
Dieser eigentümliche Geruch hat schon seit langem die Aufmerksamkeit 
erregt, und wurde früher in der Lunge auf ein Ferment (Fi lehne) 
zurückgeführt. 

Fick: Das Charakteristische dieser Fälle bilden zwei Tatsachen: 

1) Der ungewöhnliche Weg, den die Eiterung von der Appendix zur j 

Leber nimmt, weder auf der Lymph- noch auf der Blutbahn, sondern ! 
-durch die Spalte zwischen Peritoneum parietale und colon ascendens ( 
hinauf bis an die Leber und nach Durchbrechen der GJissonschen 
Kapsel in diese hinein. 2) Der chronisierende und progrediente Pro¬ 
zess der vorausgehenden Bindegewebsneubildung unter Schaffung 
kolossaler Schwarten mit nachfolgender Etablierung immer neuer 
nekrotischer Heerde, welche nur in geringen Mengen Eiter enthalten. 
Dieser Befund hat eine innere Aehnlichkeit mit Aktinomykose. Die 
Spaltung der nekrotischen Heerde, besonders in der Leber, führt zu 
keinem Resultat, die Nekrose schreitet am Rande fort, die Höhle ver- 
grössert sich, Heilungstendenz ist gar nicht vorhanden. Aehnliches 
beobachtet man bei Amoebenabszessen nnd bei manchen Hirnabszessen. 
Redner hält die Streptotricheen für aetiologisch unwichtig beim 
Abszess, möglicherweise veranlassen sie die Nekrose. — Zum heutigen 
Falle hat er noch folgende klinische Einzelheiten nachzutragen: Der 
Patient hatte die appendizitische Attaque überstanden, hatte längere 
Zeit gearbeitet und trat ins Hospital unter der Diagnose Pleuritis, 
welche als eine sekundäre neben einem subsphrenischen Abszess 
aufgefasst wurde; letzterer wurde trotz vielfacher Punktionen nicht 
gefunden; nur ein konstanter zirkumskripter Schmerzpunkt diente 
als Wegweiser für die Inzision. Weil die Eiterung immer weiterging, 
wurde schliesslich auch die Appendix exstirpiert. 

Westphalen: Nach diesen Ausführungen ist es sehr zweifel¬ 
haft, ob die früher als Appendizitis aktinornykotica angeführten Fälle 
dies wirklich waren, und nicht vielmehr auch Fälle mit Streptotricheen. 

Ucke: Der Prozess ist eigentümlicherweise immer auf den 
rechten Leberlappen beschränkt; hier dringt er längs den Lymph¬ 
spalten und Venen weiter. Stammten die Streptotricheen aus der 
Blutbahn, so müssten sie auch im linken Leberlappen und in multipler 
Aussaat Nekroseheerde setzen. Zwischen Aktinomykose und Strep- 
totrichose kann kein grosser Unterschied gemacht werden, da Ueber- 
gänge zwischen beiden gefunden worden sind, ja von einigen Autoren 
der Akrinomyzes zu den Streptotricheen gerechnet wird. Die durch 
beide Pilzarten gesetzten Prozesse sind auch nahe verwandt, in bei¬ 


den Fällen handelt es sich um Bindegewebsneubildung, Nekrose. 
Eiterung. — Ueber die chemischen Produkte der Streptotricheen kann 
er keine Auskunft geben. 

Fick: In allen von ihm operierten Fällen war der Eiter und 
Inhalt der nekrotischen Heerde geruchlos. 

H e u k i n g: Es ist interessant, dass reparatorische Vorgänge 
vorhanden sind, die Bindegewebswucherung ist als solche aufzufassen. 
Dies Bild erinnert ihn an Zustände von Phlegmone ligneux (Holz¬ 
phlegmone), die solche z. B. am Halse brettharte Infiltrationen bildet, 
welche durch Inzisionen nicht beeinflusst werden, nicht auseitern. 
Auch an der vorderen Tharaxwand hat er eine solche Phlegmone 
beobachtet, welche in die Tiefe vordrang bis in die Pleuren und so 
den Exitus herbeiführte. Leider sind die Fälle bakteriologisch nicht 
genügend untersucht worden. 

Ucke: Es hat sich wohl um etwas Anologes gehandelt. 

Fick: Die Fälle werden erst maligne, wenn der Prozess in die 
Leber eingebrochen ist; vorher haben sie einen benignen Charakter, 
machen geringe Beschwerden, geringe Temperatursteigerungen. Die 
Sepsis tritt erst auf, wenn die Leber ergriffen ist. 

II. Petersen demonstriert eine Modifikation und Vereinfachung 
der B u r ri’schen Färbemethode. 

Es gelingt mit gewöhnlicher Tuschelösung unter Weglassung des 
Kanadabalsams und des Deckgläschens sehr schöne Dauerpräparate 
herzustellen. Ausser Tusche können eine Reihe anderer Farben mit 
gleichem Erfolge benutzt werden, sog. wasserfeste Farben. Endlich 
ist ihm ein nachträgliches Färben dieser Präparate gelungen, wenn 
sie mit grosser Vorsicht gewaschen werden. — 

Im Anschluss daran reicht Vortragender das neue Leitz’sche 
Demonstrationsokular herum, welches leider eine Vergrösserung nur 
bis 600 gestattet. 

Direktor: Dr. W. Kernig. 

Sekretär: E. M i c h e 1 s o n. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Riga. 

1533. Sitzung am 19. Oktober 1911. 

(Offizielles Protokoll). 

Anwesend 78 Mitglieder und als Gäste die Herren Schneide 
und Schuhmacher. 

Vorsitzender Dr. O. Stender. Schriftführer Dr. E. Kroeger 

Vor der Tagesordnung .verliesst der Präses eine an die Gesell¬ 
schaft von Prof. Zander (Königsberg) gerichtete Aufforderung zur Mit¬ 
arbeit an einer Festschrift für das Ehrenmitglied der Gesellschaf- 
Prof. S t i e d a (Königsberg), zur Feier seiner 50—jährigen Dozententät 
tigkeit. Der Präses ersucht die Kollegen auch den heute nicht anwe¬ 
senden Mitgliedern hiervon Mitteilung zu machen. 

Dr. v. Sengbusch demonstriert einen Fall von luxatio coxae, 
3 Monate nach der Luxation reponiert. 

M. H. Ich muss Ihnen Pat. heute vorstellen, da ich ihn sonst 
aus den Augen verlieren könnte. Er ist interessant in mancher Hin¬ 
sicht. Es handelt sich um eine Reposition einer Luxatio coxae 3 Mo¬ 
nate nach dem Unfälle bei einem 58 jährigen. Am 24 Juni 1911 
Unfall mit der elktr. Strassenbahn, seine Luxation ist damals über¬ 
sehen und er wegen einer Kniekontusion einige Wochen auswärts in 
Behandlung gewesen. Dr. Bernsdorff schickte Pat., der mühselig an 
einer Krücke und unterstützt von einem Begleiter ging, am 8 Sep¬ 
tember ins rote Kreuz. Der Zweifel ob eine schlecht geheilte Fraktur 
oder Luxation, die allerdings gleich angenommen wurde, vorlag wurde 
durch das Röntgenbild entschieden — in tiefer Narkose am 13 Sep¬ 
tember Repositionsversuche gemacht und zwar von Dr. Helmboldt- 
Sarfels und mir. Wir konnten den Kopf wohl stark lockern auch herab¬ 
ziehen, aber nicht in die Pfanne bringen und er wurde dann für 
eine Woche in Extension gelegt und am 22 IX wieder 
vorgenommen, nach vieler Mühe war dann plötzlich die Stellung 
ausgeglichen, Abduktion und Rotation frei ohne dass deutliches Ein¬ 
schnappen bemerkbar gewesen wäre. Schienenverband. Röntgenkon¬ 
trolle am nächsten Tage ergibt tadellose Stellung. Ich liess den Verb. 
6 Tage stehen-legte dann zwischen Sandsäcke und massierte täg¬ 
lich mit Einfügung kleiner Bewegungen das Gelenk, schon a m 
14-ten Tage nach der Reposition liess ich aufstehen, in den ersten 
Tagen trat er überhaupt nicht auf den Fuss auf, am 5-ten Tage ging 
er an einer Krücke, am 7-ten konnte er ohne Krücke gehen und 
jetzt hat er schon recht gute Funktion, es fehlen noch einige Tage 
an 1 Monat seit der Reposition. Das Interessante also: Re¬ 
position ist gelungen nach 3 Monaten und nach einem wei¬ 
teren Monat ist' er im Stande ohne Stütze zu gehen. Ich 
empfehle dringend eine nicht gelungene Reposition jedenfalls nach 
einiger Zeit^zu wiederholen und werde diese gelegentlich auch bei 
veralteten Schulterluxationen versuchen. 2-tens empfehle ich noch 
dringender nicht zu lange Ruhe zu machen. (Autoreferat). 

Dr. P. Klemm demonstriert: 

1) eine Patientin und einen derselben auf operativem Wege ent¬ 
fernten Ureterenstein, 

2) einen Fall von Cholelithiasis, 

3) einen nach einer Stichwunde entstandenen Hämatopneumo- 
thorax. (Die Arbeiten werden veröffentlicht werden). 


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12. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 1. 


1912. 


Diskussion ad 1) Dr. von Sengbusch berichtet, dass es ihm 
gelungen sei diesen Ureterenstein sicher durch Röntgenphotographie 
zu diagnostizieren. 

Er konnte eine Platte herstellen auf der deutlich der Nieren¬ 
schatten und auf halbem Wege zwischen Niere und Blase der Stein 
sichtbar war. 

Dr. Klemm betont, dass die Nierensteindiagnose nur mit Hilfe 
der Röntgenstrahlen sicher zu stellen sei. 

Dr. Hach fragt wie fest der Stein im Ureter lag und ob die 
Funktion der betreffenden Niere durch die Katheterisierung des Ure¬ 
ters geprüft worden ist. 

Dr. Klemm: Die Stelle an der der Stein lag bot einen kleinen 
Divertikel dar. Der Ureter ist nicht katheterisiert worden, doch hat 
die Niere scheinbar wohl funktioniert, denn das Becken war nicht er¬ 
weitert und der Urin blieb auch nach der Operation ganz normal. 

P. I. der Tagesordnung: 

Dr. von Krfldener: Operation eines retrobulbären Tumors 
mit Erhaltung des Auges. (Krönlein). 

Die 14 jährige Patientin, welche ich heute hier vorstelle kam vor 
16 Tagen in meine Behandlung. Im Laufe der letzten Monate trat 
das Auge sichtlich vor, und zu gleicher Zeit machten sich zeitweise 
Schmerzen bemerkbar. Ich fand das linke Auge protrudiert in der 
Richtung der Orbital-Axe, ein Tumor war nicht palpierbar und die 
Augenbewegungen waren noch recht ausgiebig. Es musste das Vor¬ 
handensein einer retrobulbären Geschwulst angenommen werden und 
ich beschloss, da das Auge selbst intakt war die Entfernung derselben 
mittelst temporärer Resektion der temporalen Augenhöhlenwand. Der 
Schnitt begann etwas oberhalb der Linie des Augenbrauenbogens, 
etwa 2 ztm. nach rückwärts vom Processus zygomaticus des Stirn¬ 
beines und verlief längs des temporalen Orbital-Randes bis zum 
oberen Rande des Jochbeines und endete über dem Jochbogen hinter 
dem Processus frontalis des Jochbogens. Nachdem die Blutung gestillt, 
resezierte ich die knöcherne Augenhöhlenwand durch 2 schräg nach 
hinten konvergierende Schnittlinien. Nachdem ich jetzt das etwa 
4 ztm. nach jeder Richtung messende Knochenstück zurückgeklappt, 
lag der Inhalt der Orbita klar vor Augen. Der Externus wurde bei 
Seite gezogen und Bulbus sowie Sehnerv präsentierten sich dem 
Auge, ln der Tiefe der Orbita wurde der hier beiliegende, etwa Pflau¬ 
mengrosse Tumor sichtbar, der sich mit dem Finger bequem heraus- 
schälen liess. Die resezierten Teile wurden hierauf zurückgeklappt, die 
Wunde vernäht, und heute 14 Tage nach der Operation, sieht das 
Auge wieder vollständig normal aus. Leider hat die Untersuchung 
ergeben, dass es sich um ein Sarkom handelt. Die beschriebene Ope¬ 
ration ist von Krönlein im Jahre 1889 konstruiert und ich habe mich 
überzeugt, dass sie den ganzen Orbital-Inhalt dem Operateur sichtbar 
macht und ihre Ausführung auf nicht all zu grosse Schwierigkeiten 
stösst. (Autoreferat). 

Dr. Voss fragt ob man heute noch die von Krönlein zur Eröff¬ 
nung zuerst angegebene Stichsäge benutzt, oder ob man vom Ge¬ 
brauch dieses Instrumentes abgekommen sei. 

Dr. Bar. K r ii d e n e r glaubt, dass man auch die Säge benutzen 
kann, doch habe er, um möglichst Splitterung des Knochens zu ver¬ 
meiden, kleine Meissei gewählt. 

a) P. 2. Dr. A. Berkholz demonstriert einen hypotropi¬ 
schen Säugling. Es ist das erste Kind gesunder Eltern, keine 
Lues, und wiegt im Alter von 1 Jahr 8 Mon. 3600 gr., hat mithin das 
Gewicht eines Neugeborenen. Der Patient wurde ca. 1 Jahr lang an 
der Brust der Mutter ernährt, mit V 2 Jahr wurde Beikost gegeben, 
im Sommer 1910 und 1911 litt er an mässig schweren, relativ rasch 
vorübergehenden Darmerkrankungen, die aber für die Hypotrophie 
nicht zur Verantwortung zu ziehen sind, sonst bisher keine Krank¬ 
heit n. Geboren wurde er mit einem Anfangsgewicht von 2450 gr., 
machte auch damals nach Dr. Knorres Angaben körperlich bis auf 
einen grossen Schädel einen stark unentwickelten Eindruck, obgleich die 
Geburt am richtigen Schwangerschaftsende erfolgte. Die ersten Zähne 
brachen mit einem Va Jahre durch und hat Pat. z. z. 14 Zähne 
(8 Schneide-, 4 Augen- und 2 Backenzähne). 

Das Knochensystem weist überaus grazile, aber sonst normale 
Verhältnisse auf, keine Rachitis, Fontanelle geschlossen Kopfumfang 
42 l 2 zm., Leibumpfang 40—45 zm. Körperlänge 56 zm. An der Haut 
etwas Intertrigo und einzelne Ekzemblasen. Intelligenz zurückge¬ 
blieben auf der Stufe eines 9—10 wöchentlichen Kindes. Die Organe 
der Brust o. B. Der Leib sehr stark aufgetrieben tympanitisch, es 
besteht kein Tumor im Leibe, keine Stuhlverhaltung. Bei einer in den 
letzten 3 Wochen durchgeführten Ernährung entsprechend dem Alter 
des Kindes, ohne Rücksicht auf sein Gewicht (V 2 Milch Malzkaffee 
und Brot mit Butter, Fleischbrühe mit Gemiisepürree & Mannakissel 
oder Kompot, oder Milchgrütze mit Fruchtsaucen) hat das Kind 
während dieser Zeit an 600 gr. zugenommen & ist um zirka 4 zm. 
gewachsen. 

Nach Ansicht Dr. Berkholz besteht im vorliegenden Falle schon 
eine richtige hochgradige angeborene Hypotrophie (Var.ot) eine der 
Hirschsprungschen ähnliche Anomalie des Darmes. (Autoreferat). 

b) D r. Berkholz berichtet ferner über folgendes Krankheits¬ 
bild : Ein von gesunden Eltern stammendes Kind entwickelte sich 
bis zum Alter von 1 Jahr ein Monat normal, lief, hatte normale 
Zahnbildung und soll auch geistig nichts pathologisches aufgewiesen 
haben. Da erkrankte es an leichtem Scharlach zu dem sich aber am 
8. Krankheitstage eine Meningitis plötzlich gesellte mit starken all¬ 


gemeinen Konvulsionen, die sich während der nächsten 2 Monate 
oft wiederholten. Am ca 21-sten Krankheitstage des Scharlachs tritt 
Otorrhoe beiderseits hinzu, die aber ohne weitere Komplikationen 
im Laufe von 3 Wochen ausheilt. Die meningitischen Erscheinungen 
bessern sich, so dass Patient zirka 3 Monate nach dem Beginn 

derselben in bester Rekonvaleszenz sich befindet. Da erkrankt er an 
seiner akuten Magendarmerkrankung und es entwickelt sich das 
jetztige Krankeitsbild, welches 4 bis 5 Monate lang ziemlich un¬ 
verändert anhielt. Der Status in dem der Patient meine Privatklinik 

aufsuchte war folgender: extreme Abmagerung, Patient liegt in 
outriertem Opisthotonus (Demonstration eines Photogramms) Equinus- 
stellung der Füsse, Arme gestreckt, die Muskulatur ist so marmor¬ 
artig steif, dass jeder Muskel einzeln hervortritt und eine aktive 
Flexion unmöglich ist, Reflexe nicht zu prüfen, Augenhintergrund 

normal, die mimische Muskulatur ist an den tonischen Krämpfen 
beteiligt, der Mund weit aufgesperrt, Schlucken möglich aber er¬ 
schwert. Sensorium klar, doch erscheint Patient apatisch. Befund an 
den inneren Organen normal, Ohren normal, kein Schlaf. 

Im Verlauf der mehrwöchentlichen Beobachtung ergibt sich 
unregelmässiges intermittierendes Fieber unter Nervina und Bädern 
(Brom und Chloralhydrat) ein Nachlassen der tonischen Starre, die 
schliesslich nur anfallsweise auftritt. Die L?ntersuchung der Zerebro¬ 
spinalflüssigkeit ergibt neben zahlreichen Leukozyten die Anwesen¬ 
heit von Streptokokken. Patient ist vor 2 Tagen plötzlich gestorben. 

Vortragender nimmt als Diagnose Folgezustände einer Strepto¬ 
kokkenmeningitis an, wenn er auch in der Literatur ein Analogon 
für ein derartiges Krankheitsbild nicht hat finden können. (Auto¬ 
referat.) 

Diskussion ad. b, 

D r. Ed. Schwarz fragt nach dem Sektionsbefunde. 

Dr. Berkholz: Die Sektion ist von den Eltern verweigert 
worden. 

Dr. Ed. Schwarz weist darauf hin, dass ein so starker Opis¬ 
thotonus ein Kleinhirnsymptom sei und oft durch Kleinhirntumoren 
bedingt beobachtet worden sei. 

Dj. Berkholz wendet dagegen ein, dass der Augenhinter¬ 
grund völlig normal gewesen sei, es habe eine Stauungspupille ge¬ 
fehlt und Strabismus habe auch nicht Vorgelegen. 

Theodor Schwarz stimmt dem Kollegen Ed. S. darin bei, 
dass derartige tetanische Zustände besonders bei Erkrankungen des 
Kleinhirns beobachtet werden; so hat er z. B. im vergangenen Jahr 
mit Dr. Dietrich einen Fall gesehen, bei dem sie eine Kleinhirnge¬ 
schwulst annahmen, welcher gehäuft spastische Zustände mit Opisto- 
tonus zeigte; die Operation von Dr. P. Klemm ausgeführt, ergab in 
der einen Kleinhirnhemisphäre einen erweichten Tumor oder eine Er¬ 
weichung. Wenn nun in dem Bcrkholzschen Fall anamnestisch erwähnt 
wird, dass der auswärtige Kollege zuerst bei Beginn der Erkrankung 
eine Meningitis angenommen und wenn zirka 2 Wochen später bei 
Eintritt einer Otorrhoe die mening. Erscheinungen schwanden, so 
möchte er den Kollegen B. fragen, ob nicht der Zusammenhang 
derart zu konstruieren nahe liege, dass eine Otitis als primäre Ur¬ 
sache eine „Pseydomeningitis“ ausgelöst habe, welche aber mit dem 
Eintritt des Öhrenflusses abgeklungen, was die Ohrenaerzte ja häufig 
erleben, da dann die späteren Krankheitserscheinungen mit diesen 
starken spastischen Zuständen einhergingen, wobei Fieber eigentlich 
fehlte, könnte man ungezwungen an einen Kleinhirnabszess denken, 
welcher ja durchaus nicht Veränderungen des fundus oculi zu machen 
braucht und wäre der Tod dann durch eine komplizierende finale 
Meningitis erfolgt. Schliesslich wäre obige Ansicht natürlich nur ein 
Erklärungsversuch. (Autoreferat.) 

Dr. Berkholz (Schlusswort): Eine Meningitis soll schon, 
nach den Angaben des das Kind früher beobachtenden Kollegen, 
vor der Otorrhoe bestanden haben, während die Opisthotonuserschei¬ 
nungen erst 5 Monate später aufgetreten sind. 

D r. H. Schwarz berichtet kurz über einen, dem von Dr. 
Berkholz soeben demonstrierten ähnlichen Fall. Ein sechsmonatliches 
Brustkind, welches am 14-ten VIII. in das Kinderhospital aufgenom¬ 
men wurde, seit 2 Tagen krank, im Beginn Krämpfe, typischer menin- 
gitischer Symptomenkomplex, Nackenstarre, starke Spannung der Fon¬ 
tanelle. Lumbalpunktion entleerte unter mässig erhötem Druck satrk 
getrübten Liquor zerebrospin, in welchem Gram-positive Kokken in 
geringer Menge vorhanden waren, deren kulturelle Differenzierung 
nicht gelang. Die anfangs hochfebrile (um 40°) Temperatur fiel im 
Laufe von etwa 14 Tagen bis zu subfebrilen Werten ab, der Allge- 
mcinzustand besserte sich, die anfangs hochgradige spastische Starre 
der Extremitäten liess nach, das Kind blieb aber völlig reaktionslos 
und bot keinerlei Zeichen einer vita psychica. Vor etwa 3 Wochen 
begann sich unter andauernd subfebrilen, von einzelnen kurzdauern¬ 
den Erhebungen unterbrochenen Temperaturen ein immer zunehmen¬ 
der Opisthotonus auszubilden, der jetzt ungefähr dem Bilde, das 
Dr. Berkholz’s Fall darbietet, entsprechen dürfte. 

Was in solchen Fällen eigentlich vorliegt, lässt sich intra vitam 
wohl nur schwer feststellen, da eine genaue Untersuchung kaum durch¬ 
führbar ist, an Hydrozephalus müsse immer gedacht werden. Wäh¬ 
rend in Dr. Berkholz's Fall die Meningitis nur anamnestisch mit einer 
gewissen Wahrscheinlichkeit erschlossen werden konnte, habe sich 
liier die direkte Entstehung eines solchen Krankheitsbildes aus einer 
klinisch sichergestellten Meningitis nichttuberkulöser Natur beobachten 
lassen. (Autoreferat.) 


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Gch igle 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 1. 


13. 


N a c h t ra g bei der Korrektur: Das Kind ist mittlerweile ad j 

exitum und am 11/XI zur Sektion gekommen. Dieselbe hat einen I 

hohcgradigen Hydrocephalus internus ergeben. j 

Punkt 3. Dr. Schwarz .Salvarsantherapie und Neurozecidive“. I 
(Der Vortrag ist erschienen in der St. Petbg. Med. Wochenschrift). Die Dis- j 
kussion über dieses Thema wird auf die nächste Sitzung verschoben. | 


(Offizielles Protokoll). I 

1534. Sitzung am 2. Nov. 1911. j 

Anwesend 64 Mitglieder. j 

Vorsitzender: Dr. O. Stender. Schriftführer Dr. E. Kröger. I 
P. 1. Dr. L. Bornhaupt. Demonstration. 

M. H. gestatten Sie, dass ich Ihnen hier ein Kind demonstriere, j 
das durch einen operativen Eingriff von einer schweren eitrigen, 
Perikarditis geheilt worden ist. Das Kind war am 10. Juli 1911 | 

in die innere Abteilung des Kinderhospitals eingetreten und von dort I 
sehr bald in die chirurgische Abteilung übergeführt worden. Der 
Zustand war ein denkbar schwerer. Neben starker Dyspnoe, und j 
einem sehr kleinen, kaum fühlbaren, stark beschleunigten, unregel¬ 
mässigen Pulse, bestand eine stark vergrösserte Leber, Aszites in 
Abdomen und vorne eine ausgedehnte Dämpfung der Brust, die Sie 
auf den Aufzeichnungen, die ich herumzureichen bitte, deutlich sehen | 
können. Das zweite Bild zeigt Ihnen die Grenzen der Dämpfung nach j 

' der Operation. Das Kind konnte nur in sitzender Stellung atmen und j 

machte einen so schlechten Eindruck, dass ich mich zuerst zu einem 
operativen Eingriff nicht entschliessen konnte. Ich versuchte zuerst 
den Eiter durch Punktion zu entleeren, um so das Herz wenigstens 
etwas zu entlasten. Es wurde auch bei der Punktion dicht neben der 
linken Mamilla zirka 1; 2 Liter Eiter entleert. Darauf besserte sich der 
Zustand des Kindes etwas; der Puls wurde kräftiger und etwas regel¬ 
mässiger, so dass ich am 14. Juli den Entschluss fasste durch Rippen¬ 
resektion dem Eiter einen breiten Abfluss zu gewähren. Ich resezierte 
die 4 und 5 Rippe vom Sternum an nach links hin. Bei der Eröff¬ 
nung der Perikards wurde die linke Pleura auch verletzt, und es 
strömte aus derselben eine grosse Menge serösen Exsudats. Die 
Oeffnung in der Pleura wurde austamponiert, das schwartig verdickte 
Perikard breit eröffnet und der Eiter aus dem Perikard entfernt. Der 
eitrige Prozess im Perikard schien ganz abgeschlossen zu sein, so 
dass die ganze Eiterhöhle breit austamponiert wurde. Diesem Um¬ 
stande, dass der eitrige Prozess im Perikard abgegrenzt war, wird 
wohl das Kind wahrscheinlich auch sein Leben zu verdanken haben. 
Denn nachdem es fast pulslos vom Operationstische ins Bett gebracht 
worden war, erholte sich das Kind wider Erwarten allmählich und 
hat die schwere Erkrankung jetzt überstanden. Am 26. Oktober 
musste ich eine kleine Nachoperation ausführen und einen Eiterherd 
in der unteren Par ie der linken Pleura eröffnen. Jetzt geht es dem 
Kinde gut. t° ist normal und sieht es der vollständigen Heilung 
entgegen. (Autoreferat). 

Diskussion: Dr. v. Hampeln: Die Frage der Perikarditis ist 
klinisch von grosser Wichtigkeit. Da man meist nicht in der Lage 
ist die Entwickelung des Exsudates zu beobachten, sondern dasselbe 
gewöhnlich schon ausgebildet zu sehen bekommt, so bleibt die Diffe¬ 
rentialdiagnose zwischen einer Dilatation und einem Exsudat sehr 
schwierig. Die diagnostisch so wichtigen Reibegeräusche fehlen meist 
im späteren Stadium, die Herztöne aber und der Spitzenstoss können 
sich in beiden Fällen gleich verhalten, ebenso die Dämpfungsfigur. 
Bei der von Dr. Bornhaupt demonstrierten Zeichnung fällt der Unter¬ 
schied zwischen absoluter und relativer Dämpfung auf, ein für ein 
Exsudat ungewöhnliches Verhalten, das er sich aus diesem nicht er¬ 
klären könne. Bekanntlich dehnt sich in seltenen Fällen, auf die 
zuerst Curschmann hingewiesen hat, ein mächtiges perikardiales 
Exsudat, besonders nach links aus und kann so ein grosses links¬ 
seitiges Pleuraexsudat Vortäuschen. In diesem Falle scheine ihm das 
Verhalten des halbmondförmigen Raumes von grosser Wichtigkeit zu 
sein. Seine Helligkeit spräche, die Anwesenheit eines Exsudats und 
nicht eines Tumors vorausgesetzt, für ein perikardiales Exsudat, 
während seine Mattigkeit ein perikardiales Exsudat ausschliesst und 
für ein Pleuraexsudat Spricht, es sei denn, dass beide Höhlen ein 
Exsudat bergen. 

Dr. Bornhaupt: Auf die Ausführungen von Dr. von Hampeln 
hin möchte ich noch den Umstand anführen, dass die Diagnose durch 
die Röntgenaufnahme, die Dr. Karl Brutzer ausgeführt hatte, gesichert 
war, da der dreieckige Schatten, wie er bei einem perikardialen Exsudat 
typisch ist, ganz deutlich vorhanden war. Die ausgebreitete relative 
Dämpfung möge durch das seröse Pleuraexsudat, zum Teil auch 
vielleicht durch schwartige Prozesse in der' Umgebung des Eiterherdes 
zu Stande gekommen sein. 

Dr. v. Hampeln hat das sehr charakteristische Bild gesehen. 
Der Herzschatten war mitten im Exsudat sichtbar. Er glaubt, dass 
die Röntgenstrahlen die Diagnose sehr erleichtern können. 

P. 2. Dr. L. Bornhaupt: Ferner möchte ich Ihnen, M. H. 
hier ein vierjähriges Kind vorstellen, das am 22. Februar 1911 von 
mir wegen einer eitrigen Appendizitis operiert worden war. Das Kind 
war ca. 2 Jahre vorher krank gewesen, indem im Vordergründe der 
Erscheinungen Blasenbeschwerden standen. Das Kind litt ausserdem 
an Appetitlosigkeit, häufigen Temperatursteigerungen, gelegentlichen 


Leibschmerzen. Im Harn gelang es dem behandelnden Kollegen 
Eiterkörperchen nachzuweisen, und daher ist das Kind in die Klinik 
gebracht worden zur zystoskopischen Untersuchung. Der Kollege 
v. Engelmann, der die zystoskopische Untersuchung ausführen wollte, 
konnte im Harn keinen Eiter nachweisen und sprach den Verdacht 
aus, dass die Krankheitsursache eventuell doch in der Bauchhöhle 
und nicht in der Blase zu suchen sei. Bei der Untersuchung per 
Rektum konnte ich einen hinter der Blase zum kleinen Becken hin 
liegenden entzündlichen Tumor nachweisen, der als ein Abszess in 
Folge einer Appendizitis angesprochen werden musste. Bei der Ope¬ 
ration erwies es sich, dass der Wurmfortsatz an der Kuppe perforiert 
war, wodurch ein mit fäkulent riechendem Eiter ausgefüllter, abge¬ 
schlossener Eiterherd hinter der Blase entstanden war. Der Wurm¬ 
fortsatz wurde entfernt, die Eiterhöhle breit austamponiert, und das 
Kind verliess am 18. März im geheilten Zustande die Klinik. Es muss 
an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass die Appendizitis nament¬ 
lich bei Kindern sehr häufig Blasenbeschwerden verursacht, falls der 
entzündliche Prozess sich in der Umgebung der Harnblase abspielt, 
und die Diagnose Zystitis finden wir häufig in der Anamnese als 
Fehldiagnose bei einer chronischen Appendizitis. Am 16. Juni 1911 
ist das Kind wieder schwer erkrankt, wobei Erbrechen, Stuhl- und 
Windeverhaltung im Vordergründe standen. Am 19. Juni wurde das 
Kind ins Kinderhospital gebracht und hier unter der Diagnose Darm¬ 
okklusion von mir sofort operiert. Bei der Operation fand ich einen 
Adhäsionsstrang, der eine Dünndarmschlinge vollständig abschnürte. 
Der Strang wurde entfernt und der unterhalb der okkludierten Stelle 
zusammengefallene Darm füllte sich sofort. Nach einem vollständig 
glatten Verlauf verliess das Kind am 29. Juni 1911 als geheilt das 
Hospital und Sie sehen es heute gesund vor sich. 

Die Darmokklusionen kommen nach einer Appendizitis häufig 
vor. Nach einer Zusammenstellung aus der Körte’schen Klinik sind 
dort in ca. 17 Proz. aller Blindarmerkrankungen Okklusionen aufge¬ 
treten. Der Darmverschluss, der durch die Adhäsionen zu Stande 
kommt, kann verschiedener Art sein, es sind Abknickungen, Ab¬ 
schnürungen, schwere Kompressionen des Darms und sogar Invagi- 
nationen vorgekommen. Da die Mortalität bei diesen Fällen eine 
recht hohe ist (sie kann fast 50% betragen), so muss die rationelle 
Behandlung derartigen Zuständen Vorbeugen. Die Frühoperation ist 
auch von diesem Standpunkt aus die beste Behandlung der Appen¬ 
dizitis, weil sich die schweren und ausgedehnten Adhäsionen dann 
noch nicht ausbilden können. 

P. 3. Dr. M. Eliasberg: demonstriert einen einfachen und zu¬ 
verlässigen Augenverband. 

Der Vortrag erschien mit Abbildungen versehen in der „Wochen¬ 
schrift für Therapie und Hygienie der Augen* Ns 4. 26. Okt. 1911. 

P. 4. Diskussion über den Vortrag von Dr. Ed. Schwarz 

„Ueber Salvarsantherapie und Neurorezidive“. 

Der Präses berichtet kurz über die Diskussion, die über dasselbe 
Thema auf dem Neurologenkongress in Frankfurt a. M. stattgefunden 
hat und bittet die Gesellschaft sich bei der Diskussion nur auf die 
Neurorezidive zu beschränken und nicht den Einfluss des Salvarsans 
auf die Reaktionen zur Sprache zu bringen, da über dieses Thema 

ein spezieller Vortrag in Aussicht gestellt worden ist. 

a) Dr. v. Engelmann: Die Veröffentlichungen über beobachtete 
Neurorezidive nach Salvarsanbehandlung haben sich in letzter Zeit 
entschieden gemehrt, so dass in der Tat der Anschein erweckt wird, 
als ob die Salvarsantheraphie damit in einem ursächlichen Zusammen¬ 
hang stehen könnte. Die Frage erscheint jedenfalls noch nicht ge¬ 
klärt und sind weitere Beobachtungen an grossem klinischen Material 
erforderlich. Erschwerend für die genaue Feststellung dieser Zunahme 
und für den Vergleich mit den Beobachtungen früherer Zeit wirkt die 
veränderte und noch nicht einheitliche Auffassung darüber was als 
Rezidiv zu betrachten ist; gegen früher werden jetzt viel mehr Krank¬ 
heitserscheinungen als Syphilisrezidive gedeutet. Zu weit gegangen 
erscheint es jedenfalls allein auf den positiven Befund im Liquor 
zerebrospinalis (Wasscrmannsche Reaktion, Pleozytose u.s.w.) hin, 
schon ein Neurorezidiv annehmen zu wollen. So wertvoll die Wasser- 
mannsche Reaktion als differential-diagnostisches Mittel unstreitig ist, 
so ist die Frage ihrer Bedeutung doch noch nicht so weit geklärt, 
dass ihr positiver Ausfall den klinischen Symptomen gleichgesetzt 
werden kann, jedenfalls nicht in der vorliegenden Frage. Auch über 
die Rolle die dem Salvarsan beim Zustandekommen der Neurorezidive 
zugeteilt wird, herrschen Meinungsdifferenzen. Hauptsächlich kommen 
drei Auffassungen in Betracht. Erstens wird die Meinung vertreten, 
dass das Salvarsan im Nervensystem einen locus minoris resistentiae 
schafft, also neurotrop wirkt, und dadurch das Auftreten von Neuro- 
rezidiven direkt begünstigt. Nach der zweiten Auffassung handelt 
es sich um das Exazcrbieren eines latent bereits vorhandenen, syphi¬ 
litischen Prozesses im Sinne der Herxheimerschen Reaktion. 

Die dritte Ansicht, der sich auch Ehrlich angeschlossen hat geht 
dahin, dass gewisse Heerde im Nervensystem dem Salvarsan schwer 
zugänglich sind, daher die Wirkung hier zu schwach oder zu wenig 
nachhaltig ausfällt. Hier entwickelt sich dann das Rezidiv, während 
die Wirkung auf die übrigen Organe eine genügende war um das 
Rezidiv zu verhindern. 

Nach den Beobachtungen an meinem Material, das gegen 400 
mit Salvarsan behandelte Syphilisfälle betrifft kann ich konstatieren, 
dass die Rezidive im allgemeinen gegen früher seltener geworden 
sind, dass aber allerdings die Erkrankungen des Nervensystems ver¬ 
hältnismässig häufiger Wiederholungen der Injektion erforderten als 
die übrigen Erscheinungen. Neurorezidive bei Kranken, die vor der 


Digkize : by 


Gck igle 


Original fro-rri 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



HL 


St. Petersburger M^ÜmnhcUe Zeitschrift. „Ne K 


mz 


SakärsanbeltähdUmg keine. Symptome uh? Seiten dy$ Nervcnsystcins 
/aidwtese« Bähe ich ijur. vereinzelte erlebt (SchwerttbrigfccH sind s'-.'tote«- 
sattstiri hei anscheinend niiak'tc&t Miüetohr, KupftebjpFRtem und l%- 
pUlt ndiherenz, netm’ti.selie Prozesse etc). Eint Zivfialmie gegen ?n»he.r 
habe ich an meinem Material nicht .konstatiere« können, ’m dass ich 
mich »kr 3. Auffassung auschlicssen mm h ie, das* o,' sich bei dem 
Auf treten der Neyforezhliv* um eine ?u wenig Wirkling des 

Salvarsairs auf rite betreffende« Heerde himdeth konnte, umso mehr 
als die Wiederholung der Injektion eventot. 11 um Jutchtob^ndt r Q-o- k. 
üfiberthemphk- -..ich zur Beseitigung dieser C->:.i.H*t«nugt.ii ab: wufc.&tnV 
erwiese;« teil. • Aijtorcterati. 

kf Nach. Hte Th. Schwärt?, ist auch heute noch eipe grosse. 
Z;:M vier Autoren der .Mcimmg, dass die Nnirorc/Jdive steh’ feiert 
tefiite *&)&*&* dies damit. dass die 

des*; Kferpitt^ ybihi nicht getonnt ist, eine direkt toxische Wirkung 
dek SälVänfimfe Xvird dagegen ydn den meisten abgHchnt, $.v. weist 
Jt, &'Tu&wrturr. hvhlue}i. mini- W. Jste 35, IBUj auf Usskov. ; Odt:ssk 
• fh3^>^•'•We^ffcif’•''bgt^'.fcbdK..bei Salvarsananweiidiirig die Nd- 
venaffAktionen etlelil hat. Fraglich tel aber, oft nicht i.inrli eine qz - 
Wisse neutotrhpe Wiftahitf Iffe Utek bestehe, dafür 

wurde nach T rd n?«»•>.«r tbe 'Bcobucbtuo.g. spachen, dass die Neiü»>- 
Tezid.lvc gemde n:i#i 1 1 •; - ■ Mbjiötcti nnl eiiicr gtavsen 


cs. die Ne.no. rezidive ähm Vcfsbhwiddc» tv bringe«. Ihc r.-its.ulie 
^doppelseitige« Erkrankung. einiger Nerven gleichzeitig, .Z0$;.. 
des äcusiteus wre: Heek iMimch lncd W .V ii, EU ] i will, tum 
Beweise vmei scbaUigertdert Wirkung des teitearsa«* iK-teiruUztdltyu, 
scheint Seh> 1; te‘■- meid *tkhlf«i%, da doch wohl viel •mehr.der,ulvge 
Fülle auc?i TrUhvr v«4«.:Kunmtert, als Beek zittert, ScliWart/. Weist 
dabei auf sintert tiö^efdägigco Roh des Kollege« Y«ss Um. Intetessarrt 
ist io dem Fd 11 von .I?eck, dass hitr. 4 iwäh ,^t InjekHö# 

(iat ravend«) As in:Spuren miHiim na tilge wiß.kej» werden kannten. . 
Volle • Ucbcremsttmmüng herrschte üt>Wip:Jte au eit- noch nicht fipÖ 
die i veeckmässigsf e Art der inlmenösen Abwendung.' so bt luhrptet 
Professor Spiel ho ff iAVikidh. mCd. W. J\h -0. I.öf 1 >. dass ..er narb" 
saurer intravenös.. .Applikation dt* Sdv. keine Rezidive gesehen, 
wen« Mich die ersttfefi AfjMljfhihgtschCtnungcii rfdfkjfE seien. ^AiiRii.d.). > 

ei ftc M. Seil,.Mifcid; werrn >«g;Sr beide Vorredner, di« du.« 
Utesvm ItescKrinm^Nvebtete jiabeb Stehen. i:%äm:etiile Aufklärung!',»h 
unslfthen so e(> beim nite ' dteH*$ 'Missverständnis raii 

d.nitocb bedingt, dass der Vortragende in Beteug aut die d «/.elfte« 
Nemdrc/idivc uüs !«id»; hist >• * bb « l»u deren Art (ob zervb^i, 
spinal f.te.* utkb kUbiSfCheu Vc»li«d iwftoldch sondern aussdiliesshfsU 
aiifdic äShlejärßtbsi^t; Wiedcfgab*' der Reak.Ub.bsmrhtnde sieb hes'cft«Ä^ 
hat- Für uns- aber iKniV ^ wohl ncieii fUr 'Im'fge Zeit tiJoaüÄ -- nicht • 
die Zaid dtcr hympfifkcVto« etc sh imh« <onder« der 
zushmd des Kränken massgebend- sein, wenn wir wm dr/n Tu folge. 

der Sojifar^^bchaudlnuiJ; reden. Von dfc^cht aus 

möchte leb auch die vor. Fd. .Schwarz erwähn Um ; wtmger- eureu- 
Ifditil ürgebnfs$fe hm einer anilKilatorr&ebem Behandlung mit 606 
.darin-; begründet sehe«-, dass- cs steh hier iyr:<hl von vorn horvüx imi 
Fälle von schwerer Atfektion dc> (>.erebr:dtn ; ) N. Si ^renu gehisudelt 
haben tlnrlk-, wenn es mc?H gchmg'en. mr, dt-n Rat. ent V'vrshmdhlss 
firr tlic ernste Bedeutung' eines Neumrczidtvs «unfern beizubrmgen. 
dass sic sogai einer .-stäUon. ß-Jrnidlüug u“.> d Inge wider- 
‘drehten. (Autorefem.). 

d) DrVoss: Die,. Erfabrvngen.-Jtus hdberen Zvlteü ^thd stete 

lückenhaft gewesen, da gen^oeie Bvobacbtnugco .lu^gesdilosMct» 
w^ren. Der l^ewuit^bgc ist - ftfdfot m q&wm&vti D'itte/Bticbe« der 
Ohren geübt, v/dhre«d dem Otolwgen gcgenfifeef die Patienten ihre 
Ines verheimlichen arti können glauben, Wenn Schadigang, tier Ohren 
detö Nalvar^an zu Last gelegt werden könnten, so musste doch 
{rnmer dk* Erkrankung beiderseits Auflreteib was mct>t zuKifft. Djich 
auch schon früher gab es beiderseitige 0 brenerkrank.iugvn auf Ine-' 
trschet Bjas>| wie, ? B. in einem FriUe, der schlecht lüf 

luberkErths gehaherr, in den Süden geschickt wurde und scfRiessiich 
erst ber efner Halserkfarfkutig alv luttisch erkanrH wurde. Das- Hg 
heilte 'dann uueh seine, starke FhirUtongkeii. 

e) Dr, Ed. ScbwarfA (Scliiusr.worlL bedaueri dass Heb 
M, SchOu^Idl »Jte fennkVngusvhtehk'pc dte genau genug vorgctt.igen 
w«teen, um >ich ein Bild Uber dt« Zoxktnd der Kranken zü machen, 
öberltOrt bat, Dieses ist erklär lief jV wenn de« 5 /Reaktionen .'nicht- 
die richtige Würdigung enjeegengebrachi wirdv s,ie’ stdlöy nur He fe- 
rinneh hei der oft umnögHch zu lüsendert Fr^ syin/ imi Was für 
eine Art der Erkrankung &s sich im gegebenen Fall ;htindeli; Dass 
VorUÄgiftdvr diese Reakhoften h^hht^f um n« Ihneh den ErjüAg 1 'zu 
demmistriefcn und dabei auf die teakttoneü, deicn Vtyamteningfcn 
zäHifehmässig' .fotuesteiU werden konnvii.. besonders tjeWicftt gelcgl 
hat.-hVge in der Natur der «Sache. 

Die. vdmelUj'üleli"- •if.fabkhetffCälf'c ; kefe'W. nRiff' nte Vorstufen der 
Paralyse zu hctraclithn; der gfitnzeode Erfolg • igf solcltes. per 
Ölte Kranke IlStbe 40 d, der .andere 35 i* zagetiomnicfi. und Beide 
seien voll arbeitsfähig! Die Euphorie sei keine „paralytische*'. - I 
Was diese riupfmrte anlangoi so ;■ ..Wisse VotUagender ffjcht, ob sehbn. j 
auf tik^erv Unisland mif Nachdruek lirühFr hinge wiese n worden sei. ’ 
Herrn Or Schoiifehte -sej diese Forrr« der tuphörle. wie cs sclneiri j 
unhekahrte. Bei den tiamnsttecbv« Läsionen des Hirns lägen die 
Verhältnisse ähnlich. Erst nachdem Vortragender auf dieses eigen- ! 
türnliche Verhauen ituftnerksam g^madil habe. Iriabv mich P.roL Meyer 


m' Königsberg ' dasselbe betont, Vorrrogendc; ievumivn nochmal 
seine Aushitirüng; htwr die NeuTorczidive und fasst sein Urteil noch- 
iturls zusammen; 

}. Der 'Begriff .»NcürorMidite 1 dürfte bei weiterer Fcusclumg 
wieder verschwinden. Es haudeU sich um Rezidive der Syphilis :im. 
frühst >dia/n die sieh im >’ N.lnkalisicrje« und sei eine ungenügende 
B'CbandHing für das Auftreten hiei ?h ba-sdtiilditeen. Die flärtngkeil 
der FrKran'Kungcn des Z. N. im frühsladrum sei durcli die Salva;s 5 ri‘. 
Avra wieder neu entdeckt worden. Die getrennte Bei Pachtung der 
Syplimhkvr durt’li Dermatologen »«d NeuroTogcn litten diesen Miss-* 
%tänd erae-ogE nnd könnte, nur gemeinsam beobachtetes neues 
Material und neue Stattenken de« Beweis für diese Anschauung er- 
bringen; -die alten Statistiker« uftd das alte Matertaf seten dazu 
ünöranchbat, v, v ic die Statistiken von Babu ihpperidürf.E he wiesen. 

yi Das es .sich bei den „Ncurnrezidiven” um Lucs ze/eb.rt 
handele, Itexvetacn die positiven 5 JReaktiomm, Bei Oiftw-irkung 
dliriteu die 5 Reaktionen o«c-frt positiv, sondern sig rrtfiasien negativ 
äiiNfailvu. 

3) Davs des Snivursam nicht Ursache des Rezidivs',, beweist die 
glMiicrulc Wukuiig des ^äteArsari in häutiger Wtederkpbmvj (3 1 * ) 

hei der. Neiiron.zith'. t*n, 

41 Die amhulame Behaodlihiy- äci atteh bei der RcharidLtog der 
Syphilis, von ,Anbcgrfitn ärt zu widenalen, 

31 örgÄtoitrftp kej dxis Salvarsan nicht. 

Co Auch von enter. Scnsihihsicamg des Nervvnsvsvtemx, die das 
„Nenrarezidiv" veiOJHacben solle, wehin die ZakünU atektwnmen. 

- (AntorefhruÜ'.' 


XÜ. Jahresgeneralversamnilung der Livl, Abtei- 
lang des St. Petersburger ärztlichen Vereins zu 
gegenseitiger Hilfe am 21. Äiigust 1911 um 4 
Uhr Nachmittags in Pernau, 

i Offizielles PtotoUoh.» 

An Stellt de.** Präses D r. ö c r fu‘, d o r\{ CfCvritict. ?te:f 
Dr Sleridcr die YVruimmhmg nmUltehchteU dais rite, vorher' in 
■"ßfgfi. ^inhemtene .lajbteÄ^rtetäfvctÄaröjblfh^ 
der cr^lliFrtehen fttehl ^uMande gfckonmi'cn t*i mul dassr 

dih gegcnw^tligv' Ytri.»nmfh.»ij; : . ,'tuf .(.temid- de» Amncrkunj;. ?«m -W.21 
de- St.;itotes oiuft Rijetetcht jijf die Zahl d«r 'mch'icnuü Mftglteder 
b^schlüssfähig Et itnrl gi'irf; zto») V ; Punkt der T.o^omftüng üher. 

E. L Die Vorsammliing verdientet aui tik itewApreto- 

kcilD der Xl .ialia^gen*rä 1 *cr^ir.mih.wg, d.j dieses Fnvfokoll den Mit* 
gliedern te'-reds »« Druck vorhegl 

b\ *L ln Siyüvfci'heturig des tebweveniten Kunriduhjcrs Ür. Diet¬ 
rich verliest Cn- 'Snmdet den Kass.eukcto'bt 

K a s fe e. n b c r i t h .i 

di't Uvl. Ahtdfhfhg des St. Pctefshji/Kftf Vc-rei'hfe zn ßoKsnseilfgyr 
Hflft füi d;i* Kto-hmn}gsj,ih/ U-tlO-H 

E i n. n a h in c n.: 

Saldo zum 1. Juli H)l(t . » . -. 

MiigliedsbcifrSge 1010**V . . 

N.icbtraglidi gazahlte Mitgttedsh.nifräge fwr 
ifiihere J'ulke . ..... 

Z-tnsch vorn Ki?piuf . ;•., . 

Proftente* von beigetrtebenen Ifonotercn . 

Von. pr. Rtrnpe Beitrag für fetifre» Pittee^ , 

Zuriickj»ezahlt£> patlvheu , 

Surmtia . : . 

Ausgaben* 

Uhtoytuteirngen • . ; ... . . . , . 

An ihe lJjitcrsihtzun^sk’Jk^ ühergehibrt 

Rcchtfe/mwJiK . ... . V. \* 

Versdiietteites, . . 3 . . .... . . 

1 Wcrtpaptcr gc-kaidt . .. 

Saldo zum 1. Juli 1911 « . . . . .- . 


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Summa - . 

V' rrm o j; e n ». fand a m 1. J n l i ] SU ! ' 
Wcttpaptere > 

2 Scrhcinc - 4'Vü Stiwtsrente ... a - 100 Rbl.- 200 Rbl - Kop. 

2 „ 20() , - 400 , 

Z ClMirfcnwer Agrarbank . 100 , 300 ■, -s- ";. 

1 - . ' * « 500 . noo , 

1 , Innere ‘V n Anleihe ..1,000 — l/kk} , 

Chrokör/to .... . » . 273 .. iE 


■ Summa 

Verrnbger^siäud des vorigen Jahres , 

!-Ic wtem 


. . 2ß7H Rbl. 3A Kon 
■ - . ?6 * '■ 

. m Rbi m Kop 








1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSTsl. 


15. 


P. 3. Bericht der Revisionskommission: Bericht 
der Kassarevidenten vom 15. August 1911: 

„Am heutigen Tage haben die Rechnungsbücher, die Wertpapiere 
und das Girokonto revidiert und in Ordnung befunden 

Dr. Bertels, 

Dr. Wilhelm Ruth, 

Dr. Alex. Keilmann.“ 

P. 4. D r. von Engelhardt verliest den von ihm verfassten 
Rechenschaftsbericht. 


Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der Livländ. 
Abteilung des St Petersburger ärztlichen Vereins zu 
gegenseitiger Hilfe pro 1910-1911. 

Die Anzahl der Mitglieder betrug im verflossenen Jahre 166 
gegen 191 im Jahre vorher. 

Als ausgetreten gelten 41 Mitglieder. 

Neu eingetreten sind 16 Mitglieder. 

Vertrauensmänner des Vereins sind augenblicklich die Herren: 
D. Dr. S t i 11 m a r k-Pemau, A. Schwär z-Fellin, Reichardt- 
Werro, O. L e z i u s-Poelwe, A p p i n g-Wolmar, K i w u 11-Wenden, 
v. L u z a u-Wolmar, B i e n e m a n n-Friedrichstadt, K u p f e r-Goldin- 
gen, Zoepf e 1-Libau, Carstens-Arensburg, Kapp-Windau, Otto- 
Mitau, Pfaff-Dorpat 

Von den Mitgliedern waren in Livland, auf dem Lande und in 
den kleineren Städten wohnhaft 67, in Riga 55, in Kurland 27, in 
Estland 5, im Inneren des Reichs 12. 

Unterstützungen wurden aus der Kasse des Vereins bewilligt: 
Frau Dr. M. in R. 100 Rbl., das zinsfreie Darlehen des Dr. R. ist 
zurückgezahlt worden 100 Rbl. 

Im verflossenen Jahr ist der Vorstand 4 Mal (gegen 3 im Vor* 
zusammengetreten. 

as Ehrengericht des Vereins ist kein Mal zusammenge¬ 
treten. 

Die bereits im vorigen Jahresbericht erwähnte Schadenersatz¬ 
klage der Hinterbliebenen eines Patienten gegen den behandelnden 
Arzt, harrt noch in der Apellationsinstanz der Palata ihrer Ent¬ 
scheidung. 

Der Vorstand wurde in 8 Fällen von seinen Mitgliedern um 
seinen Beistand zur Erlangung rückständiger resp. verweigerter Hono¬ 
rare gebeten. 

Durch die letztwillige Verfügung des in Pernau am 27. Juli 1910 
verstorbenen Dr. Paul Schneider ist die Livländische Abteilung des 
St. Petersburger ärztlichen Vereins zu gegenseitiger Hilfe zum Erben 
der Hälfte seines in ausländischen Wertpapieren bestehenden Vermö¬ 
gens im Nominalwert von rund 19,000 Rbl. eingesetzt worden. 

Diese von echt patriotischem und kollegialem Geiste getragene 
letztwillige Verfügung des Testators, kann den livländischen Rechts¬ 
schutzverein nur zu tiefstem Dank und ehrendem Andenken des 
Verstorbenen veranlassen, der es auf diese Weise dem Verein er¬ 
möglicht hat, in viel weiterem Sinn als bisher den idealen Pflichten 
kollegialer Fürsorge nachzukommen. 

Wenn nun auch die Liquidation des Vermächtnisses und die 
Uebergabe der obengenanten Summe an den Verein, voraussichtlich 
ohne Schwierigkeiten im November 1911 erfolgen wird, so hat sich 
doch wieder bei dieser Gelegenheit, die statutenmässige Gebunden¬ 
heit der Livländischen Abteilung vom St. Petersburger Verein in 
störendster Weise fühlbar gemacht und es sind von juridischer Seite 
Bedenken laut geworden, ob die Livländische Abteilung laut Statut 
als selbständige juristische Person anzusehen sei oder nicht! In Folge 
dieser Bedenken haben die Nachlasskuratoren von dem Vorstand als 
Bedingung für den Empfang der Nachlassumme eine Einwilligung 
seitens des St. Petersburger ärztl. Vereins verlangt. 

Da nun schon bei Gelegenheit eines anderen Falles Meinungs¬ 
verschiedenheiten zwischen dem Vorstand des St. Petersburger 
Vereins und seiner provinziellen Abteilungen über vermögensrecht¬ 
liche Verfügungen aufgetaucht waren, so sah sich der Vorstand ver¬ 
anlasst, in diesem Fall den Vorstand des St. Petersburger Vereins in 
Nichts präjudizlerender Form um eine Vollmacht vermögensrechtlicher 
Art zu ersuchen, die in deutscher Uebersetzung etwa folgenden Inhalt 
hat: Der St. Petersburger ärztl. Verein zu gegenseitiger Hülfe bestä¬ 
tigt hiermit, dass die Livl. Abteilung obengenannten Vereins laut dem 
am 31. Mai 1890 vom Minister des Inneren bestätigten Statute berechtigt 
ist, selbstständig über ihr Vermögen zu verfügen und unter Anderem 
auch das Recht hat, Schenkungen jeder Art und Vermächtnisse 
anzunehmen und Verpflichtungen einzugehen (BbiAaBaTb o6fl3aTeab- 
CTBa) ohne Beteiligung oder Verantwortlichkeit seitens des St. Pe¬ 
tersburger ärztl. Vereins zu gegenseitiger Hülfe. 

Diese Vollmacht ist sowohl von dem Juriskonsulten des Vereins, 
wie vom Nachlasskurator als genügend anerkannt worden. 

Naturgemäss hat die Frage nach der Verwendung dieses reichen 
Vermächtnisses in einer dem Willen und den Absichten des Testators 
-entsprechenden Art und Weise den Vorstand auf mehreren Sitzungen 
beschäftigt und es hat schliesslich der Plan, ein Stipendium für Absol¬ 
venten des medizinischen Studiums aus den Ostseeprovinzen zu wei¬ 
terer Fortbildung im Auslande zu stiften am meisten Anklang gefunden. 


Diese Frage steht auf der Tagesordnung der diesjährigen Gene¬ 
ralversammlung und wird daselbst entschieden werden. 

Ferner hat eine Aufforderung seitens der OömecrBO caHaiopiw 
Äflfl Bpauefl bt> KpbiMy, an die Livl. Abteilung des St. Petersb. 
Vereins sich an der Gründung eines Sanatoriums für kranke Aerzte 
oder deren Familien in der Krim zu beteiligen, den Vorstand veran¬ 
lasst, nähere Daten über dieses Unternehmen einzuziehen. Die vom 
Kollegen Dr. Suck bereitwilligst gegebenen Informationen führten 
jedoch zu dem Ergebnis, dass das Unternehmen nach dem Entwurf 
solcher Summen Denötigt, dass der Vorstand die Beteiligung an 
diesem Plane ablehnen musste. 

Hinsichtlich der Trennung des Livländischen Rechtsschutzvereins 
von der Unterstützungskasse hat der Vorstand sich bei der kompe¬ 
tenten Instanz dahin informiert, dass eine solche nur möglich ist unter 
Zustimmung beider Vereine, da nur unter Zugrundelegung dahinge¬ 
hender Beschlüsse der beiden Vereinsgeneralversammlungen eine Neu¬ 
ausgabe der Statuten der numehr getrennten Vereine erfolgen kann. 

Eine Frage von prinzipieller Bedeutung lag ferner dem Vorstande 
durch eine Klage des Arensburger Stadtarztes gegen das Arensburger 
Stadtamt wegen Verweigerung des ihm nach Ansicht des Kollegen 
vom Stadtamt garantierten Jahreshonorars vor. 

Der Angelegenheit konnte auf den Rat des Juriskonsulten unseres 
Vereins leider keine weitere Folge geben werden, weil bereits eine 
ministerielle Entscheidung in der Sache vorlag und eine Klage gegen 
diese höchst kostspielig und voraussichtlich erfolglos gewesen wäre. 

Der Vorstand des Rechtsschutzvereins hat die Absicht, da die 
Rechtsgrundlage der ministeriellen Entscheidung durchaus zweifel¬ 
haft erscheint, eventuell mit Hülfe eines Dumadelegierten die Sache 
an Ort und Stelle betreiben zu lassen. Die Frage an sich ist durchaus 
von prinzipieller Bedeutung und mag dieses hier in Kürze referiert wer¬ 
den : Das Arensburger Stadtamt stellte den Kollegen Dr. W. Sohn 
unter den gleichen Bedingungen, wie seinen Vorgänger als Stadtarzt 
an. Die Gage des Stadtarztes wird teils von der ötadt, teils von der 
Krone gezahlt. Auf die Anfrage von Seiten der Medizinalbehörde, ob 
Dr. Sohn anderweitige dienstliche Obliegenheiten übernommen habe, 
nannte Dr. Sohn die Seemannsschule u. die Abteilung der Oeselschen 
Ritterschaft im Stadtkrankenhause. In Folge dessen wurden Dr. Sohn 
von Seiten der Krone Abzüge von seiner Gage gemacht, die dem 
Betrage entsprachen, den er von jenen beiden Institutionen erhielt 
Auf weitere Mahnungen und Klagen hin entschloss sich nun die 
Medizinalverwaltung auf direkten Hinweis vom Ministerium des Inne¬ 
ren aus Dr. Sohn einen Teil der entzogenen Gage wieder zurückzuer¬ 
statten, nämlich den Betrag, den er von der Seemannsschule, einem 
Kronsinstitut erhielt, während der andere Betrag — entsprechend der 
Gage der öselschen Ritterschaft — ihm bis heute noch nicht ausge¬ 
zahlt worden ist. 

Dr. Sohn’s Klage gegen das Stadtamt entbehrte der rechtl. Grund¬ 
lage, weil der Kontrakt nicht schriflich gemacht worden war und somit 
der Nachweis fehlte, dass die Stadt die Garantie für die volle 
Summe übernommnen hatte. 

P. 5. Bericht Dr. v. Engelhardts über den augen¬ 
blicklichen Stand d e r A n g e 1 e g e n h e 11 betreffend 
das Vermächtnis Dr. Schneider’s. 

^„In Ergänzung des bereits im Rechenschaftsbericht erwähnten 
Schwierigkeiten, die sich der Liquidation des Vermächtnisses entgegen¬ 
stellten, ist noch zu bemerken, dass die vom Vorstand des St. Petersb. 
Arzte Vereins erbetene Vollmacht noch nicht eingetroffen ist, da der 
Vorstand im Laufe der Ferien nicht zu veranlassen war, in Aktion zu 
treten. Voraussichtlich wird die Erledigung der Angelegenheit noch 
einige Zeit in Anspruch nehmen.“ 

Da in der Versammlung Zweifel darüber geäussert werden, 
insbesondere vom Präses der Unterstützungskasse Dr. v. Knorre, 
ob der Tesfator D.r. Schneider nicht eigentlich die Unterstützungs¬ 
kasse des Vereins zum Erben habe einsetzen wollen, erklären Dr. 
Stillmark u. Dr. Kröger—Pernau, die zu Testamentsexekutoren 
eingesetzt sind übereinstimmend, dass nach dem Wortlaut des Testa¬ 
ments der Deutsche Verein (Ortsgruppe Pernau) und der livländische 
Rechtsschutzverein zu gleichen Teilen zu Erben des auf 82,500 Mark 
veranschlagten Vermögens eingesetzt worden seien, und dass keiner¬ 
lei mündliche Aeusserung des Testators im Sinne Dr. v. Knorres 
aufzufassen sei. 

Bei der Beratung über eine eventuelle Zweckbestimmung des 
Kapitals im Sinne einer den Absichten des Testators entsprechenden 
Art und Weise wird über die Vorschläge diskutiert: 

1) Dr. v. Bergmann schlägt vor, die ßumme als erste Obli¬ 
gation auf ein zu gründendes Aerztehaus der Livländ. ärztl. Ge¬ 
sellschaft anzulegen. 

Diese Proposition wird mit grosser Majorität abgelehnt. 

2) Dr. S t e n d e r proponiert, die Zinsen des Kapitals zur Unter¬ 
stützung bedürftiger Kollegen zu verwenden. Für diesen Vorschlag 
tritt Dr. v. Knorre ein. 

Die Proposition wird abgelehnt 

3) Dr. v. Engelhardt will die Zinsen des Kapitals als Sti¬ 
pendium für junge Mediziner angewandt sehen, die Dorpat absolviert 
haben und ihre Studien in Deutschland fortsetzen wollen. 

Die Proposition wird abgelehnt und beschlossen die Zweck- 
bestimung des Kapitals auf die nächste General¬ 
versammlung zu verschieben, wenn Grösse und Umfang 
der Summe genau bestimmt sein werden. 

Die von Dr. v. Knorre angeregte Frage, ob der Rechtsschutz¬ 
verein nicht laut Statut verpflichtet sei wenigstens die Hälfte der 



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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



16. 


St. Petersburger Medizinische Ns 1. 


w% 


Erhfnasse der Un lerstuCrfirigskassc zu überlassen wild per itia/orff iuba 
dahin entschieden, dass diese 'Frage• durch ein Itebereinkommci) ev, 
niit Zuhiiiteiialitne e^ue? S^j&d^eriv'ht^ von afeiten jrter jnritJtvcJum 
Vertrete* de« RecMsfJmUverts'uis <ind der ijrtler\(u'Uung5}fa>M- zu 
regeln $qj. 

P. 6r Vertage der- „Schreiben? riw «.Q^niecTtut r Cjttf»*np3u ran 
upteieü p.t, Kp^wy 1 ’. 

1 fr>: t'nr./jp stell! sieh die Versammlung ,mi Gnute? dev Berichtes' 
ueh- kriitegqn Dt. Stick über das Unternehmen der Antrag.«- der Ge- 
seil sch all Gvmpatiseh gegenüber'. da jedi/ch mit einem 'bescheidenen 


AK Ursache der aus■ Berlin gcrneJdeten vseny tfgj f- 
I M ti g, »< nter Insasseti eisie^;A4yl^ teifObdiKblosc W\ nrit MeAhylalkofioi 
' e.f>euiei Srihwpy erkannt; worden, der in cuicr Kneipe in der.- Nähe 


Schdeidersjeahsieit,^4. HP . r . 

In Afib'etocbt de; noch nicht geklärten Situation des febrsdurtz- 
vercihs hinaielrtiich des Venhächtnlssas, bescbliteM die Vc^amwtf ung 
er*i. ü a. c ii Regelung dieser- Angelegenheit iym Vom-hhige Prot. 
DehioA näher fM trete«. 

P. 7. Du Wahlen ergaben lolgendev Resultat , an Stelle der 
Denen Di ItefnsiJorf'f, StemJcr, Dietrich n 'Sn.koio\v?ky werde'« zu 
Gliedern des Vorstandes neu gewählte Dr. WGitenteuini. Dr. Brutm> 
Dr. Bertels, Dj\, v. Kmedener. wi^derteCWähU wird Dr, v. Engelhardt. 

Zm.H Fhttnrichlm an Stelle Or> SnkolowskvS wirrt Dr v F.ugtd- 
bi ob -gitVv 

. Es hKd«n mithin den VorslHrid für das iDdiste Tricrminm Dr. 
v. Engelhardt, Dr. v, Kruedcner, Ör. Weiden Kaum. Df Bertels u. Ut\ 
B mUc£. 

Ehrenfiehtci ■ Di v. K.'ruedeacr,' Dr. Stendcr- u. Dr v. Engelhard, 

Schriftführer- Dr, rneü. v. E üjg e I h-a r il 1. 

Chronik und kleineiMitteiiuitgeit* 

— Die Verlagsbuchhandlung von Jiijms Springer zeigt 3it, dass 
Anfang i l >12 das neue Zen t r h I h ta t l Hi r d i e g e s a m i t i n - 
ritst*' Medizin und jIi re Grjin z ge bfete' «üffmetles Organ 
des Deutschen Kongresses Uir innere Medizin zu erscheinen beginnt 
Die ur$e!t ständiger 1 Aufsicht einer vom Kongress 

eingesetztem (tu? Zeit Prof/Dte W. HTs - Berlin, Phvt 

Dr. P \ i? ii M ti U & x - Mauchen, Prof, Dr C ^ o n N/r *i r d en - 
Wien. Peol Dr. J> S c h w n I b e -BerVitO beojasgegebm wirrt, >nfl Uh 
den inner»! Mediziner dtesfübe Bedeutung gewönnen. Wie d»s von 
itei lk-'hM‘!n:n U)r.nni>ci>n * ioeÜM.h.jtJ h-.,..,{*1iem<sdw 
Conifaibiim* Uir- den Chemiker $it -.wird in rav:hm, volDhindiger. 
und objektiver Weise Ubvr alle erwiifiiUmswVrttni Pubükntinneri des 
]?!- und .Äuslaiirtes-.-an»“ dem OcsanttgehiVde der ifmereü Medizin m 
^eitcsWurSinue herithU*«. Sk* st pH j also kirrtvii inneren Medizi iter, 
dr*£ bisher m <? U r e r e jf-i-rrtralUhrttcr für die ejnzeJrfeo Oehieie seines 
Faches zu hallen gh^wungen wa?, ein volist,Indizes Repeflorthm 
■sdiles g,r''JX'<' Avheiisgdiicir.s dar. 

Die ZeftsdufU erscheint wöchentlich. -Der Preis des lianiks vnn 
800 Seiten hei.rtigt Al o2,—=. 

teiellung, diucti jede Biiefdiandlung. 

—• Die p> y c hi a ti i s c k e Oc s e U s c h a.f t in P e.i e r> bürg 
feien das 00-jahng,- Jubiläum- 'ihre> Bestehens Ans d-lchtm Anlass 
findet am 20. .Rnumr iOid -nm 1 J Utn .nachm, im Pirogow- Haijjse eine 
Festsitzung sia». Tagesüfrtmmg-. 1) Akad. Pioi W v.'Bee hivic W. 
Die Aufgaben der Psvehiatne, als objektiv er VVissenschait. '}) Prof. 
S. Rosen baeh. IJehefskm *i{>cr die .St »-jährige TaiigkOit der Ge- 
sßtlsctiaft. Fmpfang vtut Bf^Uratöigeii bttd :Öftpktju!öncn 

- ,Sl 4 Pfc t era btivf g. tjfer Professor der thi-rapeutiseui/i Fa- 
kuHätsklinik des Medizinischen kstitutes für Frauen Ör M. M W o lkow 
feierte am ‘29, Dt l ;?e.mbej f : 9i 1 da?, ^-jäjirlge ;hrb1üMmv seijTCf wissen- 
.schufthehcn and Lekrtätigkeii. Aas 4>csaa Astass-ist #* AS> 51 des 
RusÄkl Wratsch als Fe8ischott, dem. Juhtiar :yoo seinen S'chnierTi und 
-Verehrern gewidmet e.r*c?ik«eu 

Der K e * c i\ ,s tiu d »ein a l ra t ha! verfügt. d;m die Anwen¬ 
dung d0> Pra^4rsies S a t v a r va n mir unter glitt Bedingung zulässig 
ist, dass dir mich hiirirftnöstr Einvcrfeihtmg de? Salvrusrfn mnsetende: 
Reaktion unter d*.t Beobachtung des Arztes vc.rl.iuU. c iieschzeitig. 
hal der Medbtinaliat erkanm. daiss XeUtingspiililik^baTieTi xm Aerzteii 
Ober Behautiluiig mit J S;dva.W-li«. -der.-arzibthem Adhik widerspricht. 


. . w ^ ;( v. 

em 'tortmdslf rntdige von Gerinn v cm Mvtliyiftlkohöl Vorgtliommcri smd. 

" Dir Win. r r Klini s c h e W acltc n < c h ii 1 1 . das. -Organ 
der K. K. eifistdlschaft der Acföte ip Wien beginnt mit dom Jahre. 
W / hifv.i :•?. Jahrgang. Zur Feier dieses Ereignisses m die erste 
NiiHtfflct 4l^ FesFntfcf?VTitsr ersttifönen, ?.u der viele Alitglißder der 
m<*d. fafcultft in Wien Beiträge gelietert hubcrtf. 


Worden. 

- K i a s nu j :i i sk, Dr. Ä. Si.uK'Ov nl ron cmeiu geistes- 
krankeri Patienten crciöfdtt worden Der Mride.r eniieiWe sich au 
def Steile der Tal. 

— Wolog da. Der (jo.amnerncni's5a'rt».tett.skonseP hat bescl#Jossen 
bei der -iandschaflsvef.samm 1 ung -darüber vorstellig zu werden, dass 
den SrniitMsarzten für DiemdJahihm im Bereiche ihres Distriktes 
Dteltötegelder im Betrage vön B, Rbl. grö Tag ansgesetzt, nnd dass 
dem Epidemie - Arzte eine Oehaltserluttiiing' bis 'i.u JOoO Rbl. pro 
Jahr fgegen 1600 Km m Teil •verdm ferner ist beschlossen wor¬ 
den die ban^^ttsv*ct^nitnng zu '.veranlasse»!' bei der Landschafls- 
Versammlimg vme Ürhofmng dar Anweisung für Verbessernng der 
Wasserveisorgung von 2QÖD bis auf '2Q,OOOR.. zu ertvirken, und für die 
Sanjätsärzte f abmatorien einzurichten. 


.. ■ . ^ . .. .. r . pp 

Uoitnkotmteec ,ist Herr T b om » v R.ol.nv nnd GefimaDekteUir wt 
Herr W- P. He r r i n g h am. ftvigeride Aktionen ?1d»l vorgesehen 
F Arsatnrniv^ und Antropologic’. B. Phväirtlogu.' flf Allgeroenic Pafbo- 
loMc und Pa‘botogis<:hc Ar.-ritorme t.'nterKCküo-j: FteMiohmisclic 
IV, Baktentiogie und imTrfunitiU. V- rhebapte (Ph.'irm;Vki)bgte:, 
iPhysirithcrÄpte:, Balneologie;. Vi.' lnm-rg. Mcdizs«, Vli. Clmurgm 
. -Drtfersti«Bonen a) Orßiöpaedie, b) Aoaestlfes«?, atlgemeine. und lokale. 
VITi: Geburfshiifc und Gynackölogic. IX. Ofihthaimologie. X Pae- 
dtet!(ie, Xi; Neinropättto’fo^t^ Xfl. PsyqfiiAtne, Xltr. Derfirathologte 
und Svphilo'graphif. XJV. l.riologte, .XV. Rhmologie uiid Laryn- 
gölogit-., XVX Otoftjgie. XV5D sutniahjfogte XVIfi. Hygrene» 
XIX, Derichtlicbe Medizin. XX. Kriegs- und Mitrine-SrnmOtsdienst. 
AXf jiripisihfr Pathöt^gl^ XXIioR4di6logie, ' 

Da> Kong r csstnir *>ju korrespondkrt englisth, frpu«'>»f.«cb und 
deutsch.' Dte- K.orrespondeii.y ist zu rieh teil , Tht Htm. Gen, Setr«brv> 
XVII: th Intornnthmal Omgress of ..Medictiie, IJ bUndü ' Street., 
London. W, * 

Der Mi't giriert «.!»«.•{ t rag beifügt. ä. fivee Störung: 25 Körnen 
losier;i: ^2S'.Kranesb ;3>>- Mark; ■" 1 o Rupk-fü. 2Ö Krönen S 

Dollar 

Im Januar d. J. iind&t in Rom eine i m e f u a t Goftale 
A u S4»i eG I n n g f nr S.o-zfaie Hy gilt de statt. 

- Die X K o n ! e r e n i der 1 1 > t <■ r n -:-i i i Mi a i c n V v -1 c * ü i - 
gong zeit Bekämpfung der T n vte: rk u I o.s c jindel .am 
! 1 - !d. April d J . in R 0 m swib wahrend der interna t io - 
n a | e T n fe e r k u i o s e k i>p g r^-sebenda vom t*L bis «npi 20. 
April tagen wird. 

-• Der VI ! 1 nl-e-r nition n 1 e . ‘K »id gr e f's. i n f OehtirD- 
hi 1 ve u n J u \ *i it fr o 1 o g i l findet in * B olin am .10, .bis 12. 
Septemtmr J. I. ;dxu. 

X .per X\b. 1« I e'tn a fi on al e KteVrl giess Für H ygi t- n C 
n n rt D e rn o g r^t p h i e findet in diesem Jahre nt W a * h’i n g l oei 
am 2^. dü., ScpRonber statt. 

Hoc h ? c hn 1 n u e h ti rh t e n. 

Be teil o. Wie Hie Müncnene? Med. WrKberts^h- nitil^ilf. beab¬ 
sichtigt Prof. Ziehet» am Ende diese? SeuVeytete .sein Lehramt riie- 
derziilcgcn und nach Wiesbaden zu ziehen. rtm-tJCh dort au^hlicss* 
lieh mit wissenschaftlichen Arbeiten 7.u beterfiai'figcti.- 

F t e i b ti t g. DeV Direktor, der c n - 

fei d hat eteu’^ Rfif .nach Brüskiu als %ehIolger tMi t h o f f s erhalten. 

Du O G u• Die Mediziois'clie Sdiülo des Triiiftv Kultege feierl im 
Juni 1912 ifw 200-jähriges Juhtläum. ’ 

•Die Pcsf in Russin md. In der K i i jq f -- v n s t e p p e 
des uoiiv. Ast rach an fand in der Woche vom iJ. ~:bh tamr 19. 
Dez y ejnber 1^} 1 eine BgstcfÜFankting.■ am 15. Dez&mtitr fjfn 'Doyle 
ß a j an oä dq? 2.. KrtsieukreisOs statt, 

Vom Beginn def Epidemie, dem 21. Seyitomber, bis zum i9. De- 
zeruber 1911 wurden bi 38 Dörfern de/ Kirgtectisteppe IST Erkran- 
k ungen an der Pest und 16B TAdekhil 1c yerzekteneii . 

- Gestorben, ij Dr. Adolf B t a fs c h i r , GoiiVcrniioienis-Me- 
di^fnHllii^Wktfer, 'pi^fzbdi am Herzseh lag in Narva ain 29.- ÖMf. J94I 
(a. St.) im Aller von 45 Jahren. 2V th Alüticbeii der b.erülwrteGynä¬ 
kologe- Prof, Dr. te W l n c k c t, T-l Jahre alt, 3) Dr. {. B. P a f nr e r * 
ProfTder Laryngologie am New -yoTk Medical College, 


Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, den 10. Januar 1912. 

.Tagesordnung: i) Prätedintearftäg- 

’2> Öcrichi über difc TaHgkeH des Verein?;. 

3} WaWan. 

Nächste Sitzung des Deutschen ärztlichen 
Vereins: Montag/den 16. Januar 1912. 

Tagesordnung: Dr. U nt er her ge r. Uaher die Bedeutung der 
lymphatischen Konstitution für dort Verlauf der Knmk- 
heüen. 




früher „ST. PETERSBURGER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT“. 

HALBMONATSSCHRIFT. :::::::: BEZÜOSPRF.LS in Russland 6 RBL. :::::::: fürs ausi.\nd 14 mark. jährlich 

Organ der deutschen medizinischen Gesellschaften in Russland. 

Herau&öagöbör» von 

Prof. Dr. KARL DEHIO fn Jurjew (Dorpat), Dr. PAUL KLEMM in Riga, Dr. F. HOLZINGER in St. Petersburg. 

REMRTIBIf: Or. f. UdW.W. kl Linie dr. 11. Mmm 4SHJ. * ÜSil: l Kliise, Enlüdlir M0 Kr, 18. ItleetoB IHt 

> * * SptccliMumk- iflgltdi (ob 6 7. * • * * .» Spieclmtimdc täglich mit Ausnahme der Sbrm-u. Fsjcilagc von 12-L 

JMs 2. St. Petersburg, den 15. (28.) Januar 1912. 3?. Jtllff. 


Aus der ^ybändtschenPtlegeanstaif \ 
Stackelu. Direktor Dr. nied. A. Behr. 

Zur Wirkung von Anhaloniutn LewiniL 

Von Dr. Arthur Wae her 

Die psychiatrische Seobachtwhg lehrt, dass; alle Er 
&cheinungen t welche hü Veratiie vcm Geisteskrankheiten . 
Auftreten, sich tip Sedenieben-der Gefunden wernt auch 
nur angedeutet wiederfinder/ Jeder normale seelische; 
Vorgang k^nn unter gewissen Umständen pathologisch 
werden, und es ist von grösstem Interesse zu unter¬ 
suchen, unter welchen Umständen ein normaler Vorgang 
sich in einen pathölogischeti Seetezustand verwandelt. j 
Die Bedingungen, unter welchen «ich di& Vorgänge des ‘ 
normalen Seelenlebens in krankhafte verwandeln, sind ■ 
mannigfache....'Hierhef.gehörert- die Vergiftungszustände 1 
(die Intoxikationen) die'Ueherartstrengurtg, der Hunger, i 
die Hypnose u, v. a, rn. 

Für die praktische Psychiatrie ist die Frage der Ent¬ 
stehung von $mneslätf£cWnge« von grösster Wichtig¬ 
keit. Das Auftreten von Siunesmuschungen bildet ge 
radezii ehr Paradigma, wie ein an sich normaler Seelen* 
Vorgang unter gewissen Umständen eine krankhafte j 
Färbung gewinnt 4, h, wie lebhafte Sinnesenipimdungen j 
beispielsweise unter dem Einthiss innerer Zustände, 
etwa der Affekte, oder durch äussere Sehiufiiclifceiteri i 
(Gifte) sich In. pathologische Sinnestäuschungen ver¬ 
wandeln, Es ist. sehr scJiwierig die inneren Bedingungen, ; 
welche Sinnestäuschungeii erzeugen, experimentell zu 
wiederhoten. Dagegen ist es möglich durch innere 
Sehädltchkeften eine ^künstliche Geistesstörung'* zu er¬ 
zeugen und auf diesem Wege durch Sei bst versuche und 
innere Beobachtung die Entstehung van Sinnestäusduiii- ; 
gen zu erforschen. Seit v; He Im an t, welcher die L 
psychischen Wirkungen der Wurzel des Risenhtdes an 
Sich reibst beobachtete, bis in die Gegenwart hinein 
bilden die Seibstschiklcrungeo wteliigemer Beobachter 
die Quelle des Studiums fpr die SiorresfäUsehUugen: 
„Jede gWe iuneret Zustode ist ein | 

Stück Iridividüalpsv c h dlogie und die Selbstbeobachtung • 
intelligenter Personen ist daher' durchaus geeignet, die ' 
objektive Bexbachtu% zit unterstfitzsiti-■■uvj.d: uns.er Wtssen 
zu erweitern, (cf/ A, B eh f Sclbstschilderungeri von ! 
Hall uzmsnteu etc. St. Petersburger Medmrjtsche Wo- i 
chenschrifi Nr. 32, 1903). • / - j 

Vorr d^setu Gesichtspunkte äüs schiurt es nicht un- ; 
interessarii, das A n h a i o n iumt e w i n j i einer erneu¬ 
ten Prüfung zu unterziehen und die eigen^rtigfiu Rausch- [ 
zustande zu untersuchen, welche: diese mexikanische ? 


Kaktee erzeugt Das Anhalonium JLewimi ist in den 
sogenannten Mescalbuttons enthalten und gehört pPar- 
mokologisch in die Gruppe der He.mmheL Nach den 
Untersuchungen von Hefter ist das spezifisch wirk; 
same Alkaloid der Mescalbuttons das Meskaün. Dieses 
Alkaloid erzeugt die spezifische süuiesen'egende, be¬ 
rauschende Wirkung. Besonders seien hervorgehoben 
die farbenprächtigen. optischen 'Visionen und das eigen¬ 
artige Gefühl des Doppelsdns. Ein drittes Alkaloid, 
welches in den Museal buttons enthalten ist, dasPellotin, 
wurde seinerzeit von Jolly als Schlafmittel empföhlen, 
ln Gaben von 0,01 bis 0,02 entfaltete das Pellötin zu¬ 
weilen eine schlafbringende Wirkung, Gleichzeitig beob¬ 
achtete Jo Hy bei Anwendung des Pd tot ins eine Herab¬ 
setzung der Pulsfrequenz, Schwindel, Brausen im Kopf 
und ein abnormes WämtegdühL Das Pellötin gehört 
ipharm^koiögisch in die Gruppe des Morphins. Als 
Schlafmittel hat das Pellotm Wegen der Unsicherheit 
seiner Wirkung keine Bedeutung erlangt und hat sich 
trotz der Empfehlung von Jo Hy und Hef ter nicht 
behauptet. 

Selbstversuche mit Anhalonium Lewjnii unternahmen 
Hefter und später B r e st er (cf. Psychiatrisch neu¬ 
rologische Wochenschrift 1*905- Heft ’ 27). Bresler 
verabreichte diese Drogiie att Geisteskranke und erzidh: 
bei seinen Versuchen in einem Falle eine deutliche 
sinneserregende Wirkung. Die Wirkung, war so gross, 
dass 8 r es 1 e r seine Mitteilung folgendermaßen ab¬ 
schloss; 

„Es dürfte kaum ein zweites pharmakologisches 
Mittel geben, das in gleich er. Weise einen umschrie¬ 
bener» Bezirk der Hirnrinde so mächtig erregt, ohne das 
Bewusstsein zu trüben nnd ohne erheblche Beschwerden 
zu veranlassen; Es taukdt sich bei dieser Reaktion 
doch wohl um die Erregbarkeit der von den Netzhaut- 
eiudrückett abgeschlossenen optischen .Hi'rtirinde“. 

Dr. A,. Behr bcsass dnreh Verrnittciung von be¬ 
freundeter Seite 20 S Ö gc, Anli a Ion ln m Lew! ni i Und 
forderte mich auf durch SelbsWelSüChe die Wirkung 
des An ha löhnt m Lewanil matäSzuprfifetf und die Kennt- 
tüsse über diese hochinferessanie Drogne -m erweb 
lern und dseh Möglichkeit zu keTvollständigcu, jLi^dej 
war der Gehalt an wirksamer Substanz in dieser Drogue 
nicht bekannt und da bei diesen yeisnchen nur eine 
relativ kleine Menge zur Verfiiguhg Stand, So musste 
man davon abstehen, den Gelmit derselben an Alka¬ 
loiden zu besfimnten. Soweit es Wat, ..sich-an¬ 

der Hand der vorliegenden Literatur ein Urteil zu bilden, 
so bandelte cs sich bei dem vorhsudeuen Präparat ent¬ 
weder um zerriebene MescalbtUloui ll»Ö gb Rohalka- 
loid m lOÖJJ gr Substanz) oder u m das Präparat, weiches 










18. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 2. 


1912. 


die bekannte Firma Merck in Darmstadt verkauft, wel- ' 
ches in 100,0 gr. Substanz 5,8 gr. des Rohalkaloids 
enthält. In der Annahme, dass das uns zu Gebote ste¬ 
hende Präparat wahrscheinlich das gleiche war, welches 1 
Hefter zu seinen Selbstversuchen benutzt hatte, nah- j 
men die Verfasser dieser Zeilen und der Assistenzarzt 
Dr. R. je 9,0 gr. Anhalonium Lewinii. Aller Wahrschein- I 
lichkeit nach entsprach diese Gabe etwa 0,2 gr. Meska- ; 
linum sulfuricum. Ferner wurden eine Reihe von Ver- i 
suchen mit subkutanen Injektionen von Meskalinum ! 
sulfuricum angestellt. Da der Meskalinrausch optische 1 
Visionen hervorruft und die Wirkung des Meskalins die j 
Sehsphäre beeinflusst, so wurde bevor die Versuche an¬ 
gestellt wurden, bei den Versuchspersonen konstatiert, j 
ob dieselben einen auditiven oder visuellen Typus re- | 
präsentierten. 

Versuch I. Dr. W. 27 Jahre alt. 26. Juni 1911. 

Die Versuchsperson erhielt um 12 Uhr vormittags 9,0 gr. An¬ 
halonium Lewinii in einer Tasse schwarzen Kaffees mit geringem Zu¬ 
satz von Zucker, und legte sich in einem verdunkelten Raum nieder. 

Um 12 Uhr 30 Min. fühlte die Versuchsperson leichten Schwindel. 

Um 1 Uhr bestand Nausea und Schwanken beim Stehen mit ge¬ 
schlossenen Augen. Die Pupillen waren nicht erweitert und rea- 

f jierten prompt sowohl bei Lichteinfall als auch bei der Konvergenz, j 

n den peripheren Partien des Gesichtsfeldes stellte sich ein Hirn- j 

mern ein. Obwohl die Gegenstände gut fixiert werden konnten, be- | 

stand doch die Neigung dieselben nicht scharf aufzufassen. Daher j 

erschienen die Umrisse der Gegenstände weniger scharf und die j 

Gegenstände hatten das Aussehen, welches weiter gelegene Körper j 

bei der Fixation eines entfernten Punktes annehmen. Waren die l 

Augen geschlossen, so Hessen sich keine ausserordentlichen Erschei¬ 
nungen wahrnehmen. 1 Uhr 20 Min. Die Müdigkeit nahm zu. Die . 

Glieder wurden schwer. Zugleich bestand die Empfindung, als ob 
man sich in seiner Umgebung fremd fühlte. 2 Uhr. Das Unbehagen 
nahm zu. Beim Betreten eines dunklen Raumes trat starkes Augen- I 
flimmern ein. Von der Peripherie des Gesichtsfeldes her schossen 
weisse Lichtstreifen blitzartig darüber hinweg. Betrat die Versuchs- j 

person ein helles Zimmer, so verschwanden augenblicklich diese Er- ; 

scheinungen und traten auch in der Dunkelheit nicht mehr auf. Die 
Stimmung war während dieser Zeit gleichgültig, apathisch. Um I 

2 Uhr 40 Min. wurde die Stimmung heiter. Es bestand kein Schwin¬ 
del, wohl aber Schwanken bei geschlossenen Augen. Die heitere | 

Stimmung und das Gefühl einer erhöhten inneren Sicherheit nahmen 
zu und es bestand die Lust viel zu sprechen und zu lachen. Die 
Versuchsperson schilderte ihre Empfindung folgendermassen: »Ein 
leichter Rausch stellte sich ein, ich hatte das Verlangen nach Ge- I 
Seilschaft. Sobald Ich allein war, fühlte ich mich unruhig. Mir war 
es schwerer als sonst meine Aufmerksamkeit auf irgend etwas dauernd j 

zu richten. Die Leichtigkeit, mit der ich von einem Gedanken auf | 

einen anderen überging, war gross. Die Umgebung kam mir fremder i 
und neuer vor, wie früher: etwa als wenn man von einer Reise zu- 
rückkehrt und die gewohnte Umgebung im Augenblick des Wieder¬ 
sehens lebhafter empfindet. Mir lag daran, mich anderen mitzuteilen 
und allen zu erzählen, wie glücklich ich sei“. Um 6 Uhr nachmit¬ 
tags erreichte der hier geschilderte Zustand seinen Höhepunkt. Die i 

Pattclarreflexc waren gesteigert und konnten willkürlich nicht ge- j 

hemmt werden. Beim Aufsetzen der Fussspitze traten klonische 
Zuckungen der Wadenmuskeln auf. Der Puls war nicht verlangsamt. 
Das Flimmern in den peripheren Partien des Gesichtsfeldes bestand 
weiter. Der Schlaf war etwas gestört, das Müdigkeitsgefühl gering. 
Versuch II. Dr. R. Assistenzarzt. 27 Jahre alt. 3. Juli 1911. 

Die Versuchsperson erhielt um 12 Uhr 13 Min. 9,0 gr. Anhalo- j 

niurn Lewinii. Beim Beginn des Versuches betrug die Zahl der [ 

Pulsschläge 75 in der Minute. Der Pattelarreflex war links lebhafter 
als rechts. Die Achillesreflexe waren lebhaft. Der Fusssohlenreflex ! 
war rechts angedeutet und links nicht auslösbar. Es bestand kein ! 
Schwanken bei geschlossenen Augen. Um 12 Uhr 40 Min. trat ein j 
leichtes Schwanken des Körpers beim Stehen mit geschlossenen 

Augen auf. Zugleich bestanden Sensationen, als ob leichte Ströme 1 

durch den Körper liefen. Die Versuchsperson fühlte sich müde. Die | 

Gegenstände machten den Eindruck, als hätte sich eine Lichtschicht 
vor dieselben geschoben. Es bestanden keine Doppelbilder und 
weder subjektiver noch objektiver Schwindel. Vor den Augen be- ; 

gann es zu flimmern und im Gesichtsfeld erschienen schwarze Punkte, j 

Die Umgebung rückte in weite Ferne. Die Gehörseindrücke er- > 

schienen weit. Das Zeitbewusstsein war herabgesetzt und die j 

Schlaffheit in den Extremitäten nahm zu. 1 Uhr 20 Min. Bei ge- ! 

schlosscncn Augen im halbdunldcn Zimmer erschien ein feines 
schwarzes Spitzenmuster auf dunkelblauem Grunde. Die Uebcrschei- 1 
dungslinien der glatten, runden, an Pferdehaar erinnernde Fäden i 

hoben sich deutlich ab. Auf der linken Seite des Gesichtsfeldes 

wurde der Grund hehler. Das Gewebe bekam eine Einschnürung j 

und geriet in fliessende Bewegung. Sobald die Augen geöffnet j 

wurden, verschwand diese Erscheinung. Geräusche wirkten unan¬ 
genehm. Während des Schreibens erschienen links und rechts aussen I 
unten 2 aufblitzende Sterne, welche wie Lichtreflexe von geschlif- j 
fenen Steinen aussahen. 2 Uhr 30 Min. Bei verdeckten Augen ! 


zeigten sich auf schwarzem Grunde leuchtende rote, grüne, blaue und 
gelbe kurze Streifen, die an Strahlen einer Fontäne erinnerten. Unter 
den farbigen Streifen befand sich eine leicht gewellte Wand. Bald 
darauf erschien über der Wand ein quadriertes Muster; nach 10 Mi¬ 
nuten wurden die Quadrate des Musters kleiner, sie waren wie aus 
ganz feinen welligen Goldfäden gebildet und flössen in einem 
Punkte zusammen. Von dort verzweigten sich ganz feine scharfe 
Spiralen und von den Seiten der erschienen sowohl helle als auch 
rote und blaue Lichtstreifen. Diese Gesichtserscheinungen dauerten 
an und verschwanden auch nicht bei dem Versuche, die Gedanken 
abzulenken und anderen Gegenständen zuzuwenden. .Ich hatte den 
Eindruck, dass die Farbenphänomene innerhalb des eignen Kopfes 
entstanden. Die Bäume, die Häuser, meine ganze Umgebung empfand 
ich so, als ob sie in meinem Kopfe entständen und nur dort wären. 
Ich projezierte sie nicht mehr nach aussen. Ich hatte eine scharfe 
Geruchsempfindung, als ob frische Luft vorhanden wäre. Beim Auf¬ 
suchen eines anderen Raumes wurden alle Eindrücke als sehr unan¬ 
genehm, fast schmerzhaft empfunden; ich kam mir vor wie ein 
Krebs ohne Schale. 3 Uhr 40 Minuten. Ich hatte das Gefühl von 
einem Schlaf erwacht zu sein. Ich stand auf, fühlte mich frisch, die 
geistige Spannkraft und Elastizität des Körpers waren gesteigert. Ich 
suchte Menschen und sehnte mich nach Unterhaltung“. Der hier 
geschilderte Zustand macht den Eindruck eines Traumerlebnisses. 
Es bestand die Neigung Klangassoziationen zu bilden Die Aufmerk¬ 
samkeit war sehr ablenkbar. Alle Vorgänge der Aussenwelt erschie¬ 
nen gleich interessant und gleich wichtig. Der Ortssinn funktio¬ 
nierte weniger gut als sonst. 9 Uhr abends. Von 3 Uhr 40 Min. 
an traten keine Gesichtserscheinungen mehr auf. Die angeregte und 
unternehmungslustige Stimmung, welche eine kurze Zeit (ca. 20 Min.) 
angedauert hatte, machte alsdann einer gleichmässigen apatischen 
Platz. Das Interesse an der Umgebung war stark herabgesetzt. 
Jeder Sinneseindruck blieb in gewissem Sinne für sich bestehen. 
Beim Anhören eines Musikstückes wurden absichtlich hineingebrachte 
falsche Akkorde, die dem harmonischen Gang der Komposition fremd 
waren, nicht mehr als falsch empfunden. Musikalische Eindrücke 
wurden mangelhaft verarbeitet. Falsche Tonfolgen in einer Melodie 
störten nicht. Eine Prüfung des Gedächtnisses für die weiter zurück¬ 
liegend ■ Vergangenheit, für Kindheits- und Schulerinnerungen ergab 
bedeutende Lücken. Das Gedächtnis für die Gegenwart und für 
letzthin erworbene Kenntnisse wies gleichfalls Lücken auf. Die Ver¬ 
knüpfung der einzelnen Vorstellungen mit einander wurde als unan¬ 
genehm empfunden und war verlangsamt. Die Merkfähigkeit war 
nicht herabgesetzt. Es bestand kein Gefühl der Ermüdung, kein 
Schwanken des Körpers bei geschlossenen Augen, keine Verände¬ 
rung der Reflexerregbarkeit oder der Pulsfrequenz. Die Pupillen 
waren nicht erweitert und reagierten auf Licht und bei der Akkomo¬ 
dation. Der Schlaf war ungestört und am nächsten Tage war alles 
ohne jede Nachwirkung verschwunden. 

Da in keinem der hier beschriebenen Fälle Visionen 
aufgetreten waren, und die Versuche anders ausfielen, 
als sie sonst beschrieben waren, so musste man be¬ 
denken, ob nicht die eingenommene Gabe zu gering 
bemessen war. Hefter hatte seinerzeit anstatt der 
Drogue und des alkoholischen Extraktes derselben, 
Mescalinum sulfuricum subkutan in warmer Lösung 
(0,2 pro Dosi) empfohlen. Die folgenden Versuche 
wurden mit dem Mescalinum sulfuricum von Merck 
angestellt. 

Versuch III. Frau J. Oberin der Anstalt c. 36 Jahre alt. 

Um 10 Uhr 30 Minuten vormittags erfolgte die Injektion von 
0,2 gr. Mescalinum sulfuricum. Die Anzahl der Pulsschläge betrug 
75 in der Minute. Um 11 Uhr 50 Min. klagte die Versuchsperson 
über einen Druck im Hinterkopf, über Uebelkeit, allgemeine Müdig¬ 
keit. Schlaffheit in allen Gliedern, Schwere der Augenlider, über die 
Neigung zum Schlafen, über eine gewisse Unsicherheit bei Bewe¬ 
gungen der Hände und beim Gehen. Das Lesen war erschwert, die 
Buchstaben verschwommen. Es bestand eine innere Unruhe, der 
Puls betrug 72 Schläge in der Minute. Die Pupillen reagierten so¬ 
wohl auf Licht als auch auf Akkomodation. Um 12 Uhr 15 Min. war die 
Uebelkeit etwas geringer. Dagegen machte sich eine Trockenheit im 
Halse stark bemerkbar Beim Versuch mehr zu gehen, schwankte 
der Fussboden. In den Handgelenken bestand das Gefühl der Hitze. 
Im Hinterkopfe machten sich ein lästiges Klopfen und ein unange¬ 
nehmer Druck bemerkbar. Bei geschlossenen Augen hatte die 
Versuchperson die Empfindung einer grossen Helligkeit, und es 
schien ihr, als ob grosse, runde leuchtende Scheiben auf und ab 
schwankten. Der Vorstellungsablauf war verlangsamt. Beim Rech¬ 
nen fehlte die Sicherheit für die gelöste Aufgabe. „13X13 sirtd 
130 + 39 - 169. Es wird wohl so stimmen; ich muss es noch ein¬ 
mal nachrcchnen“. Die Versuchsperson setzte sich an den Schreib¬ 
tisch und war erst nach der schriftlichen Ausrechnung überzeugt, 
eine richtige Zahl genannt zu haben. Die Zahl der Pulsschläge in 
der Minute betrug 63. Um 1 Uhr bestanden keine Gesichtserschei¬ 
nungen. Die Pulsschläge stiegen auf 75 in der Minute. Die Uebel¬ 
keit und Müdigkeit schwanden. Dagegen bestanden Sensationen 
in den Händen. Sie hatte die Empfindung, als wären die Finger 
verdickt und vergrössert. Das Gelesene wurde mangelhaft verstan¬ 
den. Sie las wohl die Worte ohne aber den Inhalt zu verstehen. 
Um 2 Uhr nahm die Müdigkeit zu. Das Schreiben machte grosse 


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Mühe. Die einzelnen Buchstaben wurden hingemalt. Die Worte 
aber nicht ausgeschrieben. Die Stimmung war heiter. Für alle Er¬ 
eignisse in der Umgebung bestand eine gewisse Gleichgültigkeit. 
Das Verantwortungsgefühl für die eignen Handlungen schien zu 
schwinden. Die Versuchsperson schien benommen. Die Zahl der 
Pulsschläge betrug 75. Um 3 Uhr bestand ein starkes Schwanken 
beim Gehen und die Versuchsperson fühlte sich überaus schlaff und 
müde. Sie hatte das Gefühl als ob sie in sich selbst Zusammen¬ 
stürzen würde, als ob die Augäpfel hervortreten würden. Sie ver¬ 
spürte die Neigung beständig zu lachen. Die Pupillen waren er¬ 
weitert und reagierten auf Licht und Akkomodation. Um 3 Uhr 
30 Min. schlief die Versuchsperson ein und schlief bis 6 Uhr abends. 
Sofort nach dem Erwachen beschrieb sie folgenden Traum: „Ich , 
träumte wunderschön. Ich war nur ein Kopf ohne Körper auf Wol- i 
ken, ein wundervolles Licht umgab mich in allen Farben, jedoch 
nicht grell, sondern matt von Lila bis ins Rosa übergehend. Ich sah 
und hörte nichts. Plötzlich fuhr ich zusammen von einem Gepolter 
an der Tür; ich sprang auf und öffnete, nachdem ich längere Zeit 
nach dem Schlüssel hatte suchen müssen. Nachdem Fr. v. H. wieder 
fort war, schloss ich die Tür ab und verfiel wieder in den vorigen 
Zustand. Zuerst hörte ich eine wundervolle, leise Musik, wie von 
Harfen und Flöten, sehr zart, sehr leise, ohne eine bestimmte Me¬ 
lodie. Ich hatte eine derartige Musik noch nie gehört, sie war an¬ 
ders als jede, die ich bisher gehört hatte. Es war ein leises wun¬ 
dervolles Klingen, wie aus weiter Ferne kommend, dabei aber ganz 
deutlich. Ich war wieder ein Kopf ohne Körper, sah Rosenguir- 
landen in den verschiedensten Farben, Lilien, Gardenien, die einen , 
aromatischen Duft verbreiteten. Dann änderte sich das Bild: aus 
einem halbrunden schwarzen Fleck bildeten sich Strahlen, die weiss 
waren, daraus entstanden Schneelandschaften. Mir war es, als ob j 

jemand käme, doch fürchtete ich die Augen zu öffnen. Als Alles ! 

wieder ruhig geworden war, sah ich wieder ein rosiges Licht. Dieses j 

Licht schwebte über einer Wiese, auf den Palmen, Zedern, Apfel- i 

sinenbäume mit Früchten standen. Ich hatte noch immer keinen Körper, | 

die Musikertönte nach wie vor leise und zart. Es erschien eine lila j 

Wand, die mit roten Strichen verziert war. Als ich erwachte, war 
emin Zimmer hellgrün. Allmählich spürte ich auch wieder, dass ich j 
einen Körper besass, es war, als ob Ameisen durch meinen Körper 
liefen. Ich glaubte nur kurze Zeit geschlafen zu haben und fühlte 1 
mich unbeschreiblich glücklich*. Nach dem Erwachen bestand kein 1 
Schwanken beim Gehen. Die Augen schmerzten. Die Mattigkeit 
dauerte noch bis zum folgenden Tage nach, wenn auch in geringerem 
Masse. Die Versuchsperson gab an, dass das Glücksgefühl während 
des Traumzustandes grösser und angenehmer gewesen sei, als die 
Euphovie, welche man nach der Einspritzung von Morphium 
empfindet. 

Versuch IY. Assistenzarzt Dr. S. 24 Jahre alt 27. Juli 1911. 

Dr. S. erhielt um 10 Uhr vormittags eine subkutane Injektion i 
von 0,3 Mescalinum sulfuricum. Die Zahl der Pulsschläge betrug 
75 in der Minute. Nach 30 Minuten sank der Puls auf 63 Schläge. 

Die Versuchsperson schwankte beim Stehen mit geschlossenen Augen, 
klagte über Uebelkeit, Brechreiz, Kopfschwere und es kam zu einem 
allgemeinen Schweissausbruch. Um 11 Uhr 10 .Min. stellte sich Er¬ 
brechen ein. Um 11 Uhr 40 Min. beobachtete die Versuchsperson, I 
dass an der nicht gleichmässig gestrichenen Wand die länglichen 
Streifen gelb färbten, dann in einander Überflossen und sich tulpeni 
artig ausbreiteten. Es bestand Flimmern vor den Augen wie be- 
kinematographischen Vorführungen, leichte Kopfschwere und allge¬ 
meines Unbehagen. Das Lesen war ungestört. Die Pupillen waren 
erweitert und reagierten prompt. Um 12 Uhr betrug die Zahl der 
Pulsschläge 60. Ein Teil der Gegenstände im Zimmer erschien I 
violett gefärbt. Unter anderem war auch die schwarze Kravatte eines I 
zufällig im Zimmer anwesenden Kollegen violett gefärbt. Um 3 Uhr | 
bestand Pupil enweite und die optischen Erscheinungen waren nicht | 
mehr zn beobachten. Die Reflexerregbarkeit hatte sich nicht verän- | 
dert. Die vermehrte Schweissabsonderung hielt an. Gegen 6 Uhr 
abends waren alle Erscheinungen verschwunden. Es bestand keine 
Müdigkeit. Der Nachtschlaf war traumlos und wie gewöhnlich. Am 
folgenden Tage bestand völliges Wohlbefinden und keinerlei Verän¬ 
derung des körperlichen Zustandes. 

Versuch V. Frl. B. 26 Jahre alt. 28. Juli 1911. 

Um 10 Uhr vormittags wurden 0,2 Meskalin sulfur. subkutan in- 1 
jiziert. 10 Uhr 20 Min. Flimmern vor den Augen. 10 Uhr 50 Min. 
Benommenheit, Müdigkeit, Kopfschwere. In den oberen Gesichts- 1 
Partien zitterten die Gegenstände. Um 11 Uhr Gefühl des Rausches. I 
Neigung zum Lachen. Müdigkeit. Die Pupillen waren erweitert 
und reagierten auf Licht. Um 11 Uhr 30 Min. trat die Neigung zum j 
Niesen auf. Die Müdigkeit nahm zu. Die Aufmerksamkeit war 
schwer zu halten. 12 Uhr. Im Hinterkopf bestand das Gefühl der 
Schwere, „als seien Gewichte daran gehängt“. Flimmern vor den ' 
Augen. Das Sprechen und Schreiben war erschwert. Alle Gesichter 
erschienen verzerrt. Der 4-eckige Schrank machte einen runden Ein¬ 
druck. Auf der weissgetünchten Wand erschienen goldene Streifen 
mit hellvioletten Punkten. Um 2 Uhr 30 Min. erschienen helle 
Würfel auf grünem Grunde. Bei geschlossenen Augen erschienen 
blaue Kornblumen. Alle Geruchsempfindungen wurden unangenehm 
empfunden. Es bestand eine grosse innere Unruhe und Gedanken 
flüchtigkeit. Die Versuchsperson wollte alle Augenblicke mit den 
Händen irgend etwas greifen, wusste aber nicht was, fasste dieses \ 
und jenes an ohne bestimmten Zweck; lachte viel, ohne angeben 1 


zu können worüber; tadelte das Essen, wollte die Speisen zum 
Fenster hinauswerfen, brachte dieselben auf einen Kasten im Korridor, 
bedeckte sich mit einem Plaid »weil es zu heiss sei*, lief vor die 
Tür, sah nach ob nicht jemand komme; schnitt Grimassen; legte 
sich auf die Chaislongtie, stand wieder auf und ging im Zimmer 
umher, wobei ein deutliches Schwanken zu beobachten war. Sie 
sprach viel und widerrief im nächsten Augenblick das Gesprochene. 
Ein innerer Zusammenhang zwischen den einzelnen Sätzen fehlte. 
Häufig konnte sie sich an den Inhalt des soeben Gesagten nicht mehr 
erinnern. Die rechte Hand erschien schmerzhaft. Beim Geräusch 
des in einer Entfernung von 400 M. vorüberfahrenden Eisenbahnzuges 
kam es ihr so vor, als ob der Zug in die Hand hineinfahre. Das 
Blut fliesse schlangenförmig durch Ihren Körper. Von Zeit zu Zeit 
erklärte die Versuchsperson, sie sei wach und schlafe nicht. Die 
Au en waren die ganze Zeit über geöffnet, die Pupillen sehr weit 
und reagierten auf Licht. Die Versuchsperson glaubte, sich als kleiner 
Punkt in einem Baume zu befinden. Der Baum sei innen milchweiss 
Alsdann hatte sie die Empfindung, sie wäre in einer Kirche und 
werde in die Spitze des Turmes hinaufgezogen, und sinke dann in 
nichts zusammen. Die Ecke des Zimmers senke sich, rücke weit 
fort und werde alsdann rund. Nach kurzer Zeit hatte sie die Emp¬ 
findung in einem Bergkessel sich zu befinden, umgeben von grauem 
Steingeröll, vor ihr stehe ein Speicher, der umgestürzt werden solle. 
Dieser Speicher erwies sich mit einem mal als ein Haufen Schotter¬ 
steine. Die Versuchsperson hatte das Gefühl, als ob am Kopfe etwas 
Schweres hänge. Um 6 Uhr bestand weder Müdigkeit noch Benom¬ 
menheit. Die Versuchsperson klagte über leichte Kopf- und Augen¬ 
schmerzen. Die Pupillen waren erweitert. Der Nachtschlaf war un¬ 
verändert wie gewöhnlich. Am folgenden Tage bestanden keinerlei 
auffallende Beschwerden und keinerlei Störung des Wohlbefindens. 

Versuch VI. Versuchsperson c. 36 Jahre alt. 30. Juli 1911. 

Um 10 Uhr 30 Min. morgens wurde einem Geisteskranken, 
welcher an einer alkoholischen Seelenstörung litt, eine doppelseitige 
Optikusatrophie besass und Lues gehabt hatte 0,2 Meskalin sulfuri¬ 
cum subkutan injiziert. Die Sehschärfe war bei dem Kranken äusserst 
herabgesetzt und beschränkte sich nur auf die Wahrnehmung von 
hell und dunkel. Uui 11 Uhr 10 Min. bestand Uebelkeit und 
Schwindel. Um 12 Uhr 10 Min. meinte der Patient, es werde ihm 
vor den Augen heller. Er setzte sich auf den Bettrand, kniff die 
Augenlider zusammen, schloss die Augen, antwortete spärlich und 
machte den Eindruck eines Schlafenden. Nach einigen Minuten gab 
er an, ein Heiliger sei ihm erschienen, er höre eine heilige Stimme, 
die ihm befehle, jetzt nicht zu sprechen. Bald darauf stand der Pa¬ 
tient auf, schloss die Augen und sprach mit leiser Stimme vor sich 
hin. Um 1 Uhr 20 Min. waren die Stimmen und Erscheinungen 
verschwunden und nichts Auffallendes am Patienten zu bemerken. 

Fasse ich die Versuche zusammen, so ergibt sich 
Folgendes. Die Gesichtserscheinungen, welche bei allen 
Versuchspersonen auftraten, waren aller Wahrschein¬ 
lichkeit nach zum grössten Teil durch periphere Reize 
bedingt. Darauf deuten das Auftreten von Kontrast¬ 
farben in Versuch IV, die erweiterten Pupillen, das 
Flimmern vor den Augen, das Verschwimmen der Buch¬ 
staben und die grosse Empfindlichkeit gegen die Hel¬ 
ligkeit. In keinem dieser Versuche konnten Visionen, 
wie dieselben Hefter, Bresler und andere beschrie¬ 
ben, beobachtet werden. Der phantastische Traum bei 
der Versuchsperson III beansprucht nur insofern eine 
individuelle Bedeutung, da die Versuchsperson selten 
träumt, und Träume von einer derartigen Deutlichkeit 
ihr bisher unbekannt waren. Bresler war der Mei¬ 
nung, dass es sich bei der Entstehung der visianären 
Zustände um eine Uebererregbarkeit der kortikalen 
Zentren handelt. Es wäre aber auch denkbar, dass es 
sich um eine Schwäche der kortikalen Zentren handelte, 
und dass auch in diesen Fällen die Ansicht Meynerts 
zu Recht bestände, dass die Sinnestäuschungen immer 
nur zur Zeit des Nachlassens der höheren Funktionen 
auftreten. In den Versuchen I, III, V bestanden ausge¬ 
prägte hypnagogische Zustände. Bemerkenswert war 
während dieser Zustände die Verbindung von Bewe¬ 
gungsvorstellungen und Gesichtsvorstellung. Die hei¬ 
tere Stimmung bei den Versuchspersonen I, II, III, V 
erinnerte lebhaft an Rauschzustände. Hierher gehören 
die motorische Unruhe, die Neigung zum Lachen, die 
leichte Ablenkbarkeit, die Neigung die Worte nach dem 
Klang zu verknüpfen, die Herabsetzung des Gedächt¬ 
nisses für die Gegenwart und der verlangsamte resp. 
beschleunigte Ablauf der Vorstellungen. Auf körper¬ 
lichem Gebiet bestanden Geruchsempfindungen, Schwere 
im Kopf, Schlaffheit, Müdigkeit in den Gliedern, Hitze¬ 
gefühl in den Gelenken, Uebelkeit, Gefühl des Hervor- 


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tretens der Augäpfel, vasomotorische Erscheinungen, j 
Schweissausbrüche und vermehrte Tränensekretion. 

Die Empfindung des „Doppeltseins“, wie das von 
Dixon (Brit. med. Journal 1898 II, p. 1060) berichtet 
wurde, trat kein Mal deutlich zu Tage. Als eine An- , 
deutung dieses Zustandes, welchen Dixon nicht näher 
beschreibt, und welches er nur als ein „unbeschreib- ( 
liches Gefühl“ bezeichnet, könnte vielleicht das fremd¬ 
artige Gefühl dem eignen Körper gegenüber, wie es im 
Versuch II, III und V auftrat, aufgefasst werden. Am i 
ausgesprochendsten war diese Empfindung im Versuch III. 

In diesem Falle stellte sich beim Erwachen, welches 
sehr schnell erfolgte, erst ganz allmählich das körper¬ 
liche Bewusstsein ein. Eine Herabsetzung des Zeit- | 
Sinnes trat nur ein Mal, bei der Versuchsperson II auf, j 
wenngleich nicht in so ausgesprochenem Masse, wie es ! 
von Hefter beschrieben wurde. | 

Leider hatte sich die Erwartung, dass bei der sub¬ 
kutaner Anwendung des wirksamen Alkaloids die unan- l 
genehmen Nebenwirkungen vermeiden Hessen, nicht er¬ 
füllt; in allen Fällen stellten sich Uebelkeit, Druck im I 
Kopf, Schwindel, im Versuch IV sogar Erbrechen 40 
Minuten nach der Injektion ein. j 

Somit muss das Resultat der mitgeteilten Versuche 
beim Vergleich mit den B r e s 1 e r sehen Beobachtungen 
im Wesentlichen als negativ betrachtet werden. Gerade 
die spezifischen Wirkungen, die vom psychiatrischen 
Gesichtspunkte aus das grösste Interesse beanspruchen 
dürften, kamen nur in wenig ausgesprochener Form zum 
Vorschein, denn weder lassen sich die beschriebenen 
optischen Phänomen als Halluzinationen oder Visionen 
ansprechen, noch trat die Erscheinung des Dopelseins 
in genügender Deutlichkeit zu Tage. 

Die Hoffnung, auf diesem Wege über die eigentüm¬ 
liche Empfindung des Doppelseins, über welche Gei¬ 
steskranke so oft berichten und welche in den phan¬ 
tastischen Wundergeschichten alter und neuer Zeit eine 
so grosse Rolle spielt, nähere Aufklärung zu erhalten, 
erwies sich als hinfällig, (vergl. A. B e h r: Allgem. 
Zeitschrift f. Psychiatrie, Bd. 56, p. 939). Die Schwie¬ 
rigkeit das Anhalonium Lewinii zu beschaffen und der 
hohe Preis des Mittels (1 gr. kostet 9 Rbl.) machten 
leider eine Fortsetzung der Untersuchung im Augen¬ 
blick unmöglich. Bei weiteren Versuchen dürfte es sich 
empfehlen, anstelle des Alkaloides den alkoholischen 
Extrat der Drogue zu benutzen und auf diesem Wege 
die Wirkung sicherer zu gestalten. 

Da neuerdings Versuche von Dr. Knauer über 
Anhalonium Lewinii sogar in die Tagespresse gedrungen 
sind (cf. Rigasche Zeitung 1911 Nr. 258) und die Tages¬ 
presse sich mit dem Meskalrausch beschäftigt, so glaubten 
wir mit der Veröffentlichung dieser Versuche nicht 
länger zu zögern und dieselben, wenn auch nur frag¬ 
mentarisch zur Kenntnis zu bringen. 

Zum Schluss danke ich Herrn Dr. B e h r für die 
Anregung zu den hier beschriebenen Versuchen. 


Aus der chirurgischen Abteilung des Armitsteadschen 
Kinderhospitals in Riga. Chefarzt Dr. L. Bornhaupt. 

Ein Fall von komplizierter Schädelverletzung 
mit homolateraler Hemiplegie*). 

Von Dr. Fr. Werner. 

Es ist eine nicht seltene Komplikation, dass Ver¬ 
letzungen des Schädels über dem Gebiet der motorischen 
Grosshirnrinde von Lähmungen einzelner Muskelgruppen 
der kontralateralen Körperseite begleitet sind. Der 
Typus einer solchen Lähmung ist die Monoplegie; 

*) Demonstriert im Rigaer Aerztlichen Verein am 31. VIII 1911. 


die grosse Ausdehnung der kortikalen motorischen Re¬ 
gion lässt das begreiflich erscheinen, denn selten ist die 
Verletzung eine so ausgedehnte, dass sie die ganze mo¬ 
torische Zone in Mitleidenschaft zieht. Meist sind nur 
einzelne Zentren geschädigt, und dementsprechend sind 
auch nur einzelne, von diesen Zentren beherrschte Mus¬ 
keln oder Muskelgruppen paretisch oder paralytisch. 
Von diesem gewöhnlichen Befunde lassen sich manch¬ 
mal Abweichungen konstatieren. Erstens gibt es Fälle, 
in denen die Lähmung sich nicht auf einzelne Muskeln 
beschränkt, sondern sich auf eine ganze Körperseite er¬ 
streckt, wo also eine komplette zerebrale, kontralaterale 
Hemiplegie vorliegt; bei Kindern, wo das anato¬ 
mische Substrat dieser Lähmungen auf ein kleineres 
Gebiet zusammengedrängt ist, müssen wir auf diese Ab¬ 
weichung vom Typus häufiger gefasst sein (Oppen¬ 
heim), und so liegen auch die tatsächlichen Verhält¬ 
nisse. Handelt es sich hier nur um Unterschiede in der 
Ausdehnung der Lähmung, so gibt es noch eine 
zweite Gruppe von Fällen, bei denen dieser Unterschied 
ein andersartiger ist: es ist dieses die Gruppe der 
Schädelverletzungen mit homolateraler Lähmung. 
Einen solchen Fall haben wir Gelegenheit gehabt im 
Kinderhospital zu beobachten. 

Anamnese: Pat. A. Apping, 9 Jahre alt, ist am 17. Juli a. c. 
abends um V 2 7 Uhr, während er ein Pferd vor sich her trieb, durch 
einen Hufschlag an der linken Seite des Schädels verletzt worden. 
Pat. war sofort bewusstlos und die Eltern bemerkten gleich, dass die 
ganze linke Körperseite völlig regungslos war, während der Knabe 
mit dem rechten Arm und Bein Abwehrbewegungen machte. Ein 
herbeigerufener Militärarzt vernähte die Wunde am Kopf. Da sich 
der Zustand des Patienten bis zum nächsten Tage nicht besserte, 
wird er von den Eltern aus Kreuzburg nach Riga ins Kinderhospital 
gebracht. 

Stat. präs.: 18. VII 6 Uhr nachmittags: völlig benommenes 
Sensorium; Pupillen gleich weit, reagieren auf Lichteinfall; Fazialis 
beiderseits gleich. In der linken Schläfengegend eine etwa 3 ztra. 
lange, fest vernähte Wunde. Rechter Arm und rechtes Bein werden 
bewegt, I nks besteht schlaffe Lähmung. Die Nähte werden entfernt, 
aus der Wunde kommt etwas Eiter; man sieht eine deutliche Im 
pression des Schädels. Durch diese, die völlige Bewusstlosigkeit 
und die bestehende Lähmung, ferner durch die erfolgte Vernähung 
der Wunde war die dringende Indikation zur Operation gegeben 
Temperatur 37,2. 

Operation am 18. VII, 7 Ubr abends in Chloroformnarkose. 
(Dr. Werner): Trepanation, Entfernung des eingedrückten Schä¬ 
delstücks. Nach Glättung der Knochenränder ist der Defekt etwa 
4 ztm. lang und 2 ztm. breit; er liegt zum grösseren Teil im os 
frontale, zum kleineren im os parietale. Die Dura ist intakt, pulsiert. 
Tamponade, Verband. 

Am 19. VII wurde eine Lumbalpunktion vorgenommen: es ent¬ 
leerte sich klarer Liquor unter normalem Druck. 

Der Verlauf war zuerst ein denkbar schlechter: Der Allgemein¬ 
zustand, die Lähmung änderten sich nicht. Pat. liess unter sich, 
es stellten sich bereits Erscheinungen von Lungenödem ein. Die 
Temperatur stieg bis auf 40,5 bei vollständig normalen Wundverhält¬ 
nissen. Am 23. VII hatte Pat. jedoch einen klaren Augenblick, in 
dem er etwas Nahrung zu sich nahm. Von diesem Tage an besserte 
sich der Allgemeinzustand schnell, das Sensorium hellte sich in we¬ 
nigen Tagen vollständig auf; die Temperatur fiel zur Norm ab. Die 
Wunde verheilte innerhalb eines Zeitraumes von anderthalb Monaten. 
Die Lähmungserscheinungen bildeten sich langsam zurück; am 
längsten zögerten die Extensoren des Unterarmes ihre Funktionen 
wieder aufzunehmen. Am 6. IX konnte Pat. völlig geheilt entlassen 
werden. 

Um das Zustandekommen solcher kollateraler Läh¬ 
mungen zu erklären, sind hauptsächlich zwei Hypothesen 
aufgestellt worden. Die erste gründet sich auf anato¬ 
mische Befunde von Pitres, Zenner, Dupr£, 
Cannes u. a. (Zitiert nach Oppenheim), in denen 
sich bei der Sektion ein Fehlen der Pyramidenkreuzung 
herausstellte. Für den vorliegenden Fall muss dieser 
Erklärungsversuch abgelehnt werden, weil das Trauma 
keine der motorischen Regionen direkt betraf. Unter 
Zugrundelegung der kranio-zerebralen topographischen 
Bestimmungen Kröhnleins konnte mit Sicherheit ange¬ 
nommen werden, dass die Schädelwunde mehrere Zenti¬ 
meter von der linken motorischen Region entfernt lag. 
Da mithin eine unmittelbare Schädigung einer motori¬ 
schen Region nicht vorlag, so möchte ich die zweite, 
bedeutend wahrscheinlichere Erklärung für meinen Fall 


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in Anspruch nehmen. Rekonstruiert man sich nämlich I 
den Unfall nach den Schilderungen der Augenzeugen, I 
so ergibt sich, dass das Trauma den Schädel in der 
Richtung von links vorne nach rechts hinten getroffen 
haben muss; in dieser Richtung muss daher haupt¬ 
sächlich die Wirkung eines Kontrekoups erwartet wer¬ 
den. Eine so konstruierte Linie geht aber direkt durch j 
die rechte motorische Region, deren Schädigung dann i 
den Ausfall der Funktionen auf der linken Körperseite I 
hervorrief. | 

Ich glaube also, den tatsächlichen Verhältnissen am . 
nächsten zu kommen, wenn ich im vorliegenden Fall t 
eine Blutung in der rechten motorischen Region infolge j 
Kontrekoup-Wirkung annehme. ' 

Die Literatur über diese Frage ist in einer 1911 j 

erschienenen Arbeit von O. Hohlbeck 1 ) zusammen 
gestellt. Nach ihm sind publiziert worden: ! 

1896 von Ledderhose 48 Fälle ! 

1906 „Enderlen 3 „ i 

1908 „Custodis 7 „ I 

zu diesen fügt H o h 1 b e c k selbst noch 3 Beobachtungen ! 
hinzu. 


I 

Verband und Nachbehandlung nach Augen- j 
Operationen.*) 

Von Dr. med. Miron Eliasberg in Riga. 

Die konsequente Durchführung der A—u. Antisepsis 
bei der Nachbehandlung der Augenoperationen ist nicht 1 
weniger wichtig als diejenige bei der Operation. Dabei | 
muss das Verfahren, soll es allgemeine Verbreitung ( 
finden, nicht kompliziert sein. In dieser Hinsicht muss 
jede Vereinfachung namentlich des Verbandes warm j 
begrüsst werden. | 

Inbezug auf den Verband herrscht volle Divergenz j 
der Ansichten. f 

An den ausländischen Kliniken kommen die ver- j 
schiedensten Methoden in Anwendung: von Gitter- und 
Hohlverband, Wattebausch mit Heftpflasterstreifen be- , 
festigt, bis zu den bekannten doppelseitigen Bandagen 1 
um die Augen und Kopf in mehrfachen Touren, wie sie I 
vielfach noch im Auslande, sowie im Reiche und auch | 
hier zu Lande Verwendung finden. 

Die offene Wundbehandlung fand ich vor 2 Jahren 
in Mittel- und Südeuropa nirgends in Anwendung. 
Auch ich wende dieselbe nicht mehr an, obwohl ich 
von ihr nichts Schlimmes erfahren habe. Sie ist eben 
zu riskant und verlangt fortwährende Aufmerksamkeit l 
von seiten des Arztes und des Wartepersonals. j 

Als oberster Satz gilt auch beim Verbände das Auge 
mit den Händen nicht zu berühren. Die Lider werden 
mit desinfizierten Stäbchentupfern gereinigt. I 

Die vorher desinfizierten ,Marlystreifen und Watte- 1 
bäuschchen werden mit desinfizierter Pinzette aufs Auge ; 
aufgelegt; darüber kommt ein ca. 7 ztm. breiter und 
ca. 75 ztm. langer Marlystreifen, welcher an beiden 
Enden der Länge nach durchschnitten ist; nur dasjenige 
Stück, welches direkt über dem Auge zu liegen kommt, ! 
ist durchschnitten. Die oberen Enden werden über der 
Stirn nach hinten über dem Hinterhaupte geknüpft, die 
unteren über die Wangen unter und hinter den Ohren 
nach hinten unter dem Hinterhaupte vereinigt. Nun 
werden noch am Hinterhaupte die oberen und unteren 
Enden mit einander geknüpft. Dadurch erst bekommt 
dieser Verband seinen ausserordentlich festen Halt; er 
kann nach keiner Seite verschoben werden. Auch in der 


9 O. XojiböeKij, „o BoeHHo-nojieBbixT» paHeninxT, uepena“, 
K)pbeB-b 1911. 

*) Mitgeteilt auf dem livländischeu Aerztetagc in Pernau. 
August 1911. 


Nacht verschiebt er sich nicht. Er hat den Vorzug der 
Einfachheit und der leichten Desinfizierbarkeit. Er wird 
zum Desinfizieren so zusammengerollt, dass er beim 
Fassen mit der Pinzette an einem Ende sich von selbst 
abrollt. Mit den Fingern werden nur die Enden an¬ 
gefasst. Mit demselben Verbände können auch beide 
Augen verbunden werden; nur muss das mittlere un¬ 
durchschnittene Stück des Marlystreifens entsprechend 
breiter sein, und zwar ca. 20 ztm. 

Es sind nun 15 Jahre, seitdem ich in Riga prakti- 
siere und in meiner Augenheilanstalt alle Operierten 
nur auf diese Weise verbinde; und ich kann auf Grund 
meiner Erfahrung diesen Verband warm empfehlen. 

Dieser Verband erschien mir so einfach, dass ich 
dachte, er wäre schon anderswo angewandt worden. 
Ich hatte mich jedoch bei Besichtigung der ausländi¬ 
schen Kliniken davon überzeugt, dass er unbekannt 
war und vor 2 Jahren zeigte ich meinen Verband an 
einigen Kliniken in Neapel und in Wien an der Prof. 
Fuchs’schen Augenklinik und er fand Anerkennung. 
Ich habe aber bis jetzt mit der Veröffentlichung 
gezögert. 

Die Bettruhe und Rückenlage halte ich für vollständig 
überflüssig. Die Patienten sollen nach der Operation, 
soviel es angeht, in einem bequemen Sessel sitzen und 
nur auf eigenes Verlangen das Bett aufsuchen. Die 
Patienten fühlen sich bei diesem Regime viel wohler. 

Ich möchte zuletzt noch einige Worte über die medi¬ 
kamentöse Behandlung nach Augenoperationen sagen. 
Ich verwende Kokain, Atropin, Eserin und Sublimat, 
fast ausschliesslich in Salbenform. Die Salben mit 
Vaselin als Grundsubstanz vertragen sehr gut das halb¬ 
stündige Desinfizieren im strömenden Dampfe; nach 
dem Erstarren haben die Salben eine dem Auge sehr 
angenehme Konsistenz. Atropin sowie Kokain finden 
in einer Konzentration von 1 Prozent mit Zusatz von 
1 Prozent Sublimat Verwendung. Eserin 1 Prozent 
per se oder mit einem Zusatz von Jodoform 2 Prozent. 
Die Salben werden mit sterilen Stäbchentupfern appli¬ 
ziert. Die Augen öffnen sich nach Salbenapplikation 
viel leichter beim Verbandwechsel; auch scheint die 
Heilung eine promptere zu sein. 

Ich möchte diesen Verband und die sterilisierten 
Salben zur Behandlung von Verletzungen und ganz 
besonders von Hornhautgeschwüren empfehlen. 
Unter dem Einflüsse dieser Methode reinigen sich tiefe 
Geschwüre mit Eiter in der Vorderkammer viel schneller, 
als unter anderen Verhältnissen, und einfache Horn¬ 
hautgeschwüre heilen überraschend schnell. 


Ueber Krebserkrankungen *). 

Von Dr. med. A. Bertels. 

Prosektor am I. Stadtkrankenhaus zu Riga. 

Der Begriff „Karzinom" ist zu verschiedenen Zeiten 
sehr verschieden definiert worden ; V i r c h o w verstand 
darunter alle bösartigen Geschwülste mit alveolärer 
Struktur; die in den Alveolen enthaltenen Zellen leitete 
V i r c h o w von den Bindegewebszellen her; später aber 
führten T h i e r s c h und W a 1 d e y e r für bestimmte 
Formen dieser alveolären Geschwülste den Nachweis, 
dass die Parenchymzellen von Epithelien abstammten. 
Man gewöhnte sich nun allmählich, alle diejenigen bös¬ 
artigen Geschwülste, deren integrierende Bestandteile 
sich auf Epithelien zurückführen Hessen, als Karzinome 
zu bezeichnen. Die Mehrzahl dieser Geschwülste hat 
alveolären, resp. drüsenähnlichen Bau, doch gibt es auch 


*) Aus dem Vortrags-Zyklus: „Die Pathologie der verschiedenen 
Lebensalter* gehalten auf dem XXII. Livl. Aerztetage in Pernau 1911. 


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22 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 2. 


1912. 


zweifellos epitheliale, bösartige Geschwülste, welchen | 
dieser Bau fehlt, während andererseits auch Sarkome 
einen mehr oder weniger ausgesprochenen alveolären Bau 
besitzen können. Massgebend für die Klassifikation 
der Geschwülste ist also der Ursprung der charakteri¬ 
stischen Tumorbestandteile: an Stelle der morphologi- ; 
sehen Einteilung V i r c h o w s ist die histogenetische ge¬ 
treten. Infolge der Schwierigkeit, in jedem einzelnen 
Fall etwas Bestimmtes über die Histogenese auszusagen, j 
ist neuerdings wieder der Vorschlag gemacht worden (von 
v. Hansemann), zur alten Virchowschen Eintei¬ 
lung zurückzukehren. Ein Aufgeben des einmal ge¬ 
wonnenen histogenetischen Einteilungsprinzipes würde 1 
ein Analogon finden, wenn man in der Botanik die jetzt I 
allgemein übliche Einteilung der Pflanzen nach ihrer 1 
natürlichen Verwandtschaft verlassen und zum alten , 
Lin naschen System zurückkehren würde. Zwar gibt 
es für jede naturwissenschaftliche Disziplin eine Stufe 
der Entwickelung, auf welcher eine andere Einteilung j 
der zu betrachtenden Gegenstände, als nach äusser- i 
liehen Merkmalen nicht möglich ist, aber man muss sich 
darüber klar sein, dass dies nur ein Provisorium sein j 
darf. Die Frage stellt sich für uns infolgedessen so, I 
ob die Geschwulstlehre einen genügend hohen Grad 
der Entwickelung erreicht hat, um eine Einteilung der 
Geschwülste nach ihrer Abstammung, also nach ihrer 
natürlichen Verwandtschaft berechtigt erscheinen zu j 
lassen. Fast alle Pathologen bejahen diese Frage und 
so definieren wir denn heute als Karzinom alle die¬ 
jenigen bösartigen Geschwülste, in deren Aufbau epi¬ 
theliale Zellen eine wesentliche Rolle spielen. 

Diese Definition birgt eine dreifache Schwierigkeit in 
sich. Zunächst handelt es sich um die Feststellung des 
Begriffes „Epithel“. Es gab eine Zeit, in der man 1 
glaubte, diese Frage sehr einfach entschieden zu haben, j 
indem man Alles das und nur das meinte unter diesen ! 
Begriff bringen zu dürfen, was vom oberen oder unteren ! 
Keimblatt abstammte. Nun hat sich aber gezeigt, dass , 
die Nierenepithelien z. B., welche man doch schwer von ! 
den übrigen Epithelien absondern kann, vom mittleren 
Keimblatt abstammen; ist aber einmal der Standpunkt | 
aufgegeben, dass nur Zellen, welche vom Ektoderm und j 
Entoderm abstammen, als Epithelien bezeichnet werden 
dürfen, so liegt kein Grund vor, diese Bezeichnung den I 
Endothelien der Blut- und Lymphgefässe vorzuenthalten. 
Tatsächlich werden diese von manchen Histologen den Epi- ! 
thelzellen zugezählt, während andere ihre Sonderstellung j 
als Endothelien aufrecht erhalten wissen wollen. Die i 
Schwierigkeiten, welche für die Geschwulstlehre hieraus ' 
erwachsen, sind aber tatsächlich keine sehr grossen, j 
weil die von den sogenannten Endothelien ihren Ur- j 
sprung nehmenden Geschwülste ihrer Zahl nach gar j 
nicht ins Gewicht fallen gegenüber denjenigen, welche 
von den Epithelien der Schleimhäute, von der äusseren 1 
Haut, sowie von den drüsigen Anhangsgebilden der- ' 
selben ausgehen. 1 

Die zweite Schwierigkeit besteht darin, festzustellen, * ! 
dass eine bestimmte Geschwulst tatsächlich vom Epithel | 
ausgegangen ist. Dieser Nachweis braucht aber nicht ! 
in jedem einzelnen Fall geführt zu werden, sondern 
wenn z. B. einmal in einer grösseren Anzahl von j 
Fällen für eine Geschwulst von so charakteristischem j 
Aussehen, wie das Kankroid es ist, bewiesen ist, dass 
es entweder von der Epidermis seinen Ursprung nimmt j 
oder von mit Plattenepithel bekleideten Schleimhäuten 
oder in selteneren Fällen durch Epithelmetaplasie von 
andesrartigem Epithel, so sind wir in jedem Fall, wo wir 
ein typisches Kankroid vor uns haben, zu der Annahme ! 
einer ebensolchen Entstehung berechtigt. Aber nicht 
alle Geschwülste haben ein so charakteristisches mi¬ 
kroskopisches Aussehen, wie die Kankroide und es ist 
daher z. B. oft nicht möglich zu sagen, ob man es mit I 
einem Karzinom oder Sarkom zu tun hat. 1 


Die dritte Schwierigkeit ist die, festzustellen, ob eine 
Geschwulst bösartig ist oder nicht; diese Schwierigkeit 
ist eine derartige, dass sie sich überhaupt kaum je wird 
beseitigen lassen, denn es gibt anscheinend, wie na¬ 
mentlich auch noch die neuere experimentelle Karzinom¬ 
forschung gezeigt hat, keine scharfe Grenze zwischen 
gutartigen und bösartigen Geschwülsten, zwischen Kar¬ 
zinomen und Adenomen, die Uebergänge sind fliessende; 
aber diese Schwierigkeit ist nur bei den Grenzfällen 
vorhanden, in der überwiegenden Zahl aller Fälle lässt es 
sich leicht entscheiden, ob Karzinom oder Adenom vorliegt. 

Die Entstehungsursache des Krebses ist noch in ein 
tiefes Dunkel gehüllt. Zwar kennen wir einige Um¬ 
stände, welche zweifellos eine nicht unwesentliche Be¬ 
deutung für die Entwickelung von Krebsgeschwülsten 
haben. Dahin gehören vor allen Dingen geschweige 
Prozesse an der Haut und den Schleimhäuten. Wenn 
Orth z. B. unter 368 Krebserkrankungen der Extremi¬ 
täten in 320 Fällen eine Entwickelung auf dem Boden 
eines alten Geschwürs, einer Osteomyelitisfistel, einer 
alten Narbe fand, so beweist dies schlagend die ätiolo¬ 
gische Bedeutung derartiger geschwüriger Prozessse. 
Aber da lange nicht in allen Geschwüren, sondern nur 
in einem kleinen Teil derselben sich Krebse entwickeln, 
so geht daraus hervor, dass der Geschwürsbildung nur 
eine nebensächliche Bedeutung in der Aetiologie des 
Krebses zukommen kann; und andererseits ist sie, wie 
allgemein bekannt, keine unerlässliche Vorbedingung 
für das Entstehen desselben. 

Auch mechanische Reize scheinen die Entstehung 
von Karzinomen begünstigen zu können; hierfür spricht 
z. B. das gleichzeitige Vorkommen von Gallenblasen¬ 
karzinom mit Konkrementen in der Gallenblase, welches 
zweifellos häufiger ist, als der Häufigkeit jeder einzelnen 
dieser Erkrankungen entsprechen würde. Doch lässt sich 
aus dem bisher vorliegenden Beobachtungsmaterial nicht 
mit Sicherheit entnehmen, ob die Gallensteine die Ur¬ 
sache der Krebserkrankung sind, oder ob das kausale 
Verhältnis ein umgekehrtes ist. 

Als feststehend kann man die ätiologische Bedeu¬ 
tung einer Einwirkung von Paraffin, Russ, Teer an- 
sehen, doch ist dazu zu bemerken, dass die sogenannten 
Paraffin-Russ-Teerkrebse von manchen Autoren nicht 
als echte Krebse anerkannt werden und daher für die 
prinzipielle Frage der Krebsätiologie nicht verwert¬ 
bar sind. 

Neuerdings hat man versucht, durch Injektion rei¬ 
zender Substanzen künstlich Karzinom zu erzeugen und 
in der Tat ist es auf diesem Wege gelungen, atypische, 
Epithelwucherungen hervorzurufen;- doch zeigten diese 
nicht den progredienten Charakter echter Karzinome 
und nach Aussetzen der Injektionen bildeten sie sich 
wieder zurück. Nur eine Beobachtung ist mir bekannt, 
in welcher der Autor (Reinke) angibt, durch Aether- 
injektion eine Epithelwucherung erzeugt und durch 
Transplantation der gewucherten Epithelmassen auf ein 
anderes Tier ein typisches Karzinom hervorgerufen zu 
haben. So lange aber diese Beobachtung allein dasteht, 
so lange wir noch nicht wissen, unter welchen Um¬ 
ständen Injektionen reizender Substanzen zu vorüber¬ 
gehenden Wucherungen und wann sie zu wirklichem 
Krebs führen, können wir über die wesentliche Ursache 
desselben noch nichts aussagen. 

Von C o h n h e i m ist ja bekanntlich die Theorie 
aufgestellt worden, dass die Entstehung der Geschwülste 
auf verlagerte embryonale Keime zurückzuführen ist und 
es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Entstehungs¬ 
modus manchmal tatsächlich vorliegt, aber sicher nicht 
immer und ebenso sicher ist es, dass nicht aus jedem 
verlagerten embryonalen Kei n eine Geschwulst sich zu 
entwickeln braucht. 

Ribbert hat neuerdings die Cohnheimsche 
Theorie, speziell im Hinblick auf das Karzinom, dahin 


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1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 2. 23. 


erweitert, dass er annimmt, nicht nur während des Em¬ 
bryonallebens verlagerte Epithelkeime seien der Aus¬ 
gangspunkt der Karzinome, sondern auch Abschnü¬ 
rungen, die während des extrauterinen Lebens durch 
entzündliche Zustände zustande kommen; dass derar¬ 
tiges vorkommt, dafür spricht die schon erwähnte Tat¬ 
sache, dass auf dem Boden alter Geschwüre sich oft 
Karzinome entwickeln und es ist hier in der Tat nahe¬ 
liegend sich den Zusammenhang zwischen Geschwür 
und Krebs so zu denken, dass durch das in Wuche¬ 
rung befindliche Bindegewebe Gruppen von Epithel¬ 
zellen abgeschnürt werden und dass diese nun, aus dem 
Verbände mit Ihresgleichen losgelöst, gleich den Cohn- 
h e i m sehen embryonalen Keimen, ein selbstständiges 
Dasein zu führen beginnen. Ribbert geht nun so 
weit, in jedem Fall von Karzinom eine primäre zur Ab¬ 
schnürung von Epithelien führende Wucherung des Bin¬ 
degewebes anzunehmen: doch lässt sich dies nicht be¬ 
weisen und selbst wenn dem so wäre, so wäre das Pro¬ 
blem der Krebsentstehung noch nicht geklärt, denn das 
ist sicher, dass eine Loslösung der Epithelzellen allein 
nicht genügt, damit Krebs entsteht. Wenn man näm¬ 
lich experimentell Epithelzellen in das Bindegewebe ein¬ 
heilen lässt, dann entsteht niemals Krebs, sondern eine 
mit Epithel ausgekleidete Zyste. 

Ganz kurz kann ich mich fassen inbezug auf die 
von vielen Autoren behauptete parasitäre Aetiologie des 
Krebses: kein einziger von den vielen Spalt-, Spross- 
und Schimmelpilzen oder Protozoen, welche von ihren 
Entdeckern als die Krebserreger angesprochen worden i 
sind, hat allgemeine Anerkennung gefunden. Zum Teil 
sind die Gebilde, welche als Protozoen imponiert haben, | 
nichts Anderes als degenerierte Krebszellen oder es 
handelt sich um sekundäre Ansiedelungen von pflanz¬ 
lichen oder tierischen Kleinlebewesen. 

Ueberaus interessante Ergebnisse hat die seit einigen 1 
Jahren in grösserem Massstab in Angriff genommene ex- ! 
perimentelle Karzinomforschung an Tieren gehabt, welche j 
in Deutschland hauptsächlich von Ehrlich und seinen ! 
Schülern gefördert worden ist. Als Versuchstiere haben i 
meist Mäuse, aber auch Ratten und andere Tiere ge¬ 
dient; bei diesen kommen spontane Tumoren, nament- j 
lieh auch Karzinome vor, welche sich auf andere Ver- j 
suchstiere tiberimpfen lassen, jedoch nur auf Tiere der 
gleichen Art. Für eine parasitäre Krebsätiologie lassen ! 
sich diese Versuche natürlich nicht verwerten, sondern j 
es handelt sich hier, wie leicht ersichtlich um Transpinn- i 
tationen, oder wie v. Hansemann sich ausdrückt: 
es wird eine künstliche Metastase auf ein anderes In- I 
dividuum gemacht. i 

Ein besonderes Interesse gewinnen diese Versuche j 
dadurch, dass sie die Möglichkeit gegeben haben, die 1 
Immunitätslehre auch auf dieses Gebiet zu übertragen. | 

Wenn man ein Versuchstier mit künstlich abge- j 
schwächten Kulturen einer Bakterienspezies vorbehan- ! 
delt und darauf virulente Kulturen derselben Spezies 
einimpft, so gelingt es in vielen Fällen, das betr. Tier, I 
welches ohne Vorbehandlung zu Grunde gegangen wäre, , 
am Leben zu erhalten. Im Blutserum des Tieres finden I 
sich dann gewisse Schutzstoffe, welche sich auch im j 
Reagensglas als aggressiv gegen die in Anwendung ge- j 
brachte Bakterienspezies erweisen. ! 

Doch genügt die Existenz dieser in vitro sichtbar | 
zu machenden Serumstoffe keineswegs, um alle Immu- ! 
nitätserscheinungen zu erklären, sondern es müssen | 
offenbar infolge der Vorbehandlung noch andere Kräfte j 
im Körper mobilisiert worden sein, deren Wesen uns ' 
bisher noch nicht klar geworden ist. Aber der Körper i 
mobilisiert nicht nur gegen den äusseren Feind, gegen 
die Bakterien, sondern auch gegen den inneren, welcher 
den Zellen des eigenen Leibes entstammt. Während cs 
ihm aber oft gelingt, aus eigener Kraft die Bakterien 
zu überwinden, ist er im Kampfe mit den anarchisti¬ 


schen Elementen des eigenen Leibes immer der unter¬ 
liegende Teil. Vielleicht ist der Sachverhalt hier aber 
auch ein derartiger, dass das Auftreten bösartiger Ge¬ 
schwülste beim Menschen der Ausdruck einer mangel¬ 
haften Funktion der in Frage kommenden Schutzkräfte 
ist, während bei guter Funktion derselben es höchstens 
zur Bildung der entsprechenden gutartigen Tumorform 
kommt, also z. B. nicht eines Karzinoms sondern eines 
Adenoms; oder bei einem noch höheren Grade der 
Immunität kommt es überhaupt zu keiner Tumorbildung. 
Für einen solchen Zusammenhang sprechen wenigstens 
die Resultate, welche A p o 1 a n t bei seinen Mäusetu- 
moren erhielt. 

Impfte er nämlich einen durch mehrere Generationen 
als Karzinom fortgezüchteten Tumor einer unvollstän¬ 
dig immunisierten Maus ein, so entstand nicht, wie 
sonst ein Karzinom sondern ein Adenom. 

Die Immunisierung kann, wie Ehrlich zuerst ge¬ 
zeigt hat, dadurch geschehen, dass man eine Vorimpfung 
mit einem möglichst wenig virulenten Tumormaterial 
vornimmt. Ehrlich benutzte dazu Stückchen oder 
Brei des von ihm so genannten hämorrhagischen Mäu¬ 
sekarzinoms, von welchem er aus vielfältiger Erfahrung 
wusste, dass die Impfung nur selten anging. Schon 
durch eine einzige erfolglose Vorimpfung mit diesem 
Tumormaterial Hess sich ein gewisser Grad von Immu¬ 
nität erzielen, welcher durch wiederholte Impfungen noch 
gesteigert werden konnte. Dabei ergab sich das über¬ 
raschende Resultat, dass die Vorimpfung mit dem hä¬ 
morrhagischen Karzinom nicht nur gegen Karzinome 
schützte, sondern auch gegen Sarkome und andere ver- 
impfbare Tumoren. Andererseits haben andere Autoren 
gezeigt, dass es nicht nötig ist, zur Vorimpfung Tumo¬ 
renmaterial zu benutzen, sondern man kann auch mit 
Blut, mit Brei von Embryonen, von Leber und Milz 
gegen Tumoren immunisieren. Es könnte scheinen, 
als ob hier eine Ausnahme von der in der Bakteriologie 
meist zu beobachtenden Spezifität der Immunkörper 
vorliegt, tatsächlich aber ist auch hier die Immunität 
eine artspezifische, indem man z. B. Mäuse gegen die 
Einimpfung von Mäusetumoren nur durch prophylak¬ 
tische Behandlung mit Organen oder Tumoren von 
Mäusen schützen kann, nicht aber mit denjenigen von 
Hunden. Es verhält sich also die Tumorimmunität 
ganz analog der Präzipitinbildung, welche ebenfalls im 
Allgemeinen nur artspezifisch, nicht organspezifisch ist. 

Von der Artspezifität gibt es nun allerdings auch 
Ausnahmen. So z. B. ist es Lewin gelungen, Mäuse 
mit Tumoren der ihr nahe verwandten Ratte zu immu¬ 
nisieren, und umgekehrt. Auch diese Ausnahme findet 
ihr Analogon in den auch aus der Bakteriologie be¬ 
kannten Immunitätserscheinungen. So ist es uns ja eine 
ganz geläufige Tatsache, dass durch das Blutserum Ty¬ 
phuskranker nicht nur Typhusbazillen agglutiniert werden, 
sondern auch, wenn auch in geringerem Grade, Bazillen, 
welche dem Typhusbazillus nahe verwandt sind, wie 
z. B. Paratyphus und auch Colibazillen. 

Die erfolgreichen Versuche, Tiere gegen die experi¬ 
mentelle Einimpfung von Geschwülsten zu immunisieren, 
eröffnen uns die Aussicht ein Mal dahin zu gelangen, 
dass wir auch die Behandlung bösartiger Geschwülste 
bei unseren Patienten auf der angegebenen Grundlage 
vornehmen können. Aber von der prophylaktischen 
Immunisierung bei Versuchstieren bis zur therapeuti¬ 
schen Immunisierung beim Menschen sind 2 grosse 
Schritte und wir wissen nicht, ob und wann diese beiden 
werden gemacht werden. Freilich fehlt es nicht an Be¬ 
richten, nach welchen sowohl bei Tieren, als auch bei 
Menschen mit der aktiven und passiven Immunisierung 
Erfolge in der Behandlung von bösartigen Geschwülsten 
erzielt worden sein sollen, aber während die grundle¬ 
genden Versuche E h r 1 i c h s über prophylaktische Im¬ 
munisierung von Tieren allerseits Bestätigung gefunden 


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24. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 2. 


1912. 


haben, sind die Angaben über entsprechende Erfolge, 
was Rückbildung schon vorhandener Tumoren betrifft, 
sehr spärlich, namentlich wenn man nur diejenigen 
zählt, bei welchen ein vollständiges Verschwinden des 
Tumors erfolgte und nicht blos eine Verkleinerung. 

Auch in diagnostischer Hinsicht hat die Anwendung 
der Immunitätslehre auf die bösartigen Geschwülste Re¬ 
sultate gezeitigt, deren praktische Verwertbarkeit wohl 
noch in Frage steht, die aber doch so interessant sind, 
dass ich sie hier erwähnen möchte. 

Ich nenne hier zunächst die Meiostagminreaktion; 
fj,e(o>v heisst kleiner, ovdyfia heisst der Tropfen, die 
Meiostagminreaktion ist diejenige Reaktion, welche auf 
der Bildung kleinerer Tropfen beruht. Wenn man näm¬ 
lich ein Antigen mit dem zu ihm gehörigen Antikörper 
in flüssiger Form zusammenbringt, so ist die Tropfen¬ 
zahl, welche man aus einer bestimmten Menge dieses 
Gemisches erhält, grösser, jeder einzelne Tropfen somit 
kleiner, als wenn man das Antigen mit einer indiffe¬ 
renten Flüssigkeit mischt, natürlich unter Einhaltung 
sonst gleicher Versuchsbedingungen Wenn man z. B. 
Typhusbazillenextrakt mit normalem Serum mischt und 
die Tropfenzahl aus einer bestimmten Menge dieses 
Gemisches beträgt 56, so ergibt die Mischung desselben 
Typhusbazillenextraktes mit dem Serum eines Typhus¬ 
kranken vielleicht 58. In derselben Weise ergibt ein 
Extrakt aus einem Karzinom mit dem Serum eines Kar¬ 
zinomkranken eine vermehrte Tropfenzahl. Die Reak¬ 
tion ist ebensowenig spezifisch wie die von Ehrlich 
gefundene Immunität durch prophylaktische Tumor¬ 
impfungen, denn ebenso wie das Serum von Karzinom- 
kranken gibt auch das von Sarkomkranken mit dem¬ 
selben Karzinomextrakt eine positive Meiostagminreaktion. 

Eine zweite für die Diagnose von Karzinomen viel¬ 
leicht verwertbare Erscheinung besteht darin, dass das 
Serum von Gesunden resp. nicht an Karzinom leidenden 
Personen imstande ist, die Krebszellen aufzulösen, welche 
Fähigkeit dem Serum von Karzinomkranken abgeht. 
Wir haben hier als das gerade Gegenteil von dem, was 
wir als die normale Immunitätsreaktion erwarten sollten. 
Das Vorhandensein des Antigens führt nicht zu einer 
Aufspeicherung von Lysinen im Serum des Kranken, 
sondern im Gegenteil, die normalerweise dem Serum 
zukommende lytische Kraft wird zerstört. Analogen 
Erscheinungen begegnen wir ja auch anderweitig, aus 
den W r i g t h sehen Untersuchungen wissen wir, dass 
der opsonische Index nach Einimpfung des Vaccins 
zunächst eine negative Phase durchläuft, bevor die Er¬ 
höhung desselben eintritt und auch sonst sind Immu¬ 
nität und Ueberempfindlichkeit Dinge, welche nahe bei¬ 
einander liegen. Speziell bei bösartigen Tumoren, also 
bei Erkrankungen, welche spontan niemals in Heilung 
übergehen, werden wir das Auftreten energischer Schutz¬ 
stoffe nicht erwarten dürfen, sondern eher das Gegen¬ 
teil. 

Drittens wäre hier zu nennen die Antitrypsinreaktion. 
Ich führe sie bei den Immunitätsreaktionen an, weil man 
sich ihr Zustandekommen in folgender Weise gedacht 
hat. Ueberall dort wo im Körper Zerfall von Gewebe 
stattfindet, ist beim Abbau dieser Gewebe ein proteo¬ 
lytisches Ferment in Tätigkeit. Dieses wirkt als An¬ 
tigen und führt zu einer Anhäufung eines Antifermentes 
im Blutserum. Da schon im gesunden Körper ein be¬ 
ständiger Zerfall von Zellen statt hat, so findet man dies 
Antiferment schon im Normalserum, es ist aber in er¬ 
höhtem Masse überall dort vorhanden, wo ein gestei¬ 
gerter Eiweisszerfall vorliegt, also namentlich bei bös¬ 
artigen Tumoren. Um das Antiferment nachzuweisen 
bediente man sich früher einer Versuchsanordnung, bei 
welcher die hemmende Wirkung der verschiedenen Sera 
auf die eiweissverdauende Kraft der Leukozyten sichtbar 
gemacht wurde, neuerdings benutzt man statt des Leu¬ 
kozytenferments nach dem Vorgang von B r i e g e r und 


T r e b i n g das Trypsin. Infolgedessen hat die Reaktion 
den Namen der Antitrypsinreaktion erhalten. 

Ob nun tatsächlich die hemmende Wirkung des Blut¬ 
serums auf die Eiweissverdauung auf dem Vorhanden¬ 
sein eines Antifermentes beruht, ist freilich zweifelhaft 
geworden; es könnte auch sein, dass die Hemmung di¬ 
rekt durch die resorbierten Eiweissabbauprodukte zu¬ 
stande kommt. Als feststehende Tatsache können wir 
ansehen, dass die antitryptische Kraft des Blutserums 
bei bösartigen Geschwülsten erhöht ist. Da eine solche 
Erhöhung aber auch bei anderen Krankheiten, welche 
mit gesteigertem Eiweisszerfall einhergehen, vorhanden 
ist, z. B. bei Basedowscher Krankheit, bei manchen In¬ 
fektionskrankheiten, so ist eine Verwertung des Befundes 
eines erhöhten Antitrypsingehaltes zur Karzinomdiagnose 
nur insoweit möglich, als man meint, derartige andere 
Krankheiten ausschliessen zu können. Die diagnosti¬ 
sche Bedeutung eines erhöhten Antitrypsingehaltes ist 
somit eine recht geringe. Ist dagegen der Antitrypsin - 
gehalt normal oder gar verringert, so ist das ein recht 
wertvolles Symptom, man kann dann mit grosser Wahr¬ 
scheinlichkeit einen bösartigen Tumor, wenigstens einen 
solchen grösseren Umfangs ausschliessen; ob auch 
schon beginnende Tumoren die Antitrypsinreaktion 
geben, geht aus den bisherigen Mitteilungen nicht her¬ 
vor; a priori ist es ja wenig wahrscheinlich, dass schon 
ein ganz kleines Karzinom zu einer vermehrten Anti¬ 
trypsinbildung wird führen können; vermutlich wird die 
Reaktion also gerade dort versagen, wo wir sie am nö¬ 
tigsten haben. 

Viertens ist auch eine Präzipitinreaktion zur Dia¬ 
gnose des Karzinoms angegeben worden. Wenn man 
nämlich Karzinomextrakt mit dem Serum eines Karzi¬ 
nomkranken mischt, so soll ein Niederschlag in der 
Mischung eintreten, welcher bei Verwendung von Nor¬ 
malserum ausbleibt. 

Ich muss noch ein paar Worte über die Therapie 
des Karzinoms sagen. Dass durch aktive oder passive 
Immunisierung erhebliche Erfolge nicht erzielt worden 
sind, habe ich schon erwähnt. Dagegen wird von vielen 
Seiten berichtet, dass man durch Anwendung von Rönt¬ 
genstrahlen und durch Radium die Karzinome günstig 
beeinflussen könne; aber wir dürfen uns nicht damit 
begnügen, die Karzinome günstig zu beeinflussen, d. h. 
sie zu verkleinern, sondern wir müssen sie womöglich 
heilen; über Heilungen durch Radium- oder Röntgen¬ 
strahlen wird aber nurjjbei kleinen und oberflächlich gele¬ 
genen Karzinomen berichtet, also in Fällen, wo auch 
die chirurgische Beseitigung keine Schwierigkeit geboten 
und ungleich sicherer gewirkt hätte. Wir werden also 
nach wie vor die Behandlung der Karzinome dem Chi¬ 
rurgen überlassen müssen und nur in inoperabelen 
Fällen mag eine andere Methode versucht werden. 


Der Verband frischer Verletzungen mit 
Dr. Fincks Hautlack. 

Von Dr. med. W. Spindler. 

Eine ungemein praktische Methode des Verbandes frischer Wun¬ 
den wurde im russisch-japanischen Kriege von Dr. von Oettingen 
erfolgreich angewendet. Es ist eine Methode, die wir dem Char- 
kower Orthopäden F i n ck verdanken. Sie besteht in Abschluss der 
Wunde und Fixierung des Verbandes mittelst eines Klebstoffes, 
dessen Zusammensetzung Finck bereits im Jahre 1900 mitgeteilt hat. 
Wir finden das Rezept in Fincks Arbeit .Zur Klumpfussbehandlung“, 
in „Volkmannsche Vorträge“ N. F. JsT? 285, sowie in der .Zeitschrift 
für Orthopädische Chirurgie“, Band XIII. in .Die Therapie der Klump- 
füsse Neugeborener in den ersten Wochen nach der Geburt“ von 
Julius Finck. Die Vorschrift lautet: 


Terebinth. venetian. 15,0 

Mastix. 12,0 

Colophonium . 25,0 

Resina alb. 8,0 

Spirit, vini 90% . . ..180,0 

Misce Filtra! 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 2. 


25. 


Die Zusammensetzung dieser Klebmasse ist von v. Oettingen 
etwas verändert mit dem Namen Mastisol benannt und die Methode | 
weiter ausgearbeitet und in Mode gebracht worden. Ich habe die 
von Finck angegebene Zusammensetzung in der ursprünglichen Form 
beibehalten und will es, zum Unterschied von Mastisol, einfach mit 
Fincks Hautlack oder wie Finck es jetzt nennt Cleol, bezeichnen. 

Die Anwendung ist eine derartig bequeme und die Resultate so zu¬ 
friedenstellend, dass alle Bedenken, die wir gegen einige scheinbare 
Abweichungen von den üblichen Anschauungen über Antisepsis und j 
Asepsis haben müssen, bald Überwunden werden. Ich habe den | 
Finckschen Verband bei mehr wie zweitausend Verletzungen und | 
Operationswunden angewendet und zwar waren davon 1956 verun¬ 
reinigte, gequetschte und gerissene Wunden, dann 42 reine Wunden I 
mit glatten Rändern und 43 Operationswunden. Zum grössten Teil 
betrafen die Verletzungen Fabrikarbeiter von den Maschinenfabriken 
von Koop, von Unger. vom eisernen Dock, das die Brjansker Fabrik 
in Kitschkas baute, und von verschiedenen Dampfmühlen, und 
namentlich in den Jahren 1906—1908 hatte ich ein grosses Material 
von Verletzungen der Arbeiter am Bau der Eisenbahnbrücke über 
den Dnjepr bei Kitschkas (KH»iKacT>). Die Zahl der Verletzten be¬ 
trug hier 1625 Mann, davon 149 stationäre. Der Fincksche Verband 
kam in Verwendung bei 1421, davon waren stationäre 121 Mann. 

Bei den Brückenarbeitern handelte es sich in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle um Verletzung durch herabfallende eiserne Bolzen 
im Gewichte von Vs Pfd. 7 Solotnik, von 3 /4 Pfd. und von l 8 /i Pfd. 

3 Solotnik bis 2 Pfd. Häufig fielen diese Bolzen (3aKJiem<H) aus 
einer Höhe von 3—5 Arschin herab und durchschlugen dann, wo 
sie auftrafen, Kleider und Weichteile. Namentlich gab es schwere 
Verletzungen des Kopfes, bei denen Weichteile und Periost vom 
Knochen getrennt wurden und nicht selten ganze Lappen abgelöst 
unb Taschen gebildet wurden. Gleichzeitige Schädelfraktur wurde 
zweimal festgestellt. Dass die Wunden nicht sehr sauber waren, ist 
klar, denn Kopfbedeckung, Haar und andere Fremdkörper hinterliessen 
Teile in den Wunden. Die Haut der Verletzten war fast durchweg 
stark verschmutzt durch die Arbeit und das Hantieren mit Eisen¬ 
teilen. Die Ränder der Wunde waren selten nur glatt durchtrennt, 
meist gequetscht und gerissen. Es handelte sich also vielfach um 
Verletzungen, die keine gerade sehr günstige Aussicht für den Ver¬ 
lauf der Heilung boten. Dennoch war die Heilung eine vorzügliche. 

Ich habe im ganzen bei 1956 verunreinigten Wunden bloss in 6% 
Eiterung gehabt, während in 94% der Verlauf der Heilung ein tadel¬ 
loser war und prima intentio gab. Bei reinen Wunden, also Schnitt¬ 
verletzungen, wenn sie sofort zum Verbände kamen und Operations¬ 
wunden, betrug die prima intentio 100% bei einer Anzahl von 85 
reinen, nicht gequetschten Wunden. Ich erlaube mir die Technik 
eines Verbandes kurz zu schildern: Bei Verletzung im Bereiche der 
behaarten Kopfhaut wird die Umgebung vorsichtig rasiert oder das 
Haar blos abgeschnitten, wobei ängstlich vermieden wird die Wund¬ 
ränder zu berühren. Die Wunde darf weder mit dem Finger, noch 
einem Watte- oder Marlybausch berührt werden. Ebensowenig ist 
eine Abspülung mit irgend einer Flüssigkeit gestattet! Grobe Verun¬ 
reinigungen werden mechanisch mit der sterilisierten Pinzette ent¬ 
fernt. Die umgebende Haut kann mit Spiritus oder Jodtinktur be¬ 
tupft werden; das tue ich aber meist nur bei Kopfverletzungen, 
wenn der Kopf sehr schmutzig ist. Die schwarzen, von der Arbeit 
eingeschmierten Finger eines Schlossers zum Beispiel kommen gerade 
so in den Verband, ohne gewaschen oder mit Spiritus abgerieben zu 
werden. Dann werden die Wundränder zusammengeslellt und der 
Hautlack mittelst Pinsel oder Wattebausch über Wunde und Um¬ 
gebung aufgestrichen, genügend weit, um den Verband gut zu 
Fixieren. Jetzt wartet mau etwa eine halbe Minute, bis der Lack 
(KJieft) klebrig wird — man kann sich davon überzeugen durch Be¬ 
rühren mit dem Finger — und legt nun die Marlybinde in festen 
Türen an. Der Verband bleibt bis zur Heilung liegen. Gibt es 
Eiterung, so ist natürlich der Verband zu entfernen. Bei sehr stark 
verunreinigten Wunden habe ich die ganze Wunde mit Cleol ausge¬ 
schmiert und dann erst den Verband angelegt. Von diesem geradezu 
schematischen Vorgehen bin ich nur in vereinzelten Fällen abge¬ 
gangen. So z. B. wurde ein Bauer zu mir gebracht, der seine grosse 
9 zm. lange Kopfwunde, — das Periost war entblösst — mit Mist 
bedeckt hatte. Hier freilich hielt ich es für notwendig, die Wunde 
mit Spiritus abzuspülen, dann wischte ich sie mit Cleol aus, drai- 
nierte eine Ecke und verband wie gewöhnlich; das Resultat war eine 
tadellose prima. Irgend welche desinfizierenden Lösungen vermied 
ich auch hier anzuwenden. Wiederholt habe ich Wunden zu verbinden 
gehabt, bei denen Spinngewebe zur Blutstillung verwendet worden 
war. Bei sehr schmutzigen Wunden versehe ich vorsichtshalber die 
eine Ecke mit einem Tampon von Jodoformmarly, den ich nach 24 
Stunden entferne und, falls die Wunde rein ist, auch diese Ecke 
schliesse. Gelegentlich kommt es mal vor, dass einige Nähte angelegt 
werden müssen. Gewöhnlich hält die Binde, fixiert durch den Lack, 
die Wundenränder ausgezeichnet zusammen. Die Fälle wo eine Naht 
erforderlich ist, sind also jiur vereinzelt. So z. B. musste ich die 
Backe eines Patienten, die mit einem Messer aufgeschlitzt worden 
war, erst durch Nähte fixieren, um dann den gewöhnlichen Verband 
mit Vorteil verwenden zu können. Die gleiche Verbandmethode be¬ 
währt sich auch für Operationswunden. Es erscheint ja eigentlich 
von vornherein selbstverständlich, dass eine Methode, die bei Ver¬ 
letzungen gute Resultate gibt, noch bessere Resultate geben muss bei 
der, vom Arzte gesetzten Operationswunde. Der ganze Unterschied 
besteht darin, dass sich das Operationsfeld gründlich mit Spiritus 
vorbereiten lässt und eventuell mit Jodtinktur bepinselt wird. Die 


Anwendung der Infiltrationsanaesthesie mit 0,2 prozentiger Acoin- 
lösung, die ich fast ausschliesslich in der kleinen Chirurgie anwertde, 
ist für Verwendung ries Fmck'schen Verbandes kein Hindernis, doth 
hat man zu beachten, dass die Binde ein wenig fester angezogen 
werde. Geschieht das nicht, so kann es wohl Vorkommen, dass die 
Wundränder ungenügend schliessen, obgleich ich bei Operations¬ 
wunden reichlicher Nähte angelegt habe, wenn die Infiltration nach¬ 
lässt und somit die Konsistenz des Gewebes sich etwas verringert. — 
Der Uebersichtlichkeit halber führe ich einige Krankengeschichten an: 
A. B. Schlosser am Brückenbau 23 Jahre alt, ist durch einen eisernen 
Bolzen von nicht bestimmtem Gewicht, der aus einer Höhe von 4 
Arschin herabfiel, verletzt worden. Er hat auf dem Handrücken der 
linken Hand eine 5 cm. lange Wunde, in der Richtung vom Hand¬ 
gelenk zum Zeigefinger verlaufend. Haut und'Fettpolster sind durch¬ 
trennt. Die Wundränder sind ziemlich glatt, aber deutlich gequetscht. 
Die Wunde zeigt keine deutliche Verunreinigung, die umgebende 
Haut aber ist schwarz, schmierig, glänzend. Nach Besichtigung der 
Wunde, wobei jede direkte Berührung vermieden wurde, bringe ich 
die Wundränder zusammen, lasse sie von meinem Gehilfen fixieren, 
bestreiche die Hand und Wundränder mit Cleol, warte etwa Va Minute 
und lege jetzt eine Marlybinde an. Bei den ersten Türen beachte ich, 
dass die Wundränder in richtiger Lage fixiert werden. Die ersten 
Türen haften fest an der mit Cleol bestrichenen Haut, fixieren die 
Wundränder und schliessen die Wunde gut ab. Da ein wenig Blut 
die ersten Türen rötet, decke ich diese mit einer dünnen Schicht 
Watte und vollende dann den Verband. Nach 8 Tagen wird der 
Verband entfernt. Die Wunde ist verheilt. 


D. A. Nieter am Brückenbau, 27 Jahr alt, ist durch einen Bolzen im 
Gewicht von l 3 /4 Pfund, der aus einer Höhe von 3 Arschin herabfiel an 
der Stirn verletzt worden. Eine Wunde von 8 zm. Länge, von welchen 
3 zm. die behaarte Kopfhaut betreffen, verläuft in der Richtung zur 
Nasenwurzel. Die Ränder klaffen; das Periost ist entblösst. Der ziem¬ 
lich glatte, nur wenig gequetschte Wundrand hat an der linken Seite 
einen 2 zm. langen Seitenriss, durch den ein Lappen gebildet wird. In 
der Wunde ist Haar und ein Tuchfetzen von der Kopfbedeckung. Mit¬ 
telst Pinzette werden Tuchfetzen und Haar entfernt; die Wundränder 
werden einander genähert und in Berührung gebracht durch Zusammen¬ 
schieben von beiden Seiten der Stirn. Im Bereiche des oberen Teiles 
der Wunde wird jetzt das Haar mit der Scheere abgeschnitten, dann 
wird die ganze umgebende Hautpartie, etwa bis an die Schläfen, mit 
Cleol bestrichen, auch die Wundränder, und nach einer halben Minute 
die Marlybinde angelegt. Da die Binde fest an der Haut haftet, sind 
die Wundränder gut fixiert. Unter die letzten Türen kommt eine 
dünne Lage Watte. Entfernung der Binde am 9. Tage: Prima inten¬ 
tio. D. P. Tagelöhner am Brückenbau, 26 Jahre alt, hat mit einem 
Spaten einen Schlag auf den rechten Vorderarm erhalten. Hautwunde 
von 8 cm. Länge, mit Erde verschmutzt; Ränder glatt. Die Wunde 
wird mit Cleol ausgewischt, der Unterarm mit diesem bestrichen und 
die Wunde mit der Binde geschlossen. Da die Binde fest an der 
Haut anklebt, wird sie etwa 5—6 cm. vom Wundrande angesetzt, bis 
zur Wunde angelegt und dann durch Zug der Wundrand zur Berüh¬ 
rung mit dem andern Wundrande gebracht und jetzt die Binde weiter 
angelegt. Entfernung der Binde am 8. Tage. Die Wunde ist verheilt. 

K. M. Tischler, 18 Jahre alt, hat sich in den Finger geschnitten. 
Die Ränder der stark blutenden Wunde werden aneinander gedrückt, 
Cleol um den Finger gestrichen und eine Binde umgewickelt. Da 
der Verband stark blutig wurde, musste er nach 3 Stunden erneuert 
werden, wobei aber die durch Cleol fixierte Tur belassen wurde, also 
blos die obere Verbandschicht erneuert wurde. Nach 6 Tagen, Ab¬ 
nahme des Verbandes vom verheilten Finger. — Betreffs der anfangs 
erwähnten 6% Verletzungen, wo es nicht ganz ohne Eiterung abging, 
sei noch hervorgehoben, dass die Eiterung in der Mehrzahl der Fälle 
eine sehr geringe war, öfters bloss das eine Ende der Wunde betraf. 
In einzelnen wenigen Fällen nur vereiterte die Wunde regelrecht, 
resp. kam es zur Phlegmone. Freilich handelte es sich in diesen 
Fällen ausschliesslich um ambulatorische Patienten, die es benutzten, 
dass sie von der Arbeit dispensiert waren, um zu trinken und bummeln. 
Solche vereiterte Wunden behandelte ich ebenfalls ohne jede Spülung, 
durchaus trocken. In Fällen wo sich eine Tasche oder Höhle bildete 
wich ich von der Trockenbehandlung soweit ab um 3- 5% Perhydrol- 
glyzerin einzugiessen und den Tampon mit dieser Lösung zu tränken. 
Mit dem Erfolge konnte ich zufrieden sein. Eiternde Wunden habe 
ich natürlich niemals mit Cleol geschlossen, wohl aber ein paarmal 
versucht die Heilung zu beschleunigen, indem ich den einen Wund¬ 
winkel mit Cleol behandelte und schloss. D.r Effekt war nicht 
gerade ermutigend. Betreffs der Verwendbarkeit des Finckschen 
Hautlackes sei noch erwähnt, dass er sich vorzüglich eignet zur An¬ 
legung fixierender Verbände bei Rippenbrüchen, sowie Für Verbände 
bei Nabelbruch kleiner Kinder. Es wird hier die Gegend des Gürtels 
mit Lack bestrichen und eine Marlybinde herumgelegt und zwar so, 
dass Hautfalten von beiden Seiten des Nabels emporgehoben und 
über dem Nabel durch diese Gürtelbinde fixiert werden, genau so, 
wie man es mit einem Heftpflaster-Streifen macht. 

Suchen wir nach einer Erklärung für die vorzüglichen Resultate, 
die die F i n k - v. O e 11 i n g s c h e Verbandsmethode erzielt, so stehen 
wir an einer, nicht ganz leicht zu beantwortenden Frage. Es ist hier 
unter anderem der Ausdruck von der .Arretierung“ der Bakterien 
geprägt worden. Diese Bezeichnung stammt von v. Oettingen. Das 
Wort berührt anfangs etwas merkwürdig, doch wird das Wesen des 
Heilungsprozesses unter diesem Verbände treffend und drastisch durch 
das kurze Wort bezeichnet. 


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26. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. M* 2. 1912 . 


Berichtigung : Auf Seite 9 in Nr. 1 muss es heissen W. Ja¬ 
ko w 1 e w und nicht W. J a k i m o w. 

Bücherbesprechungen. 

Prof. Dr. Fr. Salzer: Diagnose u. Fehldiagnose von 
Gehirnerkrankungen aus der papilla nervi optici. 
Mit 22 Abbildungen auf 2 farbigen Tafeln. München, 
1911. J. F. Lehmann’s Verlag. 16 Seiten. Preis j 
Mark 1,50. Ref. Dr. Fr. Michelson. j 

Die kleine Schrift ist eine Sonderausgabe des Anhangs ; 
zum Atlas der Psychiatrie von Weygandt. Die ausser¬ 
ordentliche Variabilität des ophthalmoskopischen Bildes 
der Papille u. ihrer nächsten Umgebung bringt, es mit 
sich, dass der weniger Geübte dieses Bild nicht selten i 
falsch deutet. So schwanken die Angaben veschiedener 
Autoren über die Häufigkeit der Sehnervenatrophie bei 
der Paralyse zwischen 4°/ 0 u. 35°/'p, so die über die tem¬ 
porale Abblassung der Papille bei Alkoholikern zwischen 
13,9°/ 0 u. 58°/ 0 . Durch Wiedergabe von 29 ophthal¬ 
moskopischen Bildern und ihre kurze Besprechung will , 
Verfasser auf die bestehenden Unsicherheiten und Schwie- 
rigkeiten hinweisen und über sie hinweghelfen. 21 Bilder 
veranschaulichen die grosse Variabilität des ophthal- j 
moskopischen Aussehens der normalen Papille, 8 Bilder 
stellen Beispiele pathologischer oder zweifelhafter Be¬ 
funde dar.* 

Von der rechtzeitigen Diagnose einer Stauungspapille 
hängt oft ungeheuer viel ab, so dass die vom Verfasser be- j 
sprochenen und abgebildeten Befunde eine grosse prak- j 
tische Bedeutung haben. , 

K- Bai sch: Leitfaden der geburtshilflichen und gynä¬ 
kologischen Untersuchung. Mit 82 teils farbigen 
Abbildungen. Leipzig 1911. Verlag von Georg j 
Thieme. Ref. Dr. Fr. Mühlen. i 

Der Leitfaden soll den Studierenden die Möglichkeit j 
gewähren sich die theoretischen Grundlagen der ge- 
burtshülflichen und gynäkologischen Diagnostik zu ei¬ 
gen zu machen und die gebräuchlichen Handgriffe ein¬ 
zuprägen. Es ist keine leichte Aufgabe, die sich der 
Verfasser gestellt hat, die er aber in anerkennendster 
Weise gelöst hat. Die Abbildungen sind meist Originale 
oder aus bekannten Lehrbüchern entlehnt, sind sehr an¬ 
schaulich und bilden eine vorzügliche Erläuterung des 
Textes. Den Schluss bildet die Besprechung der bak¬ 
teriologischen Untersuchung, der Harnorgane und des 
Rectums. Einen Fehler möchte Ref. hier zurecht stellen, 
der sich bei der Berechnung der Schwangerschaft einge¬ 
schlichen hat (pg. 32). Bekanntlich werden vom ersten 
Tage der zuletzt dagewesenen Periode 3 Monate ab und 1 
7 Tage hinzugerechnet. Daher stimmen die angeführten 
Zahlen auch nicht. 

Franz Wohl au er. Atlas und Grundriss der Rachitis. 
Lehmann’s Medizinische Atlanten Bd. X. Mit 2 far- , 
bigen und 108 schwarzen Abbildungen. Lehmann’s 
Verlag. München 1911. Preis 20 Mk. 152 Seiten, i 
Ref. Dr. Weber. 

Verfasser, Assistent an der orthopädischen Universi¬ 
tätspoliklinik zu Berlin, gibt erst eine kurze Darstellung 
der modernen Anschauungen über die Aetiologie und 
Pathologie der rachitischen Knochenerkrankungen, um 
dann ausführlich die Knochenstruktur bei rachitischen 
Veränderungen des Skelettes, wie sie sich auf dem Rönt¬ 
genbilde darbieten, zu beschreiben. Der rachitische Kno¬ 
chen ist kalkarm. Während die Epiphysenlinie an ge¬ 
sunden Knochen entsprechend der regelmässigen linea¬ 
ren Verkalkungszone vollkommen scharf begrenzt ist, 
zeigen sich an der rachitischen Epiphyse unregelmässig 
zackige Begrenzungen und zwar an der Epiphyse selbst, 
wie am epiphysären Diaphysenende. Die Diaphysenenden 
sind aufgetrieben und zeigen koibige Verdickungen. 
Wenn das floride Stadium vorbei ist, gehen die Kno¬ 


chenveränderungen wieder zurück, die Epiphysenlinie 
wird regelmässiger, die Zackungen der Epiphysenlinie 
machen einer linearen Begrenzung Platz, die Auftreibung 
geht zurück. Erst wenn dieses Stadium erreicht ist, soll 
zur operativen Verbesserung der Deformität geschritten 
werden. Ausführlich wird die Differentialdiagnose zwi¬ 
schen den Knochenveränderungen bei Rachitis, Osteo- 
malacie und Knochensyphilis, wie sie sich durch das 
Roentgenbild nachweisen lassen, besprochen. Die Ver¬ 
änderungen der verschiedenen Skelettabschnitte werden 
durch eine grosse Reihe von meistens sehr gut gelun¬ 
genen Roentgenbildern veranschauligt. Jedes Bild ist 
mit einer in knappen Worten gehaltenen Erklärung ver¬ 
sehen, was die Durchmusterung des Atlas sehr erleich¬ 
tert. Die Ausstattung ist eine vorzügliche, wie wir es 
bei dem Lehmann’schen Verlag nicht anders gewohnt sind. 

Häberlin. Die Kinder-Seehospize und die Tuberku¬ 
lose-Bekämpfung. Leipzig 1911. Verlag von Dr. 
Klinkhardt. 338 Seiten. Ref. Dr. Weber. 

Verf. langjähriger Leiter der Seehospize auf der Insel 
Föhr in der Nordsee, hat sich der mühevollen aber 
höchst dankenswerten Arbeit unterzogen einen Ueber- 
blick zu geben über die Seehospize der verschiedensten 
Länder, die in den letzten 20—30 Jahren enstanden sind 
und die bei der Bekämpfung der Tuberkulose, nament¬ 
lich der Knochen- und Drüsentuberkulose ganz grossartige 
Resultate ergeben haben. 

Im geschichtlichen Teil wird besonders der englische 
Arzt Richard Rüssel (1700—1771) hervorgehoben, der 
von Michelet als Inventeur de la rner bezeichnet wurde. 
Russische Kollegen wird es interessieren, dass Russland 
mit der Organisation von Ferienkolonien eine führende 
Stellung einnahm, indem schon 1850 die evangelische 
Geistlichkeit in St. Petersburg und in den baltischen 
Provinzen Ferienkolonien organisierte, während das west¬ 
liche Europa, ausgenommen England und die Stadt Ham¬ 
burg, erst 25 Jahre später diesen wichtigen sozialen 
Wohlfahrtszweig aufgriff. 

Genau werden die verschiedensten Krankheitsgrup¬ 
pen besprochen, die für eine Behandlung an der See¬ 
küste geeignet sind, und die Resultate, die durch die 
Behandlung erzielt werden. Ueberall wird darauf hinge¬ 
wiesen, dass die Resultate bei der Behandlung an der 
Meeresküste, namentlich bei der Knochetuberkulose, nur 
dann wirklich glänzende sein können, wenn die Kranken 
das runde Jahr sich an der Küste aufhalten können. In 
einem besondern Kapitel wird Bau, Einrichtung, Betrieb 
und Finanzierung einiger besonders hervorragenden Sa¬ 
natorien besprochen. Auf 82 Seiten wird die Beschrei¬ 
bung aller Seehospize, Seehospitäler- u. Ferienkolonien 
aller Kulturstaaten gegeben. Zum Schluss sind eine 
ganze Reihe von Photographien und Plänen von solchen 
Anstalten angeführt u. 9 geographische Karten, die die 
Verteilung der Seehospize längs den Küsten aller Kul¬ 
turstaaten illustrieren. 

Prof. L. Philippson. Der Lupus. Seine Pathologie, 
Therapie und Prophylaxe. Aus dem italienischen 
übersetzt von Juliusberg. Berlin. Verlag v. Springer 
1911. Ref. Dr, Weber. 

Verf. weist darauf hin, dass die einseitige Auffassung 
des Lupus als Hautkrankheit sehr nachteilig auf die Kennt¬ 
nis dieser Krankheit und ihre Behandlung gewirkt hat. 
Er unterscheidet zwei Gruppen von Lupuserkrankungen 
primäre, die sich direkt in der Haut entwickeln und se¬ 
kundäre, wo der Lupus eine Propagation darstellt des 
tuberkulösen Prozesses von darunter liegenden Organen 
in die Haut. Die zweite Form ist die häufigere. Am 
häufigsten sind die Fälle von Gesichtslupus, die auf der 
Nasenschleimhaut ihren Anfang nehmen, und der Lupus 
der Extremitäten, die von Knochenerkrankungen ihren 
Ursprung nehmen. Der Lupus ist eine Erkrankung der 
ärmeren Klassen. Prophylaktisch können namentlich die 


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1912. 


27. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 2. 


Fälle von sekundärem Lupus günstig beeinflusst werden, J 
durch energische Behandlung der chirurgischen Tuber- | 
kulose der Knochen, Lymphdrüsen und der tuberkulösen ■ 
Affektionen der Schleimhäute. I 

Öffentliche Wohlfahrtseinrichtungen müssen dafür sor¬ 
gen, dass den ärmeren Kreisen so weit wie möglich die 
Behandlung ihrer skrofulösen und tuberkulösen Kinder i 
erleichtert wind. 

Bei der Behandlung gibt Verf. der Finsen- und Roent- ; 
gentheraphie den Vorzug vor der energischen chirurgi¬ 
schen Behandlung, bei welcher auch gesunde Partien 
geopfert werden müssen. 1 

Was die Nomenklatur anbelangt, so schlägt er vor I 
den Namen Lupus, der dem Krankheitsbilde gar nicht | 
entspricht und auf die Kranken und ihre Angehörigen ] 
einen schlechten Eindruck macht, vollständig fallen zu j 
lassen und statt dessen den Namen Finsens Krankheit j 
anzunehmen. 

Medizinische Essays, herausgegeben von Dr. j 
K. Loening. Erster Band. Teil 1 und 2. Leipzig 1 
1910—1911. Verlag von Benno-Konegen. Preis 7 j 
Mark. Ref. Dr. Fr. Dörbeck. ' 

Die Medizinischen Essays sind eine Sammlung von 
Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten der prakti- j 
sehen und theoretischen Medizin, die schon als Origi¬ 
nalartikel im Reichs-Medizinal-Anzeiger erschienen waren, j 
Einige von ihnen sind wohl lesenswert, warum aber Ar- 
tikel, die schon einmal in einer Zeitschrift gedruckt wa- j 
ren, noch einmal herausgegeben werden, ist nicht recht , 
einzusehen. | 

Gottwald Schwarz. Die Röntgenuntersuchung des j 
Herzens u. der grossen Gefässe. 5. Vorträge. Mit | 
25 Figuren u. 12 Photogrammen. Leipzig u. Wien, j 
Deuticke. 61 Seiten. Preis 2 M. 50. Ref. Dr. O. Moritz. 

Ein kurzes u. klares Büchlein, das gewiss weite Ver- | 
breitung finden wird. Trotz der Kürze bringt es manches 
Neue: so die eingehende Schilderung und Deutung des 
„Retrokardialfeldes“. Auch die Darstellung u. Erklärung 
des Röntgenbildes beim Fettherz ist instruktiv. Fraglich 
erscheint mir die Behauptung, dass die „genuine Schrumpf¬ 
niere selten ein grosses Herz mache“, — wenigstens j 
ist diese Fassung missverständlich. Für die Herzgrösse 
bei diesem Leiden dürfte doch wohl das Sadium, resp. 
die Hochgradigkeit der intestitiellen Prozesse von grösster 
Bedeutung sein. 

Bandelier & Roepke. Lehrbuch der spezifischen 
Diagnostik u. Therapie der Tuberkulose. 6. Aufl. 
Würzburg. Kabitzsch 1911. Preis 6 M. 60. Ref. 
Dr. O. Moritz. 

Die 5. Auflage dieses vorzüglichen Buches ist kürz¬ 
lich in unsrer Wochenschrift besprochen worden.* An 
der Hand eines so guten Führers dürfte sich wohl jeder 
Arzt an die Tuberkulinanwendung heranwagen können. 
Nur sei nochmals grösste Vorsicht bei der Dosierung j 
angeraten! 

A. Pappenheim. Grundriss der hämatologischen 
Diagnostik und praktischen Blutuntersuchung. Mit 
8 farbigen Tafeln. Leipzig 1911. Verlag von 
W. Klinkhardt. 264 Seiten. Preis brosch. 12 M. 
Ref. Dr. O. Moritz. 

Das Buch soll ein „Leitfaden für Anfänger, Studie¬ 
rende und praktische Ärzte“ sein. Es gibt daher eine 
genaue Beschreibung der Technik der klinisch wichtigen 
Blutuntersuchungsmethoden. Es werden Bestimmung 
des Hämoglobins, Zählung der Blutzellen und Anferti¬ 
gung der mikroskopischen Präparate erörtert. Hervor¬ 
gehoben sei aus diesem Teil die Angabe einer an¬ 
scheinend recht bequemen Zählpipette nach Pappen¬ 
heim — bei Leitz hergestellt. Vermisst habe ich die 
Erwähnung des Hämoglobinometers von Autenrieth- 
Königsberger, der sich mir gut bewährt hat. 


Die farbigen Tafeln sind sehr gut, leider im Text 
aber nicht berücksichtigt, weil erst nachträglich beigefügt. 

Vom theoretischen Hauptteil des Buches lässt sich 
sagen, dass dieses Werk wieder mal ein „echter Pappen¬ 
heim“ ist. Seine Vorzüge sind seine enorme hämato- 
logische Bildung, die Kenntnisse der minutiösesten De¬ 
tails der Zellstruktur und die Beherrschung des gewal¬ 
tigen Literaturmaterials, die ihn zur Aufstellung seiner 
Nomenklatur und seiner Systematisierung der Blutkrank¬ 
heiten geführt haben. Gern gebe ich zu, dass die Be¬ 
achtung der „Para- und Meta- Myelozyten“, die scharfe 
Trennung der „Lymphoidozythen“ von den echten 
Lymphozyten und noch manches Andere von dem, 
was wir Pappenheim verdanken, einen wichtigen Fortschritt 
der Hämatologie bedeuten. Doch bestehen ja leider die 
scharfen Grenzen oft nur auf dem Papier und P. selber 
betont, dass in praxi genaue Rubrizierungen der Zellen 
unmöglich sein können. Trotz, der Beschreibung wird 
der Anfänger, für den dieses Buch doch bestimmt sein 
soll, oft recht ratlos am Mikroskop sitzen, falls er den 
nicht billigen Pappenheim’schen Atlas nicht besitzt, was 
der Autor freilich von jedem Mediziner zu erwarten 
scheint. 

Eine dankenswerte Vereinfachung scheint mir die 
von P. vorgeschlagene Modifikation der Arneth’schen 
Zählmethode zu sein. 

Als Mangel des Buches ist schliesslich die Häufung 
von Wiederholungen, Zusammenfassungen, Rückblicken 
und Schlussätzen anzusehn. Leider scheint der Verfasser 
diese Tautologieen nicht aufgeben zu können, sind sie 
doch geradezu ein Charakteristikum seines Stils geworden. 
Dassetbe gilt von den selbstkomponierten Fremdwörtern, 
die die Lektüre sehr erschweren. Der verdienstvolle 
Autor hat eben, wie es in der Bibel von Moses heisst — 
„eine schwere Zunge“, und wir wollen wünschen, dass 
er bald seinen „Aaron“ fände, zur erfolgreichen Ver¬ 
kündung seiner Lehre. 


Gesellschaft praktischer Aerzte zu Riga. 

(Offizielles Protokoll). 

1835. Sitzung am 16. XI 1911. 

Anwesend 85 Mitglieder, als Gäste die Herren DDr. Sohn, 
Landau, Gussew, Arbusow, Herzfeld, Matzkeit. 
Vorsitzender: Dr. O. S t e n d e r. Schriftfiihier Dr. E. K r o e g e r, 
Tagesordnung: 

P. 1. Dr. P. Klemm demonstriert 

a) 2 Fälle von gummöser Syphilis: 

b) eine Patientin mit Prolapsus recti, operiert mit Resektion des 
os sacrum; 

c) eine Patientin, die wegen einer Appendizitis opperiert worden 
war und nachher mit heftigen Schmerzen, die den Verdacht auf Nie¬ 
renstein nahelegten, erkrankte. Es stellte sich Urindrang ein und 
bald darauf Anurie. Im Röntgenbilde zeigten sich Steinschatten auf 
beiden Seiten. Als sich urämische Erscheinungen einstellten wurde 
Pat. operiert und zwar linksseitig. Es fand sich ein Konglomerat von 
kleinen Steinen, die den Ureter vollständig verstopft hatten. Nach 
der Operation stellte sieh gleich die Funktion der Niere wieder her 
und das tägliche Urinquantum bewegte sich in normalen Grenzen. 

Diskussion: 

Dr. v.Engelmann: Zur Anregung der Nierensekretion genügt 
häufig nur das Hineinlegen eines Ureterenkatheters. 

Dr. v. H a m p e 1 n erinnert an solche Fälle, bei denen tagelang 
Anurie bestand und urämische Erscheinungen fehlten. Im Anschluss 
daran spricht Redner über die Möglichkeit der operativen Behand¬ 
lung akuter urämischer Anfälle im Verlauf eines chron. morb. Bright. 
Die Ansichten darüber sind zur Zeit mehr ablehnend. Wenn in 
solchen Fällen die urämischen Erscheinungen sich lange hinziehen 
und die diätetisch-medikamentöse Behandlung versagt, so könne als 
letztes Hilfsmittel, die Möglichkeit einer Operation, für die die De- 
kapsulation nur einer Niere in Frage kommt, im Auge behalten wer¬ 
den. Wenigstens tst das Prinzip operativ vorzugehn, durchaus noch 
diskutabel. Edebohl ist solch eine Operation in einem Falle an¬ 
scheinend akuter Verschleimung einer Nephritis geglückt. 

Dr. Klemm meint, dass in diesem Falle der Ureterenkatheter 
nicht hätte helfen können, da die Niere sich im Zustande hochgra¬ 
diger Stauung befunden hätte und grosse Veränderungen bereits ein¬ 
getreten waren. Der Eingriff ist an sich nicht gefährlich und des- 


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28. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSTe 2. 


1912. 


halb glaubt Redner, dass er auch bei Urämie infolge von chron. 
parenchymat. Nephritis versucht werden könnte. 

Dr. Poorten weist darauf hin, dass die Nierenkapselspaltung 
schon lange in der Gynäkologie geübt wird und zwar bei Eklampsie 
nach der Geburt. Die Operation ist in vielen Fällen direkt lebens¬ 
rettend gewesen. 

Dr. v. Engelmann : Demonstration von Fremdkör¬ 
pern der Harnblase. 

1) Einen Fremdkörper der Harnblase eines Mannes, der in einem 
ö 1 /» Ztm. langen Gummisauger einer Kindersaugflasche besteht. Nach 
Angabe des Patienten soll ihm derselbe, als er sich in schwer be¬ 
trunkenem Zustande befand von seinen Zechgenossen in die Harn¬ 
röhre gesteckt worden sein. Es bestanden seitdem zystische Be¬ 
schwerden. Mit der Zange des N i t z e sehen Operations zystoskopes 
gelang es den Sauger unter Leitung des Auges an der Spitze zu 
fassen und durch die Harnröhre zu extrahieren. 

2) Einen 3 x /2 Ztm. im Durchmesser haltenden Phosphatstein, der 
auf dem Durchschnitt als Kern ein nekrotisches Gewebsstück ent¬ 
hält. Derselbe wurde durch Sektio alta einem alten Manne entfernt, 
dem ca. ®/4 Jahre vorher wegen hochgradiger Prostatahypertrophie 
mit Urinretention die Bottinische Operation gemacht worden war, 
und der mit guter Blasenfunktion das Krankenhaus verlassen hatte 
ohne die vollständige Lösung und Entfernung der Schorfe abzu- 
warten. Eine Urinretention bestand auch jetzt nicht, nur schmerz¬ 
hafte Tenesmen. 

3) Einen ungewöhnlich grossen Hamsäurestein, der ein Gewicht 
von 157 Gramm hat von ovaler Form, der Stein hat eine glatte 
Oberfläche, stellenweise warzige Hervorragungen die ebenfalls aus 
Harnsäure bestehen und als Kern anscheinend Blutkoagula aufweisen. 
Der Stein wurde einem 65-jährigen Manne der längere Zeit an pe¬ 
riodisch wiederkehrenden heftigen Blasenbeschwerden gelitten hatte, 
durch Sektio alta entfernt. 

4) 7 mit Phosphaten überkleidete Harnsäuresteine, die ein gänse¬ 

eigrosses Konglomerat bildeten, indem die einzelnen Steine mit ihren 
gelenkflächenartig abgeschliffenen Seiten fest aneinander lagen. Sie 
hatten zusammen ein Gewicht von 109 Gramm und befanden sich in 
der enorm ausgedehnten pars prostatica eines ca. 50-jährigen Mannes, 
Per rectum wurde bei oberflächlicher Untersuchung ein harter Tu¬ 
mor der Prostata vorgetäuscht, doch fühlte man bei Druck die Rei¬ 
bung der Konkremente an einander. Die Beschwerden bestanden in 
Harndrang und erschwerter Miktion. Die Steine wurden durch Sektio 
alta entfernt. (Autoreferat). 

Dr. Schabert berichlet von einem 360 Gramm wiegenden Bla¬ 
senstein, welcher das ganze kleine Becken ausfüllte und bei der 
Operation in einem Divertikal liegend gefunden wurde. So grosse 
Steine geben ein absolutes Hindernis für die Zystoskopie ab. 

P. 3. Dr. Mandelstamm, F., Ueber einige Fehlerquel¬ 
len bei Harnanalysen. (Autoreferat). 

Fehler können bedingt sein: 

1) Durch das Material an sich (Betrug oder Versehen von seiten 
des Pat.). 

2) Durch Beimengungen von Blut (Menses!), Eiter (Fl. alb.) 
u. a. daher bei Frauen Katheterharn erforderlich! 

3) Durch zeitliche Differenzen in der Zusammensetzng des Harnes 
(Diabetes mel., orthotische Albuminurie). 


E i w e i s s. 

1) E s s b a c h birgt viele Fehlerquellen ln sich: er ist ungenau bei 
Harnen von niedrigem spez. Gewicht und zeigt bei verschiedener 
Aussentemperatur verschiedene Mengen von Eiweiss an. Ausserdem 
werden Albumosen, Nukleoalbumin, Harnsäure, Harze u. a. mit¬ 
gefällt. 

I sehr empfindlich, 

2) Ferrozyankali Essigsäure [zeigen aber neben Serum- 

3) 2% Sulfosalizylsäure jalbumin auch andere Ei- 

| weissarten an. 

4) S pie g 1 e r s Reagens- sehr empfindlich aber nur bei Vorhan¬ 
densein von NaCl. im Harn. Die Modifikaijon von Tolles gibt in 
jodhaltigen Harnen einen Niederschlag von HgJ2. 

5) Hellersche Probe. Verwechselungen mit Albumosen, Nu¬ 
kleoalbumin, Harnstoff, Gallensäuren, Harzsäuren möglich. 

6) Kochprobe. Der beim Kochen entstehende Niederschlag 
kann bedingt sein durch Phosphate, Urate (in sehr konzen¬ 
trierten Harnen), Harzsäuren (in Alkohol löslich), G a 11 e n f a r b - 
stoff. Der durch Eiweiss entstehende Niederschlag bildet sich 
deutlich nur in sauren Harnen; alkalischer Harn muss vorher vor¬ 
sichtig angesäuert werden, bei zu viel Essigsäurezusatz bildet sich 
Azidalbumin, welches in Lösung bleibt, bei zu viel Alkali entsteht 
Alkalialbuminat, welches ebenfalls nicht ausfällt. Nach dem Kochen 
muss der Harn vorher erkalten, bevor man Salpetersäure (zum 
event. Auflösen von Phosphaten) zusetzt, sonst löst sich der Eiweiss- 
niederschlag in der heissen Salpetersäure auf. 

Zucker. Trommersehe Probe: Es ist zu berücksichtige. 
1) dass mancher Harn Substanzen enthält, welche Cu a O in Lösung 
halten (Harnsäre, NH 3 -Salze, Eiweiss, (!) daher scheidet sich letz¬ 
teres bei einem Zuckergehalt von weniger als I / 2 °;b oft nicht aus; 

2) sind im normalem Harne Substanzen" enthalten, welche 
CuO reduzieren (andere Kohlehydrate, Harnsäure, Glycuronsäure); 
nach dem Gebrauch von Arzeneien treten auch reduzierende Sub¬ 
stanzen auf (Kampher, Morphium, Salizylpräparate, Glyzerin, San¬ 
tonin, Chloral, Sulfonal u. a.) Man muss beim Trommer darauf 
bedacht sein, möglichst grosse Mengen von Cu O in Lösung zn 


I 

! 


bringen,-damit das reichlich gebildete Oxydul ausfallen soll. 
Man setzt daher CuSo4 so lange zu, bis geringe Mengen ungelöst 
bleiben. Setzt man aber zu viel zu, so entsteht ein Ueberschuss 
von Cu (OH) 2 welches nicht reduziert wird, durch die Kalilauge in 
der Hitze sich schwärzt und die Reaktion verdecken kann. 

Der Ham darf kein Eiweiss enthalten, weil dasselbe Cu 0 2 
Lösung halten kann, wodurch das Resultat beeinträchtigt wird. Auch 
muss der Harn frisch sein, weil Ammoniaksalze das Oxydul eben¬ 
falls in Lösung halten. Durch Anwendung der Fehlingschen 
Lösung werden obige Fehlerquellen auf ein Minimum reduziert 1) well 
bei der geringen Menge des in Anwendung kommenden Harnes 
(4—8 Tropfen) die Cu0 2 lösenden und reduzierenden Eigenschaften 
des Harnes minimal sind und 2) weil das Seignettesalz das sich 
eventuell bildende Cu (OH^ in Lösung hält und die Bildung von 
schwarzem CuO verhindert. 

Das N y 1 a n d e r sehe Reagens zeigt noch l /4% Zucker deutlich 
an, ist aber nur in negativen Fällen zuverlässig, weil auch 
andere Substanzen reduzierend wirken: 1) Eiweiss, 2) Chry- 
sophansäure nach Gebrauch von Senna, Rhabarber; 3) Salol, 
Antipyrin, Menthol, Terpentin u. a. 

In stark alkalischen Harnen kann trotz Anwesenheit von Zucker 
die Probe negativ ausfallen, weil die NaHO des Reagens das NH 3 
verdrängt und die zur Reduktion des Bi O nötige Alkaleszenz nicht 
mehr zurückbleibt. 

* Die sicherste Probe ist die G ä r u n g s p r o b e. Der Harn muss 
aber frisch sein und sauer reagieren, auch muss die Hefe ein¬ 
wandfrei sein, daher immer 2 Kontrollen nötig. Phenylhydra¬ 
zin ist bei Zuckermengen unter 1 ( / 2 °/o nicht mehr zuverlässig, da auch 
andere Substanzen Osazone bilden. 

Bei der Pola risation sprobe ist zu berücksichtigen, dass 
1) Eiweiss nach links dreht, desgl. Fruchtzucker, daher vorher zu 
entfernen resp. in Rechnung zu ziehen; 2) andere linksdrehende 
Substanzen (Glykuronsäureverbindungen) im Harne Vorkommen; 
3) einige Medikamente (z. B. Morphium) eine Rechtsdrehung be¬ 
wirken können. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Reval. 

(Auszug aus den Protokollen). 

Sitzung vom 10. Januar 1911. 

P. 4. Der Praeses legt den Rechenschaftsbericht pro 1910 vor, 
aus dem hervorgeht, dass im verflossenen Jahr 12 Sitzungen statt¬ 
fanden, in denen 13 Vorträge, sowie 47 kasuistische Beiträge und 
Demonstrationen, ferner 3 Diskussionen ohne einleitende Vorträge 
geboten wurden. 

P. 12. Grelffenhagen stellt einen 14 j. Knaben vor, den er 
wegen eines Nasenrachenfibroms am 3/XII. 10. operiert hatte. 
Indikation zur Operation schwere Blutungen. Zehn elektrolytische Aetzun- 
gen ohne Erfolg, daher Radikaloperation: Praeliminare Tracheotomie, 
Larynxtamponade, Spaltung des weichen Gaumens, partielle subperio¬ 
stale Resektion des rechten Gaumenbeins und der horizontalen Ober¬ 
kieferplatte, vollst. Freilegung des hühnereigrossen, sehr harten und der¬ 
ben Tumors, dessen Schleimhautüberzug sehr blutreich ist. Inter- 
parenchymatöse Novokain-Adrenalininjektion in den Tumor, infolge¬ 
dessen geringe Blutung bei der Exstirpation mit Messer und Scheere. 
Der Tumor sass breit gestielt und mehrfach verzapft an der fibro-carti- 
lago basilaris und dem vorderen und unteren Keilbeinrand. Keilbeinhöhle 
nicht eröffnet. Primäre Naht des harten und weichen Gaumens bis 
auf eine Lücke für den Jodoformgazetampon, der die mächtige 
Wundhöhle ausfüllt. Keine Nachblutung. Ungestörte Wundheilung 
per primam. Tampon am 5. Tage definitiv entfernt, von da an täg¬ 
lich Spülungen. Völlige Uebernarbung in z. 3 Wochen. Tracheal- 
fistel in 10 Tagen geheilt. Deckung der Oberkiferfistel durch Gau¬ 
menplatte, nach z. 1 Jahr plastischer Verschluss geplant. Kurze Be¬ 
sprechung der Path. u. Ther. der Nasenrachenpolypen. (Selbstbericht). 

P. 13. Grelffenhagen referiert über einen Fall von inkarze- 
rierter Zwerchfellshernie: 26 j. Mann vor 2 Jahren über¬ 
fahren worden, danach länger dauerndes Krankenlager. D/a Jahre¬ 
lang angeblich gesund und arbeitsfähig gewesen. Januar 1910 2 tägige 
Erkrankung mit Leibschmerzen und Erbrechen. Spotane Heilung. 
20 III wieder ebenso erkrankt. 21/III unter der Diagnose Jleus ein¬ 
geliefert. Kein Metcorismus, Rippenbogen deutlich gezeichnet, keine 
lokale Darmsteifung. Nach Morph.-Atropininjektion erfolgt 2X Stuhl. 
Wegen anhaltender Schmerzen und Verschlimmerung des Allgemeinbe¬ 
findens 25 III Probelaparatomie: In der linken Zwerchfellskuppe zwischen 
tendinösem und muskulärem Teil 3 ztm. lange frontalgestellte Lücke. 
In der linken Pleurahöhle mehrere Dünndarmschlingen, deren eine 2 
Strangfurchen trägt, fast das ganze Netz, ein Teil d. Colon transv. und die 
flexuracoli-lienalis. Mehrfache Netzadhaesionen an der Bruchpforte. We¬ 
der periton. noch pleural. Bruchsack. Nach Lösung und Befreiung aller 
Eingeweide aus der Pleurahöhle wird dieselbe nach Aussen im VIII 
Interkostalraum mit einem mehrschichtigen Marlystreifen tamponiert, 
die Bruchpforte durch 12 Catgutnähte und die Lapar. Wunde mit Eta¬ 
gennähten geschlossen. Anfangs guter Verlauf, vom 3. Tage an zu¬ 
nehmender Meteorismus in Folge von Darmparalyse-Enterostomie 
(Dr. Hesse) am 28 III., danach reichlicher Abgang von Stuhl und Winden 
durch die Fistel. 29 III. Puls und Allgemeinbefinden schlechter, kein 
Metcorismus, kein Erbrechen, wohl aber Schmerzen. Trotz Koch- 
salzinfus. sinkender Puls. Exitus am30/111. Sektionsbefund: Rechte Lunge 
normal, linke Lunge vollständig retrahiert, im linken Pleuarraum kein 


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Original fro-rri 

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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 2. 


29. 


Exsudat. Naht der Zwerchfellswunde vollständig suffizient, zur Peritoneal- j 

höhle zu leicht fibriös belegt mit einer Dünndarmschlinge verwachsen. 
Herz nach oben rechts verdrängt, etwas vergrössert. Perikard normal, 
wenig klareFlüssigkeit im Herzbeutel, ln der Bauchhöhle kein Exsudat, 
die im Oberbauchraum liegenden Dick- und Dünndqrmschlingen wenig I 
gebläht, blaurotverfärbt, mehrfach flächenhaft untereinander verbacken ; 
und geknickt. Milz klein, dicht an der Wirbelsäule gelegen, Pankreas 
und Nieren makrosk. normal. Wahrscheinliche Todesursache: Darm¬ 
paralyse (Peritonitis ?) Die Diagnose auf Zwerchfellshernie war nicht 
gestellt, da die sich während der Operation ergebenden Perkussions- 
befunde (tympan. Schall im linken Pleuraraum und Fehlen resp. Vcr- 
kleinerung und Verlagerung der Herzdämpfung) vor der Operation 
nicht konstatiert worden waren. — Kurze Besprechung der Diagnose 
und Theraphie der verschiedenen Formen der Hemia diaphragmat. j 

(Selbstbericht.) 

Diskussion: ; 

S c h r o e t e r teilt mit, dass er den II. Patienten gekannt habe j 
als Saisonarbeiter in Asserien, wo er nur 2—3 Tage nach dem Un¬ 
fall hat arbeiten können, da er gleich einen schwerkranken Eindruck 
gemacht habe. ' ... ’ 

W e i s s erkundigt sich wie das Zustandekommen der Hernie zu j 
erklären sei. . ; 

Greiffenhagen. Aetiologisch könne e$ sich um direkte Stich- 
resp. Schussverletzung durch die Pleura hindurch handeln oder um starke 
Kompression des Abdomens, und zwar befinde sich die Zwerchfellöffnung j 
meist zwischen einer tendinösen uud muskulären Partie. Ob hier vor j 
dem Unfall schon eine so grosse Lücke bestanden habe, dass keine j 
Inkarzeration zu stände kommen konnte, lässt sich natürlich nicht 
nachweisen. Es seien Fälle bekannt, wo Leute 20 Jahre ohne subj. 
Beschwerden schwere Arbeit verrichtet hätten. 

Dehn. Auch diese Krankheit lasse sich mit Hilfe von Rönt- | 
genstrahlen diagnostizieren. Die Dickdarmhaustra zeichnen sich deut- I 
lieh im Bilde ab, Bismuthgabe wäre gamicht notwendig. | 

Greiffenhagen. Das träfe nur bedingt zu, wenn nämlich das . 
Kolon wirklich lufthaltig wäre. Bismuth zu geben hätte keinen Zweck J 
da er vielleicht gamicht in die vorgefallenen Darmteile gelangen J 

könnte. 

P. 14. Dehn berichtet über einige Fälle von Frakturdiagnose | 
durch Röntgenstrahlen und demonstriert photographische Platten von 1 

a) einer Längsfraktur der Ulna 1 

b) einer Fraktur des Maleolus int. 

Diskussion: 

W e i s s fragt, ob klinisch die Diagnosenstellung nicht möglich 
war ? i 

Greiffenhagen. Im ersten Fall wäre die Diagnose auf Kon¬ 
tusion gestellt worden, Fraktursymptome fehlten, nur vermutete er 
wegen der intensiven Schmerzhaftigkeit eine Längsfissur. Im II. Fall 
glaubte er an eine Luxation, ein starkes Haematom erschwerte die 
Palpation. 


Sitzung vom 24. Januar 1911. 

P. 4. Friedenthal. Ueber Zyklothymie. Mit dem Namen 
Z. bezeichnet man eine Form psychischer Veränderung, resp. Erkran¬ 
kung, die dem Gebiet des manisch-depressiven Irreseins angehört und 
die leichtesten Formen dieser Psychose umfasst. Der Name ist gut 
gewählt, da er das ominöse Wort „Irresein“ vermeidet, von dem bei 
der Z. meist nicht gut die Rede sein kann. Nach einer Präzision 
des Begriffs „manisch-depressives Irresein“, wie er von Kraepelin in 
die Klassifikation der Psychosen eingeführt worden und einem Hin¬ 
weise auf die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen, 
wendet sich Ref. der Schilderung der klassischen Z. zu, die so recht 
ein Grenzgebiet darstellt, in Irrenanstalten relativ selten zur Beobach- I 
tung gelangt, dafür desto häufiger in den Sanatorien verschiedenster I 
Art und nicht zum kleinsten Teil dem praktischen Arzt in seiner I 
Berufsarbeit begegnet. — Das Wesentlichste im Krankheitsbild der 
Z. ist das Auf und Nieder im Ablauf der psychischen Funktionen. 
Dieses Auf und Nieder kann an und für sich nicht als abnorm gelten, 
denn es scheint ein allgemein gütiges biologisches Gesetz zu sein, 
dass die Funktionen jedes lebenden Organismus in Wellenlinien ab¬ 
laufen, auch das Gesunde psychische Geschehen folgt diesem Gesetz. 
Das was diesen physiologischen Ablauf zur Krankheit macht, ist, dass 
die Schwankungen an Intensität und vor allem an dieser zunehmen. 

Die Aetiologie ist noch völlig dunkel — es ist an organische 
Faktoren gedacht worden. — Die Degeneration resp. Belastung schei¬ 
nen dagegen tatsächlich eine gewisse Rolle zu spielen. — Ref. gibt 
hierauf in grossen Zügen eine Schilderung des psychischen Bildes 
der Dysthymie, der leichten Depression, und ihres Gegenstücks, der 
Hyperthymie, der leichten manischen Erregung, verweist auch kurz 
auf die nicht selten vorkommenden Mischzustände. 

Bei der Prognose wäre auf exquisit grosse Neigung zu Rückfällen 
hinzuweisen. Der Ansicht einiger Autoren, dass die Z. streng ge¬ 
nommen nie ausheile, kann Ref. nicht beipflichten. 

Bei Besprechung der Differentialdiagnose verweist Ref darauf, | 
dass Zyklothymiker gamicht selten für Neurahsteniker gehalten werden. 
Klärend wirkt häufig schon die Anamnese (frühere Erkrankungen und 
Erblichkeit), ferner der Umstand, dass der Neurastheniker durchaus 
beeinflussbar ist, der Zyklothyme meist nicht, letzterer scheut eher 
eine Therapie, die der Neurastheniker sucht. 


Zum Schluss erwähnt Ref. die somatischen Begleiterscheinungen 
der Z, die bisweilen derart im Vordergründe stehen können, dass 
die eigentliche Erkrankung, die „Verstimmung“ unentdeckt bleibt. 
Zahlreiche Fälle der s. g. nervösen Dyspesie gehören, wie klinische 
Untersuchungen gelehrt haben, hierher. Dass in solchen Fällen ma¬ 
gentherapeutische Massnahmen glänzende Erfolge haben können, ist 
nicht zu leugnen, es liegt daran, dass eben während der Therapie, 
nicht infolge dieser, die Verstimmung sich gelöst hat. Zu den Be¬ 
gleiterscheinungen der Z. gehören auch die von Schröder beschrie¬ 
benen eigentümlichen Schmerzen, die wahrscheinlich eine Folge 
vasomotorischer Störungen (Gefässkrämpfe) sind. Gefässmittel, wie 
Nitroglyzerin, haben sich als gute Analgetika erwiesen. Wie man 
sich den ureigentlichen Zusammenhang zwischen Stimmungsschwan¬ 
kung und Umwälzung in der körperlichen Sphäre vorzustellen hat, ob etwa 
beides auf eine Grundursache zurückzuführen ist, wie sich das aus Störun¬ 
gen in den gegenseitigen Wechselbeziehungen beider Sphären ergibt, 
darüber weiss man heute hoch nichts. Dass diese Verbindungen 
unendlich fein und kompliziert sind ist wohl sicher. Ob sie sich 
überhaupt jemals werden nachweisen und erklären lassen, das muss 
die Zukunft lehren. 

(Selbstbericht.) 

Diskussion. 

Hirsch: der Name Z. bedeutet einen Fortschritt gegenüber dem 
schwerfälligen und oft unzutreffenden „manisch-depressives Irresein.“ 
Doch scheint auch er nicht für alle Fälle zu genügen, weil er das 
Zyklische betont, welches in einer grossen Zahl von Fällen vermisst 
wird, so z. B. bei den doch sicher vorkommenden * periodischen oder 
besser rezidivierenden Depressionszuständen, bei denen während des 
ganzen Lebens durchaus keine manische Perioden auftreten. Obgleich 
die Verwandschaft solcher Depressionszustände mit der Z. gross ist, 
glaubt Hirsch doch, dass letztere in Zukunft wieder mehr als ein 
eigenartiges Krankheitsbild zusammengefasst werden wird, denn gerade 
die sich so überraschend gleichbleibenden Phasen dieser Krankheit 
scheinen ihm ein prinzipiell wichtigeres differenzierendes Merkmal zu 
sein, als die Gleichwertigkeit der Krankheitssymptome an sich, der 
melancholischen Verstimmung, welche ja als Symptomenbild auch 
jeder anderen Geisteskrankheit eigen sein kann. Gar einmalig im 
Leben auftretende Depressionen Z. nennen zu wollen, hat keinen Sinn, 
sogar bei mehrfach wiederholten derartigen Krankheitsattaken darf „ 
man unter Umständen an etwas dem Wesen nach anderes denken, 
als an eine Z. Es gibt degenerativ veranlagte Menschen, welche 
anscheinend schon durch die Summation der kleinen Reize des täg¬ 
lichen Lebens dazwischen mehr oder weniger zusammenbrechen. 

Hier wäre also eine Periodizität nicht im Kranken selbst begründet — 
ausser durch die genannte degenerative Veranlagung — sondern in 
den äusseren Lebensbedingungen und Hesse sich durch Veränderung 
derselben unterbrechen resp. aufheben. Anders beim richtigen Zyklo¬ 
thymen, wo die Krankheitsperjoden doch im wesentlichen ohne 
äussere Veranlassung auftreten. 

Ferner möchte Hirsch noch eine Gruppe depressiver Zustände 
erwähnen, die sicher nichts mit der Z. gemein haben: es sind die 
Depressionszustände des Klimakteriums, aber auch des entsprechenden 
Lebensalters der Männer, etwa um die Wende des 50. Jahres. Hier 
sieht man häufig prognostisch günstige Depressionszustände. Ihre 
Ursache ist gewiss teils eine physische, mit den Involutionsvorgängen 
des Körpers zusammenhängend, eine richtige Abnutzungskrankneit 
teils aber eine moralische, es ist der Abschied von der Höhe des 
Lebens und Schaffens. 

Bei dieser Gelegenheit will Hirsch kurz auf die Meinung ein- 
gehen, die er früher mehrfach in Diskussionen nach ähnlichen Vor¬ 
trägen vertreten habe, dass nämlich der „manisch-depressive* eine 
überraschende Uneinsichtigkeit seinen eigenen Krankheitsperioden 
gegenüber zeige. Es genügt seinem Kausalitätsbedürfnis nicht die 
Krankheit als in ihm selbst begründet anzusehen, er sucht krampf¬ 
haft nach den fernliegendsten, äusseren Erklärungsgründen für den 
Eintritt etwa einer melancholischen Verstimmung. Nun sind Hirsch 
in letzter Zeit im Gegensatz hierzu allerdings einige Kranke begegnet, 
welche in voller Einsicht ihres Zustandes das Wiedereintreten einer 
bestimmten Krankheitsphase für die Zukunft erwarten. Durchweg 
sind aber alle geneigt, den augenblicklichen Zustand als unendlich 
viel schwerer anzusprechen, als sämtliche vorhergehende. Das hängt 
natürlich mit der überwiegenden Stärke des Sinneneindrucks über 
Erinnerungsbildes zusammen. 

Im Gegensetz zum Ref. kann Hirsch den Zyklothymen im 
Allgemeinen nicht weniger behandlungsbedürftig resp. lustig nennen, 
als den Neurastheniker, er bedarf des medikamentösen Trostes ebenso 
wie der andere. 

Zum Schluss bemerkt Hirsch in Bezug auf die Schmerzen der 
manisch-depressiven, dass diese in seiner Praxis bei mehrfachen Ver¬ 
suchen in keinem einzigen Fall durch Gefässerweitemde Mittel beein¬ 
flusst werden konnten, das scheint gegen die von Schröder vermutete 
Aetiologie, oder wenigstens gegen ihre ausschliessliche Giltigkeit zu 
sprechen.' 

Kügelgen I: Die vor Jahrzehnten geprägten Namen, darunter 
auch der von Hecker geschaffene „Zyklothymie“ sind meist trefflich 
gewählt, was man von der neueren Nomenklatur, speziell der Krae- 
pelin’schen nicht gerade behaupten kann. Der Name „manisch-de¬ 
pressives Irresein“ ist unbequem und schleppend, auch die Unter¬ 
bringung der Z. in dieser Rubrik kann als nicht recht geglückt be¬ 
zeichnet werden, sonderlich da diese Kranken im eigentlichen Sinn 
des Wortes gamicht irre sind. Das manisch-depressive Irresein im 


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30. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 2. 


1912. 


Sinne Kräpelins besteht heute nicht mehr in vollem Umfang, so | 
manche Formen, speziell einige melancholisch gefärbte Zustände, wer 
den von den Autoren heute bereits abgetrennt. 

Meder fragt in wie weit eine schlechte, resp. gute Erziehung auf 
degenerative Veranlagung schädigend, resp. fördernd einwirken könne. 

K ü g e 1 g e n I: Es ist ohne weiteres zuzugeben, dass die Erziehung 
sehr viel erreichen kann. Eine andere, kaum zu entscheidende, 
Frage ist, ob die gegebene Erziehung, die ein Individuum genossen, 
gerade die richtige, d. h. für dieses .gute“ gewesen ist. Diese Frage 
Hesse sich nur dann sicher beantworten, wenn man das Individuum 
zweimal leben lassen könnte. Sehr wichtig ist die psychisch-erziehe¬ 
rische Einwirkung auf degenerativ veranlagte, im Kampf des Lebens 
zusammenbrechende Persönlichkeiten, kurativ und prophylaktisch 
lassen sich da gute Resultate erzielen. 

Greiffenhagen erkundigt sich danach, wie sich bei den von 
Hirsch erwähnten Depressionszuständen der Involutionsjahre die The- \ 
rapie gestalte. 

Hirsch. Eine gelegentliche Ausspannung ist erwünscht. Ein j 
dauerndes Verbleiben in Beruf und Arbeit durchaus anzuraten. Das 
damit verbundene Gefühl des .Leistenkönnens“ ist psycho-therapeu- ! 
tisch sehr wertvoll. I 

W e i s s macht darauf aufmerksam, dass man von Zyklothymen 
garnicht selten Klagen über Störungen von Seiten des Herzens i 
hört, häufig sind es ältere Individuen mit beginnender Sklerose. j 

Dehn verweisst auf die Pawlow’schen Versuche, denen zufolge 
ein Zusammenhang zwischen Psyche und Verdauungsvorgängen zwei- \ 
fellos bestehe. Es wäre doch denkbar, dass zwischen den dyspepti¬ 
schen Erscheinungen der Zyklothymen und der psychischen Erkran- ! 
kung ein kausaler Zusammenhang besteht und die magentherapeuti¬ 
schen Erfolge z. T. nicht allein durch das zufällige Abklingen der 
Verstimmung während der Therapie zu erklären sind. 

Friedenthal: die klinischen Erfahrungen haben gelehrt, dass 
nach Abklingen derVerstimmung die objektiv nachweisbaren Erscheinun¬ 
gen fortbestanden, während die subjektiven Empfindungen geschwun¬ 
den waren. 

P. 5. H. Hoifmann berichtet über einen Fall, der in krassester 
Weise illustriert, wie weit die Verheimlichung einer luetischen Infek¬ 
tion getrieben wird und welch schwerwiegende Konsequenzen sich 
daraus ergeben können. 

H. wurde von einem Mann konsultiert, der an einem geschwü- 
rigen Kehlkopfprozess litt, der das Schlucken fast unmöglich machte 
und daher schwere Inanitionserscheinungen gezeitigt hatte. Pat. 
war, seiner Angabe nach, einige Wochen vorher von einem anderen 
Kollegen behandelt worden. Lues wurde trotz eindringlichen Aus- j 
fragens aufs entschiedenste geleugnet. Aufnahme in die Diakonis- j 
senanstalt; Sputumuntersuchung negativ (es bestanden leichte katarr- . 
halische Lungenerscheinungen) antiluetische Behandlung (Injektionen), 
Pat. fragt auffallend interessiert ob er „Hata“ bekomme, leugnete ! 
aber nach wie vor Lues. Der Zustand besserte sich wesentlich, 
Pat. wurde entlassen, mit der Weisung sich ambulatorisch weiter | 
behandeln zu lassen, gleichzeitig wurde ihm geraten sich bei Dr. 
Rennenkampff der Salvarsanbehandlung zu unterziehen. Darauf äusserte 
Pat., dass Dr. Rennenkampff ihm im Herbst 1910 wegen eines Ulkus 
molle behandelt habe. — Pat. entzog sich der weiteren Behandlung, j 
Erkundigungen bei Dr. Rennenkampff ergaben, dass Pat. sich im 
Herbst 1910 luetisch infiziert habe, Spirochaeten nachgewiesen, einer 
eingeleiteten antiluetischen Behandlung entzog sich Pat. — Vor 
einigen Wochen wurde H. zu dem genannten Pat. gerufen und 
fand ihn in extremis, am nächsten Tage erfolgte der Exitus, der 
Mann war an Inanition zu Grunde gegangen. 

Diskussion. 

Greiffenhagen kennt aus eigener Praxis zahlreiche Fälle, wo 
die luetische Infektion hartnäckigst geleugnet wurde. Seltenheit sei es, 
dass der Exitus so schnell nach der Infektion eintrat, wie in diesem Fall. 

Kusik: besonders bei älteren Leuten mit defekten Gefässen ver¬ 
läuft die Lues oft sehr rapid, in diesen Fällen sieht man häufig 
Apoplexien. 

W e i s s. Deletäre Wirkungen ergeben sich auch häufig dadurch, 
dass nicht selten das Zentral-Nervensystem auffallend früh nach der . 
Infektion in Mitleidenschaft gezogen wird. ' 


Sitzung vom 21/11. 1911. 

P. 6. Greiffenhagen demonstriert zwei Patienten an 
denen er die Magenresektionen wegen Carzinoma pylori nach der 
Methode Billroth II ausgeführt hat mit Benutzung der Graserschen 
Magen- und Darmklernmen, welche den Vorteil einer schnellen und 
exakten Darmnaht bieten. 

I. F a 11 1. 39 jähriger Mann, dem vor 2 Jahren ein Leberechi¬ 
nokokkus mit vollem Erfolg operiert worden, erkrankte im Herbst 
1910 unter den klinischen Symptomen eines Pyloruskarzinoms. Die 
am 29/XH1910 ausgeführte Operation (Resectio pylori) bestätigt die j 
Diagnose. Glatte I Heilung, Gewichtszunahme in 7 Wochen 17 Pf. 

Fall 2. 75 jährige Frau. Seit 2 Jahren krank, seit einem Jahre j 
palpabler Tumor. Hochgradige Anaemie. Resectio pylori am 13/1 1911. i 
Glatte I Heilung. Gewichtszunahme in 5 Wochen 16 1 2 Pf. j 

II. Vorstellung einer 20 jährigen Patientin, die 
nach Scharlach - Osteomyelitis eine doppelseitige vollständige 
knöcherne Ankylose der Ellenbogengelenke in einem Winkel von | 


120° akquirierte und sich dementsprechend in einer ausserordentlich 
hilflosen Lage befand. Operation nach Hoffman-Grey. Freilegung 
der rechtsseitigen Ankylose durch Kocherschen Resektionsschnitt. 
Meisseiresektion mit Modellierung der Knochenenden. Deckung durch 
freie, der tibia entnommene Periostlappen, welche durch Katgutnähte 
(in Bohrlöcher der Knochenenden) fixiert werden. Schluss der Haut¬ 
wunde. Bewegungen vom 5-ten Tage an schmerzlos. Dieselbe Opera¬ 
tion am linken Ellbogen am 3/II. An beiden Gelenken bis zum 8-ten 
Tage völlige Primaheilung, später Bildung von kleinen Fisteln, welche 
ein serös-blutiges Sekret entleeren. Bewegung: bis zu 80° Beugung 
und 130° Streckung beiderseits möglich. Patientin kann nach 12 
Jahren wieder selbstständig Löffel und Gabel zum Munde führen 
und erreicht mit dem Taschentuch die Nase und mit beiden Händen 
den Nacken. Der primäre Erfolg ist in jeder Hinsicht (Bewegungs¬ 
möglichkeit und Schmerzlosigkeit) befriedigend; abzuwarten ist der 
weitere Verlauf (etwaige Ausstossung der Periostlappen und wiede 
eintretende Ankylose.) 

III. Bericht über chirurgische Eingriffe am 

Z oe k u m. 

A, 5 Fälle von Ileozoekaltuberkulose. 

1. 30 jähriger Mann wegen srtiktuiierender Dünndarmtuberkulose 
schon früher (in Dorpat) operiert. 21/VI 1905 Resectio ileo-coecalis 
wegen eines grossen tuberkulösen Tumors am Zoekum. Murphy- 
anastomose zwischen Ileum- und Kolon transversum. Primaheilung, 
später Bauchdeckenfistel, die spontan heilt. Bisher völlige Heilung. 

2. 35 jährige, sehr zarte und anämische Frau. Entwicklung der 
Zoekaltuberkulose im Anschluss an eine akute Appendizitis. 28/XI 
1906 Resectio ileo-coecalis, End zu End-Anastomose mit Naht zwischen 
Colon asccndens und Ileum. Prima Intentio. Nach 3 Wochen Bildung 
einer Fistel, welche allen therapeutischen Massnahmen trotzt. Entwicklung 
einer tuberkulösen Kotfistel. Ausbruch allgemeiner Miliartuberkulose, 
welcher Patientin 2 Jahre nach der Operation erliegt. 

3. 17 jährige blühend und gesund aussehende Dame. Diagnose: 
Appendicitis larvata. Bei der Operation findet sich Tuberkulose des 

anzen Appendix aufs Zoekum übergreifend und ringförmige, das 
umen verengende tuberkulöse Strikturen der nächstgelegenen Ileum- 
schlinge: scheinbar von der Serosa ausgehend (Kontaktinfektion?! 
19/V 1908 partielle Resektion des Zoekums, doppelte Dickdarm¬ 
resektion, primäre Darmnaht. Heilung per I. Reaktionsloser Verlauf. 
Patientin hat sich ein Jahr später verheiratet und im Dezember 1910 
eine normale Endbindung durchgemacht. Befinden gut. 

4. 38 jähriger Mann, erblich schwer belastet. Operation einer 
tuberkulösen fistula ani. Tuberkulöses Ulkus am linken hinteren Gau¬ 
menbogen. Während der Rekonvaleszens nach der Fisteloperation 
scheinbar 2-te Attaque von akuter Appendizitis (walzenförmiger 
schmerzhafter Tumor von der Grösse des Wurmfortsatzes. T° 38). 
Frühoperation ergibt ausgedehnte infiltrierende Tuberkulöse des gan¬ 
zen Zoekums und Kolon ascendens. Unilaterale Kolonausschaltung 
durch Ileo-Sigmoidostomie mit Murphyknopf. Nach 4X24 Stunden 
Symptome innerer Inkarzeration. Relaparotomie: Befreiung einer im 
Becken fixierten und abgeknickten Dünndarmschlinge. Einnähung 
derselben zwecks ev. nötig werdender Enterostomie. Glatte Wund¬ 
heilung ohne weitere Kanalisationstörung. Einleitung einer systemati¬ 
schen Tuberkulinkur (durch eine pleuritische Attaque gestört). Ge¬ 
wichtszunahme in 2 Monaten 26 Pf. Zoekaltumor noch fühlbar. 
Ulkus im Rachen verheilt. Blühendes Aussehen. 

5. 49 jähriger Mann. Bildung eines faustgrossen Tumors der 
Zoekalgegend in 3 Monaten. Starke Abmagerung. Am 6 I 1911 
Resectio ileo-coecalis mit Resektion eines 60 Znt. langen, mit mul¬ 
tiplen tuberkulösen Herden besetzten Ileumstückes. End zu End- 
anastamose zwischen Kolon transversum und Ileum. Kolon ascendens 
nach Graaser versorgt und versenkt. Tampon auf das vesenkte Kolon. 
Ungestörte Rekonvaleszenz bis auf eine Eiterung an der Tamponstelle. 

B. Maligne Tumoren. 

1. 39 jähriger Mann. Carcinoma coeci. 17 XI 1904 Operation. 
Tumor inoperabel. Ileo-transverso-anastomose. Heilung per I. Exitus 
nach 1 Jahr an Kachexie. 

2. 48 jährige Frau unter ileusartigen Erscheinungen eingeliefert. 
18 I 1905 Operation. Inoperables Karzinom am Zoekum. Entero¬ 
stomie. Exitus 11 Tage nach der Operation an Jnanition. 

3. 27 jähriges Mädchen. Innerhalb zweier Monate Bildung eines 
Tumors der Zoekalgegend. Operation im Juni 1905. Grosser glatter 
nicht höckriger Tumor, die ganze Wanddicke einnehmend. Multiple 
Mesenterialdrüsen. Resectio ileo-coecalis. End zu End-Nahtanasto- 
mose zwischen Ileum und Colon ascendens. Glatte Heilung. Wahr¬ 
scheinlichkeitsdiagnose : Sarkom, eventuell Lues. 6 Jahre rezidivfrei. 

IV. 5 Fälle von Volvulus des Zoekum. 1—6 Tage 
nach der Erkrankung operiert. Der am 6-ten Tage operierte 40 jährige 
Mann starb am 3-ten Tage post Operationem an Peritonitis in Folge eines 
sekundären Dtinndarmvolvulus, trotz nochmaliger Operation (Ente¬ 
rostomie). Die übrigen 4 Fälle im Alter von 29 bis 67 Jahren sind 
sämtlich genesen. 

V. 2 Fälle von Volvulus fle xurae sigmoideae. 
Im ersten Falle (55 jähriger Mann). Operation 2 VIII 1910. Detorsion, 
primäre Resektion, zirkuläre Darmnaht. Heilung (nach Anlegung 
einer Kolonfistel, weil nach 3\24 Stunden die Darmpassage noch 
nicht hergestellt war). 

Im 2-ten Falle handelt es sich um einen Volvulus, dessen erste 
klinische Symptome am 18/VII 1910 abends um 9 Uhr eingesetzt 
hatten. Patient hat vergeblich Nachts einen Arzt gesucht. Operation 


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31. 


1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 2. 


18 Stunden nach Beginn der erstsn klinischen Erscheinungen bei sehr | 
kleinem frequentem Pulse. Volle Gangräne der ganzen Flexur. Exi¬ 
tus in unmittelbarem Anschluss an die Operation, während der be¬ 
gonnenen Kochsalz-Adrenalininfusion (intravenös). 

Greiffenhagen betont die ungeheure Bedeutung der rechtzeitigen 
Diagnose und Operation und zweifelt nicht, dass dieser Patient hätte 
gerettet werden können, wenn er in der Nacht zur Operation ge¬ 
langt wäre. 

Diskussion (Arthrolysis cubiti). 

Greiffenhagen bemerkt, dass sich über das Schiksal des einge¬ 
pflanzten Periostlappens nichts bestimmtes sagen lasse. Das Rönt¬ 
genbild ergebe nichts, auch der frischeingepflanzte Lappen markiert 
sich nicht bei der Aufnahme, wie die Röntgenogramme des vorge¬ 
stellten Falles zeigen. Nach der Erfahrung die bei den .Bolzungen“ 
gemacht worden, müsse man auch bei diesem Verfahren annehmen, 
dass der transplantierte Periost-Knochenlappen der Resorption anheim¬ 
falle, dass aber von der Osteoblastenschicht des transplantierten 
Lappens neuer Knochen gebildet werde. 

Weiss fragt wie bei vorgestelltem Fall die lange inaktivierte 
Muskulatur sich verhalten habe. 

Greiffenhagen: Die faradische Erregbarkeit war erhalten. 

Sekretär: Mühlen. 


Therapeutische und kleine Notizen. 

— Meine Erfahrungen mit Bromural-Knoll. Von Dr. med. phil. 

J. Regensburg aus Friedrichstadt in Kurland, früherer Assistent 
der Grossh. Landesirrenansta t in Alzey. (Zentralblatt f. d. ges. 
Therap. 1911, H. 12). 

Im Gegensatz zur Therapie der vollentwickelten Psychosen, die 
über eine stattliche Reihe von wirksamen Schlaf- und Beruhigungs- | 
mittein verfügt, ist ein Mangel an rationellen Einschläferungsmitteln , 
auf dem Gebiete der psychischen Grenzzustände nicht zu leugnen- j 
Die bei der Behandlung von Psychosen in Anwendung kommenden 
Sedativa und Hypnotika entfalten in der Regel eine kräftige, schlaf¬ 
machende Wirkung, sind aber in der Mehrzahl nicht frei von uner¬ 
wünschten Neben- und Nachwirkungen. Bei der Behandlung der 
Psychoneurosen kann man die Anforderungen inbezug auf die Inten¬ 
sität der schlaf machenden Wirkung heruntersetzen, desto höher muss 
man sie aber hinsichtlich des Ausbleibens der Folgezustände stellen. 

Ein in diesem Sinne mildes, nicht sehr intensiv wirkendes Schlaf- 
und Beruhigungsmittel stellt das Bromural dar, dessen wirksames 
Prinzip erwiesenermassen nicht im Bromatom, sondern in der Isopro¬ 
pylgruppe zu suchen ist. Die günstigen Erfahrungen mit Bromural 
(gesammelt an der Grossh. Landesirrenanstalt und in des Verf. Hei¬ 
mat) beziehen sich fast ausschliesslich auf Erregungszustände psycho- 
neurotischen Charakters. Es folgen mehrere Krankengeschichten, 
aus denen hervorgeht, dass Bromural ein sehr brauchbares Mittel 
zur symptomatischen Behandlung der Psychoneurosen darstellt. 

— Aus dem Pharmakologischen Institut in Graz (Vorstand: Prof 
O. Loewi). lieber den Einfluss von Diuretizis der Purinreihe auf 
die Gefässpermeabllität. Von Dr. Felix Gaisböck. (Archiv, 
für experimentelle Pathologie und Pharmakologie, 66. Band, S. 387). 

Die Aenderung der Wasser- und Kochsalzkonzentration des Blutes 
nach einem Aderlass, dem unmittelbar die Injektion von Diuretin 
bezw. Coffein folgt, vollzieht sich quantitativ völlig gleich der nach 
einem einfachen Aderlass. Es ergibt sich demnach keinerlei An¬ 
haltspunkt für die Annahme, dass am Zustandekommen der Diuretin- 
diurese eine Aenderung der Gefässpermeabilität mitbeteiligt sei. Dies 
gilt für normale wie für nephrektomierte Tiere. 

Die Aenderung der Kochsalzkonzentration des Blutes nach Ader¬ 
lass ist abhängig vom jeweiligen Chlorbestand de* Tiere. 

— Der Zusammenhang zwischen Koprostase und Bronchial¬ 
asthma erscheint Prof. Dr. Wilhelm Ebstein in Göttingen 
(D. med. Wochenschr. 42/11) erwiesen. Es handelt sich in solchen 
Fällen um toxische Einflüsse seitens des Darmes, welche sich in 
verschiedenster Weise äussern können. Nicht aber in allen Fällen, 
in welchen man Bronchialasthma mit Koprostase gepaart sieht, muss 
ersteres mit letzteren im kausalen Zusammenhang stehen. E. vermag 
auch nicht im voraus anzugeben, in welchen Fällen ein solcher Zu¬ 
sammenhang anzunehmen ist; er rät aber, bei jedem Falle von Bron¬ 
chialasthma auch die Darmfunktion zu prüfen und erforderlichenfalls 
entsprechend zu regeln. 

— Scheltema - Groningen: Tuberkuloseinfektion unter dem 
poliklinischen Material des Gronlnger Kinderkrankenhauses. 

520 Kinder des poliklinischen Materials zwischen 1 und 14 Jahren 
wurden der (eventuell zweimaligen) Kutanprobe unterworfen. Der 
Vergleich mit dem Wiener Material ergibt: 

Es reagierten positiv 

Lebensjahr: 1. 2. 3. u. 4. 5. u. 6. 7, 10. 11.-14. 

0' o. o o. o, B 

. ,0 M 0 0 0 0 

ln Wien. 1 9 27 51 71 94 

ln Groningen ... 4 9 l /z 18 26 40 1 /* 57 

Die grossen Unterschiede erklären sich einmal aus der überhaupt 
kleineren Tuberkulosefrequenz in Holland, sodann aus den durchwegs 
besseren Wohnungsverhältnissen der ärmeren Bevölkerung. 

(83. Vers. Deutscher Naturf. und Aerzte). 


— In der Sitzung der .Gesellschaft für innere Medizin und Kinder¬ 
heilkunde in Wien“ vom 30. November 1911 führte Frau M. Hil¬ 
fe r d i n g 4 Frauen vor, bei welchen sie die Schwangerschaftsbe¬ 
schwerden mit Herzmitteln erfolgreich behandelt hat. Vortr. hat 
seit 3 Jahren 82 Fälle der Behandlung unterzogen, von diesen 
konnten 54 längere Zeit beobachtet werden. In 46 Fällen erfolgte 
! vollständige Heilung, in 4 Besserung, in 3 Fällen traten die Be¬ 
schwerden neuerlich vorübergehend auf, 1 Fall blieb ungeheilt. Die 
| Schwangerschaftsbeschwerden bestanden in Schwindel, Kopfschmerz, 
Brechreiz und Erbrechen. Von der Voraussetzung ausgehend, dass 
diese Beschwerden auf Zirkulationsstörungen zuruckzuftihren sind, 
hat Vortr. den Frauen Tinct. Strophanti (dreimal 5—9 Tropfen täg¬ 
lich), Fol. digitalis in Pillen oder Infus, fol. digitalis 0,6 bis 
1 g: 200 g, täglich 5 Esslöffel, verordnet Auf diese Medikation ver¬ 
schwanden die Beschwerden binnen 1—9 Tagen und kehrten nicht 
mehr wieder. Misserfolge wurden nur in 4 Fällen beobachtet, in 1 
i war Tinct. Strophanti wirkungslos, in den übrigen war die Schwan¬ 
gerschaft fraglich. (Klin.-Therap. Monatsh. Ns 2, 1912). 


Chronik. 

— St. Petersburg. Dr. Ronald Ross, Professor für Tro- 
pen-Medizin in Liverpool und Laureat des Nobelpreises, besuchte 
Russland mit der englischen Parlamentsdelegation. Bei dieser Ge¬ 
legenheit wurde Prof. Ross von der militär-medizinischen Akademie 
zum Doctor honoris causa und von dem Verein Russischer 
Aerzte in Petersburg zum Ehrenmitglied gewählt. 

— Der Medizinalinspektor des Korps der Grenzwache Geheimrat 
Ehrenleibmedikus Dr. med. Schapirow ist zum Sanitätsinspektor 
des Korps der Grenzwache umbenannt worden und der Gehilfe des 
Medizinalinspektors wirkl. Staatsrat Dr. med. Gurjew zum Gehilfen 
des Sanitätsinspektors dieses Corps. 

— Moskau. Das Stadtamt hatte vor einiger Zeit das B a k - 
teriologischeGabritschewskij-Institut vor dte Wahl 
estellt entweder einer Kontrolle seitens der Kommunalinstitutionen 
aum zu geben oder die Klientur des Stadtamtes zu verlieren. 
Nunmehr hat das Stadtamt seine Drohung ausgeführt und beschlos¬ 
sen dem Institut keine Aufträge mehr zu geben. Da die Lieferun¬ 
gen des Institutes an das Stadtamt in Seren, Vakzinen, Detrit etc. 
sieh jährlich auf ca. 50,000 Rbl. belaufen haben und die Nachfrage 
stetig im Wachsen begriffen ist, so muss das Gabritschewskij-Institut 
empfindlich von dieser Massregel getroffen werden. Die Lieferungs¬ 
aufträge sollen dem privaten Bakteriologischen Institut Dr. D i a t r o p- 
t o w s überwiesen werden. 

— 01 o n e t z. Die Gouvernementslandschaftssession hat be¬ 
schlossen bei der am Psychoneurologischen Institut in Petersburg 
zugründenden medizinischen Fakultät ein Stipendium zu stiften. 

— Perm. Der zum Vorsitzenden des ärztlichen Vereins wie¬ 
dergewählte Dr. O n u f r i j e w ist vom Gouvernementschef Herrn 
Koschko in diesem Amte nicht bestätigt worden. Dr. O n u f r i - 
j e w hat jahrelang den Vorsitz im Verein geführt und ist ausserdem 
Stadtverordneter. 

— M o h i 1 e w. Ein Monstre-Prozess hat im Gericht begonnen 
Die Anklage betrifft Fruchtabtreibung, die mehrfach von Todesfällen 
gefolgt w r ar. Auf der Anklagebank sitzen 2 Aerzte und 3 Hebam¬ 
men. 104 Zeugen sind zu befragen. 

— S-t. Petersburg. Unter dem Vorsitz Dr. A. L. Men¬ 
de 1 s o h n s fand eine Sitzung der ärztlichen Temperenz¬ 
ler Gesellschaft statt. Der Versammlung wurde über die 
Gründung von Filialen in Wilna und Moskau Bericht erstattet. Es 
wurde beschlossen sich an die russischen Aerzte mit einem Aufruf 
zu wenden sich an aktiver Bekämpfung des Alkoholismus zu be¬ 
teiligen und mit persönlicher Alkohol-Abstinenz zu beginnen. 

— Leichtsinnige Diagnose. Aus der Umwandlung 
unseres Blattes in seinem 37. Jahrgange aus einer Wochenschrift in 
eine Halbmonatschrift schliesst die Deutsche Medizinalzei- 
t u n g (Nr. 3) auf einen Rückgang des Deutschtums unter den 
Aerzten in Russland. Die im 33. Jahrgang stehende Deutsche 
Medizinal Zeitung erschien vor kurzem noch zwei Mal 
wöchentlich Und wird jetzt wöchentlich herausgegeben. Sollte das 
auch ein Symptom sein, dass das Bedürfniss nach der Deutschen 
Medizinalzeitung schwächer geworden ist? 

St. Petersburg. Die medizinische Sektion der 
Gesellschaft für Versicherungswesen hat in der 
letzten Sitzung in den Vorstand gewählt, als Vorsitzenden: Prof. 
Dr. A. M. L e w i n , als Vizepräsidenten : Dr. M. A b e 1 m a n n , als 
Sekretär: Dr. F. Holzinger. 

In der letzten Sitzung des V e r e i n s S t. P e t er s b u rg e r 
Aerzte haben Wahlen des Vorstandes stattgefunden. Gewählt sind: 
zum Präses der bisherige Vizepräses Dr. R. W a n a c h , zum Vize¬ 
präses Dr. E. B 1 e s s i g , zum Ersten Sekretär Dr. S c h t e 1 e (wieder¬ 
gewählt), zum 2. Sekretär Dr. Hein (an Dr. Fuhrmanns Stelle), zum 
Bibliothekar Dr. S c h a a k und Kassenführer Dr. N ö s c h e 1 (beide 
wiedergewählt). 

— Zum Chefarzt des Wiborger Stadthospitals in 
St. Petersburg ist der Priv.-Doz. Dr. med. K. W i 11 a n e n ge- 
wählt und bestätigt worden. 


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1912. 


32. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Xe 2. 



- Den 24. Februar 1912 feiert dieAerztliche Gesellscha 
inT ula ihren 50- j ä h r i g e n Stiftungstag. Aus diesem Anlass 
findet am 26. Februar um 2 Uhr nachm, in den Räumen des 
Adelsklubs in Tula eine Festsitzung der Aerztlichen Gesellschaft 
statt. Vorsitzender ist Dr. J. Zertlin und Sekretär Dr. W. 

G edeonow. 

— Die Direktion der Gesellschaft R u s s i s c h e r Aerzte j 
zum Andenken Pirogows bittet um Veröffentlichung fol- I 
genden Aufrufes: 

Die Direktion der Gesellschaft russischer Aerzte zum Andenken 
Pirogows hat um die Erlaubnis petitioniert der Bevölkerung des 
Rayons der Missernte Hilfe zu leisten. Das Ministerium des 
Inneren hat daraufhin resolviert, dass die Pirogow-Gesellschaft wohl 
das Recht habe sich mit Geldspenden und Personal an der Hilfelei¬ 
stung zu beteiligen, aber nur Vermittels derjenigen Institutionen, 
denen die Organisation der Hilfeleistung im notleidenden Rayon 
anvertraut ist. Die Direktion der ärztlichen Pirogow-Gesellschaft will 
nun in unmittelbaren Konnex mit den Landschaftsämtern des Miss- 
ernteraybns treten, um nach dem Vorbilde der Misserntejahre 1905—08 
Hilfe und Unterstützung durch wohltätige Spenden und medizini¬ 
sches Personal zu leisten. Typhus, Skorbut und andere durch Un¬ 
terernährung bedingte Erkrankungen breiten sich in allen von der Miss¬ 
ernte betroffenen Gouvernements aus und nur durch schleunige tat¬ 
kräftige Hilfe kann dem Elend und dem Ruin der Bevölkerung ge¬ 
steuert werden. Dazu sind Menschen und grossse Geldmittel nötig. 

Die Direktion hofft, dass die russische Gesellschaft, wie in früheren 
Notstandsjahren die Tätigkeit der Pirogow-Gesellschaft sympatlsch 
begrüssen und ihre Bestrebungen unterstützen wird, die kranke und 
hungernde Bevölkerung mit ärztlicher Hilfe und Ernährungsmitteln 
zu versorgen. Spenden werden entgegengenommen in der Geschäfts¬ 
stelle der Direktion der Gesellschaft russischer Aerzte zum Andenken 
an Pirogow: Moskau, Malaja Bronnaja 15, log. 99. 

Präses: F. Rein. 

Sekretär: D. S h b a n ko w. 

— Die Konferenz der Schuldirektoren (amtlich) unter dem Vor 
sitz des Kurators des St. Petersburger Lehrbezirkes hat ihren Ab- | 
Schluss gefunden. Inbetreff der Organisation des körperlichen I 
Forthildung ln den Mittelschulen sind folgende Be¬ 
schlüsse gefasst worden: 1 Der gymnastische Unterricht soll 

in allen Schülerklassen obligatorisch sein und nicht weniger als 
zwei Unterrichtsstunden wöchentlich betragen. 2. Als System ist 
die böhmische (Ssokol) Gymnastik einzuführen. 3. Der militärische 
Frontdienst ist nicht als selbständige Uebung. sondern in organi¬ 
schem Zusammenhang mit dem gymnastischen Unterricht zu üben. 

4. Einzufüh en sind die sportlichen Uebungcn, wie Fechten, Ru¬ 
dern etc. 5. Die Gründung eines speziellen gymnastischen Institutes 
zur Ausbildung von Lehrern für körperliche Fortbildungen ist als not- 
wendfg anzuerkennen. 6. Die Lehrer für körperliche Uebungen 
müssen die Rechte des Staatsdienstes gemessen und in Gehalt und Pen¬ 
sionsberechtigung den Lehrern der graphischen Künste gleichgestellt 
werden. 7. Die Gründung von Vereinen zur Pflege der körperlichen 
Ausbildung der Schuljugend ist als wünschenswert anzuerkennen. | 

— Massregeln gegen die Pest. Prof. Dr. Sabo- 
1 o t n y i ist von seiner Reise in das Gouv. Astrachan zurückgekehrt. 

Im Aufträge der Regierung hat er Nowaja Kasanka und andere Ort¬ 
schaften der Kirgisensteppe besucht, in denen letzthin Pestfälle ver¬ 
zeichnet worden sind. Wie der in das Gouv. Astrachan gleichzeitig 
abkommandierte Obermedizinalinspektor, hat Prof. Sa¬ 
bo 1 o t n y i die gegenwärtige Organisation der Pestbekämpfung in 
der Steppe für ungenügend befunden und eine unter seinem Vorsitz 
stehende Konferenz hat ein neues Antipestprogramm für das Gou¬ 
vernement ausgearbeitet. Darnach stehen im Vordergründe das Stu¬ 
dium und die bakteriologische Untersuchung aller Insekten- und 
Nager-Arten, die in der Nähe der menschlichen Wohnstätten nisten, j 
Ferner ist eine Massen-Untersuchung aller Kameele in der Steppe 
und besonders in den, an den grossen Verkehrsstrassen gelegenen 
Ortschaften, für notwendig befunden worden. Für die Ausführung 
einer Desinfektion aller pestverdächtigen Wohnstätten und für Ver¬ 
tilgung der Insekten und Nager sind dem Direktor des bakteriolo¬ 
gischen Institutes in Astrachan grössere Geldmittel zur Verfügung zu 
stellen. In Nowaja Kasanka ist ein bakteriologisches Institut einzu- i 
richten, in dem das Studium der Fragen über Pestvermittelung ! 
zentralisiert werden soll. ! 

Die Untersuchung der Kameele in der Steppe ist schon in An- ! 
griff genommen und wird von 9 veterinär-ärztlich geleiteten Ko¬ 
lonnen ausgeführt. 

— Lodz. Bei einer amtlichen Revision der Apotheken und Apo- 
thekerwaarenhandlungen sind fast überall Unregelmässigkeiten in den 
Wagen und Gewichten aufgedeckt worden. Die Besitzer von 16 Apo¬ 
theken und von 17 Apothekerwaarenhandlungen werden gerichtlich 
belangt werden. 

— Hornel. Die Aerzte Dr. H e i f e z und Dr. S a c h a r j i n, 
die, unter der Anklage der Fruchtabtreibung stehend, gegen Kau- | 
tion aus der Haft entlassen worden waren, sind neuerdings wieder | 
verhaftet worden. Ebenfalls verhaftet ist die Hebamme E w e n t o w, 
gegen die eine Anklage auf Fruchtabtreibung erhoben worden ist. I 

— Moskau. Der Provisor Gernstein ist verhaftet worden. 

Die Voruntersuchung hat ergeben, dass der Herr nicht {weniger als ! 
20 Mal Fruchtabtreibung ausgeführt hat. ! 


— Charkow. Dr. Gawrikow, angeklagt eine Patientin 
| genotzüchtigt zu haben, wird auf Grund einer gerichtlichen Expertise 

I auf 2 Monate in eine Irrenanstalt untergebracht werden zur Prüfung 

seines Geisteszustandes. 

-Wilna. Im Militärhospital sind Missbräuche bei Befreiung 
von der Militärpflicht festgestellt worden. An der Spitze der ver¬ 
brecherischen Organisation stand der verabschiedete Offizier Brenner. 
Der Oberarzt des Hospitals Dr. PI j a s c h k e w i t s c h ist seines 
Amtes enthoben worden und jwird gerichtlich belangt werden. Die 
Hospitalärzte Boinarowitsch, Olschewskij und S u fa¬ 
tsch e n k o sind einem Disziplinarverfahren unterworfen worden. 

— Kursk. Der vom Kuratorium des Hospitales des Roten 
Kreuzes zum Oberarzt gewählte Dr. K1 i s e n k o ist von der Haupt¬ 
verwaltung des Roten Kreuzes nicht bestätigt worden. Die Ver¬ 
weigerung der Bestätigung war durch den Hinweis motiviert, dass 
Dr. K 1 i s e n k o in seinen Personalangaben verschwiegen habe, dass 
er seinerzeit in der Sudshaner Landschaft angestellt war und dort 
ohne Abschiedsgesuch durch Beschluss der Landschaftssession aus 
dem Dienst entlassen worden ist. 

— Am 16. Januar 1912 ist in Berlin die Berliner Urolü- 
gische Gesellschaft gegründet worden. Der Vorstand be¬ 
steht aus Prof. Carl P o s n e r und Prof. Dr. L. C a s p e r als Vor¬ 
sitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden ; Prof. Dr. K u t n e r und 
Rumpel als Schriftführer, Dr. M a n k i e w i c z als Schatzmeister, 
Dr. S. J a k o b y als Bibliothekar. 

Dem Vorstand steht ein siebengliedriger Ausschuss zur Seite. — 
C. Posn er hielt zur Einführung einen geistvollen Vortrag über die 
Wege und Ziele der modernen Urologie. 

— Hochschulnachrichten. 

Moskau. Bei der im verflossenen Lehrjahre vorgenommenen 
Massenentlassung von Hochschullehrern, die zur 
Sanierung des kränklichen Organismus unserer Hochschulen dem 
Ministerium indiziert erschien, ist die medizinische Fakultät mit am 
stärksten betroffen worden. Wie der .Obstschestwennyi wratsch- 
berechnet hat, sind im Ganzen 43 Professoren, Privatdozenten, Assi¬ 
stenten und klinische Ordinatoren aus dem akademischen Personal¬ 
verzeichnis der medizinischen Fakultät gestrichen worden. Darunter 
die Professoren: P. Minakow, W. Roth, F. Rein, I. Ale¬ 
xin skij und W. Serbskij und 23 Pr i va tdoze n ten. Vom 
Ministerium ernannt sind an Stelle von Prof. Minakow Dr. A. G ri¬ 
gor j e w, an Stelle von Prof. Roth — Dr. W. M u r a t o w, an 
Stelle von Prof. Rein r- Dr. R. Wenglowskij,an Stelle von 
Prof. Alexinskij — Dr. S. B e r e s o w s k i j und an Stelle von Prof. 
Serbskij — Dr. E. Rybakow. Die Professoren W. Scherwin- 
s k i j und A. Vogt hatten nach 30-jährigem Dienst zwar um ihren 
Abschied nachgesucht, derselbe ist ihnen aber nicht gewährt worden. 

Moskau. Durch Verfügung des Kurators des Lehrbezirkes 
sind die Privatdozenten DDr. med. Averbach, Alexandrow, 
A n u f r i e w und H a g m a n n von ihren Lehrämtern dispensiert 
worden. 

Moskau. Durch allerhöchsten Erlass an das Mini¬ 
sterium der Volksaufklärung ist der Privatdozent der Universität 
Dr. med. D s i r n e zum ausseretatmässigen ordentlichen Professor für 
Chirurgie ernannt worden. 

St. Pete rsbu rg. Bei der militär-medizinischen Akademie ist 
eine Kommission unter dem Präsidium von Prof. Belljarminow 
eingesetzt worden zur Ausarbeitung von Promotionsregeln. 

St. Petersburg. Der ordentliche Professor emeritus der mi- 
litämedizinischen Akademie Dr. Janowsky ist nach Ausdienung von 
30 Jahren, anf weitere 5 Jahre im Amte bestätigt worden. 

Kasan. Dr. W. W i s c h n e w s k i j ist vom Universitätskon- 
seil zum Professor für Chirurgie gewählt worden. 

Saratow. Dr. Spassokukotzkij ist zum a. o. Professor 
der Nikolai-Universität und zum Direktor der chirurgischen Hospital¬ 
klinik ernannt worden. 

Warschau. Der Privatdozent der militär-medizinischen Aka¬ 
demie in Petersburg N. N. Petrow ist zum Professor für chirur¬ 
gische Pathologie gewählt worden. 

Klausenburg. Der Privatdozent für Biologie, Dr. E. 
Verres, wurde zum a. o. Professsor ernannt. 

Krakau. Der a. o. Professor Dr. Johann Piltz wurde zum 
ord. Professor der Psychiatrie und Neuropathologie ernannt. 

— Gestorben: In Petersburg Dr. med. Paul Siem und Dr. 
med. P. Hel lat. In Paris der hervorragende Chirurg Prof. Odilon Marc 
Lannetongue, 71 J. alt. — Der emeritierte Professor der patholo- 
ischen Anatomie an der militärmedizinischen Akademie Dr. N. P. 
wanowskij in Petersburg. 

Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, den 24. Januar 1912. 

Tagesordnung: 1) Sternberg (a. G.). Die Indikationen und Tech¬ 
nik des künstlichen Pneumothorax auf Grund der 
Erfahrungen des Obuchowhospitals (mit Kranken¬ 
demonstration). 

2) D o b b e r t. Die Leistungsfähigkeit der Laparo¬ 
tomie bei eitrigen Prozessen der inneren weib¬ 
lichen Geschlechtsorgane. 


Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Co., Englischer Prospekt 28, Ecke Offizierstrasse. Teleph. 14—91. 


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früher „ST. PETERSBURGER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT“. 


HALBMONATSSCHRIFT «fcs« BEZUGSPREIS IN RUSSLAND 6 RBL. :::::::: KOR'S AUSLAND 14 MARK JÄHRLICH 

Organ der deutschen medizinischen Gesellschaften in Russland, 

Herausgegoben von 

Prof. Dr. KARL DEHIO in Jurjew (Dorpat), »r. PAUL KLEMM in Riga, Dr. F. HOLZINOER in St. Petersburg. 

®sraii: Ir. F. mm, ». o.. l Unle Kr. 11 . ftlcüwi Ml «. ® MMIU: H Klinge, mm Prespefet Kr. II TihpUn 14 - 91 . 

e. » Sprtclisttüide yruf 0 7. v ° r v Sprecfetündc täglich mit AusiiaUme tiet Sanrn u: Feiertage Von 12 1. 


JVs 3 . St. Petersburg, den 1 . (14.) Februar 1912. 3 ?. jSfefg. 


Ueber Narkose. es dhher erst letzter Zeit ellgemgme öes\eht§punkte 

zulässig,; unter denen die Narkose und die einzelnen 
Präskliülvorträg im v«ein st. Petersburg« Amte >1 ji. Januar istif. Mittel kur Erzeugung derselben betrachtet werden dürfen 
Von 6 Tiiitfg* Aus diesen Arbeiten geht hervor, dass wir vor allem 

» ‘ , . . ,, .. , i tiwei Klassen von Mitidn 2 ü ünterschetclet) haben, dH’ 

Hochverehrte Kollegen, » allgemeine Narkose hervorrutero 1 . Die sogen/imd I f - 

Einer löblichen Sitte gemäss; die sich in den letzten io re n i enNVkotika und 2, die b ä s i s c h e u Narkotika, 

Jahren im Verein St. Petersburger Aer^ti? fest eingebür- welche auf ganz verschiedenen Wegen de(t Effekt der 

gcit hat* erlaube ich mir Ihnen heute, in der ersten Matkose becvcirbnngen, wenn auch einzelne Narkotikä 

Sitzung des Jahres, wiederum einen kuuen Ueberbbck ' existieren, die IJebefgähge beider Klassen in -einander 
Uber Entwicklung und Stand einer Frage vorzulegen* die darsrelkn. 

jeden Arzt mthx oder weniger berührt, kh meine die tamrs der iinterKChtidMIfe^krkrriafk Wt eine solche 

Frage der Md Kl und Wege, die angewandt worden sind i -Klassihzkung bildet dklö^iehkeit der eiiudluei) Mittel 
und werden, um den Kranken von den Schmerzen Wäh- , in wässrigen Lösungen und m Oel, und zwar je nach 

remi einer Operation zu befreien, dem Tedungskoeffizicittcn der Löslichkeit in O.eteci und 

Das- Bestreben der Aerzfe, die' Schmerzen einer Opc- Wasser werden .'die .Mittel der einen oder anderen Klasse 

ration zii mildern oder ganz zu stillen, ist natürlich tir~ zugez.ihlt. Die indifferenten Narkotika sind schwer oder 

alt, Schon Aegypter und Chinesen wandten Betäubungs- \ garnicht löslich in Wasser, aber kocht löslich in Oel, 
mittel bei Operaticmen au, erster© Ha&Chisch uftd Opium, ■ der T.eifuhgskppfiizieni: zü Otmsta des Oefe beträgt.- bis 
sowie den Stein von Memphis und Kälk. Offenbar waren : 70 und mehr, für Chloroform &)~-33, für Aether 5. 

damals,, wie im Mutelaltcr die Mandragora wenig zu- Eines der stärksten Narkotika ist Phcuantreu. das sich 

•verlässig, sonst wären sie .nicht in »eurer Zeii aus der ; iri Wasser lässt wie i ; 300 , 01 ) 0 , in Gei aber sehr kiciit 
Anwendtmg geschwunden und fast vergessen worden, es narkotisiert Kaulquappen in einer Lösung- von 

Eine ganz andere Wendung nahm-vdk Frage dei 1 . l,5vXi s 000, dagegen Ohtoroionii erst ) : öOöÖ. Ja. 

Narkose plötzlich, als ln rascher Rblge. das Stickoxy- es .scheint die Stärke tut es NarkötiKhtns proportional zu 

dul 1844, der Aether l84G t das Chloroform 1847 für stellen dcupTmhjugskodtiztente» zwischenWaSset und Oel. 

diesen Zweck verwertet wurden, Von dieser Zeit an Die basische» Narkotika sind leicht löslich in Wasser 

hören die eifrigen Bestrebungen den Acrzte zur Vervoll- und wässrigen Flüssigkeiten 7. B Blutserum: 
komntnung der; Narkose .nicht. auf. Wie Wasser und .Blutserum- in dieser.Hinsicht gleich- 

Gerade neuester Zeit seil' Einführung der Antiseptik gestellt werden dürfen, so kann Oei so gut wie gleich* 

und Äsäßf&v der operative» Agra in der Myclizirt* seit; gestellt werden, dem f&t. und- den-. lijnMfec'Siibstänze'n 

den 80-iger Jahren wird unefmftdlteh in der Frage der dvi tierischen und pflanzlichen Zellen, vor allem den ; 

Scbmerzrstillung während det“ Operation geforscht yml Lipoide» -Substanzen der GmVglimrzelte, als» dem Lezithin 

viel neues m Anwendung mögen * und Cholesterin 

Wollen wir uns aber kurze RechenSjchaH darüber Es erscheini absurd v»» einer Löslichkeit in Cnolc- 

a biege», was erreicht ist mni in weicher Richtung wohl sterin. einem festt n Körper, Ott sprechen; dagegen isL 

weitere Erfolge feu erhoffen sind, so müssen wir streng aber zu bedenken,, das* das Cholesterin der Gewebe ui 

unterscheiden zwischen Schmmstihung durch iokaiwi»* Verbindung mit Ic/ifhin in gequollenem Zustande sich 

keude Mittel physikalischer und: chemischer Art und befindet, im welchem Zustande es wohl lösst und sogar 

duiclv allgemeine Narkose, also zwischen Ariaestheiologie, Lösungsmittel'' 1 bleibt. sobald cs' mit Lezithin verbunden 

resp richtiger Analgesie und Narkologiiv Lfngdstir 1 •; ist, auch hei niedriger.; gewöbidkhei Temperen» 

.bhrhundert bis 1891J herrschte in dieser Hinsicht die -Ausser'-durch, .ihre verschiedene Löslichkeit in Wkssci . 

AHgemeiu Narko-.e, nur für ganz kleine Eingriffe und und Oei, resp. in wässrigen Flüssigkeiten und liquiden 

auch da ■..relativ nicht häutig kamen die HMen Anae* Substanzen, unterscheKien sich, die i n »1 i t f e i e n i £ n 

.sthtiierungs-Mefhodcrt m AnwenUqug". und b a s rs c h e n Narkotiku in ihren cliemischen Cha 

Ich erlaubt mir daher vor allem erneu kurzen Ueber- rakteren. Die indifferenten Narkotika sind Verbindungen, 

bltcfe ober Entwicklung und gegenwärtigen Stand der die weder suuerei.Doch basische], noch satxarbgetGSfabH 

Närkolögifc; zu gebend Erst die loteten fshrzehnte, ja sind, dih basiscdien Narkotika aber smd salzartigc Ver- 

eigentlich das letzte haben Arbeiten gebraclit, die den biiulungen, die leicht in Wasser in Oeleu, Fetttui etc* 

Vorgang der Narkose ver^täridticlier und dtn eigent- aber sehr wem;; oder gamieht löslich sind.. Diese sab- 

bChen Hergang der Betäubung dem Verständnis näher artigen;Narkolika sind aber nur wirksam in ihrem ba 

gerhekf, wenn €tich durchaus nicht voll et klärt ha&eh. sischcn BeÄttmdtVfL Die Säfee .der tneiMGi Alkaloide 


Go gle 








34. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSTs 3. 1912. 


könne als solche, ohne eine besondere Tätigkeit des ’ 
Protoplasmas der betreffenden Zellen überhaupt nicht , 
in die lebenden Pflanzen- und Tierzellen eindringen. ! 
Diese Salze werden durch das Alkali des Blutes (ev. 
Darmsaftes) zum grossen Teil zerlegt. Alle lebenden 
Pflanzen- und Tierzellen sind für die freien Al- ; 
kaloide durchlässig und zwar mit wenigen Ausnahmen 
sehr leicht durchlässig. 1 

Es sei nun gleich hier auf die prinzipiell verschie¬ 
dene Weise ihrer Aufnahme in die Zellen, wohl in 
Folge ihrer Struktur, hingewiesen und was uns beson¬ 
ders hier interessiert, ihrer Aufnahme in die Ganglien¬ 
zellen und darum auch ihrer Wirkung. 

Während die indifferenten Narkotika in Lösung 
treten sukzessive in dem Blutplasma, der Interzellularflüs¬ 
sigkeit und in dem Lezithin-Cholesterin-Gemisch der 
Zellen und den physikalischen Zustand des Lezi- 
thin-Cholesterin-Gemisches ändern, dringen die basischen 
Narkotika viel langsamer in die Zellen und gehen dort 
chemische Verbindungen mit den Proteinen ein. Infol¬ 
gedessen sind die basischen Narkotika fester.an die Zelle 
gebunden und verlassen sie wiederum langsamer als die 
indifferenten Narkotika, die chemisch nicht gebunden, 
sondern nur gelöst sind in den lipoiden Bestandteilen 
der Zellen und sofort nach Aufhören der Zufuhr oder Herab¬ 
minderung der Konzentration des in der Athinungsluft 
verreichten Narkotikums auch die Ganglienzelle durch 
Diffusion vermittels Osmose verlassen. 

Etwas näher eingehen auf letzteren Vorgang will 
ich später. 

Hier wollte ich nur eine sehr allgemeine Charakte¬ 
ristik der beiden grossen Gruppen geben, auf die ich 
bei Abschätzung ihrer relativen Werte in der praktischen 
Anwendung der verschiedenen Mittel und Methoden zur 
Narkose beim Menschen rekurrieren muss. 

Man kann mir vorwerfen, ich ziele hierin zu ein¬ 
seitig auf die Theorie der Narkose von H. Meyer und 
Overton hin, diese ist aber, wie mir scheint, die allge¬ 
mein akzeptierte. Um diesem Vorwurf zu begegnen, 
will ich in aller Kürze die wichtigsten Theorien über 
die Narkose referieren. 

1. In die Augen fallend ist die Aehnlichkeit zwischen 
Narkose und tiefem Schlaf, es lag also auch durchaus 
nahe, die Anschauung über Entstehung und Wesen des 
Schlafes auf die Narkose zu übertragen. Im Altertum, durch 
das Mittelalter bis in neue Zeit meinte man, der Schlaf werde 
erzeugt und erhalten durch eine Anhäufung des Bluts im 
Hirn und Kompression desselben. Also Hyperämie des 
Hirns sollte das Wesen des Schlafes bilden und dem¬ 
gemäss der Narkose. Widerlegt wurde diese Anschauung 
von Durhem durch Experimente an Hunden 1860 und 
von Hamond durch Beobachtungen an einem Schädel¬ 
verletzten. Beide konstatierten Anaemie des Hirns im 
Schlaf. Schon 1860 konnte Bedford-Brown feststellen, 
dass auch in künstlichem Schlaf eines Schädelverletzten 
durch ein Anaesthetikum dieselbe Anaemie des Hirns 
eintrat. Die Experimente an Tieren gaben erst wider¬ 
sprechende Resultate, weil zu Beginn der Narkose, 
während der Aufregung, Hyperaemie eintrat, dann folgte 
aber regelmässig Anaemia cerebri. Doch scheint die 
Anaemie des Hirns während der Narkose nicht so weit 
zu gehen, wie während des normalen Schlafes (Overton). 
Nach dieser Hypothese wären also die vasomotorischen 
Zentren des Hirns die eigentlichen Angriffspunke der 
Narkotika. Es stimmt das aber nur scheinbar. Bei den 
Amphibien nämlich bleibt das Gehirn längere Zeit funk¬ 
tionsfähig, selbst nach vollständiger Unterdrückung der 
Gehirn-Zirkulation und dennoch lassen sich die Amphi¬ 
bien ebenso leicht narkotisieren, wie die Säugetiere 
(Överton). Das gleiche lässt sich beobachten an Insek¬ 
ten und Krustazeen, die überhaupt keine besonderen Blut¬ 
gefässe im Gehirn besitzen, vergleichend-pharmakologi¬ 
sche Versuche lassen nach Overton überhaupt keinen 


Zweifel darüber, dass die Narkotika die Ganglienzellen 
des Gehirns direkt angfeifen. — 

2. Claude Bernard sprach die Hypothese aus, dass 
wie Anaemie, Asphyxie und Wärme, so die Narkotika den- 
gleichen Mechanismus der Anaesthesie hefvorriefen, 
nämlich eine Semikoagulation des Protoplasmas 
der Nervenzellen. Er begründete seine Hypothese durch 
Analogieschlüsse, nämlich durch die Starre der Muskel¬ 
fasern nach Einwirkung von Chloroformdämpfen. Die 
quantitativen Verhältnisse blieben dabei unberücksich¬ 
tigt. Eine Semikoagulation des Protoplasmas scheint 
wohl bei einigen basischen Narkotizis tatsächlich einzu¬ 
treten. 

3. Ganz ähnliche Anschauung vom Hergang der 
Narkose hat Binz unabhängig von Claude Bernard ver¬ 
treten. Er sah in der Narkose den Beginn einer Koa¬ 
gulations-Nekrose, indem er seine Hypothese auf Beob¬ 
achtungen über die Wirkung von Chloroformdämpfen 
auf frische Gehirnzellen gründete, eine Einwirkungsweise, 
die der Narkose durchaus nicht parallel steht. Ebenso 
vergleicht er die Wirkung einer 1° o Lösung von Mor¬ 
phium mur. und einer l c / 0 Chlornatriumlösung auf 
Schnitte aus der Gehirnrinde des Kaninchens, wobei 
er gar nicht berücksichtigt, dass beide Lösungen durch¬ 
aus nicht isosmotisch sind. Schon die Untersuchung 
an ausgeschnittenen Hirnstücken kann wenig beweisend 
sein. — 

4. R. Dubois (1885) sieht die Wirkung der Anaes- 
thetika in einer partiellen Entwässerung des Protoplas¬ 
mas. Bei Einwirkung von Aetherdämpfen auf Pflanzen¬ 
zellen sah Dubois Schrumpfung und Wasseraustritt 
erfolgen, Overton glaubt aber in diesem Vorgang nicht 
ein Narkotisieren, sondern Abtöten sehen zu müssen, der 
Wasseraustritt erfolge ferner nicht aus dem Protoplasma, 
sondern aus dem Zellsaft, weil der osmotische Druck 
in der Zelle (zirka 4 -8 Atmosphären) durch ihren ein¬ 
tretenden Tod nicht mehr bewahrt werden kann. 

5. Schon 1847, also bald nach der Entdeckung 
der anaesthesierenden Wirkung von Aether und Chloro¬ 
form, bezeichneten Bibra und Harless die Fähigkeit der 
Anaesthetika, Fette zu lösen als für die Art ihrer Wir¬ 
kung Ausschlag gebend. Sie stellten sich deu Vorgang 
der Narkose als eine Auslaugung der Fette aus den 
Ganglienzellen vor. So wenig wahrscheinlich eine solche 
Auslaugung der Fette, bei näherer Betrachtung der Nar¬ 
kose in ihrem klinischen Verlauf, erschien, so war sie 
nach den Experimenten an Flimmerzellen und Pflanzen¬ 
zellen für die Narkose unzulässig, denn es konnte das 
Fehlen einer solchen Auslaugung von Fett während und 
nach der Narkose deutlich direkt bewiesen werden, 
Dieselbe Hypothese der Wirkung der indifferenten Narko¬ 
tika auf das Hirn, hat 1866 Hermann der Vergessenheit 
entrissen. 

6. Statt von der Löslichkeit der Cholesterine, Lezi- 
thine etc. in gewissen Anaesthetizis, wie Bibra und 
Harless, sowie Hermann thaten, auszugehen, haben Meyer 
und Overton in ihren gründlichen von einander unab¬ 
hängigen, experimentellen Untersuchungen an Pflanzen 
und niederen Tieren, die Löslichkeit der indifferenten 
Narkotika in den Lezithin-cholesterinartigen Verbindun¬ 
gen der Zelle zum Ausgangspunkt ihrer Theorie gewählt 
und die Narkose als eine Folge der Modifikation jenes 
physikalischen Zustandes der Cholesterin- und lezithin¬ 
artigen Verbindungen angesehen, der in der normalen 
Zelle herrscht. Es kann leicht gezeigt werden, dass 
durch die indifferenten Narkotika ein chemischer Eingriff 
in diese Verbindungen (Lezithin etc.) nicht stattfindet, 
es sich also bloss um eine Aenderung des physikalischen 
Zustandes der Lipoide handelt. 

Die Stärke des Narkotikums hängt in erster Linie 
von der Grösse des Teilungskoeffizienten des Narkotikums 
zwischen Wasser einerseits, den Gehirn-Lipoiden andrer^ 
seits ab. 


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Gck igle 


Original fro-rn 

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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 3. 35. 


Zu derartigen Untersuchungen kann das Lezithin, ; 
weil schwer erhältlich, ohne zu grosse Differenzen durch | 
Olivenoel ersetzt werden, ebenso Blutplasma durch 
Wasser. Lösst sich ein Narkotikum in Wasser zu 1 Teil, 
in Oel zu 10 Teilen, so ist der Teilungskoefizient 

10 i = 10. , 

Die Ergebnisse der Untersuchungen Overtons über j 
die einzelnen Narkotika lassen sich in folgenden Sätzen 
zusammenfassen: I 

1. Die Narkotika lassen sich in zwei Hauptgruppen 
einteilen, in die indifferenten und die basischen, welche 
aber beide unter einander Üebergänge aufweisen. 

2. Alle indifferenten Narkotika dringen mehr oder 
weniger leicht in die unversehrten Pflanzen- und Tier¬ 
zellen ein, die grosse Mehrzahl ausserordentlich schnell, j 
Ebenso können sie wieder leicht heraustreten, sobald 
die Konzentration des Narkotikums in dem umgeben¬ 
den Medium erniedrigt wird. 

3. Die indifferenten Narkotika wirken in erster Linie j 
in der Weise, dass sie in die lezithin- und Cholesterin- ! 
artigen Bestandteile der Zellen übergehen und hierdurch I 
den physikalischen Zustand dieser Gemische so verändern, 
dass sie entweder selbst ihre normalen Funktionen in I 
der Zelle nicht mehr vollziehen können, oder störend 
auf die Funktion anderer Zellenbestandteile wirken. 

4. Die narkotische Kraft eines indifferenten Nar¬ 

kotikums ist ganz vorwiegend bestimmt durch die 
Grösse seines Teilungskoeffizienten zwischen Wasser, 
resp. den wässrigen Säften des Organismus, und den ; 
Lezithin-Cholestaringemischen als Lösungsmittel. j 

5. Aether und Chloroform narkotisieren Menschen, 
Säugetiere, Kaulquappen und Entomostraken bei un¬ 
gefähr derselben Konzentration in dem Blutplasma (Aether 
1:400, Chloroform 1 :4500 bis 6000). Zur Narkose von 
Pflanzenzellen, Protozoen, Flimmerzellen etc. sind meist 
6—10 fach höhere Konzentrationen erforderlich als für 
Kaulquappen. 

6. Die typischen basischen Narkotika und die 
Alkaloide überhaupt scheinen salzartige Verbindungen 
mit den Zellproteinen einzugehen. Die Gleichgewichts¬ 
zustände werden aber bei der Entgiftung im allgemeinen 
viel langsamer erreicht, als bei den indifferenten Nar- 
kotizis. 

7. Dass nicht alle Zellen im Zentralnervensystem 
einem gleichen Einfluss unterliegen, ist auf die ver¬ 
schiedene Verteilung der. Lezithin-Cholesteringemische 

in den Zellen zu beziehen. , 

6. Endlich sei hier noch die Theorie des Schlafes | 
und der Narkose von Schleich erwähnt, die auf viel j 
Annahmen beruht, aber einen Umstand zu erläutern i 
sucht, der bei den anderen Hypothesen bei Seite gelas- | 
sen wird, nämlich den Umstand, dass die sensoriellen und I 
motorischen Zentren in der Narkose künstlich gelähmt ! 
werden, währen die vegetativen (Zirkulation und Repi- t 
ration) noch möglichst unberührt bleiben müssen. Warum 
diese verschiedene Empfänglichkeit der Ganglien-Zellen ? 

Schleich schreibt der Neuroglia eine durchaus aktive 
Rolle zu, sie ist der Sitz der Hemmungs-Apparate, be- 1 
wirkt aktiv den Eintritt des normalen Schlafes. Sie um- j 
spinnt die Gauglienzellen, schützt gleichsam letztere vor 
der direkten Einwirkung der Narkotika, erst wenn die 
Neuroglia, die durch Reizung (Gefässveränderungen) den 
Schlaf hervorruft, durch das Narkotikum überwunden ist, 
tritt Einwirkung des Narkotikums auf die Ganglienzelle, 
also Narkose ein. Dieser Vorgang erfolgt erst dort, 
wo die Ganglienzellen weniger dicht von Neuroglia um¬ 
sponnen sind, d. h. in den Rindenteilen des Hirns. Mehr 
zum Stamm sind die Ganglien dichter umschlossen von , 
Neuroglia, haben festere Formen, einfacher, klarer angelegte 
Zu- und Abfuhr-Leitungsbahnen. Diese Stamm-Ganglien¬ 
zellen unterliegen also schwerer und später der Ein¬ 
wirkung der indiffirenten Narkotika, daher volle Betäu¬ 
bung der Empfindungen, Bewegungen, der komplizirten 


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Reflexe bei Erhaltung der rein vegetativen Funktionen 
(Herz und Atmung). Oder anders ausgedrückt: die 
Wirkung des Chloroforms und der meisten Narkotika 
auf die einzelnen Zentren des menschlichen Gehirns ist 
in ihrem Verlauf in umgekehrtem Verhältnis stehend zu 
der phylogenetischen Entwicklung der Zentren, der 
Rindenteil erliegt zuerst, viel später erst der Hirnstock. 
Ich kann hier unmöglich die anatomischen und physio¬ 
logischen Deduktionen von Schleich rekapitulieren wollen. 
Die Theorie hat vieles Bestechende, steht aber wohl 
noch auf zu schwankenden Stützen, während die Theorie 
von Meyer-Overton auf breiter experimenteller Grund¬ 
lage ruht und daher wohl einstweilen zu akzeptieren ist. 

Es ist Bedürfnis jedes Forschers und praktischen 
Arztes in dunklen, weiten Gebieten in seinem Denken 
und Urteilen von zusammenfassenden, orientierenden 
Hypothesen für seine Anschauungen und Handlungen 
auszugehen, sei es auch nur von einer sogenannten 
Arbeits-Hypothese. 

Treten wir nun an die praktische Frage der Auswahl 
des Narkotikums zum Zweck der allgemeinen Narkose 
heran, so lehren uns die praktische, empirische Erfah¬ 
rung, wie die berichteten theoretischen Anschauungen 
jedenfalls das, dass wir umsoweniger einen Fehlerfolg, 
es handelt sich hier um Leben und Tod, zu fürchten 
haben, je mehr wir in zeitlich folgenden Etappen das 
Mittel in kleinen Gaben reichen und kontrollieren und 
je schneller wir die Fortsetzung der Einzelgaben unter¬ 
brechen können. Ferner werden wir umso leichter 
Unheil vermeiden können, je schneller die Wirkung des 
einverleibten Mittels aufhört, je schneller das gereichte 
Mittel ausgeschieden wird, also auch je lockerer die 
Verbindung des Narkotikums mit der Körper- hier 
richtiger der Ganglienzelle ist. 

Diese Bedingungen erfüllen am besten die indifferen¬ 
ten Narkotika, die, wie es erwiesen scheint, nur in Lösung 
treten, d. h. der Zelle physikalischen Zustand ändern, 
während die basischen Narkotika eine chemische Ver¬ 
bindung mit den Proteinen der Ganglienzelle einge 
hen, daher auch nicht momentan wieder ausgeschieden 
werden können, sobald das umgebende Medium der 
Ganglienzelle geändert wird. Dieses Medium der Gan¬ 
glienzelle ist der interzelluläre Liquor, die Lymphe, der 
die Lösungs- und Sättigungsverhältnisse des Blutes sich 
in schnellster Weise mitteilen. 

Es wäre das Rationellste, die Lösung des indifferen¬ 
ten Narkotikums beständig auf der gewünschten Kon¬ 
zentration im Blutplasma zu erhalten, das ist bei der 
Narkose des Menschen bisher nicht möglich. 

Bei Tieren, z. B. Kaulquappen, ist das experimen¬ 
tell genau beobachtet und der schnelle Aus- und Eintritt 
des Narkotikums auf osmotischem Wege konstatirt. Was¬ 
ser, das Aether in Konzentration C enthält, narkotisiert 
Kaulquappen sehr schnell, bei Ueberführung der Tiere 
in C V* schwindet die volle Narkose bald, bei Ueber¬ 
führung in reines Wasser sehr schnell. Der Ausgleich 
der Konzentration des Aethers im Tier, resp. in seinem 
Zentralnervensystem und dem umgebenden Medium 
geht sehr schnell vor sich, sei dieses Medium Wasser, 
sei es Lymphe-Blutplasma-Luft bei der menschlichen 
Narkose. — 

Die chemische Bindung der basischen Narkotika 
an die Proteine der Zelle kann sich lange nicht so leicht 
lösen, diese Mittel können nicht in derartig kleinen, 
sehr häufigen Dosen gereicht werden, wie die indiffe¬ 
renten Narkotika durch Inhalation. So ist denn auch 
die Schneiderlinsche Skopolamin-Morphium-Narkose als 
durchaus irrationell abzulehnen, Todesfälle hat sie genug 
gebracht. Bisher ist diese Schneiderlinsche Narkose denn 
auch die einzige geblieben, die nur basische Narkotika 
in subkutaner Applikation verwendet. 

Indifferente Narkotika gibt es eine grosse Zahl, An¬ 
wendung gefunden haben folgende: 1. Chloroform 2 


Original fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 



36. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 3. 


1912. 


Aether, 3. Bromaethyl, 4. Stickstoffoxydul, 5. Chloraethyl, 

6. Pental, 7. Chloralhydrat, 8. Alkohol. 

Nur um das Suchen nach neuen, wo möglich, unge- j 
fährlicheren Betäubungsmittel zu charakterisieren, nenne I 
ich noch folgende zur allgemeinen Narkose verwendeten 
Narkotika: 1. Aethylnitrat, 2. Aethylenchlorid, 3. Aethyli- ! 
denchlorid, 4. Aldehyd,' 5. Aceton, 6. Benzin, 7. Essig- | 
aether, 8. Aran’scher Aether, 9. Terpentinöl, 10. Petrol- 
aether (Kerosolen), 11. Kaprylwasserstoff, 12. Amylwasser- 
stoff, 13. Bromäthylen, 14. Chloramyl, 15. Jodamyl, 16. 
Stickstoff, 17. Kohlenoxyd, 18. Schwefelkohlenstoff. 

Auffallender .Weise haben nur die drei ältesten der | 
genannten Mittel den Platz behauptet und rivalisieren 
heute noch, richtiger gesagt, eigentlich nur zwei von 
ihnen: Aether und Chloroform, denn das Stickoxydul 
wird heute wie einst nur für kurzdauernde Narkosen zu 
kleinen Operationen benutzt, tritt also eigentlich nicht ; 
in die Konkurrenz zwischen Aether und Chloroform. ; 
Und diese werden heute, wie vor V 2 Jahrhundert in ! 
Form der Inhalations-Narkose angewandt. j 

Freilich sind sie oft mit einander oder mit andern 1 
Stoffen wie Alkohol (Billroth-Gemisch) oder mit Sauer¬ 
stoff zugleich angewandt, oder mit Einleitung der Nar¬ 
kose durch Bromaethyl. Hier sei auf einen Irrthum hin- j 
gewiesen, man meinte durch Mischung der Flüssigkeiten 
eine Misch-Narkose hervorzurufen, das ist unrichtig, denn j 
die gemengten Narkotika z. B. Aether und Chloroform, 
erst recht Alkohol, haben sehr verschiedenen Siedepunkt, 
daher atmet der Kranke vorherrschend den Stofi mit 
dem niedrigsten Siedepunkt ein (Honigmam). So wirkt 
z. B. ein Gemisch von 4 Teilen Aether und 1 Teil Chlo¬ 
roform lediglich wie reine Aetherdarreichung. 

Eine wirkliche Mischnarkose kann nur durch Mi¬ 
schung der Dämpfe erzeugt werden. Dazu sind sehr ra¬ 
tionelle, aber sehr komplizierte Apparate erfunden wor¬ 
den, die sehr voluminös und schwer transportabel sind, 1 
auch die Bedienung der Apparate ist nicht leicht, kurz 
sie können kaum Allgemeingut werden. 

Ob diese Gemische, die natürlich sehr vielfach kom- 
biert werden können, wirklich die Gefahren der Narkose 
stark herabmindern werden, ist noch nicht zu übersehen, 
die Zahlen sind nicht gross genug; die erhoffte Vermin¬ 
derung der Lungenkomplikationen durch Aether scheinen 1 
nicht erreicht, nach Poppert starben nach 812 Misch¬ 
narkosen (1 Chloroform, 5 Aether) 5 Kranke an Pneu¬ 
monie, 45 mal folgten Bronchitiden. — 

Gute Seiten der Mischnarkose sind: dass in der Kombi¬ 
nation die Narkotika(Chloroform u. Aether) kräftiger wirken, 
als einzeln angewandt, dass durch Sauerstoffbeimengung j 
die Gefahr des Chloroforms für das Herz verringert er- j 
scheint, wenn auch Todesfälle vorgekommen sind. Es j 
wird das pathologische Bild der Chloroformwirkung 
gemildert, aber nicht wesentlich geändert. 

Bei Mischung von Aether mit Sauerstoff tritt die I 
Toleranz verspätet, bei Potatoren gar nicht ein, nebenbei j 
gibt Aether mit Sauerstoff ein höchst explosibles Gas, das i 
nie bei offenem Licht angewandt werden darf (Morton). - 

Neulich ist wieder versucht worden, wie einst von 
Pirogow, das Narkotikum, Aether, per rektum zu appli¬ 
zieren. Wie es scheint, ein sehr riskanter Versuch, denn 
einerseits lässt sich die Dosierung nie so fein gestalten, 
wie bei der Inhalation, andrerseits wird der Darm sehr 1 
stark affiziert, — Tod durch Nekrose des Kolons und 
Zoekums. 

In allerneuster Zeit hat man den Aether intrave¬ 
nös (Burckhardt) appliziert. Es ist wohl kaum zu er¬ 
warten, dass diese Applikationsweise eine Zukunft hat. 
Denn 1. ist der Weg der Anwendung ein durchaus ge¬ 
fährlicher, 2. eine feine, jeden Moment zu ändernde Do¬ 
sierung undenkbar, es ist daher eine solche Applikation 
einstweilen als eine interessante Tatsache zur Kenntnis 
zu nehmen. 


Einer nicht geringen Beliebtheit erfreut sich neuer¬ 
dings die kombinierte Narkose, d. h. die An¬ 
wendung zweier oder mehrerer Narkotika nach einander. 
So z. B. Chloroform und Aether nach einander, oder 
efries derselben in Kombination mit einem basischen 
Narkotikum. 

Die erste Art der Kombination wird gewiss einige 
Gefahren jedes einzelnen beider indifferenten Narkotika 
mildern, schon weil die Gesamtgabe herabgesetzt wird, 
aber die Gefahren für jedes einzelne Mittel bleiben be¬ 
stehen. Bezüglich dieser Chloroform-Aether-Narkose 
(Bourguignon) äussert sich sehr drastisch Juillard, indem 
er sie als: „Methode combin£e des dangers du chloro- 
forme aux inconvenients de l’Ether“ bezeichnet. Das¬ 
selbe Wort lässt sich auf die Aether-Chloroform-Narkose 
beziehen. Sehr anders steht die Frage bezüglich der 
Kombination der i n d i ff er e n te n Narkotika mit ba¬ 
sischen. Die Idee beide Arten zur Narkose zu kom¬ 
binieren geht schon auf Claude Bernard zurück, der 1869 
das Morphium zu dem Zweck empfahl. Gerade diese 
Kombination hat sich bis heute als die gebräuchlichste 
erhalten. Angewandt wird diese Methode vorzüglich, 
wo sich eine protahierte Exaltation erwarten lässt, wie 
bei Alkoholikern, Nervösen, sehr Furchtsamen, bei denen 
dann leicht ein Kollaps eintreten kann. Ferner ist die 
vorausgehende Betäubung durch ein basisches Narkoti¬ 
kum eine durchaus humane Massnahme, um das Be¬ 
wusstsein der bevorstehenden Operation zu trüben. 

Gerade neuester Zeit sind sehr viele solche Kombi¬ 
nationen vorgeschlagen und angewandt worden, so mit 
Morphium, Chloralhydrat, Atropin + Morphium, He- 
donal, Narcein, Heroin, Scopolamin mit einem oder bei¬ 
den indifferenten Narkoticis. 

Es ist bald diesem, bald jenem dieser ‘basischen 
Mittel der Vorzug gegeben worden, doch keine dieser 
Kombinationen hat eine gesicherte Praeponderanz er¬ 
werben können über die andern und über die r eine 
Chloroform- oder Aether-Narkose. 

Wir stehen also im ganzen noch heute, wie vor 
Jahrhundert vor der Wahl von Chloroform und Aether 
zum eigentlichen Agens zur Erreichung der allgemeinen 
Narkose. Bei dieser Wahl müssen wir uns leiten lassen, 
sowohl von der rein empirischen Erfahrung, der Statistik, 
wie von den pharmakologischen Beobachtungen und 
dem anatomischen, wie physiologischen Bilde der durch 
beide Mittel gesetzten Veränderungen in den Organen. 

Beginnen wir mit einer kurzen Betrachtung der Ver¬ 
änderungen in der Anatomie und damit in der physio¬ 
logischen Funktion der Organe, so müssen wir vor allem 
feststellen, dass die anatomischen Veränderungen in den 
Zellen der Hauptorgane, Hirn, Lungen, Leber, Nieren 
essentiell gleich sind bei Chloroform und Aether, wie 
wahrscheinlich bei allen indifferenten Narkotizis, nur die 
Intensität schwankt, ja, es scheint nach W. Müller, dass 
der Grad der Veränderung proportional steht der nar¬ 
kotischen Kraft der Mittel. 

Die vorwiegende anatomische Veränderung der Or¬ 
ganzellen besteht in einer mehr oder weniger ausge¬ 
prägten Fettmetamorphose. 

Chloroform ist ein viel stärkeres Narkotikum als der 
Aether, zu voller Narkose ist erforderlich ein Verhält¬ 
nis von 8 gr. Chloroform auf 100 Liter Luft, dagegen 
von 20 gr. Aether auf 100 Liter Luftt (resp. Wasser für 
kiemenatmende Tiere). Dem entsprechend ist bei Chlo¬ 
roform, als dem stärkeren Gift, die Narkotisierungs- 
Breite, d. h. die Differenz zwischen Betäubungsdosis 
und lethaler Dosis kleiner als bei dem schwächeren 
Gift, dem Aether, es kann also eine sogenannten Ueber- 
dosierung bei Chloroform viel leichter eintreten als bei 
Aether. 

(Schluss folgt). 


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UMIVERSITY OF MICHIGAN 





St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Jvfs 3. 


37. 


Die Unterernährung in der Therapie*). 

Dr. Hermann. 

Sehen wir uns in der organisierten Welt um, so fin¬ 
den wir, dass eine selbst monatelang andauernde totale 
Nahrungsentziehung in regelmässiger Folge als biolo¬ 
gisch-physiologisches Faktum nichts Seltenes ist. Wir 
brauchen nur an den Winterschlaf vieler Tiere zu denken. 
Aber auch über einen Sommerschlaf bei Orinoko-Kroko¬ 
dilen berichtet uns Alexander v. Humbold. Auch in Ge¬ 
orgien und Florida verbringen die Alligatore 4—6 Mo¬ 
nate lang im Sande der Savannen vergraben bewegungs- 
und nahrungslos, bis die Regenperiode sie auferweckt. 

Der afrikanische Molchfisch - Protopterus verbringt 
auch monatelang in einer selbstverfertigten Schlamm¬ 
kapsel bewegungs- und nahrungslos. Jedoch verbrin¬ 
gen alle diese Tiere ihre Periode der absoluten Nah¬ 
rungsentziehung in absoluter Ruhe, bei herabgesetztem 
Stoffwechsel. 

Wir kennen aber auch Beispiele, dass etliche Tiere 
in ihrer aufgeregtesten und unruhigsten Lebensperiode, 
während des Generations-Prozesses, sich der Nahrung 
vollkommen enthalten. 

Bunge ^berichtet uns über die Beobachtungen 
Mieschers am Rheinlachs,^ welcher alljährlich vom 
Meere aufwärts wandert, um im Oberrhein zu laichen. 
Diese Wanderung dauert 4—14 Monate lang. Während 
dieser ganzen Zeit nehmen die Tiere keine Nahrung auf, 
der Verdauungskanal wird stets leer gefunden. Der 
Eierstock der Fische wächst in dieser Zeit von 0—4% 
auf 19—27% des Körpergewichts, hauptsächlich durch 
Umsetzung* der Reserve-Stoffe der gesamten Muskula¬ 
tur. Die Eier der Rogen sind zuletzt reich an Nuklein 
und Lezithin, die Muskeln, hauptsächlich der Rücken¬ 
muskel, arm an diesen Verbindungen. 

Dieses Beispiel des Stoffumsatzes im Hungerzustande 
scheint mir bio- physiologisch von allergrösster Wich¬ 
tigkeit zusein. Bunge meint: es scheint, dass die Mu¬ 
skeln nicht bloss Bewegungsorgane sind, sondern zugleich 
auch Vorratskammern für das Eiweiss. 

Jedoch sind die Lachse Kaltblüter, aber auch von 
Warmblütern kennen wir aus Nordenskjölts Bericht 
über die Vega-Expedition ein derartiges Beispiel, wie 
er es aus eigener Anschauuog kennen gelernt hat. Im 
Beringsmeere besuchte er unter Führung der ortsansäs¬ 
sigen Insulaner die sogenannten .Rookeries“, gewisse 
Landzungen, auf denen die ihres kostbaren Felles wegen 
so wertgeschätzten Seebären oder Bärenrobben (Otaria 
ursina) russisch ,Kotik", ihren Landaufenthalt zuzubrin¬ 
gen pflegen, um ans Geschäft der Vermehrung zu gehen. 
Dieser Landaufenthalt dauert viele Monate, die Männchen 
sind dabei sehr aufgeregt und in immerwährender Be¬ 
wegung, um auf ihre Weibchen aufzupassen, damit sie 
nicht von anderen Männchen gestohlen werden. 3 Mo¬ 
nate lang nehmen die Männchen garkeine Nahrung zii 
sich. Erst nachdem die Weibchen belegt sind, spazieren 
die Männchen ins Wasser zurück, um sich aufzufüttern. \ 
Wie es scheint, verbringen auch die Weibchen in der 
ersten Zeit ihr Dasein nahrungslos, sie werfen gleich 
nach dem Landen ihre Jungen, die noch sehr unbeholfen 
sind und noch nicht zu schwimmen verstehen, ja im 
Wasser ertrinken. Erst später gehen auch die Weibchen I 
ins Wasser. 

Es ist hiermit der biologische Beweis erbracht, dass 
eine regelmässige Nahrungszufuhr zur Lebensbetätigung 
organisierter Lebewesen nicht absolut notwendig ist, es 
können viele Tiere selbst viele Monate lang in regel¬ 
mässigen Intervallen ganz ohne Nahrung auskommen, 
ohne in ihren Lebensfunktionen behindert zu werden. 

Sollte nach Analogie der Funktionen auch beim 
„homo sapiens“ ein derartiger Vorgang nicht möglich sein? 

*) Mitgeteilt auf dem XXII livländischen Aerztetage in Pemau. 


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Fragen wir uns zuerst: sind Fälle längerdauernden 
absoluten Fastens beim Menschen, ohne die Gesund¬ 
heit zu schädigen, bekannt geworden? Hier in Pernau 
ist vor zwei Jahren ein derartiger Fall passiert. Der 
geisteskranke 35-jährige B—, Fleischer von Beruf, frü¬ 
her arger Trinker, aber zuletzt von frommen Seelen be¬ 
kehrt, verweigerte mit einemmale jegliche Nahrungsauf¬ 
nahme und führte dieses absolute Fasten 60 volle Tage 
durch. Er trank während dieser Zeit nur recht viel eines 
kwasähnlichen säuerlichen Getränks, Taara genannt. 
Während der ganzen Zeit hat er leichtere Arbeiten voll- 
ftihrt; nach Absolvierung der Fastenperiode war seine 
Geistesverwirrtheit wesentlich verbessert, er konnte wieder 
anfangen sich sein Brot zu erwerben. 

Durch einen meiner Sanatorium-Patienten wurde ich 
auf einen psychisch vollkommen gesunden Schulmeister 
hingewiesen, der gleichfalls 60 Tage absolut gefastet 
hatte. Ich wandte mich mit einer schriftlichen Anfrage 
an diesen Herrn und erhielt folgende Auskunft: Herr 
P. ist als Schulmetster tätig, verheiratet, an Nierenstein- 
Koliken leidend. In seinem 56. Lebensjahre befiel ihn 
plötzlich instinktiv, ihm selbst ein Rätsel, das Unvermö¬ 
gen Nahrung zu sich zu nehmen. Nur kaltes Brunnen¬ 
wasser trank er sehr viel. Allmählich wurde er natürlich 
dabei magerer — er war sonst recht stark — und auch 
schwächer, hat aber seinen Unterricht in den 60 Fasten¬ 
tagen nicht ein einzigesmal auszusetzen gebraucht. Nach 
dieser Zeit konnte er wieder essen, alles durch einander, 
aber ohne eigentlichen Hunger und Appetit. Seiner Ge¬ 
sundheit war kein Nachteil passiert, er war im Gegen¬ 
teil recht schlank geworden und leistungsfähig geblieben. 

Der amerikanische Kollege Dr. Dewey hat in sei¬ 
nem Werke über .Fastenkuren“ über einen Fall von 
70-tägigen Fasten mit Ausgang in volle Genesung be¬ 
richtet, sein Anhänger und Nachahmer Dr. Möller in 
Loschwitz bei Dresden hat etliche Patienten 60 Tage 
mit Vorteil für ihre Gesundheit fasten lassen. 

Natürlich haben sich auch Physiologen mit dem Prob¬ 
lem des Hungerns und Verhungerns befasst und dabei 
ist folgendes Resultat gezeitigt. Moleschott bestimmte 
den Verhungerungstod des Menschen als am 25 Tage 
erfolgend. Nach L a n d o i s starben Katzen bei gänz¬ 
licher Nahrungs-Entziehung erst am 18 bis 22 Tage; 
Kräftige, wohlgenährte Hunde erst nach 4 Wochen, nach 
Bunges Angaben nach 40 bis 60 Tagen. Kleine Säuger 
und Vögel erliegen nach 9 Tagen dem Hungertode. Aus¬ 
gewachsene kräftige Säugetiere haben hierbei zirka l U 
ihres Körpergewichts eingeschmolzen; junge Individuen 
gehen früher ein als alte. 

Dr. Dewey führt in seinem Werke folgende Fälle 
von Hungertod an: ein 4-jähriger Knabe hatte sich durch 
Trinken einer ätzenden Lösung Schlund, Speiseröhre 
und Magen so verbrannt, dass er nicht einmal einen 
Schluck Wasser vertragen konnte. Er starb am 75 Tage 
seines Fastens mit bis zur letzten Stunde klarem Geiste. 
Einer Frau waren durch eine Apoplexie die Schlingmus¬ 
keln gelähmt, sie konnte nichts zu sich nehmen. Sie 
lebte 4 Monate ohne jede Spur von Nahrungsaufnahme. 

Hochinteressant ist beim Hungertode die ungleiche 
Verteilung von Einschmelzung der verschiedenen Organe. 

Dewey führt nach der Physiologie von Y e o den 
Verlust an für: 

Fettgewebe = 97 % 

Muskeln — 30 % 

Leber = 56 % 

Milz = 63% 

Blut = 17% 

Nervenzentren = 0%!!! 

Nach dem Lehrbuche der Physiologie von Dr. J. Stei¬ 
ner 1886 sind die Verluste beim Hungertode: Muskeln 
30% Fettgewebe 97%. Das Herz und die Nervenzent¬ 
ren za. 3%. 


Original fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 



38. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. .\i* 3. 1912. 


In der Gesundheitslehre von Fried r. Erismann 
1885 ist gesagt: Eine Zeitlang lebt der Körper noch von 
dem in ihm abgelagerten Fett und Eiweiss. — Das 
üehirn verliert am wenigsten. — Das Hungergefühl ver¬ 
schwindet nach einiger Zeit bei absoluter Nahrungsent¬ 
ziehung. — Bei ungehinderter Wasseraufnahme scheint 
das Leben Hungernder bis auf 5 und 6 Wochen gefristet 
werden zu können. 

Wir sehen aus diesen durch die wissenschaftliche 
Forschung beglaubigten Daten, dass durchs Hungern I 
oder Fasten am wenigsten angegriffen werden: vor allem j 
das Gehirn (O bis 3%), dann das Herz (3° 0 ) und das | 
Blut (17%). , 

Kurzdauernde und nicht sehr rigorose Unterernäh¬ 
rungskuren sind ja eigentlich schon lange in der prak- I 
tischen Medizin bekannt und geübt. So erreicht man 
bei akuten Verdauungs-Störungen wohl das beste Resul¬ 
tat durch eine Nahrungs-Entziehung. Auch die Kareli¬ 
sche Milchkur, die Gemüsekuren der Drabetiker, die ver¬ 
schiedenen Obst-Trauben- und Beerenkuren sind in die l 
Kategorie der milden Entziehungskuren hineinzurangie- , 
ren. Eine etwas strammere Entziehungskur ist die alte 
Schrothkur, während die absolute Fastenkur je nach ihrer 
Anwendurtgsweise milde oder sehr ernst sein kann. , 

Bekannt ist das Beispiel des Dr. T a n n e r. Als junger 1 
Arzt erkrankte er an einer sehr ernsten Polyarthritis 
rheumatica mit Endocarditis, sein Zustand wurde so 1 
schlimm, dass die Aerzte ihm nur noch 10 Tage zu leben 
gestatteten. Um seinem Leben früher ein Ende zu ma- I 
eilen, verweigerte der Patient jegliche Nahrung. Und 
merkwürdig, anstatt schwächer zu werden/fühlte Dr. Tan- 
n er sich von Tag zu Tag immer wohler und wurde ge- , 
sund. Später unternahm er sein berühmtes Hungerex- \ 
periment, das 40 Tage dauerte, unter strenger Aufsicht j 
verlief und ihn 16 Kilo Körpergewicht gekostet hat. 

Ein anderer amerikanischer Kollege, der schon vor¬ 
hin genannte Dr. Dewey, hatte beobachtet, dass die- | 
wenigen Typhuskranken, die ganz ohne Nahrung blieben, 
bis sie selbst solche verlangten, viel besser die Krank¬ 
heit Überstanden, als gefütterte Kranke. I 

Durch Einführung des Morgenfastens hatte Dr. Dewey | 
erstaunliche Heilresultate auch in solchen Fällen, die j 
sich für die Behandlungshmethode der praktischen Aerzte j 
als unbeeinflussbar erwiesen. Diese negative Ernährungs- j 
Methode breitet sich immer mehr und mehr in Amerika 
aus. 1 

Professor Dujardin-Beaumez und Dr. Stack- 
ler unternahmen zusammen eine Reihe von Beobach- i 
tungen an Kranken, indem sie tagtäglich an ihnen ge¬ 
naue systematische Wägungen Vornahmen, die auf Kar- i 
logrammen bildlich dargestellt wurden. Das Resultat j 
dieser langdauernden Untersuchungen war ein höchst j 
unerwartetes, paradoxes: die Kranken fühlten sich nur | 
dann wohler, wenn sie im Gewicht abnahmen. Sobald ] 
das Gewicht gleich blieb oder sogar zunahm, war eine j 
Verschlimmerung zu konstatieren. Besonders deutlich war ! 
diese Tatsache zu konstatieren bei den akut-fieberhaften 
Krankheiten. 

Dr. Guelpa nahm diese Untersuchungen auf, setzte 
sie 15 Jahre lang fort und veröffentlichte dann erst die 
erstaunlichen Resultate derselben. 

Nach Dr. Guelpas Angaben produziert der mensch¬ 
liche Organismus beständig in seiner Lebensbetätigung 
verbrauchtes Körpermaterial (Schlacken), welches eine i 
sehr schädliche, selbst giftige, Wirkung auf den Orga¬ 
nismus ausübt. Diese Substanzen bestrebt sich der Kör¬ 
per, so rasch wie möglich, durch den Darm, die Nieren, die 
Lungen und durch die Haut auszuscheiden und dadurch 
unschädlich zu machen. Häufig bleiben diese Substan- | 
zen hier und da im Körper zurück und alsdann verur¬ 
sachen sie krankhafte Störungen. In solchen Fällen i 
trftt die Naturheilung durch Appetitmangel und Nahrungs- , 
Verweigerung ein. 


Dr. Guelpa machte die ersten Versuche an sich selbst: 
er hungerte etliche Zeit. Nur in den ersten Tagen traten 
Unbequemlichkeiten auf: Hungergefühl, Kopfschmerzen, 
Uebelkeit, Schwindel, Mattigkeit. Stets nahm Guelpa 
im Beginne des Fastens ein Abführmittel ein, um den 
Darm von Nahrungsresten zu reinigen. Trotz fortgesetz¬ 
ten Fastens trat später ein Gefühl ausserordentlichen 
Wohlbehagens ein. Er war frisch, das Herz arbeitete 
energischer, desgleichen die Lungen, das geistige Arbeiten 
fiel ihm leicht, auch das körperliche Gehen. Die Zahl 
der roten Blutkügelchen und der Hämoglobin-Gehalt 
waren vermehrt, es fanden sich im Blute mehr als ge¬ 
wöhnlich einkernige Jugendformen der Leukozyten vor. 
Sehr angenehm überrascht war der Autor, als sich seine 
schlimmen Augen, gegen die alle berühmten Okulisten 
vergeblich ihre Kunst versucht hatten, g6nz von selbst 
bei dieser Fastenkur herstellten. Guelpa litt an sehr 
schmerzhaften periodischen Augenkongestionen. LJeber- 
haupt besserte sich Guelpas Gesundheitszustand sehr 
wesentlich. Von jetzt ab wandte Dr. Guelpa periodische, 
allerdings nur etliche Tage andauernde Fastenkuren mit 
dem allerbesten Erfolge bei vielen seiner Patienten in 
geigneten Fällen an. Besonders erfolgreich war die Fasten¬ 
kur beim hartnäckigen chronischen Ekzem. 

Dr. Guelpa kommt zu folgenden Schlüssen: 

1) Es ist nicht gefährlich sich 3—4 Tage lang der 
Nahrung zu enthalten; hierbei muss man nur für Darm¬ 
entleerung Sorge tragen. Durch diese therapeutische 
Prozedur gewinnt der Organismus mehr, als er verliert. 

7) Abgesehen von einem leichten Unbehagen nach 
der Nahrungs-Entziehung zeigt sich ein wohltuendes Re¬ 
sultat der Behandlung, namentlich ein ausserordentliches 
Wohlbehagen. 

3) Die erfolgreiche Behandlung des Organismus durch 
eine Fastenkur steht über allem Zweifel; sie wird gestützt 
durch die Analyse des Blutes und der Ausscheidungs- 
Produkte. 

Die von Dr. Dewey durchgeftihrte Fastenmethode ist 
strenger: es wird das Fasten solange fortgesetzt, bis sich 
schliesslich die Selbstreinigung des Körpers von allen 
toxischen und verbrauchten Stoffen durch ein plötzlich 
auftretendes Hungergefühl als beendet dokumentiert. Es 
kann dieses schon nach 2 Wochen oder auch erst nach 
60 bis 70 Tagen eintreten. 

Zur Wasserversorgung der. Stadt St. Peters¬ 
burg. 

Von Dr. S. Unterberger. 

Alle grösseren Städte sind in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts allmählich nach dem Beispiel von England zur zentralen 
Wasserversorgung übergegangen, als bei Vergrösserung der Städte die 
örtlich vorhandenen Brunnen infolge der zunehmenden Verunreini¬ 
gung des städtischen Bodens immer weniger qualitativ befrie¬ 
digten und auch q u a n t i t a t i v nicht mehr den gesteigerten An¬ 
forderungen entsprachen. 

Mit der Zeit stellte es sich a' er heraus, dass die zentrale Was¬ 
serversorgung durch Quellen oft eine unliebsame Erscheinung zeigt, 
nämlich dass gerade im Sommer zur Zeit des höchsten Bedarfes zu 
wenig Wasser vorhanden war, so dass die Bevölkerung zum Sparen 
aufgefordert werden musste oder sogar Beschränkungen amtlich 
durchgeführt wurden. Das sind aber sicher die unhygienischsten Mass¬ 
nahmen, die man sich denken kann, da die Zentralwasserversorgung 
nicht nur dem notwendigen Bedarf eben genügen, sondern auch dazu 
dienen soll, die Bevölkerung an einen stärkeren Wasserverbrauch, 
als Grundlage der öffentlichen und persönlichen Gesundheitspflege, 
zu gewöhnen. 

Die einwandfreie Wasserversorgung der Städte ist jedenfalls 
eins der wichtigsten, manchmal aber auch schwierigsten Probleme 
der Gesundheitspflege. Aber wir sind glücklicherweise in der Lage, 
schreibt H u e p p e , der hervorragende Prager Professor der Hygiene, 
zunächst wenigstens die Frage des guten oder schlechten Wassers 
vorbeugend rechtzeitig beurteilen und deshalb auch rechtzeitig Mass¬ 
nahmen treffen zu können. 

Die vorbeugende Beurteilung des Wassers nach seiner Güte hat 
aber auch so grosse Fortschritte gemacht, dass man oft wider Er- 


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39. 


\§V2. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 3. 


warten in der Nähe einer Stadt ausreichende Mengen tadellosen 
Wassers findet, wo man früher sein Heil nur in der Zuleitung aus 
weit entfernten Quellen sah, die sich meist als unzureichend er¬ 
wiesen. Ein geradezu klassisches Beispiel ist die Stadt Frank¬ 
furt a. M., die erst aus Quellen des Spessart aus der Ferne gutes 
Wasser, aber in unzureichender Menge bezog, dann aber dicht bei 
der Stadt ausreichende Mengen tadellosen Grundwassers fand. 

Was soll aber geschehen, wenn solche günstigen Möglichkeiten 
für den Bezug von bestem Grund- und Quellwa ser nicht gegeben 
sind ? Dürfen wir es darauf ankommen lassen, dass das, was die 
alten Römer dem landesflüchtigen Verbrecher als Strafe androhten, 
den Städten bevorstehen soll — das .Aquainterdicere?“ 
Gewiss nicht! Wir müssen also wünschen, gutes Wasser überall zu 
gewinnen, sagt H u e p p e , und, wo die Natur solches nicht ohne 
weiteres zu Gebote stellt, durch die technische Nach¬ 
ahmung der natürlichen Reinigungsvorgänge ein 
schlechtes Wasser in- ein gutes zu verwandeln. 

Was man gutes oder schlechtes Wasser nennt, wurde nicht immer 
gleich aufgefasst. Dass ein Wasser klar, farblos, geruchlos, ohne be¬ 
sonderen Beigeschmack, erfrischend sein soll, erscheint selbstver¬ 
ständlich, und doch muss man an vielen Orten die Wässer schon 
verbessern, um nur diesen sinnlich wahrnehmbaren Zustand des 
guten Wassers zu erreichen. Das sind aber alles Kleinigkeiten gegen¬ 
über dem Moment der Lebensbedrohung durch krankmachende 
bazilläre Ursachen. 

An der nachgewiesenen Möglichkeit der Krankheitserregung 
durch infiziertes Trink- _und Gebrauchwasser ist die Sorge für gutes, 
unverdächtiges Wasser eine der wichtigsten Massregeln der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege. Daraus muss man aber eine zweite Folge¬ 
rung ableiten, nämlich die Infektionskrankheiten überall da, wo man 
sie fassen kann, energisch zu bekämpfen im Sinne der Massnahmen, 
die 1887 bis 1889 von R. Koch und Hüppe entwickelt wurden. 

Auf diese Weise gelingt es vielleicht auch umgekehrt, die zuneh¬ 
mende Verschmutzung und Infektion des Bodens und der öffentlichen 
Wässer einzuschränken und sich damit vielleicht wieder Bezugs¬ 
quellen zu erschliessen, die man wegen der drohenden Gefahr der 
Infektion schon aufgegeben hatte oder aufgeben wollte. 

Bei zunehmender Bevölkerung werden die Flüsse und in gerin¬ 
gerem Mass auch die Seen immer unreiner und unappetitlicher, aber 
auch infektionsgefährlicher. Einer massenhaften Verunreinigung hält 
die natürliche Selbstreinignng der Wasserbehälter nicht mehr das 
Gleichgewicht und es muss eine intensivere künstliche Reinigung 
eingeführt werden. 

Wegen der Verunreinigung des städtischen Bodens hatte man 
früher die Grundwasserversorgung zugunsten weit hergeleiteter Quellen 
aufgegeben, bis durch neuere Untersuchungen biologischer Vorgänge 
im Boden und an künstlichen Filtern, experimentell klargelegt worden 
ist, dass im Boden ein so intensiver Reinigungs¬ 
vorgangstattfindet, dass man selbst bei starker 
Verunreinigung in dicht bevölkerten Städten 
nachweisbar in wenigen Metern Tiefe bereits voll¬ 
ständig keimfreies Wasser trifft. Allerdings muss die 
besondere Lage der Wasseransammlungen des Bodens nicht ausser 
Acht gelassen werden. Sandfilter, in manchen Fällen als wesentliche 
Verbesserung derselben, die amerikanischen Schnellfilter, sind sehr 
empfehlenswert. Bei amerikanischen Schnellfilter wird dem Wasser 
schwefelsaure Tonerde als Fällungsmittel zugesetzt, wobei aber auch 
im Filter selbst die Filterhaut den Prozess verstärkt. 

Eine wichtige Bedeutung bei der Beurteilung des Trinkwassers wird 
den bakteriologischen Untersuchungen zu Grunde gelegt *). 
Gewöhnlich verlangt man jetzt für ein befriedigendes Wasser ungefähr 
nicht mehr als 100 Keime im Kubikzentimeter. Füf Infektionsverdächtig¬ 
keit des Wasser soll jetzt, nach der Meinung vieler Autoren, das B. Coli 
als Indikator dienen. Die Bestimmung des B. Coli muss eine quan¬ 
titative sein. Gelingt der Nachweis des B. Coli schon in 1 kzm., 
so hält z. B. Whipple (Amerika) das Wasser für infektionsver¬ 
dächtig. Savage (England) hält es schon für bedenklich, wenn 
der Nachweis in 10 kzm. gelingt. Das Londoner Trinkwasser muss 
nach den Kontrollvorschriften, so rein sein, dass in mehr als der 
Hälfte der untersuchten Proben selbst in 100 kzm. Wasser B. Coli 
nicht gefunden wird. Nach Vincent (Frankreich) macht die An¬ 
wesenheit des B. Coli in 1,0 oder 0,1 kzm. Wasser dasselbe untaug¬ 
lich zu Trinkzwecken, in 10 kzm. noch verdächtig. In Deutschland 
hat man bisher eine solche empirische Grenzzahl noch nicht festge¬ 
stellt, esfst, nach Spitta, auch zweifelhaft, ob man das tun soll und wird. 

K o n r i c h kommt auf Grund seiner ausgedehnten Untersuchun¬ 
gen zu dem Schluss, dass der Kolibefund an sich niemals die Ver¬ 
werfung eines Wassers rechtfertigen dürfe, weil in einzelnen Gegenden 
kolifreies Wasser garnicht erhältlich sei. Menschen, Säugetiere, 
Vögel und Kaltblüter tragen immer Kolibazillen in ihrem Darm. Ja 
es sind sogar im hohen Gebirge im Wasser, wo kein menschlicher Fuss 
hingelangt, Colibazillen gefunden worden. K o n r i c h hält die Koli- 
probe für die Praxis, abgesehen von bestimmten Fällen für wertlos, 
da ihr positiver Ausfall doch erst durch die Ergebnisse einer Ört¬ 
chen Besichtigung der Wasserentnahmestelle 
erklärt und verwertbar gemacht werden kann. In demselben Sinn 
äussert sich skeptisch über diese Frage Fromme. 

*) Anmerk. Pettenkofer war ohne Zuhilfenahme der 
bakteriologischen Untersuchung imstande auch in bakteriologischer 
Beziehung reines Wasser in München auszuwählen. ** 


Welche Untersuchungsmethode auch gewählt werden mag, stets 
muss davor gewarnt werden, aus einer einmaligen Unter¬ 
suchung des Wassers Schlüsse auf seine dauernde Zusam¬ 
mensetzung zu ziehen, wenigstens dann, wenn es sich um die Frage 
der Infektionsgefährlichkeit eines Wassers handelt. 

Am häufigsten werden die Erreger des Darmtyphus und der 
Cholera durch Wasser übertragen, sei es, dass ein Brunnen oder 
Wasserbehälter infiziert ist oder durch ein geplatztes Wasserrohr 
infizierende Massen einströmen. Da nun der Mensch allein der Ver¬ 
breiter dieser Krankheiten ist, so muss um so mehr darauf stets 
streng geachtet werden, dass seine Ausleerungen nicht direkt ins 
Trinkwasser gelangen 

Ausserdem darf nicht aus dem Auge gelassen werden, dass zur 
Entstehung dieser Krankheiten nicht einzelne Bakterien genügen, son¬ 
dern stets eine ganz enorme Masse nötig ist. Zur Erläuterung die¬ 
ser Tatsache möchte ich anführen die Beobachtung in der Rheinprovinz, 
wohin bekanntlich eine Expeditiou unter der Oberleitung von 
R. Koch, zur Erforschung der endemischen Typhusepidemie, ent¬ 
sandt wurde. Es stellte sich bei den Untersuchungen heraus, dass 
die Menschen, die aus einem bestimmten Brunnen Wasser tranken, 
meist an Typhus erkrankten. Eines Morgens bemerkten einige-Glie¬ 
der der Expedition, dass jeden Morgen kleine Kinder in der Nähe 
dieses Brunnens ihre kleinen Geschäfte abmachten. Die Kinder er¬ 
wiesen sich als Bazillenträger und sobald dieser Modus der Verun¬ 
reinigung des Brunnens ausgeschaltet wurde, hörten die Typhuser¬ 
krankungen auf. 

Daraus ist in eklatanterWeise zu sehen, wie gross und frisch 
der Infektionsstoff jedes Mal sein muss, um Krankheiten zu erzeugen. Die 
Zeit ist jezt vorüber, wo man auch für die Tuberkulose annahm, dass ein 
einziger Bazillus genüge (C o r n e t) um Tuberkulose zu erzeugen. 
Wenn auch der Tub.-Bazillus nur individuell als Erreger gilt, der 
Typhusbazillus aber generell, so muss doch stets bei der Beur¬ 
teilung des infizierten Wassers vor Uebereifer gewarnt werden. Es 
gibt ja noch viele unaufgeklärte Fragen in der Pathogenese des Ty¬ 
phus und der Cholera. 

Beim Trinken eines infizierten Wassers wird in za. 10% der 
Tvphuskeim gleich durch den Darm entfernt, in 80% bleiben die 
Menschen Bazillenträger, bald kurze, bald längere Zeit und in ca. 
10% findet Erkrankung statt. 

Mit Rücksicht auf den Nachweis pathogener Bakterien muss in¬ 
dessen nie vergessen werden, dass man in ihrer Deutung ausseror¬ 
dentlich vorsichtig sein muss. Der bakteriologische Uebereifer hat 
einigemal recht unerfreuliche Früchte gezeitigt. So wurden nach 
der Choleraepidemie in Hamburg 1892, ln Preussen auf den blossen 
Nachweis von Kommabazillen hin, die sicher gar nichts mit der Cho¬ 
lera zu tun hatten, Flüsse für verseucht erklärt und damit die Be¬ 
nutzung der Flussbäder entzogen. 

Die chemische Untersuchung des Wassers findet jetzt 
wenig Anklang und doch muss man nicht vergessen, dass z. B. che¬ 
misch reines und dabei bakterienfreies Wasser zuweilen als starkes 
Gift wirken kann, ich meine das Gletscherwasser, das sich noch nicht 
genügend mit Salzen beladen konnte. Die chemische Analyse ist 
unentbehrlich, weil sie uns dahin darüber informiert, ob das Wasser 
giftig wirkende Stoffe z. B. Blei enhält, ferner, wie stark der Härte¬ 
grad des Wassers ist. Vor allem aber können wir eine Verunreini¬ 
gung mit Exkrementen aus dem Kochsalz-Salpetersäuregehalt u. s. w. 
des Wassers beim Vergleich mit der chemischen Beschaffenheit des 
Normalwassers der Gegend mit Sicherheit ersehen. 

Man wird vor allem nie dieBesichtigungderOert- 
I 1 i c h k e i t entbehren können und schon da sehr häufig ein aus¬ 
reichendes Urteil sich bilden können, ob ein Wasser gesundheits- 
I schädlich ist. Nicht selten wird man konstatieren können, wie z. B. 

| durch Fortleiten der Abwässer aus Aborten die Wasserquelle wieder 

gut zu machen ist. 

Die Entseuchung eines keimreichen Wassers durch Ozon, das 
! die Bakterien tötet, ist ein sehr kompliziertes und teures Verfahren 
I und erreicht nicht immer seinen Zweck, wie wir es jetzt in Peters- 

' bürg erleben, wo nicht nur Kolibazillen, sondern auch pathogene 

| Bakterien im ozonierten Wassers konstatiert werden. Das ozonierte 

j Wasser bleibt doch ein Apothekenwasser und entbehrt des er- 

' frischenden Geschmackes eines natürlichen schöneq Wassers, 
j Neuerdings findet ein Sterilisationsverfahren Anwendung mit¬ 

telst ultravioletter Strahlen, sogenannter chemischer 
Strahlen, welche wir im Sonnenspektrum in reicher Zahl vorfinden 
und worauf die vernichtende Wirkung der Sonnenstrahlen auf die 
Bakterien zurückzuführen ist; so wurde konstatiert, dass die kurze 
Zeit der Bestrahlung von 5 Sekunden vollkommen ausreicht, um alle 
Bakterien im Newawasser zu vernichten. Durch die Nutzbarmachung 
des sogenannten Vakuumlichts durch den Ingenieur Scheidt 
I sollen sich selbst die allergrössten Wasserquanta ohne Schwierig¬ 

keiten bewältigen lassen. 

| Das Abkochen des Wassers ist ja sehr rationell, es tötet 

| alle Keime, aber der Geschmack ist fade, es ist totes Wasser. Vor 

I allem ist die Durchführung in den ärmeren Schichten sehr teuer und 

I durch die Fahrlässigkeit der ungebildeten Menschen wird das Wasser 

| meist halb gekocht oder vermischt mit rohem Wasser. Vergessen 

I dürfen wir auch nicht, dass wir durch Abkochen die Selbstreinigung 

j herabsetzen, indem wir die F1 a g e 11 a t e n, die wie die Phagozyten imBlute 

die Mikroben verschlingen und verdauen, abtödten (Emmerich). Auf 
diese Weise ist zu erklären, warum im gekochten Wasser Typhuskeime 
i länger leben, bis zu 8 Tagen, während im frischen Wasser dieselbe in 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




40. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. ,N? 3. 


1912. 


wenigen Tagen von Flagellaten vernichtet werden. Von Wert ist nur 
frisch gekochtes Wasser, das nicht länger als 24 Stunden und zwar 
in reinen Gefässen aufbewart wird. Geschieht das nicht, dann läuft 
man Gefahr infiziert zu werden, trotzdem dass das Wasser ge¬ 
kocht ist. 

Im Grossen und Ganzen sind die Ansichten aber jetzt so weit 
geklärt und so weit gesichert, dass die chemischen, biologischen, 
technischen Uebertreibungen auf ihr richtiges Mass zurückgeführt 
sind; jetzt ist eine einheitliche vorbeugende gesetzliche Lösung der 
Wasserfrage möglich und erwünscht. Diese Anschauung muss aber 
bei uns erst noch Bürgerrecht erlangen. 

Auf Grund alles gesagten, können wir den Schluss ziehen, dass 
das Auffinden des B. Coli nicht als a 11 e i n i g e r I n d i k a t o r an- ; 
esehen werden kann, bei der Beurteilung eines gesundlichen j 
rinkwassers. In der Aetiologie des Typhus spielen noch sehr viele | 
unaufgeklärte Momente mit und das Faktum, dass Typhusendemien 
in St. Petersburg nicht beständig, sondern periodenweise auftreten, 
beweist, dass das Wasser der Newa nicht allein die Ursache ist. 
Galt doch vor 30—40 Jahren das Newawasser als so gut, dass hoch- 
gestellte Personen sich dasselbe täglich ins Ausland schicken Hessen 
und war etwa das Abwasser damals weniger gesundheitswidrig? 

Kontaktinfektion bei der Verbreitung des Typhus spielt 
eine her vor rag ende Rolle. Vermittelung durch infizierte Finger bei 
Bazillenträgern darf nie aus dem Auge gelassen werden. Bekannt 
ist die Verbreitung einer Typhusepidemie durch Milch in der Nähe 
von Fulda. Als man auf der Molkerei alle Angestellten bakteriolo¬ 
gisch untersuchte, so erwies sich ein Melker als Bazillusträger. Die 
Typhusepidemie hörte sofort auf, als der Melker entlassen wurde. 

5 Jahre später verbreitete diese Molkerei wiederum Typhus und als 
alle Angestellten untersucht wurden, erwies sich der entlassene 
Melker wieder in Funktion und bei der Untersuchung war er noch 
immer Bazillenträger. 

ln dieser Beziehung ist auch folgender Fall interessant. Ein 
Haus in Göttingen stand im Rufe ein Typhushaus zu sein, weil viele 
Einwohner desselben und die Nachbarn an Typhus erkrankten. Eines 
Tages wurden bei allen Insassen dieses Hauses bakteriologisch die 
Exkremente untersucht und es erwies sich, dass die 70-jährige Be¬ 
sitzerin des Hauses Bazillenträgerin war; vor 30 Jahren hatte sie den 
Typhus durchgemacht. Die alte Frau handelte mit Gemüse und mit 
unreinen Händen wurde dasselbe verkauft. 

In München liegen in der Typhusabteilung 40°/o Stubenmägde aus ' 
Hotels und Pensionen, die da die Geschirre reinigen; also wieder ein 
Beweis für Kontaktinfektion durch Bazillenträger. Das einzige i 
Mittel gegen Verbreitung des Typhus durch Kontakt ist somit Erzie- ; 
hung zur Reinlichkeit: Klosetpapier und Wasch ' 
zeug in der Nähe der Aborte! 1 

Auf Grund alles angeführten werfen wir die Frage auf, wie 
könnte man schnell und billig gesundes, schmack¬ 
haftes Wasser in grosser Menge für St. Petersburg 
schaffen? 

Die praktische Lösung wäre: Verlängerug des Saug¬ 
rohres auf einige Werst aufwärts und durch Errichtung 
von amerikanischen Schnellfiltern, die man neben den 
bestehenden englischen in 6 Mouaten errichten könnte für den Preis 
von za. 800 Tausend Rubel. 

Die Leitung des Ladogawassers ist auf 30 Mill. Rbl. berechnet 
und könnte vor 3—4 Jahren nicht fertig gestellt werden. Ausserdem 
erhält das Wasser im Ladogasee von den umliegenden Morästen sein 
Wasser, ist somit sehr huminreich und die Ansiedelung um den See 
nimmt rasch zu, somit auch die Verunreinigung des Wassers. 

Das Quellgebiet auf dem silurischen Plateau von Gatschina- 
Taitzy könnte natürlich das beste Wasser liefern, es fragt sich 
nur, ob die Quellen genug Wasser liefern könnten, denn St. Peters¬ 
burg braucht za. 30 Mill. Eimer täglich. Der Ingenieur A 11 u c h o w 
sieht in diesem Fall sehr optimistisch. Wir wissen aber, dass Zars¬ 
koje-Selo, welches sein schönes Wasser aus dieser Gegend bezieht, 
durchschnittl. alle 9 Jahre an Wassermangel leidet; so war im Jahre 1903 
die Wassermenge gerade im Sommer von 1200,000 Eimern auf 600 
Tausend gefallen. Die reichen Bevölkerungsschichten Petersburgs 
mögen sich den Luxus dieses köstlichen Wassers gestatten und eine 
separate Leitung bezahlen, aber für die übrige Bevölkerung ist eine 
billigere und sichere Wasserversorgung notwendig. 

DasBessere ist immer ein Feind des guten, daher entschliesst 
man sich so schwer für die Verwertung des Newawassers als ge- 
sundliches Wasser. Da die Abwässer von St. Petersburg sich in die 
Newa ergiessen, aber meist in den oberen Schichten fortfliessen, so 
wird das Saugrohr nicht direkt betroffen. Natürlich muss das Abwasser 
unterhalb des Saugrohrs angelegt sein. Ausserdem ist mit Sicher¬ 
heit anzunehmen, dass bei strenger Hauskontrolle Abwässer nicht in 
konzentrierter Form aus dem Kollektor sich in die Newa ergiessen 
werden. Die Wohnungsfrage steht ja jetzt im Zentrum aller hy¬ 
gienischen Fragen. 

Das grosse Interesse für Sanitäts-Fiagen wird schliesslich den 
Einwohner bald zur individuellen Reinlichkeit erziehen, 
dann wird auch das schnellfliessende Newawasser wieder rein werden 
und sein altes Renomee zurück erhalten. Kommen dazwischen doch 
noch in geringer Menge pathogene Stoffe ins Trinkwasser, so müssen 
wir nicht vergessen, dass der menschliche Organismus selbst auch 
nicht schutzlos ist. 

Nützlich ist es sich zu erinnern, dass wir über die Entstehung 
von Epidemien noch sehr wenig wissen. Die Epidemien sind wie , 


.das Mädchen aus der Fremde 1 ', sie kommt und geht und wir 
wissen nicht woher und wohin. 

Benutzte Literatur: 1) Handbuch der Hygiene II. Bd.. 
2. Abt. Wasser und Abwasser, 1911. 2) Experimentelle Bakteriologie 
und die Infektionsmomentc. Ko Ile und H e t s c h. Bd. I, Auflage 3. 
3) Lehrbuch der Milittrhygiene, II. B., 1911. 4) Blätter 
für Volksgesundheitspflege, IV. Jahrgang, 1904. H neppe. Ueber 
Trinkwassertheorie und Wasserbeurteilung. 


Bücherbesprechungen. 

Weichardt. Jahresbericht über die Ergebnisse der 
Immunitätsforschung, VI. Band pro 1910. Abt. I, 
307 Seiten, Mk. 10; Abt. II, XIX+668 Seiten, 
Mk. 21,60, gr. 8°. Stuttgart 1911, Verlag von 
Ferdinand Enke. Ref. Dr. A. Wladimirow. 

Der Jahresbericht ist wiederum mit bewunderungs¬ 
würdiger Pünktlichkeit erschienen, knapp 5 Monate nach 
Beendigung der Berichtsperiode. Die mit dem V. Bande 
eingeführte Einteilung und Bearbeitungsmethode des 
Materials hat sich auf das Beste bewährt und ist daher 
für den vorliegenden Bericht beibehalten worden. Dem¬ 
nach enthält die I. Abteilung unter dem Titel „Ergeb¬ 
nisse der Immunitätsforschung“ wiederum eine Reihe 
von Sammelreferaten aus der Feder berufener Spezia¬ 
listen und zwar: „Lehrmeinungen von Vorläufern der 
Immunitätsforschung und deren Beziehung zu modernen 
Anschauungen“ von dem Herausgeber W. Weihardt 
selbst, „Über Bakterien Endotoxine und ihre Antikörker“ 
von R. Pfeiffer, „Anaphylaxie“ von U. Friedemann, 
„Über Anaphylaxie vom Standpunkt der pathologischen 
Physiologie und der Klinik“ von A. Schittenhelm, 
„Wirken Lipoide als Antigene“ von K. Ländsteiner, 
„Kritische Darstellung der Forschung der übertragbaren 
Genickstarre in Beziehung zur Immunität“ von Georg 
Mayer. Die II. Abteilung, der eigentliche „Bericht 
über das Jahr 1910“ beginnt, wie bisher, mit einer 
kurzen Übersicht vom Herausgeber, welcher mit meister¬ 
hafter Knappheit das Berichtsjahr, sowohl in seiner All¬ 
gemeinheit, als auch in den besonders hervorragenden 
speziellen Fragen der Immunitätsforschung zu charakteri¬ 
sieren weiss. Hierauf folgt, nach dem Alphabet der 
Autorennamen geordnet, das eigentliche Berichtsmaterial, 
wobei zu bemerken ist, dass die Zahl der Referate, gegen¬ 
über den blossen Abhandlungszitaten beständig wächst. 
Das Sachregister, der Schlüssel zum Gebrauche des 
Werkes, ist mit steigender Sorgfalt und Ausführlichkeit 
bearbeitet. 

Das Verdiest Weichardts einen der modernen 
Anforderungen entsprechenden Jahresbericht über die 
Ergebnisse der Immunitätsforschung geschaffen zu haben— 
hat in der ganzen Welt volle Anerkennung gefunden, 
wofür als beredter Ausdruck gelten darf, dass eine 
grosse Reihe hervorragender Fachmänner aus allen 
Kulturländern seinem Werke ihre ständige Mitarbeiter¬ 
schaft zugesichert hat. 

Prof. J. Boas. Diagnostik und Therapie der Magen¬ 
krankheiten. 6. völlig umgearbeitete Auflage. Mit 
62 Textabbildungen und 6 farbigen Tafeln. Leipzig 
1911. Verlag von G. Thieme. VIII4-679 Seiten. 
Ref. Dr. F. Dörbeck. % 

Die neue Auflage hat wesentliche Änderungen in In¬ 
halt und Form aufzuweisen. Während die früheren Auf¬ 
lagen in 2 getrennten Bänden erschienen, hat der Ver¬ 
fasser es für zweckmässiger gehalten, das Buch jetzt in 
einem Bande herauszugeben. Der Umfang des Werkes 
ist von 800 auf 679 Seiten reduziert, was dadurch be¬ 
werkstelligt wurde, dass die einleitenden Kapitel über 
Anatomie und Physiologie des Magens weggelassen und 
auch sonst manche Abänderungen und Kürzungen vor¬ 
genommen wurden. Vollkommen neu bearbeitet er¬ 
scheinen die Kapitel über Gastroskopie, Röntgenunter¬ 
suchung und die Lehre von den okkulten Blutungen, 
während die Abschnitte über Chemie des Mageninhalts 


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41. 


und Diätetik manigfach ergänzt und erweitert sind. , 
Die Ergebnisse der neueren Forschungen auf dem Ge- ! 
biete der Physiologie und Pathologie des Magens haben 
durchweg eingehende Berücksichtigung und dank der 
reichen klinischen Erfahrung des Verfassers kritische 
Bewertung gefunden. Wir sind Überzeugt, dass das 
Buch auch in der neuen Form dieselbe Anerkennung 
und Wertschätzung finden wird, wie die früheren 
Auflagen. 

Handbuch der gesamten Therapie. In 7 
Bänden, herausgegeben von Prof. Dr. F. P e n z o 1 d t 
und Prof. Dr. R. Stintzing. 4. umgearbeitete j 
Auflage. 22. Lieferung. Verlag von G. Fischer, 
Jena 1911. Ref. Dr. F. Dörbeck. 

Die vorliegende Lieferung enthält die Fortsetzung 
der „Behandlung der Geburt und ihrer Störungen“ von 
Prof. K. Franz, die Behandlung der Frauenkrank¬ 
heiten von Prof. B. K r ö n i g, die Behandlung der Ent¬ 
wickelungsstörungen der weiblichen Geschlechtsorgane 
von Prof. P h. Jung, die Behandlung der entzündlichen 
Krankheiten der weiblichen Geschlechtsorgane von Prok 
A. D öd e r 1 e i n und den ersten Abschnitt der Behand¬ 
lung der funktionellen Störungen der weiblichen Ge¬ 
schlechtsorgane von Prof. K. Baisch. 

J. K. P r o k s c h. Paracelsus als medizinischer Schrift¬ 
steller. Eine Studie. Wien und Leipzig. Verlag 
von Jos. Safär. 1911. 86. Seiten. Preis M. 2,50. 
Ref. Fr. Dörbeck. 

In dieser kurzgefassten Abhandlung versucht Proksch 
die Bedeutung des Paracelsus für die Medizinische 
Wissenschaft möglichst objektiv klarzulegen und sowohl 
das überschwängliche Lob, das diesem hervorragendem 
Manne besonders in der letzten Zeit gezollt wird, als 
den unverdienten Tadel, den er von jeher hat erfahren 
müssen, auf das richtige Mass zurückzuführen. Wenn 
von irgendeinem Grossen* so gilt von Paracelsus das 
Wort Schillers: „von der Parteien Gunst und Hass ver¬ 
wirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ 
Daher ist jeder Beitrag, der zur Klärung dieser für die 
Entwickelung der Medizin bedeutungsvollen Persönlichkeit 
dient, freudig zu begrüssen, und zwar um so mehr, 
wenn er aus der Feder eines solchen Kenners der Ge¬ 
schichte der Medizin und eines so objektiven Forschers 
kommt wie es Proksch ist. Indem Proksch den 
Mystizismus des Paracelsus, seinen Hang zur Astrologie 
uud den hieraus entstehenden Auswüchsen des Aber¬ 
glaubens anerkennt, weist er darauf hin, dass ihm dies 
nicht zum Vorwurf gemacht werden kann, sondern im 
Gegenteil hierdurch seine Leistungen um so merkwürdiger 
und grösser erscheinen. Ferner hebt er die Verdienste 
des Paracelsus hervor um den Ausbau der Dermatologie, 
der Pathologie der Syphilis, der Lithiasis, der Hysterie, l 
der Chorea und des Kretinismus. Er weist auf das hu- | 
mane Verhalten des Paracelsus gegenüber den Kranken, j 
namentlich gegenüber den Geisteskranken hin und schildert i. 
seine Verdienste um die medizinische Chemie. Die 
kleine Schrift ist leicht und angenehm zu lesen und ! 
kann jedem zur Lektüre empfohlen werden, der sich 
für die Entstehungsgeschichte unserer Wissenschaft in- ! 
teressiert. | 

A. Pappenheim. Technik der klinischen Blutunter¬ 
suchung für Studierende u. Aerzte. Berlin. Springer 
1911. Preis 2 M. 55 Seiten. Ref. Dr. O. Moritz. 

Anschliessend an die Technik der praktisch wichtig¬ 
sten Untersuchungsmethoden werden die normalen Ver¬ 
hältnisse der Blutmorphologie u. die pathologischen Ab¬ 
weichungen davon besprochen. Zum Verständnis des 
Textes ist die Benutzung eines hämatologischen Bilder¬ 
werkes nicht nur „wünschenswert“ wie P. schreibt, son¬ 
dern ganz unerlässlich. Es scheint mir sogar, dass, soweit j 
die Lymphozyten in Betracht kommen, nur die Pappen- t 
heim-Ferrata’schen Tafeln benutzt werden können, da 


die verschiedenen Hämatologen leider bekanntlich in 
dieser Frage noch nicht ganz einer Ansicht sind und 
die Nomenklatur wechselt. Grawitz berücksichtigte frei¬ 
lich in der letzten Auflage seines Lehrbuches auch schon 
die Pappenheim’sche Nomenklatur, doch gibt er nur 
wenig Abbildungen. 

Die Broschüre ist eine Sonderausgabe eines Kapitels 
aus Carl Neuberg’s „Handbuch der Ausscheidungen 
und Körperflüssigkeiten.“ 

Tabakologia medicinalis. Literarische Studie über den 
Tabak in medizinischer Beziehung. Von Oberarzt 
Dr. J. Bressler. Halle a. S., Carl Marhold, 
Verlagsbuchhandlung, 1911. 75Seiten. Preis 1,50M. 
Ref. Dr. A. Sacher. 

Vorliegende Schrift bildet das erste Heft einer um¬ 
fangreichen Studie über den Tabak in medizinischer 
Beziehung. Es handelt sich bei derselben nicht um 
einen einseitigen Kampf gegen den Tabak, sondern um 
eine unparteiische, unvoreingenommene Darlegung der 
Schäden, die ein fortgesetzter Tabakmissbrauch der Ge¬ 
sundheit zufügt. Diese Schäden können sich auf die 
verschiedensten Organe erstrecken. Demgemäss sind 
die Erfahrungen und Ansichten der verschiedensten 
Spezialärzte in dieser Schrift gesammelt und berück¬ 
sichtigt. Das Buch wird allen Interessenten sehr will¬ 
kommen sein. 

Die Ohrenheilkunde des praktischen Arztes. Von Dr. 
Wilhelm Hasslauer. Mit 124 Abbildungen im 
Text. München, J. F. Lehmanns Verlag, 1911. 
Preis M. 8. Ref. Dr. A. Sacher. 

Trotz des grossen Aufschwunges der Ohrenheilkunde 
in den letzten zwei Jahrzehnten ist auch heute noch der 
praktische Arzt auf dem platten Land ausschliesslich auf 
sich selbst angewiesen und muss seiner Klientel auch 
auf diesem Gebiete Aufschluss und Hilfe zu geben ver¬ 
stehen. Dort giebt es eben keine Spezialisten, an die 
er seine Ohrenkranke überweisen könnte, und er muss 
selbständig eingreifen. Dazu gehören aber gewisse 
Kenntnisse, die das vorliegende Buch dem praktischen Arzte 
zu geben bestrebt ist. Dementsprechend findet in diesem 
Buche eine eingehende Besprechung nur das, war für 
den allgemein ausgebildeten Arzt wissenswert erscheint, 
was er wissen muss, um eine sachgemässe Behandlung 
durchführen zu können und den ihm anvertrauten Kran¬ 
ken von einem bleibenden Schaden bewahren zu können. 
Bei dem engen Zusammenhänge der Ohrenleiden mit 
den Nasen- und Rachenkrankheiten mussten auch 
diese berücksichtigt werden. Die Untersuchungsmethoden, 
Diagnose und Therapie sind überall recht ausführlich 
besprochen und durch zahlreiche Abbildungen illustriert. 
Die Darstellung ist leicht fasslich und sehr sachlich. 
Es erscheint daher das vorliegende, etwa 400 Seiten 
starke Werk als eine wertvolle Ergänzung der otiatrischen 
Lehrbücher, das dem angehenden und praktischen Arzte 
nur bestens empfohlen werden kann. 

Werner Spalteholz. Über das Durchsichtigmachen 
von menschlichen und tierischen Präparaten nebst 
Anhang über Knochenfärbung. Leipzig, Verlag 
von S. Hirzel. 1911. Ladenpreis Mk. 1. Ref. 
Dr. V. Schmidt. 

In der vorliegenden Abhandlung berichtet Spalteholz 
über seine mühevollen, über Jahre sich erstreckenden, 
mit grossei Energie zielbewusst fortgeführten Versuche, 
welche schliesslich auch die Resultate ergeben haben, 
die in der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 
1911 mit vollem Recht bewundert worden sind. Die von 
Spalteholz ausgearbeitete Methode des Durchsichtig- 
machens von Präparaten ist nur in einem wohleinge¬ 
richteten Laboratorium ausführbar und erfordert viel 
Geduld, Übung und Mühe. Das ganze Verfahren ver¬ 
läuft in folgenden Phasen: Fixieren des Objektes, 
ev. Entkalken, Bleichen, sehr gut wässern, entwässern 


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42 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Xi> 3. 


1912. 


in steigendem Alkohol bis zu 100°, übertragen in 
Benzol, einlegen in die Endflüssigkeit, welche aus 
einem Gemisch von Wintergrünöl mit Benzylbenzoat 
oder Isosafrol in wechselndem Verhältnis je nach dem 
Brechungsindex der zu untersuchenden Gewebe besteht 
und schliesslich evakuieren des Benzols und der Luft. 

Im Anhänge bespricht Spalte holz eine Methode 
der Färbung des Knochensystems ohne weitere Differen¬ 
zierung mit sauren Alizarinlösungen, welche nach seiner 
Angabe „sich mit Erfolg nicht nur bei embryonalem 
tierischem und menschlichem Material zum Studium der 
Knochenentwickelung anwenden lassen, sondern auch 
bei erwachsenen Tieren zur Darstellung der Lagebe¬ 
ziehungen der Knochen zu ihrer Umgebung und bei 
menschlichen kindlichen und erwachsenen Knochen zur 
Demonsration des Wachstums der Kerne und des Ver¬ 
hältnisses zwischen Knochensubstanz und Knorpel bzw. 
Bindegewebe.“ 

Handbuch der Entwickelungsgeschichte des Menschen, 
herausgegeben von Franz Keibel und Franklin 
P. Mall. Zweiter Band mit 658 Abbildungen. 
Leipzig. Verlag von S. Hirzel 1911. Ladenpreis 
geheftet Mk. 56., gebunden Mk. 59. Ref. Dr. 

V. Schmidt. 

Es liegt nunmehr der zweite Band des grossartig an¬ 
gelegten und in würdiger Weise herausgegebenen funda¬ 
mentalen Werkes vor. Der stattliche, über 1000 Seiten 
umfassende Band behandelt in Kapitel 14—19 die Ent¬ 
wickelung des Nervensystems, der chromaffinen Organe 
und der Nebennieren, der Sinnesorgane, des Darmes 
und der Atmungsorgane, des Blutes, des Gefässsystems 
und der Milz, der Ham und Geschlechtsorgane. Im 
letzten 20-sten Kapitel schildert F. Keibel „das Inein¬ 
andergreifen der verschiedenen Entwickelungsvorgänge“. 
Wie in dem ersten Bande, so sind auch im zweiten in 
den einzelnen Kapiteln die Forschungsergebnisse in 
äusserst vollständiger Weise widergegeben, infolge des¬ 
sen tatsächlich, dank der Mühen gewiegter Forscher, ein 
Werk von unschätzbarem Wert geschaffen worden ist, 
das die Entwickelungsgeschichte des Menschen in hohem 
Grade zu fördern geeignet ist. 

Hervorzuheben ist die ausgezeichnete Ausstattung 
des Werkes, der schöne, deutliche Druck und die pracht¬ 
volle Wiedergabe der Abbildungen. j 

H. Obersteiner. Anleitung beim Studium des Baues j 
der nervösen Zentralorgane im gesunden und 
kranken Zustande. Fünfte vermehrte und umge¬ 
arbeitete Auflage. Leipzig und Wien, Franz Deu- 
ticke. 1912. Ref. Dr. V. Schmidt. 

Vor 25 Jahren erschien die erste Auflage dieses in 
weitesten Kreisen rühmlich bekannten Werkes; schritt¬ 
haltend mit den neuesten Errungenschaften der Wissen¬ 
schaft, hat der Verfasser stets sein Ziel vor den Augen 
gehabt, dem Studierenden einen treuen und verlässlichen 
Führer an die Hand zu geben. Es braucht wohl nicht 
besonders hervorgehoben zu werden, dass dieses Ziel j 
glänzend von dem Verfasser erreicht worden ist. Dieses 
bekundet auch die vorliegende 5-te Auflage des Buches, 
das aus einem relativ kleinen Bande der ersten Auflage 
zu einem stattlichen Werke herangewachsen ist und 
nach wie vor dem Lernenden ein sicherer Führer in 
dem schwierigen Gebiet des Baues der nervösen Zentral¬ 
organe sein wird. Die Ausstattung des Buches ist gut. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Reval. 

(Auszug aus d. Protokoll). 

Sitzung vom 7/11 1911 *). 

P. 4. Wistilnghausen und Armsen referieren über einen Fall 
von Milzbrand: Ein 45 jähriger Arbeiter, der vor 12 Tagen mit 
Fellen zu tun gehabt hatte, war 2 Tage, bevor Ref. ihn sahen, er- 


*) Dieses Protokoll ist versehentlich aus der Reihe gekommen. 

Die Red. 


krankt. Er hatte eine starke Schwellung am Halse, die .die Atmung 
behinderte, in der Mitte der Schwellung befand sich ein Geschwür, 
umgeben von kleinen Bläschen mit hellgelben Inhalt. Er wurde 
tracheotomiert, Anaesthet. Zonen waren nicht nachweisbar. Am 
2 Tage traten Krämpfe auf und am Abend erfolgte der exitus letalis. 

Diskussion. 

H. Hoff mann hat in Dorpat Anthrax gesehen, der mit Karbolin- 
jektionen behandelt wurde und günstig auslief. 

Schroeder hat von Bier’scher Stauung nutzbringende Anwen¬ 
dung erlebt. 

Greiffenhagen und Knüpffer haben ohne jegliche Behandlung 
Milzbrandfälle ausheilen gesehen. 

P. 5. Dehn : Zur Pathologie, Diagnose und The¬ 
rapie des Karzinoms (erscheint im Druck). 

Diskussion. 

Meder nach einer neueren Hypothese sei das K. eine Erschei¬ 
nung des alternden Gewebes, daher wäre es verständlich, wenn meist 
ältere Leute an K. erkranken. Erkranke mal ein jüngerer Mensch so 
beträfe es ein stellweise schwächer entwickeltes Gewebe in seinem 
Organismus. 

Dehn gibt zu, dass das K. eine Alterserscheinung sei, doch 
wächst es gerade auf dem starken Gewebe aus, denn das Epithel zeige 
ja gerade die geringsten Alterserscheinungen, es bleibe erhalten, 
während das Bindegewebe schrumpfe. 

Haller fragt, ob einer der Kollegen ein wirklich ausgeheiltes 
Karzinom gesehen habe. 

Greiffenhagen hat 2 Fälle von Scirrh. der Mamma gesehen die 
mit zunehmendem Alter schrumpften. Die eine Pat. trug 4 Jahre 
lang ihren Scirrhus, die andere 10 Jahre, letztere starb an einer inter¬ 
kurrenten Krankheit. 

Wistinghausen fragt wodurch es zu erklären sei, dass die Rönt¬ 
genstrahlen sowohl Karz. heilend als befördernd wirken können. 

Dehn glaubt die Heilung durch Röntgenstrahlen auf die elektive 
Wirkung der Strahlen auf schnellwachsendes Gewebe zurückführen zu 
müssen, wobei das Epithel stärker betroffen werde als das Bindege¬ 
webe, welches nur zu entg. Reaktion angeregt würde und dem 
Fortschreiten des K. ein Hindernis biete. Komme es aber durch zu 
starke Bestrahlung zu einem Ulkus, so sei auch das Bindegewebe in 
seinem Wachstum beeinträchtigt worden. — Experimentell sei die Frage 
noch unerforscht. 

Greiffenhagen: Ausserdem chir. Eingreifen sei jede Therapie 
erfolglos. Interessant wären die Versuche Czernys im Heidelberger 
Samariterhause. Radium und Röntgenstrahlen böten noch die besten 
Erfolge, aber eigentlich auch nur bei Hautkarzinom. Die Versuche 
mit der Toxinbehandlung (Antimeristem) seien sämtlich fehlgeschla¬ 
gen. Arsenpräparate beeinflussten auf kurze Zeit äussere Geschwülste 
ünstig und wären daher allenfalls eine Hilfe für den Chirurgen, 
efinitve Heilung brächten auch sie nicht. Czerny proponiert die billigen 
Kreuznacher Radiolpräparate in verzweifelten Fällen anzuwendeü. 
Grosses Aufsehen erregten die Sticker’schen Ausführungen auf dem 
letzten internationalen Chirurgenkongress über die Erzeugung von 
sog. Mutationsgeschwülsten: durch Implantation eines menschlichen 
Spindelzellensarkoms in eine Hündin wurde ein Adenokarzinom er¬ 
zielt. Für die Entstehung des K. durch Implantation und Irritation 
spräche auch die Beobachtung der sog. Paraffinome. 

H. Hoffmann hat ein K. Fall fulgurieren lassen, erfolglos; 
aetiologisch wäre noch das Trauma zu nennen, er hat einen Fall 
gesehen, wo an der geschädigten Stelle ein Sarkom entstand. 

L. Kügeigen erinnert daran, dassHaematome für Krebsentstehung 
verantwortlich gemacht wurden, ihm sei ein diesbezüglicher Fall 
bekannt. 

Dehn (Schlusswort): Nach einmaligem Trauma entstände wohl 
seltener K., als nach mehrfachen Insulten, strikt bewiesen sei 
jedoch das Trauma als aetiologisch. Moment noch nicht. Die Fulgu- 
ration soll ähnlich wirken wie die Röntgenstrahlen und wären letztere 
bei der K. Behandlung nicht ausser Acht zu lassen, da sie, wenn 
auch noch nicht bewiesener Massen eine heilende, so doch bei ino- 
perabelen Fällen eine fraglos schmerzlindernde Wirkung ausübten. 

P. 6. H. Hoffmann referiert über 2 Fälle von üzaena, die 
er nach Entfernung der Borken längere Zeit hindurch mit günstigem 
Erfolge mit V 2 — 1 m%. Protargolzerstäubung behandelt hat. Als 
Nachbehandlung Hess er mit Sodalösung spülen. 

Diskussion. 

Greiffenhagen betont, dass die Hauptsache die langandauemde 
Behandlung sei, es wäre möglich, dass das Protargol schneller wirke, 
als andere Mittel, doch bleibe auch hier die Schleimhaut atrophisch. 

P. 7. Greiffenhagen demonstriert 2 Präparate von Meckel- 
schem Divertikel und berichtet über die Krankengeschichten: 

Fall I. — 10 jähriges Mädchen macht eine Intervalloperatlon wegen 
Appendizitisrezidiv durch; glatter Wund- und Krankheitsverlauf. Am 
5. Tage p. Operationen Erscheinungen von innerem Darmverschluss. 
Die Laparotomie deckt ein eingeklemmtes Meckel’sches Divertikel 
auf. Resektion. Glatte Heilung. 

Fall II. 54 jähriger Mann mit grosser, linksseitiger inkarz. 
Skrotalhernie. Nach Lösung der inkarz. Dünndarmschlinge und 
Hervorziehen der im Bauch befindlichen zu- und abführenden Schlinge, 
findet sich an letzterer ein aussergewöhnlich grosses (c. 12 ctm. 
langes) an seinem blinden Ende traubenförmig ausgestülptes Diver¬ 
tikel. Resektion. Glatte Heilung. (Selbstbericht). 


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Original from 

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1912. 


43. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 3. 


Sitzung vom 21 Fexruar 1911. 

(Fortsetzung). 

Knüpft er erkundigt sich danach, wie es mit den Dauerresultaten 
bei der Behandlung der knöchernen Kiefersperre mit eingepflanzten I 
Weichteillappen bestellt sei. | 

Greiffenhagen. Alle Versuche der Behandlung der arthrogenen I 
Kiefersperre mit fremdartigem Material sind missglückt. 

Blacher fragt, ob . beim Modellieren der Knochenenden eine 
Verkürzung eintrat. 

Greiffenhagen. Die Verkürzung betrug höchstens 1 cm. 

Wistinghausen meint, dass in vorgestelltem Fall am linken Arm 
Ankylose eintreten werde, der Lappen werde auseitern, dafür spreche 
die Fistel, aus der sich serös-eitriges Sekret entleere. Seiner Ansicht 
noch hätten die Fascienlappen den Vorteil, dass sie, infolge ihrer 
Stielung besser ernährt würden. 

Greiffenhagen erkennt die Vorzüge gestielter Lappen an, 
bisher habe man aber meist freie Faszienlappen verwandt. 

Diskussion (Graser’sehe Nahtmethode.) 

Wistinghausen kann sich aus theoretischen Erwägungen picht 
recht der Ansicht anschliessen, dass der Magen durch die Graser’sche 
Klemme wirklich sicher abgesperrt werde. 

Knü p ff er wünscht näheres über die Wirkungsweise der verschie¬ 
denen Magensperrzangen zu erfahren. 

Greiffenhagen: Der Tribe zerquetscht das Gewebe, dadurch 
tritt schnelle Verklebung ein, die Serosa bleibt heil. Das wichtigste 
ist, dass während der Operation kein Tropfen Mageninhalt austreten 
kann, ferner lässt sich bei der Graser’schen Zange die Naht sehr 
schnell anlegen. 

H. Hoff mann erwähnt als Vorzug der Graser’schen Zange den 
Umstand, dass die Nahtschnur auf der Stelle liegt, wo der Magen 
durchquetscht worden und dass nur die Serosa genäht wird. 

Diskussion (Chirurgie des Kolon.) 

Wistinghausen bespricht die für die Entstehung der Zoekal- 
drehung wichtigen Momente. Das erste ist in eigem Fehlen des 
Mesenterium ilio-coecale commune zu suchen. Dieses allein als Ur¬ 
sache anzunehmen genügt nicht, es gehören noch weitere spezielle 
Momente dazu, wieueberfüllung und Narbenzug am Zoekum. Schliess¬ 
lich scheint die durch die aufrechte Haltung des menschlichen 
Körpers bedingte Stellung des Zoekums das gewissermassen hängt, 
nicht ohne Bedeutung zu sein. Zur Entstehung einer Zoekaldrehung 
bedarf es offenbar des Zusammenwirkens mehrerer Momente. Gleich¬ 
zeitig demonstriert W. die Abbildung eines von ihm operierten Falles 
von Zoekal-Drehung; als Aetiologie diente hier ein zwischen Zoekum 
und Kolon ascendens verlaufender Strang. Die Drehung betraf hier 
streng genommen nicht das Zoekum allein, sondern auch das Kolon 
ascendens. 

Greiffenhagen: Fälle reiner Zoekal-Drehung sind äusserst selten, 
bei Narbenzug und etwas beweglicherem, mit längerem Mesenterium 
versehenem Kolon, folgt auch dieses. — 

Haller fragt, ob die vom Vortragenden etwähnten 5 Fälle von 
Tbk. des Kolon alle wegen Passagehindernis operiert worden seien. 
Ferner, ob auch an anderen Darmabschnitten tuberkulöse Ulzera vor¬ 
handen waren und wie diese auf den operativen Eingriff am Zoekum ! 
reagierten. j 

Greiffenhagen: Nur ein Fall kam mit vollen Ileuserscheinungen I 
ein, 2 weitere mit relativen. Heilung ist auch allein durch unilate- 
raL Darmausschaltung zu erzielen; Tumor und Drüsen bleiben liegen. 

Es gibt zweifellos Fälle von isolierter Zoekum-Tubcrkulese. 

Haller: Eine Entfernung der tbk. erkrankten Drüsen erscheint 
nicht nötig, mit Tuberkulin lassen sich gute Resultate erzielen. 

Wistinghausen hat eine lokale lleo-Zoekal Tbk. operiert (Re¬ 
sektion), Glatte Heilung. Nach 1 Jahr entwickelte sich eine allge¬ 
meine Tbk. Es ist zu betonen, dass Spontanheilung vorkommt. 

Weiss fragt ob bei der Tbk. des Zoekum die Drüsen oder der 
Darm das primär erkrankte sind. 

Greiffenhagen hält die Darmerkrankung für das primäre. 

Haller hält dem eben geäusserten entgegen, dass gar nicht selten 
bei massenhaft tbk. erkrankten Mesenterialdrüsen der Darm völlig 
intakt sei, gerade solche Fälle wären für die Tuberkulinbehandlung 
ein dankbares Feld. 

Wistinghausen kennt aus eigener Erfahrung Fälle mit erkranktem 
Darm und ganz vereinzelten Drüsen, andererseits fanden sich in 
einem Fall einzelne grosse verkäste Drüsen bei intaktem Darm. 

Haller Die Tbk. Bazillen können den Darm passieren, ohne 
dort lokale Erscheinungen zu machen und sich in den Mesenterial¬ 
drüsen festsetzen. Von hier aus kann denn die Tbk. auf Darm und 
Peritoneum übergreifen. 


Sitzung vom 7. Mfirz 1911. | 

P. 5. Schröter: U e b e r d i e K on ta gios i tä t der Masern i 
in den einzelnen Krankheitsstadien. ! 

Nach kurzer Uebersicht über den heutigen Stand der Ansichten 
von der Kontagiosität der Masern berichtet Vortragender über eine 
Masemepidemie, die er iru Winter 1908/09 im Kirchspiel Maholm zu 
beobachten Gelegenheit hatte, während welcher von einem Falle 
ausgehend 13 Personen in- Etappe.) an Masern erkrankten. Durch 
günstige Umstände war es möglich für jeden einzelnen Fall den 
Infektionstag festzustellen. Vortragender kommt auf Grund seiner Beob- ! 
achtungen zu folgenden Schlüssen: | 


1. Die Kontagiosität der Masern beginnt am Ende der Inkuba¬ 
tionsperiode und erlischt mit der Entfieberung am Ende des Eruptions¬ 
stadiums. 

2. Die Uebertragbarkeit durch gesunde dritte Personen ist mög¬ 
lich, wenn zwischen der Zusammenkunft mit dem Kranken und der 
Berührung des indirekt Infizierten eine kurze spanne Zeit — (im 
Beobachtungsfalle z. 10 Min.) liegen. 

3. Eine zweimalige Erkrankung an Masern ist möglich (3. Fälle 
eigener Beob.). 

4. Das Stadium der Rekonvaleszenz, resp. Entschuppung ist nicht 

kontagiös. (Selbstbericht.). 

Diskussion. 


Säugling. 


Friedenthal erkundigt sich nach dem Verlauf der Masern beim 


Schröter hat nach Koplik nicht gesucht, sonst bot der Fall 
keinerlei Abweichungen. Die einzige Komplikation war eine Doppel¬ 
seitige Dakryocystitis. 

Meder ersieht aus der vom Vortragenden beobachteten Epidemie, 
dass eigentlich kein Stadium vor Ansteckung schütze. Die Frage 
der Kontagiosität sei ja schon oft ventiliert worden, aber jeder Autor 
urteile subjektiv, keiner könne seine Meinung strikt beweisen, daher 
der häufige Wechsel in den Anschauungen. Erst wenn man die 
Keime der Morbilli wird kennen gelernt haben, wird man im Stande 
sein, genauer urteilen zu können, bis dahin halte man sich an die 
alte Regel, die Masern sind ansteckend, bis der Kranke abgebadet ist. 

Thomson fragt, ob einer der Kollegen noch isolieren lasse, er 
halte es für absolut zwecklos, auch die vom Publikum noch stets 
verlangte Desinfektion der Krankenräume sei überflüssig. Ihm sei es 
aufgefallen, dass jetzt Personen in späteren Jahren, d. h. über die 20, 
häufiger von Masern befallen würden, als früher. — 

Kusik hält ebenfalls eine Isolierung für unmöglich, da die Infek¬ 
tion zu früh erfolge. In den meisten Fällen holten sich die Kinder 
die Ansteckung aus der Schule und zwar befielen diejenigen Kinder, 
die neben den bereits infizierten gesessen, immer zuerst. Dass es ge¬ 
gen Masern eine Immunität gäbe sei bekannt, beispielsweise böten 
die Varizellen einen gewissen Schutz. 

Rennenkampf bestätigt die Erfahrung Kusiks, dass die Schule 
der gefährlichste Infektionsherd sei. Die Kinder der Kollegen z. B. 
erkrankten doch meist erst, sobald das Aelteste anfange die Schule zu 
besuchen, der Vater übertrage die Krankheit nie. Auch in der ambu¬ 
latorischen Klinik lasse sich ähnliches beobachten wie in der Schule, 
wo auch nur diejenigen befallen werden, 'die neben Masernkranken 
gesessen hätten. 

Schröter hat bestehende Epidemien immer erst dann einschrän¬ 
ken können, nachdem die Schulen geschlossen waren. 

P. 6. 1. Blacher: Ueber einen Fall von beidersei¬ 
tiger Nierenhypoplasie. Bei der Aufnahme ins Lazarett 
bestand bei einem 21 jährigen schlecht genährten Rekruten objektiv 
nur eine erhöhte Atemfrequenz (etwa 40 in der Min.), nachdem vor 
etwa 5 Tagen eine grippöse Erkrankung vorausgegangen war; am 
dritten Tage nach der Aufnahme setzte plötzlich ein in 12 Stunden 
tötlich verlaufendes Lungenödem ein. Die Sektion ergab eine Ver¬ 
kleinerung der Leber, Milz und der Nieren; letztere waren etwa um 
die Hälfte kleiner als normal und wiesen eine unregelmässige Struk¬ 
tur auf. Die in dem klinischen Bilde erwähnte Dyspnoe ist als eine 
uraemische aufzufassen und zwar waren für den Ausbruch der Uraemie 
zwei Faktore massgebend: die vorausgegangene Infektionskrankheit, 
welche eine erhöhte Inanspruchnahme der Nieren bewirkte und die Stra¬ 
pazen des Militärdienstes, die auf das ohnehin nicht sehr leistungs¬ 
fähige Herz ungünstig einwirken mussten (Demonstration der beiden 
hypoplasierten Nieren). (Selbstbericht.) 

2. Blacher demonstriert mikroskopische Präpa¬ 
rate von Malariaplasmodien, welche nach der sogenannten 
Tropfenmetode von Ross-Ruge angefertigt worden waren, wobei er, 
nach Erläuterung der Technik, auf die Vorteile dieser Metode, speziell 
zur Vornahme von systematischen Studien über Verbreitung von ein¬ 
heimischer Malaria, hinweist. (Selbstbericht.) 

Diskussion ad. I. Knüpffer wundert sich, dass das Herz 
keinerlei Veränderungen aufwies, man musste zum Mindesten eine 
Dilatation erwarten. 

Greiffenhagen glaubt annehmen zu dürfen, dass das normal¬ 
grosse Herz in vorliegendem Falle einer relativen Vergrösserung gleich¬ 
komme, da alle anderen Organe verkleinert gefunden wurden. 

Blacher ist bei der Sektion nicht zugegen gewesen und kann 
daher für die Richtigkeit des Herzbefundes keine Verantwortung 
übernehmen. 

ad. II. F r i e d e n t h a 1 ist es bekannt, dass in Riga die rote 
Düna als Malariagegend gilt, auch hier in Reval komme die Anophe¬ 
lesmücke vor. 

Rennenkampff, H. Hoffmann berichten, dass zur Zeit 
der Reinigung des Mühlenteiches in dieser Gegend Malaria aufzutre¬ 
ten pflegt. Ferner sind Fälle in Nehat in der Bucht (Wieck) beob¬ 
achtet worden. 

7. Mühlen demonstriert 2 Praeparate von Extra¬ 
uteringravidität und zwar bestehe das eine in einem periUr¬ 
baren Haematom nach abgelaufenem Tubarabort, während das Andere 
das ungeplatzte heile Ei mit noch erhaltenem Foetus (c. 6 Wochen alt) 
und beginnender Usur der äusseren Tubenwand darstelle, aus der es 
bereits recht bedrohlich geblutet hatte. Beide Patientinen wurden 
an einem Tage operiert und ist der postoper. Verlauf ein sehr guter. 


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1912. 


44. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 3. 


Sitzung vom 21. März 1911. 

P. 4. Seegrön: Ueber partus arte prämalurus. 

Diskussion: 

Mühlen: Bei der Wahl des Zeitpunktes für die künstliche Früh¬ 
geburt sind 2 Momente zu berücksichtigen: im Interesse des Kindes 
wird man den Zeitpunkt möglichst hinausschieben, im Interesse der 
Mutter dagegen noch Möglichkeit herunterdrücken. Der vom Vor¬ 
tragenden angegebene Zeitpunkt, die 34. Woche, schien doch etwas 
zu hoch gegriffen. In verzweifelten Fällen kann bereits in der 28. 
Woche die Frühgeburt eingeleitet werden, da Kinder von 1700 bis 
1800 g. unter Umständen zu erhalten sind. Als Methode sei durch¬ 
aus die vom Vortragenden empfohlene Metreuryse die beste und 
zuverlässigste. Bei der früher viel geübten Methode mit Bougies seien 
Versager ebenfalls selten, Wehen treten meist in 10—12 Stunden ein, , 
aber für die Praxis ist die Metreuryse unbedingt vorzuziehen. Die j 

Tamponade versagt fast ausnahmslos. Durchaus angezeigt, wäre es j 

mit dem in allerneuster Zeit als wehenerzeugendem Mittel empfoh- [ 
lenen Hypophysisextrakt (in Dosen von 0.6 ein bis mehreremal j 
subkutan) Versuche anzustellen, das bisher nur bei rechtzeitigen Ge- | 
bürten, zu Beginn derselben bei schwacher Wehentätigkeit, ange¬ 
wandt worden. : 

Meder hält die künstliche Frühgeburt für eine obsolete Operation, 
die in keinem Fall mit den chirurgischen Eingriffen konkurrieren 
könne. Von einer Berechtigung der künstlichen Frühgeburt könne j 

nur im Laufe der letzten 4 Schwangerschaftswochen die Rede sein, ! 

da die überwiegende Zahl der bei früherem Eingreifen lebend gebo- | 

renen Kinder, wenn auch nicht gleich nach der Geburt, so doch im | 

Laufe der ersten Monate zu Grunde gehe, es handele sich nur um j 

Scheinerfolge. Das Einleiten einer künstlichen Frühgeburt habe seiner j 

Ansicht nach stets in einer Klinik zu erfolgen. Die verschiedenen j 

Methoden, die zur Bestimmung der Kopfmasse angegeben werden, 
kranken alle an dem Mangel, dass sie ganz unzuverlässig seien, ferner 
daran, dass sie das Individuelle ganz vernachlässigen. 

Seegrön: In allen unseren Publikationen wird als geeignetester ! 
Zeitpunkt zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt die 34. Woche 

f enannt, da die Lebensaussichten für das Kind zu einem früheren ! 

ermin höchst ungünstig sind. Zuzugeben ist, dass die chirurgischen Ein¬ 
riffe bessere Resultate geben. In der Praxis sollte man die künstliche 
riihgeburt nurdenn einleiten, wenn die Mutter selbst dieses ausdrücklich 
wünscht. Die Mortalität der Kinder ist doch nicht derartig ungünstig, 
wie Meder es meint, sie beträgt nicht 50, sondern 37%. Zwei Fälle 
aus eigener Praxis, die im Hause behandelt wurden, sind für Mutter 
und Kind günstig verlaufen. ; 

Harms hat in 2 Fällen die künstliche Frühgeburt eingeleitet, ein¬ 
mal in der 33., das zweite Mal in der 29. Woche, beide verliefen 
durchaus gut. Methode Metreuryse, Ort, die Klinik. 

Haller der einige Zeit unter Leopold, einem Anhänger der künst¬ 
lichen Frühgeburt, gearbeitet hat, sieht den Grund zu dieser Stellungs- 
nahme Leopold’s darin, dass in Sachsen enge Becken sehr häufig 
sind, während solche hier zu Lande zu den Seltenheiten gehören. 

P. 5. Greiffenhagen referiert über 4 Fälle, in denen er wegen 
genuiner Jschias die unblutige Dehnung des N. Jschiadicus 
mit gutem Erfolg ausgeführt hat. Alle Kranken (im Alter von 39— 58 , 

Jahren) hatten vorher verschiedene Behandlungsmethoden, manche 
bzw. jahrelang erfolglos versucht. Greiffenhagen hat die Dehnung 
unter Lumbalanaesthesie (Tropacocain) nach vorausgeschickter Mor¬ 
phium-Skopolamininjektion ausgeftihrt und hält diese Methode für die 
schonendste und humanste. — 

Die Nachwirkungen der Rückenmarksanaesthesie bestanden nur in 
einem Falle (bei einem 58 jährigen Herren, der über 10 Jahre an 
Jschias litt und in derselben Sitzung eine Hernien-Radikaloperation 
nach Bassini durchmachte) in ziemlich lebhaften Kopfschmerzen, 
Blasentenesmen und Schwere im operierten Bein, welche c. eine 
Woche lang andauerten, in den übrigen Fällen klagten die Patienten 
am 1—2 Tage über benommenen Kopf und verloren schon 
nach wenigen Tagen ihre alten Jschiasschmerzen. - - 
Steifigkeit und Schwere im Bein (als Folgeerscheinung der Dehnung) 
hielten etwa 24— 48 Stunden lang an. 

In wieweit der Erfolg ein zufriedenstellender war, erhellt ans 
dem oben erwähnten Falle den 58 jährigen Herrn betreffend, der in 
den letzten Jahren, besonders den letzten Wochen, ganz wesentlich 
beschränkt im Gebrauch des Beines war, so dass selbst das Auftreten 
Schmerzen verursachte. — Zwei Monate nach der Operation hat der¬ 
selbe Herr ausgedehnte Spaziergänge in der Ebene und im Gebirge 
mühelos und beschwerdefrei machen können. — 

Greiffenhagen empfiehlt daher die altbekannte Methode 
der unblutigen Dehnung aufs neue für alle Fälle genuiner Jschias, die 
sich durch die übliche nicht operative Therapie nicht bald bessern 
lassen, denn das Verfahren ist einfach, gefahrlos und, da es schnell 
zum Ziele führt, auch mit geringen Kosten verbunden. 

(Selbstbericht.) 

Diskussion. 

Meder: Die Dehnung des Jschiadicus unter Cloroformnarkose 
ist ja schon oft geübt worden und gibt gute Resultate. Interessant bleibt 
die Frage, wie dieser therapeutische Effekt physiologisch zu erklären 
ist, man könne an eine Druckwirkung auf den Nerv denken, die 
durch die Dehnung beseiiigt wird. 

Maydell fragt, ob Verletzungen bei der extremen Beugung mög¬ 
lich sind und wie es mit den Erfolgen der Alkoholinjektionen be¬ 
stellt sei. 


Greiffenhagen: Bei der extremen Beugung sind allerdings 
Verletzungen gesetzt worden, so z. B. Hämatome. Ein Vorteil der 
Lumbalanaesthesie ist der, dass man im Pat. selbst ein Mass für die 
Beugung hat. Kontraindiziert ist die unblutige Dehnung bei beste¬ 
henden neuritischen Veränderungen, in solchen Fällen hat man bei 
der Dehnung sehr unangenehme Dinge, wie Dauerparesen, erlebt. 
Wie die Wirkung der Dehnung physiologisch zu erklären sei, ist ganz 
unbekannt. Gegen die Annahme eines Drucks als Aetiologie spricht 
der Umstand, dass die bekannten Injektionen in den Nerv in manchen 
Fällen günstig wirken, ferner das Versagen der Dehnung in solchen 
Fällen, die durch Druck eines Tumors entstanden sind. — Vor Alko¬ 
holinjektionen in den Nerv hinein ist direkt zu warnen. — Ein grosser 
Vorzug der Dehnung unter Lumbalanaesthesie ist der, dass diese 
Methode, bei guten Resultaten, ganz ungefährlich und derart billig 
ist, dass sie berufen erscheint für die Armenpraxis einzig und allein 
in Frage zu kommen. 

Haller es dürfte sehr schwer fallen bei länger bestehender Jschias 
sicher perineuritische Veränderungen auszuschHessen, es fragt sich 
nun, ob solche ebenfalls eine Kontraindikation für die Dehnung abge¬ 
ben. Günstige Resultate lassen sich hie und da auch durch allmäh¬ 
lich etappenweise Dehnung ohne Narkose erzielen. 

Greiffenhagen: Eine Kontraindikation gibt nur die Neuritis, 
die durch die elektrische Untersuchung festzustellen wäre. 

Blacher: an Präparaten eines erkrankten Nerven fehlt jede Spur 
einer anatomischen Veränderung. Weiter fragt Blacher, ob eine rheu¬ 
matische Jschias sich zur Behandlung mit Dehnung eigene. 

Greiffenhagen: Falls eine Jschias auf antirheumatische Therapie 
nicht reagiert, ist die Dehnung durchaus angezeigt. Eine Scheidung 
zwischen genuiner und s. g. rheumatischer Jschias ist praktisch 
überhaupt gar nicht durchführbar. 

P. 6. Mühlen referiert über einen Fall von Mastitis. 

23 jährige Patientin machte Ende Nov. 10. eine normale Entbin¬ 
dung und norm. Wochenbett durch. Einige Wochen später litt sie an 
rissigen Brustwarzen und zeigte sich bald danach eine geringe Infil¬ 
tration in der rechten Brust unter T J bis 39. Unter Spir. Kompr. 
ging der Prozess nach 2 Tagen zurück, wiederholte sich aber in der 
Folge. Das vorletzte Mal vor 3 Wochen bemerkte Patientin in der 
ausgezapften Milch der linken Brust einen grünen Bodensatz. Vor 
einigen Tagen wurde das Kind unruhig, refüsierte die linke Brust, 
aus der Patientin beim Abziehen deutlich unter den sonst normalen 
Milchstrahlen einen grünen Strahl bemerkte, der einen intensiv 
salzigen Geschmack aufwies. 

Diese Milch wurde untersucht und Eiterkörper sowie Diplokokk. 
Fränkel-Weichselbaum konstatiert; gleichzeitig war die Brust leichr 
schmerzhaft infiltriert, nicht gerötet. Temperatur bis 37,2. Nach 2 
Tagen nach Applikation von Spir. Kompr. — war die Milch wieder voll¬ 
kommen normal. Offenbar handelt es sich hier um einen Fall von primärer 
Infektion der Drüse selbst und nicht, wie es sonst bei Mastitis das 
häufigere Vorkommnis ist, um Entzündung des interstitiellen Gewe¬ 
bes, nach welcher dann die Drüse sekundär erkranken kann. 

Meder hält bei beginnender Mastitis das sofortige Absetzen des 
Kindes für notwendig, zwecks Koupierung. 

Rennenkampf und Friedenthal sind der Ansicht, dass bei 
interstitieller Mastitis, wo die Milch bakteriellfrei ist, vom sofortigen Ab¬ 
setzen, sowohl im Interesse der Mutter, als auch des Kindes abzuse¬ 
hen sei. Durch den Saugakt werde, ähnlich wie bei der Bier’schen 
Stauung, eine Hyperämie erzeugt, die wesentlich intensiver sei, als 
bei genanntem Verfahren und demnach auch physiologisch weit wirk¬ 
samer. — 

Greiffenhagen hält das Absetzen nur bei schweren Formen 
der Mastitis für notwendig. — 


Sitzung v. 4* April 1911. 

p. 5. Hunnius referiert über therap. Ergebnisse mit Sal 
va r s a n. Refer. hat 4 primäre, 6 sekundäre und 2 tertiäre Fälle 
von Lues mit Salvarsan behandelt und kommt zu folgenden Resultaten: 
1) Die Wirkung von S. ist keine absolut sichere. 2i S. wirkt am besten im 
Sekundärstadium. S. schützt nicht vor Rezidiven. 4) S. soll nicht 
vor Auftreten der Roseola angewandt werden. 5) S. ist dem Hg. 
gleichwertig, nur müsste seine Anwendungsweise vereinfacht und 
die Kosten verringert werden. 6) S. empfiehlt sich für alle Fälle, wo 
Hg. nicht angewandt werden kann. 7) S. hat keine schädlichen 
Nebenwirkungen im Gefolge. 

Diskussion: 

K u s i k spricht seine Befriedigung darüber aus, dass Vortr. kleine 
Dosen angewandt habe, wie sie besonders Isaac aus der Lassa r' 
sehen Klinik für den prakt. Arzt empfehle, der eine Mandelöl Schweine¬ 
fettemulsion mit 0,1-0,2 Salvarsan wöchentlich einmal anwende. 

S p i n d 1 e r. Auch Neisser empfehle eine Kombination, mit Fett 
und Oel und zwar Salv. 0,4 -j- Jodipin Lanolin, die in der 
Menge einer Injektion in Ampullen erhältlich seien. 

Rennenkampff hat in letzterer Zeit fast nur intravenös in¬ 
jiziert. nach der Tegerschen Methode, wonach er die geringste Lokal¬ 
reaktion erlebte, obwohl mancher Patient nachher über Schmerzen 
und Temperaturerhöhung bis 38° klagte, ln frischen Fällen komme 
es entschieden auf die Schnelligkeit der Wirkung an und darin sei 
die intravenöse Inj. den anderen Methoden sicher überlegen; manche 
Autoren injizieren in 8 tägigen Intervallen 3 4 mal intravenös. 


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Original fro-rri 

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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSfs 3. 


45. 


1912. 


Harms hat 9 Fälle intramuskulär behandelt, von denen 2 
starke Schmerzen bekamen, während die übrigen, die vorher ali- 
pinisiert wurden, keinerlei Störung aufwiesen. 

p. 6. Haller; Revals Mortalität 1910. 1910 sind in 

Reval 1873 Todesfälle zu verzeichnen: 1023 männl. und 850 weibl. 
Geschlechts. - Das heisst 218 mehr als im Vorjahre. Dieses Plus 
ist hauptsächlich durch die Infektionskrankheiten verursacht; Dysen¬ 
terie — 145 Todesfälle, Pocken — 45, Pertussis — 22. Diese 3 
Krankheiten herrschten im vergangenen Jahre zu verschiedenen Zeiten 
epidemisch. Die Sterblichkeit pro mille lebender Einwohner ist von 
18,4 auf 20,8 gestiegen. Das Monatsmittel der Sterblichkeit betrug 
156; die ersten 6 Monate blieben unter diesem Mittel, die Sommer¬ 
und Herbststerblichkeit überschritt das Mittel bedeutend. 

Nach dem Alter gruppiert, betrug die Sterblichkeit bis zum 5. 
Jahr V 3 der Gesamtsterblichkeit, das 5—50 gibt das 2. Drittel, und 
enseits der 50-er das letzte Drittel. Die Sterolichkeit der Jünglinge 
ist mit 352 wie früher sehr erheblich. 

Nach den Todesursachen geordnet erhalten wir folgende absolute 
Zahlen: 

Infektionskrankheiten.287 

Tuberkulose .... 273 

Lungenkrankheiten.273 

Herzkrankheiten.240 

Kr. der Verdauungsorgane.238 

Hirn- u. Rückenmarkskrankheiten . . . 162 

Lebens- und Altersschwäche.160 

Krebs u. Sarkom.87 

Unglücksfälle u. Selbstmord.57 

Nierenkrankheiten.36 

Pyämische Erkrankungen.30 

Verschiedene andere Krankheiten ... 30 


Diskussion. | 

Meder warnt vor einer Ueberschätzung statistischer Daten, es I 
liefen zu leicht mannigfache Fehler unter, die ein anderes Bild er- | 
gäben, als es de fakto vorliege. Allenfalls ergäben längere Zeit fort- i 
geführte Statistiken ein wahrheitsgetreues Bild und er bitte daher j 
Vortr. diese Arbeit alljährlich fortzusetzen. i 

Maydell möchte die Todesfälle an Apoplexie eher unter 
Arteriosklerose als unter die Rubrik Gehirn- und Rückenmarkskrank- ; 
heiten gruppiert wissen. Ferner müsse, um Fehlerquellen möglichst 
auszuschalten, auch die Fluktuation der Bevölkerung Berücksichtigung | 
finden. j 

Haller will nicht aus jeder Apoplexie einen Rückschluss auf Skle- J 

rose ziehen, es können auch andere Ursachen vorliegen z. B Lues, j 

Statistiken haben immer nur relativen Wert, da Irrtümer unvermeidbar | 
sind, gewisse Anhaltspunkte ergeben aber die Daten doch und Ver¬ 
gleichswerte bleiben bestehen, da ja die Fehlerquellen sich alljährlich 
auch wiederholen. 

p. 7. Schroeter demonstriert einen kleinen Nierenstein. , 

der um 3 Uhr morgens die ersten Schmerzanfälle auslöste und zwar ! 

in der rechten Nierengegend. 3 Stunden später waren die Schmerzen | 

im rechten Hypochondrium und um 3 Uhr mittags unter dem Mc. 
Burneyschen Punkt lokalisiert, bald darauf wurde er mit mehreren 
gleichgrossen Steinchen ausgeschieden. 

Sekretär: Mühlen. 


Therapeutische Notiz. 

— Meine Erfahrungen mit Digipuratum. Von Dr. B r a i t 

maier, Arzt für innere Krankheiten, Kiel. (Deutsche Medizin’ 
Wochenschr. 1911, 51). 

Das Digipuratum enthält sämtliche therapeutisch wirksamen Gly¬ 
koside der Digitalis, ohne die grossen Nachteile der schwankenden 
chemischen und physiologischen Wertigkeit der Folia zu besitzen. 
Durch diese Ungleichmässigkeit, je nach Standort und Alter der ! 

Pflanze, je nach der Zeit und den Witterungsverhältnissen der Ernte ! 

und je nach Sorgfalt bei der Reinigung und Vorbereitung der ' 

Blätter, muss die Verwendung der Droge unzuverlässig werden. I 

Die titrierten Blätter sind in dieser Beziehung vorzuziehen. Wegen 
des Fehlens unnützer Ballaststoffe und wegen der Befreiung von j 

Digitoxin ist aber dem Digipuratum der erste Platz einzuräumen. 

Die Möglichkeit genauer Dosierung des stets gleichwertigen Präpa¬ 
rates lässt genau abgewogene energische Kuren bei Einschränkung 
der Intoxikationsgefahr zu. 

Die rasche ^Absorption und ebenso rasche Ausscheidung des Mit¬ 
tels verhindert oder erschwert den Eintritt von Kumulation ebenso, 
wie sie rasche Wirkung herbeiführt. Die sonst unangenehm häu¬ 
figen Magendarmstörungen treten fast ganz in den Hintergrund. 

Geradezu spezifisch ist die günstige Beeinflussung der Diurese. , 

Um eine rasche, oft lebenrettende Therapie einzuleiten, kann das 
Digipuratum auch intravenös injiziert werden. 

Diese Eigenschaften stellen das Digipuratum an die Spitze der 
bisher bekannten, zur Digitalistherapie dienenden Präparate. 


Peter Hellat +. 


Am 16. (29) Januar starb in St Petersburg Dr. P. H e 11 a t im 
noch nicht vollendeten 55. Lebensjahr. Eine Leukämie, die erst in 
den letzten Krankheitstagen sich als solche deutlich manifestierte, 
während man anfangs an eine perniziöse Anaemie denken musste, 
setzte diesem statkräftigen und zielbewussten Leben frühzeitig ein 
Ende. Einer estnischen Bauernfamilie in Livland entstammend, wurde 
P. Hellat am 7. Februar 1854 geboren und war auch ursprünglich 
dazu bestimmt, wie seine Vorfahren Landbauer zu werden. Aber 
schon in früher Jugend erwachte in ihm der Wissensdurst und Lern¬ 
drang, und mitten in der Bauernarbeit fand er Zeit, teils allein, teils 
mit Nachhilfe die deutsche Sprache zu erlernen und dann allmählich 
die nötigen Kenntnisse sich anzueignen, um in eine Schule eintreten 
zu können. Ein älterer Bruder, der es in Petersburg als Handwerker 
zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, gab ihm dann die 
Mittel zum Besuch des Gymnasiums, das er 1880 absolvierte, in 
welchem Jahre er sich als stud. med. in Dorpat immatrikulieren Hess. 
Nach Beendigung der Studien bereiste er in den Jahren 1886—1887 
auf Vorschlag von weil. Prof. E. v. Wahl die 3 Ostseeprovinzen 
zwecks Erforschung der Lepra. Die Ergebnisse dieser Forschungen 
sind in seiner klassischen Doktordissertation niedergelegt, auf Grund 
welcher, er 1880 zum Dr. med. promoviert wurde. Er setzte dann 
seine Studien, dank der weiteren Unterstützung seitens seines 
Bruders in Berlin, Wien, Paris und London fort und Hess sich 1889 als 
Spezialarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten in St. Petersburg 
nieder, wo es ihm, dank seiner rastlosen, gewissenhaften Arbeit und 
seinen gediegenen Kenntnissen verhältnismässig bald gelang, Aner¬ 
kennung bei Kollegen und Patienten zu finden. Mehrere Jahre hin¬ 
durch war er als Konsultant für das obengenannte Fach am Deutschen 
Alexanderhospital, darauf in derselben Eigenschaft am Maximilian¬ 
hospital, an den Anstalten des Ressorts der Kaiserin Maria und an 
der Poliklinik der .Gesellschaft praktischer Aerzte“ tätig. Von Kind¬ 
heit auf ein Frühaufsteher, fand er neben dieser praktischen ärztlichen Tä¬ 
tigkeit bis an sein Lebensende Zeit, sich mit wissenschaftlichen Fragne zu 
beschäftigen, und die Zahl seiner Originalarbeiten und Referate ist 
sehr gross. Diesen Arbeiten hatte er es auch zu verdanken, dass 
sein Name auch ausserhalb Russlands auf dem von ihm bearbeiteten 
Spezialgebiet einen guten Ruf hatte, wovon die Anerkennung, die 
ihm seitens eines solchen Meisters wie Felix Semon in London, 
sowie auf dem letzten Laryngologen Kongress in Berlin zuteil wurde, 
deutlich Zeugnis ablegt. Dabei entwickelte sich seine Privatpiaxis 
von Jahr zu Jahr, und an seine Arbeitskraft wurden immer grössere 
Ansprüche gestellt. Denn der ärztlichen Tätigkeit nicht genug, ent¬ 
wickelte Hellat in selbstloser Weise eine überaus rege Tätigkeit 
zum Wohle des estnischen Gemeinwesens, und die estnische Gesell¬ 
schaft in St. Petersburg hat ihm viel zu verdanken; gab es doch kein 
Unternehmen, keinen Verein mit kulterellen Aufgaben, an dessen 
Gründung und Förderung Hellat nicht mit allem Eifer seines san¬ 
guinischen Temperaments und mit aller Wucht seiner kraftvollen 
Persönlichkeit mit geschaffen hätte. Durch populäre Vorträge suchte 
er die Ergebnisse der Forschungen auf dem Gebiete der Naturwissen¬ 
schaften und Medizin weiteren Kreisen zugängig zu machen, und 
kurz vor seinem Tode war es ihm noch vergönnt gewesen, eine 
grosse Arbeit, eine umfassende Gesundheitslehre in estnischer Sprache, 
auf die er viele Jahre verwandt hatte, zu Ende zu bringen. 

War auch das Spezialgebiet, das P. Hellat in der Medizin 
vertrat, ein begrenztes, so war er doch nie zum engen Spezialisten 
geworden; im Gegenteil, den grossen Fragen und Aufgaben der 
Medizin brachte er reges Interesse entgegen, und die neueren For¬ 
schungen auf dem Gebiete der Serologie und der inneren Sekretion 
beschäftigten ihn in der letzten Zeit so sehr, dass er die Absicht 
hatte, das Studium dieser Fragen ernst in Angriff zu nehmen. Als 
guter, scharfsinniger Beobachter der Lebensvorgänge, verstand es 
Hellat, überall den Winken zu folgen, die uns die Natur gibt, und 
ihre Lehren nach Möglichkeit zur Heilung der Krankheit auszunutzen, 
war sein Ziel und Streben. Dementsprechend führte er selbst eine 
naturgemässe Lebensweise, soweit es ihm sein Beruf gestattete und 
suchte auch seine Patienten zu einer solchen zu bewegen, was ihm 
auch oft gelang. Erst wenn diese Hilfsmittel nicht genügten, um 
die Krankheit zu bemeistern, griff er zur medikamentösen Behandlung 
und zum Messer, das er mit Meisterschaft führte. 

So war Hellat eine ganze Persönlichkeit, deren 
Eigenart sich in seinem ganzen Wesen und Wirken dokumentierte 
und deren Einfluss auf die Gesellschaft, innerhalb welcher er wirkte, 
gross und nachhaltig war. Das war auch nach seinem Tode zu 
sehen. Alle Ehrungen, die einem Toten zu Teil werden können, 
wurden ihm im reichen Masse erwiesen. Unübersehbar war die 
Schar, die seinem Sarge folgte, an dessen Seite eine Reihe von Stu¬ 
denten schritt, die auch an seiner Totenbahre Tag und Nacht die 
Ehrenwache gehalten hatten. Ein bleibendes Denkmal hat sich 
Hellat noch in seinen letzten Lebenstagen gesetzt, indem er sein 
kleines Gut, das er in seiner Heimat besass, testamentarisch dazu 
bestimmte, dass dort ein Heim errichtet werde, wo greise’und arbeits¬ 
unfähige Literaten, Aerzte und Künstler estnischer Nationalität eine 
sorgenfreie Ruhestätte finden könnten. Ehre seinem Andenken! 

D. 


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46 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N<? 3. 


1912 . * 


Chronik. 

Tambow. Die Stadtduma hat in einer ausserordentlichen 
Sitzung an Stelle des verstorbenen, zum .Vorbande russischer Leute“ | 
gehörigen Jerofejew, zum Stadthaupt Dr. J. Potapow (Progress.) 
gewählt. 

Rostow a. Don. Eine Deputation, bestehend aus Vertretern 
der Stadtverwaltung, der Kaufmannschaft und der Börse, ist abdelc- 
giert worden um bei dem Ministerpräsidenten und dem Minister der 
Volksaufklärung zu Gunsten der Eröffnung einer medizinischen 
Fakultät in Rostow zu petitionieren. • j 

— Literarische Neuheiten. Zum Schluss des Jahres | 
1911 sind in Petersburg zwei neue Zeitschriften gegründet worden: 

Die .Pädiatrie“ unter der Redaktion Prof. Dr. D. Sokolows 
und die .Tuberkulose“ unter der Redaktion Dr. G a i k o w i t s c hs. 

— Der demittierte Moskauer Professor Roth ist zum Ehrenmit¬ 
glied der psychiatrischen Gesellschaft in Petersburg gewählt worden. 

— Das Organisationskomitee der Allslawischen Hygiene-Aus¬ 
stellung hat Dr. F. Blumenthal (Moskau) zum Mitglied gewählt 
und mit der Organisation der Tuberkulose-Sektion betraut. Zum 
Vize-Präsidenten der Sektion ist Dr. A. W 1 a d i m i r o w (St. Peters¬ 
burg) gewählt worden. 

— Dr. J. Mollesson, seit 1865 als Landschaftsarzt ununter¬ 
brochen tätig, ist um Entlassung aus dem Dienst aus Gesundheits¬ 
rücksichten eingekommen. Bei der Einführung des landschaftlichen 
Sanitätsdienstes in Russland, war Dr. Mollesson der erste, der 
den Posten eines Sanitätsarztes eingenommen hat und die Geschichte 
der landschaftlichen Medizin in Russland ist untrennbar mit seinem 
Namen verbunden. Sein Wirkungsgebiet waren der Reihe nach die 
Gouvernements Perm, Saratow, Tambow und (seit 1905) Kaluga. Die 
Gouvernements-Landschafts-Session in Kaluga hat den Beschluss ge¬ 
fasst, zur Ehrung des hochverdienten Mannes 1) Ein Hygiene-Museum 
seines Namens bei dern Gouvernements-Landschaftsamt einzurichten, 

2) sein Porträt in der Sanitäts-Abteilung des Amtes aufzuhängen, 

3) einmalig 1000 Rbl. und eine lebenslängliche Jahresrente von 
600 Rbl. zu bewilligen. 

— Prof. Roux in Lausanne, Direktor des Kantonalhospitals und 
der chirurgischen Klinik feiert im März 1912 sein 25-jähriges Ju¬ 
biläum. Zu Ehren des Jubilars soll ein Fond gestiftet werden zur Unter¬ 
stützung unbemittelter Kranker der chirurgischen Abteilung des 
Hospitals in Lausanne. Spenden werden entgegengenommen von 
Prof. Demieville, Lausanne, Avenue Agassiz, und von Dr. Ma- ! 
rie Petrunnikow, Moskau, Powarskaja, Trubnikow-Gasse 21. i 

— Bachmutj. Der Sanitätsarzt Dr. F a 1 k o w s k i j war wegen 
Gattenmordversuches gerichtlich belangt und ist vom Kreisgericht i 
unter allgemeiner Beifallsäusserung des versammelten Publikums frei- 
gesprochen worden. 

— Odessa. Die Prokuratur hat ein gerichtliches Verfahren 
gegen den Gynäkologen des Stadthospital Dr. H i m m e 1 f a r b ein- j 
geleitet wegen Körperverletzung. Der Beklagte soll einer Hospitals- j 
Wärterin, die sich im 4. Schwangerschaftsmonat befand einen Fuss- j 
tritt versetzt haben. Dr. Himmelfarb soll die Tat zugegeben und ! 
zur Erklärung angeführt haben, dass die Wärterin ihn durch Unge¬ 
schicklichkeit während einer Operation aus der Geduld gebracht habe, i 

— Odessa. Der Medizinalinspektor hat dem Stadthaupt amtlich 
mitgeteilt, dass eine Gruppe von Aerzten des Alten Stadthospitals | 
sich geweigert habe den Dienst in der Abteilung für Flecktyphus 
zu tragen und dass diese Aerzte deswegen der Entlassung unterliegen. 

Das Stadtamt leitete darauf hin eine Untersuchung ein, bei der sich 
herausgestellt hat, dass keiner von den angeschuldigten Aerzten 
offiziell einen entsprechenden Dienstauftrag erhalten habe, dass aber 
auf privatim erfolgte Anfragen wohl einige von den Aerzten darauf 
hingewiesen haben, dass der Dienst in der Flecktyphusabteilung 
nicht mit dem gewöhnlichen Hospitaldienst verglichen werden könne I 
und dass der normale Gehalt eines Assistenzarztes von 50—60 Rbl. ! 
im Monat keine Kompensation sei für die mit der Behandlung von 1 
Flecktyphus verbundene Gefahr. In einer Eingabe an das Stadt- | 
amt, die einzeln von jedem der Aerzte gemacht wurde, haben sich 
alle bereit erklärt jederzeit den Dienst in der Flecktyphusabteilung 
zu übernehmen. Daraufhin hat der Medizinalinspektor das Stadt¬ 
haupt gebeten seine erste diesbezügliche Mitteilung zu anullieren. j 

Diese hässliche Affäre wird als Resultat einer Denunziation auf- 
efasst und kann als Charakteristikum für die ungesunde Atmosphäre 
ienen, in der der ärztliche Dienst im Stadthospital verläuft. Spio- j 
nage, Denunziation und Intriguenwesen sollen hier an der Tages- ! 
Ordnung sein. | 

— St. Petersburg. Die städtische Hospitalkommission will I 
versuchsweise ein Patronat für chronisch Kranke organi¬ 
sieren. Der Unterhalt von 300 Kranken ist auf 94.275 R. berechnet. 

Die Stadtverwaltung hält das Projekt für zweckmässig und wird in 
der Stadtverordnetenversammlung darüber vorstellig werden. 

— Nishny Nowgorod. Die Stadtverwaltung hat sich an den 
Gouvernementschef mit dem Gesuch gewandt das Gouvernements¬ 
komitee für öffentliches Gesundheitswesen einzuberufen um Maas¬ 
regeln gegen die in der Stadt herrschenden Typhus - und Schar¬ 
ia c h -E pi d e m i e n zu ergreifen. 

— Die Französische Vereinigung für Krebsfor¬ 
schung hat ihren Austritt aus der Internationalen Vereinigung er¬ 


klärt, weil ihrem Wunsche, das Bureau der Vereinigung alle drei 
Jahre in ein anderes Land zu verlegen, nicht entsprochen werden 
konnte. 

Die Reichstagswahlen in Deutschland haben, so¬ 
weit die Vertretung des ärztlichen Standes im Reichstag in Betracht 
kommt, den Aertzten schwere Enttäuschungen gebracht. Wenn es 
sich auch nicht genau übersehen lässt, welche Aerzte dem neuen 
Reichstag angehören werden, so ist doch sicher, dass diejenigen, die 
am lebhaftesten für ärztliche Interessen eintraten, dort fehlen wer¬ 
den. Weder M u g d a n, noch A r n i n g noch H ö f f e 1 sind wieder¬ 
gewählt worden. (Münch, med. W.) Was Dr. M u g d a n anlangt, 
so hält die D. M. Wochenschrift die Frage für berechtigt, .ob die 
Freisinnige Volkspartei es nicht im Interesse ihrer allgemeinen Auf- 
I gäbe für erwünscht und vom wahltaktischen Standpunkt aus für 
1 möglich erachtet, eins ihrer neugewählten Mitglieder zum Verzicht 
auf sein Mandat zu Gunsten Mugdans zu bestimmen.“ 

- London. Seit Januar 1911 hat die City of London zum 
ersten Mal einen Arzt als Lord Mayor. Sir Thomas Crosby, 
ein seit langen Jahren in der City ansässiger Arzt hat in seinem 81 
Lebensjahre dieses anstrengende Amt angetreten. Die Stadt bewilligt, 
wie bekannt, dem Lord Mayor einen Gehalt von 100.000 Rbl. pro 
Jahr, doch sollen die traditionellen Repräsentationskosten mehr als 
das Doppelte dieser Summe verschlingen. 

Mit Rücksicht auf den Röntgen-Kongress, welcher Sonntag den 
14. April in Berlin stattfindet, ist der diesjährige Kongress für Innere 
Medizin um einen Tag verschoben worden und findet nunmehr 
vom 16. -19. April 1012 in Wiesbaden statt. 

- Hochscbulnachrichten. 

Moskau. Dem Prof, emert. L. Morochowetz ist das 
Lesen eines obligatorischen Kursus der Enzyklopädie und der Ge¬ 
schichte der Medizin übertragen worden. 

Warschau. Der Privatdozent der Universität Kasan Dr. K. 
H. Orlow ist zum Professor der Ophthalmologie gewählt worden. 

Paris. Infolge der andauernden Kundgebungen der Studenten 
gegen den Prof, der Anatomie Nicolas, hat der Unterrichtsminister 
die beiden ersten Kurse der Medizinischen Fakultät bis 
zum Frühjahr geschlossen. 

Freiburg i. B. An Stelle des nach Berlin berufenen Professor 
K i 11 i a n ist der Priv.-Do2. Dr. Otto Kahler zum Professor und 
Vorstand der laryngologischen Klinik ernannt worden. 

Groningen. Dr. A. Hijmansvan den Berg ist zum 
ord. Prof, der medizinischen Klinik ernannt worden. 

Breslau. Zwischen der Breslauer medizinischen Studenten¬ 
schaft und dem Prof, der Anatomie Geheimrat Hasse ist ein 
Konflikt ausgebrochen, der zu einem Studentenstreik ge¬ 
führt hat. Die Veranlassung dazu gab Prof. Hasse dadurch, 
dass er eine Anzahl Studenten, die sich durch eine gegen ihn 
an das Ministerium gerichtete Eingabe missliebig gemacht hatten, 
das zum Examen erforderliche Testat verweigerte, so dass die Exa¬ 
minanden sechs Wochen Zeit verloren. Differenzen zwischen Lehrer 
und Hörem haben übrigens schon lange bestanden und Prof. Hasse 
hat es verstanden, durch klinische Massregeln (z. B. Absperren des 
Hörsaales zur Fernhaltung Verspäteter) das Verhältnis zu seinen 
Schülern so zu gestalten, wie es nach dem Ausdruck einer Tages¬ 
zeitung —- zwischen einem Lehrherrn und seinen Lehrlingen zu sein 
pflegt. Dass die Studenten seinen Rücktritt von der Prüfungskomis- 
sion verlangt und erreicht haben, spricht schon deutlich genug für 
die Gefühle, welche die akademische Jugend Herrn Hasse entge¬ 
genbringt. Was den proklamierten Streik anlangt, so schreibt die 
Deutsche M. Wochenschrift folgendes: „Solche Zustände schädigen 
die Medizinische Fakultät, ja die ganze Breslauer Hochschule, und 
das Kultusministerium, das bisher in den Zwistigkeiten des Herrn 
Hasse mit den Studierenden eine auffallend wohlwollende Neutra¬ 
lität bewahrt hat, sollte endlich nach dem Rechten sehen und auf 
irgend eine Weise dafür sorgen, dass Herr üeheimrat Hasse, der 
kürzlich in Amt und Würden den 70. Geburtstag gefeiert hat/ nicht 
mehr zu studentischen Zwangsmassregeln Anlass gibt.“ 

Gestorben: In Petersburg Dr. P. A. Selensky 54 J. alt. 

In Misotsch (Wolhynien) Dr. V. D. B o g d a n s k y 62 J. alt. In 
Warschau Dr. K. D. Rosen thal 66 J. alt und Dr. T. M. Tursky 
39 J. alt. In Lwow der Professor der allgemeinen Pathologie Dr. 

E. Biernazki. In Paris der bekannte Urologe Prof. A Iba r ran, 
Guyons Nachfolger am Hospital Necker. 


Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, d. 7. Februar. 

! Tagesordnung: O. v, Peterscn. Ueber Leishmaniose. (Mit 
i Demonstration), 

i 

Nächste Sitzung des deutschen Aerzte-Ver- 
| eins: Montag, d. 13. Februar. 

J Tagesordnung: Dr. Albanus. Ein Beitrag zur Korsakow'schen 
1 Psychose. 


Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Co., Englischer Prospekt 28, Ecke Offizierstrasse. Teleph. 14—91 


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1912. 


48. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 4. 


wird die Verwertung der aufgespeicherten Eindrücke 
ermöglicht. 

Während die Aufnahme der äusseren Reize passiv 
und fast mühelos von statten ging, erfordert ihre Ver¬ 
arbeitung bewusste Kraftentfaltung. Um sorglose Kind¬ 
lichkeit und Freude am Spiel ist es bald geschehn, wenn 
unklare Geschlechtsempfindungen das kindliche Gemüt 
beunruhigen und angeregt durch die neuen Gefühle be¬ 
ginnt eine Umwälzung, die sich bald auf alle Gebiete 
erstreckt. Nur besonders harmonisch veranlagte Kinder 
gelangen trotz guter Begabung mühelos und ungefährdet 
über den vulkanischen Boden dieser Jahre. Bei minder 
begabten dagegen legt der geringe Ausschlag der Ent¬ 
wicklungsschwankung nur den Verdacht nahe, dass die 
Entwicklungsmöglichkeit ebenso gering ist. Für den 
breiten Durchschnitt hat der Volksmund die Benennung 
Bengel- oder Flegeljahre geschaffen, die als glücklich 
nur soweit anerkannt werden kann als es sich um 
äussere Merkmale handelt, vor allem das dreiste und 
derbe Wesen, während verborgenere Züge die diesem 
Alter eigen sind, wie Verlegenheit, Zerfahrenheit, Nieder¬ 
geschlagenheit unberücksichtigt bleiben. Je nach der 
Veranlagung kann die empfindsame oder derbe Seite in 
den Vordergrund treten, aber fast allen Halbwüchslingen 
gemeinsam ist die Sehnsucht erwachsen zu sein oder 
dafür gehalten zu werden. 

So kommt es zu Rauch- und Trinkversuchen bei de¬ 
nen Sexualia und höchste Probleme als Gesprächsstoff 
um den Vorrang streiten, so glaubt man die Kindheit 
durch endgültige Erledigung der Eltern und andrer Auto¬ 
ritätspersonen am sichersten abzustreifen und so führt 
zumal in den unteren Volksschichten ein dämonischer 
Trieb nach allem Verbotenem, dem weder Erfahrung 
noch Urteil wie bei Erwachsenen gegenüberstehen, leichter 
zu sittlichen Verfehlungen. 

Dass in Kulturländern besondere Jugendgerichtshöfe 
diesem Umstande Rechnung tragen, ist bekannt und als 
rühmenswerter Fortschritt zu bezeichnen. Nicht genug 
gewürdigt wird ein gegensätzlicher Zug dieser Entwick¬ 
lungsphase. Trotz aller Emanzipations-und Auflehnungs¬ 
gelüste herrscht ein leidenschaftliches Bedürfnis nach 
massgebenden oder begeisternden Vorbildern, aber selbst 
gewählt müssen sie sein, nicht empfohlen oder aufge¬ 
nötigt. Dass gerade das revolutionärste Alter bei rich¬ 
tiger Behandlung zugleich wachsweich sein kann, hat leider 
niemand so voll erkannt und ausgenutzt wie von jeher 
die Jesuiten. 

Beim nunmehrigen Uebergang auf das körperliche 
Gebiet dürfen Aeusserlichkeiten, wie zu lange Glied¬ 
massen, eckige Bewegungen, erster Flaum'und sonstige 
sekundäre Geschlechtsmerkmale, uns so’wenig aufhalten 
wie andere Dinge, die in diese Zeit fallen, wobei ich an die 
endgültige Verknöcherung der Epiphysenlinien, an die 
letzten Backenzähne und andere gleichgültigere Vorgänge 
denke. Wichtig dagegen ist die Entwickelung der Keim¬ 
drüsen und der gleichzeitige Schwund der Thymus, ein 
Antagonismus, den erst neuere Untersuchungen aus schein¬ 
barer Bedeutungslosigkeit in wesentlich anderes Licht 
gesetzt haben. 

' Henderson beobachtete, dass die Thymusdrüse 
bei jungen Stieren und Kühen um so schneller ver¬ 
schwand je früher sie zur Zucht benutzt wurden. Dage¬ 
gen wies Pa ton nach, dass bei Kapaunen das Thymus¬ 
gewicht erheblich grösser ist wie bei Hähnen und dass 
andrerseits Thymektomie beim Meerschweinchen vor er¬ 
reichter Geschlechtsreife zu rapidem Hodenwachstum 
führt und Calzolari gelang es durch Entfernung der 
Geschlechtsdrüsen beim Kaninchen Hypertrophie der 
Thymus hervorzubringen. 

„Aus den vorliegenden Erfahrungen“ meint Biede 
„scheint hervorzugehen, dass die Thymus auf die Ent¬ 
wickelung der Keimdrüsen einen wahrscheinlich hemmen¬ 


den Einfluss ausübt und dass anscheinend auch die 
Reife der Keimdrüsen auf die Involution der Thymus 
bestimmend einwirkt.“ 

Nur die Experimente und der Erklärungsversuch 
sind neu, der Thymusschwund bis zur Geschlechtsreife 
war längst bekannt. 

Dass aber eine andere Drüse, die Hypophysis im Zu - 
sammenhang mit Wachstums- und Geschlechtsvorgängen 
an Grösse zunimmt ist erst in neuester Zeit beobachtet 
worden. Zwar hatte schon P. Marie im Jahre 1886 
die Vermutung ausgesprochen, dass der letzte Grund der 
Akromegalie, bei der die Extremitätenenden und Ge¬ 
sichtsteile wachsen, die Geschlechtsfunktionen dagegen 
erlöschen und die bitemporale Hemianopsie ungezwun¬ 
gen durch Druck von Seiten der Hypophysis auf die 
gekreuzten Sehnervenpartien erklärbar ist, in krankhafter 
Veränderung oder Vergrösserung der Hypophysis zu 
suchen sei. Andere Beobachter stimmten ihm bei, doch 
den unanfechtbaren Beweis erbrachten erst weit später 
die Chirurgen, die nach operativer Entfernung der er¬ 
krankten Hypophysis Nachlass der genannten Symptome 
beobachten konnten. So wenig man von der normalen 
Funktion dieser Drüse wusste, der Umstand, dass eine 
Veränderung ihrer Tätigkeit zu hochgradigen Störungen 
führte, sprach deutlich für ihre Wichtigkeit im Haushalt 
des Organismus. Bei Gelegenheit von Sehilddrüsen- 
exstirpation die bei jungen Tieren nicht nur die bekannte 
Kachexia thyreopriva sondern Wachstumstillstand zu 
Folge hatten, bemerkte Rogowitsch als erster, spä¬ 
ter auch Hofmeister die scheinbar vikarierende, be¬ 
deutende Vergrösserung der Hypophysis bei den zur 
Autopsie gelangenden Versuchstieren. Schliesslich gelang 
es E rti h e i m festzustellen, dass die Hypophysis sich 
während der Gravidität um das zwei- bis dreifache ver- 
grössert, um nach der Geburt zur Norm znrückzukehren, 
als ob sie dem partiellen Riesenwachstum des mütterlichen 
Organismus Rechnung trage. „Eine gewisse Gegensätz¬ 
lichkeit, ein Widerstreit, ein Antagonismus,“ sagt Koh n . 
„scheint in diesen Verhältnissen zu herrschen.“ Diese 
im regsten Fluss befindlichen Fragen wegen Zeitmangel 
nicht eingehender berücksichtigen zu können, tut mir 
besonders leid, doch hoffe ich durch die wenigen Bei¬ 
spiele gezeigt zu haben, wie verwickelt die wechselseitige 
Beziehungen der Drüsen mit innerer Sekretion gerade 
während der uns hier beschäftigenden Reifezeit sind. Es 
ergibt sich daraus der Schluss, dass alle körperlichen 
und geistigen Abweichungen von der Norm während der 
Entwickelungsjahre von einem Sondergesichtspunkt be¬ 
urteilt werden müssen, die geistige Unausgeglichenheit 
ist mitbedingt durch Mangel an endgültig geregelter 
körperlichen Oekonomie und an vielen wichtigen Punkten 
bedarf es noch wechselseitiger Anpassung unter dem 
ordnenden Einfluss des selbst noch unfertigen Gehirns. Die 
ärztliche Empirie rechnet schon längst mit der natür¬ 
lichen Regulierungstendenz bei manchen Erscheinungen 
der Entwicklungsjahre die auf der Grenze des krankhaften 
stehen, wie z. B. die Pubertätsstruma der heranwachsen- 
den Mädchen. Auch auf die Chlorose müsste hier 
eingegangen werden, doch habe ich aus eigener Erfahrung 
nichts darüber zu sagen. Das bei beiden Geschlechtern 
um diese Zeit so ausserordentlich häufig vorkommende 
erregbare Herz wird jenseits des zwanzigsten Jahres oder 
später ohne Behandlung ruhiger. Schlesinger hat 
von jugendlichem Status tachycardicus gesprochen, sympto¬ 
matisch gewiss mit Recht. Aber beherzigenswerter er¬ 
scheint mir Kreckes Vorschlag aus den letzten Tagen 
bei allen wahrscheinlich durch gestörte Schilddrüsen¬ 
funktion bedingten Herzstörungen von Thyreosen leichteren 
oder schwereren Grades zu sprechen um auf diese Weise, 
wie schon K r e h 1 befürwortet hat, den gefürchteten 
Basedow-Namen endgültig auszuschalten. 

Von einem gesonderten Standpunkt aus müssen vor 
allem die psychischen Eigentümlichkeiten der Halb- 


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49. 


1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N«> 4. 


wüchslinge betrachtet werden und es empfiehlt sich nicht 
bei jeder Niedergeschlagenheit oder Heftigkeit gleich an 
manisch-depressives Irresein und bei irgendwelchen Tiks 
oder Sonderlichkeiten an Hebephrenie zu denken. Hier 
scheint, wenn überhaupt eine, so jedenfalls eine beson¬ 
dere Gesetzmässigkeit zu herrschen, die ärztliche Vor¬ 
aussage oft zu Schanden macht und heikler noch wie 
sonst in der Psychiatrie steht es hier bei der Beant¬ 
wortung der Hauptfrage aller Angehörigen. Ist der Zu¬ 
stand völlig heilbar und wann wird er vergehen? 

Auf der einen Seite darf die Grenze der Norm er¬ 
weitert und dementsprechend vieles durchaus optimistisch 
beurteilt werden, was zu andrer Zeit ominös erschiene. 
Andrerseits bringt diese Periode alles an den Tag was 
an Schwächen oder Krankheitsdispositionen bis dahin 
verborgen war und so wird bekanntlich manche Hysterie 
oder Epilepsie kurz vor Beginn des dritten Jahrzehntes 
manifest. Dazu kommt noch der hohe Prozentsatz von 
60—72 aller Erkrankungen am Hebephrenie bis zum 
25 Jahr, kurz lauter differential-diagnostische Gefahren. 
Die eben genannten allbekannten Krankheitsbilder dürfen 
uns nicht aufhalten, dagegen muss ich auf eine seltene 
und schnell verlaufende Geistesstörung hinweisen, von 
der schon W e r n i c k e berichtet hat, dass sie gerade bei 
Schülern im Entwicklungsalter vorkommt. Gekennzeichnet 
ist sie aufs deutlichste durch angstvolle Verkennung der 
Situation, vorbereitend wirken Schlafmangel oder Ueber- 
anstrengung und auslösend beliebige Gemütsbewegung¬ 
gen. Hysterische Stigmata oder Charakterzüge fehlen 
vollkommen, gegen epileptische Provenienz spricht die 
Seltenheit und ausgesprochene äussere Bedingtheit der 
Anfälle, doch ist die letztere Abgrenzung gewiss nicht 
leicht. Bei einem sechzehnjährigen Schüler, den ich zu 
begutachten hatte genügte eine elterliche Rüge um den 
ersten Anfall hervorzubringen. Er ergriff seine Schuss¬ 
waffen und versteckte sich mit ihnen in seinem Bett. Die 
hinzukommenden Eltern fragte er mit angstverstörter Miene, 
wer sie seien, was sie wollten? Nach etwa einer Stunde schlief 
er ein und konnte sich am nächsten Tag an nichts mehr 
erinnern. Derselbe Schüler fiel nach einer Jagd bei kaltem 
Wetter plötzlich bewusstlos hin und erwachte erst zehn 
Minuten später nach dem man ihn ins elterliche Haus getra¬ 
gen hatte mit Uebelkeit und Migräne. Nach reiflicher Er¬ 
wägung habe ich mich gegen die Möglichkeit einer 
epileptischen Grundlage ausgesprochen und möchte den 
zweiten Anfall nach Oppenheims Vorgang als psycha- 
sthenischen bezeichnen, keinesfalls als hysterischen. Die 
objektive Untersuchung des gut begabten und entwickel¬ 
ten Knaben ergab nur beschleunigte Herzaktion und 
hochgradige Dermographie, ein Umstand der nicht be¬ 
deutungslos ist, weil auch Oppenheim bei der Ent¬ 
stehung der von ihm geschilderten höchst seltenen 
psychasthenischen Anfälle dem vasomotorischen Faktor 
eine entscheidende Rolle einräumt. 

Noch ein anders Krankheits-Bild soll hier kurz skiz¬ 
ziert werden. Ich sah es nur bei älteren Schülern, doch 
soll damit nicht gesagt sein, dass es nicht auch ander¬ 
weitig vorkäme. Hypochondrische Befürchtungen die sich 
auf frühere oder noch nicht Überwundene Onanie be¬ 
ziehen stehen im Vordergrund der Klagen. Ein dauern¬ 
des Schuldgefühl macht das Benehmen unsicher und 
verbittert manchen Genuss. Die Kranken kommen sich 
dumm vor und glauben andern Menschen ein Ekel zu 
sein. Ihr ohnehin schwächliches Selbstvertrauen wird 
durch den Gedanken an das Abiturium schon Monate 
vorher erschüttert und der mehr oder minder ernste 
Selbstmordplan begleitet sie auf allen Wegen. Zwar 
gelingt es ihnen die Krankheitsbefürchtungen auszu¬ 
reden, und die Ueberzeugung beizubringen, dass die 
Onanie weder durch Säfteverlust, noch inadäquaten 
Reiz, sondern höchstens durch unfruchtbare Selbstvor¬ 
würfe schadet. Aber einer Heilung vor dein glücklich 
überstandenen Abiturium kann ich mich nicht entsinnen, wäh¬ 


rend darnach alle Erscheinungen bei ruhiger Lebensweise 
bald zurücktreten. Missglückt das Examen, so ver¬ 
schlimmert sich der Zustand, denn die längst gefühlte 
Unfähigkeit ist gewissermassen staatlich bestätigt wor¬ 
den, dazu kommt die Trennung von den Altersgenossen, 
verdoppelte Angst vor der Wiederholung der Prüfung, 
väterlicher Groll ob des Misserfolges und mancherlei 
andere Kränkung. Liegt überdies Unfähigkeit für ein 
bestimmtes Fach vor, die naturgemäss weder durch ver 
doppelten Fleiss noch Nachhilfestunden bis zum nächsten 
Examentermin beseitigt werden kann, so erscheint der 
von den Eltern bestimmte oder selbst gewählte Lebens- 
| weg verbarrikadiert und als einziger Ausweg — der Selbst- 
| mord, der an deutschen Mittelschulen tatsächlich er¬ 
schreckend oft vorkommt. Nur langsam bahnt sich eine 
richtigere Auffassung den Weg, bisher hielt man sich 
| mit Vorliebe an die Erbsünde, der junge Mensch der 
I wegen eines Pechs, einer Bagatelle sein Leben wegwarf 
und noch dazu in dieser Zeit der reichsten Lebensfülle 
musste ein erblich belasteter Schwächling sein, mit die¬ 
ser Erklärung wollte man jegliche Schuldfrage abschnei- 
j den. Dass die Angst vor dem Examen in seiner jetzigen 
Gestalt auch objektiv berechtigt sein kann, wurde schon 
gezeigt und was die Lebensfülle der blassen kurzsich¬ 
tigen, überanstrengten deutschen Abiturienten betrifft, so 
ist sie meist nicht beneidenswert. Am wenigsten Staat 
zu machen aber ist mit der Erklärung durch erbliche 
Belastung, wie sie bisher geübt wurde. „Das grosse 
' Gebäude“, sagt Bumcke „das die Erblichkeitslehre 
einst errichtet hatte ist in den letzten Jahren Stück für 
Stück abgetragen worden und was übrig geblieben ist, 
sind einzelne Trümmer, die sich eben erst langsam zu 
dem Fundament einer neuen Lehre zusammenzuschliessen 
scheinen.“ Aus B u m c k e s kritischen Erörterungen soll 
nur der Kardinalfehler der bisherigen statistischen Me¬ 
thode herausgegriffen werden. Man zählte geflissentlich 
die nervösen und geistigen Erkrankungsfälle in den 
Familien der Geisteskranken ohne die Gegenprobe bei 
Gesunden anzustellen. „Als man sie nachholte, ergaben 
sich überraschend geringe Unterschiede zwischen den 
hereditären Verhältnissen von Geistesgesunden und 
Geisteskranken.“ Bumcke zitiert einen Forscher der 
77°/ 0 erbliche Belastung bei den Insassen einer Irrenan- 
I stalt und 66,9 bei einer gleichgrossen Gruppe von ge- 
, sunden Menschen fand. Nach dem Gesagten ist es eben 
i so naheliegend wie berechtigt Mängel des Schulsystems 
für die traurige Erscheinung der Schülerselbstmorde ver 
antwortlich zu machen und wenn wir Aerzte an den 
noch immer herrschenden veralteten Schul- und Prü¬ 
fungsformen leider nichts ändern können, so haben 
wir doch im Einzelfall die Möglichkeit den Schwächeren 
durch genaue medizinisch-psychologische Analyse vor 
zu hohen Anforderungen zu schützen, damit er erstarke 
und nicht gebrochen werde. Wir dürfen nie den Mass¬ 
stab ausserhalb des Kindes suchen, müssen bedenken, 
dass vorzeitiger Verbrauch frühzeitiges Versagen bedeutet 
und sollen uns nicht resigniert, weil wir es selbst nicht 
besser gekannt, damit äbfinden, dass nach althergebrach¬ 
ter Weise einem willkürlich gesteckten Lehrziel zu Liebe 
auf den in Entwickelung begriffenen und gerade darum 
so zarten kindlichen Gehirnen, unterschiedslos herumge¬ 
hämmert wird. 

Solange man auf die starren Leistungs- und Prüfungs¬ 
normen nicht verzichten zu können glaubt, ein Miss¬ 
trauensvotum, das sich vor allem gegen die Lehrer richtet, 
hat auch der beste und talentvollste Pädagog nur be¬ 
schränkten Spielraum individuell Gutes zu wirken, da- 
| gegen sollten einstweilen wenigstens die Schulaufsichts¬ 
behörden von ihrem Recht den Schüler im Einzelfall 
| vor Anwendung des Buchstabens, der da tötet, zu schützen 
! häufiger Gebrauch machen. Die Berührung der brennen- 

| den Examenfrage erschien mir bei einer Besprechung 

| dieses Alters, das seiner Hauptaufgabe nach das ler- 


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50. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N» 4. 1912. 


nende oder schulpflichtige heisst, unerlässlich und möge 
mir von anders denkenden nachgesehen werden. 

Am Ende meiner Betrachtungen komme ich zu fol¬ 
gender Zusammenfassung: Der unvergleichliche 
Reiz normaler Kinder, wofern sie nicht durch verkehrte 
Erziehung verdorben sind, liegt in ihrer unbewussten, 
harmonischen Natürlichkeit, während man bei Erwach¬ 
senen einen gewissen Grad von gefestigtem Gleich- 
mass als selbstverständlich vorauszusetzen pflegt. Die 
dazwischen liegenden Jahrgänge, die das eine verloren, 
das andere noch nicht errungen haben bilden Kombina¬ 
tionen von Kind und Erwachsenem in unbegrenzter 
Manigfaltigkeit das gilt sowohl auf körperlichem wie 
geistigem Gebiet und zeigt sich in Form von Disharmo¬ 
nien aller Art, die in jedem Einzelfall einer gesonderten 
Beurteilung bedürfen. 

Literatur. 

.Innere Sekretion* von Prof. A. Biedl. .Landläufige Irrtümer in 
der Beurteilung von Geisteskranken* von Dr. O. Bumcke. Grund¬ 
riss der Psychiatrie von Prof. C. W e r n i c k e. Handbuch der Kin¬ 
derheilkunde von Prof. Pfaundler und Schlossman. Lehrbuch 
der Nervenkrankheiten von Prof. Oppenheim. .Ueberdie Hypophysis* 
von Prof. Alfred Kohn-Prag aus der .Münchener med. Wochen- i 
schrift* M 28. 1910 und eine Reihe anderer medizinischen Zeit¬ 
schriften. | 

Lieber chronischen Gelenkrheumatismus, Gicht j 
und Ischias 

von Dr. K e m e n , 

dirig. Arzt der inneren Abteilung des Krankenhauses St. Marienwörth, 

Bad Kreuznach. 

Chronischer Gelenkrheumatismus, Gicht und Ischias ] 
bilden das Hauptgebiet der Radiumtherapie. Ihr Wesen 
und ihre Behandlungsweise sollen im Folgenden kurz 
beleuchtet werden. 

Der chronische Gelenkrheumatismus. i 

In der Literatur findet man eine grosse Mannigfal¬ 
tigkeit von Namen zur Bezeichnung derjenigen Erkran¬ 
kungen, die zum chronischen Gelenkrheumatismus zählen. 
Ohne auf diese Verschiedenartigkeit näher einzugehen, 
sollen hier die von Lange l ) gewählte Einteilung und ! 
Ausführung zu Grunde gelegt werden, weil sie dem 
praktischen Bedürfnis am ehesten Rechnung tragen. i 

A. Die lokal entstandene Monoarthritis. 

Hierher gehören diejenigen Gelenkerkrankungen, die | 

nur e i n oder wenige Gelenke auf Grund von nur 
lokal wirkenden Schädigungen befallen. Die Krankheit 
verläuft sehr langsam und fieberlos mit nur unbedeuten- i 
den Schmerzen jedoch allmählich zunehmender Steifig¬ 
keit meist im Hüft- oder Kniegelenk. Neben einer j 
Atrophie des Knorpelüberzuges der Gelenkenden und 
schliesslicher Zerstörung des Knochens, findet man gleich¬ 
zeitig Knorpelwucherungen und Exostosen des Knochens, 
welche die Beweglichkeit des Gelenkes stark behindern 
und beim Beugen und Strecken ein Knarren verur¬ 
sachen. Erst sekundär treten, geringe Veränderungen 
der Gelenkkapsel auf. 

Als Ursache di«er Monoathritis kommt ausser dem 
Trauma eine vorzeitige für das spätere Alter phy¬ 
siologische Abnutzung der Gelenkflächen in Betracht, 
die z. B. an der Hüfte zum sogenannten malum coxae 
senile führt. Sodann gibt es eine Reihe von Mono- 
arthriden, über deren Ursache noch keine Klarheit herrscht. 1 

B. Die chronische rheumatische Polyar¬ 

thritis. 

Während es sich bei der Monoarthritis um ein lo¬ 
kales Leiden handelt, stellt die Polyarthritis ein Allge¬ 
meinleiden dar, bei dem das schädigende Agens viele 
Gelenke befällt. Welcher Art dieses Agens ist, steht 
noch nicht fest; wahrscheinlich gibt es eine ganze Anzahl 

9 Jahreskurse für ärztliche Fortbildung. Septemberheft 1911. 


solcher Schädigungen. Während bei der Monoathritis 
zuerst Gelenkknorpel und Knochen, erst später die Ge¬ 
lenkkapsel erkranken, ist es bei der Polyarthritis umge¬ 
kehrt. Hier verdickt sich zunächst die Gelenkkapsel 
und bildet Zotten; erst später kommt es zu Atrophie 
des Knorpels, wobei die Knochen verschmelzen und 
echte Ankylosen bilden, jedoch nie zu Knorpelwuche¬ 
rungen und Exostosen. 

Klinisch lassen sich zwei Gruppen der Polyarthritis 
unterscheiden 

I. Die fieberlosen primären chronisch 

rheumatischen Arthritiden. 

Charakteristisch für dieses Leiden ist der allmäh¬ 
liche Beginn o h n e Fieber in den kleinen Gelenken, 
den Händen und Füssen, und das progressive Befallen 
auch der übrigen Gelenke. Ohne Störung des Allge¬ 
meinbefindens treten anfangs geringe Schmerzen und 
Schwellung in den Gelenken auf, die erst allmählich 
zunehmen und schliesslich die Beweglichkeit aufheben. 

In einigen dieser Fälle ist der erbliche Einfluss 
nicht von der Hand zu weisen. Manche Patienten füh¬ 
ren die Erkrankung auf Aufenthalt in feuchten Wohnun¬ 
gen zurück, wie denn auch feuchtes und nebeliches 
Klima sowohl für die Häufigkeit des Leidens, als auch 
für Verschlimmerung verantwortlich zu machen ist. In 
andereu Fällen besteht zweifellos ein Zusammenhang 
mit gewissen konstitutionellen Krankheiten, wie Fett¬ 
sucht, Diabetes, Arteriosklerose und Gicht. Französische 
Autoren fassen diese letztere Gruppe als „Arthritis- 
m u s“ zusammen und verstehen darunter eine Diathese, 
die zu leichterer Erkrankung an chronisch rheumatischer 
Polyarthritis disponiere. 

II. Die fieberhaften sekundären chronisch 

rheumatischen Polyarthritiden. 

Während bei der primären Form bezüglich der Aetio- 
logie nur Vermutungen aufgestellt werden können, treten 
uns bei der sekundären Form Tatsachen entgegen, die 
an dem infektiösem Charakter des Leidens keinen 
Zweifel aufkommen lassen. Plötzlich unter Fieber und 
schweren Allgemeinstörungen beginnt dasselbe genau 
wie ein akuter Gelenkrheumatismus. Ohne dass es 
jedoch, wie meist bei diesem, zur vollen Genesung 
käme, bleiben hier in einigen Gelenken dauernde Ver¬ 
dickungen und Versteifung zurück; oder es wiederholen 
sich derartige Fieberattacken bis sich schliesslich 
dauernde Veränderungen an den Gelenken festsetzen. 
Diese Fälle rechnet man zu den sekundären Poly¬ 
arthritiden. 

Der acute fieberhafte Beginn des Leidens weist 
auf eine infektiöse Ursache hin, doch braucht es sich 
dabei nicht um einen einheitlichen Krankheitserreger zu 
handeln, sondern gelegentlich können die Erreger der 
Gonorrhoe, Lues, Pneumonie und Tuberkulose eine Po¬ 
lyarthritis erzeugen. Auch sind es nicht immer die 
Krankheitserreger selbst, sonder es können auch ihre 
Toxine sein, welche die Gelenkveränderungen hervorru- 
fen. So sind z. B. die häufig rezidivierenden akuten 
Gelenkrheumatismen nicht selten durch lakunäre Angi¬ 
nen bedingt. Spaltung oder Entfernung der Mandeln 
verhindern derartige Rezidive, ein Beweis für ihren 
ätiologischen Zusammenhang mit Gelenkrheumatismus. 
Ebenso wie Eiterherde in den Mandeln, können selbst¬ 
verständlich alle anderen beliebigen Eiterherde, so na¬ 
mentlich die in dem männlichen oder weiblichen Uro¬ 
genitalapparat Polyarthritis auslösen. 

Gicht. 

Unter Gicht versteht man eine Stoffwechselanomalie, 
bei der es zu Ablagerung von unlöslichen Salzen der 
Harnsäure in den Gelenken kommt. *) 

J ) Näheres hierüber in dem von mir verfassten Artikel „Gicht 
und Radiumtheraphie''. Radiolog. Mitteilungen 1910. Kreuznach. 


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.1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSfs 4. 


51. 


So verschiedenartig die Gicht demnach in ihrem 
Wesen von dem chronischen Gelenkrheumatismus ist, 
so schwer ist es häufig, die beiden Leiden zu unter¬ 
scheiden. Doch gibt es immerhin eine Reihe von Merk¬ 
malen, aus denen sich ein Schluss ziehen lässt. 

Zunächst ist der Beginn der Gicht meist anders als 
beim chronischen Gelenkrheumatismus. In den meisten 
Fällen (70% nach Krauss) beginnt das Leiden mit einem 
typischen Podagraanfall, einer Entzündung im meta- 
tharso-phalangeal Gelenk des Grosszehes. In den Fällen, 
in denen das Leiden zunächst ein anderes Gelenk, meist I 
jedoch die unteren Extremitäten befällt, werden sicher- | 
lieh im Laufe der Jahre einmal auch ein oder beide 
Grosszehe-Gelenke in der für Gicht typischen Weise 
befallen. 

Ein weiteres Merkmal bieten die tophi,—Harnsäure- 
Ablagerungen in den Sehnen, in der Haut und beson- 
ders in den Ohrmuscheln. ! 

Den sichersten Aufschluss gewährt der Nachweis j 
von freier Harnsäure im Blut des Kranken nach vorhe- • 
riger mehrtägiger purinfreier Ernährung. | 

Als Ursache für die Gicht nimmt man heute allge¬ 
mein eine Störung der den Auf- resp. Abbau der Harn¬ 
säure bewirkenden Fermente an. Die Erblichkeit spielt 
dabei eine grosse Rolle. Für gewöhnlich geht die Gicht, 
nachdem sie mehrere Jahre hindurch anfallsweise aufge¬ 
treten, in ein torpides Stadium über, mit dauernden 
Veränderungen deformierenden Charakters an den Ge¬ 
lenken (Irreguläre Gicht). 

Durch die andauernde Ablagerung von Harnsäure 
auf die freien Flächen der Gelenke kommt es zu einen 
Usur derselben, die sich der dem Gelenk aufliegender 
Hand als ein feines sandiges Knirschen beim Bewegen | 
kundtut, was von manchen Autoren geradezu als cha¬ 
rakteristisch für Gicht angesehen wird, z. B. an den j 
Kniegelenken und den Halswirbeln. Durch Fortschreiten j 
der Knorpelusur kommt es zu erheblichen destruktiven 
Veränderungen, namentlich der Finger- und Zehenge- 1 
lenke, die sich äusserlich kaum von denen der chroni¬ 
schen Polyarthritis unterscheiden. 

Die an den Endphalangen mancher Gichtkranken 
auftretenden Auftreibungen sind wahre Exostosen von 
unbekannter Aetiologie, die unter dem Namen „Heber- j 
densche Knoten“ auch bei an chronischem Gelenkrheu¬ 
matismus Leidenden, namentlich Frauen im Klimakterium i 
gefunden werden, also nicht für Gicht diagnostisch zu 
verwerten sind. j 

Ischias. 

Zu den häufigsten Neuralgien gehört Ischias oder 
„Hüftweh“. Als Ursache für dieses Leiden kommen j 
„rheumatische“ Einflüsse, wie Arbeiten im Nassen, Lie- j 
gen auf dem Boden, ferner Traumen und Ueberanstren- I 
gung, Tumoren und Exsudate des Beckens, Erkrankungen 
des Kreuzbeines und der Lendenwirbelsäule, in Betracht, j 
Sodann führen gewisse Infektionskrankheiten, wie vor 
allem Influenza, Intoxikation (Alkohol, Blei etc.) und 
besonders gewisse Konstitutionskrankheiten, wie Diabetes, j 
Gicht und Arteriosklerose zu Ischias. In den meisten 
Fällen handelt es sich um eine echte Neuritis oder Pe- , 
rineuritis. Klinisch beobachtet man bei der Ischias eine 
Schmerzhaftigkeit im Ausbreitungsgebiet des nervus 
ischiadicus. Die Schmerzen sind jedoch häufig nur auf 
den Ober- oder Unterschenkel lokalisiert oder wandern 
im Laufe der Erkrankung umher. Die häufigsten Druck- i 
punkte sind am Ilio-Sacralgelenk, an der Austrittstelle j 
des Nerven aus dem foramen ischiadicum, in der Mitte ! 
des Oberschenkels, in der Kniekehle (n. tibialis), am ( 
capitulum fibulae (n. peroneus). Ausser diesen Druck- | 
punkten, die häufig fehlen, sichert die Diagnose das j 
Lassegue’sche Symptom: Passive Bewegung des Beines 
in der Hütte bei gestrecktem Unterschenkel ruft durch i 
Nervenzerrung heftige Schmerzen am Gesäss und in der | 
Kniekehle hervor. i 


Meist ist nur der Nerv der einen Seite befallen. 
Durch das Bestreben, beim Stehen das kranke Bein zu 
entlasten, kommt es nicht selten zu einer skoliotischen 
Ausbuchtung der Wirbelsäule (scoliosis ischiadica). 
Selten fehlen Anästhesieen und Parästhesien der Haut, 
häufig kommt es auch zum Erlöschen des Achillesseh- 
nenreflexes. Bei längerem Bestehen des Leidens kommt 
es schliesslich zu deutlicher Muskelatrophie. 

Die Behandlung 

der geschilderten Leiden mittels der Radiumtherapie 
bietet recht gute Aussicht auf Erfolg und gilt allgemein 
als die wirksamste. Nur über die Art ihrer Anwendung 
bestehen noch Meinungsverschiedenheiten. In Betracht 
kommen in der Regel Radiumbäder, die Radium- Trink- 
und Inhalationsmethode, sowie die lokale Applikation 
von Radiumkompressen. 

Radiumbäder. 

Die Wirkung der Radiumbäder wird vielfach in ein¬ 
seitiger Weise unterschätzt. Man will die gute Wirkung 
derselben nur auf Inhalation der dem Bade entweichen¬ 
den Emanation zurückführen. Von dieser Annahme 
ausgehend hat man geglaubt, die Badezellen möglichst 
niedrig und eng bauen zu müssen auf Kosten der 
Hygiene und der Bequemlichkeit; man schreibt vor, das 
Badewasser aufzurühren, um möglichst viel Emanation 
in die Zelluft zu bekommen und fordert zu tiefer Inspi¬ 
ration dicht über dem Wasserspiegel auf. Alle diese 
Vorschriften basieren auf völlig falscher Anschauung. 
Wenn es richtig wäre, dass die Bäderwirkung nur auf 
Inhalation beruhte, so wären die Bäder streng genom¬ 
men ganz überflüssig. Abgesehen jedoch von der rein 
physikalischen Wirkung des Warmwasserbades bildet 
das Radiumbad eine grosse, den ganzen Körperein¬ 
hüllende Strahlenquelle von a Strahlen der Emanation. 
Zwar haben dieselben ein nur geringes Durchdringungs¬ 
vermögen und werden wohl kaum durch die Epidermis 
dringen, doch sind dieselben hinsichtlich ihrer elektri¬ 
schen Wirkung weit wirksamer als die vom Radium 
selbst noch ausserdem ausgesandten ß und y Strahlen 
zusammengenommen. Nach Rutherford 1 ) ist die Energie 
welche diese schwach durchdringenden und auf den 
ersten Blick nicht sehr auffallenden a Strahlen besitzen, 
.unermesslich grösser als, die der beiden anderen Typen 
(ß und y Strahlen zusammen). 

Vor allem aber wird viel zu wenig Wert auf die 
Zerfallsprodukte der Emanation gelegt, die aus Radium 
A. B. C. D. etc. bestehend, mit Ausnahme von Radium 
D., auch ß und y Strahlen von hohem Durchdringungs¬ 
vermögen aussenden. Diese Zerfallprodukte bedecken 
nach dem Bade den ganzen Körper und sind stunden¬ 
lang nach Beendigung des Bades noch nachzuweisen, 
wie dies die Versuche von Kernen und Neumann be¬ 
wiesen haben. Schliesslich sei bemerkt, dass die Ema¬ 
nation selbst auch die Haut durchdringt, [Engelmann 2 ), 
Kernen und Neumann 8 ) u. a.J ins Blut übergeht und 
im Innern des Körpers eine Wirkung ausübt. 

Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, dass 
auch ein Teil der Emanation (5—10%) im Bade inhaliert 
wird und therapeutisch in geringem Grade mitwirkt. 

Trink- und Inhalationsmethode. 

Dieselben Autoren, die über die Bademethode so 
kurzer Hand den Stab brechen, kommen auch zu einer 
Unterschätzung der Radium-Trinkmethode und zu einer 
Ueberschätzung der Radium-Inhalationsmethode. Man 
sollte annehmen, die Trinkmethode müsste am sicher¬ 
sten gestatten, genau dosierte Emanationsmengen dem 
Körper zuzuführen. Das wird zwar nicht bestritten, 

’) Frederick Soddy: „Die Natur des Radiums" Leipzig, Verlag 
von Joh. Ambr. Barth, 1909. 

2 ) Zeitschrift füt Röntgenkunde Bend XII. 1910. 

:! ) Zeitschrift für Balneologie M* 17, 1910. 


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52. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N? 4. 


1912. 


allein man behauptet bei der Resorption der Emanation 
im Magen und Darm gelange dieselbe entweder durch 
das Pfortadersystem in die Leber und von da durch die 
vena cava inferior oder auf dem Wege der Lympfbahn i 
durch die vena cava superior in die Lunge, wo sie so¬ 
fort ausgeatmet werde, ohne dass mehr als ein 
geringer Bruchteil der Emanation in den . 
Gesamtkreislauf gelange! j 

Diese Behauptung entspricht jedoch nicht dem tat- | 
sächlichen Verhalten. Die von Kernen und Neumann 
angestellten Messungen der Exspirationsluft, deren Er¬ 
gebnis von Eichholz 1 ), Strassburger 2 ), Spratz 3 ) u. a. im 
vollen Umfang bestätigt wurde, ergaben ein Verweilen j 
der Emanation im Körper von 2—3 Stunden. Die Re- , 
Sorption vom Magen aus ist jedoch in viel kürzerer Zeit 
beendigt und während der ganzen übrigen Zeit passiert 
das gesamte Blut oftmals das Pfortadersystem und , 
kommt hier dauernd mit den Zerfallprodukten der Erna- 1 
nation in Berührung, von denen gerade Radium D, das ( 
am längsten lebende Zerfallprodukt, nach Gudzent das ' 
wirksame Agens für Gicht bilden soll. Neuere Unter¬ 
suchungen von mir, die an anderem Ort noch veröffent¬ 
licht werden, bestätigen in vollauf, dass bei der Trink¬ 
methode die Emanation auch in den periphersten Kör¬ 
perteilen nachzuweisen ist. 

Dass anderseits die Inhalationsmethode zur Behand¬ 
lung der genannten Krankheiten geeignet ist, steht ausser , 
allem Zweifel. Aber auch hier wieder sprechen diesel- j 
ben Autoren nur der Inhalation im geschlossenen Raum 
das Wort, während es doch mittels geeigneter Einzel- 
Inhalations-Apparate (z. B. des von Neumann konstruier¬ 
ten) möglich ist, bedeutend höhere Emanationsmengen, j 
als sie in den meisten geschlossenen Inhalatorien zur 
Verfügung stehen, anzuwenden. Es kommt noch hinzu, > 
dass diese Einzelapparate leicht handlich und transpor- , 
tierbar sind. 

Lokale Applikation von Radium¬ 
kompressen. 

Zu der spezifischen Radiumtherapie der genannten 
Krankheiten gehört auch die lokale Anwendung von 
Kompressen, die teils mit Radiumsalzen imprägniert i 
teils mit hochwertigem Emanationswasser getränkt 
sind. Besonders Strassburger wies nachhaltig auf den 
oft ausgezeichneten Erfolg der Kompressen hin. Ihr 
Erfolg ist teils auf direkte Strahlenwirkung teils aufr 
Wirkung der Emanation zurückzuführen. 

Die Frage nach der Wirkungsweise der 
Radiumemanation bei den verschiedenartigen 
Krankheiten ist schwer zu beantworten. Für Gicht und 
auf Gicht basierende Ischias würde die von Gudzent be¬ 
hauptete Aktivierung der den Auf- und Abbau der Harnsäure 
verursachenden Fermente zur Erklärung genügen, obwohl ! 
subjektive und objektive Besserungen bei Gicht beob¬ 
achtet wurden, ohne dass gleichzeitig eine | 
Veränderung der Harnsäure-Ausscheidung 
zu konstatieren ist, eine Tatsache, auf die auch 
Mandel hinweist (Radium in Biologie und Heilkunde 
Heft 6 1911). Für chronischen Gelenkrheumatismus 
käme eine die Harnsäure lösende Wirkung erst recht 
nicht in Betracht. 

Schuze 4 ) untersuchte die Wirkung der Radiumema¬ 
nation auf die etwaige Bildung von Antikörpern, kam 
jedoch zu einem negativen Resultat. 

Ob ein Einfluss auf die Bildung der 
Opsonine, die zu einer Phagozytose so¬ 
wohl der Bakterien, als auch toxischer 
Stoffe führen könnte, möglich ist, darüber 
sind bis jetzt keine.Versuche angestellt. 


2 ) Verhandlung des Kongr. f. innere Medizin 1911. 

2 ) Miinch. Med. Wochenschrift N« 15, 1911. 

3 ) Zeitschrift f. Röntgenkunde u. Radiumforschung JM° 10, 19.1. 

4 ) Mediz. Klinik >4 45, 1911. 


Eine derartige Beeinflussung würde zwang¬ 
los dieWirkung bei den verschiedenarti¬ 
gen Krankheiten erklären. 

Hand in Hand mit der Radiumtheraphie, die in der 
Praxis am besten aus einer Kombination der verschiede¬ 
nen Methoden besteht, muss bei Gicht und durch sie 
verursachter Ischias unbedingt eine Regelung der 
Diät einhergehen. Nur bei gleichzeitiger purinfreier Er¬ 
nährung sind gut eErfolge zu erzielen. Natürlich ist hier 
strenge Individualisierung noch mehr als sonst indiziert. 

Folgende 360 Fälle eigener Beobachtungen aus den 
3 letzten Jahren wurden von mir in der besprochenen 
kombinierten Weise behandelt: 

Summa. Hei- Besse- Ohne 


Chronisch rheumatische 


Inng. 

rang. 

Erfolg. 

Polyarthritis. 

. 131 

73 

48 

10 

Deformierende Monoarthritis . 

. 36 

5 

24 

7 

Gicht. 

. 117 

63 

42 

12 

Ischias. 

. 76 

38 

26 

12 


Summa 360 

In eine Besprechung der einzelnen Fälle einzugehen 
muss ich mir versagen. Nur einige Fälle von deformie¬ 
render Monoarthritis möchte ich hier kurz erwähnen. 
Es sind dies einige Fälle, die in ihrem Verlauf fast genau 
übereinstimmen und von denen der eine als Beispiel 
dienen mag: Es handelt sich um eine Patientin, die vor 
2 Jahren wegen einer seit 16 Jahren allmählich sich 
entwickelnden Versteifung beider Kniegelenke zur Be¬ 
handlung kam. Anfangs vermochte sie nur mühsam 
sich mit zwei Stöcken im Zimmer zu bewegen; am Ende 
der ersten Kur vermochte sie mit einem Stock einige 
Minuten im Garten zu spazieren; am Ende der zweiten 
Kur, im lezten Jahre, konnte sie, wenn auch langsam, 
auf einen Stock leicht gestützt, eine Stunde lang 
ohne besondere Ermüdung spazieren gehen. 

Gerade die Prognose der deformierenden Arthritis 
ist seit der Anwendung der Radiumtheraphie nicht mehr 
so ungünstig, wie vielfach noch geglaubt wird. 

Knorpelzerstörung sind allerdings nicht mehr zu er¬ 
setzen, doch kann die Gebrauchsfähigkeit des Gelenkes 
in gewissem Umfange wieder erlangt und dauernd er¬ 
halten werden. Es sei mir erlaubt, hier einen Ausspruch 
Langes zu zitieren: 

„Wenn die Verhältnisse es gestatten, sollten solche 
Patienten, jedes Jahr eine Kur in einem radiumhaltigen 
Bad, wie .... Kreuznach, unter ärztlicher Aufsicht durch¬ 
machen.“ 


Ueber Narkose*). 

Präsidialvortrag im Verein St. Petersburger Aerzte d. 11. Januar 1911. 

Von G. T i 1 i n g. 

(Schluss). 

Die Fettmetamorphose in Gehirn, Herz, Gefässen, 
Leber und Nieren ist bei Chloroform viel intensiver, 
dagegen die Alteration der Lungen bei Aether ungleich 
stärker, bestehend in Fettmetamorphose der Lungen- 
Epithelien und einer stark gesteigerten Schleimabson¬ 
derung in die Bronchien. 

Diese vermehrte Schleimabsonderung bei durch Fett¬ 
metamorphose herabgesetzter Vitalität der Epithelien 
und die hinzutretendeAbkühlung durch den Aether geben 
den Anlass zu den häufig beobachteten Bronchitiden 
und Pneumonien nach Aether. Das hin und wieder ge¬ 
sehene Lungenoedem nach Aethernarkose (Poppert) ist 
offenbar rein toxisch (Löwitt). Obgleich die (jefahr der 
Lungenentzündung nach Chloroform-Narkose durchaus 
auch besteht durch gesteigerte Schleimabsonderung in 
die Bronchien und Verfettung der Lungenepithelien, so 

*) S. „St. Petersb. Zeitschrift“ N° 3. 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. .Nb 4. 


53. 


doch in unvergleichlich geringerem Grade als nach 
Aether. Es ist deshalb die drohende Pneumonie durch¬ 
aus als die Gefahr der Aethernarkose anzusehen. 

Während Todesfälle durch Aether intra operationem 
sehr selten sind, Juillard berechnete bei 314718 Narkosen 
eine Mortalität von 1 : 14987, wurde dieses Prozent we¬ 
sentlich schlechter, als man die Todesfälle durch Aether- 
pneumonie in den nächsten Tagen post operationem 
hinzuzog, nämlich 1 : 6000 

Intra operationem wird der Tod durch Apnoe verur¬ 
sacht, höcht selten durch Herz-Synkope, ja, es scheinen 
alle diese Fälle bei krankem Herzen vorgekommen zu 
sein. 

Sehr beachtenswert ist, dass die Lähmung des Res¬ 
pirationszentrums nicht ohne Prodromi auftritt, dass also 
bei sehr aufmerksamem Narkotisieren diese Apnoen ver¬ 
mindert werden können, wenigstens meist. 

Im Gegensatz hierzu fordert das Chloroform die 
meisten Opfer durch plötzliche Herz-Synkope, die auch 
Menschen mit gesundem Herzen treffen. Es verhält sich 
die Zahl der Todesfälle durch Apnoe zu denen durch 
Synkope nach Djakonow und Bornträger 1:3 bis 3,8. 
Nussbaum, der in 1500 Chloroformnarkosen keinen Todes¬ 
fall zu beklagen hatte, rechnete, dass von 50 Chloro¬ 
form-Narkosen eine mit Gefahr verläuft. Es kann die 
Synkope bei den ersten Athemztigen durch Idiosynkrasie 
oder durch Reflex auf dem Trigeminus-Vaguswege ein- 
treten. Dieser Tod in der ersten Minute erfolgte nach 
Hankel 10 mal unter 75 Unglücksfällen, die Mehrzahl 
der Todesfälle kam im Stadium tolerantiae vor: c. 25,5 
bis 35% oder nach Minuten berechnet sogar von den 
bearbeiteten 75 Todesfällen in der 6—15 Minute 33 Mal. 
Dass Todesfälle ganz im Beginn der Narkose oder bei 
nur kurzer Dauer derselben relativ häufig eintraten, er¬ 
gibt wieder eine Statistik von Hankel, nach der nur i/ 4 
der gesammelten Chloroform-Todesfälle bei schweren 
und grossen Operationen erfolgte, während eine andere 
Tabelle Hankeis zeigt, dass bei Aether Todesfälle am 
häufigsten bei schweren Operationen beobachtet werden. 
Im Allgemeinen ist bei Aether 1 Todesfall auf c. 6000 
Narkosen anzunehmen. Ich führe diese runden Zahlen 
(3000 und 6000) an als ungefähres, noch allgemein an¬ 
genommenes Mittel aus sehr vielen Statistiken, die in 
den Händen der einzelnen Autoren weit auseinander¬ 
gehen. Es kann ja selbstverständlich die Statistik immer 
nur ein sehr ungefähres Bild der Gefahren beider Mit¬ 
tel geben. Schon die Pneumonie ist eine gefahr¬ 
drohende Erscheinung, die dem Aether recht oft den 
Ursprung verdankt, aber man vergesse nicht, dass auch 
Chloroform Pneumonien bringt, dass Pneumonien nicht 
ganz selten nach schweren Operationen z. B. Laparo¬ 
tomien-folgen, ohntf, dass überhaupt eine Allgemein- 
Narkose angewand ist, ja endlich, dass man alte, oder 
fettleibige Menschen überhaupt nicht für längere Zeit 
hinlegen darf, vollends nicht auf den Rücken, weil die 
Hypostase und Pneumonie droht. Warum sterben so 
viele Greise nacn Fractura colli femoris? Nur weil ihnen 
zu viel Liegen auf dem Rücken gestattet wird und die 
Pneumonie folgt. 

Es ist eine experimentell und klinisch festgestellte 
Tatsache, dass Chloroform den Blutdruck stark herab¬ 
setzt, Aether ihn aber erhöht. Eine Tatsache von gröss¬ 
ter klinischer Bedeutung. Es besteht freilich auch die 
Kehrseite, dass paar Mal unter Aethernarkose Hirn¬ 
apoplexien eingetreten sind (Saenger). 

Wägen wir kurz die gemeldeten pathologisch-anato¬ 
mischen Befunde, die klinischen Beobachtungen, und 
die Statistiken über beide konkurrierende Mittel gegen¬ 
einander ab, so ergibt sich, wie mir scheint, ein grosses 
Plus zu Gunsten des Aethers. Erstens die plumpen 
Zahlen 1:3000 für Chloroform, 1:6000 für Aether. 2. Die 
Leichtigkeit der Ueberdosierung des Chloroforms wegen 
seiner geringen Narkosenbreite. 3. Die durch nichts sich 


! ankündigende, plötzlich wie ein Blitzschlag eintretende 
| Synkope. 4. Die geringeren, subjektiven Beschwerden 
des Kranken nach Aethernarkose, 5. Das Erwachen der 
Kranken erfolgt viel schneller nach Aether und sie haben 
nicht das erschreckend blasse Aussehen, wie nach 
Chloroform. 

Dieses alles scheint mir den Aether zum Mittel der 
Wahl für die Durchschnittsnarkose zu machen. 

Natürlich hat auch der Aether seine strikten Kontrain¬ 
dikationen und das sind alle Erkrankungen der Lungen, 
bei diesen sehe ich mich gezwungen zum Chloroform 
zu greifen. 

Seit zirka 15 Jahren brauche ich den Aether als 
Mittel der Wahl zur Narkose und muss sagen, erst seit¬ 
dem ist der Alp der ständigen Furcht vor plötzlichem 
! Todesfall von mir genommen, ich habe in meinem Leben 
zwei Todesfälle durch Chloroform gehabt, aber sehr 
häufig unter Sorge die Operation zu Ende geführt, weil 
bedrohliche Erscheinungen an Herz und Lungen eintra¬ 
ten, häufig deshalb die Operation unterbrechen müssen. 
Seitdem ich Aether anwende, kommt so etwas kaum 
mehr vor. Ich habe bisher jedes Eingehen auf Details 
vermieden, nur will ich erwähnen, dass es natürlich von 
allergrösster Bedeutung ist, mit möglichst kleiner Dosis 
| des narkotischen Gifts auszukommen. Ich operiere nur 
| bei voller Toleranz, sehr selten Kinder und sehr selten 
ganz kleine Operationen, da sie alle demonstrandi causa 
| im Auditorium ausgeführt werden. Man kann die Tole- 
I ranz mit relativ sehr kleiner Gabe erreichen und unter- 
j halten. Narkotisieren ist eine Kunst! Ich muss hier 
| meinen Dank meinen langjährigen Assistenten aus¬ 
sprechen für das umsichtige, sparsame Narkotisieren, so 
ist z. B. der Durchschnittsverbrauch an Aether gewesen 
j in den Jahren 1904—1908 : 50-66,4—69,9—71—65 Gr. 

für die Operation. Die näher detailierten Angaben fin- 
I den sich in der Arbeit von A. Mindlin über die Aether- 
j Narkose bei uns im Institut. 

! Unter Chloroform operiere ich in 5—10% der Fälle. 
; Einen Todesfall habe ich in den zehn Jahren nicht zu 
I beklagen gehabt, es ist die Zahl der reinen Aether-Nar- 
| kosen aber noch keine grosse, zirka 1500 Fälle im Insti- 
I* tut und ebenso viel im Evangelischen Hospital. Wird 
vorsichtig narkotisiert, so braucht keine Zyanose des 
I Gesichts beobachtet zu werden. Ja mir scheint, dass 
übel berufene Kochen und Schnurgeln im Rachen bei 
der Atmung nur ein Produkt des zu schnellen Zuführens 
zu grosser Mengen von Aether zu sein, denn ich höre 
es im Institut bei den Narkosen nicht. 

Dass bei uns nicht zu langsam narkotisiert wird, be¬ 
weist der geringe Durchschnittsverbrauch, ebenso der 
Eintritt der vollen Narkose, 1904—1908 im Mittel in 
6,7—6,6—5,4--4,9—4,5 Minuten. Ja es trat in diesen 
Jahren bei Chloroform die volle Narkose meist etwas 
später als bei Aether, in 9—7,2—7—4—5 Minu¬ 

ten ein. Aus allem dem Angeführten und aus den 
experimentell-theoretischen Daten geht nach meiner An¬ 
sicht unzweifelhaft hervor, dass der Aether das Mittel 
I der Wahl für die Inhalations-Narkose sein muss. 

Da aber trotz grösster Vor- und Umsicht die Inhala- 
i tionsnarkose einen gewissen Prozentsatz an unvermeidbaren 

1 Todesfällen liefert, so ist das stete Streben der Aerzte- 

i weit gewesen, andere Mittel zur Betäubung der Opera¬ 

tionsschmerzen zu suchen. So kam man zum Gebrauch 
der lokalen Anaesthetica. 

| Seit Alters spielte die Kälte ja eine grosse Rolle, 
I sei es durch Eisapplikation, sei es durch Erzeugung von 
Verdunstungskälte. Die eigentliche Aera der lokalen 
' Anaesthesie begann erst mit der Einführung der Anwen- 
' düng von Kokain durch Koller 1884. 

| Das Gemeinsame aller Mittel zur lok;J Anaesthesie 
j im Gegensatz zu den Narkotizis ist, dass sie vom 

Schmerz befreien durch Einwirkung auf die peripheren 
! Endapparate der Nerven oder ihre Leitungs f;,,i igkeit läh- 


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54. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 4. 1912. 


men, während die Narkotika durch das Zentralorgan wirken. 
Damit ist denn verbunden, dass die Narkotika den Pat. 
für die Zeit der Operation von allen Leideu, den physi¬ 
schen sowohl, als den psychischen befreien, die Anaesthe- 
tika aber nur die Hälfte dieser Aufgabe erfüllen, sie 
stellen also an die Willenskraft des Pat. und das Ver¬ 
trauen zum Aerzte grosse Anforderungen, denen ängst-. 
liehe, nervöse Naturen, sowie Kinder nicht genügen 
können. 

v Es kann und soll dieses aufgewogen werden durch 
die Ungefährlichkeit der Anaesthetika. Die physikalischen 
Methoden durch Eisapplikation oder Verdünstungskälte 
leicht flüchtiger Körper, wie Aether, Chloraethyl, Chlorme¬ 
thyl -f- Chloraethyl als Coryl oder Anaesthyl, Anaesthol, 
Methaethyl, Rhigolen, Aethylenchlorid, Amylen, Schwefel¬ 
kohlenstoff, Bromaethyl, Kohlensäure sind natürlich ganz 
ungefährlich, eignen sich aber nur für die kleine Chirurgie, 
nur stark gesteigerter Enthusiasmus erklärt es, dass 
Richardson und Greenhaegh den Kaiserschnitt schmerz¬ 
los ausgeführt haben wollen unter Aetherspray. — 

Nicht so vollständig gefahrlos blieb die lokale Anaesthe- I 
sie durch chemische Agentien seit Einführung des Ko¬ 
kains. Dieses Mittel forderte bald Opfer an Gesundheit 
und Leben. Falk sammelte bis 1890 schon 178 schwere 
Vergiftungen mit 10 Todesfällen. Es besteht bei manchen 
Menschen eine Idiosynkrasie gegen Kokain, so dass bei 
kleinen Dosen von 0,06 Subkutan Todesfälle beobachtet 
sind von Mannheim, Ploss, Falk durch Herzsynkose und | 
Apnoe, wenn auch erstere nicht so blitzartig schnell ein- 
tritt, wie bei Chloroform. Die Suche nach unschädliche- ; 
ren Anaesthetizis förderte zutage: Eukain, 2. Tropakokain 
3. Akoin, 4. Johimbin, 5. Holokain 6. Stovain 7. Alypin 
8. Novakain. Alle diese Mittel ausser Johimbin stehen 
dem Kokain an Giftigkeit nach und lassen sich sterili¬ 
sieren, was bei Kokain nicht möglich, da hohe Tempe¬ 
raturen das Kokain zersetzen. Es erlaubt mir die Zeit 
nicht in eine Abschätzung dieser Mittel gegen einander 
zu treten. 

Erwähnt muss aber werden, dass die Erfahrung 
lehrt, sie seien wirklich bedeutend weniger gefährlich als 
Aether und Chloroform. Beispielsweise sammelte Miku- ] 
liez 100000 Fälle von Lokalanaesthesie mit 3 Todesfällen. ] 
Jedenfalls scheint daraus hervorzugehen, dass man bei 
vorsichtiger Anwendung dieser Anaesthetika nicht um- i 
sonst auf die Wohltaten der Inhalationsnarkose, die Aus- | 
Schaltung des Bewusstseins, verzichtet hat. Merkwür- j 
digerweise ergibt eine andere Zusammenstellung von j 
Mikuliez scheinbar geradezu paradoxe Zahlen, er stellte | 
für bestimmte Operationen die Zahl der nach Chloroform- | 
narkose und nach lokaler Anaesthesie mit Kokain nach 
Schleich beobachteten Pneumonien in Vergleich. Ich werde 
die Zahlen für die einzelnen Rubriken grosser Operationen 
nicht anführen, sondern nur die Summen zitieren. Es 
fanden sich bei 1007 Operat. unter Chlorof. 7,6% 
Pneum. mit 3,4% Mortalität. Bei 273 Operat. untere 
Schleich 12,6% Pneum. mit 4,7% Mortalität. 

Es soll daraus durchaus nicht gefolgert werden, dass 
die lokale Anaesthesie häufiger und bösartigere Pneu¬ 
monien gäbe, sondern nur, dass lokale Anaesthesie nicht 
vor Pneumonien schützt. Offenbar haben hier oft 
Schwäche und Kachexie zur Vermeidung der allgemeinen j 
Narkose genötigt. Die Pneumonie ist eben ein schlechter ' 
Gradmesser für die Gefährlichkeit eines Betäubungs- I 
mittels. | 

Die Anwendungsweise dieser Lokal-Anaesthetika ist j 
letzter Zeit mannigfach geworden, neben der subkutanen j 
Injektion am Ort der Inzision, der ältesten Methode, ist j 
das Anaesthetikum von Oberst zur regionären Anaesthesie l 
in die Umgebung der das Operationsgebiet versorgen¬ 
den Nerven gespritzt worden, oder es ist das Operations¬ 
terrain sukzessive infiltriert worden mit schwachen Lö- 1 
sungen nach Schleich, oder es ist das Operationsfeit 1 
mit stärkeren Lösungen umgrenzt worden von Reclus, 


oder endlich von einem oder ein paar Einstichen aus 
an alle zuführenden Nerven das Anaesthetikum injiziert 
worden nach der Methode von Braun. 

Im Allgemeinen erobert sich letzhin die lokale 
Anaesthesie immer weitere Gebiete bis in die ganz 
grossen, tief eingreifenden Operationen. Ob sich das 
mit der Humanität verträgt, bleibt eine Frage, die hier 
nicht entschieden werden soll. 

Nahe verwandt der Lokal-Anaesthesie und doch wie¬ 
der von ihr gesondert steht die Medullär-Anaesthe- 
s i e, wenn jene den peripheren Nerven lähmte, so greift 
diese direkt ein ganglionäres Organ an, die Medulla 
spinalis. 1885 hat Korning diese Methode geschaffen, 
sie fand aber keinen Anklang, erst als Bier 1899 diese 
Methode ohne Kenntnis der Korning’schen Arbeiten ver¬ 
öffentlichte, wurde sie populär und fand allerorts Anwen¬ 
dung. Mit grossem Enthusiasmus begrüsst, nur von 
wenigen bemäkelt, wurde sie sehr schnell Allgemeingut. 
Nur in den allerletzten Jahren, hat die rückläufige Be¬ 
wegung eingesetzt und sich verbreitet. 

Wie bekannt, wird das Anaesthetikum vermittels 
Injektion in den Duralsack des Lendenteils der Wirbel¬ 
säule appliziert, ist also anwendbar für die untere Kör¬ 
perhälfte vom Nabel abwärts. Die Bestrebungen auch 
höher gelegene Regionen der Methode zu unterwerfen, 
indem man den Pat. nach der Injektion in Beckenhoch- 
lagerung bringt und dadurch das Anaesthetikum in höhere 
Regionen der Medulla spinalis hinfliessen liess (Kader, 
Jonesco) haben keinen Beifall gefunden, da dadurch die 
Hauptgefahr der Medullär-Anaesthesie, die Einwirkung 
des Anaesthetikums auf die Medulla oblongata geradezu 
provoziert wird. 

Was leistet nun diese Methode der Medulläranaesthe- 
sie? Kann sie das ersehnte Ersatzmittel der gefürchte¬ 
ten Allgemein-Narkose sein? Ist sie daher berufen die 
Allgemein-Narkose zu ersetzen? Von Anfang an habe 
ich gewagt, diese Fragen alle strikt zu verneinen, denn 
sie leistet nur einen Teil der Allgemein-Narkose, sie ist 
schädigender und gefährlicher als die Narkose, sie darf 
daher nur in seltenen Ausnahmefällen bei absoluter 
Kontraindikation der Inhalations-Narkose angewandt wer¬ 
den, wenn der Kranke sich nicht zur Lokalanaesthesie 
entschliessen kann. 

Meine Bedenken gegen die Medullär-Anaesthesie 
haben sich im Laufe der Jahre mehr als bestätigt. In 
c. 6—10% der Fälle tritt die gewünschte Analgesie nicht 
ein und es muss zur Inhalationsnarkose gegriffen wer¬ 
den, üble Nebenerscheinungen treten nach Hildebrandt 
bei den verschiedenen Mitteln in 17— 70% ein. Diese 
Maximalzahl liefert Kokain mit Suprarenin. 

Diese Nebenwirkungen bestellen in folgenden Er¬ 
scheinungen: sogen. Meningismus, bis zur Unerträglich¬ 
keit steigende Kopfschmerzen, Trübung des Liquor cerebra- 
lis, ähnlich wie bei Meningitis, Kreuzschmerzen, Schlaf¬ 
losigkeit bis zu 7 Nächten, vasomotorische Störungen 
in Gestalt von Herabsetzung des Blutdrucks, dann aber 
auch Nachblutungen (Hepmeier), Fieber, Schüttelfrost, 
Aufregungszustände, Bronchopneumonie, Augenmuskel¬ 
lähmungen. (Abducens und Trochlearis-Pareseti), ein¬ 
seitige und doppelseitige Lähmungen in den unteren 
Extremitäten, Harnverhaltung oder Inkontinenz, Incon¬ 
tinentia alvi, endlich Atemlähmung. 

Ueber die Häufigkeit dieser Neben- und Nachwir¬ 
kungen existieren nur für einzelne Erscheinungen brauch¬ 
bare, d. h. grosse Zahlen und auch diese zersplittern 
sich sehr, sobald man sie für die vielen gebrauchten 
Mittel einzeln gruppieren will, daher auch die wider¬ 
sprechendsten Lobeserhebungen der einzelnen Mittel. 

Bezüglich der Lebensgefährlichkeit der Medullär- 
Anaesthesie gehen die einzelnen Angaben sehr weit aus¬ 
einander und sind nur glänzend in Berichten über kleine 
Zahlen, grössere Reihen offenbaren eine erschreckende 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 4. 


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Sterblichkeitsziffer, die sich stets unter 1:1000 hält, ge¬ 
wöhnlich wird ein Todesfall auf 500—800 gerechnet. 

Grosse Enthusiasten wie Strauss für Tropakokain 
rechnen 1:2200 heraus. Doch scheint mir diese Rech¬ 
nung ganz unstatthaft, denn Straus theilt dabei die ge¬ 
meldeten Todesfälle in vier Kategorien, von denen er 
nur die der vierten in die Berechnung zieht und so 
1:2200 erhält. Erstens ist diese Mortalitätsziffer immer 
noch schlechter als die bei Chloroformnarkose und 
zweitens ist nach meiner Meinung mindestens noch die 
dritte Kategorie in die Berechnung einzubeziehen, dann 
erhält man aber schon das Verhältnis 1:500—800, also 
-eine sehr böse Mortalität. 

Ich meine also mit vollem Recht bei meiner anfäng- t 
liehen Kritik bleiben zu müssen. Einstweilen ist die j 
Methode noch zu neu, um sich überlebt zu haben. j 

Versuche ich aus dem kurzen, daher nur oberfläch- ; 
liehen Ueberblick über die Entwicklung der Frage von j 
den Betäubungsmitteln in den chirurgischen Disziplinen , 
der Medizin ein Fazit zu ziehen, so muss ich sagen: i 
Für ernste chirurgische Eingriffe, sowie überhaupt für j 
Kinder und ängstliche Kranke, bleiben die Mittel der 
Wahl die indifferenten Narkotika Aether und Chlo¬ 
roform, für kleinere und mittlere, nicht zu tiefe Eingriffe 
die Lokal-Anaesthesie und nur für Ausnahmefälle ist die 
gefährlichste Anaesthesie, die Medullär-Anaesthesie zu¬ 
lässig. 

Aus der chirurgischen Abteilung des Stadtkrankenhauses j 
in Jurjew (Dorpat). 

Zur Frage der radikalen chirurgischen Therapie | 
des Volvulus der Flexura sigmoidea. 

Vom Assistenzarzt N. M a k e w n i n, I 


Als radikale chirurgische Therapie kann man nur eine 
solche bezeichnen, welche den Organismus in Bedin¬ 
gungen stellt, die dem normalen physiologischen Zu¬ 
stande nahe kommen und die meisten Chancen für einen 
erfolgreichen Kampf mit der Krankheit bieten, — d. h. 
wenn der Chirurg es sich zur Aufgabe stellt, nicht nur 
den ganzen Krankheitsherd zu entfernen, sondern gleich¬ 
falls die physiologischen Wechselbeziehungen zu er¬ 
halten oder gar die letzteren da, wo sie durch die 
Krankheit zerstört sind, zu erneuern. 

Der von mir im Jahre 1908 operierte Fall von Fle- 
xurvolvulus zeigt meines Erachtens deutlich, wie weit 
die sogen, radikalen Massnahmen, deren man sich bei 
der Operation des Flexurvolvulus bedient, physiologisch 
sind. 

Dieser sowohl äusserst seltene als interessante Fall 
ist folgender: 

Nr. 927. 1. VIII 1908 trat ins Jurjewsche Stadtkrankenhaus der 
55-jährige Este Jaan P. ein mit Klagen über starke den zweiten Tag 
anhaltende Leibschmerzen; den letzten Stuhlgang hat Patient vor 
3 Tagen gehabt, Winde gehen nicht ab; einige Mal hat sich Er¬ 
brechen eingestellt; das Erbrochene enthielt anfänglich Speisereste, 
darauf Galle. Der Leib ist stark gebläht. Die Schmerzen tragen 
periodischen Charakter. 

Der Patient hat, so weit er sich besinnen kann, immer an Ver¬ 
stopfung gelitten; Schmerzen, ähnlich den gegenwärtigen, haben sich 
nicht zum ersten Male eingestellt; im Jahre 1899 ist der Patient 
zum ersten Male von Professor Koch in der Fakubätsklinik ope¬ 
riert worden, zum zweiten Male — daselbst im März 1908 von Prof. 
Zoege von Manteuffel infolge von Erkrankungen unter ähn¬ 
lichen Erscheinungen; daher hatte er sich auch dieses Mal um Hülfe 
an die nämliche Klinik gewandt. Daselbst wurden ihm einige Kly- 
stiere gemacht ohne jedoch eine Stuhlentleerung zu erzielen, worauf 
er zur Operation ins Stadtkrankenhaus geschickt wurde. Nach re¬ 
sultatlosen 2—3 Kiystiren wurde hier zur Operation geschritten, zu 
welcher der Kranke seine Einwilligung gab. 

Der Patient ist von mittlerem Wuchs, regelmässigem Körperbau, 
massiger Ernährung, die Muskulatur ist schwach entwickelt. Der All¬ 
gemeinzustand ist schlecht. 


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I 


Bei Inspektion des Abdomens gewahrt man eine Narbe, die sich 
vom Sehwertfortsatz bis zur Symphyse erstreckt, der Nabel fehlt. 
Im unteren Teile des Abdomens sind in der Narbe noch nicht ver¬ 
heilte mit Granulationen bedeckte Stellen zu sehen. Im oberen Teile 
— ist die Narbe ausgedehnt und daselbst findet man eine Hernie. 
Der Leib ist ungleichmässig gebläht — die stärkste Auftreibung wird 
unten in der rechten Bauchhälfte beobachtet, ausserdem ist eine 
starke, lokalisierte Auftreibung im rechten Hypochondrium vorhanden. 
Zeitweilig erscheint an den aufgetriebenen Stellen sichtbare Peristaltik. 
Die Palpation des Abdomens ist nicht schmerzhaft. Die ganze Bauch¬ 
fläche hat tympanitischen Klang; ein Exsudat ist nicht zu konsta¬ 
tieren. Die Leberdämpfung lässt sich nicht feststellen. 

Die untere Lungengrenze ist etwas nach oben gedrängt. Lieber 
den Lungen trifft man trockene Rasselgeräusche an. Die obere Herz¬ 
grenze ist an der III. Rippe; die Herztöne sind dumpf, Puls 100, 
regelmässig, von mittlerer Füllung. Die Harnabsondemng ist ange¬ 
halten. Die linke Hornhaut weist eine Macula auf. Temperatur 36,4°. 

Operation in Chloroformnarkose unter Assistenz von Dr. Selma 
F e 1 d b a c h. Ich habe einen Schnitt die Linea alba entlang ge¬ 
macht. In der Bauch wand treffen wir Nähte von der letzten Ope¬ 
ration. Nach Eröffnung der Bauchhöhle entrinnt derselben ein kleines 
Quantum heller Flüssigkeit. In der Bauchhöhle fanden wir folgendes 
Bild vor: der Dünndarm ist mässig aufgetrieben, aus der Wunde 
drängt sich eine bis zum Volumen des Magens geblähte Dickdarm¬ 
schlinge hervor; aus der Bauchhöhle hervorgeholt, erwies sich die 
geblähte Schlinge als die Flexura sigmoidea; ihr Rektalschenkel war 
durch 4 zur vorderen Bauchwand hinziehende Stränge fixiert, der 
obere Schenkel aber hatte sich um diese Stränge herum um 180° in 
der Richtung des Uhrzeigers gedreht, das durch Gase geblähte S ro- 
manum war zum Teil ins kleine Becken eingekeilt, teils nahm es die 
rechte untere Hälfte des Abdomens ein. Die Stränge wurden durch¬ 
gerissen und der Darm durch einen ns Rektum eingeführten Schlauch 
entleert. Der fünfte Strang zog zum Kolon transversum. Die 
Stränge waren IQ—12 zm. lang, sie wurden sämtlich entfernt Das 
S romanum erschien mit einer grossen Anzahl fibrinöser Beläge be¬ 
deckt, seine Wandung sowie diejenige des Mesenterium — ödematös 
und mit einer grossen Anzahl von Narben versehen, weshalb es sich 
beim Palpieren als ziemlich kompakt erwies. Nach Entleerung bil¬ 
dete das S romanum eine Menge von Falten und seine Kuppe ragte 
ins linke Hypochondrium, die Schenkel sind an ihrer Basis einander 
näher gezogen. Einfache Detorsion. 

Die Bauchhöhle wird vernäht und unter die Haut ein Tampon 
geführt. 

4. VIII. Stuhlentleerung. Selbstbefinden gut. Der Tampon wird 
entfernt. 

10. VIII. Die Nähte werden entfernt. 

21. VIII. Als genesen entlassen. 

Rezidive des Flexurvolvulus nach einfacher Rück¬ 
drehung sind weitaus nicht selten: zur Verhütung eines 
Rezidives sind folgende operative Massnahmen vorge¬ 
schlagen worden, welche von den betreffenden Autoren 
als radikale bezeichnet werden: Spalten der Narben im 
Mesosigmoideum, Fixation des Darmes oder seines Me¬ 
senteriums an der vorderen Bauchwand, Anlegen pa¬ 
ralleler Falten im Mesenterium, Ausschluss des S roma¬ 
num durch Anastomosenbildung zwischen den Schen¬ 
keln. der Flexur an ihrer Basis oder zwischen dem 
Dünndarm und dem S romanum, endlich Resektion des 
S romanum. 

Es ist klar, dass unter allen diesen Massnahmen 
Resektion die radikalste ist. 

In unserem Falle ist im Jahre 1899 durch Professor 
Koch eine Resektion desS romanum ausgeführt (Nr. 126 
Operation 20. II 1899). Rezidiv trat nach 10 Jahren ein. 

Fälle von Resektion des Sromanum sind nicht be¬ 
sonders viel beschrieben worden. Mir persönlich ist es 
nicht gelungen in der Literatur Fälle zu finden, wo nach 
Resektion der Flexur ein Rezidiv beobachtet worden 
wäre, somit erscheint der gegenwärtige Fall, soviel mir 
bekannt, als erste derartige Beobachtung. 

16. III 1908 fand Prof. Zoege von Manteuffel 
bei der Operation des Rezidives eine Drehung der 
Flexur um 360° und fixierte den Darm durch an das 
Mesenterium angelegte Nähte an der vorderen Bauch¬ 
wand. 

1. VIII Der dritte Anfall von Achsendrehung. Es 
war eine Drehung um nur 180° und der Grund des 
vollständigen Abschlusses bestand in der Inkarzeration 
durch Stränge des Rektalschenkels der Flexur. 

Aehnliche Inkarzeration durch Adhäsionen haben 
Skliffasowsky und Kuester beobachtet. Roux 


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56. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. As 4. 


1912. 


hat in einem Rezidivfalle die zur Fixation des Darmes 
an das Mesenterium angelegten Nähte durchgerissen ge¬ 
funden. 

Wir beschränkten uns bei der Operation auf einfache 
Detorsion, da der Zustand des Kranken nicht besonders 
gut war, und die Operation schneller beendet werden 
musste. Diesen Kranken beobachte ich nun im Laufe 
von 3 Jahren, ln diesem Zeitraum hat er 4 Mal An¬ 
fälle von heftigen Leibschmerzen gehabt unter Erschei¬ 
nungen, die an einen Darmverschluss erinnern, nach 
hohen Klystieren sind aber jedes Mal sämtliche Krank¬ 
heitserscheinungen gewichen. Durch bittere Erfahrung 
belehrt, beobachtet der Patient jetzt sorgfältig seine Darm¬ 
tätigkeit, hält die vorgeschriebene Diät ein und eilt beim 
Einsetzen der Schmerzen sofort ins Krankenhaus ohne 
sich länger zu Hause aufzuhalten. 

Der beschriebene Fall zeigt somit, dass selbst ein 
Eingriff, wie Resektion des S romanum, die Kranken 
keineswegs von der Gefahr neuer Rückfälle erlöst — 
unser Patient hatte nach der Operation 2 Mal eine 
Achsendrehung und noch bis auf den heutigen Tag 
treten bei ihm Anfälle von Darmverschluss ein. 

Der durch Resektion verkürzte Darm hatte sich von 
neuem dermassen verlängert, dass Prof. Zoege von 
Man teuffei bei ihm eine Drehung um 360° konsta¬ 
tierte und es für nötig befand ihn zu fixieren. Wir 
hatten es bei der Operation zweifellos mit einer langen 
Schlinge zu tun. Prof. Zoege von Manteuffel 
fand am Rektalende des S romanum eine zirkuläre Narbe; 
infolge von Ablagerung fibrinöser Membranen auf der 
Schlinge konnten wir die zirkuläre Narbe nicht wahr¬ 
nehmen. 

Somit ist die Tatsache der Verlängerung des rese¬ 
zierten S romanum zweifellos. Wodurch lässt sich aber 
eine derartige Erscheinung erklären? Es drängt sich 
der Gedanke auf, dass 4m Zusammenhang mit dem phy¬ 
siologischen Bedürfnis das S romanum auch eine genügende 
Länge und bedeutende Beweglichkeit besitzen muss, 
weshalb sie nach einer Fixation die künstlichen Verlö¬ 
tungen ausdehnt und durchreisst, nach einer Resektion 
aber sich verlängert. 

Zum Schluss erachte ich es für eine angenehme 
Pflicht, Prof. Zoege von Manteuffel meinen Dank 
auszusprechen für die Erlaubnis, die sich auf den ge¬ 
genwärtigen Fall beziehenden Krankengeschichten der 
chirurgischen Fakultätsklinik zu benutzen. 

Literatur. 

F. Kuhn, Ueber Volvulus der Flexura sigmoidea. 
Beiträge zur klinischen Chirurgie Bd. 36, 1902. — H.M. 
r.flfl3iiJTeHH'b, Kt> nam/iorin h xHpypnmecKOMy ;ie- 
qeHiio 3aB0p0Ta S. oöpa3HOH khihkh. Xnpyprifl 1907, 
iiOHb. — C. d>. ,HepK)>KHHCKiH, O/iynan onepauin no 
noBO^y 3aßopoTa S. Romani. XHpypria 1909, <f>eBpa/ib. 
— P. Le eine, Contribution a l’etude des volvulus du 
gros intestin. Revue de Chirurgie 1910, Nr. 1. — B. Ei¬ 
se lsberg, Zur Radikaloperation des Volvulus und der 
Invagination durch Resektion. Deutsche Med. Wochen¬ 
schrift 1899, Nr. 49. — W. Wilms, Der Ileus. Deutsche 
Chirurgie. Bd. 46. 


Bemerkung zu Dr. M. Eliasberg s Artikel: 

„Verband und Nachbehandlung nach Augenoperationen“ 

in Nr. 2. 1912 dieser Zeitschrift, 
von Dr. E. B 1 e s s i g. 

Genannte Mitteilung veranlasst mich zu erwähnen, dass ein 
Verband, wie Verfasser ihn beschreibt: quer über das Gesicht gehender 
Marlystreifen, dessen geschlitzte Enden über und unter den Ohren 
nach hinten geführt und auf dem Hinterhaupt geknüpft werden — 
schon seit vielen Jahren in unsrer St. Petersburger Augenheilanstalt 
in Gebrauch ist. Dieser bei uns unter dem Namen „uonepeqnbifl 
aciKiil 6mhtt>“ („leichte Querbinde“) längst bekannte Verband hat 
tatsächlich alle vom Verf. angegebenen Vorzüge. Wir legen ihn 
allerdings nur binokular an und bisher auch nicht bei frisch operierten 


Starpatienten, doch dürfte er auch bei solchen einem regelrechten 
Binoculus nicht nachstehen. Uebrigens möchte ich bei dieser Gele¬ 
genheit einen sinnentstellenden Druckfehler in erwähntem Artikel 
zurechtgestellt wissen: Spalte 1, Zeile 10 bis 8 von unten soll es 
doch offenbar heissen: „nur dasjenige Stück, welches direkt über 
dem Auge zu liegen kommt, ist nicht durchsnitten" (?). — 


Bücherbesprechungen und Referate. 

D. v. Hansemann. Ueber das konditionale Denken 
in der Medizin und seine Bedeutung für die Praxis. 
Berlin 1912. Verlag von August Hirschwald. 184 
Seiten. Ref. Dr. F. Holzinger. 

Der unverfängliche Titel des vorliegenden Buches, 
lässt es kaum ahnen welch schwerwiegender Inhalt sich 
dahinter verbirgt. Das Missverhältnis zwischen unleugbar 
grossem Fortschritt der biologischen Wissenschaften und 
einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit in der Deutung 
pathologischen Geschehens, einem Gefühl, dem sich ein 
denkender Arzt schwer entziehen kann, zahlreiche Irr- 
tümer und Misserfolge, die gerade in den letzten Jahren 
hervorgetreten sind, als man glaubte vor einem der 
letzten Tore pathologischer Erkenntnis zu stehen, merk¬ 
würdige Auswüchse der Therapie und nicht zuletzt, ge¬ 
fährliche Schwankungen des Standesprestige, das alles 
hat schon manches Mal zu der Frage geführt, ob auch 
die Medizin den richtigen Weg gehe. Der rühmlich be¬ 
kannte Berliner pathologische Anatom macht hier den 
Versuch den Grund der Disharmonie zwischen dem 
Wachstum der Erkenntnis und der inneren Befriedigung 
der Träger der Wissenschaft aufzudecken. Dass die 
Forschung einen falschen Weg eingeschlagen haben 
sollte, erklärt Verf. kurzer Hand für ausgeschlossen. 
Der Grund ist ein anderer: unsere Denkweise ist falsch. 
Die kausale Denkungsart, die auch sonst viel Schaden 
gestiftet hat, hat in der Medizin zu einer Begriffsver¬ 
wirrung geführt und die Folge davon ist eben der un¬ 
erquickliche Zustand in dem sich viele, scheinbar am 
tiefsten durcharbeitete Fragen befinden. Besonders die 
Frage der Krankheitsursachen. Gestützt auf philo¬ 
sophische Autoritäten, weist Verfasser nach, dass das, 
was als Krankheitsursache allgemein angenommen wird, 
garnicht der Definition des Ursachenbegriffes entspricht 
und dass hier eine folgenschwere Verwechselung der Be¬ 
griffe Ursache und Bedingung vorliegt. Aber nicht 
allein das, der Fehler reicht noch weiter, weil es 
eigentlich gar keine Krankheitsursachen gibt, denn „die 
feste und unwandelbare Beziehung zwischen Ursache 
und Wirkung ist ein philosophisches und rein theo¬ 
retisches Problem, das in der Praxis nicht vorkommt, 
und jedes Ereignis ist nicht zurückzuführen auf eine 
Ursache, sondern auf eine Summe von Bedingungen.“ 

An der Hand von Beispielen zeigt Verf. wie leicht 
bei philosophisch richtiger Betrachtungsweise sich Klä¬ 
rung bringen lässt in Frage«, die durch scheinbar dia¬ 
metral entgegengesetzte Anschauungen sich in einem fast 
chaotischen Zustande befinden. Und zwar genügt dazu der 
Uebergang von der kausalen auf die konditionale 
Betrachtungsweise. Diese letztere „ermöglicht es die 
Fehlerquellen in der Beobachtung genauer festzustellen, 
die Fragestelluug zu präzisieren und vermeidet eine Ein¬ 
seitigkeit in der Betrachtungsweise.“ Ungemein ekla¬ 
tant tritt die Klärung von Widersprüchen und die Eini¬ 
gung scheinbarer Gegensätze bei der konditionalen Auf¬ 
fassung der Infektionskrankheiten hervor und hier ganz 
besonders bei derjenigen der Tuberkulose. Allerdings 
muss hervorgehoben werden, dass in der glänzenden 
Beweisführung des Verf. nicht allein Präzision der Frage¬ 
stellung und Vielseitigkeit der Auffassung des Problems, 
sondern auch ein reichhaltiges eigenes Tatsachen¬ 
material eine grosse Rolle spielt und dazu beiträgt die 
Bedeutung der übrigen, zu Gunsten des Tuberkelbazillus 
vernachlässigten Entstehungsbedingungen der Tuberku- 


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1912. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Nb 4. 57. 


ose, zu rehabilitieren. — Aber nicht allein die Aetio- 
logie der Tuberkulose, sondern auch diejenige der üb¬ 
rigen infektiösen und nichtinfektiösen, traumatischen und 
toxischen Erkrankungen, Geschwülste, Epidemieen findet 
in dem Buche ihre Behandlung im Sinne der konditio¬ 
nalen Auffassung und die Vorzüge dieser Auffassung 
gegenüber der kausalen werden ins rechte Licht gestellt. 
Dieselben sind so augenfällig, dass eine spätere Zeit 
sich wundern wird über die Naivetät unseres Zeitalters, 
das ein Viertel Jahrhundert mit den Worten Ursache 
und Wirkung operiert hatte, ohne sich über die Be¬ 
deutung dieser Begriffe klar zu werden. Es fällt wie 
Schuppen von den Augen des unbefangenen Lesers, 
wenn er die strittigsten Fragen in der neuen Beleuch¬ 
tung geklärt vor sich sieht und eigentümlich berührt es 
ihn, dass ohne im geringsten am Tatsachenmaterial der 
Forschung zu rütteln, die konditionale Betrachtungs¬ 
weise selbst einander scheinbar widersprechende For¬ 
schungsresultate in harmonischen Einklang bringt. Die 
Bedeutung der vorliegenden Untersuchung beschränkt 
sich aber nicht allein auf das Gebiet der Erkenntnis und 
Verf. hat recht, wenn er in einem seiner Schlusssätze 
sagt: „die konditionelle Betrachtungsweise ist nicht blos 
von theoretischer Bedeutung im rein wissenschaftlichen 
Sinne, sondern sie ist auch von praktischer Bedeutung 
und von unmittelbarem Einfluss auf das Handeln im 
einzelnen Falle.“ 

Wenn Verf. auch nicht der Erfinder der konditio¬ 
nalen Betrachtungsweise ist und sich auf mehrere Vor¬ 
gänger stützen kann, so ist es jedenfalls sehr verdienst¬ 
lich, dass er als erster dieselbe in grossem Umfange 
auf Fragen der praktischen Medizin angewandt hat. 

Das interessante Buch ist sowohl wissenschaftlichen 
Skeptikern, als auch Enthusiasten auf das wärmste zu 
empfehlen. Die ersten werden Trost, die letzten nütz¬ 
liche Dämpfung finden und ein jeder, dem der wahre 
Fortschritt am Herzen liegt, wird der harten aber ge¬ 
rechten Kritik einer Geistesrichtung Beifall spenden, die in 
Pietätlosigkeit der älteren Forschung gegenüber schwer 
gefehlt und über die eigenen „Riesenfortschritte“ bra¬ 
marbasierend nicht den groben Fehler im eigenen Denken 
gemerkt hat. Das vorliegende Buch bedeutet das Heran¬ 
dämmern einer neuen Epoche. 

Eugen Joseph (Berlin) Lehrbuch der Hyperämie¬ 
behandlung akut chirurgischer Infektionen. Mit 
einem Vorwort von Prof. August Bier, 16 Tafeln 
u. 14 Abbildungen u. Kurven im Text. Leipzig 
1911. Verlag von Dr. Werner Klinkhardt. 283 S. 
Ref. Dr. Brennsohn. 

Durch die Veröffentlichung dieses Werkes, welches 
durch ein Vorwort von Prof. Bier eingeführt wird, hat 
sich der Autor ein grosses Verdienst erworben und wird 
sicher der Hyperämiebehandlung neue Anhänger ge¬ 
winnen. Er zeigt auf Grund vielfacher Erfahrungen in 
den chirurgischen Universitätskliniken zu Bonn und 
Leipzig, wie der Praktiker die Hyperämiebehandlung bei 
akuten Entzündungen anzuwenden habe. Hierbei offen¬ 
bart er ein tiefes Verständnis aller entzündlichen Vor¬ 
gänge im Gewebe, deren Kenntnis unumgänglich nötig 
ist, um die Hyperämiebehandlung mit Erfolg anzuwenden. 
Das Buch ist daher allen Aerzten warm zu empfehlen, 
man findet in demselben nicht nur einen praktischen, 
zuverlässigen Ratgeber, sondern auch reiche wissen¬ 
schaftliche Anregung. Die Sprache ist fliessend und 
edel, der Gegenstand klar und fesselnd dargestellt, so 
dass man immer wieder gern zum Studium des Buches 
zurückkehrt. Das ganze Gebiet ist in 16 Kapiteln ab¬ 
gehandelt. In den ersten wird die Entzündung im all¬ 
gemeinen, die Eiterung, Granulationsbildung im Ver¬ 
hältnis zur Stauungshyperämie besprochen; dann folgt 
die allgemeine Indikations- und Kontraindikationsstellung 
und die allgemeine Technik der Hyperämisierung. In 


der zweiten Hälfte des Buches wird die Behandlung der 
einzelnen akut-chirurgischen Infektionen (Furunkel, 
Karbunkel, Lymphangitis, Erysipel, Panaritium, vereiterte 
und gonorrhoische Gelenke, Osteomyelitis etc.) mit reich¬ 
lich eingestreuten instruktiven Krankengeschichten ge¬ 
schildert. Am Schlüsse der Arbeit findet sich ein sorg¬ 
fältig zusammengestelltes Namen- und Sachregister. Das 
Literaturverzeichnis nimmt über 14 engbedruckte Seiten ein. 

Prof. Dr. med. Fritz Frankenhäuser (Berlin), Physi¬ 
kalische Heilkunde. Mit 77 Abbildungen. Leipzig 
1911. Verlag von Dr. Werner Klinkhardt. 323 S. 
Preis M. 7.50. Ref. Dr. Brennsohn. 

Bei dem steigendem Interesse für die Anwendung 
der physikalischen Behandlungsmethoden ist es freudig 
zu begrüssen, dass der genannte Autor, dem eine viel¬ 
jährige wissenschaftliche und praktische Erfahrung auf 
dem Gebiete der physikalischen Heilmethoden zu Ge¬ 
bote steht, es sich zur Aufgabe gestellt hat, diese von 
einem einheitlichen wissenschaftlichen Standpunkte aus 
zu betrachten. Indem die physikalische Heilkunde „aus¬ 
schliesslich Kräfte zu Heilzwecken“ anwendet, stellt 
sich der Autor die Frage; „Wie hilft man durch Anwen¬ 
dung von Kräften dem Menschen die Höhe seiner 
Leistungsfähigkeit zu erreichen uud zu erhalten oder 
wiederzugewinnen?“ Der Verfasser hat nun dieses 
Prinzip der Kräfte geistreich durchgeführt und teilt sie 
ein in kinetische Kräfte (S. 1—44) thermische(S. 45—124) 
und aktinische (5. 125—204). In 2 grösserer Kapiteln 
folgen dann die Vorbeugung und Behandlung von Krank¬ 
heiten durch Kräfte (S. 205—308). Vermöge seiner gan¬ 
zen Anlage ist das Werk nicht nur dem praktischen 
Arzte, sondern gerade auch dem Studierenden unent¬ 
behrlich; in knapper, gediegener Form wird die ganze 
physikalische Heilkunde bearbeitet, von einem einheit- 
1 i ch e n Standpunkt aus betrachtet und damit ein neuer, 
für die wissenschaftliche Bedeutung der Methode ein 
fruchtbringender Weg betreten. Gute Abbildungen 
schmücken und ein sorgfältig zusammengestelltes In¬ 
haltsregister beschliesst das Werk. 

Dr. Max Böhm (Berlin). Leitfaden der Massage. Mit 
97 Abbildungen. Stuttgart 1911. Verlag Ferdinand 
Enke. 72 S. Ref. Dr. Brennsohn. 

Bei der ungeheueren Verbreitung, die die Anwendung 
der Massage gefunden hat, lässt sich Hoffa’s Forderung, 
dass die Massage ausschliesslich von Aerzten geübt 
werde, nicht durchführen. Es finden sich äusserst wenig 
Aerzte, die selbst sich mit der therapeutisch doch so 
befriedigenden Massage beschäftigen: Das Feld ist da¬ 
her fast ganz den Laien überlassen. Es ist das gewiss 
zu bedauern, indem die Methode durch Masseure und 
Masseusen, die sich häufig wie Aerzte gerieren, orto- 
pädische Institute begründen und reklamenhaft ihre Er¬ 
folge und Methoden anpreisen, diskreditiert wird. Da 
man aber aus oben genannten Gründen doch genötigt 
ist, Laien auszubilden, so sind solche Leitfäden, wie 
der vorliegende von B o e h m , namentlich für Massage¬ 
schulen, recht empfehlenswert. In leicht verständlicher, 
knapper Form bringt B. die Technik der Massage und 
erläutert sie durch zahlreiche, gute Abbildungen. Die 
Ausstattung des kleinen Werkes ist entsprechend der 
rümlichst bekannten Stuttgarter Verlagsfirma eine aus¬ 
gezeichnete. 

Prof. J. Boas. Diagnostik und Therapie der Magen¬ 
krankheiten. 6. völlig umgearbeitete Auflage. Mit 
62 Textabbildungen und 6 farbigen Tafeln. Leipzig 
1911. Verlag von G. Thieme. VIII—679 Seiten. 
Ref. Dr. F. Dörbeck. 

Die neue Auflage hat wesentliche Aenderungen in 
Inhalt und Form aufzuweisen. Während die früheren Auf¬ 
lagen in 2 getrennten Bänden erschienen, hat der Ver¬ 
fasser es für zweckmässiger gehalten, das Buch jetzt in 


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58 St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JST® 4. 1912. 


einem Bande herauszugeben. Der Umfang des Werkes 
ist von 800 auf 670 Seiten reduziert, was dadurch be¬ 
werkstelligt wurde, dass die einleitenden Kapitel über 
Anatomie und Physiologie des Magens weggelassen und 
auch sonst manche Abänderungen und Kürzungen vor¬ 
genommen wurden. Vollkommen neu bearbeitet er¬ 
scheinen die Kapitel über Gastroskopie, Röntenunter- 
suchung und die Lehre von den okkulten Blutungen, 
während die Abschnitte über Chemie des Mageninhalts 
und Diätetik manigfach ergänzt und erweitert sind. 
Die Ergebnisse der neueren Forschungen auf dem Ge¬ 
biete der Physiologie und Pathologie des Magens haben 
durchweg eingehende Berücksichtigung und dank der 
reichen klinischen Erfahrung des Verfassers kritische 
Bewertung gefunden. Wir sind überzeugt, dass das 
Buch auch in der neuen Form dieselbe Anerkennung j 
und Wertschätzung finden wird, wie die früheren 
Auflagen. j 

Rob. P e r s c h. Zur Kompressionsbehandlung der Lungen¬ 
tuberkulose mittelst künstlichem Pneumothorax. 
Wiener klin. Wochenschrift. 1911. .Nb 38. i 

Nachdem F o r 1 a n i n i seine günstige Resultate publiziert hatte, 
fanden sich Aerzte, welche diese Methode anwandten. Der Gedanke 
lag nahe einen kavernös-tuberkulösen Prozess in den Lungen durch ! 
Kompression derselben günstig zu beeinflussen und je immobiler die j 
schwer destruierte Lunge ist, desto günstiger müssen die Aussichten | 
auf ihre Heilung sein. F o r 1 a n i n i verwendet als Kompressionsgas j 
reinen Stickstoff, weil dieser bedeutend langsamer resorbiert wird als ! 
sterilisierte Luft. 

Der einfache Kollaps der Lunge genügt um eine günstige Be- i 
einflussung des zerstörenden Prozesses zu erreichen und auf Grund J 
dieser Erfahrung entwickelte sich die extrapleurale Thora koplastik, > 
doch kommt diese blutige Methode nur bei ausgedehnten Ver- j 
wachsungen der beiden Pleurablätter und Kavernentuberkulose in ! 
den Spitzen in Betracht, in denen wegen Adhaerenz der Lungen ! 
mittels Gas keine Kompression ei zielt werden kann. | 

In geeigneten Stellen verläuft der künstliche Pneumothorax meist 
unter vollständig ruhigem Bilde, der zum schweren Symptomen- ! 
komplex des spontanen in vollständigem Gegensatz steht. Etwaige ' 
unangenehme Zwischenfälle sind nur von vorübergehender Natur und j 
letale Ausgänge sind bei strenger Auswahl der Fälle selten. 

Massgebende Autoren haben gefunden, dass nach längerer Zeit 
der Kompression mächtige diffuse Bindegewebsneubildung Platz 
greift, alte tuberkulöse Herde werden mit dicken oder kreidigen I 
Massen ausgefüllt und von bindegewebigen Kapseln umgeben. Ent- I 
sprechend der bedeutenden Funktionsverminderung ist die Toxin- I 
bildung behindert und findet eine Defluktion des Blutes in die ge- ! 
sundere Lunge statt, die stärker hyperämisch wird. I 

Durch die geänderten intrathorakalen Druckverhältnisse weichen j 
die nachgiebigen Wandungen zurück. Das Mediastinum mit dem | 
Herzen wird auf die andere Seite gedrängt und der Verlauf der I 
grossen Gefässe beeinflusst. Die Verlaufsrichtungen des Oesophagus j 
ist eine andere, wodurch Schluckbeschwerden entstehen, auch findet j 
man eine Verschiebung der Trachea. Die starre Tharaxwand ist ! 
vorgewölbt und das Zwerchfell steht ungewöhnlich tief. Wesentlich 
verändert wird das Bild, sobald sich im Pleuraraum quer verlaufende 
Stränge befinden. Die in ihnen verlaufenden Gefässe können infolge 
des starken Druckes reissen und zu tödlichen Blutungen Veranlassung 
geben. Befinden sich die Adhaesionen über einer Exkavation, so 
kollabiert letztere nicht und der Erfolg bleibt aus. Es sind aber 
Fälle bekannt, in denen durch allmähligc Steigerung des Druckes 
solche Stränge doch genügend gedehnt werden können, so dass sic 
die Kompression nicht mehr behindern. 

Was das Verhalten des Pleura selbst bei den intrathorakalen 
Veränderungen anbetrifft, so fand Saugmann, dass sich in 46,3"/o 
ein Exsudat entwickelt. In der Mehrzahl der Fälle ist es spezifisch 
infiziert, doch muss auch die Möglichkeit einer Infektion durch kleine 
Partikelchen der äusseren Haut zugegeben werden. - Das F.xudat 
wird leicht ertragen und durch die verminderte Resorptionsfähigkeit 
der Pleura wird der Stickstoff schwerer resorbiert. 

Stark beeinflusst werden in ihrer Lage die Bauchorgane. Bei 
rechtsseitigem Pneumothorax ist die Leber unterhalb des Rippenbogens i 
zu palpieren, der Magen steht tief, und cs stellen sich Verdauungs¬ 
störungen mit hartnäckiger Appetitlosigkeit ein. Ferner muss das ! 
Hautemphysem erwähnt werden, welches allerdings keine besondere 1 
Bedeutung hat und nur dann dem Patienten Beschwerden macht, 
wenn es seinen Weg im subpleuralen Bindegewebe nimmt und 
zwischen Trachea und Speiseröhre zum Halse emporsteigt und Er¬ 
stickungsgefühl hervorruft. 

Am geeignetesten für diese Behandlung sind Patienten mit all- j 
seitig freier Pleura. Ausgedehntere Verwachsungen der beiden 
Pleurablätter sind kein Hindernis, da die Möglichkeit einer Trennung 
derselben durch den Druck des Gases vorliegt. Ist aber in der 
„besseren Lunge“ ein progressiv-florider Prozess zu konstatieren, so 
gilt cs als absolute Kontraindikation. Bei Neigung zu starken Lungen- i 


blutungen kann die Operation lebensrettend sein, wenngleich bei 
beiderseitiger Erkrankung, die richtige topische Diagnose häufig 
grosse Schwierigkeiten bereiten kann. 

Je länger die Kompression erhalten wird, um so besser ist es, 
da eine zu frühzeitige Entfaltung der Lunge ungünstige Folgen haben 
kann. Die Beobachtung des Patienten bei gemachtem Pneumothorax 
muss eine peinlichst genaue sein, und die Zeit der Nachfüllung 
ergibt sich aus dem genaueren ärztlichen Befund. 

Was die Methoden anbetrifft, so hat die von F o r I a n i rt i mehr 
Anhänger gefunden als die von L. B a u e r mit dem Schnitt. Der 
einfache Stich kann ohne Schaden für die Kranken mehrfach aus¬ 
geführt werden, F o r 1 a n i n i hat in einer Sitzung 14 Punktionsver¬ 
suche vorgenommen. Die Gefahr der Luftembolie scheint überhaupt 
nicht vorzuliegen. Kann man durch Perkussion Beweglichkeit des 
unteren Lungenrandes feststellen, also freie Pleura nachweisen, so 
ist damit die Einstichsstelle gegeben und die Hauptbedingungen für 
einen Erfolg. Der Einstich muss vermieden werden über einem 
grösseren Herde in der Lunge, in der Supraklavikulargrube und dem 
medialen Abschnitt des zweiten Interkostalraumes. Muskelschwache 
Stellen seitlich von der Mamilla resp. Mamma sind geeignet. Die 
Lage des Patienten soll ein derartige sein, dass die Einstichstelle den 
höchsten Punkt darstellt. — Nun folgt eine genaue Beschreibung der 
Apparate und Schilderung der Technik der Behandlungsmethode. 

Aus dem kritischen Resume, der 4 Krankengeschichten ersehen 
wir, dass im ersten hoffnungslosen Falle die Wirkung des künst¬ 
lichen Pneumotharax eine eklatante war. Ob dieselbe aber von 
längerer Dauer gewesen ist, ist bei den schweren Komplikationen 
wohl kaum anzunehmen. 

Im zweiten schweren Falle war der Einfluss ein sehr günstiger, 
im dritten moribunden Falle war der künstliche Pneumothorax direkt 
lebensrettend, da Patient erst am 22. Tage zu Grunde ging. Beim 
akutprogressiven vierten Falle wurde während der Behandlung eine 
vollständige klinische Gesundheit erreicht. Ff. Mühlen. 

Fackenheim. Neue Wege zur Heilung der Epilepsie. 
Münch. Med. Wochenschr. 1911. JSTs 35. 

Nachdem L. F. Seif in Clairette (Texas) 1906 zuerst zufällig 
die Entdeckung gemacht hatte, dass das Gift der Klapperschlange 
(Crotalus adamanteus) eine heilende Wirkung auf die Epilepsie aus- 
tibt, berichtete Ralph Spangier 1910 (New-York Medical Journal) 
über 11 Fälle von Epilepsie, die er mit gutem Erfolg mit dem ver¬ 
dünnten und sterilen Klapperschlangengift — K r o t a 1 i n genannt — 
behandelt hatte. Fackenheim berichtet nun über 5 Fälle 
von Epilepsie, die er mit dem von Dr. S p a n g I e r enthaltenen 
Krotalin behandelte und in denen er die günstige Wirkung des 
Mittels beobachten konnte. In allen Fällen war eine Besserung des 
Allgemeinbefindens, Kräftigung des Zentralnervensystems, Herab¬ 
setzung seiner Erregbarkeit und Steigerung des Stoffwechsels nach¬ 
zuweisen. Den besten und dauerhaftesten Erfolg erzielt man indem 
Anfangsstadium der Epilepsie. Bei vorsichtiger Anwendung sind 
keine gefährlichen Nebenwirkungen des Krotalins zu befürchten. An 
der Injckfionsstelle sollen sich auch bei Beobachtung aller aseptischer Kau- 
telen starke Reizerscheinungen (Quaddeln, Schwellung, Schmerzen) 
bilden, die aber bald schwinden. F. begann mit Lösungen Vao g., die er 
im Verlaufe von 10 Wochen auf 1 v) steigerte, indem er alle 8 Tage 
eine Einspritzung machte. Im dem Masse wie die Anzahl der Injek¬ 
tionen und die Stärke der injizierten Lösung zunimmt, verringert sich 
die lokale Reaktion. Fr. Dörbeck. 

H. Wolff und Wiewiorowsky. Zur Klinik und 
Therapie des äusseren Milzbrandes. Münchener 
Med. Wochenschr. 1911. Nq 52. 

Auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen sprechen sich die Ver¬ 
fasser für die konservative Behandlung der Milzbrandpustel aus, die 
ja auch schon früher von E. v. Bergmann, v. Br am an n, Lexer 
u. a. empfohlen wurde. Die Verf. verfügen über 13 Fälle von 
Milzbrand, darunter 6 recht schwere und 7 leichtere. 10 Fälle wurden 
nur konservativ behandelt und in allen 10 trat Heilung ein. Von 
den 5 mit Messer behandelten Fällen ging 1 an schwerer Allgemein- 
infektlon zu Grunde. Die konservative Behandlung bestand in 
absoluter Ruhigstellung der erkrankten Partie und Anwendung 
von medikamentösen Verbandmitteln (Jodtinktur, Jodanisol, essig- 
saure Tonerde, Borsalbe u. a.). 

J. Selencw, Ueber die Behandlung der Syphilis mit 
Hektine. Russkij Journal koshnych i veneritsches- 
kich bolcsneij — Februar 1911. 

In dieser umfangreichen Arbeit veröffentlicht Prof. Selenew seine 
Erfahrung bei der Behandlung der Syphilis mit dem französischen 
Präparat Hektine, das von Monneyrat in Paris gefunden und herge¬ 
stellt worden ist. Das Hektine ist ein neues organisches Derivat 
des Arsens, ein bcnzo-sulfo-para-aminophenvlsaures Natronsalz des 

/o 

Arsens mit der Formel O 5 H 'SO-AsH - O* H 4 As - oB- Das Hek- 

\,Na 

tine ist sehr wenig toxisch, viel weniger als Atoxyl, ein normaler Mensch 
von 60 Klg. kann eine einmalige Dosis von 30 Gramm ohne Schaden 
vertragen. Das Hektine wird schnell wieder aus dem Organismus 
ausgeschieden, fast die Hälfte der injezierten Dose in 24 Stunden, 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JSf? 4. 



der Rest in c. 25 Tagen. Verschiedene französische Autoren haben 
damit Versuche angestellt und besonders Hallopeau empfiehlt das 
Mittel zur Abörtivbehandlung des Syphilis in folgender Weise: täg¬ 
liche Injektionen im Verlaufe von 30 Tagen in der Umgebung der 
Primärsklerose, zugleich allgemeine Behandlung mit Hg (Bezol- 
-Quecksilber) und Jod. Bekanntlich steht das Hektine dem 606 nahe 
und hat Ehrlich Einwendungen gegen seine Einführung nach 
Deutschland erhoben. — Selenew wandte das Hektine in einem Fall 
von Primärsklerose auf dem Penis mit Schwellung der benachbarten 
Inguinaldrüsen lokal an bei gleichzeitiger Applikation von Hg. und 
Jod, doch war das Resultat negativ; Ferner bei 6 Fällen von sekun¬ 
därer Lues und in einem Fall von Tabes an. Seine Schlussfolgerungen 
lauten: 1) Die Abortivbehandlung der Syphilis im Primärstadium, 
entsprechend den Ideen von Prof. Hallopeau, scheinen theoretisch 
vollkommen begründet dank der Möglichkeit, die Lokalbehandlung 
mit einem so wenig die Gewebe reizenden Mittel, wie das Hektine I 
es ist, durchführen zu können. Die Methode Hallopeans müsste viel¬ 
leicht noch geändert werden. 2) Hektine, Hg und Jod, auch im 
Anfänge der Lues, vor dem 20. Tage seit Auftreten der Primärsklerose 
angewandt, verhindern nicht immer das Eintreten von Sekundärer¬ 
scheinungen und das Auftreten einet positiven Wassermann’schen 
Reaktion. 3) Die Idee der Abortivbehandlung ist so wichtig, dass 
sie in der sorgfältigsten Weise geprüft und bearbeitet werden muss. 

4) Das Hektine in Dosen von 0,20 in kurzen Intervallen über einen 
Tag in den Körper durch subkutane Einspritzungen eingeführt, hat 
entschieden einen Einfluss auf primäre und sekundäre Erscheinungen 
der Syphilis. 5) Die Wirkung des Hektines, ist ähnlich der Wirkung 
der Arsenobenzols, die Sklerosen schwinden bisweilen schnell, Ulcera 
heilen bald, Lymphdrüsen werden weich, Roseolen blassen ab, Pa¬ 
peln der Haut und Schleimhäute schwinden, Angina spezifika gleich¬ 
falls. In manchen Fällen tritt der Effekt des Mittels aber langsamer 
ein. 6) Nach Behandlung mit Hektine in diesen letzteren Fällen 
wirkt das Hg bibromatum prompt. 7) Nur in einem von 6 Fällen 
wurde die Wassermann'sche Reaktion nach dem Gebrauch von Hek¬ 
tine nicht negativ, im Allgemeinen macht sich aber schnell eine Ab¬ 
schwächung und Schwinden der positiven Reaktion bemerkbar. 

8) Die Spirochaeta pallida schwindet bald 9) Das Gewicht des Pa¬ 
tienten blieb unverändert oder stieg, das Allgemeinbefinden war gut. 

10) Der Haemoglobingehalt und die Zahl der Erythozyten stieg in 
geringem Masse. 11) Es wurden bei Anwendung von 0,20 Hektine 
über einen Tag resp. täglich keinerlei unangenehme Nebenwirkung 
lokaler oder allgemeiner Natur beobachtet. 

H. H o 1 w e g. Zur Diagnose und Therapie der Nieren¬ 
tuberkulose. Münch. Med. Wochenschr. 1911 N° 51. 

Zystoskopie und Ureterenkatheterismus in Verbindung mit dem 
Bazillennachweis sind nach den Erfahrungen des Verf. in den meisten 
Fällen die wichtichste, zuverlässigste und am raschesten zum Ziele 
führende Methode für die Frühdiagnose der Nierentuberkulose. 

Zur Kontrolle ist noch das Tierexperiment anzuwenden. Die P i r - 
uetsche Reaktion ebenso wie die W o 1 ff-E i sn er s c h e und 
almettsche berechtigt in Anbetracht der Tatsache, dass die 
Nierentuberkulose meist eine sekundäre Erkrankung ist, bei positivem | 
Ausfall zu keinen bindenden Schlüssen, wenn auch von anderen 
Autoren die Brauchbarkeit der Ophthalmoreaktion bei tuberkulöser Er¬ 
krankung des Harnapparats hervorgehoben wird. Die Injektionsme¬ 
thode mit Alttuberkulin ist wegen der oft zu beobachtenden heftigen 
Allgemeinreaktion und mitunter auch schwerer Herdreaktion nicht 
zu empfehlen. Ueber den therapeutischen Erfolg des Alttuberkulins j 
bei Tuberkulose des Harnapparats spricht sich der Verf. sehr günstig j 
aus, indem er dieses Tuberkulin für ein Mittel erklärt, das in Fällen, 
wo eine Operation nicht in Frage kommt, die subjektiven Beschwer- ' 
den der Patienten nahezu behebt und wesentliche objektive Besse- ! 
rung schafft. 

Spezifische Behandlung der Nierentuberkulose. Von Dr. 
Wilhelm Karo-Berlin. U n n a - Festschrift, II. Teil. 
(Dermatol. Studien Bd. 21.). 

Der Verf. kann nach seinen Erfahrungen durchaus nicht der For¬ 
derung zustimmen, dass dem Nachweise von Tuberkelbazillen im Harn 
sofort die Entfernung der primär erkrankten Niere folgen und jeder 
Versuch einer inneren Behandlung unterlassen werden soll. Der 
Einwand, dass der Versuch einer Tuberkulinbehandlung einen un¬ 
nützen, selbst gefährlichen Zeitverlust bedeute, trifft im allgemeinen 
nicht zu. Bei dem einen Patienten des Verf.’s, war die Nierentuber¬ 
kulose beinahe 3 Jahre lang unerkannt geblieben und auch als dann 
mit Hilfe einer Tuberkulininjektion die Diagnose sichergestellt wurde, 
konnte zunächst ein Versuch mit der spezifischen Behandlung ge¬ 
macht werden, ohne dass dem Kranken daraus irgendwelcher Nach¬ 
teil erwuchs. Die schliesslich doch notwendig gewordene Operation 
hatte vollen Erfolg. Die Behauptung, dass das Verweilen einer tu¬ 
berkulösen Niere im Organismus eine Gefahr für die andere Niere 
bilde, gilt nur für die mit stark eiternden, destruktiven Prozessen 
einhergehenden Fälle, über deren chirurgische Behandlung kaum Mei¬ 
nungsverschiedenheiten entstehen dürfen. Bei einem 8-jährigen Mäd¬ 
chen sind unter Tuberkulininjektionen seit Jahr und Tag alle Krank¬ 
heitserscheinungen geschwunden und das Kind sieht blühend aus. 
Das Verweilen der tuberKulösen Niere im Körper hat keine unlieb¬ 
samen Folgen gehabt. Mit ähnlich günstigen Resultaten hat Verf. 
in 11 Fällen von Nierentuberkulose die konservative Behandlung 


durfhgeführt. Der Chirurg soll erst dann eingreifen, wenn die spe¬ 
zifische Theraphie fehlgeschlagen hat und das Allgemeinbefinden des 
Patienten den radikalen Eingriff notwendig macht. Je frühzeitiger 
die Nierentuberkulose diagnostiziert wird, desto günstiger sind na¬ 
türlich die Aussichten für die spezifische Behandlung. Aber auch in 
weiter fortgeschrittenen Fällen hält Verf. sich für berechtigt, zunächst 
eine Tuberkulinkur zu versuchen, die sachgemäss, d. h. mit ganz 
kleinen Dosen und unter sorgsamer Kontrolle, durchgeführt, niemals 
zu schaden vermag. 

Unter den Kombinationen des Tuberkulin mit andern, seit jeher 
bei der Behandlung der Tuberkulose geschätzten Mitteln (Arsen, 
Kreosot, Jod, Chinin) sind Injektionen von Tuberkinin, einer Kombi¬ 
nation des Tuberkulins mit Chininum lacticum sehr wirksam. Von 
andern Kombinationen kommen (durch die Kaiser Friedrich-Apotheke 
in Berlin) bereits in den Handel: Tubertoxylininjektionen, die je 0,05 
Aloxyl und Alttuberkulin ist steigenden Dosen von 0,001 bis 100 mg. 
enthalten, ferner Guajacol-Tuberkulin- und Lecithin-Tuberkulininjek¬ 
tionen. Wo Injektionen nicht durchführbar sind, können auch Kom¬ 
binationen von Tuberkulin mit Atoxyl und Kreosot als Tubertoxyl- 
kapseln und von Tuberkulin mit Chinin als Tuberkininpillen per os 
zur Anwendung gelangen. Die neue Behandlungsmethode befindet 
sich noch im Stadium des Versuches, scheint aber gute Aussicht zu 
bieten. 

N. T s c h i g a e w. Autoserotherapie bei serös-fibrinöser 
Pleuritis. Russki Wratsch 1910 Ne 51. 

T. wendet die Gilbert’ sehe Methode (subkutane Injektion des 
pleuritischen Exsudats) seit 1897 an und verfügt augenblicklich über 
56 Fälle. In 6 Fällen trat keine Resorption des Exsudats ein, in 
8 weiteren war das Resultat kein volles; in den Testierenden 42 
Fällen trat volle Heilung ein: 15 Fälle heilten nach 1-maliger Injek¬ 
tion von 1 ccm. in den übrigen wurden 2 —4 Injektionen unternommen. 

Schlussätze: Die Injektionen sind gefahrlos und rufen keine Reiz¬ 
erscheinungen, weder lokale noch allgemeine, hervor. Temperatur¬ 
steigerungen werden nicht immer beobachtet und verschwinden bald. 
Bei Lungentuberkulose tritt im Prozess selbst keine Veränderung ein, 
trotz Resorption des Exsudats, ln frischen Fällen einer serös-fibri¬ 
nöser Pleuritis beginnt die Resorption des Pleuraexsudats bald nach 
erfolgter subkutaner Injektion. Die Heilung erfolgt in 2—3 Wochen, 
selten schon in einer Woche. Auch in chronischen Fällen kann 
volle Heilung eintreten. Subjektive Besserung tritt fast stets nach 
der Injektion ein. Das Auftreten der Diurese — weist auf die Re¬ 
sorption hin und ist ein günstiges Zeichen. Die Autoserotherapie ist 
kein spezifisches Mittel gegen die Pleuritiden, nimmt aber in Bezug 
auf ihre Wirksamkeit und Unschädlichkeit eine ansehnliche Stelle ein. 

Anführung von 10 kurzen Krankengeschichten nebst Temperatur¬ 
kurven. K. H. 

A. Jarotzki. Die diätetische Behandlung des runden 
Magengeschwürs. 

J. unterzieht die Methoden von Leube und Lenhartz, die 
bei Behandlnng des Ulcus rotundum die grösste Verbreitung gefun¬ 
den haben, einer genauen Kritik. Beider Methoden sind nach J. nicht 
zweckgemäss. 

Die von J. vorgeschlagene diätetische Behandlung besteht im 
folgenden: einem Schwerkranken werden Fette verabreicht, aber 
nicht Schmand usw., sondern Provenceröl; Wasser wird ganz unter¬ 
sagt; die Wasserzufuhr erfolgt nur durch Klysmen. Kaffee und 
Alkohol sind nicht zu gestatten, Bouillon und Fleischsolutionen sind 
schädlich. Bei Blutung bekommt der Kranke ein Eiweiss, am Abend 
20,0 Provenceröl und 2—4 Nährklysmen. Jeden folgenden Tag 
wird die Eiweisszufuhr um 1 erhöht, desgleichen das Quantum des 
Oels um 20,0, bis zu 8 Eiweiss pro die. Statt Nährklysmen bekommt 
der Kranke dann Zucker (10,0 auf 300,0). Wenn das Oel nicht 
gern genommen wird, kann es durch die Magensonde eingeführt 
werden. -V 

J. ist mit seiner Behandlungsmethode, die von den Kranken sehr 
gut vertragen wird, sehr zufrieden. Die Milch ist für Kranke mit 
Ulcus rotundum eine schwer verdauliche Kost. 

K. Lordkipanidse. Zur klinischen Kasuistik und 
Therapie der einfachen Magenachylie. Wratscheb- 
*naja Gaseta Ne 10 u. 11. 1911. 

Beschreibung eines Falles: als Ursache der Achylia gastrica 
Simplex kann keine angeborene Funktionsschwäche gelten, noch auch 
kann man sie als eine Form der angeborenen Asthenie ansehen, 
sondern Autor nimmt in vorliegendem Fall an, dass die Ursache in 
einer Schädigung des Meissnerschen Nervenplexus durch endogene 
Toxine bestand, die eine Funktionsstörung der Drüsenzellen hervor¬ 
riefen. Die Therapie war folgende: flüssige, leicht verdauliche Diät, 
Magenspülungen mit physiologischer Kochsalzlösung, Pepsin-Salz¬ 
säure, später reiner Magensaft aus dem Institut für experimentelle 
l Medizin. 

j N.tSokalski. Ueber die therapeutische Anwendung 
, grosser Joddosen bei verschiedenen Erkrankungen 
, Wratschebnaja Gaseta. Ke 14. 1911. 

Autor empfiehlt sehr die Anwendung grosser Joddosen bei den 
verschiedenen Krankheiten bei denen Jod zur Anwendung kommt, 
i Es gilt 9,0—16,0. pro die, ohne dass jemals dabei Erscheinungen des 
Jodismus bemerkt werden, dh. weder Schnupfen, noch Acne etc. 


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1912. 


60. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. K<? 4. 


M. Nemenow. Zur Behandlung niit Röntgenstrahjen. 
Russki Wratsch 1910. Ke 49 u. 50. 

Die Beobachtung umfasst im ganzen 79 Fälle: 31 Fälle von 
Caucer (9 operative Epitheliome, 5 nicht operative, 18 tiefe nicht 
operative Krebsgeschwülste, 1 papillar. nicht operativer Gesichts¬ 
krebs): 3 Fälle von Sarkom des Oberkiefers; Lymphosarkom — 1 Fall; 
Endothelioma faciei — 1; bösartiges Granulom — 1; Naevus pilosus 
pigmentosus — 1, Angioma — 1, Leukoplakie — 2; Rhino-scle- 
roma — 1. Leukämie — 6; Struma — 4; 2 Fälle mit Fibromyoma 
uteri und 2 mit chronischer Salpingo-oophoritis; Lupns — 9; Tuber¬ 
kulose der Haut — 5 Fälle. 

Volle Heilung wurde in 30 Fällen erzielt, bedeutende Besserung in 15, 
einige Besserung in 12 und in 22 Fällen trat gar keine Besserungein. 

Behandlungsmethode: Normaldosis Sabouraud u. Noire 
auf einmal, Pause von 2—3 Wochen; oder täglich Belichtungen im 
Verlaufe von einigen Tagen, wobei die Allgemeindosis bedeutend 
ND übertraf, dann Pause von 2—3 Wochen. Entfernung 18—20 cm. 
Röhren mit 7—8 Wh. 

Einige Krankengeschichten und 19 photographische Abbildungen 
sind beigefügt. N. kommt zu folgenden Schlusssätzen: Oberflächliche 
Gesichtsepitheliome können mit gutem Erfolg mit Röntgenstrahlen 
behandelt werden: das kosmetische Resultat ist ein ausgezeichnetes. 
Weit vorgeschrittene Epitheliome können oft völlig geheilt, oder 
jedenfalls durch Röntgenbestrahlung einer Operation zugänglich ge¬ 
macht werden. Tief liegende Krebstumoren bleiben unbeeinflusst. 
Verdächtige Drüsen müssen auf operativem Wege entfernt werden. 
Bei Favus und Herpes tonsurans gibt die Röntgenbehandlung sehr 
gute Resultate. 

M. L a p i n s k y. Die Bedeutung der Hyperämie in der 
Behandlung von Lähmungen neuritischen Ursprungs. 
Russki Wratsch 1910. Ke 48. 

L. beobachtete im Lauf von 10 Jahren über 15 Fälle schwerer 
chronischer Polyneuritis wo trotz der angewandten Behandlung keine 
Besserung zu verzeichnen war. L. schlägt in solchen Fällen seine 
Behandlungsmethode vor: Massage (10 Minuten) im heissen Wasser 
(32—37° R.) bei einem Druck von Va 8 4 Atmosphären, darauf 10 
Minuten in strömendem Dampf, hierauf 10 Min. Wanne von 28° R., 
in die Elektroden eines 3 phas. sinussoidalen Stromes geleitet werden 
und zuletzt eine kurze Douche. 

Anführung von 6 Krankengeschichten (3 mit chronischer und 
3 mit akuter Polyneuritis). 

L. sah stets eine Besserung in den Erscheinungen von Seiten 
des Herzens (das anfangs erweiterte Herz gab bald normale Grenzen, 
Geräusche schwanden) und eine rasche Besserung im peripheren 
Nervensystem eintreten, was durch Regeneration der Nerven zu er¬ 
klären ist. In allen Fällen war eine Besserung im peripheren Blut¬ 
kreislauf zu verzeichnen (Kranke fühlten keine Kälte in den Extremi¬ 
täten, zyanotische Verfärbung der Haut schwand) 

Besonders belebend wirkt die hydraulische Massage. 

J. Dubintschik. Ueber Heissluftdouchen-Behandlung in 
der Gynäkologie. Wratschebnaja Gaseta Ns 14. 1911. 

Autor bespricht die Resultate, die er mit einem sog. Heissluft¬ 
apparat nach dem Hahnschen Prinzip bei der Behandlung von Frauen¬ 
krankheiten (Endo und Pärametritiden, Salpingitiden etc.) erzielt hat; 
er ist mit ihnen sehr zufrieden. 


Konstantin Bernhoff *f\ 


Am 6. Februar a. c. starb nach langer schwerer Krankheit einer 
der ältesten Mitarbeiter der St. Petersburger Medizinischen Wochen¬ 
schrift, Herr Konstantin Bernhoff, im Alter von beinahe 
76 Jahren. Der Verstorbene war im August 1836 geboren, studierte 
von 1857—1861 in Dorpat Medizin, lebte dann in Livland und wurde 
1876 Mitarbeiter an der von Dr. Moritz damals gegründeten 
St. Petersb. Med. Wochenschrift. Bis vor wenigen Jahren stellte er 
für dieses Blatt die Tagesnachrichten, die Personalnotizen, die Be¬ 
richte aus dem Leben der in- und ausländischen Universitäten u. s. w. 
zusammen, wozu er durch seine grosse Belesenheit auf diesem Ge¬ 
biet und durch seine ausgedehnten Bekanntschaften in hohem Masse 
befähigt war. Auch viele Bücheranzeigen und anderes entstammte 
seiner fleissigen Feder. In Anbetracht seiner Verdienste um die 
Wochenschrift wurde der Verstorbene im Jahre 1901 zum korrespon¬ 
dierenden Mitglied des Vereins St Petersburger Aerzte ernannt — 
eine Auszeichnung, die ihn für manehe Enttäuschung seines nicht 
leichten Lebens entschädigt haben mag. Ausser seiner journalisti¬ 
schen Tätigkeit fand Konstantin Bernhoff noch als medizi¬ 
nischer Konsultant einer hiesigen Versicherungsgesellschaft ein dank¬ 
bares Arbeitsfeld, auch beschäftigte er sich in den letzten Jahren 
praktisch mit den physikalischen Heilmethoden. — Die medizinische 
Wochenschrift und ihr Leserkreis sind dem Heimgegangenen zu 
vielem Dank verpachtet, der ihm in sein Grab folgen möge. Die 
Erde sei ihm leicht. W. 


Deutscher Aerztlicher Verein in St. Petersburg. 

1396. Sitzung am 21. November 1911. 

Wissenschaftliches Protokoll. 

Fick. Ueber chronische Pankreatitis. 

Während die akuten Entzündungen des Pankreas schon seit tan¬ 
gerer Zeit die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, sind die chro¬ 
nischen erst in den letzten 10 Jahren genauer studiert worden. Die 
Kenntnis der chronischen Pankreatitis verdanken wir in erster Linie 
der Gallensteinchirurgie, da düse Pankreatitis am häufigsten als Be¬ 
gleiterscheinung des Gallensteinleidens auftritt. Die Erkrankung ist 
| jedenfalls viel häufiger, als man im Allgemeinen anzunehmen geneigt 
ist, die ausserordentlich wenig charakteristischen Symptome sind aber 
die Ursache dafür, dass in den seltensten Fällen die Diagnose ge¬ 
stellt werden kann. Die Symptome, die in erster Linie in chronischen 
Verdauungsstörungen mit zuweilen sehr beträchtlichem Kräfteverfall 
bestehen, lassen sich ungezwungen auf den Magendarmkanal beziehen 
und auch die neuesten Untersuchungen haben keine Abweichungen 
i von der Norm feststellen können, die auf das Pankreas als Ort der 
Krankheit mit Sicherheit hinwiesen. Die Pankreasfunktion kann oft 
vollständig von den übrigen Verdauungsorganen besorgt werden, 
so dass Ausfallserscheinungen nicht nachweisbar gemacht werden 
können. Sehr grosse, oft unüberwindliche Schwierigkeiten macht die 
! Unterscheidung zwischen chronischer Pankreatitis und dem Karzinom 
i des Pankreas, da bei beiden Erkrankungen Tumorbildung und hoch¬ 
gradige Kachexie beobachtet wird. Und doch ist diese Unter¬ 
scheidung von eminentester Wichtigkeit, in so fern die chronische 
Pankreatitis durch einen chirurgischen Eingriff in vielen Fällen zur 
i vollständigen Heilung gebracht werden kann. 

Die chronische Pankreatitis als Begleiterscheinung der Choleli- 
thiasis ist meist mit Ikterus verbunden und hier hat die chirurgische 
Therapie möglichst bald einzusetzen. Die Frage ob die Cholezysto- 
stomie oder die Cholezystenterostomic bevorzugt werden soll, ist 
noch als unentschieden zu betrachten, jedenfalls muss durch eine 
dieser Operationen die Galienstauung beseitigt werden. Bei der 
| chronischen Pankreatitis ohne gleichzeitiges Gallenleiden ist bei 
starker Schwellung des Organs die Spaltung der Kapsel mit Erfolg 
I ausgeführt worden, doch hat in nicht ganz wenigen Fällen auch die 
I einfache Probelaparotomie überraschender Weise die Heilung herbei- 
I geführt. Es ist zu hoffen, dass durch weiteren Ausbau der klinischen 
I Untersuchungsmethoden die chronische Pankreatitis einer exakten 
Diagnose und damit auch einer erfolgreicheren Therapie zugänglich 
i gemacht werden kann. (Autoreferat). 

Diskussion. 

- Weslphalen: In jedem Falle von länger dauerndem Ikterus 

muss an indurative Pankreatitis gedacht und operiert werden. Jedoch 
sind solche Fälle klinisch nicht von einem Pankreaskarzinom zu 
unterscheiden, und es besteht die Gefahr einer tötlichen choläm/sc/ien 
Blutung. — Ferner fragt es sich, ob die Fälle leicht vorübergehenden 
Ikterus nicht auf einer Schwellung der Duodenalschleimhaut, sondern 
vielleicht auf einer Affektion der Gallengänge oder einer vorüber¬ 
gehenden leichten interstitiellen Pankreatitis beruhen. 

W a n a c h : Die C a m m i d g e sehe Probe hat sich nach viel¬ 
fachen Untersuchungen im Peter-Paulshospitale als gar nicht charak- 
j teristisch für Pankreaserkrankung erwiesen. Bedrohliche cholämische 
Blutungen hat er niemals gesehen und erlebt, vielleicht weil er 
i W r i g h t s und Kochers Ratschlag gefolgt ist und einige Tage 
[ lang vor der Operation Chlorkalzium in grossen Dosen (2—3 Gramm 
I 4—5 mal täglich) verabreicht hat. 

Fick: Jeder länger dauernde Ikterus muss durchaus operiert 
werden, sobald man Überzeugt ist, dass kein Duodenalikterus vor¬ 
liegt. Schwierig ist die Diagnose, wenn die Induration nicht den 

Pankreaskopf, sondern den übrigen Teil des Organs betrifft. — Ueber 
| den Wert der C a m m i d g e sehen Reaktion kann er nach seinen 
! Fällen nicht urteilen, doch fiel sie stets positiv aus bei ihnen. — 

t Trotz Verabreichung von Chlorkalzium hat er in einem Fall von Pan¬ 

kreaskarzinom eine riesige cholämische Blutung erlebt. In zwei 
Fällen von chronischem Choledochusverschluss war die Blutung nicht 
I sehr stark. 

Westphalen: Wie lange soll bei chronischem fieberlosen 
Ikterus mit der Operation gewartet werden ? 

Kernig: Für diese Frage sind Fälle von chronischem Ikterus 
aus anderen Ursachen (z. B. bei der hypertrophischen Leberzirrhose) 
auszuschliessen. Trotzdem bleibt die Beantwortung obiger Frage 
eine schwierige. Er referiert diesbezüglich einen Fall, wo der Ik¬ 
terus 9 Monate lang dauerte und doch in Heilung überging; nach 
15 -20 Jahren trat von neuem Ikterus auf, es etablierte sich Ka- 
, chexie und nach 6—8 Wochen trat der Tod ein; die Sektion zeigte 
einen wallnussgrossen Krebsknoten des Choledochus an der papilla 
Vateri und einen Stein oberhalb des Tumors, ferner Verwachsungen 
der Gallenblase mit dem Kolon, welche vom ersten Anfalle her¬ 
stammten. Von einer Autorität war im ersten Anfalle die Diagnose 
auf Krebs gestellt worden. — Bei einem anderen Patienten trat nach 
mehreren Anfällen von Gallensteinkoliken Ikterus ein, der ohne 
Fieber 6 Wochen lang anhielt, bis S eine abgingen, worauf der Ik¬ 
terus schwand. 

I Zeidler: Reizzustände des Pankreas bei Cholelithiasis kom¬ 

men häufiger vor, als wir dies denken. Sie haben sehr wenig kli- 
I nische Bedeutung; sie können einerseits nicht diagnostiziert werden, 


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Original fro-rri 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 




1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 4. 


61. 


andererseits fällt die Therapie mit der des Gallensteinleidens zusam¬ 
men, da dessen Operation auch die Pankreatitis beseitigt. Ganz an¬ 
ders Hegen die Dinge beim chronischen Choledochusverschtuss ohne 
Stein; hier ist eine Differentialdiagnose zwischen Neoplasma und 
Pankreatitis kaum möglich. Solche Fälle sind ihm wiederholt vor¬ 
gekommen ; der häufigerp Befund war ein Karzinom des Pankreas 
und habe er die Cholezystoenterostomie ausgeführt, jedoch dabei 
sehr traurige Erfahrungen gemacht, so dass er eine Zeit lang die 
Operation solcher Fälle ganz ablehnte. Ein alsdann operierter Fall 
von hartem Tumor des Pankreas verlief gut, so dass er diese Ope¬ 
ration wieder aufgenommen hat. Ist der chronische Choledochusver- 
schluss ohne Stein diagnostiziert, so muss rasch operiert werden, 
um die Cholämie zu vermeiden, die Krankheit eventuell zu beheben 
und die Pankreatitis zu heilen. Die einfache Cholezystostomie hat 
hierbei keinen Erfolg, ist riskiert und unsicher. Die Erfolge der 
Cholezystoenterostomie sind nicht so schlecht, wie gesagt wird. Die 
Furcht vor ihr ist eine theoretische. — Die Frage Westphalens 
nach dem Zeitpunkte der Operation bei chronischem Ikterus ist da¬ 
hin zu beantworten, dass bei Steinverschluss 6- 8 Wochen gewartet 
werden kann, was rein empirisch festgestellt ist. Bei Verschluss 
durch Tumoren oder chronische Pankreatitis muss möglichst früh 
operiert werden, um die Gefahr der cholämischen Blutung zu ver¬ 
meiden. An letzterer hat er zwei Kranke verloren trotz Anwendung 
von Chlorkalzium. 

Kernig: Die Bezeichnung katarrhalischer Ikterus ist ein gorsser 
Sammeltopf für verschiedene Krankheitsprozesse. Diese Diagnose 
wird im Laufe der Jahre immer seltener gestellt. Immerhin gibt es 
auch reine Fälle von Duodenalkatarrh, wo sich der Schleimpropf im 
Choledochus vorfindet. Dagegen ist der epidemisch auftrctende 
Ikterus offenbar durch eine Infektion bedingt, zuweilen auch durch 
Intoxikation durch schlechte Nahrungsmittel, speziell Pilze, und zwar 
besonders die Morcheln. 

Masing: Ikterus kann sehr lange ohne besondere Schädigung 
dauern. Er referiert einen Fall, wo der Ikterus fast das ganze Leben 
hindurch bis zurt Tode anhielt und die Sektion keine Erklärung für 
den Ikterus gab. — Für die Diagnose der Pankreaserkrankung könnte 
eventueH der Diabetes verwertet werden. Fettstühle und Melliturie 
sind jedenfalls Hinweise auf eine solche Erkrankung, und bei den 
plötzlichen Todesfällen durch Pankreasblutung gelegentlich von Be¬ 
deutung. 

Fick: Die Frage, wie lange bei chronischem Ikterus mit der 
Operation gewartet werden kann, ist sehr individuell zu beantworten. 
Bei chronischem Steinverschluss nach vorausgegangenen Koliken 
kann 6/-8 Wochen gewartet werden. Eine strikte Indikation zur 
Operation ist der plötzlich auftretende und komplete Gallenver¬ 
schluss ; hier soll rasch operiert werden, einerlei was vorliegen mag. 
Die Frage über den Modus der Operation — ob Cholzystostomie 
oder Cholezustoenterostomie — ist noch offen; hier stehen sich sehr 
rosse Beobachtungsmaterialien gegenüber. Kehr bevorzugt z. B. 
ie Cholezystoenterostomie, Mayo Robson dagegen Cholezy- 
stöstomie. — Diabetes ist ausnahmsweise bei hypertrophischer Pan¬ 
kreatitis beobachtet worden. Die plötzlichen Blutungen sind bei 
Pankreatitis sehr selten. 

Direktor: Dr. W. K e r n i g. 

Sekretär: E. Michelson. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Reval. 

Sitzung vom 18. April 1911. 

p. 3. H. Hoffmann referiert über seine Beobachtungen bei 
Behandlung der chirurgischen Tuberkulose mit 
Tuberkulin, wobei die Krankengeschichten einzelner besonders 
instruktiver Fälle genauer besprochen werden. [8 Fälle von Mesen¬ 
terialtuberkulose, wovon 4 operiert (z. T. unter Diagnose Appendizi¬ 
tis eingeliefert) 9 Fälle von multipler Tbk. an Knochen, Gelenken, 
Augen, Ohr und Drüsen. Zum Teil sehr gute Erfolge, resp. Heilung 
erzielt. Ferner mehrere Fälle, wo ganz erfolglos injiziert wurde und 
andere bei denen wegen zu grosser Empfindlichkeit eine Tuberkulin¬ 
behandlung nicht möglich war.) 

Angewandt wurde Alt-Tuberkulin Koch irt steigender Dosis von 
Viooo mgr. — mehrfach — 1,0 rein Tuberkulin. Die klinische Diag¬ 
nose wurde durch die Pirquetsche Reaktion, mikroskopische und Rönt¬ 
genbefunde gestützt. H. H. kommt zu folgenden Schlüssen: 

1. Das Tuberkulin sollte nur von theoretisch und klinisch vor- 
ebildeten angewandt werden, dann wird man weniger Misserfolge, 
eine Schädigung der Patienten und sehr viel bessere Resultate 

erzielen. 

2. Keine schematische Behandlung möglich, daher wenigstens für 
die ersten Wochen zur genaueren Beobachtung Hospitalbehandlung 
erforderlich. Später, schon wegen der sehr lange dauernden Kur 
ambulat. Behandlung nicht zu umgehen. 

3. Strenge Auswahl der geeigneten Fälle. Frische, noch flo- 
ride Erkrankungen ungeeignet. Von gutem Erfolge ist die Anwen¬ 
dung des Tuberkulin bei lokalisierter, abgegrenzter Tuberkulose 
einerlei welches Organs. Bei Mischinfektion häufiges Versa¬ 
gen. Kinder vertragen das Tuberkulin meist sehr viel besser und 

sseren Dosen als Erwachsene, wahrscheinlich weil bei letzteren 

S versteckte fluride Herde neben der lokalen Erkrankung 
en. 


4. Kritikloses Spritzen total aussichtsloser Fälle, da sonst doch 
| nichts zu machen' ist zu verwerfen, weil dadurch das Tuberkulin in 
I Miskredit kommt. 

; b, Bei Lupus versagte das Tuberkulin vollkommen. 

6. Die Czemy’sche Forderung die an Drüsen leidenden Kinder 
möglichst frühzeitig einer event. Tuberkulinkur tu unterwerfen, sollte 
mehr Bewertung finden. 

( [Das Endotin einige mal versucht, trotz vorsichtiger, vorschrifts- 

mässiger Anwendung heftige Reaktionen erlebt. Ausserdem sehr 
teuer] 

Diskussion. 

K u s i k fragt, ob Alt-Tuberkulin angewandt wurde. Prof. Jessen- 
Davos rede durchaus dem Endotin das Wort. Tritt nach einer In¬ 
jektion Temperatur-Steigerung ein, so sei mit der Dosis sofort zu¬ 
rückzugehen, anstatt dieselbe noch einmal zu wiederholen. Ferner 
sei die Kur nicht in einem y* Jahr zu erledigen, sondern in 2 Jahre 
I abzümachen. 

H a 11 e r hat eine Pat., die an einer Spitzenaffektion litt auf 
I ganz speziellen Wunsch derselben mit Alt-Tuberkulin injiziert. Der 
Pirquet war negativ und H. wollte sich daher anfangs nicht zur Ein- 
> Icitung der Behandlung verstehen, die folgenden Verlauf nahm: 
Nachdem mit Vio mg. begonnen, flammte bei der 2-ten Injektion der 
Pirquet auf, nach *'/io mg. Steigerung auf 39,1; hierauf wurde auf 4 /io 
zurückgegangen, Temp. 37,6; nach nochmals 4/ io 38.1; nach aber¬ 
maligen 4 io 37,4. Hierauf wurde schnell in die Höhe gegangen, 
wesentlichere Steigerungen blieben aus. Nach Beendigung der Kur 
hatte Pat. 6 fc abgenommen, der Allgemeinzustand war gut, die 
Dämpfung war zurückgegangen, aber die Spitze stand tiefer. Zu be¬ 
tonen sei, dass abgeschlossene Tuberkulosen mit guter Demarkation 
wohl allein sich für die Tuberkulinbehandlnng eignen, auch bei 
Tuberkulose der Drüsen, Gelenke usw., wo dieselbe gewissermassen 
| festgehalten werden, dürfte die Prognose für das Tuberkulin günstig 
sein. Definitiv geklärt sei die ganze Frage bisher noch nicht, wo 
die Tuberkulinbehandlung anzuwenden, wo dieselbe zu verwerfen 
sei. -- Was das Endotin betrifft, so sei daran zu erinnern, dass eine 
ganze Reihe bedeutender Autoren sich strikt gegen dieselbe ausge¬ 
sprochen haben. 

K u s i k fragt worauf Haller in dem oben angeführten Fall seine 
Ansicht gründe, dass die Kur der Pat. genutzt habe. 

Haller: Die Dämpfung ist geringer geworden, daher ist anzu¬ 
nehmen, dass der Herd sich gut demarkiert hat. 

H. Hoffmann hat auch Endotin versucht, aber danach ebenso 
lebhaft Reaktionen gesehen. 

K u s i k : Dass Endotin Reaktionen hervorruft ist zuzugeben, 
andererseits wirkt es nicht auf den Magendarmtraktus. 

Hoffmann: In den Fällen, wo Reaktionen von seiten des 
Magendarmkanal auftreten ist mit Sicherheit ein Herd in diesem Ge¬ 
biet anzunehmen. 

Meder erwähnt, dass in der Literatur die Erfahrungen mit 
Tuberkulin bei Lupus durchaus ungünstig lauten, sehr günstig scheint 
die Knochen-Tbk. beeinflusst zu werden, ebenso auch die Mesen- 
terial-Tbk., die allerdings auch ohne diese Therapie oft genug aus¬ 
heilt. Ohr und Auge erkranken sehr häufig spezifisch, im Sekret 
bei Ohreiterungen müssten doch Bazillen nachzuweisen sein. Meder 
fragt Ref. warum er das erwähnte Ekzem für tuberkulös gehalten 
habe. 

Hoffmann. Was das Material an Knochen-Tbk. betrifft, so 
habe er dieses in dem Referat nicht voll benutzt, er könne aber durch¬ 
aus bestätigen, dass Fälle frischer Gonitis sehr gut reagieren. Di? 
Beobachtungen über die Beeinflussung der Mesenterial-Tbk. durch 
Tuberkulin seien noch nicht abgeschlossen. Zuzugeben sei, dass sich 
hier durch allgemeine Behandlung günstige Resultate erzielen lassen. 
Die Ohr-Tbk. ist nicht selten, aber der Bazillennachweis im Sekret 
ist sehr schwierig, auch die klinische Diagnose sei nicht so ohne 
weiteres zu stellen. Für die Tbk. Natur des erwähnten Ekzems 
spricht der Umstand, dass durch die Tbk. Kur ausser dem Ekzem 
auch skrophulöse Erscheinungen an der Haut ausheilten. 

P e z o 1 d t berichtet über 3 Fälle von Knochen-Tbk., die mit 
Tuberkulin behandelt worden: im ersten handelte es sich um eine 
alte, vor 8 Jahren resezierte Koxitis, die Endotin Behandlung versagte 
hier. Der zweite Fall, eine Gonitis, besserte sich unter Endotin, das 
Gewicht nahm bedeutend zu, schliesslich kam es aper doch zur 
Resektion. Im dritten Fall, auch einer Gonitis, versagte das Endotin 
i völlig, es kam zur Operation. 

Haller fragt ob jemand der Kollegen eine günstige Einwirkung 
der Tuberkulin-Injektionen auf ausgedehntere Lungenprozesse be¬ 
obachtet hat. 

I Harms hat in einem Fall von Lungen-Tbk. sehr günstige Re¬ 

sultate erzielt. 

Pezoldt hat in einigen Fällen eine gewisse günstige Ein- 
i Wirkung gesehen, freilich war die objektive Besserung nicht wesentlich, 
i Thomson verfügt nur über ambulant behandelte Fälle, lauter 

Erwachsene, die Resultate waren durchaus negativ, 
i K u s i k. Eklatante Erfolge sind nicht zu verzeichnen, dieselben 

| Resultate lassen sich auch ohne Tuberkulinbehandlung erzielen. Die 
Tuberkulinbehandlung sollte lieber in einem Sanatorium, als ambu¬ 
lant, vorgenommen werden. 

| Haller. Die hier geäusserten Erfahrungen stimmen mit den 

| von ihm persönlich gemachten überein. In Deutschland werde da¬ 
gegen neuerdings die ambulante Behandlung sogar bei ausgedelin- 
. teren Lungen-Tbk. empfohlen. Diesem Vorschlag könne er nicht 


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Sh Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 4. 


1912. 


beipflichten. Bei der Lungen-Tbk. müsse man mit der Behandlung 
sehr vorsichtig sein, dieselben nur einleiten, wenn der Prozess 
sicher still stehe. — Sehr wertvoll dürfte das .Tuberkulin für die 
Prophylaxe sein, so z. B. bei Bronchialdrüsen der Kinder, hier 
gelinge es durch Tuberkulin den Herd, der für seinen Träger eine 
ständige Gefahr bilde, auszuschalten. 

Chronik. 

— Das Ministerium des Innern überweist dem Konseil für Kom- 
munalangelegenheiten in der bevorstehenden Sitzungsperiode folgen¬ 
des Projekt zur Begutachtung: Den medizinischen Fakul¬ 
täten der Universitäten und anderen medizinischen Hoch¬ 
schulen soll das Recht erteilt werden die, verschiedenen Ressorts 
angehörenden Krankenanstalten, die landschaftlichen und städtischen 
eingeschlossen, für Lehrzwecke zu exploitieren. 

Das Ministerium weist darauf hin, dass die medizinischen Hoch¬ 
schulen an klinischem Material Not leiden. An vielen medizinischen 
Fakultäten gibt es z. B. therapeutische Kliniken mit nur 20—30 
Betten. Setzt man normaliter oie Zahl der Medizinstudenten mit c. 

150 pro Kursus an, so kommen unter diesen Verhältnissen in der 
Klinik auf jeden Studenten im Laufe des Lehrjahres 1 bis 2 Kranke. 

An manchen Fakultäten gibt es für einige Disziplinen überhaupt keine 
Kliniken und der Unterricht in einem praktischen Fach wird nur 
theoretisch geführt. So besitzt die Universität Charkow l*eine psy¬ 
chiatrische- und Nerven-Klinik und der Unterricht in diesen Diszi¬ 
plinen findet statt in einer Privatanstalt. Allerdings gibt es in Cha¬ 
rkow eine wohleingerichtete Gouvemementsheilanstalt iiir 1500 Kranke 
mit einem reichhaltigen klinischen Material, aber unter den gegen¬ 
wärtigen Verhältnissen, kann dasselbe für Unterrichtszwecke nicht 
utilisiert werden. Aehnliche Verhältnisse finden sich auch in anderen j 
Universitätsstädten. 

Nach Begutachtung wird das Projekt in die Reichsduma einge¬ 
bracht werden. ; 

— Die Reichsduma votierte den § 35 des Projektes der j 

Wehrpflichtsordnung in der Fassung Gutschkows, wonach 
A e r z t e 4 Monate in der Front zu dienen hätten. 

— St. Petersburg. Die Stadtduma hat beschlossen der I 
Gesellschaft für Krebsforschung eine einmalige Subsi- j 
die von 3000 Rbl. zu gewähren. j 

— Moskau. Die bekannte Philantropin Frau Andreew hat, 
ein Kapital von 100.000 Rbl. für den Bau einer Klinik am Preobra- 
schenski Hospital gestiftet zum Andenken ihres verstorbenen Gatten. 

- Lebensversicherung des ärztlichen Perso 
n a 1 s. Diese Frage wurde auf der Gouvemementslandschsftssession 
in Jaroslaw diskutiert. Entsprechend den vorgebrachten Daten, 
die von 31 Gouvernementslandschaftämtern, von 9 Kreisämtefn des 
Gouv. Jaroslaw und dem Reichsmedizinalinspektor eingebracht waren, J 
sind in Russland im Laufe der Jahre 1890—909 (20 Jahre) 5721 Aerzte 
gestorben und davon 1416 i. e. 24, 7 Proz. an Infektionskrankheiten. 
Viele Landschaften zahlen grosse Summen (zehntausende von Rbl.) J 
an private Versicherungsanstalten und nur die Landschaft von 
Ekaterinoslaw hat eine eigene Versicherungskasse mit einem 
Kapital von 24.000 Rbl. organisiert. Das Landschaftsamt machte den 
Vorschlag ebenfalls für das Gouv. Jaroslaw ein Versichcrungskapital i 
für das ärztliche und vetcrinärärztliche Personal zu bilden und die 
Versicherungssummen je nach der Zahl der Kinder im Todesfälle i 

oder bei Invalidität zu normieren. Die Versammlung verwarf die ■ 

Bildung eines besonderen Kapitals, beschloss aber vom nächsten j 
Jahre an im Bedarfsfälle Subventionen auszuzahlen und zwar wurden 
für die Höhe derselben folgende 3 Kategorien festgestellt: 1. Aerzte 
und Veterinärärzte, Studenten und Provisore — verheiratete mit 3 
und mehr unmündigen Kindern — erhalten 5000 Rbl.; 2. Feldscher, 
Hebammen und barmherzige Schwestern — unter genannten Bedin¬ 
gungen — erhalten 1200 Rbl.; 3. Aerztliches Wartepersonal — 300 R. 

Bei geringerer Kinderzahl nimmt die Summe entsprechend ab und 
zwar erhalten kinderlose Witwen 3000 Rbl., 400 Rbl. und 100 Rbl. 

Das Amt wurde von der Versammlung beaufragt die ärztliche Ver¬ 
sicherungsfrage noch weiterhin auszuarbeiten. 

—- Kirssanow (Gouv. Tambow). In dem Budget des Land- i 
schaftsamtes für 1912 ist vom Gouvernementschef (Herr N. Muratow) 
der für wissenschaftliche Kommandierungen des A erzteperso- 
n a I s bestimmte Posten von 600 Rbl. gestrichen worden, trotzdem 
diese Ausgabe schon seit Jahren ins Budget aufgenommen wurde. 

Der Präsident des Landschaftsamtes hat daraufhin ein Separatvotum 
abgegeben mit dem Hinweise, dass durch die Streichung des Kredi¬ 
tes der Vertrag des Landschaft mit den bediensteten Aerzten verletzt 
wird. Einer von den Aerzten des Kreises hat schon eine Eingabe 
gemacht, dass er in der Zurückziehung der Studiensubsidie eine Ver¬ 
kürzung des ausbedungenen Gehaltes erblicke und daher seinen 
Posten aufgeben müsse. 

— Nowotorshok. Auf Verfügung des Gouvernementschefs 
sind die Aerzte des Landschaftshospitals Dr. P. Tscherno- 
m o r d n i k und A. T i t o w a aus dem Diehst entlassen worden. 

Die Entlassung erfolgte nach einer vom Gouverneur gemachten Re¬ 
vision des Hospitals. 

— Astrachan. Dr. Komarowski ist für Verweigerung 
ärztlicher Hilfeleistung dem verwundeten Gefängnischef, von der Pro- 
kutur in Anklagezustand versetzt worden. 


Bjelgorod. Dr. Schapiro ist für Ausstellung eines 
falschen Krankheitszeugnisses an einen Geschworenen gerichtlich 
belangt und zu 4 Wochen Haft verurteilt worden. Der Geschworene 
wurde mit 3 Wochen Haft bestraft. 

— Der Verband polnischer Aerzte hat m der Frage 
der Beteiligung an dem Hygiene-Kongress in Petersburg folgende 
Resolution angenommen: Die Beteiligung ‘von Polen, an dem Ver¬ 
suche Russlands alle slavischen Völkerschaften zu kultureller Mitar¬ 
beiterschaft heranzuziehen, ist unmöglich, so lange die Vertreter des 
russischen Volkes im Parlament nicht tatsächliche Beweise liefern, 
dass das russische Volk auch für die andere slavische Bevölkerung 
Russlands das Recht nationaler Entwickelung anerkennt." 

— Der 41. Kongress der Deutschen Gesellschaft 
für Chirurgie findet vom 10. bis 13. April 1912 in Berlin statt. 
Da die Räumlichkeiten des Langenbeckhauses sich bei den letzten 
Kongressen als zu klein erwiesen haben, hat der Ausschuss der Ge¬ 
sellschaft *Jür die diesjährige Zusammenkunft den Beethoven-Saal 
der Philharmonie (Eingang Köthener-Strasse 32) für die Zeit von 
9—4 Uhr gemietet. Das Bureau des Herrn Melzer befindet sich bis 
Dienstag, den 9. April inkl., im Langenbeckhause (Berlin N. 24, 
Ziegelstr. 20 11), während der Kongresstage im Vorraum des Sitzungs¬ 
saales. 

— Von der Pariser Akademie de M £ d e c i n e wurde das 
Werk von Dr. Hollos, »L es intoxikations t u b e r culeuse s“ 
preisgekrönt. Die deutsche Ausgabe erscheint iu diesem Jahr unter 
dem Titel »Symptomatologie und Therapie der laten¬ 
ten Tuberkulose' (Preis M. 3. —) im Verlag von J. F. Berg¬ 
mann, Wiesbaden. 

— Unentgeltlicher Stenographie Unterricht. Der 
«Wiener Stenographen Verein, System Faulmann" erteilt auf brief¬ 
lichem Wege unentgeldlich Unterricht in diesem leichtfasslichen und 
praktischen Systeme. Beste Erfolge, kein Unterrichtshonorar! Mit 
Rlickmarke versehene Anfragen sind unter Bezugnahme auf unser 
Blatt an den Unterrichtsleiter Herrn Franz Kreuter, Wien (Oesterreich), 
II. i. Lampigase 9, zu richten. 

— Bemerkenswerte physiologische Untersuchungen über die na¬ 
türlichen Staatsbrunnen zu Fachingen und Niederselters, welche für 
das Verständnis der Wirkungen dieser Brunnen von hoher Wichtig¬ 
keit sind, wurden im Königl. Pathologischen Institut der Berliner 
Universität gemacht. Professor Dr. A. Bickel, Vorsteher der ex¬ 
perimentell-biologischen Abteilung des obengenannten Institutes, ver¬ 
öffentlicht in der neuesten Nummer der Zeitschrift für Balneologie 
die interessanten Ergebnisse dieser Experimente. 

— Hoch sch ulnachrichten. 

St. Petersburg. Zum Vorsitzenden der Examinations-Koin- 
mission bei der Medizinischen Hochschule für Frauen ist Prof. Le¬ 
wa s c he w , Rektor der Neurussischen Universität in Odessa ernannt 
worden. 

Frau Privat-Doz. Dr. E. Kowalewskaja-Winogradowa 
hielt ihre Antrittsvorlesung in der Medizinischen Hochschule für 
Frauen. Aus diesem Anlass wurden ihr von zahlreichen Deputationen 
verschiedener Frauenvereine Gratulationen entgegengebracht. Frau 
Dr. K o w a 1 e w s k a j a trägt Physiologische Chemie vor und ist 
beauftragt, das nach der Entlassung Prof. Salaskins vakante Ka¬ 
theder zeitweilig einzunehmen. 

Moskau. Zum Privatdozenten für medizinische Chemie habili¬ 
tierte sich bei der Universität Dr. I. Smorodinzew. 

Charkow. Der vor kurzem zum Professor für Haut- und ve¬ 
nerische Krankheiten durch ministerielle Verfügung ernannte Priv.- 
Doz. Dr. Hirn m e I ist von den Studenten ausgepfiffen worden. 

Jurjew (Dorpat». Dem durch ministerielle Verfügung zum 
Professor ernannten Priv. Doz. Dr. W e s t e n r i c k ist bei seiner 
Antrittsvorlesung von den Zuhörern eine feindliche Demonstration 
bereitet worden. Der Professor flüchtete aus der Aula in einen Hör¬ 
saal und hielt seine Vorlesung vor einem Auditorium, das aus 2 Stu¬ 
denten und 3 Professoren bestand. 

Warschau. Durch ministeriellen Erlass ist Dr. O r 1 o w zum 
Prof. ord. der Ophthalmologie ernannt worden. 

Leipzig. Der berühmte Psychophysiologe Wilhelm Wundt 
wird im Frühjahr aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand treten. 

Gestorben: In Moskau Dr. I. F. F o m i n. In Petersburg Dr. O. 
H. N o w i t z k y. In Jalta Dr. N. W. O r 1 o w. In Tiflis Dr. G o c h k. 
In Moskau Dr. M. W. Golljak. In Berlin Prof. Dr. I. Pagel; 
60 Jahre alt, der bekannte Vertreter der Geschichte der Medizin. 
In Edinbourgh Lord Lister, 85 Jahre alt, der Be¬ 
gründer der modernen Chirurgie. In Bergen Ar- 
mauer Hansen 71 J ah re al t, der Entdecker des Lepra¬ 
bazillus. 


Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, d. 21. Februar. 

Tagesordnung: Fuhrmann. Ueber Kalziumtherapie der Tetanie 
und Eklampsie in Kindesalter. 


Dieser Nummer liegen folgende Prospekte beii: 

1) CaHaTopw h «ypoprb CaabnueöajieHT» bi ülBeHuapiu und 

2) Kurhaus Semmering. 


Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Co., St. Petersburg, Englischer Prospekt 28, Ecke Offizierstrasse. Teleph. 14—91. 


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früher „ST. PETERSBURGER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT“. 

HALBMONATSSCHRIFT. BEZUGSPREIS IN RUSSLAND 6 RBL. FÜR’S AUSLAND 14 MARK JÄHRLICH 

Organ der deutschen medizinischen Gesellschaften in Russland. 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. KARL DEHIO in Jnrjew (Dorpat), Dr. PAUL KLEMM in Riga, Dr. F. HOLZINOER in St. Petersburg. 

KMKIÜll: II F. Iibhm, W. 0.. 2 Ulk llr. 1t IiIqIii 491-41 ae fiESCBRFTSSTELLE: i Hill«. Esillicker tosiett Ir. 21. HIiHn 14-91 

..... Sprechstunde täglich von 6 7. ..... Sprechstunde täglich mit Ausnahme der Sonn- ti. Feiertage von 12- 1. 


Jfe 5. St. Petersburg, den I. (14.) März 1912. 


37. Jahrg. 


Zur Tuberkulinbehandlung der progressiven 
Paralyse. 

Von Professor Dr. Alexander Pilcz in Wien. 

Jeder Fachmann erinnert sich des einen oder des 
anderen Falles von progressiver Paralyse, bei welchem 
im Gegensätze zu der bekannten trostlosen Prognose 
ungeahnte Stillstände und Besserungen sich zeigten. Ja, 
die einschlägige Literatur verfügt sogar über einige we¬ 
nige jeder Kritik standhaltende Fälle von „geheilter“ 
Dementia paralytica, d. h. Remissionen, so lange dauernd 
und so weitgehend, dass praktisch von einer Heilung 
gesprochen werden durfte. Derlei Fälle von ungewöhn¬ 
lich vertieften Remissionen haben nun etwas Gemein¬ 
sames: Erstens handelt es sich um frische, noch nicht 
weit vorgeschrittene Stadien; zweitens, was das bemer¬ 
kenswerteste ist, um Kranke, welche irgend eine fieber¬ 
hafte akute Infektionskrankheit interkurrent durchmachten. 

Mein Lehrer, Hofrat Professor Dr. v. Wagner, 
nahm, von diesen klinischen Erfahrungstatsachen aus¬ 
gehend, das Problem der therapeutischen Beeinflussung 
des paralytischen Prozesses durch Erzeugung künstlichen 
Fiebers schon vor vielen Jahren in Angriff und zwar 
mittels Injektionen von Tuberkulin. Kochii, als einem 
überall leicht erhältlichen, genügend studierten und ex¬ 
akt zu dosierenden Präparate. 

Die Technik, welche im Laufe der Jahre in Bezug 
auf Höhe der Dosis einige Modifikationen erfahren hat, 
wird gegenwärtig in folgender Weise ausgetibt. Zur Ver¬ 
wendung gelangt das Alt-Tuberkulin; man bereitet sich, 
eine Stammlösung nach folgendem Rezepte: 

Alt. Tuberculin. Kochii x 
Glycerini 4 x 

Aqu. sterilisat. 5 x 

S. D. 10% Lösung. 

Ein Teilstrich einer Pravazschen Spritze enthält also 
0,01 Tbk. Man beginnt in der Regel mit dieser Dosis. 
Nur, wo Verdacht auf eine latente Lungentuberkulose 
besteht, muss man natürlich zunächst mit denselben 
minimalen Gaben arbeiten, wie die Internisten, also mit 
0,0001, je nach Ausfall der fieberhaften Reaktion all¬ 
mählich ansteigen bis zur früher angegebenen Normal¬ 
dosis. 

Die Einspritzungen werden in zweitägigen Intervallen 
vorgenommen, da zuweilen die Temperaturerhöhung erst 
an dem der Injektion nachfolgenden Tage auftritt, strenge 
subkutan; die Patienten sind dreistündlich zu messen. 
Bei hohem Fieber kein medikamentöses Antipyretikum, 
sondern einfach kalte Bauschen auf den Kopf. Absolute 
Alkoholabstinenz, sowie sorgfältigste Regelung der Darm¬ 
tätigkeit, d. h. ängstliches Vermeiden jeglicher Obsti¬ 


pation, Forderungen, welche fü* die Pflege der Paraly¬ 
tiker überhaupt gelten, sind gerade während dieser Kur¬ 
methode besonders wichtig. 

Man steigt nun mit der Anfangsdosis beiläufig nach 
folgendem Schema: Bei Ausbleiben jeglicher Tempera¬ 
turerhöhung Verdoppelung der eben vor ausgegangenen 
Dosis; bei Temperaturen bis zu 37,5° Steigen um die 
Hälfte, bis zu 38° Hinaufgehen um ein Viertel, bei Fie¬ 
ber über 38° Wiederholung der früheren Menge. Auf 
diese Weise vorgehend kann man bis zu der von uns 
im allgemeinen als Maximalgabe erachteten Dosis von 
1,0 Tbk. schreiten, das wären 10 volle Pravaz-Spritzen 
der oben angegebenen Stammlösung. Um aber nicht so 
viel Flüssigkeit auf einmal injizieren zu müssen, bereitet 
man sich, sobald man bei den Dezigrammen angelangt 
ist, nach Belieben, statt der 10%-igen eine 20 -50°/<>-ige 
Lösung. 

Von dem eben skizzierten modus procedendi gibt es 
nun allerlei Ausnahmen. In manchen Fällen tritt so 
rasch eine Immunisierung ein, dass man nach den ersten 
paar Einspritzungen unter Beibehaltung der gewöhnlichen 
Steigerungstechnik Überhaupt kein Fieber mehr zu er¬ 
zielen imstande ist. In anderen Fällen beobachtet man 
im Gegenteile eine Art anaphylaktischer Erschei¬ 
nung*) derart, dass die Kranken auf mehrmals wieder¬ 
holte Dosen von 0,02—0,03 immer wieder mit Hyper- 
pyrexie reagierten, obwohl sie z. B. auf 0,01 gar nicht 
oder nur sehr schwach gefiebert hatten; sie boten also 
das Symptom einer gewissen gesteigerten Tbk. Empfind¬ 
lichkeit. Bei einiger Uebung ist es sehr leicht, auch in 
derartigen Ausnahmefällen die aufeinanderfolgenden In¬ 
jektionen entsprechend zu dosieren. Im Allgemeinen 
kann man sich mit etwa 15 fieberhaften Reaktionen be¬ 
gnügen ^raucht also durchaus nicht in allen Fällen bis 
zur Dosis von 1,0 Tuberkulin hinaufzugehen. 

Bei körperlich rüstigen, vor allem relativ initialen 
Fällen wird dieses eben geschilderte Verfahren zweck¬ 
mässig mit irgend einer regelrechten Hg & J-Kur kom¬ 
biniert, und zwar gingen wir so vor, dass wir die anti¬ 
luetische Behandlung den Tuberkulininjektionen voraus¬ 
gehen oder nachfolgen Hessen. Neuere Erfahrungen 
meines Lehrers sprechen aber dafür, dass man beide 
Therapieen auch gleichzeitig verabfolgen lassen kann, 
was natürlich schon aus rein äusseren Gründen für die 
Kranken von grossem Vorteile wäre. v. Wagner lässt 
an den Tagen, an welchen der Patient kein Tuberkulin 
erhält, eine Injektion von 0,02 Hg. succinimidat. machen. 

Zunächst einiges über die Resultate dieser Behand¬ 
lungsmethode. Es liegt in der Natur der Sache, dass 


*) N. B. Mit der ccliten Anaphylaxie hat dies aber nichts zu tun. 


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64. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 5. 


1912. 


sich diesbezüglich die Erfahrungen, an einem klinischen, 
bzw. Anstaltsmateriale gewonnen, anders verhalten, als i 
die an einem Materiale der Privatklientel oder eines j 
Privatsanatoriums. Ersteres rekrutiert sich ja doch vor¬ 
wiegend aus bereits mehr oder minder vorgeschritteneren 
Fällen, bei welchen irreparable pathologisch-anatomische 
Destruktionen im Zentralnervensysteme schon in grösse¬ 
rem Ausmasse Platz gegriffen haben. Immerhin lehrten 
uns katamnestische Vergleiche von Serien so behandel¬ 
ter und nicht injizierter Paralytiker, dass ein Einfluss 
der Therapie gar nicht zu verkennen war, und zwar in ; 
zweierlei Richtung: Bei der ersteren Serie kamen häu- i 
figere Remissionen vor, und die durchschnittliche Le¬ 
bensdauer dieser Kranken war eine längere. Ungleich 
günstiger jedoch, gar nicht so selten geradezu verblüf¬ 
fend gestalten sich die Ergebnisse bei einem Kranken¬ 
materiale der Haus-, bzw. Sanatoriumspraxis. Ich selbst 
war ehemals zwei Jahre als Leiter des n. ö. Landes- 
Sanatoriuins tätig und konnte voriges Jahr über meine 
daselbst gesammelten Erfahrungen wie folgt, berichten: 
Von 86 Fällen Hessen 39,44% eine Einwirkung nicht 
erkennen; bei 23,2% war von einer Besserung auch 
keine Rede, wohl aber ist ein Fortschreiten des Leidens 
bei fortgesetzter Beobachtung ausgeblieben. Der Pro¬ 
zess schien gewissermassen in dem Stadium zum Still¬ 
stände gebracht worden zu sein, in welchem die Be- ! 
handlung eingesetzt hatte. ! 

In neun Fällen = 10,44% wurden die Kranken für mehr 1 
oder minder lange Zeit gesellschaftsfähig gemacht, d. h. 
die Patienten mochten bei oberflächlicher, laienhafter Be- : 
trachtung als „gesund“ imponieren, waren in Sprache, ! 
Kleidung und Gebaren unauffällig, konnten sich in Ge¬ 
sellschaft bewegen, musizieren, ohne Begleitung spazie¬ 
ren gehen usw., zeigten sich aber doch intellektuell ab¬ 
geschwächt und vor allem nicht mehr berufsfähig. 

In 23 = 26,68% endlich waren die erzielten Remis¬ 
sionen so weitgehend, dass die Kranken — praktisch 
gesprochen - als „geheilt“ erschienen, d. h. ihre j 
völlige Berufsfähigkeit wiedererlangten, j 
und auch die bereits verhängte Kuratel 
wieder aufgehoben werden konnte. 

Noch befriedigendere Beobachtungen kann man aber 
in der Familienpraxis machen, und darum erscheint es 
uns so wünschenswert, dass gerade die Hausärzte die j 
Frühdiagnose und die Technik der Tuberkulinbehand- j 
lung der progressiven Paralyse beherrschen lernen. Der 
Hausarzt allein sieht wirklich ganz frische, eben begin¬ 
nende Stadien, und kann da segensreich wirken. ! 

Auf eines möchte ich noch aufmerksam machen. Es 
empfiehlt sich dringend, um eingetretene Remissionen 
möglichst zu verlängern, das Verfahren von Zeit zu Zeit, 
etwa in ^^-ganzjährigen Intervallen wiederholen zu 
lassen. So kenne ich bereits eine ganz stattliche An¬ 
zahl derartiger Kranker, welche seit Jahr und Tag wieder 
berufsfähig, spontan, d. h. entsprechend der seinerzeit!- ; 
tigen ärztlichen Weisung von Zeit zu Zeit wieder, sei ' 
es in einem Sanatorium, sei es einfach ambulant, d. h. j 
in der Ordinationsstunde, einer Injektionskur sich unter- j 
ziehen. Nur beispielsweise sei hier ein Fall aus meiner §. 
Praxis der letzten Zeit angeführt: 42 j. Oekonom, seit ! 
Juli 1910 paralytisch krank, wird in Begleitung Februar J 
1911 zu mir gebracht. Einfach-demente Form, körper- i 
liehe Lähmungserscheinungen nicht hochgradig, jedoch 
pathognostisch. Examen nur mittels Dolmetsches mög¬ 
lich. Auf Tbk. Kur sehr erfreuliche Remission. Pat. 
reist mit seiner Familie nach Hause, in eine kleine 
russische Stadt. Ich riet beim Abschiede der Familie, 
die Behandlung etwa im Winter wiederholen zu lassen. 
Dezember erschien nun Patient wieder bei mir, hatte 

die weite Reise aus M. allein gemacht; 

es war eine Verständigung ohne Dolmetsch leidlich 
möglich, da der Kranke unter dessen wieder deutsch 
gelernt hatte; ja, aufgefordert, aus dem Gedächtnisse etwas ' 


niederzuschreiben, brachte er inhaltlich fehlerlos eine 
Strophe eines Heineschen Gedichtes zu Papier und 
korrigierte spontan einen orthographischen Fehler, 
Auslassung eines „h“. Er berichtete, dass er seithe, 
seinem Gute vorstehe. Rechnen, Schrift etc. tadellosr 
keine Sprachstörung, Pupillen miotisch, eckig, lichtstarr 
wie bei Beginn der Behandlung. Der Kranke macht der¬ 
zeit einen zweiten Turnus von Tuberkulininjektionen mit. 

Zum Schluss noch Folgendes. Es sind nicht seltene I 
Ausnahmefälle, sondern glücklicher Weise deren schon 
eine recht beträchtliche Zahl, bei welchen die erzeugten 
Remissionen praktisch einer „Heilung“ gleichkommen 
für mehr oder minder lange Zeit. Häufig beobachten wir 
zwar nicht völlige Wiederherstellung der Berufsfähig¬ 
keit, aber ein Stillstehen des Prozesses. Die Kranken 
bleiben auffallend lange gesellschaftsfähig, körperlich 
rüstig. Wieder in anderen Fällen lässt sich, wie ich ja 
auch in meiner früher zitierten Mitteilung nicht ver¬ 
schwiegen habe, ein günstiger Einfluss nicht beobachten, 
ebenso wenig aber habe ich jemals einen Scha¬ 
den infolge dieser Behandlung gesehen, speziell 
niemals ein Aufflackern und Disseminiertwerden einer 
vordem latenten Lungentuberkulose. Selbst¬ 
verständlich aber sind in dieser Hinsicht die schon ein¬ 
gangs erwähnten Vorsichtsmassregeln zu beachten. Wo 
begründeter Verdacht auf bestehende Tuberkulose vor¬ 
liegt, wird man von diesem Verfahren lieber ganz ab- 
sehen und statt dessen etwa die Fischer-Donat- 
schen Versuche mit Nuklein-Injektionen vornehmen. 
Gerade in der allerletzten Zeit endlich hat v. Wagner 
selbst über Versuche mit Injektionen von abgetöteten 
Staphylokokkenkulturen berichtet, die er an seiner Klinik 
angestellt hat, und die höchst befriedigende Resultate bei 
manischen, nicht bei den einfach dementen, Formen der 
Paralysis progressiva ergaben. 

Auf jeden Fall dürfen wir sagen, dass wir heutzu- ! 
tage nicht mehr auf eine rein symptomatologische The¬ 
rapie beschränkt, ohnmächtig dem entsetzlichen, uner¬ 
bittlich progredienten Verfalle der paralytischen Kranken 
gegenüberstehen; und noch einmal sei es betont, gerade 
die praktischen Aerzte haben in dieser Hinsicht bessere 
Chancen schöner Erfolge für sich, als der Fachpsychia¬ 
ter, woferne sie nur die Diagnose möglichst frühzeitig 
stellen. 

Literatur. 

Pilcz. Zeitschriftf. d. ges. Neurolog. & Psychiatrie 1911, | 

IV. Bd., pg. 457. „Zur Prognose & Behandlung 
der progressiven Paralyse“. Mit vollständiger Li¬ 
teratur. 

v. Wagner. Wiener klinische Wochenschrift 1912, 

N° 1 , pg. 61. „Ueber Behandlung der progressi¬ 
ven Paralyse mit Bakterientoxinen“. 


Wohnungsfürsorge als Mittel der Bekämpfung 
der Tuberkulose in Deutschland auf der Inter¬ 
nationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden *). 

Von Dr. W. Pomortzew in Moskau. 

Es ist zweifellos unmöglich eine wirksame Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose durch Behandlung der Er¬ 
krankten, durch Absonderung der bedrohten Individuen, 
durch Gründung von Asylen, Heilstätten, Waldschulen, 
Walderholungsstätten, Auskunfts- und Fürsorgestellen 
und anderer unzähliger Stiftungen zu erzielen. Ohne 
soziale Hygiene ist die Bekämpfung der Tuberkulose 
als einer Volkskrankheit gar nicht denkbar. 

Es ist festgestellt, dass die Tuberkulose vorzugs¬ 
weise durch Wohnungen übertragen und verbreitet wird, 

■ : ) Mitgeteilt in der Deutschen Aerztegesellschaft in Moskau. 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 5. 


65. 


dass die Tuberkulose hauptsächlich eine Wohnungs¬ 
krankheit ist. 

Will man also Erfolg im Kampfe haben, so muss 
man in der Wohnungsfrage reformatorisch auftreteu. 

Ganz besonders gilt das gesagte für die Arbeiter¬ 
wohnungen. 

Prof. Ewald sagt in seinem soeben erschienenen 
Werke „Soziale Medizin“ 1911 folgendes: 

„Es muss Aufgabe der Kommunen sein die Woh¬ 
nungsfrage zu regeln und weitsichtige Vorsorge zu 
treffen, damit die Wohnung, die genau so wie das Trink¬ 
wasser zu den öffentlichen Bedürfnissen gehört, nicht 
Spekulationsgebiet bleibt, oder in neu erschlossenen 
Stadtteilen wieder wird“. 

Es muss daher von sozialhygienischer Seite dringend 
nach einem staatlichen Wohnungsgesetz verlangt wer- 
deu, in welchem das Minimum von Strassenbreite, Licht 
und Luft in den Wohnungen für jeden einzelnen Men¬ 
schen festgesetzt und die Versorgung mit Trinkwasser 
und Kanalisation geregelt wird. 

Ebenso muss man die Gründung einer Wohnungs¬ 
inspektion fordern, welche das Recht haben soll, den 
Missständen auf der Stelle abzuhelfen und Wohnungen, 
die den Sanitätsregeln nicht entsprechen, schliessen zu 
dürfen. Die Ausgaben dafür sind zwar gross, sie ver¬ 
zinsen sich aber reichlich in der Zukunft. 

In Moskau starben an der Cholera im Zeitraum vom 
1831 bis 1870 — 343,953 Menschen, an Tuberkulose 
in derselben Zeit — 3,500,000. In den drei Cholera¬ 
jahren (1892—3—4) starben in Moskau 1475 Menschen 
und in denselben Jahren — 10,650 an Tuberkulose, 
d. h. 7 mal mehr. 

Trotzdem ein Menschenleben gegenwärtig in Russ¬ 
land nicht hoch taxiert wird, muss der durch die Tu¬ 
berkulose zugefügte volkswirtschaftliche Schaden allein 
für Moskau als ungemein gross bezeichnet werden. 
In einem wahren Kulturstaate ist diese Berechnung 
leichter zu machen. 

So zum Beispiel, in der Zeit von 1876 bis 1892, d. i. 
in 16 Jahren verminderte sich die Sterblichkeit in Berlin 
um 10%, weil da für sanitäre und hygienische Amelio- 
rationszwecke in der erwähnten Zeit 187 Millionen Mark 
aufgeopfert worden waren. 

Prof. Pettenkoffer berechnete diese 10% mit 
40 Millionen Mark und sagt mit vollem Recht, dass auf 
diese Weise die Stadt Berlin jährlich 21,4% Gewinn 
trägt. Darum darf man auch vom ökonomischen Stand¬ 
punkte aus keine Ausgaben befürchten, da sie reichlich 
zurückgegeben werden. Das ist z. B. schon längst in 
England und Amerika der Fall, wo die Bekämpfung der 
Tuberkulose sich eine ganz besondere, auf sozial-hy¬ 
gienischen Massnahmen beruhende Richtung ge¬ 
bahnt hat. 

Und obgleich England keine direkte und spezielle 
Bekämpfung der Tuberkulose organisiert hat, so ist hier 
die Tuberkulosesterblichkeit seit 1850 bis 1910 — von 
30 auf 10 pro 10,000 Einwohner gesunken. 

Das wunderbare Sinken dieser Sterblichkeitskurve 
hat England weder einem Zentralkomitee, noch einer 
Heilstättenbewegung oder sogar einer Arbeiterversiche¬ 
rung zu verdanken. Die kolossalen Resultate beruhen 
gerade auf einer sozial-hygienischen Gesetzgebung, 
welche dort schon seit 1830 besteht und sich in ein 
systematisiertes und reichhaltiges Gesetz entwickelte. 

Und diese Gesetzgebung war gerade auf Wohnungs- 
fürsorge der ärmsten Bevölkerung gerichtet. 

Ich muss hier noch erwähnen, dass, wie aus der 
gesamten sozialen und politischen Geschichte Englands 
bekannt ist, dort schon seit vielen Jahrzehnten und so¬ 
gar Jahrhunderten glücklicherweise der Standpunkt 
herrschte, dass eine Amelioration der hygienischen und 
sanitären Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, zu¬ 
gleich mit steter Besserung ihrer Ökonomischen Lage 


[ und der allgemeinen wirklichen Volksaufklärung, die 
mächtigsten Mittel zur Bekämpfung der Volkskrank¬ 
heiten, besonders der Tuberkulose sind. 

| Es bestand in England im Jahre 1850 ein Gesetz, 
welches der Polizei und anderen Behörden das Recht 
| gab, gerichtlich jede Uebertretung der sozialen Hygiene 
, zu verfolgen. 

Im Jahre 1875 wird dieses Gesetz in ein neues 
„Public Health Act“ umgearbeitet und dessen 
' spätere Evolutionen (in den Jahren 1878, 79, 85) und 
Systematiesierung machten das Niederreissen unhygie¬ 
nischer und antisanitärer Häuser und Wohnungen obli¬ 
gatorisch. Das Gesetz von 1879 erteilte jedem Haus¬ 
besitzer das Recht von den Behörden zu verlangen, dass 
sie ihm sein für gefährlich erklärtes Haus billig kaufen 
und das Gesetz vom Jahre 1882 erlaubt den Behörden 
die „obstruktive buildings“, d. h. solche Häuser, welche 
die benachbarten Häuser gefährlich machen, zu expro- 
priiren und niederzureissen. 

Im Jahre 1890 entsteht in England ein neues Gesetz 
i — „Hausing of Working Classes Acts“ — welches 
allen Kommunalbehörden und Magistraten das Recht 
! erteilte alle Häuser und Wohnungen in Aufsicht zu 
I nehmen und im Falle ihrer Insalubrität sie ohne wei¬ 
teres niederzureissen, und nicht nur einzelne Häuser 
sondern auch ganze Stadtviertel. 

Dieses Gesetz, ein eigentliches Wohnungsinspektions¬ 
institut, herrscht in England bis heute. 

Besonderes Gewicht hatte der erste Teil dieses 
grossen Statuts, der sogenannte — Cross Act 1875. 

| Unter diesem Gesetze fanden die grössten Reformen 
I statt, unter seinem Einflüsse wechselte das Bild ganzer 
; Städte, grosse Stadtviertel Londons schwanden und 
tauchten in renoviertem Zustande wieder auf. 

Im Allgemeinen gibt das Gesetz von 1890 den Stadt¬ 
behörden die breitesten Rechte in der Wohnungsfür¬ 
sorge für die ärmste Bevölkerung. Dank diesem Ge¬ 
setze wurden unendliche Reihen ungesunder Häuser, 
ganze Strassen und Gassen zerstört, welche ständige 
Infektionsherde waren und die Sterblichkeit der Städte 
stark beeinflussten. 

Einen besonders breiten Weg bahnte sich das Ge¬ 
setz 1890 und die mit ihm verbundenen Wohnungsre¬ 
formen in London. 

In dem Berichte des Londoner Grafschaftrates von 
1899, findet sich z. B. folgender Passus: Seit dem 
Jahre 1876 wurden 16 kolossale Projekte der Stadtver- 
besserung durchgeführt. Die Gesamtsumme der damit 
verbundenen Ausgaben betrug 1,669,996 L. St. Die 
gekauften Flächen wurden von insalubren Bauten be¬ 
freit und systematisch grossen Unternehmungen ver- 
| geben, welche, wie z. B. Peabody Trust, auf denselben 
I Arbeiterwohnungen errichtet haben. Auf diese Weise 
| haben jetzt 27,000 Menschen neue und gute Wohnungen 
i da, wo früher 21,000 Menschen sehr schlecht gewohnt 
I haben. Das ist der berühmte Withechapel. 

| Wie wir sehen, weckt das Gesetz von 1890 unmit- 
1 telbar nach seiner Promulgieruug viele Unternehmungen 
zum Leben, welche sich ausschliesslich mit Kleinwoh- 
1 nungsbau beschäftigen. 

Es entstehen auf diese Weise drei verschiedene Arten 
von Baugenossenschaften: 

1) solche, die auf kapitalistischen Prinzipen beruhen 
! und kommerzielle Zwecke verfolgen, d. h. — Aktien- 
1 gesellschaften für Kleinwohnungsbau, 

2) solche, die einen Wohltätigkeitscharakter tragen, 

I d. h. Stiftungen und 

j 3) Kooperative Baugenossenschaften. 

Am meisten Interesse erregen die 2. und 3. Kate- 
| gorien der Baugenossenschaften. 

Von der 2. Kategorie muss ich hier zwei Unterneh- 
i mungen erwähnen: Peabody Donation und Guines- Trust. 


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66 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 5. 


1912. 


Mister Peabody, der berühmte Londoner Philantrop, 
ich glaube der Besitzer der kolossalen Gewehrfabrik, 
welche im Jahre 1877—78 die türkische Armee bewaff¬ 
nete, stiftete ein Kapital von 500,000 Pf. für die Woh¬ 
nungen der ärmsten Bevölkerung Englands. 

Peabody Donation besitzt jetzt ein Kapital von 
1,360,000 Pf. Im Jahre 1901 besass diese Organisation 
18 Ansiedelungen (Peabody Buildigs), welche, Wäsche¬ 
reien und Badestuben nicht mitgerechnet, 5169 Woh¬ 
nungen mit 11,439 Zimmern zählte, die von 20,000 Men¬ 
schen bewohnt waren. 

Die Dichtheit dieser Bevölkerung war 12 mal grösser 
als in den übrigen Stadtteilen Londons, jedoch die 
Sterblichkeit war hier viel niedriger. Die Kindermorta¬ 
lität war in Peabody Buildings um 52,8° /00 kleiner, als 
n anderen Teilen der Hauptstadt. 

Guines Trust besitzt jetzt ein Kapital von 325,800 Pf., 
8 Häuser mit 2574 Wohnungen mit 5339 Zimmern für 
9191 Menschen. Laut des Statuts des Guines Trust 
wohnen in diesen Häusern nur solche Arbeiter, welche 
weniger als 25 Schillings pro Woche verdienen. Der 
Durchschnittspreis eines Zimmers ist 2 Schilling l 1 .2 Pens 
pro Woche. 

Die 3. Gruppe der Baugenossenschaften bilden die 
sogenannten Buildings Societys, welche auf genossen¬ 
schaftlichen, kooperativen Prinzipen begründet sind. 

Im Jahre 1897 waren in England schon 2547 solche 
kooperative Baugenossenschaften. Was nun die Tuber¬ 
kulose anbelangt, so wurden, dank den erwähnten 
Baugenossenschaften und der Gesetzgebung in England 
folgende glänzende Resultate erzielt: 

Im Jahre 1901 bewohnten 60,1° 0 der ganzen 
Bevölkerung Englands Wohnungen von 5 und mehr 
Zimmern, 

21,9°/ 0 — Wohnungen von 4 Zimmern, 

16,4% — „ „3 und 2 Zimmern und nur 

1,6% (gegen 2,2% im Jahre 1891) — der ganzen 
Bevölkerung Englands bewohnte eine Wohnung von 
1 Zimmer. 

Ich hielt es für nötig einige Worte über England 
vorauszuschicken,weil Deutschland, das inderTuberkulose- 
bekämpfung an der Spitze von Europa steht, heutzutage 
anerkennen musste, dass ohne sozial-hygienische Ge¬ 
setzgebung und Wohnungsfürsorge die Tuberkulose un¬ 
bezwingbar sei und weil Deutschland England zum Mu- 
Muster in dieser Richtung nehmen musste. 

Wenn wir nun einen kurzen Ueberblick auf die 
ganze Arbeit Deutschlands auf diesem Gebiet entwerfen, 
so sehen wir folgendes: 

Zum Schluss des vergangenen Jahres bestanden in 
Deutschland: 


Volksheilstätten. 99 

Privatsanatorien. 40 

Kinderheilstätten. 22 

für tuberkulosebedrohte Kinder 86 

Schulsanatorien ..... 7 

Walderholungsstätten ... 98 

Waldschulen. 15 

Ländliche Kolonien .... 2 

Invalidenheime. 97 

Beobachtungsstationen ... 33 

Polikliniken und Ambulanzen 19 


Auskunfts- u. Fürsorgestellen 1165 
(Baden allein 537). 

Es beteiligten sich an der Tuberkulosebekämpfung 
497 verschiedene Vereine. 

Was die vorbeugenden Massnahmen gegen die Lun¬ 
gentuberkulose in Deutschland anbelangt, so muss ich 
hier nur sehr kurz die Hauptmomente andeuten; diese 
Massnahmen sind folgende: 

1) Volksbelehrung, Propaganda. 

2) Kinderschutz. 


3) Massnahmen zum Schutz der Arbeiter, insbeson¬ 
dere in Werkstätten. 

4) Massnahmen gegen die Uebertragung der Tuber¬ 
kulose durch Nahrungsmittel. 

5) Hautpflege und körperliche Bewegung, Arbeiter 
gärten. 

6) Massnahmen im Verkehrswesen. 

7) Tuberkulose und Alkoholmissbrauch und endlich 

8) Wohnungsfürsorge, Desinfektion. 

Dieser letzte Punkt unter den vorbeugenden Mass¬ 
nahmen ist in Deutschland jetzt auch als der wichtigste 
anerkannt, denn alles, was in Deutschland im Kampf 
gegen die Tuberkulose bisher gemacht worden ist und 
was ich Ihnen eben nur kurz hergezählt habe, führte 
zur Ueberzeugung, dass es doch bei weitem nicht aus¬ 
reicht und wie Professor Max Gr über vielleicht etwas 
zu scharf sagt „eine Buffonade ist“. 

Die Erkenntnis, dass die Tuberkulose eine Woh¬ 
nungskrankheit ist —, zu der die Behörden und die mit 
der Tuberkulosebekämpfung beschäftigten Organisationen 
schon lange gekommen sind, beginnt auch in der Be¬ 
völkerung dank den Bestrebungen der Auskunft- und 
Fürsorgestellen für Lungenkranke, welche in der Woh¬ 
nungsanierung mit Recht eine ihrer direkten Aufgaben 
erblicken, allmählich immer mehr Platz zu gewinnen. 

Von grossem Vorteil für die Tuberkulosebekämpfung 
durch die Wohnungsfürsorge werden die von den Kom¬ 
munalverwaltungen eingerichteten Wohnungsämter und 
Wohnungsinspektionen sein. Es wäre hier auch gerade 
passend die grosse Rolle der Frauenvereine zu erwähnen, 
welche sie in dieser Hinsicht spielen könnten. 

Ueber die gegenseitige Unterstützung der Wohnungs¬ 
inspektionen und Fürsorgestellen wird in einem Bericht 
über die Tuberkulosebekämpfung im Landkreis Worms 
von Marie Kröhne (Soziale Med. und Hygiene 1910 
Heft 4) folgendes gesagt: 

„Danach ist die durch hessisches Landesgesetz ge¬ 
schaffene Wohnungsinspektion im Landkreise Worms 
einem weiblichen Beamten übertragen worden. Aus den 
programmatischen Ausführungen geht hervor, dass diese 
Stelle durch aufklärende Tätigkeit und in Verbindung 
mit den bestehenden Frauenvereinen stets neben ihrer 
eigentlichen Aufgabe auch die gesamte Wohlfahrts¬ 
pflege fördern kann. Es zeigt sich im besonderen, wie 
durch Zusammenwirken der Kreiswohnungsinspektionen 
und dem Fürsorgearzt, den Krankenschwestern und 
Frauenvereinen durch Ermittelung Tuberkulosekranker 
und Ueberwcisung an den Arzt, Kontrolle der Ueber- 
wiesenen und aus den Heilstätten Entlassener beson¬ 
ders hinsichtlich ihrer Wohnungs- und Ernährungsver¬ 
hältnisse eine Unterstützung im Kampf gegen die Tu¬ 
berkulose getroffen wird“. 

Der nächste Fortschritt Deutschlands in der Woh¬ 
nungsfürsorge ist der Kleinwohnungsbau. 

Vor allem zeigt die Regierung selbst ein lebhaftes 
Interesse in dieser wichtigen Frage und tritt in dem 
Kleinwohnungsbau energisch auf, indem grosse Summen 
für die Beschaffung von besonderen Wohnhäusern für 
Unterbeamte und geringer besoldete Beamte ausgesetzt 
werden. Unter anderen Reichsbeamten sind es auch 
Postbeamte, die von der Regierung von Jahr zu Jahr 
immer mehr mit kostenfreien Wohnungen versorgt 
werden. 

Seit dem Rechnungsjahre 1897—98 werden der 
Reichs-Post und Telegraphen-Verwaltung durch den 
Etat besondere Mittel zur Verfügung gestellt, um an 
sölchen Landorten und abgelegenen Bahnhöfen, an 
denen keine geeigneten Wohnungen für die Unter¬ 
beamten vorhanden sind, Wohnhäuser zu errichten. 
Die Anweisungen sind 1902 dahin erweitert worden, 
dass in besonders dringenden Fällen auch für Unter¬ 
beamte an städtischen Orten und für geringer besoldete 
Beamte Wohnungen beschafft werden können. Die An- 


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67. 


1912. 


mietung von Häusern ist in den letzten Jahren mehr I 
und mehr auf Schwierigkeiten gestossen, da es nur 1 
selten gelingt, geeignete Unternehmer zu finden, die j 
bereit sind, Wohnhäuser zu einem angemessenen Preise 
an die Regierung zu vermieten. Die Errichtung von 
Wohnhäusern für Rechnung des Reichs bleibt daher oft ( 
das einzige Mittel, um die nötigen Wohnungen zu be- i 
schaffen. Den Angehörigen der Reichs-Post- und Tele- 
graphen-Verwaltung kommt auch die Unterstützung zu- I 
gute, die das Reichsamt des Innern aus Reichsmitteln 
solchen gemeinnützigen Baugenossenschaften gewährt, I 
die sich mit der Herstellung von Kleinwohnungen für 
schwach besoldete Beamte oder Arbeiter der Reichsver¬ 
waltungen befassen. 

Infolge dieses Vorgehens der Regierung bleibt die j 
Errichtung und die Anmietung besonderer Wohnhäuser I 
aus Mitteln des Postetats auf Orte beschränkt, an denen : 
die Wohnungsnot nicht auf dem Wege der Unter- | 
Stützung von Baugenossenschaften beseitigt werden kann. 

Durch den Etat der Reichs-Post und Telegraphen- i 
Verwaltung sind bis einschliesslich 1906 6,355,000 Mark | 
zur Errichtung und zum Ankäufe von Wohnhäusern be- j 
willigt worden. j 

Bis zum Schluss des Jahres 1906 sind hergestellt ; 
worden: 560 reichseigene Häuser und 220 gemietete | 
Wohnhäuser, mit 2017 Familienwohnungen für Unter¬ 
beamte, 52 Familienwohnungen für geringer besoldete 
Beamte und 184 Stuben für Unverheiratete. 

Durch den Etat für 1907 sind zur Errichtung und 
zum Ankäufe von Wohnhäusern 700,000 Mark und an 
Miete 113,200 Mark bewilligt. 

Da diese Wohnungsfürsorge bei weitem nicht aus¬ 
reicht, so versuchen die Beamten Deutschlands sich auf 
anderem Wege zu helfen und zwar indem sie Beamten- 
wohnungs-Vereine, d. h. eingetragene Genossenschaften 
mit beschränkter Haftpflicht gründen. Diese Genossen¬ 
schaften bezwecken, ihren Mitgliedern gesunde, preis¬ 
werte und in gewissen Grenzen unkündbare Mietwoh¬ 
nungen in den Städten und ihren Vororten zu be¬ 
schaffen. Durch Ueberweisung solcher Wohnungen, 
gewissermassen eines Wohnungsbesitzes, in den anzu¬ 
kaufenden oder zu erbauenden Häusern wollen diese 
Genossenschaften ihren Mitgliedern die Annehmlich¬ 
keiten und Vorteile eines Hauseigentums gewähren. 

Wie oben erwähnt, gibt der Reichsetat seit dem 
Jahre 1901 alljährlich eine Summe an verschiedene Bau- j 
genossenschaften. In der Zeit von 1901—1906 wurden ! 
diesen Baugenossenschaften 25,000,000 Mark gewährt. I 
Ausserdem verteilt das Reichsamt des Innern kostenfrei > 
grosse Landflächen zum Aufbau der Arbeiteransiede- I 
lungen. | 

Von den Deutschen Bundesstaaten zeigtjPreussen die j 
grösste Bautätigkeit. In 7 Jahren (1895 1903) sind von der 

Preussischen Eisenbahnverwaltung allein za. 50,000,000 M. I 
für den Kleinwohnungsbau ausgegeben. Diese Summe 
wurde aus 3 Quellen geschöpft: Aus der Reichskasse, 
aus einem speziellen Reichs-Wohnungsfürsorge-Fond und 
aus den Invalidenversicherungsanstalten. 

Auch Arbeitgeber *) und Vereine fördern in fort¬ 
schreitendem Masse den Kleinwohnungsbau, meist mit j 
der Unterstützung der Versicherungsanstalten und anderer , 
Behörden. Besonders bemerkenswert in dieser Bezie- | 
hung ist die kürzlich erfolgte Gründung eines Badischen j 
Landeswohnungsvereins. 

Ganz hervorragend haben sich die Träger der Inva- i 
lidenversicherung des Deutschen Reiches an den Woh- j 
nungsfürsorgebestrebungen beteiligt. i 

Es ist bekannt, dass die ganze kolossale Heilstätten- , 
bewegung auf den Landesversicherungsanstalten basierte, j 
dass die Deutschen Reichsversicherungsämter den direkten j 


*) z. B. Krupp in Essen, dessen Arbeiteransiedelungen im j 
Jahre 1900 ungefähr von 30,000 Menschen bewohnt waren. Färb- | 
werke in Hoechst. Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft. 


Kampf mit der Tuberkulose übernahmen. Dieselben 
Reichsversicherungsämter gewähren jetzt auch geradezu 
kolossale Geldsummen für die Wohnungsfürsorge. Und 
der grösste Verdienst dieser Versicherungsanstalten ist 
eben der, dass sie nicht formell auftreten, sich nicht 
nur mit Renten- und Pensionen beschäftigen, sondern 
in voHem Bewusstsein ihrer ausgedehnten Tätigkeit und 
der ihnen vom Gesetz gegebenen Rechte versuchen auf 
allen möglichen Wegen der Invalidität vorzubeugen. 

In vielen Fällen wurde gerade durch diese Reichs¬ 
versicherungsämter das Herstellen der grossen Arbeiter¬ 
ansiedelungen möglich gemacht. 

In welchem Umfange sich die Reichsversicherungs¬ 
ämter an der Wohnungsfürsorge beteiligt haben, geht 
aus folgenden Angaben (Soziale Med. und Hyg. 1910. 
H. 5) hervor. 

Von den Versicherungsanstalten waren Ende 1909 
für Wohnungsfürsorge 280,5 Millionen Mark ausgeliehen. 
Der grösste Teil davon fiel auf die Rheinprovinz mit 
50,5 Millionen M. Ihr folgte mit 31,9 Millionen M. Han¬ 
nover, 27,9 Millionen M. Westfalen, 20,9 Millionen M. 
Königreich Sachsen, 20,2 Millionen M. Baden, 15,4 Mil¬ 
lionen M. Württemberg und 12,4 Millionen M. Hessen- 
Nassau. 

Von den zugelassenen Kasseneinrichtungen hatte 
z. B. die Pensionskasse für die Arbeiter der Preussisch- 
Hessischen Eisenbahngemeinschaft 13,1 Millionen M. 
hergegeben. Die entsprechenden Ausgaben aller übrigen 
Versicherungsträger bewegten sich unter 10 Mill. M. 

Grosse Aufmerksamkeit widmen der Wohnungsver¬ 
sicherung auch die Städte. Die Stadträte bauen eigene 
Häuser mit billigen Wohnungen und subsidieren ver¬ 
schiedene Baugenossenschaften oder geben grosse Stadt¬ 
flächen für die Bauten. Eine besonders breite Tätig¬ 
keit in dieser Richtung entwickelt die Stadt Ulm, die 
erste Stadt mit einer vollendeten Munizipalisierung der 
Landflächen. Die Städte Freiburg, Düsseldorf, Strass¬ 
burg, Schweinfurt, Mühlhausen im E. und andere haben 
auch eine grosse Anzahl von Arbeiter- und Beamten- 
Ansiedelungen aufgebaut. 

Ausserdem entstehen in Deutschland private Bau¬ 
genossenschaften, welche man in Aktiengesellschaften 
und kooperative Genossenschaften einteilen kann. 

Die Aktiengesellschaften für Herstellung billiger und 
gesunder Wohnungen, tragen nicht nur den Charakter 
kommerzieller Unternehmungen, sondern verfolgen auch 
halbphilantropische Zwecke, welche auf das Wohl der 
Arbeiterklasse gerichtet sind. Die älteste Aktiengesell¬ 
schaft ist die „Berliner gemeinnützige Baugesellschaft“, 
welche im Jahre 1848 gegründet worden und jetzt im 
Besitz von 2 Millionen Mark ist. Solche Gesellschaften 
gibt es auch in Dresden, Leipzig, Darmstadt und in 
anderen Städten Deutschlands. 

Die zweite Art der Baugenossenschaften sind die 
kooperativen Baugenossenschaften, welche mehr soziales 
Interesse besitzen und daher grössere Bedeutung haben. 

Diese Baugenossenschaften verfolgen den Zweck, 
ihren meist den arbeitenden Klassen angehörenden Mit¬ 
gliedern und deren Familien in eigens erbauten Häu¬ 
sern gesunde und zweckmässig eingerichtete Mietwoh¬ 
nungen zu verschaffen. 

Diese Kooperative sind bestrebt die Vorteile des 
grossstädtischen Wohnungswesens besser als bisher für 
den Minderbemittelten zur Geltung zu bringen und die 
Nachteile für die Bewohner nach Möglichkeit zu mil¬ 
dern 

Unter anderen Baugenossenschaften will ich hier den 
„Berliner Spar- und Bauverein“ erwähnen, dessen Nord¬ 
uferansiedelung ich in diesem Sommer genau besich¬ 
tigt habe, um an Ort und Stelle die Wohnungsfrage 
zu studieren. 

Dieser Berliner Spar- und Bauverein ist im Jahre 
1892 gegründet und zählte bei Beginn des Jahres 1911 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ms 5. 


— 5500 Mitglieder, die meistens der Arbeiterklasse an¬ 
gehörten. Von diesen Mitgliedern wohnen jetzt 1250 
mit ihren Familien in den Ansiedelungen des Vereins. 
250 neue Wohnungen sind im Bau begriffen. 

Die neuen Ansiedelungen des Vereins befinden sich 
nicht in den sogenannten Arbeitervierteln, sondern in 
den von den wohlhabenden Klassen bewohnten Stadt¬ 
vierteln. Die Bodenpreise nämlich waren in diesen 
Vierteln nicht viel höher als in den Arbeitervierteln, 
zudem hat aber gerade die Lage der Kleinwohnungen 
in den guten Wohnvierteln besonderen Reiz für die 
Minderbegüterten. 

Die Wohnungen werden nur an Genossen vermietet 
und zwar zu einem Mietpreis, der nicht gesteigert wer¬ 
den kann. 

Die Zahlung der Miete erfolgt monatlich im Voraus, 
entsprechend dem Ortsgebrauche. ' Selbst nach dem 
Tode des Mieters können Wittwe oder die Kinder die 
Wohnung zum alten Mietpreis behalten. Der Mieter 
hat dagegen das Recht seine Wohnung zum 1. April 
oder 1. Oktober jeden Jahres nach vierteljähriger Kün¬ 
digung aufzugeben. 

Jedes Mitglied hat mindestens 30 Pfennig pro Woche 
auf einen Geschäftsanteil einzuzahlen, bis die Höhe von 
300 M. erreicht ist. Diese Einzahlung, auf die eine 
Dividende von höchstens 4% für das Jahr gewährt wird, 
erhält der Genosse nur beim Ausscheiden aus dem 
Vereine zurück. Ausserdem nimmt die Genossenschaft 
von ihren Mitgliedern Spareinlagen an, die mit 4% ver¬ 
zinst werden und auch während der Mitgliedschaft zu- 
rückgezalt werden können. 

Die auf diese Weise von den Mitgliedern zur Er¬ 
richtung der Häuser aufgebrachten Einzahlungen be¬ 
tragen jetzt 3 Millionen M. Im übrigen sind die Mittel 
durch Hypotheken im Betrage von 6,5 Mill. M. aufge¬ 
bracht, welche von Behörden und Privaten zu 3—4 1 /a°/ 0 
gewährt wurden. Die Gesamtzahl der Mieter ist 1258 
und die Zahl der Bewohner ist 4851. 

Die Berliner Norduferansiedelung war für 
mich von grösstem Interesse, weil der Bau zu den ty¬ 
pischsten Kleinwohnungsbauten der Vereine gehört. 

Ausserdem wurde mir die Aufgabe des Kennenler- 
nens dadurch erleichtert, dass ich vorher einige Bekannt¬ 
schaften unter den Arbeitern gemacht hatte, welche zu 
den Mietern dieser Ansiedelung gehören. 

Der Betrag der Jahresmiete für die Wohnungen ist 
verschieden und hängt von der Zimmerzahl und dem 
Stockwerk ab. So z. B.: 

von 207—336 M. pro Jahr kosten 362 Wohnungen 
mit je 2 Zimmern; 

von 246—504 M. pro Jahr kosten 558 Wohnungen 
mit je 3 Zimmern; 

von 360—543 M. pro Jahr kosten 109 Wohnungen 
mit je 3 Zimmern. 

In baulicher Hinsicht sind hier alle Vorbedingungen 
gesunden Wohnens beachtet. 

Die Wohnungen sind trocken, hell und luftig. Jeder 
zum Wohnen und Schlafen benutzte Raum ist durch ein 
unmittelbar ins Freie führendes, leicht zu öffnendes 
Fenster lüftbar gemacht. Die Hauptidee beim Bau 
dieser Wohnungen ist die Möglichkeit eines leichten 
Durchlüftens, indem man auf beiden Seilen der Woh¬ 
nung die Fenster oder Türen aufmacht und durch Zug¬ 
winde jede Wohnung lüftet. Da, wo die Wohnungen 
nicht auf beide Seiten des Hauses lüftbar sind, ge¬ 
schieht das Zugwindlüften durchs Treppenfenster. 

Jede Wohnung von 3 Zimmern (inklusive Küche) 
besteht eigentlich aus folgenden Räumen: 

1) Vorzimmer, 2) Küche, 3) Speisekammer, 4) Stube, 
5) Stube, 6) Klosett und 7) Balkon. 

Ganz eigentümlich ist die Beheizung der Wohnungen 
eingerichtet. Sie geschiet entweder durchs Heizen des 


Kochherdes (Kohlen- und Gasheizung) oder durch einen 
Zentralheizapparat, welcher sich in jeder Küche be¬ 
findet. 

Es gibt also keine Hauszentralheizung, sondern eine 
jede Wohnung wird nach Belieben des Mieters auf seine 
Kosten appart geheizt. 

Die Beheizung jeder Wohnung, wobei ein erheb¬ 
licher Teil des Feuerungsmaterials zum Kochen ver¬ 
wandt wird, kostet pro Jahr nicht mehr als 25 M. 

Der Jahreskohlenvorrat wird durch die Hausverwal¬ 
tungskommission besorgt und der Betrag der Ausgaben 
auf jeden einzelnen Mieter verteilt. 

lieber die Gesundheits- und Mortalitätsverhältnisse 
wurden seit mehreren Jahren genaue Erhebungen ge¬ 
macht, welche auffallend günstige Resultate zeigten. 

Von Epidemien blieben die Vereinshäuser bis jetzt 
verschont, obgleich Diphtheritis und Scharlach in jedem 
Jahre vereinzelt auftraten. Was die Tuberkulose anbe¬ 
langt, so ist die Mortaliiät an dieser Krankheit geradezu 
kolossal gesunken. 

Ausser der Unkündbarkeit der Wohnungen, welche 
die Sesshaftigkeit wesentlich gefördert hat, gehörte von 
Anfang an zu den Hauptgrundsätzen des Vereins, die 
Aftervermietung zu verbieten. Die schlimme Gewohn¬ 
heit der Grossstädte, die Miete durch Aufnahme von 
Schlafgängern zu verbilligen, dadurch aber auch das 
Familienleben aufs schwerste zu gefährden, besonders 
inbezug auf Tuberkulose, wird in den Vereinshäusern 
nicht geduldet. 

Im Gegensatz zu der grossstädtischen Gewohnheit 
den Kindern das Spielen auf den Höfen zu untersagen 
und sie somit auf die, für die Jugend so gefährliche 
Strasse zu weisen, sind in sämtlichen Ansiedelungen 
des Vereins grosse Kinderspielplätze mit Turngerüsten 
und Sand auf den parkartig angelegten Höfen vorge¬ 
sehen. Gerade für die Kinder der Bewohner sorgt der 
Verein in ausgiebiger Weise. Jeder Mieter hat das 
Recht, seine 3 bis 6 Jahre alten Kinder kostenlos in 
den Kindergarten zu schicken; die schulpflichtigen 
Kinder können kostenlos am Handfertigkeitsunterr/cht 
teilnehmen. Die Kosten, die. 3% der Miete ausmachen, 
trägt der Verein. 

Jede Ansiedelung hat einen Kindergarten für sich, 
der nur von den Kindern der Ansiedelung benutzt 
werden darf. Diese Einrichtungen, welche im Jahre 
1910 von 750 Kindern benutzt wurden, haben für die 
Hausfrauen den grossen Vorteil, die Wohnungen wäh¬ 
rend der Abwesenheit der Kinder gründlich lüften und 
reinigen zu können und auch einige Stunden am Tage 
der steten Sorge um die Kinder enthoben zu sein. 

Wenn wir den Durchschnittspreis der Wohnung zu 
30 M. nehmen, so zahlt der Mieter für das Recht eines 
Kinder in beliebiger Zahl in den Kindergarten zu 
schicken, 30 Pfennige pro Woche, was für das ganze 
Haus 1872 M. pro Jahr ausmacht. 

Und diese Summe wird für den Lohn der Lehrerin, 
für alle Materialien, welche zu den Fröbelschen Spielen 
gehören, für die Veranstaltung der Kinderfeste u. s. w. 
ausgegeben. 

Einer grossen Beliebtheit erfreuen sich auch die 
Bibliotheken, die in sämtlichen Ansiedelungen des 
Vereins eingerichtet sind. Im ganzen sind 6569 Bände 
vorhanden und 17,853 Ausleihungen fanden im vorigen 
Jahre (1910) aus diesem Bücherbestände statt. Ausser¬ 
dem besitzt jede Ansiedelung, sowie auch die Nordufer¬ 
ansiedelung, einen gemeinschaftlichen Saal, welcher für 
Vorlesungen, Konzerte, Theateraufführungen benutzt 
wird. Hier ist zu erwähnen, dass in der Norduferansie¬ 
delung ich gerade einer Vorlesung beigewohnt habe, 
welche von Dr. med. Schmidt veranstaltet wurde und 
die Frage der sozialen Bekämpfung der Tuberkulose 
behandelte. Diese Vorlesung, welche einer Serie ange¬ 
hörte, erweckte meinen Beobachtungen nach, grosses 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 5. 


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Interesse bei den Zuhörern, meistens Arbeitern und ihren | 
Familienangehörigen. i 

Jede Wohnung enthält in den oberen Etagen einen 
Balkon, welcher von den Bewohnern liebevoll gepflegt 
und mit verschiedenen JSlumenarten geschmückt wird. 

Es ist der Blumengarten der Grossstadt und dessen 
beste Pflege und Schmuck wird mit einem Preise 
gekrönt. 

Noch einige interessante Kleinigkeiten, welche zur 
Hygiene der Wohnungen gehören. 

In den Wohnungen darf nicht gewaschen werden, 
hierzu ist vielmehr eine Waschküche mit Trockenboden 
im Dachgeschoss an jedem Treppenaufgang zur gemein¬ 
schaftlichen Benutzung vorgesehen. 

Gleichfalls im Dachgeschoss befinden sich die Bade¬ 
zimmer, die jedem Bewohner zur Verfügung stehen und 
in der Weise benutzt werden, dass sich der Mieter mit 
einer Ausgabe von höchstens 10 Pfennig für Feuerung 
das Bad selbst bereitet. 

Ein ganz besonderes Gefühl der Ehrfurcht ergreift 
jeden, der die Schwelle der Internationalen Hygiene- 
Ausstellung betreten hat. 

Alles das, was ich hier eben nur ganz kurz ange¬ 
deutet habe, was ich aus Zeitmangel nur konspektiv 
zusammenzufassen versuchte, ist in dem grössten und 
ausführlichsten Massstabe auf der Dresdener Ausstellung 
illustriert. ! 

Ich muss nur die ungeheure Arbeitsfähigkeit und 
Geduld bewundern, mit welcher bei dieser Ausstellung ( 
ans Werk gegangen wurde. j 

In der Halle 54 unter dem Schild „Ansiedelung und 
Wohnung“ und Halle 42 „Kleinwohnungsbauten“ sind 
systematisch und sorgfältig folgende Branchen aus- j 
gestellt: 

1) Städtebau. I 

2) Städtereinigung. J 

3) Haus und Wohnung. j 

4) Kleinwohnungsbauten. i 

5) Lüftung und Heizung. ! 

6) Wasserversorgung. I 

7) Boden und Wasser. ' 

8) Kanalisation. ! 

9) Bestattungswesen. 

Der Städtebau gibt die Grundlage ab für die öffent¬ 
liche und private Tätigkeit zur Befriedigung des Woh¬ 
nungsbedürfnisses und zur Lösung einer ganzen Reihe 
von Fragen des Verkehrs, sowie von Fragen wirtschaft¬ 
lichen, ästhetischer, sozialer und hauptsächlich auch 
hygienischer Natur, welche beim Zusammenwohnen einer 
grossen Menschenmenge auf verhältnismässig be- j 
schränkter Bodenfläche auftreten. i 

Der „Städtebau“ behandelt also im wesentlichen die I 
Wohnungsfrage, eine der wichtigsten Fragen des Volks- 
wohls, die in der Gegenwart, wie ich es schon einige 
Male erwähnt habe, im Vordergründe des öffentlichen 
Interesses steht. § 

Für die Lösung dieser Frage sind von hervorra- j 
gender Wichtigkeit die Bebauungspläne» die Bauord- j 
nungen, die Verkehrsangelegenheiten, die Bodenpolitik I 
von Staat und Gemeinde, die Kreditverhältnisse in den I 
Städten und andere Fragen. j 

Auf den meisten dieser Gebiete ist die Hygiene von 1 
ganz besonderer Bedeutung. Daher nehmen auch die 
Bebauungspläne auf der Ausstellung einen grossen 
Raum ein. Es sind zahlreiche Beispiele von Bebauungs¬ 
plänen grosser Städte vorhanden, entweder in der Form 
von Zeichnungen oder von Modellen, die nicht nur dem 
Fachmann, sondern auch dem Laien ein deutliches Bild 
geben. Die Pläne erstrecken sich sowohl auf gesund¬ 
heitliche Verbesserungen alter Stadtteile, sowie auch auf 
die Schaffung gänzlich neuer Ansiedelungen. (Garten¬ 
städte). Dabei finden unter anderen eingehende Berück¬ 
sichtigung die für die Hygiene besonders wichtigen 


Strassenbepflanzungen, Promenaden, Parkanlagen, Gar¬ 
tenplätze, Spiel- und Sportplätze. 

An die Bauordnungen schliessen sich die Wohnungs¬ 
ordnungen an. Der grösste Teil der Exponate in der 
Gruppe „Haus und Wohnung“ ist dem Kleinwohnungs¬ 
wesen gewidmet. Die wichtigsten hygienischen, sitt¬ 
lichen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Forde¬ 
rungen unserer Zeit drängen auf eine systematische 
Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in den Gross¬ 
städten. 

In dieser Gruppe sehen wir folgende Untergruppen: 

1) Wohnungsstatistische Erhebungen. 

2) Darstellungen der Reformbestrebungen im Klein¬ 
wohnungsbau, wo den Beispielen gedrängter unhygieni¬ 
scher Wohnungsweise die Grundrissbildungen hygieni¬ 
scher Kleinwohnungsanlagen gegenüber gestellt sind. 

3) Darstellungen der administrativen und gesetzge¬ 
berischen Massnahmen im Kleinwohnungswesen. 

Sehr interessant sind die Resultate jahrzentelanger 
Bestrebungen der gemeinnützigen Baugenossenschaften. 

. Ich werde versuchen sie hier kurz zusammenzufassen. 
Diese Baugenossenschaften bezweckten folgendes: 

1) Die Wohnungen durchlüftbar zu machen und mög¬ 
lichst viel Räume an die günstigen Wetterseiten (Süden 
und Osten) zu legen, was zur Folge hatte, dass auch 
Treppenhäuser und Klosetts an die Strassenfagade zu 
liegen kamen, die jedoch durch entsprechende architek¬ 
tonische Ausbauten der Fanden keinen störenden Ein¬ 
druck machen. 

2) Das Klosett möglichst in die Wohnungen (auch 
bei den kleinsten, zweiräumigen) zu verlegen. 

3) Jedem Koch- und Wohnzimmer einen Wirt¬ 
schaftsbalkon zu geben und zwar wettergeschützt, zug¬ 
frei und so gelegen, dass eine Belästigung durch die 
Nachbarschaft möglichst vermieden wird, selbst wenn 
sie im Besitze eines Grammophons ist. 

4) einen ventilierbaren Speiseschrank oder eine kleine 
Speisekammer jeder Wohnung zu geben. 

Die allgemeine Ausstattung soll einfach und bürger¬ 
lich sein: Parkettboden, schablonierte Wände, dunkel¬ 
gestrichene Türen, die lichte Höhe der Wohnräume — 
2,7 meter, im Dachgeschoss — 2,6 m., das Steigungs¬ 
verhältnis der Treppen 26/17 zm. 

Wir sehen hier ein Bild der kolossalen Arbeits- und 
Organisationsfähigkeit Deutschlands. Und doch ist es 
nur eine einzige Halle, die so viel enthält, dass ein 
gewissenhaftes Studium derselben vieler Tage bedarf. 

Zum Schluss noch einige Zahlen. 

Für den Bau von Arbeiterwohnungen, Ledigenheimen, 
Hospizen, Gesellenhäusern u. s. w. sind in Deutschland 
bis Ende des Jahres 1908 239,4 Millionen M. aufge¬ 
wendet worden, und zwar als Darlehen zur Förderung 
des Familienwohnbaues 225,6 Mill. M., für die er¬ 
wähnten anderen Zwecke 13,8 Mill. M. 

Insgesamt liehen die Versicherungsanstalten bis Ende 
1908 — 675,3 Mill. M. für gemeinnützige Zwecke her. 
Ist das nicht imposant 1 

Und dennoch, sagt in seinem neuen Werke Prof. 
Ewald: 

„Man wird sich, solange eine systematische Woh¬ 
nungsfürsorge nicht besteht, bei der Tuberkulosebe¬ 
kämpfung vorläufig mit denjenigen Mitteln begnügen 
müssen, welche den Kampf in Einzelgefechte auflösen, 
und zwar bei Seuchen von geringer Ausdehnung so 
glänzend wirken, aber solche Massenerscheinungen natür¬ 
lich nur sehr unvollkommen beeinflussen können. Trotz¬ 
dem ist auch hier ausserordentliches geleistet worden“. 

In Deutschland dämmert schon der Tag der sozyal- 
hygienischen Umwandlungen, es wird bald Licht werden. 
Pereat Tuberculosis 1 


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70. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JM° 5. 


1912. 


Ueber moderne Eisenpräparate*) 

Von Dr. N. S c h r o e t e r in Reval. 

Jeder von uns, der allgemeine Praxis treibt, wird 
unter hundert Patienten acht finden, bei denen er ent¬ 
weder als selbstständigen Befund oder als Folge eines j 
Grundleidens Anaemie konstatieren wird und gegen die er 
mit oder ohne Berücksichtigung des vorhandenen Grund¬ 
leidens ein Eisenpräparat zu verschreiben sich veranlasst 
sieht. Unter den Hunderten auf dem Arzneimittelmarkt 
erschienenen Mitteln das geeignete ausfindig zu machen 
scheint auf den ersten Blick schwer zu sein, doch scheint 
es nur so; in praxi ist die Sache einfach genug: Jeder 
hat auch unter den Eisenpräparaten seine „Hausmarken“ 
aus denen er mit Berücksichtigung der sozialen Po¬ 
sition des Klienten — das passende Mittel bald ausge¬ 
sucht und verschrieben haben wird, und das dann im 
Grossen und Ganzen unabhängig von Name und Zu¬ 
sammensetzung einem Jeden in gleichbleibendem Ver¬ 
hältnisse Erfolg oder Misserfolg bringt. 

Lohnt es sich nach solchen Erfahrungen noch die ein¬ 
zelnen Präparate nach Zusammensetzung und Wirkung zu ! 
differenzieren, lohnt es sich die Qual der Wahl auf sich zu 
nehmen, wenn anscheinend alle Eisenmittel gleich wirken? - 

Es lohnt sich wohl, und zwar aus folgenden Gründen: 

Erstens sind nicht alle Eisenpräparate frei von schäd¬ 
lichen Nebenwirkungen. Zweitens ist die quantitative 
Wirkung der einzelnen Präparate nicht gleichwertig, 
trotz der qualitiven Uebereinstimmung in der Wirkung. 
Drittens aber kommt noch der Umstand in Betracht, 
dass der Preis der einzelnen Mittel mit ihrer Wirkungs- ! 
weise nicht in Relation steht, ein Umstand, den wir in 
der praxis paupera und media immer wieder in Betracht 
ziehen müssen. j 

Zunächst will ich kurz die objektiven Tatsachen vor¬ 
legen, die uns aus Tier- und Menschenexperiment über 
die Rolle und den Einfluss des Eisens auf den Organis¬ 
mus der Säuger vorliegen. 

1. Der menschliche Körper enthält im Durchschnitt | 
3,2 Gramm Eisen, davon das Blut allein 2,5 Gramm. 

2. Der gesunde Mensch scheidet pro Kilo und Tag 
0,15 mg. Eisen aus; auf ein Durschnittsgewicht von 75 j 
Kilo ausgerechnet braucht also der Mensch za. 12 mg. 
Eisen täglich, um auf seinem Fe-Gleichgewicht zu blei¬ 
ben, ein Bedürfnis, das aus unserer üblichen gemischten 
Kost reichlich gedeckt wird. 

3. Alle destruktiven Prozesse im Körper, bei denen es i 
zu Zerfall von Organeiweiss kommt wie Malaria, pernizi¬ 
öse Anaemie, Leukaemie Diabetes, und Hunger — steigern 
die Fe-Ausscheidung gewaltig, oft bis Ins hundertfache. 

4. Durch Verfütterung eisenfreier Nahrung an Mensch 
und Tier lässt sich rasch ein Eisenmanko am Versuchs- 1 
Objekt erzeugen; bei Zusatz von beliebigen ph^rmazeu- 
tischen Eisenpräparaten zu sonst eisenfreier Nahrung 
tritt dieses Eisenmanko nicht ein, gleichgültig ob das 1 
Präparat organischer oder unorganischer Natur war. 

5. ln der Entwicklungsperiode weiblicher Individuen j 
werden grosse Eisendepots in Mammae, Uterus und Ova¬ 
rien angelegt; bei ungenügender Eisenzufuhr per os (die 
beliebte Milchverordnung gegen Anaemie der jungen Mäd¬ 
chen!) werden diese Eisendepots mit Körpereisen gefüllt 
und dadurch der übrige Organismus eisenarm gemacht. 

6. Das Eisen des Blutes bildet das Haemoglobin, 
indem ein Atom Fe. zwischen zwei Molekülen Haema- 
toporphyrin verankert wird (Theorie von Nensky und 
Zaleski); es ist daher der Haemoglobingehalt eines In¬ 
dividuums ein sicherer Indikator für dessen Eisengehalt. 

7. Das per os eingeführte Eisen wird von den Zotten 
des Duodenum zum geringerem Teile von denen des 
übrigen Dünndarms resorbiert und in der Leber als 

Mitgeteilt auf dem VI. Aerztetag der festländischen Aerztlichen 
Gesellschaft. 


Lebereisen (Vorratseisen) abgelagert (Schmiedeberg) 
subkutan oder intravenös eingeführtes Eisen wird auch 
nur in der Leber abgelagert. (Quincke). Erst das Leberei¬ 
sen gelangt in modifizierter Form in die übrigen Organe. 

8. Nach Schirokauer soll alles per os eigeführte 
Eisen durch die Salzsäure des Magens zu Eisenchlorid 
verwandelt werden, dieses wieder im Duodenum mit dem 
Eiweiss der Nahrung Albuminate bilden um dann erst 
resorbiert zu werden: für alle organischen und anorga¬ 
nischen Eisensalze mag das zutreffend sein, die fester 
gebundenen Albuminate und Bluteisenverbindungen wer¬ 
den von HCl aber nicht angegriffen resp. umgewandelt 
und dennoch im Duodenum resorbiert. (Schmiedeberg). 

9. Alle per os eingeführten Eisensalze reizen die 
Schleimhaut des Magens und Darmes und führen, über 
die Menge der individuellen Toleranz hinaus gegeben, zu 
Vergiftungssymptomen. 

10. Alle eisenhaltigen Mineralwässer und fast alle orga¬ 
nischen und anorganischen Eisensalze schädigen den 
Schmelz der Zähne bei Einnahme per os; am verhängnis¬ 
vollsten wirken Ferr. pomat.; Ferr. lact. und Syr. Ferr. jo- 
dat! Unschädlich für die Zähne sind die Fe-albuminate 
und die noch fester gebundenen organischen Präparate. 

11. Eisenhaltige Nahrungsmittel sind: Fleisch, spe¬ 
ziell Leber, Milz, Knochenmark, Blut und aus Blut be¬ 
reiteten Speisen, Eier, Aepfel, Spinat, Erdbeeren, Schell- 
beeren, Kartoffel, Linsen, Erbsen, Bohnen. Als Eisenarm 
gelten Milch, Käse, Butter, Reis und alle gebeutelten 
Mehle. 

12. Alle Eisenpräparate sollen nicht unter Dosen 

verabfolgt werden die 0,1 Fe pro die (für Erwachsene) 
betragen. (Schirokauer). 

In diesen zwölf Punkten konzentriert sich fast alles, 
was der Praktiker über das Schiksal des Eisens im 
menschlischen Organismus zu wissen braucht; wenn ich 
noch auf folgenden Tabellen die Zusammensetzung 
und den Fe-Gehalt der gebräuchlichsten Eisenpräparate 
vorlege, so könnten wir schon nach diesen Faktoren 
allein eine Auswahl für die Praxis treffen. 

Um Magenreizung und Zahnschäden zu vermeiden 
werden wir aus vorliegenden Tabellen nur die Fe-Albu- 
minate resp. die noch fester gebundenen Präparate aus¬ 
wählen dürfen, unter diesen aber in engerer Wahl die 
hochwertigsten an erster Stelle. 

Trotz seines höheren Fe-Gehaltes von 16% wird das 
Triferrin in der Praxis doch in denselben Dosen wie das 
6% Fe-enthaltende Ferratin verordnet d. h. zu 1,5 Gramm 
pro die, die festen Blutpräparate mit ihrem Fe-Gehalt 
von 2,5—3% müssten schon in der doppelten Dosis 
verordnet werden, um die gleiche Wirkung wie die 
erstgenannten Präparate zu erzielen, was bei annähernd 
gleichem Gewichtspreise, das Rezept ums doppelte ver¬ 
teuert. — Bei Verordnung in der Poliklinischen resp. 
Hospitalpraxis sollte man diesen Umstand nicht ausser 
Acht lassen; überhaupt sind die pulverförmigen Präpa¬ 
rate durch die teure Dispensation in den Apotheken für 
die praxis paupera und wohl auch media recht teuer 
und daher die flüssigen — fabrikmässig hergestellten 
Eisenpräparate durch ihre bequeme Dosierung und den 
| bedeutend billigeren Preise vorzuziehen. Einen weiteren 
grösseren Vorzug haben diese flüssigen Präparate noch 
I durch den Umstand, dass sie sich leicht mit anderen 
| Medikamenten kombinieren lassen und dadurch es er- 
; möglichen oft mit einem Rezepte mehreren Indikationen 
zu genügen. Das ist das Triferrol mit seiner As-Kombi¬ 
nation, auch die Ferratose, die mit Jod resp. Arsen 
kombiniert hergestellt wird, und dann das Ferratol, das 
jüngste Präparat dieser Art, das durch seine Kombi¬ 
nationen mit Arsen, Jod, Lezithin und Thiokol die 
grösstmögliche Jndividualisierung bei der Anaemiebe- 
1 handlung zulässt. 

Das Ferratol wurde vor Jahresfrist von der Firma 
Richter in Kreuzlingen (Schweiz) auf den Markt ge- 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N® 5. 71. 


bracht und wird für Russland in unserer rühmlichst be- i 
kannten Burchardt’schen Apotheke in Reval hergestellt. | 
Es ist eine wohlschmeckende aromatische Flüssigheit j 
mit ca. 0,3% Fe (entsprechend 5% Ferratinnatrium) ' 
ca. 8% Alkohol und 10% Zucker. Es greift die Zähne 
nicht an und erzeugt keine Magenreizung, ist gegenüber j 
der Darmperistaltik indifferent oder auch leicht ab¬ 
führend. Seine Kombination mit Jodeiweiss enthält 
0,3% Jod, mit Acid-Afsenic. 0,03% o Ac. Arsen., mit 
Lezithin 0,3% Lezithin, mit Thiokol 6% dieses Mittels. 
Auf meine Veranlassung ist auch eine Kombination von 
Acid. Arsenic. und Thiokol (Acid. arsenic. 0,03%o f 
Thiokoli 6%) hergestellt. 

Im Laufe dieses Jahres habe ich das Ferratol in 107 j 
Fällen angewandt und erlaube mir die Resultate dieser | 
Prüfung vorzulegen. Um nur ein einigermassen ob¬ 
jektives Urteil über die Wirkung des Mittels zu bil¬ 
den, habe ich bei allen Patienten vor und nach Gebrauch 
des Ferratols die Haemoglobingehalts-Bestimmung nach i 
der Tallquistschen Farbenskala gemacht. j 

T a'b e 11 e 


der gebräuchlichsten Eisenpräparate nach ihrer ehern. 
Natur gruppiert. 


1. Groppe 

Fe. nur nach Ver¬ 
aschung nachweis¬ 
bar. 

II. Gruppe 

Fe. durch Schwefel 
ammonium ».rst 
nach langer Ein- 
Wirkung nachweis¬ 
bar. 

III. Gruppe 

Fe. durch Schwefel- 
ammoniurn in neu¬ 
traler Lösung sofort 
nachweisbar. 

VI. Gruppe 

Fe. durch alle Eisen¬ 
reagenzien nach¬ 
weisbar. 

Blute isenprä- 

Haematogen- 

Liq.ferr. Album. 

Metallisches 

parate: 

Bunge 

Carniferrin 

Eisen und alle 

Haemogiobin 

Ferratin- 

Triferin 

anorganischen 

Haematin 

Schmiedeberg 

Ferratogen 

wie organi¬ 

Haemol 


Protoferin 

schen Eisen¬ 

Hoemogallol 


Haemol. ferrat. ! 

salze exkiu- 

SanguLial 

- 

Triferrol 1 

sive-Albumi- 

Bioferrin 

- 

Ferratose 

nate. 

Fersan 


Ferratol 


Haematogen j 

- 

1 

- 

(Hommel, 

— 


| 

Trampedach 

— 

1 


etc.). 

— 

1 

— | 


Tabelle 

der gebräuchlichsten Eisenpräparate nach ihrem 
Fe-Gehalt geordnet. 


Name 

i 0, 

Io 

Name 

I v 

Ferr. pulverat 

98 

Haemogiobin 

' ca. 2,5 

. hydrog. reduct. 

90 

Sangninal 

ca. 2,5 

. pyroph. c. natr. citr. 

20 

Fersan 

ca. 2,5 

. loctic. 

19 

Haemogailol 

! 0,4 

Trifferin (Knoll) 

! ca. 16 

Llq. ferri alb. 

' 0.4 

Ferr. carb. Sachar. 

10 

Tinct ferr. pomat 

ca. 0,4 

Ferratin 

6 

Haematogen Bunge 

0,3 

Extr. ferr. pomat 

5 

Ferratose 

0,3 

Carhiferrin 

3,5 

Ferratol 

| 0,3 

Liquor ferr. oxyd. dial. 

3,5 

Triferrol 

0,25 

Haemol ferrat. 

3,0 

Haematogen-Hommel 

j ca. 0,15 

Haematin 

| ca.2,5 

Haematogen-Trampedach | ca. 0,15 


Das ganze Beobachtungsmaterial ist in 6 Gruppen j 

geteilt: j 

Gruppe I. Anaemie ohne nachweisbares Grundleiden. i 

a. Kinder von 6-14 Jahren. j 

Behandelt 11 Fälle. V€rabfolgt wurde Ferratol, Feratol c. 
jodo, Ferratol c. Lecithino 400,0 - 500,0 2 3X10,0 Gramm. Bei ' 


9 Patienten stieg der Haeraoglobin-Gehalt um 10—20% Tallq. bei 
guter Besserung des Allgemeinzustandes Zwei Versager. 

b. Erwachsene im Alter von 18—65 Jahren. 

Behandelt 29. Fälle. Verabfolgt Ferratol, resp. Ferratol c. Leci¬ 
thino 500,0—1000,0 3X10,0—15,0 Gramm. 

Steigerung des Haemaglobin Geh. 10°-30° Tallquist. 3 Versager. 

Gruppe II. Rekonvaleszenten nach verschiedenen fieberhaften 
Erkrankungen. 

Behandelt 9 Fälle. Verordnet Ferratol, resp. Ferratol c. Lecithino, 
resp. c. Ac. arsen. 400,0—700,0 3X10,0—15,0 Gramm p. d. Haemo- 
globinsteigerung nach Tallquist 20° 40°. Keine Versager. 

Gruppe III. Morbus Brightii. 

Behandelt 3 Fälle. 

Verordnet Ferratol, resp. Ferratol c. Lecith. 500,0—700,0 2—3X15.0 
Gramm p. dt Haemogiobinsteigerung in 2 Fällen von 70° auf 90P, in 
1 Fall von 30° auf 80°, Albumen blieb in einem Falle auf l.S 0 /«, 
stehn, in zwei Fällen sank der Eiweiss-Gehalt von SO/o, resp. 2%o 
auf 1° oq. Kein Versager. 

Gruppe IV. Morbus Basedowii. 

5 Beobachtungen im Alter von 19—37 Jahren. 

Verordnet wurde Ferratol c. Lacithino 400,0—500,0 3X15,0 
Gramm. In zwei Fällen wurde eine gewisse Besserung des Allge¬ 
meinbefindens konstatiert mit Erhöhung des Haemoglobin-Gehaltes 
um 10° Tallquist. In drei Fällen trat keine wesentliche Besserung 
ein: also 3 Versager. 

Gruppe V. Tuberkulose der Lungen, Drüsen und des Skeletts 
(Knochen und Gelenke). 

29 Beobachtungen im Alter von 6—60 Jahren. 

Verordnet wurde ausschliesslich Ferratol c. Ac. Arsen mit oder 
ohne Zusatz von Thiokoli. 200,0 -1000,0 3 Mal täglich 5,0—15,0 
Gramm. In allen Fällen bis auf zwei mit Larynxtuberkulose kompli¬ 
zierten war der Erfolg gut, vielfach gerade glänzend. Der Haemo- 
globin-Gehalt stieg um 20° 30° Tallquist, eine Gewichtszunahme liess 
sich immer beobachten und erreichte in zwei Fällen eine Steigerung 
von mehr als 10 Pf. im Verlaufe der fünfwöchentlichen Kur. — Stark 
fiebernde Kranke wurden von der Verordnung des Ferratols ausge¬ 
schlossen. Zwei Versager (Larynxtuberkulose). 

Gruppe VI. Arteriosclerosis. 

4 Beobachtungen im Alter von 63—82 Jahren. 

Verordnet wurde nur Ferratol c. Jodo 400,0—500,0 3X10.0 
Gramm. 2 Fälle von Coronarsklerose mit Angina pectoris 2 Fälle 
von allgemeiner Arteriosklerose mit vorwiegend zerebralen Symptomen: 
Schwindel, Kopfschmerz, Augenflimmern, Ohrensausen. In allen vier 
Fällen wurde eine durchgreinende Besserung erzielt, wie sie durch 
den früheren Gebrauch anderer Jodpräparate nicht erreicht worden 
war. Haemogiobinsteigerung 10°—30° Tallquist, kein Jodismus. Kein 
Versager. 

17 Patienten, verschiedenen Krankheitsgruppen ange¬ 
hörend, entzogen sich der Beobachtung und können aus 
der Statistik ausgeschlossen werden, die mit 10 Ver¬ 
sagern bei 90 Beobachtungen dem Ferratol als wirksa¬ 
mes Mittel bei Anaemien und Dyskrasien verschiedensten 
Ursprungs ein glänzendes Zeugnis ausstellen dürfte. 

Als unangenehme Nebenwirkung habe ich 5 mal 
Diarrhoeen beobachtet — 2 mal bei Ferratol c. Lecithino- 
Gebrauch, 3 mal beim Arsenpräparat — die jedoch durch 
Reduzierung der Dosis um V» der anfänglich verordneten 
prompt zurückgingen. Dabei muss noch hinzugefügt 
werden, dass ich keine strenge Diätvorschriften gegeben 
habe und nur starke Säuren und unreife Früchte ver¬ 
boten habe. 

Benutzte Literatur: 

1. Schmiedeberg O. Ueber das Ferratin und seine 
diabetische und therapeutische Anwendung. Arch. f. exp. 
Path. und Ther. 1894. 

2. Schmiedeberg O. Lehrbuch der Pharmakologie. 

3. Kobert R. Lehrbuch der Pharmakotherapie. 

4. M e y e r E. Ueber die Resorption und Ausscheidung des 
Eisens (Ergebnisse der Physiologie). 

5. Macall um A. B. Die Methoden und Ergebnisse der 
Microchemie (Ergebnisse der Physiologie 1908). 

6. Zwetkoff Anna. Beitrag zur Kenntnis der Wirkung 
von Eisen und Arsen. (Arch. f. exp. Pathol. und Ther. 
;X 1911. 

7. Senator. Subkutane Eisentherapie Münch. Med. W. 1905. 

8. Morgenstern. Einwirkung eisenhaltiger Medikamente 
auf die Zähne. 

9. Schirokauer, Hans. Eisenstoffwechsel. Zeitschrift für 
kl. Med. Bd. 68 H. 3 und 4. 


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72. 


1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Als 5. 


Zur Kasuistik der Reaktionserscheinungen nach 
Salvarsaninfusionen. 

Von Dr. Julius G r il n b e r g in St. Petersburg. 

Es handelt sich um 2 Patienten, die mehrere Infusionen von 
Salvarsan erhalten hatten. 

1) S. Diener, 43 a. n. (>fe 10,330). Vor 20 Jahren Lues, nähere i 
Daten fehlen, ganz unbehandelt. Diagnose (Herr Dr. L. Stjernwall) ! 
Tabes incip. Hatte in den letzten Jahren dreimal Anfälle mit Krämpfen 
und Bewusstseinstörungen. W-|—f--f(Laboratium DDr. Braude und 
Raskina). 

Erhielt am 5/XII 0,3 Salvarsan, am 9/XII 0,3 Salvarsan, 160(11 
0,2 Salvarsan. Nach den ersten zwei Infusionen (nach 
Schreiber) erhebliche Besserung aller recht quälender und den 
Patienten arbeitsunfähig machender subjektiver Symptome; objektiv 
nach Angabe Dr. Stjemwalls unverändert; keine Reaktionserschei¬ 
nungen. 

2) P. Student 22 a. acquirierte Lues im Sommer 1910, erhielt in 
Berlin bei Dr. Jsaak 0,6 (?) Salvarsan intraskapulär (im 10 IX) nach 
Wechselmann (?). Danach Herxheimer. Ich hatte Gelegenheit, ihn 
schon damals in Berlin gemeinsam mit Herrn Dr. R. Siesskind 
(Assistenzarzt bei R. Wechselmann im' Rudolf Virchow Kranken¬ 
haus) zu untersuchen. Ohne nennenswerten Erfolg ging Patient nach 
Meran, wo er eine Injektionskur Hg durchmachte. Nach Peters¬ 
burg zurückgekehrt machte er bei mir 2 Injektionskuren (Hg salicyl.) 
durch und bekam, da W-f-, am 2 Vi 11 0,15, 13/VI 0,3, 4 VII 0,3 
Salvarsan; danach W ; Da jetzt W-f-, erhielt er nach einer weiteren 
Hg Behandlung, am 9/XII 0,4 und am 16 XII ebenfalls 0,4. In 
Anbetracht der positiven Reaktion nach intensiver Behandlung halte 
ich den Fall für prognostisch ernst. Patient reagierte stets auf 
Salvarsan, und zwar mit Herpesausbrüchen, Urticaria und das vorletzte 
Mal nach dem 9/XII mit einer Reizung des Magen-Darmtraktes. Nach 
Beruhigung der Erscheinungen von seiten desselben ordinierte ich 
keine Verkleinerung der Dosis eben wegen des Ernstes des Falles, 
und hatte die Absicht, noch mehrere Infusionen folgen zu lassen. 
Patient stand ebenso wie der vorige unter Aufsicht des Herrn 
Dr. Stjernwall, der ihn neurologisch und intern untersuchte; die W. 

R. wurden von den Kolleginnen Dr. Braude und Dr. M. Raskina 
gemacht. i 

Soweit die Krankengeschichten. Die Injektionslösungen 
beziehe ich stets aus derselben Apotheke und habe bei 
ca. 500 Injektion nie nennenswerte Reaktionen, ausser 
unbedeutender Fiebersteigerung mit mehr oder weniger 
starkem vorhergehendem Schüttelfrost, etwas beschleu¬ 
nigter Pulsfrequenz und hin und wieder leichten Darm¬ 
und Magenreizungen gesehn. In wenigen (4—6) Stun¬ 
den war stets alles vorbei und die Patienten konnten 
ihre Arbeit wieder aufnehmen. Alle standen unter mei¬ 
ner persönlicher Beobachtung und mussten bis zum 
Abklingen der Erscheinungen das Bett hüten. Die In¬ 
fusionen wurden alle nach der Schreiberschen Methode 
ausgeführt, das Präparat in 0,9% NaCl Lösung gelöst, 
natürlich schwach alkalisch unter streng aseptischen 
Kautelen gespritzt. 

Ich komme jetzt zu den Reaktionen bei Fall l und 
2. Bei beiden begann 1 Stunde nach der Infusion ein 
äusserst starker Schüttelfrost mit einer T° von 39,8, 
intensivstem Kopfschmerz, schlechtem Puls (140—160, 
fadenförmig) Atemnot, ziehenden Schmerzen in den 
Füssen, besonders bei Fall 1, Erbrechen und Diarrhoe; 
bei Fall 2 mit Blut im Erbrochenen, äusserst hefti¬ 
gen antiperistaltischen Bewegungen, starken Leibschmer¬ 
zen und Tenesmen, bei Fall 2 Herzensangst, bei beiden 
sehr schlechtes Selbstbefinden. Die Injektionen wurden 
um 12 Uhr mittags vorgenommen, die Lösungen abso¬ 
lut klar, alkalisch, die Instrumente wie gewöhnlich ge¬ 
kocht, die NaCl Lösung in versiegelter Flasche, noch warm 
von der in der Apotheke vorgenommenen Sterilisation. 
Um 11 Uhr abends war bei Fall 1 T° 38,6, Puls befrie¬ 
digend, die Schmerzen geringer, morgens bei ihm 37,1; 
um 12 ging er an seine Arbeit. Bei Fall 2 war um 
12* Uhr nachts T° auch 39,1, Zustand besser, Uebel- 
keit und Trockenheit im Halse, Puls 96, nachts 
schlechter Schlaf wegen anhaltender Kopfschmerzen, 
morgens 37,1. Den Tag über Bettruhe; Appetit stellt 
sich ein, Schmerzen nicht mehr vorhanden, ausser 
leichteren Kopfschmerzen. Am anderen Morgen, also 
nach 48 Stunden post' injekt. 36,6. Herpes labialis et 
buccalis sehr ausgesprochen. Noch leichtes Kopfweh. Im 
Urin 12 h. post injektion. kein As nachweisbar. Das 


Erbrochene hatte bei beiden Fällen den Geruch des 
Salvarsans. 

Die Schwere des Zustandes bei beiden Patienten nach 
wiederholter Injektion lässt sich wohl kaum auf die 
so selten beobachtete Anaphylaxie zurückführen. Eine 
As-Vergiftung ist ebenso auszuschliessen, zumal bei der 
geringen Dosis, die ihnen infundiert worden war (0,2 resp. 
0,4). Bei dem zweiten Fall Hesse sich die WestphaTsche 
Theorie der Spirochätenabtötung etc. anführen, die bei 
der 4--f-fWR in grosser Anzahl im Organismus anzu¬ 
nehmen waren, doch die Abwesenheit solch starker 
Reaktionserscheinungen nach den vorhergehenden Injek¬ 
tionen lässt diesen Grund allein nicht wahrscheinlich 
erscheinen. 

Um mir über die Aetiologie vollkommene Klarheit 
zu verschaffen, dachte ich an eine eventuelle Verunreinigung 
oder nicht genügende Sterilisation der Lösungen. Ich 
sandte daher eine der mir von der Apotheke zugesandten 
versiegelten Flaschen, die CINa Lösung enthaltend, die 
noch nicht eröffnet war, in das Laboratorium der DDr. 
Braude und Raskina und erhielt das Resultat, dass sich 
bakteriologisch in ihr eine Kultur des stophy- 
lokokkus pyogenes habe nachweisen lassen und 
glaube daher, dass die gleichartigen Erscheinungen an 
beiden Patienten, auf eine Einführung dieses Erregers in 
die Blutbahn zurückzuführen sind. 


Bücherbesprechungen und Referate. 

G. Frey tag. Gesichtsfeld-Schema für Peripherie und 
Zentrum. Leipzig. Verlag von Hirzel. 50 Blatt. 
Preis 2 Mark. Ref. Dr. Ischreyt. 

Das Frey tag’sehe Gerichtsfeld-Schema trägt dem 
internationalen Abkommen insofern Rechnung, als die 
Gradbezeichnung symmetrisch ist und von der Nasen¬ 
seite nach oben und schläfenwärts verläuft. Die unteren 
Hälften der Meridiane werden dagegen nicht über 180 
hinaus bezeichnet, sondern durch den Zusatz „u“ von 
den oberen unterschieden. In den Ecken der Schemata 
ist Raum für die verschiedensten Notizen, auch über die 
Tageszeit, die Beleuchtung, das Verhalten des Patienten 
etc. vorgesehen. Auf der Rückseite der Blätter finden 
sich Schemata für das Gesichtsfeld-Zentrum in 4 mal 
vergrössertem Massstabe. Die Ränder der Blätter sind 
gummiert. Nach dem Gesagten dürfte sich das Frey* 
tag’ sehe Gerichtsfeld-Schema gut in der Praxis be¬ 
währen. 

A. Peters. Die Bedeutung der Vererbungslehre für 
die Augenheilkunde. Halle 1911. Verlag von Carl 
Marhold. Preis 1 Mark. Ref. Dr. Ischreyt. 

Auf der Grundlage eigener reicher Studien gibt uns 
Peters in seiner lesenswerten Schrift einen knappen 
Ueberblick über das im Titel gekennzeichnete Thema. 
Zunächst schildert er den allmählichen Umschwung in 
der Beurteilung der Missbildungen, die früher mit Vor¬ 
liebe als Folgen foetaler Entzündung gedeutet, in den 
letzten Jahren dagegen als vererbte Keimesvariationen 
erkannt wurden. Dieses gilt in erster Linie von den 
Kolobomen des Auges, aber auch von der angeborenen 
Hornhauttrübung, von dem angeborenen Staphylom, der 
hereditären Optikusatrophie und von gewissen Star¬ 
formen. So wäre z. B. bei dem Schichtstar anzunehmen, 
dass eine angeborene Minderwertigkeit gewisser Linsen¬ 
teile früher oder später zu Zerfallserscheinungen und 
Trübungen führe, während die Hypothese einer foetalen 
Rachitis als Ursache jener Veränderung fallen gelassen 
werden müsse. Auch familär auftretende präsenile Stare, 
die nicht auf ererbten Konstitutiosanomalien oder latenten 
Tetanieformen beruhen, gehören hierher, bedürfen aber 
noch eines genaueren Studiums. Bei der Lehre vom 
Schielen ergibt die Berücksichtigung der Erblichkeits- 
verhätnisse, dass als Ursache entweder periphere Seh- 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 5. 


73. 


defekte oder Mangel der zentralen Fusionstätigkeit in 
Frage kommen. Bei den Refraktionsanomalien wird der 
Einfluss der Erblichkeit auch noch lange nicht nach 
Gebühr gewürdigt. — Von Interesse ist das Ergebnis 
der Sammelforschung von Barrington und Pearsons 
wonach als Ursache der Myopie nicht die Schule son¬ 
dern nur die Erblichkeit in Betracht käme. Die oph- 
talmologische Wissenschaft muss nach Peters jeden¬ 
falls zu dieser revolutionären Anschauung Stellung 
nehmen. 

Wenn Peters zum Schluss anftihrt, dass es der 
Zweck seiner Arbeit gewesen sei, zum Studium der Erb¬ 
lichkeitsverhältnisse anzuregen, hat er dieses Ziel voll 
und ganz erreicht. 

M. zur Nedden. Anleitung zur Begutachtung von Un¬ 
fällen des Auges. Mit 2 Figuren im Text. 34 
Seiten. Wiesbaden. Verlag von J. F. Bergmann 
1911. Ref. Dr. Ischreyt. 

Das vorliegende für die Praxis geschriebene Buch 
hat seine Berechtigung, da es von keiner früheren Arbeit 
über dieses Thema an präziser Kürze übertroffen wird. 
Der Verfasser versteht es das Wichtige zu betonen und 
das weniger Wichtige oder blos theoretisch Interessante 
fortzulassen und gibt auf diese Weise die Möglichkeit 
einer schnellen und zuverlässigen Orientierung. Von 
den vielen wertvollen Ratschlägen, die uns in dem 
Buche geboten werden, möchte ich die Mahnung her¬ 
vorheben die Sehschärfe bei Hornhauttrübung bei ver¬ 
schieden weiter Pupille zu bestimmen und dem Gut¬ 
achten Skizzen des objektiven Befundes beizugeben. 
Ferner solle auf die Untersuchung des binokularen 
Sehens und des Tiefenschätzungsvermögens mehr Ge¬ 
wicht gelegt werden, als es im Allgemeinen bisher ge¬ 
schehe, wobei die Feststellung einer monokularen Tiefen¬ 
wahrnehmung unter Umständen für die Beurteilung einer 
schon vor dem Unfall bestehenden Sehschwäche des 
anderen Auges von Ausschlag sein könne. Wichtig 
scheinen mir auch die Besprechungen der mehrfachen 
Erwerbsbeschränkung und die sich daraus ergebenden 
Regeln bei der Begutachtung der Gesamtbeschränkung. 

J. Brustein. Lichtbehandlung bei Nerven- und Gei¬ 
steskrankheiten. Russki Wratsch 1910 48. 

B. behandelte über 70 Fälle von verschiedenen Neuralgien, aku¬ 
ten sowie chronischen. Zur Behandlung Benutzung, der Lampe von 
Kromayer und der von Nagelschmidt (Seance 1—2 Min. 
Entfernung 5—7 cm.), sowie der Elektro-Lichtwanne, die alle genau 
beschrieben werden. In der Lichtwanne bleibt Patient anfangs 
7—12 Min., dann 15—20 Min. (t50°Q, hernach folgt eine tempe¬ 
rierte Douche. 

Nach 1—10 Seancen schwanden die Schmerzen; 75 80°/o wur¬ 
den gesund d. h. die Schmerzen schwanden und traten nicht wieder 
auf; in den übrigen Fällen trat eine Besserung ein und nur in 4—5 
Fällen blieb der Zustand der Kranken quo ante. Nur wenige Kranke 
kamen mit Rezidiven, nach 2—3 Seancen schwanden die Schmerzen 
von neuem. In 1. Falle schwerer Ischias schwanden die Schmerzen 
nach 6 Seancen, traten nach 3 Monate (nach einem heftigen Gang) 
wieder auf; 7 weitere Seancen brachten einige Erleichterung. 

Auf Grund seiner Beobachtungen kommt B. zu folgenden 
Schlusssätzen: 

Sonnenbäder und Elektro-Lichtbäder sind angezeigt: bei Hyste¬ 
rie, Neurasthenie u. s. w., bei verschiedenen funktionellen Erkran¬ 
kungen des Nervensystems beruhend auf gestörtem Stoffwechsel, bei 
einigen organischen Erkrankungen (beruhend auf Vergiftungen). Die 
örtliche Anwendung des Lichtes (blaues) und besonders des starken 
Bogenlichtes gibt sehr befriedigende Resultate bei Behandlung von 
Neuralgien. Besondere Beachtung verdienen hierbei die Lampen 
von Kromayer und Nagelschmidt. Farbige Beleuchtung (blau) 
des ganzen Zimmers findet einige Anwendung in psychiatrischen 
Krankenhäusern. 

F. S c h a u t a: Sollen Placentarreste gelöst werden ? 
Antwort auf G. Winters (Königsberg) Vorschläge. 
Wiener klinische Wochenschrift 1912. N° 1. 

Auf Grund seiner Erfahrungen und Beobachtungen an einem 
grossen Material kommt Schauta zu folgenden Schlusssätzen: 

Placentarreste sind zu lösen: 

1) Beim Fehlen von Fieber unter allen Umständen. 


2) Bei Fieber nur dann, wenn der Prozess auf das Endometrium 
oder den Uterus beschränkt ist und die Parametrien, die Adnexe und 
die Beckenvenen vollständig frei sind. 

3) Trotz Erkrankungen der Parametrien, Adnexe und Venen bei 
Indikatio vitalis wegen schwerer Blutung. 

Die Lösung hat mit aller Vorsicht digital, unter strenger Asepsis, 
vorhergehender und nachfolgender Spülung der Höhle mit Alkohol 
und mit Ausschluss von Schabinstrumenten zu geschehen. 

Die Indikation und Prozesse geburtshülflicher Eingriffe abhängig 
zu machen von bakteriologischen Untersuchungen hält Schauta der¬ 
zeit für untunlich. Bei den verschiedensten Arten von Kokken sehen 
wir bald schwere, bald leichte Prozesse entstehen oder wir beobach¬ 
ten auch glatten Verlauf. 

Das gilt auch von den haemolytischen Streptokokken, auf deren 
Vorhandensein oder Fehlen heutzutage von verschiedenen Seiten so 
grosses Gewicht gelegt wird. Die Erfahrungen an der Schauta¬ 
schen Klinik an zahlreichen Fällen haben die Bedeutung diesei 
Kokken als nicht durchaus massgebend für die Prozesse ergeben. 

Fr. Mühlen. 

G. Meschtscherski, Zur Behandlung des Lupus 
erythematodes mit Exstirpation der Halsdrüsen. 
Russki Journal koshnych i veneritscheskich bolesnej. 
Januar 1911. 

Autor wandte in einem Falle, bei einer 23-jährigen Frau mit 
typischem Lupus erythematodes des Gesichtes und geschwollenen, 
käsig veränderten Halslymphdrüsen, das von Prof. P o s p e 1 o w 
empfohlene Verfahren, d e Exstirpation dieser Drüsen, an. Zuerst 
zeigte sich ein Erfolg, der lupöse Diskus auf der Stirn schwand 
innerhalb 14 Tagen vollkommen, die Flecken auf den Wangen waren 
weniger infiltriert und gerötet. Doch bald trat wieder Ver¬ 
schlechterung ein und nun griff Autor zur Behandlung mit Kohlen¬ 
säureschnee, mit der bald völlige Heilung erreicht wurde. 

D. Kusnetzki. Zum operativen Eingriff bei eitriger 
Pyelonephritis. Russki Wratsch 1910, Ke 51. 

Anführung eines schweren Falles von puerperaler Pyämie mit 
mehrfachen Eiterherden im Paniculus adiposus und nachfolgender 
rechtsseitiger Pyelonephritis. Nach operativem Eingriff — Nephrek¬ 
tomie — Heilung. 

Schlusssätze: Primäre Nephrektomie ist bei gesunder zweiter 
Niere die beste Operation. Nephrotomie und Nephrostomie sind nur 
im Notfälle anzuwenden, wenn eine Erkrankung der anderen Niere 
vorliegt oder der allgemeine schwere Zustand des Patienteu es er¬ 
heischt. Nephrotomie und Nephrostomie erfordern bei Pyelonephritis 
zuletzt gewöhnlich doch eine Nephrektomie. Bei beiderseitiger eitri¬ 
ger Pyelonephritis ist die Nephrektomie indiziert. Die sekundäre 
Nephrektomie muss so früh wie möglich gemacht werden, bevor 
noch der Prozess auf die andere Niere übergeht. 

K. Heinrichsen. 

M. Cohn und H. P eis er. Einige Störungen der in¬ 
neren Sekretion bei Pankreaserkrankungen. Deut¬ 
sche med. Wochenschr. 1912, Ne 2. 

In 5 Fällen von Pankreaserkrankung - 3 Fälle von Pankreatitis 
acuta haemorrhagica, je 1 Fall von Pankreatitis purulenta und Pan¬ 
kreatitis chron. interstitialis — fanden die Verf. folgende Symptome, 
die auf eine Störung der inneren Sekreüon hindeuten: Exophthalmus 
4 mal, Graefesches Symptom 4 mal, Moebius und Stellwag 5 mal, 
Kochersches Symptom (Druckempfindlichkeit der Schilddrüse) 5 mal, 
leichte Vergrösserung der Schilddrüse 2 mal, Tremor 5 mal, Dermo¬ 
graphismus 5 mal, Herzverbreiterung 3 mal, Tachykardie 4 mal, 
relative Lymphozytose 4 mal, erhöhte Phloridzinglykosurie 5 mal. 
Ohne aus der kleinen Anzahl der Beobachtungen Schlüsse ziehen zu 
wollen, weisen die Verf. auf die beobachteten Phänomene hin, die 
vielleicht auf einen Zusammenhang zwischen der Pankreaserkrankung 
und Abschwächung der Funktion dieses Organs mit einem Ueber- 
wiegen der Schilddrüsenfunktion (Thyreoidismus) deuten. 

Fr. D ö r b e c k. 

Q u i r i n g. Zur Kasuistik der Fehldiagnose von Fremd¬ 
körpern des Oesophogus. Fortschritte auf dem 
Gebiet der Röntgenstrahlen. Band 17. 

Der Verfasser berichtet über einen äusserst lehrreichen Fall aus 
der W i e s i n g e r’schen Abteilung. Eine 29 jährige Frau gab an, 
einen Fremdkörper verschluckt zu haben. Die Sonde stiess bei 35 
zent. auf Wiederstand. Das Oesophogoskop stiess an derselben Stelle 
auf das Hindernis und ergab kein sicheres Resultat. Die Röntgenun¬ 
tersuchung ergab einen deutlichen Schatten an der fraglichen Stelle, 
welcher als verschlucktes Knochenstück gedeutet wurde. Im Br au er¬ 
sehen Ueberdruckapparat wurde hierauf versucht durch die Pleura 
die Speiseröhre freizulegen und das Knochenstück zu extrahieren. 
Sonderbarer Weise konnte nichts gefunden werden. Die Sektion der 
an einer Pneumonie zu Grunde gegangenen Patientin brachte Auf¬ 
klärung. In der Höhe der Wunde lag ein Paket steinharter mit der 
Oesopnoguswand verwachsener verkalkter Drüsen, welche den Fremd¬ 
körper vorgetäuscht hatten. E. Hesse. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



74 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. .Ns 5. 


1912. 


Deutscher Aerztlicher Verein in Petersburg. j 

1396. Sitzung am 19. Dezember 1911. | 

I. Petersen. Die praktische Bedeutung der E n t - 
wickelungshemmung der menschlichen Haut. (Wird 
im Archiv für Dermatologie gedruckt werden). 

Diskussion. 

H e u k i n g : Sind die angeführten Anomalien z. Th. nicht durch 
Rassenunterschiede bedingt? Bei den Chinesen z. B. ist normalerweise 
nur der mediale Teil der Augenbrauen entwickelt. ' 

Petersen: Rassenunterschiede sind von ihm in dieser Arbeit 
nicht berücksichtigt worden; sie bedingen jedenfalls bedeutende Ab- | 
weichungen, wobei sich im Allgemeinen der Satz aufstellen lasst, dass j 
um so mehr Anomalien zu finden sind, je unentwickelter die Kultur¬ 
stufe der betreffenden Rasse ist. Entwickelungshemmungen der j 

Haut sind nicht ohne weiteres als Degenerationserscheinungen zu 
deuten, umsomehr als sic mitunter therapeutisch zu beeinflussen sind. 

So hat er ein Kind mit Ichthyosis durch 2 jahrelangen Gebrauch 
von Natrium salicylicum geheilt; in späteren Jahren ist es an Hysterie 
erkrankt. 

Kernig; In welchen Dosen wird Natrium salicylicum bei 
diesem chronischen Gebrauch gegeben? 

Petersen; Kindern wird 0,03—0,1 zweimal täglich gegeben, j 
je nach dem Alter. Bei erwachsenen Leprakranken hat er 1,0 p. die i 
Jahre lang gegeben; hier hat Natr. salizyl. zeitweilig eine günstige 
symptomatische Wirkung. I 

M a s i n g; Kommt bei einem derartigen Gebrauch des Natr. 
salicylicum das Herz nicht in Gefahr? 

Kernig hat sich nie davon überzeugen können, dass Natr. sal. 
das Herz schädige; selbst in Dosen von 3,0 p. die wochenlang ge¬ 
nommen ist es stets gut vertiagen worden nach seinen Beobachtungen. 

Michclson; Die vom Vortragenden aufgezählten Entwicke- 
lungshemmungen der Haut sind schon seit langem von der Psychia- 
Irie und kriminellen Anthropologie in die Zahl der körperlichen De- 
generationszeichpn aufgenommen werden. Sie deuten für sich allein, 
noch mehr aber im Verein mit Anomalien des Zentralnervensystems, 
auf welche auch Vortragender teilweise hingewiesen hat, auf eine 
ab ovo anormal veranlagte Gesamt-Organisation des Individuums, 
deren psychische Komponente unter günstigen äusseren Umständen, 
besonders des Milieus in der Erziehung, nicht besonders in den Vor¬ 
dergrund zu treten braucht. Auch bei dem vom Vortragenden er¬ 
wähnten Kinde, das von der Ichthyosis geheilt wurde, trat die zu 
Grunde liegende degenerative Anlage nachher wieder zu tage in der 
Hysterie. 

Petersen erklärt sich mit dieser Auffassung der von ihm be¬ 
sprochenen Entwickelungshemmungen als Degenerationszeichen nicht 
einverstanden. 

II. Blessig. Ueber den künstlichen Pneumothorax 

nach Beobachtungen in Davos. (Referat über Indikation, 
Technik und Wirkung des Verfahrens. Krankengeschichten). ! 

Diskussion. 1 

Zimmermann; (a. G.):In letzter Zeit sind noch weitere Vor¬ 
schläge für den künstlichen Pneumothorax gemacht worden, und zwar 
durch die Punktionsmethode ihn herzustellen, nachdem vorher Sauerstoff 
eingelassen worden ist, wodurch die Gefahr der Embolie vermieden 
werden soll. Ein Mann mit so grosser Erfahrung wie Prof. Saug¬ 
mann gebraucht fast ausschliesslich die Stichmethode. Die Gefah¬ 
ren derselben können also nicht so gross sein, wie theoretisch ange¬ 
nommen wird. Das Manometer gibt genaue Auskunft über alle Lagen, 
wo man sich mit der Punktionsnadel befindet. Für die Diagnose 
ganz kleiner Exsudate, welche physikalisch gar nicht zu eruieren 
sind, dient der Umstand, dass bei der Nachfüllung der Manometer¬ 
druck höher gefunden wird, als bei der vorhergehenden letzten 1 

Füllung. Die Davoser Aerzte beobachten die Praxis, dass sie Pa¬ 
tienten aus dem Tieflande, deren Zustand im Hochgebirge sich ge¬ 
bessert hat, bei denen aber nach einiger Zeit diese Besserung nach¬ 
lässt oder nicht fortschreitet, auf einige Zeit ins Tiefland schicken, 
worauf nach der Rückkehr ins Hochgebisge die Besserung weitere 
Fortschritte macht. Zum Schluss demonstriert Redner das chirur¬ 
gische Instrumentarium für die Herstellung des künstlichen Pneumo¬ 
thorax. 

Kernig; Für die nächste Zeit wird offenbar die Operations¬ 
methode, ob Inzision oder Punktion, Streitpunkt werden. Die Chi¬ 
rurgen werden wohl die Schnittmethode bevorzugen. 

Heuking erkundigt sich nach dem Verhalten gegenüber dem 
Exsudate. 

Blessig; Dieses wird, wenn es serös ist, sich selbst überlassen. 

M a s i n g ; Die Ansichten über das tuberkulöse Exsudat haben 
sich dahin geändert, dass man es nicht, wie früher als ersten Akt der 
Tuberkuloseerkrankung betrachtet, sondern es eher als einen Hei¬ 
lungsvorgang ansieht, der nicht nur mechanisch durch Kompression 
wirkt, sondern auf biologischem Wege; man beobachtet nämlich 
konstant in dem Exsudate ein Schwinden der Lcnkozyten und eine 
Zunahme der Lymphozyten, welche später fast ausschliesslich zu 
finden sind; letztere aber sind die Phagozyten für die Tuberkel¬ 
bazillen. Ein solches Exsudat wird daher ruhig sich selbst überlassen. 
Nur ein Pyothorax verlangt operatives Eingreifen. 

Wan ach: Die heute demonstrierte S a 1 o m o n sehe stumpfe 
Kanüle hat er bereits anfangs der 90-er Jahre des \ origen Jahrhunderts 


vonSsapeshko (CantuiKo) in einem russischen Journal für die 
Lungenchirurgie beschrieben gefunden; schon damals hat derselbe 
Autor angegeben, dass man nach den Manometerschwankungen 
urteilen könne, ob die Pleura frei sei oder nicht. 

Betreffs der Fortlcitung der Schallerschcuiungen von einer Lunge 
auf die andere und betreffs der Schwierigkeiten der Lokalisation von 
Lungenherden habe sch n vor Jahr n im Lanzet ein englischer The¬ 
rapeut dieses Thema bearbeitet. Ueber tuberkulöse Exsudate 
handelt eine Arbeit aus dem Peter-Paulshospitale von Duchinowa. 
Es wurden nach neueren Untersuchungsmethoden lebensfähige und 
virulente Tuberkelbazillen gefunden in den Pleuren, Gelenken, in Abszes¬ 
sen, sowohl in serösen als auch in schon eitrigen Exsudaten. Nur 
ausserordentlich wenige Exsudate erwiesen sich frei von Tuberkel¬ 
bazillen. Aus diesem Grunde ist bei der Autoserotherapie grosse 
Vorsicht geboten, welche nach den Erfahrungen im Peter-Paulhospl- 
tale niemals Erfolge, mitunter aber Verschlechterung gezeitigt hat. 

B i e s s i g : Die Orientierung über etwa fortgeleitetc Geräusche 
wird durch Anwendung des doppelten Phonendoskope erleichtert. 

Kernig: Die Fortleitungserscheinungen in den Lungen sind 
durchaus nichts Neues. S c sind seit längeren Zeiten bekannt 
(v. Jürgenson in Ziemssens Handbuch über krupose Pneu¬ 
monie). Aus diesem Grunde muss man z. B. bei der krupösen 
Pneumonie mit der Diagnose der Dopp Iseitigkeit äusserst vorsich¬ 
tig sein. Das Fortleitungsphaencmen kann unter Umständen sehr 
schart ausgeprägt sein, was er in einem Falle erlebt hat, wo die in 
vivo auf der rechten Seite diagnostizierte krupösc Pneumonie bei der 
Sektion genau an derselben Stelle auf der linken Seite gefunden 
wurde. Man hatte unterlassen auch die linke Seite zu untersuchen. 
Genaues Vergleichen beider Seiten gibt wohl immer richtigen Auf¬ 
schluss über den wirklichen Krankheitsherd; auf der kranken Seite 
sind die Erscheinungen viel deutlicher ausgeprägt. Die Gleichheit 
der Erscheinungen auf beiden Seiten die Symetrie der Lage, der 
Timbre der Schallerscheinungen, weisen auf das Phaenomen der Fort¬ 
leitung hin, das auf der gesunden Seite ein abgeschwächtes Spiegel¬ 
bild der kranken erzeugt. Neu ist nur, dass M u r a 11 in Davos die¬ 
ses Phaenomen speziell an den Lungenspitzen beobachtet hat; Redner 
hat darüber keine Erfahrung, wie weit dieses Fortleitungsgesetz hier 
zu Recht besteht 

Blessig*: Das Fortleitungsphaenomen. wird durch Erzeugung 
des künstlichen Pneumothorax jetzt häufiger als solches erwiesen. 

M a s i n g : Hat Duchinowa ihre Schlüsse nur aus einmaligen 
Untersuchungen der Exsudate oder aus fortlaufenden gezogen ? Aus 
früheren Untersuchungen weiss man, dass zu Anfang in den Exsuda¬ 
ten Bazillen Vorkommen; neu wäre es daher, dass diese auch bei 
späteren Nachuntersuchungen gefunden werden. 

Wanach: Die Untersuchungen sind sehr genau, lange und 
fortlaufend vorgenommen worden, allerdings hauptsächlich bei Fällen 
von chirurgischer Tuberkulose. 

Direktor: Dr. W. Kernig. 

Sekretär: E. Michclson. 

Gesellschaft prakt. Aerzte zu Riga. 

(Offizielles Protokoll). 

1537. Sitzung am 7. Dezember 1911. 

Anwesend 57 Mitglieder und als Gäste die Herren DDr. Feiertag, 
H e r z f e I d und Lockenberg. 

Vorsitzender: Dr. O. Stender. Schriftführer Dr. E. Kröger. 

P. 1. a) Dr. J. Feiertag : Ueber die familäre chroni¬ 
sche Splenomegalie -Typ Gauche r*, mit Demonstr. der 
Patienten. 

b) Demonstration von Mikrophotogrammen. 

Der Vortrag erscheint in der »St. Petersburger Med. Zeitschrift*. 

Diskussion. 

Dr. S c h a b c r t berichtet über einen ähnlichen Fall, den er vor 
einem Jahr zu sehen Gelegenheit gehabt hat. Es handelte sich da¬ 
bei um ein 16 jähriges Mädcheu mit Aszites, das angab seit 3 Jahren 
ikterisch zu sein und häufig an Nasenbluten und Kopfschmerzen litt. 
Die Blutuntersuchung ergab Anaemic mit Vermehrung aller Leuko¬ 
zytenformen. Das Aszitespunktat ergab reine seröse Flüssigkeit. 
Hutchinsonsche Zähne. 

Milz palpatorisch nicht vergrössert, keine Drüsenschwellung. Ge¬ 
ringe Leberschwellung. 

Als vorläufige klinische Diagnose wurde lymphatischer Tumor mit 
Kompression des dtict. choledochus angenommen. Nach 2 Tagen er¬ 
folgte der Exitus. Bei der Sektion fanden sich 3 wallnussgrosse Tumo¬ 
ren in der Nähe des duct. choledoch., die aber kaum eine Kompres¬ 
sion hätten hervorrufen können. Die Leber bot das Bild einer zir- 
rhotischen, chronischen Jkterusleber. Die Milz war vergrössert und 
zeigte unter der Kassel weisse Pünktchen, wie sie für eine laukämi- 
schc Milz charakteristisch sind. Dr. Bertels, der die Sektion lei¬ 
tete sprach die Vermutung aus es könnte sich hier um einen Fall 
von Morb. Banti handeln. 

Dr. Hampeln glaubt, dass die von Feiertag demonstrierten 
Fälle zur Gruppe des „kongenitalen acholurischen Jkterus* mit Sple¬ 
nomegalie gehören, wie sie von Minkowski und Krannhals 
beschrieben worden sind. Das familiäre resp. kongenitale Auftreten 
in Feiertags Fällen sprachen sehr dafür, die Abwesenheit eines sicht- 


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75. 


1912. $t. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 5. 


baren Icterus nicht dagegen. Vom M. Banti frage es sich überhaupt, 
ob es sich dabei wirklich um eine besondere Krankheit und nicht 1 
blos um ein von Banti entdecktes Stadium verschiedener, teils 
bekannter, teils noch unbekannter Milzerkrankungen handelt. Fälle 
solcher Art seien seiner Ansicht nach sehr vieldeutig. Aus. seiner 
eigenen Praxis sei ihm ein Fall von Milztumor mit erheblicher Polye- I 
rythrozytose im Gegensatz zur Verminderung desselben beim sog. M. | 
Banti erinnerlich, ferner noch 3 Fälle von chronischem Milztumor, , 
darunter einer anatomisch als Milzinfarkt festgestellt, in den beiden ' 
anderen Fällen hatten enorme chronische Blutungen, einmal genital, 
das andere Mal hämorrhoidal, zu einer hochgradigen Anaemie j 
geführt; dabei deutlicher Milztumor. In einem Fall ging der Milz- ] 
tumor zurück und trat, nachdem die genitalen Blutungen aufgehört 
hatten, nach mehreren Jahren wechselnden Bestandes der Tod ausser | 
Zusammenhang mit diesem Leiden ein, im anderen Fall hatte eine j 
Operation der Hömorrhoiden die Blutungen zum Schwinden gebracht, 
das Befinden der Patienten bei bestehendem Milztumor sehr gebessert. | 
In keinem dieser Fälle war es zur Ausbildung des eigenartigen, die 
Annahme einer besonderen Krankheit veranlassenden, von Banti fest- I 
estellten, Syndroms — Milztumor, Leberzirrhose und Aszites ge- , 
ommen. Der Milztumor könnte auch sekundärer Natur sein. i 

Was den Schabertschen Fall betrifft, so spräche der ana- ! 
tomische Befund für die pseudoleukämische Natur der Erkrankung, 
wie sie auch von Schabert auf Grund der klinischen Erscheinungen 
angenommen worden war. Zu den negativen anatom. Merkmalen des 
,Morb. Banti* gehört ja gerade die Abwesenheit lymphatischer 
Bildungen, die aber im Schabertschen Falle Vorlagen. 

Dr. Feiertag berührt d is Thema der Theraphie und glaubt in 
diesen Fällen zu einer Operation raten zu können. 

Dr. von Sengbusch hat das eben demonstrierte Mädchen im 
vorigen Jahre mit Röntgenstr.hlen behandelt. Es hat sich dabei gut 
erholt. 

Dr. B e r k h o I z, hat das Mädchen vor 5 Jahren am Scharlach 
behandelt. Damals war der Milztumor grösser als heute und es be¬ 
standen starke Nasenblutungcn. Unter Kakodylbehandlung besserte 
sich der Zustand, ebenso der Blutbefund. Während der Röntgenbe¬ 
handlung hat er die Patientin auch beobachtet und eine Besserung 
konstatieren können. Eine Genesung liegt natürlich nicht vor, die 
Patientin ist so ganz arbeitsunfähig und nach weiteren Arsen versuchen 
könnte man doch hoffen ihr durch eine Operation eine Besserung 
ihres Zustandes zu verschaffen. 

Dr. Hirschberg glaubt von der Röntgenbehandlung abraten 
zu müssen. Diese gebe bei Leukämie eine zeitweilige Besserung, da 
die Leukozyten abnehmen. Aber auch die roten Blutkörperchen neh¬ 
men bei der Röntgenbehandlung ab und deshalb ist diese kontrain¬ 
diziert sobald der Haemogiobingehalt unter eine gewisse Norm her¬ 
absinkt. Er hält nur Fälle mit Vermehrung der Leukozyten zur 
Röntgentherapie für geeignet 

Dr. Berkholz: Eine Leukozytose war nicht nachweisbar. Der 
Haemogiobingehalt nahm während der Behandlung zu. 

Dr. Feiertag (Schlusswort) will hier auch zur Röntgentherapie 
raten. Diese bewirke eine Rückbildung aller Zellbildungen und 
könnte auch hier speziell die gewucherten Zellen zum Schwinden 
bringen. 

P. 2. Dr. Klemm demonstriert dieselben Patienten wie am 
16. XI. mit gummöser Lues. Beim ersten ist das grosse Lippen¬ 
gumma nach Salvarsanbehandlung im Vernarben begriffen, während 
beim zweiten eine 3 malige Salvarsangabe gar keine Besserung er¬ 
zielte. Trotzdem Patient einen stark positiven Wassermann hatte, han- j 
delt es sich hier jedenfalls um ein Sarkom. Um den Erfolg der Be- ! 
handlung kontrollieren zu können, hat Dr. M. Hirschberg Moulagen 
vom Anfangszustand angefertigt. ! 

Nach Einführung der Wassermannschen Serumreaktion, von der ! 
Redner ansgiebigen Gebrauch macht, wird jetzt eine Menge chirur¬ 
gischer Fälle als luetisch erkannt und vielfach mit Salvarsan be¬ 
handelt. 

P. 3. Dr. Herzfeld. j 

Demonstration. Ein Fall von Syringomyelie. 

Meine Herren! Vor 1 Jahre hatte ich Gelegenheit Ihnen einen 
Fall von Syringomyelie vorzustellen, bei welchem hauptsächlich die 
linke obere Extremität vom Krankheitsprozess betroffen war. Heute 
will ich Ihnen einen Fall von Syringomyelie vorstellen, der ausserdem 
noch bulbäre Symptome aufweist. Der Patient hat folgende Anam- i 
nese. 

Seit 3 Jahren entwickelte sich allmählich eine Verdickung des ! 

rechten Unterarmes, die ihm nur leichte Beschwerden verursachte. 
Vor 3 Wochen fiel er auf den rechten Arm, soll ihn stark verletzt 
haben; doch habe er keine besonderen Schmerzen empfunden und 
konnte noch leicht arbeiten. Lues wird negiert. 

Bei der Untersuchung sehen wir eine gut ernährte Person von j 

mittlerem Wuchs, kein Ikterus, keine Oedeme und von ganz guter j 

Intelligenz. An den Lungen und Herz nichts Abnormes. Kniereflexe I 

etwas gesteigert. Drüsen nicht vergrössert. Im Urin kein Eiweiss, 
kein Zucker. Wassermann im Blut — negativ. i 

Statusspecialis. j 

Die rechte obere Extremität ist im Vergleich mit der linken stark 
verdickt. Die Verdickung ist am Unterarm mehr ausgesprochen, als j 

am Oberarm. Die Weichteile fühlen sich, hauptsächlich in der Um- ! 

gebung des Kubitalgelenks stark verdickt an. An den Knochen sind ! 

durch Röntgenaufnahmen noch Verdickungen im Kubitalgelenk zu , 

konstatieren. Die Beweglichkeit im rechten Schultergelenk ist frei, ! 


doch geschieht sie langsamer als im linken. Im rechten Ellenbogen¬ 
gelenk ist die Beweglichkeit ebenfalls erhalten. Zur Mitte der Ulna 
ist Krepitation deutlich vorhanden, man fühlt hier hervorragende 
Fragmente, doch ist beim Druck keine Schmerzhaftigkeit vorhanden. 
Die rechte Hand hat eine leicht krallenförmige Stellung. Am rechten 
Daumen, 1. Phalaux.^ist eine Narbe zu sehen, die nach einer vor 
vielen Jahren gewesenen Wunde entstanden sein soll. 

Hinten am Rumpf ist eine stark ausgesprochene rechtseitige Sko¬ 
liose der Wirbelsäule zu sehen. Die Skoliose beginnt in der thora¬ 
kalen Partie und reicht bis zur Lumbalpartie. Die rechte Skapula ragt 
mehr hervor, als die linke. Die sämtliche Muskulatur ist hier atro¬ 
phisch. Die rechte Schulter steht niedriger als die linke; die Hebung 
der Schulter ist frei. 

Die Sensibilität: an der rechten oberen Extremität kann der 
Patient stumpf von spitz nicht unterscheiden, nur ist das Tastgefühl 
erhalten. 

Am Rumpf ist die Sensibilität ebenfalls alteriert — vorne bis zur 
IV Rippe und hinten bis zur Mitte der Skapula. Wärme von Kälte 
kann der Patient im Gebiet der oberen Extremität nicht unterscheiden. 

Am Gesicht ist eine Atrophie der rechten Hälfte zu konstatieren. 
Die rechte Nasolabialfalte ist verstrichen. 

Beim Ausstrecken der Zunge ist ein Abweichen derselben nach 
rechts zu sehen. Ausserdem eine leichte Parese des rechten 
Abduzens. 

Beim Aussprechen des Lautes „a“ sieht man ein Nachbleiben 
des rechten Arcus palatinus. 

Meine Herren! Wir haban hier also eine Gruppe von Sympto¬ 
men, die auf eine Erkrankung des zentralen Nervensystems hindeuten. 
Die Analgesie, die trophischen Störungen, die Dissoziation des Tem¬ 
peratursinnes — das sind ja die Symptome, die für Syringomyelie 
sprechen. Und da hier ausserdem eine Parese des Abduzens, des 
rechten Fazialls, des hypoglossus und glossopharyngeus vorliegen, so 
können wir diesen Fall von Syringomyelie als einen prägnanten Fall 
von Syringo-bulbo-myelie bezeichnen. (Autoreferat.) 

P. 4. Der Vorsitzende verliest ein Schreiben der vorbereitenden 
Kommission des ersten baltischen Naturforschertages in Riga, unter¬ 
zeichnet von Dr. med. O. Thilo. Der Naturforschertag soll in der 
Osterwoche 1912 tagen, und wendet sich an die Gesellschaft prakt. 
Aerzte mit der Aufforderung sich als Vortragende und Zuhörer zu 
beteiligen und bittet um Absendung dreier Mitglieder zur Delegferten- 
versammlung, die demnächst stattfinden soll. Zn Delegierten werden 
gewählt die DDr. Bertels, Brutzer, Baron Engelhardt. 

Gesellschaft prakt. Aerzte zu Reval. 

Sitzung v. 2. Mai 1911. 

P. 4. Nottbeck stellt eine 36 j. Patienten mit Addisson'scher 
Kr. vor. 

P. 5. Haller demonstriert 2 Patienten mit Lungenzirrhose 
und die dazugehörigen Röntgenbilder. 

Diskussion 

Blacher hat einen ähnlichen Fall beobachtet, bei dem Pneumo¬ 
nie und exsudative Pleuritis vorausgegangen waren, obwohl trotz 
mehrfacher Punktion kein Exsudat zu erzielen war, wohl weil es fi¬ 
brinös geworden war. 

Dehn: derartige Erkrankungen können auch ohne Pleuritis ent¬ 
stehen. Sowohl nach Tbk. als auch nach Pertussis, Variola und Ma¬ 
laria kommen bindgewebige Neubildungen vor. 

Greiffenhagen fragt,ob in solchen Fällenchir. Eingriffe gemacht 
worden sind zur Vermeidung schwerer Skoliosen, wie sie bei Empy¬ 
emen vorgenommen werden, mit günstigem Erfolge. 

Haller: In den demonstr. Fällen handele es sich wohl um de¬ 
struktive Prozesse in den Lungen selbst, Pleuritis ist nicht vorausge¬ 
gangen. Er glaube, dass beide Fälle tuberkulöser Natur seien. Er 
könne sich nicht vorstejlen, dass in diesen beiden Fällen Chirurg. Ein¬ 
griffe Nutzen bringen könnten, da eine sehr ausgedehnte Rippenresek¬ 
tion nötig wäre, die doch wohl schwere Arbeit späterhin verhindern 
würde. Bei fiebernden Phthisikern und besonders nach Empyemen läge 
die Sache anders, bei welch’ letzteren die unteren Rippen zur Resektion 
kämen und demnach den gleichseitigen Arm weniger in seiner Ak¬ 
tionsfähigkeit behindern würden. 

P. 6. Spindler. Die Fortschritte der Syphilisforschung 
im letzten Jahrzehnt. Der Vortragende referiert über die vier 
für die Syphilisforschung bedeutsamen Entdeckungen des letzten Dez¬ 
enniums: Die Impfungen Metschnikoffs und Rouxs, Neissers etc. an 
Affen und Kaninchen, deren Resultate Neisser etwa folgendermassen 
zusammenfasse: 1) Eine Ausheilung der Syphilis ohne Therapie gebe 
es nicht 2) Es gebe weder eine Immunität noch auch eine aktive oder 
passive Immunisierung bei Syphilis. 

Weiter wird die Schaudinsche Entdeckung der Spirochäte pallida 
besprochen, deren Reinkultur neuerdings gelungen sei: (Mühlhans); es 
sei auch schon durch Impfung mit Kulturen auf Kaninchen experi¬ 
mentell Syphilis erzeugt worden (Sowade). 

Der dritte grosse Fortschritt sei die Wassermannsche Reaktion, 
deren wenigstens klinische Spezifizität dadurch bewiesen sei, dass 
sie bei florider Lues in 98—100% positiv ausfalle (nach Boas bei 
unbehandelten sowohl sekundärer wie tertiärer in 100%), bei Nicht¬ 
syphilitikern dagegen immer negativ sei (allerdings mit Ausnahme 
gewisser andrer Krankheiten). Ihre klinische Bedeutung wird nach 
Boas folgendermassen angegeben: eine positive Reaktion in der La- 


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76. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Xe 5. 


1912. 


tenzperiode in den ersten Jahren sei Vorläufer eines Rezidivs, ln den 
spateren Jahren sei sie das Zeichen einer Syphilis, die wir sonst nicht 
diagnostizieren können. Dass die Reaktion fehlt, bedeute in den j 
ersten Jahren garnichts, da sie oft wieder Umschläge, lieber die Be¬ 
deutung ihres Ausbleibens in der spätlatenten Zeit wissen wir nichts, 
weshalb wir in so einem Falle nicht auf Grund blos der negativen j 
Reaktion behaupten dürfen, dass der betreffende Syphilitiker geheilt 
sei. Es könnte ja später wieder positive Reaktion und ein Rezidiv 
eintreten. — Ziel der Therapie sei, den Syphilitiker bei dauernd ne¬ 
gativer Reaktion zu erhalten. , 

Endlich berichtet der Vortragende über die moderne Arsenikthe- I 
rapie, beson lers das Salvarsan, wobei er zu dem Resultat kommt, dass 
die Anwendung des letzten in den bisher gebräuchlichen Dosen und 1 
Anwendungsformen niemals ganz gefahrlos sei und wir im Salvarsan i 

noch nicht das Mittel gegen die Syphilis haben, wohl aber ein oft I 

sehr wirksames und in vielen Fällen geradezu unentbehrliches. 

Diskussion. 

Hirsch fragt, ob viel Rezidivfälle bekannt gewordeh seien. 
Hunnius. Nach seiner Erfahrung trete in frischen Fällen bei nur 
einmaliger Injektion das Rezidiv in 3 Monaten auf. 

Spindler im Allgemeinen sind Rezidive wohl mehrfach vorge¬ 
kommen, obwohl Wechselmann sie leugnet. ( 

Middendorff fragt, auf wieviel Injektionen sich die Todesfälle i 
bezögen. 

Spindler. Die meisten Todesfälle erfolgten, bevor Salvarsan im | 
Handel war. Nach Ehrlich komme 1 Todesf. auf 10000 Inj., nach , 
anderen 1 : 1000. Die Ursachen sind bei intramuskul. Inj. meist Em- j 
bolien, nach intraven. J. Kollaps und acute Nephritis. j 

Middendorff. Bezüglich der Wirkung auf den Sehnerv sei es 
schwer zu entscheiden, ob die Schädigung von der Lues selbst oder 
vom Salvarsan herrühre, während das Atoxyl sicher Atrophien ver- j 
ursachte. | 

H. Hoff mann. Die Ohren sollen nach einigen Autoren nach 
Salvarsaninj. häufiger, nach anderen seltener befallen werden, doch heilen , 
sie nach wiederholten Inj. meist aus; beim Auge soll es ähnlich sein. I 
Greiffenhagen fragt, ob das bei längerem Gebrauch so ausge¬ 
zeichnet wirkende Jod noch im Gebrauch sei. Ferner, ob es nicht , 
zweckmässig wäre, falls beim Ulc. dur. die Wasserm. Reaktion positiv \ 
sei, dann sofort Salvarsan zu injizieren. 

Knüpffer fragt, ob es leicht sei die Spirochaeten im Primärafekt 
nachzuweisen. 

Spindler: Jod wird noch gegeben, es soll die abgetöteten Spi¬ 
rochäten resorbiren. Zuerst erfolgt die Salvarsinj., ist dann nach 6 Wo¬ 
chen die Wasserm. Reaktion noch positiv, dann nochmals Inj. resp. 
Quecksilberkur. Die W. R. ist immer frühestens 6 Wochen post in- 
jekt. positiv. Er rät die Wasserm. R. im Verlauf zweier Jahre nach 
erfolgter Salvarsaninj. überhaupt nicht zu machen, sondern in jedem 
Fall mit Quecksilber zu behandeln. Mit der Behandlung soll begon¬ 
nen werden, sobald die Spiroch. pall. nachgewiesen sei, was bei un- j 
vorbehandelten Fällen auch aus dem Primäraffekt leicht gelinge. 

Sekretär: Mühlen. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Libau. 

(Auszug aus d. Protokoll). 

Sitzung am 8. Sept. 1911. 

Präses : Falk. Sekretär: Brehm. j 

1 . I 

Christian! demonstriert ein Sarcoma uteri. Das Leiden 
war 4 Jahre post climacterium entstanden, und zwar bestanden nur 
Schmerzen und ein massiger wässeriger Ausfluss, dahingegen abso¬ 
lut keine Blutungen. Die Diagnose wurde auf maligne Degeneration 
eines Myoms gestellt, die Totalexstirpation bestätigte das, die mikro¬ 
skopische Untersuchung ergab ein Rundzelleusarkom iDemonstration 
des Präparats). Dieser Fall war von anderer Seite ausgeschabt worden, 
offenbar ohne dass das Geschabsel mikroskopiert worden war, denn 
sonst hätte der maligne Charakter offenbar werden müssen; derartige 
planlose Ausschabungen müssen durchaus verworfen werden, bei 
Tumoren dürfe die Ausschabung nur diagnostischen, nicht therapeu¬ 
tischen Zwecken dienen. Auch die neuerdings mit so viel Emphase 
angepriesene Röntgenbehandlung der Myome müsse, wie der dies¬ 
jährige Gynäkologenkongress das eindeutig getan habe — einstweilen 
für die Praxis abgelehnt werden, bis man Genaueres darüber haben 
könne, sonst sei leicht ein Missbrauch zu befürchten. 

2 . 

Brehm stellt einen Patienten vor, an dem er vor 3 Monaten 
wegen Pseudarthrose eine Knochen naht am Humerus ausführte. 

Es handelte sich um eine Fraktur, die 10 Wochen hindurch von an¬ 
derer Seite behandelt worden war, doch war nicht die geringste Kon- ' 
solldation eingetreten, es war keine Spur von Kallusbildung zu be= [ 
merken, die beiden Fragmentenden bewegten sich glatt und frei j 
gegen einander ohne zu krepitieren und Hessen sich fast bis zum i 
reenten Winkel gegen einander stellen, der Arm war mithin total 
unbrauchbar. Bei der Operation fand sich gleichfalls nicht die ge- i 
ringste Kallusbildung, die Knochenenden wurden angefrischt und mit 
Silberdraht genäht. Die Prima intentio war ungestört, es bildete sich i 
ein kräftiger Kallus, und jezt ist die Fraktur konsolidiert, so dass | 
Patient alle Bewegungen mit dem Arm gut ausführen kann. In diesem i 


Fall hätte sich auch die neuerdings empfohlene Knochenbolzung gut 
ausführen lassen, doch beobachtet man darnach gelegentlich mit 
fortschreitender Resorption des eingebolzten Knochenstückes erneute 
Lockerung und Wiederauftreten der Pseudarthrose. 

3. 

Brehm stellt eine Patientin vor, an welcher er vor 2 Monaten 
eine ausgedehnte Leberresektion ausgeführt habe und 
demonstriert das betreffende Präparat. Es wurde der ganze linke 
Lappen, der Lob. quadratus, ein Teil des Lob. Spigelii und ein 
Stückchen des rechten Lappens reseziert. Es handelte sich, wie die 
genauere Untersuchung ergab, um ein grosses Syphilom und zwar eine 
Kombination zirrhotischer mit gummösen Prozessen, welche durch 
Kompression der Pfortader hochgradige Stauungserscheinungen her¬ 
vorgerufen hatte (hartnäckiger Stauungskatarrh des Darmes mit pro¬ 
fusen blutigen Durchfällen, Ascites, Meteorismus), welche schliesslich 
zu einer ausgesprochenen Kachexie führten. Die Patientin hat den 
schweren Eingriff gut vertragen und ist als geheilt zu betrachten. 

Diskussion. 

F a i n hält es trotz des günstigen Resultats, das in diesem Falle 
erreicht wurde, flir wichtig nochmals nachdrücklich auf den Wert der 
Diagnosenstellung exjuvantibus hinzuweisen, wie er das in ähnlichem 
Anlass schon früher einmal getan habe. Die Chirurgen müssten un¬ 
bedingt konservativer werden, auch im vorliegenden Fall hätte ein 
Versuch mit Jodkali der Frau vielleicht die eingreifende Operation 
erspart. Er selbst habe einmal Gelegenheit gehabt eine Frau zu 
sehen, die schon aufgegeben war und sich tatsächlich in desolatem 
Zustande befand. Die kolossal vergrösserte Leber verkleinerte sich 
unter Jodkali geradezu rapid und die Frau wurde gesund. 

A 1 k s n e kann sich nicht erklären, dass die Operation in solchen 
Fällen von Kompression der Pfortader durch zirrhotische Narben die 
Stauungserscheinungen beseitigen könne; die die Pfortader direkt 
komprimierenden Narbenzüge bleiben doch jedenfalls nach. Bei An¬ 
nahme eines Karzinoms der Leber, das doch in der Regel sekundär 
sei, habe man auch von der Entfernung des Tumors nicht viel zu 
erwarten, da doch der primäre Tumor bestehen bleibe. 

Brehm erwidert Fain, dass in diesem Fall die Diagnose ex 
juvantibus aus dem einfachen Grunde nicht gestellt wurde, da Lues 
überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde, sondern an einen Netz¬ 
tumor gedacht wurde. Er habe auch nicht gesagt, dass man solche 
Fälle nicht ex juvautibus behandeln solle, sondern nur, dass bei den 
in Rede stehenden Fällen, wo es sich nicht mehr um frische luetische 
Prozesse, sondern um alte Narbenklumpen handele, das Jodkali 
meist ganz versagt. Es ist selbstverständlich, dass stets, wo gegrün¬ 
deter Verdacht auf Syphilis besteht, das ganze Geschütz der Anti- 
syphilitica ins Feld zu führen ist, bevor man operiert. Der von Dr. 
Fain geschilderte Fall scheint doch ohne Frage ein zwar schwerer 
aber frischer Fall gewesen zu sein, denn alte syphilitische Narben 
schmelzen unter Jodkali keineswegs so schön weg, wohl aber frische 
gummöse Prozesse. Herrn Alksne erwidert er. dass in diesem Falle 
die Stauungserscheinungen post operationem tatsächlich ganz ver¬ 
gangen seien, dasselbe naben auch andere Beobachter gesenen. Die 
direkt die Pfortader umgebenden Narbenzüge gelangen vielleicht 
leichter zur Resorption nach Entfernung der Hauptmasse des Tumors. 
Den Tumor habe er natürlich nicht für einen metastatischen gehalten 
sondern für ein primäres Karzinom, da in der Bauchhöhle sich sonst 
nirgends ein Tumor fand, primäre Leberkarzinome aber, wenn sie 
aequalent sind, soll man operieren. 


Chronik. 

— Zum Präsidenten der Kommission für ärztliche und 
Sanitäts-Angelegenheiten beim Konseil für kommunales 
Wirtschaftswesen ist das Stadthaupt von Kasan Herr Beketow ge¬ 
wählt worden. 

— Das von 83 Reichsdumagliedern eingebrachte legislative Pro¬ 
jekt betreffend „die Verbesserung des Reichsgesundheitswesens in 
Russland', worin die Kreirung eines besonderen Medizinal- 
Ministeriums in Aussicht genommeu war, ist vom Ministerrat 
abgelehnt worden. Die Ablehnung wurde dadurch motiviert, dass 
das Ministerium des Inneren nicht die Ausarbeitung des genannten 
Projektes auf sich nehmen könne, weil das Medizinalamt gegenwärtig 
die Frage der Reorganisation des Reichssanitätswesens bearbeite. 

— Der Ministerrat hat eine Eingabe des Ministers des Inneren, 
betreffend die Bildung einer besonderen Kommission, deren Vorsitzen¬ 
der durch Allerhöchsten Befehl ernannt werden soll, zur Revi¬ 
sion der medizinal-sanitären Gesetzgebung, angenommen. Zu Kom- 
missionsgliedern sollen herangezogen werden: der Vorsitzende und 
die Glieder des Reichsmedizinalrates, der Reichsmedizinalinspektor, 
der Chef des Amtes für Kommunalwirtschaft, Vertreter der Ministerien 
und Kommunalämter. 

*— Das Ministerium des Innern hatte der St. Petersburger Stadt¬ 
verwaltung ein Projekt der .Sanitätsregeln für zuer¬ 
bauende Häuser und Wohnräume in Städten mit 
50.000 und mehr Einwohnern*, zur Begutachtung zukommen 
lassen. Diese Aufgabe wurde einer Kommission unter dem Vorsitz 
des Stadtverordneten Herrn Smejew übertragen und die Kommission 
hat ihren Bericht in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht. 
Vor allem hält die Kommission die Teilung der Städte in solche mit 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 5. 


77. 


1912. 


50.000 Einwohnern und solche die bald diese Grösse erreichen werden 
für grundlos, bei dem raschen Wachstum der Städte. Es müssen im 
Gegenteil gerade bevor die Städte eine bedeutende Ausdehnung er¬ 
reichen, Massnahmen gegen eine Verunreinigung getroffen werden. 
Weitgr sei die Forderung, dass die Breite des inneren Hofes der 
Höhe des Baues gleichkomme nicht akzeptabel, ln Petersburg würde 
gegenwärtig ein Abstand von 2—3 Faden (c. 6 Meter) zwischen den j 
Flügeln des Baues zugelassen und nach annähernder Schätzung würde 1 
durch das neue Gesetz eine Verkleinerung des Rauminhaltes der 
Häuser im Betrage von 30- 50 Proz. verursacht werden. Dadurch 
würde ein starkes Steigen der Wohnungspreise hervorgerufen werden. 
Die Kommission hält es für unerlässlich, dass die Höhe der Häuser 
und die Grösse der inneren Höfe von den Stadtverwaltungen nor¬ 
miert werden. 

Der angesetzte Luftkubus von wenigstens 2.5 Kub.-Faden pro 
Person zei zu gross und entspreche nicht einmal den hohen west- \ 
europäischen Normen. Die Folge dieser Forderung würde sein, dass | 
die Wohnungspreise für die Masse der armen Bevölkerung ins Uner¬ 
schwingliche ansteigen werden. Zweckmässiger wäre es als Minimum | 
einen Luftkubus von 0.75 Kub.-Faden pro Person und 0.4 für Kinder 
bis zu 12 Jahren anzusetzen. Das Verbot Kellerräume zu bewohnen | 
sei nicht durchzuftihren, es müssen aber entsprechende Bedingungen ' 
eingehalten werden. Die Einrichtung einer Wohnungs-Sani- j 
täts-Inspektion, deren Vertretern das Recht eingeräumt wird | 
Privat Wohnungen zu inspizieren, widerspreche der Unantastbarkeit der 
Privatwohnungen. Die Organisation einer solchen Inspektion müsse 
den Stadtverwaltungen überlassen werden und als Ausnahmen hätten ! 
nur Fälle infektiöser Erkrankungen zu gelten. 

— Der Ministerrat hat es für gut befunden in Rostow a. D. eine i 
Medizinische Fakultät zu eröffnen. 

— St. Petersburg. Das klinische Institut der 
Grossfürstin Helene Pawlowna wird in der nächsten Zeit 
bedeutend erweitert werden. So soll die Zahl der Betten auf der 
klinischen Station von 150 auf 600 gebracht werden und die Zahl 
der klinischen Abteilungen und Laboratorien soll auf 20 erhöht wer¬ 
den. Eine besondere Abteilung mit 10 Betten soll für das Studium 
der Salvarsantherapie eingerichtet werden. Die Mittel dafür 
werden eine, speziellen Stiftung entnommen. Eine wissenschaftliche 
Vereinigung der Anstaltsärzte und der Zuhörer der ärztlichen Kurse 
ist organisiert worden und hält halbmonatliche Sitzungen ab. 

— St. Petersburg. Das Oberkriegsgericht hat verfügt die 
Kassationsklage des Sekundärarztes des Militärlazarets in Jelisawet- 
grad Dr. Purwikowsky abzuweisen. Dr. Purwikowsky 
war für Erpressung bei Befreiung kranker Rekruten vom Militärdienst 
belangt und vom interimistischen Kriegsgericht in Jelisawetgrad ,zu 
5 Jahren und 9 Monat Gefängnishaft verurteilt worden. 

— S t. P e ter s b u r g. Bei der Akademie der Wissenschaften 
hat sich die .Biologische Gesellschaft* konstituiert. In 
das Präsidium wurden gewählt: Präsident — Akademiker Famin- 
zyn (Botan.), zu Vizepräsidenten — Prof. Cholodkowsky und 
Prof. N. Tschistowitsch (Therap.), zum 1. Sekretär —Prof. 

M e t a 1 n i k o w (Biolog.), zu Untersekretären Dr. J u s t s c h e n ko 
(Psychiat.), Pojarkow und Pawlowsky, zum Kassenführer 
Dr. B j e 1 a n o w s k y. Die Sitzungen werden im Konferenzsaal der 
Akademie der Wissenschaften abgenalten. 

— Auf Verfügung des Reichsmedizinalrates hat der 
Reichsmedizin alinspektor angeordnet, dass alle Normal- 
Apotheken zu verpflichten sind Sonden und Trichter für Magenspü¬ 
lung in Bereitschaft zu halten für den Fall der Hilfsleistung bei 
akuten Vergiftungen. 

— Die Reichsduma hat votiert das Budget des medizi¬ 
nischen Institutes für Frauen in Petersburg um 75000 Rbl. 
zu erhöhen. Durch diesen Beschluss wird einer Verfügung des 
Reichsrats von 1904, als die Anstalt von der Krone übernommen und 
das Jahresbudget mit 229,900 Rbl. bestätigt wurde, annähernd Ge¬ 
nüge geleistet, indem an dem vollen Budget nur noch 15,000 Rbl. 
fehlen werden, während bis 1911 die Differenz 90,000 Rbl. betragen 
hatte. Dies«. Differenz war aus den Spezialmitteln dts Institutes, 
die hauptsächlich aus der Zahlung für den Un.erricht sich zusammen¬ 
setzen, gedeckt worden. Die Parlamentskommission motivierte die 
Streichung von 15,000 Rbl. damit, dass mit diesem Betrage das 
Institut von der Stadt Petersburg subventioniert werde. Für 1911 
sind übrigens nur 25,000 Rbl. als Zuschuss zu den bisher angewie¬ 
senen 139,900 Rbl. bewilligt worden wegen des Studentenstreikes im 
ersten Semester. Daher scheint ausser Acht gelassen zu sein, dass 
offiziell das Semester nicht nur in Wegfall gekommen, sondern bis 
zum 15. Juli ausgedehnt worden ist. Es wurde allerdings nicht ge¬ 
lesen, aber Laboratorien und Kliniken funktionierten. Die Ausgaben 
hatten nicht abgenommen, wohl aber die Einnahmen, weil eine 
grosse Zahl der Studentinnen ihre Beiträge nicht geleistet hatten. 

— St. Petersburg. Hier hat sich die St. Petersbur¬ 
ger Gesellschaft für Kriegshygiene konstituiert. In 
der Eröffnungssitzung präsidierte der Gehilm des Oberkommandie¬ 
renden des Militärbezirks General Hasenkampf. Zum Vorsit¬ 
zenden wurde gewählt der Bezirks-Militär-Medizinalinspektor Dr. 

I. I. Makawejew, zum Vizepräsidenten Generalmajor Th. Knja- 
s h e w i t s c h , zum Sekretär Dr. A. K. F e d e r o 1 f, zum 2. Se¬ 
kretär Dr. W. N. O k u n j e w , zum Kassenführer Dr. D ei k u n - 
Motschanenko. 


- Beim R e i c h s m e d i z i n a 1 r a t ist eine Kommission einge¬ 
setzt zur Ausarbeitung der Grundlagen für den Titel eines Sani¬ 
tätsarztes. 

— Tomsk. Der Universität ist von Frau Kuchterina eine 
Spende von 80,000 Rbl. zugegangen, an welche die Bedingung 
eknüpft ist, Frauen zum Studium zuzulassen. Die Universität hat 
eschlossen beim Minister um Zulassung von Frauen zum Studium 
auf der medizinischen Fakultät zu petitionieren. 

Prof. Czerny, Generalarzt (mit dem Rang als General¬ 
major), der ausgezeichnete Heidelberger Chirurg, ist auf sein Gesuch 
aus dem Verhältnis ä la suite des Sanitätskorps ausgeschieden. 
Diese Nachricht wird auf politische Gründe zurückgeführt. Es heisst, 
dass, wohl auf die Denunziation eines Heidelberger ultramontanen 
Blattes hin, Czerny wegen eines im Berliner Tageblatt erschie¬ 
nenen politischen Artikels zur Rede gestellt worden sei, was sein 
Entlassungsgesuch zur Folge hatte. Der betreffende Artikel gipfelte 
in den Wirten: »Bei den Stichwahlen müssen unbedingt die frei¬ 
sinnigen Parteien mit den Sozialdemokraten Zusammenhalten, um die 
Herrschaft des schwarz-blauen Blockes zu brechen. Wir Liberalen 
in Baden konnten bei der letzten Landtagswahl bekanntlich allein 
durch diese Taktik der ultramontan-konservativen Vereinigung die 
Majorität entreissen, und so muss es auch bei der nächsten Reichs¬ 
tagswahl sein“. Die Münch. Med. Wochenschr. plädiert für eine 
Stellungnahme der Aerzteschaft zu dieser Angelegenheit auf dem 
bevorstehenden Chirurgenkongress. 

— Der vor kurzem zusammengetretene deutsche Reichstag 
hat unter 397 Abgeordneten in seinem Bestände 6 Aerztc. 

— Die Redaktion von .Schmidts Jahrbüchern der 
in - und ausländischen gesamten Medizin“, die früher 
von Möbius und D i p p e gemeinsam, dann von Sanitätsarzt Dr 
D i p p e in Leipzig allein besorgt wurde, übernimmt vom 1. April d. J. 
an Professor Leo, Direktor des Pharmakologischen Institus in 
Bonn. 

- Bemerkenswerte physiologische Untersuchungen über die 
natürlichen Staatsbrunnen zu Facliingen und Niederselters, welche 
für das Verständnis der Wirkungen dieser Brunnen von hoher Wich¬ 
tigkeit sind, wurden im Königl. Pathologischen Institut der Berliner 
Universität gemacht. Professor Dr. A. Bickel, Vorsteher der 
experimentell-biologischen Abteilung des obengenannten Institutes, 
veröffentlicht in der neuesten Nummer der Zeitschrift für Balneologie 
die interessanten Ergebnisse dieser Experimente. 

— Das Ministerium des Innern überweist dem Konseil für Kom¬ 
munalangelegenheiten in der bevorstehenden Sitzungsperiode folgen¬ 
des Projekt zur Begutachtung: Den medizinischen Fakul¬ 
täten der Universitäten und anderen medizinischen Hoch¬ 
schulen soll das Recht erteilt werden die, verschiedenen Ressorts 
angehörenden Krankenanstalten, die landschaftlichen und städtischen 
eingeschlossen, für Lehrzwecke zu exploitieren. 

Das Ministerium weist darauf hin, dass die medizinischen Hoch¬ 
schulen an klinischem Material Not leiden. . An vielen medizinischen 
Fakultäten gibt es z. B. therapeutische Kliniken mit nur 20—30 
Betten. Setzt man normaliter die Zahl der Medizinstudenten mit c. 
150 pro Kursus an, so kommen unter diesen Verhältnissen in der 
Klinik auf jeden Studenten im Laufe des Lehrjahres 1 bis 2 Kranke. 
An manchen Fakultäten gibt es für einige Disziplinen überhaupt 
keine Kliniken und der Unterricht in einem praktischen Fach wird 
nur theoretisch geführt. So besitzt die Universität Charkow keine 
psychiatrische- und Nerven-KIinik und der Unterricht in diesen Dis¬ 
ziplinen findet statt in einer Privatanstalt. Allerdings gibt es in 
Charkow eine wohleingerichtete Gouvernementsheilanstalt für 1500 
Kranke mit einem reichhaltigen klinischen Material, aber unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen, kann dasselbe für Unterrichtszwecke 
nicht utilisiert werden. Aehnliche Verhältnisse finden sich auch in 
anderen Universitäten. 

Nach Begutachtung wird das Projekt in die Reichsduma einge¬ 
bracht werden. 

— I. Baltischer Naturforschertag. Riga, 29„ 30. 
31. März 1912 (Osterwoche). 

Folgende Vorträge sind angemeldet: 

Dr. Otto Thilo- Riga: Naturforschung und Technik mit Er¬ 
läuterungen an Modellen und anatomischen Präparaten. 

Dr. W. Fischer- Riga: Photochemie (Experimentalvortrag). 

Prof. Dr. H. Pflaum-Riga: Strahlungen der Vakuumröhre. 

Dr. MatthiasHirschDerg - Riga: Strahlungstherapie, 

Direktor W. Petersen -Reval: Artenbildung durch physiolo¬ 
gische Isolierung. 

Dr. Konrad Günther, Dozent der Universität Freiburg in 
Breisgau: Der tropische Urwald mit Lichtbildern. 

Oberlehrer Karl Grevd -Riga: Vorschläge zu einer systemati¬ 
schen zoogeographischen Erforschung von Est-, Liv- und Kurland. 

Dr. med. A. Bertels- Riga: Ueber Partogenesis als Ursache 
von Geschwulstbildungen (mit Demonstrationen). 

Prof. P. Stegmann -Riga: Die Hornlosigkeit der Schafe und 
Rinder. 

Dr. E. Taube- Riga: Experimentelle Zoologie. 

Max von Sivers - Römershof: Ueber die Entwickelung der 
Pflanzentypen durch Anpassung an Boden und Klima. 

Prof. K. Kupffer -Riga : Die Vegetationsverhältnisse der ost¬ 
baltischen Inseln. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 






78. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 5. 


1912. 


Prof: F. B u c h o 11 z - Riga : Befruchtungserscheinungen im Pflan¬ 
zenreich. 

Cand. ehern. O. P a u 1 s e n - Reval: Colloydchcmische Studien 
auf dem Gebiete der Holzbearbeitung. 

Prof. N. Schiemann - Riga: Die Ausnutzung der Energie 
durch moderne Kraftmaschinen. 

Ingenieur J. K n o 11 - Riga : Häusergiessen (Eisenbeton). 

Dr. August von H e d en s t r ö m-Riga : Was kann der 
Chemiker zur Erhaltung der Naturschätze tun ? 

Assistent W. Knopp- Riga: Technische und tierische Flug¬ 
apparate. 

Gelehrter Agronom G. Neumann - Mitau: Ueber Milch und 
Milchprodukte. 

Prof. Michalowski - Dorpat: Uebersicht über die Entwlcke- ! 
lung der Geologie im Baltikum. ! 

Ritterschaftsbibliothekar Klrl von L ö w i s of Meirar - Riga: 
Livländische Kartographie und wissenschaftliche Forschung. 

Dr. med. Raphael- Mitau: Ueber Ausgrabungen in Gross- 
Autz (Kurland) beim Skarregesinde. 

Prof. B. D o s s - Riga : Die Entstehung der wirtschaftlich wich¬ 
tigsten Kieslagerstatten. 

Henry von Winkler - Reval: Ueber fortlaufende Leit- 
fahigkeitsbestimmungen eines stehenden Gewässers. 

Dozent Mag. R. Meyer-Rlga: Ueber den Einfluss des Waldes 
auf das Klima. 

Leo von Zur-Mühlen - Dorpat: Die Grenzen der silurisch- 
devonischen Formation im Nordlivland. 

Prof. Guido Schneider - Riga : Wasserversorgung- und Ver¬ 
unreinigung. 

Geschäftsstelle des Naturforschertages: 

Riga, R o in a n o w s t r. 13. Dr. O 11 o T h i 1 o. T e I e p h. 5969. 

— Für die vom Deutschen Zentralkomitee füj 
ärztliche Studienreisen geplante ärztliche Studienreise 
nach Amerika sind nur noch etwa 40 Plätze zum Preise von M. 1950 
bis M. 2250 zu vergeben. Die Abfahrt erfolgt am 7. September von 
Hamburg mit dem Doppelschraubendampfer der Hamburg-Amerika- 
Linie .Cincinnati*, die Rückreise von New-York am 10. Oktober mit 
der .Viktoria Luise*. In Aussicht genommen ist der Besuch von 
New-York, Philadelphia, Atlantic-City, Baltimore, Washington (Teil¬ 
nahme an dem Internationalen Kongress für Hygienne und Demo¬ 
graphie), Chicago, Niagarafälle, Montreal, Boston, Albany. Anfragen 
und Meldungen sind zu richten an das Deutsche Zentralkomitee für 
ärztliche Studienreisen, Berlin W. Potsdamerstr. 134 b. 

— G r a d o. Die Kur- und Badeverwaltung dieses schönsten 
österreichischen Strandseebades hat über Ansuchen der Vereinigung 
der dortigen Kurärzte nunmehr auch den Frauen und Kindern al.ers 
Aerzte ausnahmlos die freie, unbeschränkte Benützung des Strandes 
sowie der Seebäder während der ganzen Saison zugestanden. Die 
nächsten Angehörigen der Aerzte werden somit fortan bei Besuch 
Grados nicht allein von der Entrichtung der Kur- und Musiktaxe 
sondern auch von allen bisherigen Gebühren befreit sein. Den Prä¬ 
sidenten der Kur- und Badeverwaltung, Herrn Statthaltereisekretär * 
Conto Dandini gebührt für dieses sein Entgegenkommen der Dank 
der Aerzteschaft. i 


Hochschulnachrichten. 

St. Petersburg. Der Professor für spezielle Pathologie und 
Therapie an der Medizinischen Akademie Dr. N. P. F a w i t z k i j 
ist für weitere 5 Jahre in seinem Amte bestätigt worden. 

J u r j e w (Dorpat). Der Priv.-Doz. an der Universität Charkow 
Dr. W o r o b j e w ist vom Universitätskonseil zum Professor für 
Anatomie, an R a u b e i s Stelle, gewählt worden. 

Düsseldorf. Prof. Dr. Erich Opitz, Direktor der Frauen¬ 
klinik hat einen Ruf an die Universität Giessen als Nachfolger von 
Prof. v. Franque erhalten und angenommen. 

G ö 11 i n g e n. Prof. Dr. Gramer hat den an ihn ergangenen 
Ruf an die Universität Berlin als Nachfolger Ziehens aDgelehnt. 

Tübingen. Prof. Dr. S e 11 h c i m , Direktor der Universitäts- 
Frauenklinik, hat einen Ruf an die Akademie für praktische Medizin 
in Düsseldorf erhalten. 

Breslau. Prof. Dr. B o n h ö f f e r hat den Ruf nach Berlin, 
an Ziehens Stelle, als Professor der Psychiatrie und Nervenheil¬ 
kunde und Direktor der Nervenklinik der Charitee angenommen. 
Er wird zum Beginn des Sommersemesters nach Berlin übersiedeln. 

-Gestorben: In Kiew Dr. M. W. Moskalew. ln 

Rostow a. Don Dr. S. D. Smirnow und Dr. F. A. Galkin. In 
Andreewka (Gouv. Jekaterinoslaw) Dr. Schwanebach, ermordet 
bei einem Raubüberfall. In Schlüsselburg Dr. A. J. Mjassoje- 
d o w 70 J. alt. In Braunschweig Prof. Dr. H. E h 1 e r s 72 J. alt. 
Früher Direktor des herzoglichen Krankenhauses daselbst. In Ham¬ 
burg Prof. Dr. D. R e y e 80 J. alt. Früher langjähriger Leiter der 
Irrenanstalt. Friedrichsberg. In Wien Dr. Emil Stofelia d alta 
R u p e emerit. a. o. Prof, für interne Medizin, 77 J. alt. In Tou¬ 
louse Prof, der Chirurgie Dr. E. C e s t a n. In Marseille Prof, der 
Augenheilkunde Dr. Ch. G u e n d e. 

Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, d. 6. März. 

Tagesordnung: 1) Hecker. Ueber eine seltene Komplika¬ 
tion bei Scharlach. (Demonstration d. Prä¬ 
parates). 

2) Dörbeck und Moritz. Zur Kasuistik der 
Leukämie. 

3) Neumann. Ueber die Heilquellen und 
das Klima von Borshom. 

Nächste Sitzung des deutschen ärztlichen 
Vereins: Montag, d. 12. März. 

Tagesordnung: O. Moritz. Kochsalzinjektionen bei Ischias 


Mitteilung der Redaktion. 

Die Herren Mitarbeiter werden nochmals gebeten, im eigenen 
der Referenten und der Leser Interesse, es nicht zu unterlassen, den 
Originalartikeln eine kurze Zusammenfassung des Inhalts 
(Resümee) beizufügen. 


Der Redaktion sind folgende Bücher zugegangen: 


JenöKollarits. Charakter und Nervosität. Julius Springer, 
Berlin 1912. 

Edmund Saalfeld. Kosmetik. Ein Leitfaden für praktische 
Aerzte. 3. Aufl. Julius Springer, Berlin 1912. 

Artur Schüller. Die Röntgen-Diagnostik und - Theräphie in 
der inneren Medizin. I. Teil. Röntgendiaggostik der Erkran¬ 
kungen des Kopfes. Alfred Hö der, Wien und Leipzig 1912. 

Wilhelm Türk. Vorlesungen über klinische Haematologie. II. T. 
1. Hälfte. Wilh. Braumüller, Wien und Leipzig 1912. 

Robert Tigersted t. Handbuch der physiologischen Methodik. 
III. Bd. Abt. 5. S. Hirzel, Leipzig 1912. 

Georg Sticker. Zur historischen Biologie des Erregers der In¬ 
fluenza. Alfred Töpelmann, Giessen 1912. 

Karl S u d h o f f. Mal Franzoso in Italien in der ersten Hälfte des 
15. Jahrh. Alfred Töpelmann, Giessen 1912. 

R a d t k e und Winter. Ursachen und Bekämpfung des Kindbett¬ 
fiebers. Richard Schoetz, Berlin 1912. 

Peiper. Säuglingssterblichkeit und Säuglingsfürsorge in Pommern- 
Richard Schoetz, Berlin 1912. 

K o 11 e und Wassermann. Handbuch der pathogenen Mikroorga¬ 
nismen. 2. Aufl 5. Lief. Gustav Fischer, Jena 1912. 

W. Zweig. Diagnose und Therapie der Magen- und Darmkrank, 
heiten. 2. Aufl. Urban & Schwarzenberg, Berlin, Wien 1912. 

M. Fl. III a n o b a n e h k o. O KopeHHOM-b nepeycTpoflcTBt BojiocHaö- 
HceHiH rieTepöypra. 015. 1912. 

fl. I. H e m h p o b c k i 11. MeÄHuuHCKifl Kaaeimapb. 015. 1912. 

F. Kanngiesser. Intoxicationspsychosen. Gustav Fischer, Jena 1912. 


A. T i 1 p. Ueber Regenerationsvorgänge in den Nieren des Menschen. 
Gustav Fischer, Jena 1912. 

Paul Dittrich. Handbuch der ärztlichen Sachverständigen-Tä’ 
tigkeit. Wilh. Braumüller, Wien und Leipzig 1912. 

E. Abderhalden. Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden. 

5. Bd. 2. T. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1912. 
T. B p y r m t>. JXiaTeTHKä BHyipeHHHX'b öoabaHett. B. M. Ca6/iHin>, 
MocKBa 1912. 

Max Verworn. Narkose. Gustav Fischer, Jena 1912. 

Julius C i t r o n. Klinische Bakteriologie und Protozoenkundc- 
Dr. Werner Klinkhardt, Leipzig 1912. 

L. Grünwald. Kurzgefasstes Lehrbuch und Atlas der Krankheiten 
der Mundhöhle, des Rachens und der Nase. 3. Aufl. T. II. 
Atlas. Lehmanns Verlag, München 1912. 

Lehmann und N e u m a n n. Atlas und Grundriss der Bakterio¬ 
logie und Lehrbuch der bakteriologischen Diagnostik. 5. Aufl. 
T. II. Text. Lehmanns Verlag, München 191‘2. 

Müller und P r a u s n i t z. Grundzüge der Hygiene. 9. Aufl* 
Lehmanns Verlag, München 1912. 

A. Sch lenz k a. Die Goldschmidtschc Irrigationsurethroskopie. 

Dr. Werner Klinkhardt, Leipzig 1912. 

A. Lorand. Die rationelle Ernährungsweise. Dr. Werner Klink¬ 
hardt, Leipzig 1912. 

Diikow und Bojanus. Ueber die Notwendigkeit einer Reform 
der gegenwärtigen medizinischen Universitätsbildung. Willmar. 
Schwalbe, Leipzig 1912. 

Besprechung Vorbehalten. 


Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Co., St. Petersburg, Englischer Prospekt 28, Ecke Offizierstrasse. Teleph. 14—91. 


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80 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 6. 


1912 . 


infektiösen Material, wie man annahm, zu beschicken. 

In der Folge suchten zahlreiche bakteriologische Unter¬ 
suchungen des Eiters, wie sie unter anderem auch in 
der Klinik Küstners in systematischer Weise ausge¬ 
führt worden sind, nachzuweisen, dass der Eiter in ge¬ 
schlossenen Höhlen in den meisten Fällen schadlos ist, 
und dass die in demselben enthaltenen Keime in abge¬ 
schwächt virulentem oder in nicht mehr virulentem 
Zustande sich befinden. Diese Befunde führten zur 
peinlichsten Ausübung der Asepsis, weil man die 
schlechten Resultate der Laparotomie hauptsächlich 
durch exogene Infektion zustandegekommen glaubte. 

Die verfeinerte Asepsis, welche in dem verstärkten 
Wundschutz zum Ausdruck gelangt ist, hat aller- f 
dings für die Laparotomie im allgemeinen gleich gün¬ 
stige Bedingungen wie für die vaginale Coeliotomie ge¬ 
schaffen, in bezug auf die eitrigen Prozesse jedoch nicht 
das gehalten, was man von ihr erwartete. Die Morta¬ 
lität nach abdominalen Eingriffen bei solchen Zuständen 
blieb eine höhere als diejenige nach Laparotomien im 
allgemeinen. Es ergaben z.B., wie Schlimpert noch 
auf der letzten 83. Versammlung deutscher Naturforscher 
und Aerzte in Karlsruhe anführte, in der Freiburger Klinik , 
1942 ausgeführte Bauchhöhlenoperationen eine Mortalität 
an Peritonitis von 2, 3%, während die Operationen (115), f 
bei welchen es zu Austritt von Eiter gekommen war, 
eine Mortalität von 8, 7% an Peritonitis ergaben. 

Erst dem enormen Aufschwung der Technik, welchen 
die Laparotomie in dem letzten Dezennium erfahren hat, 
scheint es im Verein mit der Asepsis beschieden zu sein, I 
der abdominalen Coeliotomie bei eitrigen Affektionen 
der inneren Geschlechtsorgane der Frau zu neuer Blüte J 
zu verhelfen. Für sehr beachtenswert halte ich es, dass 
z. B. Landau, in Deutschland der Vater der vaginalen § 
Operationen, bei entzündlichen Erkrankungen der Adnexe ! 
sich neuerdings der Laparotomie wieder zugewandt hat, j 
das vaginale Verfahren allerdings noch für „souverän j 
bei komplizierten Beckenabszessen mit lang bestehender | 
Fistelbildung und bei Entzündungen und Eiterungen 
bereits früher Laparotomirter“ haltend. Auch Schauta j 
hat sich nach einer vorübergehenden vaginalen Aera 
wieder der Laparotomie zugewandt und hält nach Thal er j 
den vaginalen Weg nur dann für geboten, wenn beson- | 
dere Virulenz bei vorhandenen Eitersäcken wahrscheinlich j 
ist, und voraussichtlich von der Vagina her dem Prin- I 
zipe des Radikalismus entsprochen werden kann. 

Nichts liegt mir ferner, als die unerfreuliche Polemik: 
ob vaginale oder abdominale Operation, in welche ich 
vor Jahresfrist verwickelt worden bin, in Nachstehendem 
weiterspinnen zu wollen. Ich werde mich daher auch j 
jeder Kritik beider Operationsmethoden enthalten, ver¬ 
zichte desgleichen auf ein Heranziehen unserer einschlä¬ 
gigen auf vaginalem Wege operierten Fälle und beab¬ 
sichtige nur, einen bescheidenen Beitrag zur Leistungs- | 
fähigkeit der abdominalen Coeliotomie bei eitrigen Pro¬ 
zessen zu liefern, sowie der Frage näher zu treten, | 
ob durch ein konservatives, oder durch ein radikales i 
Vorgehen die grössere Gewähr einer definitiven Heilung 
der Kranken geleistet wird. ! 

Zu diesem Zweck habe ich unter den Laparotomien 
der gynaekologischen Abteilung des Alexandra-Stifts alle 
diejenigen Fälle herausgesucht, in welchen Eiteransamm¬ 
lungen intra Operationen! festgestellt wurden. Diese En¬ 
quete ergibt 51 Fälle, welche eine lückenlose Serie unter 
fast ein tausend Laparotomien darstellen. Nicht aufgenom- ! 
men sind in diese Statistik die Fälle von allgemeiner 
Peritonitis (2 Fälle) und die Fälle von Eiterungen infolge ! 
tuberkulöser Prozesse (9 Fälle). Ich habe genannte Fälle j 
ausgeschieden, nicht um die Statistik zu „reinigen 44 (wir | 
haben unter denselben keinen Todesfall zu verzeichnen), i 
sondern weil genannte pathologische Zustände von einem j 
anderen Gesichtspunkte aus zu bewerten sind, als die ! 
in Rede stehenden Erkrankungen. 


Unsere Statistik umfasst: 

Tabelle I. 


1. In Vereiterung übergegangene Neoplasmen 12 Fälle. 



Konservat. 

operiert. 

Radikal 

operiert. 

Summa. 

Kystoma ovarii absced. 

2 

1 

3 Fälle 

Dermoid, absced.| 

1 

2 

3 . 

Kystoms tubo-ovarial absced. . . . 

- 

i 2 

2 - 

„ abscedens et uterus myomat. 

- 

j 2 

2 . 

Myoma uteri et kyst. ovar. absc. . 


! i 

1 1 „ 

„ abscedens . 

- 

1 1 

t 1 - 

Summa: . . | 

3 1 

9 1 

12 Fälle 


II. Eiteransammlungen in den Adnexen 39 Fälle. 


- 1 

i 

Konserv. 

operiert. 

Radikal 

operiert. 

Summa. 

i 

Pyosalpinx. . . . j 

. 

8 

12 

Pyovarium.j 

2 


4 

Pyosalpinx et Pyovarium. 

2 

4 

6 

Pyosalpinx et uterus myomat. . . . 

- 

7 

7 

Pyovarium et uterus myomat. . . . 

! - 

2 

2 

Pyosalpinx, Pyovarium et ut. myomat. 

| -* 

1 

1 

Pyosalpinx et Kyst tubo-ovarial . . 

— 

2 

2 

Pyosalpinx et Dermoid. 

•! 1 

II 

! — 

1 

Pyosalpinx et myoma uteri .... 

li 

il “ I 

4 

4 

Summa . . 

II 9 

30 

39 


Bevor ich auf Details unserer Statistik eingehe, muss 
ich auf einen Umstand hinweisen. Nur in einer sehr 
geringen Anzahl von Fällen finden sich in den Kranken¬ 
bögen Hinweise auf die im Eiter enthaltenen pathogenen 
Keime. In der Mehrzahl der Fälle sind keine diesbe¬ 
züglichen Untersuchungen ausgeführt worden. 

Ich will nicht leugnen, dass inbezug auf die wissen¬ 
schaftliche Verwertung eines Materials das Fehlen bak¬ 
teriologischer Analysen eine empfindliche Lücke dar¬ 
stellt, kann diesem Umstande jedoch inbezug auf die 
für die Praxis zu ziehenden Schlussfolgerungen keinen 
sehr grossen Wert beimessen. Ganz abgesehen davon, 
dass eine solche Untersuchung des Eiters während der 
Operation über die Virulenz etwaiger vorhandener Ei¬ 
tererreger im unklaren lässt, haben uns Untersuchungen 
von Bu m m und Liepmann darüber aufgeklärt, dass 
sich eventuell weit entfernt von dem eigentlichen Krank¬ 
heitsherde Keime, und zwar nicht selten in höchst viru¬ 
lentem Zustande, finden können. Durch exakte bakte¬ 
riologische Untersuchungen hat ferner Winter festge¬ 
stellt, welch bedeutende Rolle auch in der Gynäkologie 
der Selbstinfektion durch Scheidenkeime zufallen kann. 

Stehen wir aber den endogenen Infektionsquellen 
ohnmächtig gegenüber, weil uns in diesen Fällen unsere 
aseptischen Massnahmen im Stiche lassen ? In der Gy¬ 
näkologie wird doch dasselbe recht sein, was in der 
Chirurgie gültig ist. Der Chirurg greift getrost und mit 
Erfolg in der Bauchhöhle befindliche Eiterherde an, er 
wartet eventuell den geeignetesten Zeitpunkt für den 
Eingriff ab, rechnet aber, wenn er eingreift, in erster 
Linie mit der geeigneten Gestaltung der Wundverhält¬ 
nisse. 

Es müssen demnach bei Behandlung derartiger Zu¬ 
stände auch in der Gynäkologie neben der Asepsis haupt¬ 
sächlich technische Momente ausschlaggebend sein. Auf 
diesen Umstand ist in neuerer Zeit schon von verschie¬ 
denen Seiten hingewiesen worden, und darauf wird auch 
in den letzten Abhandlungen sowohl Bum ms als auch 
Winters aufmerksam gemacht. 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ke 6. 


81. 


Stossen wir bei einer gynäkologischen Operation auf 
Eiter, so ist es sicher, dass in den Genitalien der Pat. 
entzündliche Vorgänge stattfinden oder stattgefunden 
haben. Der Eiter mag schon, wie es Küstner nennt, 
einen „harmlosen Saft tt vorstellen, ob aber in den Ad- 
neken der anderen Seite, dem Uterus, dem Beckenbinde¬ 
gewebe u. s. w. nicht dessenungeachtet noch viru¬ 
lente Keime vorhanden sind — darüber zu entschei¬ 
den, sind wir nicht in der Lage. Wir werden daher 
gut tun, in allen Fällen, in welchen Eiterherde ange¬ 
troffen werden, so vorzugehen, als ob es sich um viru¬ 
lentes Material handelt, und die „Technik so zu ändern, 
dass man einer etwa eintretenden Infektion erfolgreich 
begegnen kann.“ (W i n t e r). Auch T h a 1 e r betont, 
dass es in jedem Falle von Adnexentzündung gerecht¬ 
fertigt erscheint, mit der Anwesenheit eitriger Entzün¬ 
dungsprodukte zu rechnen. 

Vom gleichen Prinzip haben wir uns schon seit 
Jahren leiten lassen und unsere Operationstechnik dem¬ 
entsprechend gestaltet. In den Hauptzügen ist dieselbe 
folgende: 

Stösst man nach Eröffnung der Bauchhöhle auf zahl¬ 
reiche Adhäsionen des Netzes resp. der Därme im klei¬ 
nen Becken, so wird auf besonders sorgfältige Ab¬ 
deckung der freien Bauchhöhle durch Marlykompressen 
Gewicht gelegt. Erst nachdem für einen genügenden 
Schutz der Bauchhöhle gesorgt ist, wird zur Lösung der 
Adhäsionen und zur Ausschälung der Adnextumoren aus 
ihren Verwachsungen geschritten. Nach Möglichkeit 
suchen wir dieselbe stumpf zu bewerkstelligen und 
greifen nur bei sehr fester Schwartenbildung zum Pa- 
quelin oder der Scheere. Eine Punktion oder Entlee¬ 
rung der Eitersäcke vermittelst der Durchspülung 
(Latzko) haben wir nicht geübt, weil wir der Ansicht 
sind, dass ein Herausschälen der meist nicht sehr volu¬ 
minösen Tumoren in der „richtigen Schicht“ sich bei 
unverkleinertem Volumen der Geschwulst leichter be¬ 
werkstelligen lässt, als bei einem durch Entleerung des 
Inhaltes verkleinerten und kolabierten Gebilde. Bei 
den Manipulationen des Ausschälens kommt es aller¬ 
dings in der Mehrzahl der Fälle zu Läsionen der Sack¬ 
wand und zu Austritt von Eiter. In letzterem Falle 
suchen wir die entstandene Perforationsöffnung durch 
Klemmen zu schliessen und schreiten, falls dieses er¬ 
folglos ist, zu breiter Eröffnung des Eitersackes, wobei 
der sich ergiessende Eiter durch bereitgehaltene Kom¬ 
pressen aufgefangen wird. Nach Entfernung der Kom¬ 
pressen wird das Operationsgebiet durch Auswischen 
mit sterilen Tupfern] möglichst ausgiebig gereinigt und 
darauf erst in der weiteren Ausschälung des Tumors 
fortgefahren. Setzen sich der Ausschälung und der I 
Stielung der Adnextumoren grössere Schwierigkeiten ' 
entgegen, und ist die Affektion eine doppelseitige, so | 
halten wir uns nicht lange mit der mühsamen Arbeit 
auf, sondern spalten den Uterus in der Medianlinie nach 
Faure-Kelly und tragen nach Umschneidung der 
Portio, von den Scheidengewölben aus beginnend, erst 
die eine, und dann die andere Uterushälfte in Zusam- , 
menhang mit den Adnextumoren ab, wobei die spritzen- I 
den Gefässe isoliert gefasst und versorgt werden oder . 
auch Massenligaturen zur Anwendung kommen können. | 
Bei der Lösung und dem Ausschälen der Adnexe in der 
Richtung von unten nach oben ist man oft überrascht, 
wie leicht auf diese Weise sich Adnextumoren ent¬ 
wickeln lassen, deren Ausschälung von oben her un¬ 
überwindliche Schwierigkeiten zu bereiten schien. Ge¬ 
lingt die Stielung der Adnextumoren, so bevorzugen wir 
bei der Totalexstirpation die]Methode von Mackenrodt 
mit Eröffnung des vorderen Scheidengewölbes. Nach 
Entfernung alles Krankhaften gilt es, die für eine gute 
Heilung günstigsten Bedingungen zu schaffen. Konnte 
konservativ vorgegangen werden, so genügt es bei we¬ 
nig lädiertem Beckenperitoneum und Fehlen sezernie- 


render Wundflächen, die Stümpfe, eventuell nach keil¬ 
förmiger Exzision der Tubenecke, zu peritonisieren. Ist 
aber das Peritoneum in grösserer Ausdehnung lädiert, 
lassen sich Defekte desselben nicht decken, oder bleiben 
sezernierende Wundflächen zurück, so suchen wir die 
infektionsverdächtigen Gebiete des kleinen Beckens von 
der übrigen Peritonealhöhle auszuschalten. Zu diesem 
Zwecke eröffnen wir den Douglas auf einer durch die 
Scheide eingeführten Kornzange und erweitern die Öff¬ 
nung mit dem Paquelin oder dem Messer bis ungefähr 
auf 2 Querfingerbreiten. Blutet es aus dem Scheiden¬ 
wundrande, worauf besonders in den seitlichen Wund¬ 
winkeln zu achten ist, so wird die Blutung durch Ver¬ 
nähen des Scheidenschleimhautrandes mit dem Perito¬ 
nealblatte gestillt. Durch die auf solche Weise 
geschaffene nicht zu enge Oeffnung werden 2—3 Gaze¬ 
streifen von der Bauchhöhle aus in die Scheide geleitet 
mit deren abdominalen Enden der Douglas leicht aus¬ 
tamponiert wird. Durch Fixierung des fundus uteri am 
Rektum oder Verlagerung der Flexur und Fixierung 
derselben am Fundus uteri und dem Peritoneum des 
Beckeneinganges vermittels fortlaufender Katgutnaht wird 
ein vollständiger Abschluss der Bauchhöhle von der 
Beckenhöhle angestrebt. 

Ist radikal operiert worden, so wird, nach Vereini¬ 
gung des Randes des Blasenperitoneums mit dem Wund¬ 
rande der vorderen Scheidenwand, sowie des Wund¬ 
randes der hinteren Scheidenwand mit dem hinteren 
Peritonealrande, das kleine Becken locker mit Gaze¬ 
streifen ausgefüllt, deren Enden zur Oeffnung in die 
Scheide hinausgeleitet werden, worauf über dem Tampon 
ein Abschluss der Beckenhöhle von der übrigen Bauch¬ 
höhle durch Vereinigung des Blasenperitoneums mit 
dem peritonealen Bezüge des Rektum durch fortlaufende 
Naht hergestellt wird. In den Fällen, in welchen die 
Verschieblichkeit dieser Organe beschränkt ist, oder in 
welchen die durch Tampons versorgte Wundhöhle be¬ 
trächtlich ist, werden zu der „Autoplastik“ die Flexur, 
Appendices epiploici oder das Netz benutzt. 

Wir suchen, mit anderen Worten, wenn irgend mög¬ 
lich, die Peritonealhöhle intakt und trocken zurückzu¬ 
lassen und das infektionsverdächtige Gebiet des Beckens 
auszuschalten, und können, wenn uns dieses gelingt, 
mit grosser Zuversicht darauf rechnen, wie es auch 
B u m m hervorhebt, dass die zufällig ins Peritoneum 
gelangten Keime durch die grosse bakterizide Kraft des 
Bauchfelles unschädlich gemacht werden. Nur in den 
Fällen, in welchen die Bauchhöhle durch beträchtlichen 
Erguss von Eiter in bedeutendem Masse verunreinigt 
worden war, oder in Fällen, wo am Peritoneum visze¬ 
rale schon Reizerscheinungen bemerkbar waren, haben 
wir auch in letzter Zeit von einem vollständigen Ab¬ 
schluss der Bauchhöhle Abstand genommen, d. h. die 
Bauchhöhle zur Scheide hin drainiert, aber auch in 
diesen Fällen die Flexur über den Tampon gelagert, 
dieselbe in einigen Fällen noch durch einige Knopf¬ 
nähte in der gewünschten Lage fixiert, um nach Mög- 
Jichkeit Dünndarmschlingen von der Adhäsionsbildung 
auszuschalten. Eine Tamponade resp. Drainage der 
Peritonealhöhle durch die Bauchwunde, halten wir nur 
dann für angezeigt, wenn die sezernierende oder vom 
Peritoneum unbedeckten Wundgebiete im Bereich der 
vorderen Bauchwand oder in der Excavatio vesico-uterina 
gelegen sind, mithin eine Drainage zur Scheide durch 
die anatomischen Verhältnisse unmöglich gemacht oder 
erschwert wird. 

Aus der in den Hauptzügen wiedergegebenen Ope¬ 
rationstechnik ist zu ersehen, dass wir bei Operatio¬ 
nen eitriger Prozesse wohl eine Drainage 
der inf ektions verd ächtigen Gebiete be¬ 
fürworten, eine Drainage der freien Bauch¬ 
höhle aber nach Möglichkeit zu umgehen 
suchen, indem wir durch Autoplastik das 


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82. St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JNTs 6. 1912. 


Operationsgebiet von der allgemeinen Pe¬ 
ritonealhöhle auszuschalten bestrebt sind. 
Zum Abschluss des Beckens gegen die Bauchhöhle hat 
sich uns das Heranziehen der Flexur sehr gut bewährt, 
und ersehe ich aus der Publikation von Schiff mann 
und Patek, dass dieses auf Bardenheuer zurück¬ 
zuführende Prinzip auch L a t z k o in modifizierter Weise 
ausgezeichnete Resultate geliefert hat. 

Dieser in den Hauptzügen skizzierten Technik der 
Wundversorgung schreiben wir auch die Resultate zu, 
welche wir mit der Laparotomie bei eitrigen Affektionen 
der Genitalsphäre erzielt haben. 


Von unseren 51 Fällen kam es in 45 zu Austritt von 
Eiter und Verunreinigung des Operationsgebietes mit 
demselben. In 13 dieser Fälle finden sich in den Kran¬ 
kengeschichten Angaben, dass es sich um stinkenden 
oder äusserst übelriechenden Eiter gehandelt hat. 

Von den radikal operierten Fällen (39) sind alle, mit 
Ausnahme derjenigen, in welchen der Uterus suprava¬ 
ginal amputiert wurde, zur Scheide hin drainiert worden 
und zwar 24 mit vollständigem Abschluss der Bauch¬ 
höhle durch Autoplastik, 9 ohne Bildung eines solchen 
Schutzdaches, doch gehören hierher eine Anzahl Fälle, 
welche zu einer Zeit operiert wurden, in welcher das 
Prinzip des Abschlusses der Bauchhöhle noch nicht 
Methode der Wahl geworden war. In 2 Fällen neueren 
Datums ist ferner aus Gründen, welche ich schon oben 
angeführt habe, ausser der Scheidendrainage auch eine 
Tamponade durch die Bauchwunde vorgenommen 
worden. 

Von den konservativ behandelten Fällen (12) sind 
2 mit Drainage durch das hintere Scheidengewölbe und 
Abschluss der Bauchhöhle versorgt worden. In 1 Falle 
wurde zur Scheide und zu der Bauchwunde heraus 
drainiert. In 1 Falle wurde wegen bedeutender paren¬ 
chymatöser Blutung aus dem beträchtlichen Wundbette 
durch die Bauchwunde tamponiert. Genannter Fall ist 
1901 operiert worden; nach den in der Krankenge¬ 
schichte enthaltenen Notizen zu urteilen, würden wir in 
einem solchen Falle auch heutzutage noch tamponieren, | 
aber nicht durch die Bauchwunde, sondern die Gaze- 1 
streifen durch das hintere Scheidengewölbe in die Vagina 
leiten. j 

Von den 51 Patienten haben wir nur eine verloren, j 

Es handelte sich in diesem Falle um eine 41-jährige Wittwe M. S., 
welche am 16. VIII 04 aufgenommen wurde. Ihren Angaben nach I 
erkrankte sie am 6. VIII mit Frösteln und Fieber und bemerkte in j 
der rechten Seite des Unterleibes einen Tumor, welcher sich langsam I 
zu vergrössern schien. Seit der Erkrankung massiger Bluiabgang, 1 
massige Schmerzen, Stuhl meist angehalten. Die Temperaturen sollen | 
zwischen 37,3 und 39,6 geschwankt haben. Die Frau war gut ge- i 
nährt, aber anämisch. Herz- und Lungenbefund normal. Bei Palpa- | 
tion des Leibes fühlt man rechts unterhalb des Nabels einen nach 
oben scharf begrenzten prallelastischen Tumor, während nach links i 
hin eine mehr diffuse Resistenz vorhanden ist. Bei bimanueller 
Untersuchung fühlt man über der Symphyse, dem fundus titeri ent- j 
sprechend, mehrere derbe Knollen, desgleichen im korpus uteri 1 
rechts und hinten etwa in der Höhe des inneren Muttermundes 
einige Knoten. Mit dem Uterus in inniger Verbindung stehend, 
befindet sich über dem kleinen Becken rechts ein etwa klein kinds¬ 
kopfgrosser prallelastischer Tumor, welcher unbeweglich ist und die 
Bauchwand vorwölbt. Die Empfindlichkeit des Tumors ist keine 
bedeutende. Die linken Adnexe sind vergrössert und von Infiltra¬ 
tionen umgeben; zur Bauchhöhle hin scheinen zahlreiche Verkle¬ 
bungen der Adnexe mit Netz und Därmen zu bestehen. 

Urin dunkel gefärbt, enthält in geringen Mengen Albumen. 
Temperatur 38,5. Puls 100. In den darauffolgenden Tagen schwankten 
die Abendtemperaturen zwischen 39,1 und 38,2, die Morgentempe¬ 
raturen zeigten Remissionen bei 37,6°. Pat. fühlte sich dabei nicht 
schlecht, klagte nicht über starke Schmerzen und verlor auch nur 
geringe Blutmengen. Objektiv Hess sich eine allmähliche aber ste- | 
tige Zunahme der Dimensionen der rechten Geschwulst feststellen. 

Am 4. Tage nach der Aufnahme stand die obere Grenze derselben 
auf Nabelhöhe, und konnte dem oberen Pole derselben entsprechend, i 
deutliche Fluktuation nachgewiesen werden. Es wurde an dieser 
Stelle mit einer Pravatzschen Nadel eine Punktion ausgeführt, wobei 
200—250 Kern, serösblutiger Flüssigkeit entleert wurden. Die Dia¬ 
gnose war jetzt klar: es handelte sich um einen myomatösen Uterus 


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und entzündliche Vorgänge in den Adnexen, welche zu einer abge¬ 
sackten Pelviperitonitis geführt hatten. 

In den auf die Punktion folgenden 4 Tagen änderte sich im 
Befinden des Pat. wenig, Die Abendtemperaturen schwankten 
zwischen 38,1 und 38,5, die Morgentemperaturen zwischen 37 und 
37.2°. Das Exsudat nahm dabei stetig zu und breitete sich auch 
nach links hin aus. Am Nachmittage des 5. Tages nach der Punk¬ 
tion stellten sich ziemlich plötzlch unter Schüttelfrost und Erbrechen 
starke Schmerzen im Leibe ein, die Temperatur stieg auf 39,5°, der 
Puls wurde klein 120 Schläge in der Minute. Die Prominenz des 
Leibes, welche am Morgen noch in der rechten Unterbauchgegend 
bestanden hatte, verschwand und in den abhängigen Partien des 
Abdomens konnte Flüssigkeitsansammlung nachgewiesen werden. 
Nach diesem Befunde war an der Diagnose einer allgemeinen Peri¬ 
tonitis infolge von Perforation des abgesackten Exsudates nicht zu 
zweifeln, und wurde noch am Abend desselben Tages die Laparo¬ 
tomie ausgeführt. 

Nach Eröffnung der Bauchhöhle in der linea alba strömten reich¬ 
liche Mengen sero-purulenter Flüssigkeit aus derselben. Die Därme 
sind mit den Beckenorganen innig verbacken und wurden teils 
stumpf, teils mit dem Paquelin gelöst. Es präsentierte sich darauf 
ein der Tube und dem Ovarium angehörender Tumor von klein 
Kindskopfgrösse 

Am oberen Pol der Geschwulst befand sich eine Perforations- 
Öffnung, aus welcher massenhaft dünnflüssiger, geruchloser Elter 
quoll. Mit Mühe wurde die Geschwulst aus den Adhäsionen befreit 
und, nach Unterbindung des Lig. latum, abgetragen. Nunmehr wird 
der von multiplen Myomen durchsetzte Uterus sichtbar. Die linken 
| Adnexe erwiesen sich endzündlich verändert und mit der Umgebung 
I aufs innigste verbacken. Typische Extirpation nach Faure- 
Kelly. Da der Zustand der Pat. sich während der Operation zu¬ 
sehends verschlechterte, wurden die linken Adnexe nicht vollständig 
entfernt und die Operation in beschleunigtem Tempo beendet. Durch- 
spühlung der Bauchhöhle mit einer Borsäurelösung. Drainage der 
Bauchhöhle mit Marly streifen sowohl durch die Baucnwunde als auch 
zur Scheide hin. Schluss der Bauchwunde bis auf die Drainage- 
i Öffnungen. 

, Erst nach mehreren Stunden schwinden die Kollapserscheinungen 

welche sich nach der Operation in besorgniserregender Weise ein¬ 
gestellt hatten, Pat. kam zu sich und fühlte sich gegen Morgen we¬ 
sentlich erleichtert. Der Puls blieb aber filiform und die Tempe- 
1 ratur erhob sich über 40°. 

1 Am Nachmittage des 25. VIII stellte sich wieder Erbrechen ein, 

: Pat. verfiel in einen besinnungslosen Zustand und um 9 Uhr Abends 

! erfolgte der Exitus unter den Anzeichen zunehmender Herzschwäche 
1 infolge von Intoxikation. Eine Sektion wurde nicht ausgeführt. 

Wie aus der in kürze angeführten Krankengeschichte 
ersichtlich ist, wurde der Eingriff bei schon bestehender 
allgemeiner Peritonitis ausgeführt. Der Fall rubriziert 
eigentlich gar nicht in die Reihe der Fälle, welche unse¬ 
rer heutigen Betrachtung unterliegen. Eine Laparotomie, 
welche bei schon bestehender Allgemeininfektion der 
Bauchhöle ausgeführt wird, muss, was die Lebenssicher¬ 
heit des Eingriffes betrifft, selbstredend ganz anders be¬ 
wertet werden, als ein bei noch intaktem Peritoneum 
ausgeführter Leibschnitt. Ich habe dessenungeachtet 
diesen Fall hier erwähnt, teils um die Serie unserer 
Fälle nicht lückenhaft erscheinen zu lassen, teils um zu 
zeigen, dass in gewissen Fällen der in Höhlen einge¬ 
schlossene Eiter doch noch hochvirulente Eigenschaften 
besitzen kann. 

Bei eitrigen Affektionen der inneren 
Geschlechtsorgane ohne A1 lgemeini nfek- 
tion der Bauchhöhle hat die Laparotomie 
uns in 50 Fällen 0% Mortalität ergeben. 

Eröffnet wurde der Bauchhöle in 35 Fällen durch 
einen Schnitt in der linea alba, in 15 Fällen durch den 
Faszienquerschnitt nach Pfannenstiel. Hier muss 
ich bemerken, dass wir den Faszienquerschnitt bei eitri¬ 
gen Prozessen erst seit 1907 anwenden, denselben aber 
seitdem, wenn nicht zu voluminöse Tumoren entfernt 
werden sollen, bevorzugen. Von 26 seit 1907 ausgeführ¬ 
ten diesbezüglichen Operationen sind 15 durch den Faszien¬ 
querschnitt in Angriff genommen worden. Wohl glauben 
auch wir bemerkt zu haben, dass bei eitrigen Prozessen 
nach dem Pfannenstielschen Schnitt etwas häufiger 
Bauchdeckenabszesse auftreten als nach dem Schnitt in der 
linea alba, doch können auch wir andererseits das defi¬ 
nitive Heilungsresultat nach Vereiterung der Bauchwunde 
für den Faszienquerschnitt als ein günstigeres bezeich¬ 
nen als für den Schnitt in der linea albu, indem, trotz 
ausgedehnter Eiterung nach ersterem weniger häufig 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JVe 6. 


83. 


1912. 


Hernien aufzutreten scheinen als nach letzterem. Die ' 
etwas längere Heilungsdauer eines vereiterten Faszien- j 
querschnittes glauben wir getrost der Patientin zumuten 
zu dürfen, wenn wir ihr damit zugleich eine grössere Ge- I 
währ für das Ausbleiben einesBauchbruches leisten können, j 

Die Grösse der vereiterten Neoplasmen der inneren | 
Genitalien, welche durch die Operation entfernt wurden, 
schwankte zwischen der Grösse eines Apfels und der- | 
jenigen des Kopfes eines Mannes. Die Grösse der ent- | 
fernten Konglomerattumoren in Folge entzündlicher Vor¬ 
gänge in den Adnexen schwankte zwischen derjenigen 
eines Hühnereies und eines Kinderkopfes. 

Verwachsungen mit der Umgebung beziehungsweise 
mit dem Netz und den Därmen waren in allen Fällen 
vorhanden. Es liegt in der Natur der Sache, dass solche 
Verwachsungen bei den Neoplasmen, wenn sie auch 
zahlreich und auf weite Flächen sich erstreckend ange¬ 
troffen wurden, doch in der Regel verhältnismässig leicht 
gelöst werden konnten. Nur in einem Falle von ver¬ 
eiterter Ovarialzyste waren die Verwachsungen mit dem 
Darm so innige, dass bet den Lösungsversuchen die 
Darmwand bis auf die Mukosa verletzt wurde und der 
Defekt Darmnähte erforderte. In einem Falle von ver¬ 
eiterter, seit einem Jahre Beschwerden machender Der¬ 
moidzyste erwies sich die Wand des Rektum zum Teil 
arrodiert und so bedeutend infiltriert, dass die Resektion 
eines za. 20 Kop. grossen Stückes der Darmwand aus¬ 
geführt werden musste. Dreimal fanden wir neben dem 
vereiterten Neoplasma so bedeutende Veränderungen im 
Appendex, dass eine Appendektomie unerlässlich erschien. 

Auch in den Fällen von eitrigen Adnexerkrankungen, 
welche konservativ operiert wurden, waren die Verwach¬ 
sungen nicht sehr fest und ausgedehnt. Zu Verletzun¬ 
gen der Nachbarorgane bei Lösung der Adhaesionen 
kam es in dieser Gruppe von Fällen nicht. Eine Appen¬ 
dektomie wurde nur einmal ausgeführt. 

Im Gegensatz hierzu hatten wir es in den Fällen von 
vereiterten Adnexerkrankungen, welche radikal operiert 
wurden fast durchweg mit schweren Verwachsungen und 
mit Schwartenbildung zu tun. Die Konglomerattumoren 
waren häufig nicht nur flächenhaft mit dem Beckenperi¬ 
toneum, dem Uterus und dem Rektum sondern auch 
mit der Flexur (3 Fälle), dem Zoekum (1 Fall) und der 
Blase (2 Fälle) höchst wiederstandsfähige Verwachsun¬ 
gen eingegangen. In 3 Fällen bestand eine Fistel 
zwischen dem Eitersack und dem Lumen des Rektums. 
Die fast durchweg angetroffenen Verklebungen mit Teilen 
des Netzes oder mit den Dünndarmschlingen waren 
meist leichter zu überwinden. 

Von unfreiwilligen Verletzungen der Nachbarorgane 
haben wir in dieser Gruppe von Fällen eine Blasenver¬ 
letzung und eine nicht penetrierende Darmverletzung zu 
verzeichnen. 

In einem Falle musste der Appendex und ein Teil j 
des Zoekum, wegen der starken Veränderungen, welche | 
diese mit dem Eitersacke verwachsenen Organe aufwie¬ 
sen, reseziert werden. Die Rektumfisteln wurden nach 
Resektion der infiltrierten Partien der Darmwand in der 
Umgebung der Fistel durch Naht geschlossen, und heil¬ 
ten alle anstandslos. Veränderungen des Appendex 
machten in dieser Gruppe von Fällen viermal die Ent¬ 
fernung desselben notwendig. ! 

Der postoperative Verlauf der in Rede stehenden . 
Fälle wies, verglichen mit denjenigen, welchen wir im | 
allgemeinen nach Laparotomien zu sehen gewohnt sind, 
wesentliche Abweichungen auf. In 29 Fällen war der 
postoperative Verlauf ein fieberhafter und in 26% der 
Fälle kam es zu Störungen in der Heilung der Bauch¬ 
wunde. (11 grössere und kleinere Bauchdeckenabszesse, 

2 Fettnekrosen, 1 Stichkanaleiterung). Von den Fällen 
mit fieberhaftem Verlauf entfallen auf die Neoplasmen 7 
(58,3%) auf die Adnexerkrankungen 22 (79,2%). Ein 
Teil der Temperaturerhöhungen lässt sich in der unge- j 


zwungensten Weise durch die gestörte Heilung der 
Bauchwunde erklären, in einer ganzen Reihe von Fällen 
ist aber eine solche Deutung der Temperaturen eine 
unzulängliche. So beobachteten wir in der Gruppe der 
Neoplasmen nur 2 mal Bauchdeckenabszesse, von 
welchen einer nur von subfebrilen Temperaturer¬ 
höhungen begleitet war. Es muss mithin in 6 Fällen 
dieser Gruppe die erhöhte Temperatur auf andere Ur¬ 
sachen zurückgeführt werden. Desgleichen finden wir in 
der Gruppe der entzündlichen Adnexerkrankungen nur 
11 Bauchdeckenabszesse verzeichnet. Von letzterem hat 
der Fall von Stichkanaleiterung nur subfebrile Tempe¬ 
raturen aufgewiesen. In dieser Gruppe hat demnach die 
Temperaturerhöhung in 12 Fällen nichts mit einer 
Bauchdeckeneiterung zu tun. Forschen wir nun nach 
den Ursachen der Temperaturerhöhung in diesen Fällen, 
so finden wir in den Krankengeschichten nur ausnahms¬ 
weise eine genügende Erklärung in Erkrankungen der 
Atmungsorgane, oder wie in einem Falle in einer Throm¬ 
bose der linken vena saphena, kompliziert mit einer 
Pyelitis in Anschluss an eine am 11. Tage nach der 
Operation entstandene linksseitige Ureterfistel. 

In der Mehrzahl besagter Fälle finden wir Tempera¬ 
turerhöhungen nicht bedingt durch interkurrente Krank¬ 
heiten, sondern durch Stumpfexsudate oder Infiltrationen 
im Bereich des vaginalen Wundtrichters. In der Gruppe 
der Neoplasmen finden sich 5 derartige Fälle (1 konser¬ 
vativ und 4 radikal behandelte), in derjenigen der entzünd-* 
liehen Konglomerattumoren 11 Fälle (1 konservativ und 
10 radikal behandelte). 

Aus dem gesagten ist ersichtlich, dass wir es in ei¬ 
ner ganzen Reihe von Fällen mit entzündlichen Vor¬ 
gängen zu tun hatten, welche sich im Bereich der 
Operationsstümpfe abspielten. Bemerkenswert ist nun 
die Tatsache, dass der postoperative Verlauf in den 
konservativ oder nicht vollständig radikal operierten 
Fällen am bedeutendsten durch Auftreten von Stumpf¬ 
exsudaten beeinflusst wurde. Im allgemeinen haben wir 
allerdings unter den konservativ operierten Fällen we¬ 
niger häufig die Bildung von Exsudaten zu verzeich¬ 
nen gehabt, doch wenn sie auftraten, so waren sie trotz 
vollständiger Ruhelage einer resorbierenden Behandlung 
verhältnismässig schwer zugänglich. So haben wir 
z. B. eine dieser Patientinnen nach langem Krankenlager 
wegen immer wieder auftretender Exazerbationen des 
entzündlichen Prozesses fast ein Jahr lang ambulatorisch 
behandeln und endlich zur wieder nötig gewordenen 
stationären Behandlung in die Abteilung aufnehmen 
müssen. Am unangenehmsten haben sich die Stumpf¬ 
exsudate in den wenigen Fällen von supravaginaler 
Amputation des Uterus erwiesen. In einem dieser 
Fälle musste der Eiterherd, welcher sich im Be¬ 
reich des Amputationsstumpfes gebildet hatte, durch 
vordere Kolpotomie am 19. Tage nach der Operation in 
Angriff genommen werden. 

Unter den radikal operierten Fällen haben wir ver- 
hältnismäsig häufiger Infiltrationsbildung, hauptsächlich 
im Bereich des vaginalen Wundtrichters, zu beobachten 
Gelegenheit gehabt. In der Mehrzahl dieser Fälle ver¬ 
ursachten die in der Umgebung des Wundtrichters sich 
abspielenden reaktiven Vorgänge ausser vorübergehen¬ 
den Schmerzen und nicht lange andauernden Temperatur¬ 
erhöhungen wenig Beschwerden. Die Patientinnen konnten 
bald das Bett verlassen, und bei der Entlassung der 
Kranken wurde stets eine bedeutende Abnahme oder 
ein völliger Schwund der Infiltrationen konstatiert. Nur 
zweimal hatten wir es mit in Vereiterung überge¬ 
henden Stumpfexudaten zu tun. In einem Falle kam es 
nach längerem fieberhaften Verlaufe zum Durchbruch 
des Eiters in der Bauchnarbe; während der andere Fall 
durch Inzision in der Leistengegehd geheilt wurde. Das 
Auftreten von Infiltrationen im Bereiche des Wundtrich¬ 
ters nach der Radikaloperation mag zum Teil eine Er- 



Qriginal fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 



84. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 6. 


1912. 


klärung in der Wundversorgung finden. Um die das i 
Becken ausfüllenden Tampons, welche unter allmählicher 
Verkürzung erst am 7—10 Tage vollständig entfernt ! 
werden, findet eine reaktive Entzündung statt, es bildet \ 
sich ein Wall, welcher das durch die Autoplastik herge- | 
stellte Schutzdach verstärken hilft. In einer Reihe der 
Fälle handelt es sich dagegen offenbar um entzündliche j 
Vorgänge infolge von Infektion durch während der 
Operation freigewordene Keime. Es scheint aber auch 
in letzteren Fällen nach Entfernung der Tampons dank 
dem freien Abfluss und der weiten Kommunikation mit 
der Scheide ein viel schnelleres und vollständigeres ! 
Schwinden der Infiltrationen zu erfolgen, als es in den l 
konservativ behandelten Fällen beobachtet wird. Die i 
Mehrzahl genannter Infiltrationen nach einer Radikal- j 
Operation, trägt nicht den Charakter einer ernsteren 
Komplikation. Häufig genug habeH sich die Patientinnen 
trotz nachweisbarer Infiltrationen ausser Bett befunden, i 
ohne dass Teinperaturerhebungen oder Schmerzen zur ' 
Vorsicht gemahnt hätten oder eine Verzögerung in der j 
Resorption nachweisbar gewesen wäre. ! 

In bezug auf die Entstehung genannter postopera¬ 
tiver Entzündungszustände, schien es mir von einigem 
Interesse zu sein, nachzuforschen, ob nicht der Krank¬ 
heitsverlauf resp. die Temperaturverhältnisse vor der Ope¬ 
ration gewisse Anhaltspunkte boten. Zu diesem Zwecke | 
habe ich unsere Fälle entsprechend den Temperaturver¬ 
hältnissen, welche sie vor und nach der Operation aufwie- i 
sen, in der nachfolgenden Tabelle II zusammengestlelt. 


Tabelle II. 
Vereiterte Neoplasmen. 


Temperaturen vor der 
Operation. 

Temperaturen nach der 
Operation. 

sub¬ 

febril. 

38--39°|39-40° 

1 

läng. 

Fieber. 

a) konservativ operierte. 



! ! . 

1 


subfebril. 

; 1 

1*) 

— 


38 390 . 

1 

1 

! - - 

— 

39—40°. 

1 

... 

- 

1 

b) radikal operierte. 



i 


normal. 

5 

1 

II + l - 

1 

subfebril. 

1 

— 

_ 1 

_ 

38—39°. 

1 

1 

1 — — 


39—40«. 



1 — 


längeres Fieber. 

1 1 

1 

, ~ i “ 



Eiteransammlungen in den Adnexen. 


Temperaturen vor der 
Operation. 

Temperaturen nach der 
Operation. 

fewi |»^^raS£ r 

a) konservativ operierte. 


! 

I 

normal. . 

4 

3+1 1 

_ ] 

subfebril. 

5 

2 I 

l+I 

b) radikal operierte. 



i 

normal. 

11 

4 2+1 

I 2 + 1 

subfebril. 

11 

4 ! 3+1 

-- | 2+1 . 

38 —39°. 

2 


— 1 1+1 

39—40°. 

3 

2 . - ! 

'1 - 

längeres Fieber. 

2 

1 . 1 

II 


Die Fälle mit nicht primärer Heilung der Bauchwunde sind mit 
lateinischen Zahlen bezeichnet. 


Wie aus den Tabellen zu ersehen ist, sind die mei¬ 
sten Infiltrate aufgetreten in Fällen, in welchen vor der 
Operation eine normale oder eine subfebrile Temperatur 
bestanden hatte, gleichviel ob es sich um Neoplasmen 
oder um entzündliche Adnexerkrankungen handelte. In 
den Fällen, welche vor der Operation temperiert waren, 
ist ein merklicher Unterschied im postoperativen Ver¬ 
lauf zu verzeichnen, je nachdem, ob es sich um ein 
Neoplasma oder eine entzündliche Adnexerkrankuog 
handelte. In der Gruppe der ersteren zeigten alle radikal 
operierten Fälle einen glatten Verlauf ohne Bildung von 
Stumpfexsudaten oder von Infiltrationen. In der Gruppe 
der fiebernden Adnexerkrankungen dagegen finden wir 
neben 3 Bauchdeckenabszessen Infiltrationen in allen 
Fällen notiert. 

Sichere Anhaltspunkte, welche die Ent¬ 
stehung postoperativer Entzündungen er¬ 
klären könnten, liefern die Temperaturver¬ 
hältnisse vor der Operation demnach nicht. 
Auch unsere Fälle bestätigen die Tatsache, dass ein 
Sinken der Temperatur zur Norm bei entzündlichen Vor¬ 
gängen ijn Bereich der inneren weiblichen Geschlechtsor¬ 
gane noch nicht als Beweis eines Verschwindens oder eines 
Unschädlichseins der Entzündungserreger aufzufassen ist. 

Der bei der Operation angetroffene „Saft“ ist nicht 
immer „unschädlich“, dafür sprechen unter anderen auch 
unsere Operationsresultate. Diese Tatsache erhellt auch 
aus den Tabellen Küstners, welche allerdings gerade 
das Gegenteil beweisen wollen. Durchmustert man 
nämlich bewusste Tabellen aufmerksam, so fällt auf, 
dass selbst in der Periode der verschärften anti¬ 
bakteriellen Prophylaxe mit sterilisierten Gummiüberzü¬ 
gen (1901/2—1903/4), die Mehrzahl der Fälle, in 
welchen die Untersuchung des Eiters während der Opera¬ 
tion einen negativen Befund ergab, auch einen glatten 
Verlauf nach der Operation aufwiesen. (5 Fälle mit 
glattem Verlauf und nur 1 Fall mit mehrmaligen Tempera¬ 
turen bis 38 und 38,5° bei sonst glattem Verlauf.). Im 
Gegensatz hierzu wiesen die Fälle (10), in welchen der 
Keimbefund ein stark oder schwach positiver gewesen 
war, in der Mehrzahl Temperaturerhöhungen bis 38 und 
darüber auf. In 2 Fällen dieser Gruppe kam es zu 
Stichkanaleiterungen, in einem Falle zu einem Bauch¬ 
deckenabszess; 1 Fall starb an septischer Peritonitis, 
und nur in 2 rep. 3 dieser Fälle findet sich ein glatter 
Verlauf verzeichnet. Wohl kann ein Eiter, welcher die 
mikroskopischen Charaktere der Gefährlichkeit trug, sich 
im weiteren Verlaufe als harmloser Saft erweisen, wie 
K ü s t n e r anführt, — nämlich dann, meine ich, wenn das 
Peritoneum dieselben unschädlich macht. Diese Fähig¬ 
keit kann das Peritoneum nur unter gewissen Bedin¬ 
gungen entfalten. Für die Ansicht Bum ms, dass die 
Peritonealhöhle in der Mehrzahl der Fälle selbst mit 
Streptokokken fertig wird, wenn es gelingt, gefährliche 
Peritonealbezirke auszuschalten, scheinen mir auch die 
von uns erzielten Resultate zu sprechen. 

Diese Erwägung und der überaus günstige Verlauf 
der Infiltrationen und Stumpfexsudate nach den radikalen 
Eingriffen hat uns auch veranlasst, bei eitrigen Prozessen 
immer mehr und mehr radikal vorzugehen und konser¬ 
vativ nur dann zu operieren, wenn sowohl die anam- 
nestischen Angaben als auch der Inspektionsbefund eine 
lange Dauer der Erkrankung und einen möglichst iso¬ 
lierten Sitz derselben annehmen Hessen, sowie, wenn 
nach Entfernung alles Krankhaften die Wundverhältnisse 
unkompliziert waren. Bei doppelseitiger Affektion hal¬ 
ten wir das Zurücklassen des Uterus resp. die suprava¬ 
ginale Amputation desselben nicht für ein empfehlens¬ 
wertes Verfahren, denn durch dasselbe wird die 
Kranke nicht sicher vor einem weiteren Siechtum ge¬ 
schützt. 

Im allgemeinen huldigen wir bei der Behandlung 
entzündlicher Affektionen der Adnexe einem möglichst 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 6. 


85. 


1912. 

konservativen Prinzip und entsdiliessen uns nur im Not- 
falle zur Operation; wenn wir aber operieren, so operie¬ 
ren wir, besonders bei eitrigen Affektionen, möglichst 
radikal. Bei so eng gestellten Indikationsgrenzen zur 
Operation handelt es sich in den Fällen, welche operiert 
werden, um Eingriffe, durch welche einem langen Siech¬ 
tum ein Ende bereitet, der Frau die Arbeitsfähigkeit 
wiedergegeben und der Familie die sorgende Hand der 
Mutter erhalten werden soll. Wollen wir diese Bedin¬ 
gungen erfüllen, so ist es nach unseren Erfahrungen, 
welche sich vollständig mit denjenigen Schautas, 
Latz kos u. A. decken, nur in Ausnahmefällen ratsam, 
allein des Prinzipes wegen konservativ vorzugehen. 
Die Ausfallserscheinungen welche nach der Radikal- 
Operation nicht auszubleiben pflegen, nimmt jede 
sorgende Mutter mit in den Kauf, wenn sie nur durch 
die Operation wieder arbeitsfähig und erwerbskräftig 
geworden ist, Ich habe ausserdem den Eindruck, dass 
nach einer Radikaloperation wegen eitriger Entzündungs¬ 
prozesse in den Adnexen, besonders wenn sie doppel¬ 
seitig aufgetreten waren, die Ausfallserscheinungen weni¬ 
ger stürmischer Natur sind, und dass ein Ausgleich 
schneller erfolgt als in den Fällen, in welchen es sich 
um die Entfernung in ihrem Wesen weniger veränderter 
Keimdrüsen gehandelt hat. AuchThaler und Schiff¬ 
mann heben hervor, dass die Ausfallssymptome nur in 
wenigen Fällen eine das Dauerresultat wesentlich trü¬ 
bende Höhe zu erreichen pflegen. 

Damit wären wir bei einem wesentlichen Punkt in 
der Beurteilung der Erfolge einer Operation angelangt, 
nämlich bei den Dauerresultaten. 

UnteT den 50 Patienten haben wir von 31 Nachrich¬ 
ten über ihr späteres Befinden, und zwar liegen vor: 
von 3 Kranken mündliche Aussagen, von 27 Frauen 
Untersuchungsbefunde von den behandelnden Aerz- 
ten resp. Anstaltskollegen. Der Zeitraum, welcher 
zwischen der Operation und der Nachuntersuchung ver¬ 
flossen war, war in den einzelnen Fällen ein sehr ver¬ 
schiedener und schwankte zwischen l U Jahr und 10 
Jahren. 

Auf die Gruppe der vereiterten Neoplasmen kommen 
7 nachuntersuchte Fälle, von welchen einer konservativ 
und 6 radikal operiert worden waren. In dem konser¬ 
vativ behandelten Falle hatten es sich um eine vereiterte 
Ovarialzyste gehandelt. 10 Monate nach der Operation 
stellte sich Patientin vor; sie fühlte sich wohl und konnte 
bei der Untersuchung eine dem 3. Monat entsprechende 
Schwangerschaft konstatiert werden. Ueber das weitere 
Befinden der Patientin sowie über die Geburt fehlen die 
Angaben. 

Die 6 radikal operierten Frauen fühlten sich alle 
wohl und waren arbeitsfähig. 3 Frauen klagten über 
massige Ausfallserscheinungen, 2 Frauen über schwache. 
In einem der letzten Fälle waren kaum 3 Monate nach 
der Operation vergangen und dennoch gab die 32-jährige 
Frau an, dass die Ausfallsymtome in schneller Ahnahme 
begriffen seien. Eine Patientin, welcher der Uterus 
ziemlich hoch amputiert worden war, nach doppelseitiger 
Exstirpation der Adnexe, gab an, dass sie regelmässig 
menstruiere aber trotzdem an Ausfallserscheinungen, wenn 
auch geringen Grades, leide. 

Aus der Gruppe der vereiterten Adnexaffektionen lie¬ 
gen von den konservativ behandelten Fällen 2 münd¬ 
liche Mitteilungen vor. Nach denselben sind die Frauen 
vollständig arbeitsfähig. Von den 4 nachuntersuchten 
Fällen litt eine Patientin, trotz guten lokalen Befundes 
an verschiedenartigen Beschwerden, höchstwahrscheinlich 
nervöser Natur, welche ihr Befinden nicht unwesentlich 
beeinträchtigten. In einem Falle konnten, obgleich 9 
Monate nach der Operation vergangen waren, noch 
Reste von Infiltrationen nachgewiesen werden, welche 
aber die Arbeitsfähigkeit der Patientin nicht verminderten. 
Eine Patientin, bei welcher eine doppelseitige Salpingo- 


ophorektomie ausgeführt worden war, klagte über nicht 
unbedeutende Ausfallssymptome bei sonst gutem Allge¬ 
meinbefinden. Eine Patientin dieser Gruppe, welche 
nach langem fieberhaften Verlauf mit bedeutenden Infil¬ 
trationen entlassen worden war, musste kaum nach 
Jahresfrist wieder in die Anstalt aufgenommen werden, 
weil ihr Zustand ein noch schlimmerer wie vor der 
Operation geworden war. Nach längerem Anstaltsauf¬ 
enthalt verliess sie das Krankenhaus in wenig gebesser¬ 
tem Zustande und ist seitdem verschollen. 

Von den radikal operierten Fällen dieser Gruppe 
liegen von einem mündliche Mitteilungen, von 17 
Untersuchungsbefunde vor. Alle Frauen haben durch 
die Operation ihre Arbeitsfähigkeit wiedererlangt und 
fühlen sich wohl. Bei 4 Fällen ist ausdrücklich ver¬ 
merkt, dass die Frauen blühend aussahen. 4 Patienti¬ 
nen hatten nicht mehr an Ausfallserscheinungen zu lei¬ 
den, nachden 2, 3, 4 und 10 Jahre nach der Operation 
verflossen waren. Bei einer anderen Patientin fingen 
die Ausfallserscheinungen schon 2 Monate nach der 
Operation an abzunehmen. 3 Patientinnen hatten nach 
der Operation überhaupt nur schwache Ausfallserschei¬ 
nungen. 4 Frauen dagegen gaben an, dass die Aus¬ 
fallsymptome sie stark belästigen. Bei 5 Patientinnen 
wird in den Notizen der Ausfallserscheinungen nicht 
Erwähnung getan, woraus geschlossen werden kann, 
dass dieselben jedenfalls nicht ernsterer Natur gewesen 
sind. 

Bei 3 Frauen sind bei der Nachuntersuchung Her¬ 
nien konstatiert worden. In einem dieser Fälle wurde 
die Hernie wegen der Beschwerden, welche sie verur¬ 
sachte, operiert, doch erfolgte schon bald ein Rezidiv. 
In einem anderen Falle handelte es sich um eine kleine 
Hernie, welche der Frau nur wenig Beschwerden berei¬ 
tete, weshalb sie auf eine Operation auch nicht einging. 
In diesen beiden Fällen war die Bauchwunde nach der 
Operation nicht per primam geheilt. Die 3. Hernie 
wurde bei einer Patientin konstatiert, bei welcher die 
Bauchwunde per primam verheilte. Es handelte sich 
hier um die Frau, welche nach der Operation eine 
schwere Thrombose und eine Pyelonephritis durchge¬ 
macht hatte, und welche erst nach einer Nierenexstirpa¬ 
tion wieder auf die Beine gebracht werden konnte. Es 
war eine Freude, diese Frau anzusehen, so blühend sah 
sie aus. Eine Patientin dieser Gruppe endlich hat das 
Zeitliche gesegnet. Der Frau war wegen schwerer 
doppelseitiger Pyosalpinx und Rektumfistel die Total- 
extirpation ausgeführt worden: sie befand sich Jahre¬ 
lang unter der Kontrolle des behandelnden Kollegen und 
fühlte sich ausgezeichnet. 6V2 Jahre nach der Operation 
konstatierte der Kollege an der Beckenwand eine empfind¬ 
liche Infiltrationszone, welche bald an Dimensionen Zu¬ 
nahmen, sodass eine maligne Provenienz des Leidens 
höchst wahrscheinlich wurde. Patientin verzog darauf 
ins Ausland, soll, wie die Angehörigen mitteilen, dort 
operiert und gestorben sein. 

Somit hätten wir unter unseren radikal operierten 
Fällen keinen Fall von Misserfolg zu verzeichnen, denn 
die Entwickelung eines malignen Tumors 6V2 Jahre 
nach der Operation kann letzterer wohl kaum zur Last 
gelegt werden. Allerdings haben wir unter unseren 
Fällen 3 Hernien zu notieren — ein Uebelstand, welchem 
wir durch breitere Anwendung des Pfannenstil- 
schen Schnittes einzuschränken bestrebt sein werden. 
Unter den konservativ operierten Fällen haben wir einen 
vollständigen und einen halben Misserfolg, dafür aber 
auch eine dank dem konservativen Prinzip ermöglichte 
Schwangerschaft zu notieren gehabt. Die Zahl der hier 
in Betracht kommenden Fälle ist entschieden zu klein, 
um aus derselben irgend welche Schlüsse zu ziehen, 
doch decken sich diese nach den konservativen Operationen 
erzielten, weniger günstigen Dauererfolge vollständig 
mit denjenigen, welche uns das konservative Prinzip an 


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86 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 6. 


einer grösseren Reihe von Fällen bei operativer Behand¬ 
lung entzündlicher Adnexaffektionen im allgemeinen er¬ 
geben hat. 

Auf Grund unserer Primär- und Dauerresultate komme 
ich daher zu folgenden Schlüssen: 

1. Die Laparotomie ist auch bei schweren eitrigen 

Prozessen im Bereiche der inneren weiblichen Ge¬ 
schlechtsorgane ein leistungsfähiges Verfahren, welches 
eine grosse Lebenssicherheit gewährleistet, wenn neben 
der Asepsis auch auf eine geeignete Gestaltung der I 
Wundverhältnisse geachtet wird. j 

2. Bei Verunreinigung des Operationsfeldes . durch , 
Eiter ist eine Drainage der ganzen Bauchhöhle über- | 
flüssig. Ein vollständiger Abschluss der Peritonealhöhle i 
durch Autoplastik bei gleichzeitiger Drainage des 
Beckens zur Scheide hin ist für uns in solchen Fällen das 
Verfahren der Wahl. 

3. Nur die Radikaloperation bietet uns sichere Garan¬ 
tien für einen guten Primär- und günstigen Dauererfolg, j 
insonderheit bei den in Vereiterung übergegangenen i 
Adnexerkrankungen. Die Operation ist daher bei letzte¬ 
ren Erkrankungen nur in den hartnäckigsten Fällen aus- | 
zuführen. 

Das Greisenalter*) 

von Dr. R. v. E n g e 1 h a r d t. 

Der umfassende Titel meines von der Vortrags- | 
kommission erbetenen Referates entspricht dem — wie i 
mir scheint — ebenso umfassenden Unternehmen, den 
Wechselfällen des menschlichen Lebens von der Wiege i 
bis zum Grabe im Laufe der kurzbemessenen Session i 
unsres Aerztetages gerecht zu werden. 

Wenn ich meine Aufgabe recht verstanden habe, so 
konnte sie wohl nur darin bestehen, einen Ueberblick ; 
über den momentanen Stand der Hauptfragen | 
auf dem Gebiet der physiologischen Alters- , 
involution zu geben. Aber selbst dieser einge- | 
schränkten Aufgabe gegenüber befinde ich mich in nicht | 
geringer Verlegenheit. f 

Das letzte Jahrzehnt hat uns auf diesem Gebiet zu- | 
sammenfassende Darstellungen gebracht, die in ge- j 
wissem Sinn einen Abschluss der Frage bedeuten und 
es Hesse sich auf Grund jener Arbeiten ein leidlich be¬ 
friedigendes Bild j^ner Altersperiode zusammenstellen, 
das aber trotz seiner scheinbar geschlossenen Struktur 
auf Langlebigkeit sicherlich keinen Anspruch erheben 
dürfte. Denn grade auf diesem Gebiet dürften in aller¬ 
nächster Zeit wesentliche Verschiebungen der bisher 
geltenden Anschauungen zu erwarten sein und meine 
Befürchtung, dass das Thema nicht zeitgemäss sei, hat 
sich leider bei näherer Prüfung der Materie bestätigt. 

Trotzdem erscheint es mir nicht ganz fruchtlos, die 
bis heute zum Teil noch geltenden Anschauungen über 
das Problem der Altersveränderungen kurz zu skizzieren 
und den Versuch zu machen, die Gesichtspunkte anzu¬ 
deuten, die für eine neue und eigenartige Behandlung 
des Problems wahrscheinlich in Zukunft in Frage 
kommen dürften. 

Im Wesentlichen stehen sich zwei Theorien über das 
Wesen der Altersveränderung gegenüber, die als die 
chemische und morphologische bezeichnet werden mögen. 

Die Produkte der formativen Tätigkeit des Proto¬ 
plasmas, welche das reizfeste Baumaterial des Organis- j 
mus bilden, sind das Resultat eines inaktiven Proto- j 
plasmazerfalls; sie werden nach Kassowitz als Meta¬ 
plasmen bezeichnet und durch die stete Zunahme jener 
Produkte des Stoffwechsels — also einer regressiven 
Metamorphose — erklärt sich die Abnahme der Assimi- | 
lations- und Regenerationsfähigkeit der Zelle im Alter, j 

*) Aus dem Vortrags-Zyklus: „Die Pathologie der verschiedenen 
Lebensalter“ gehalten auf dem XXL Livl. Aerztetage in Pernau 1911. 


Das wäre die chemißche Theorie Friedmanns und 
Kassowitz’, die eine Reihe ungeklärter Ausdrücke 
enthält, auf die wir später noch zurückkommen. 

In der morphologischen Aenderung der Zelle, die in 
ihrem Wachstumsdrang begründet ist, sieht Mühl- 
m a n n den mechanischen Grund für die erschwerte 
Zelltätigkeit und die Retention von giftigen Endpro¬ 
dukten ihres eigenen Stoffwechsels — d. h. die alternde 
Zelle geht an Ernährungsstörung und Selbstvergiftung 
zugrunde. 

' Beide Theorien stimmen in dem einen Punkt überein, 
dass sie das Altern des Organismus für eine im Wesen 
der Zelle begründete Erscheinung ansehen — dass das 
Altern mithin ein physiologischer Prozess des Zell- 
lebens ist. 

Eine abweichende Stellung zur Frage der Altersver¬ 
änderung nimmt Naunyn ein: er will drei verschie¬ 
dene und von einander unabhängige Momente als Ur¬ 
sachen des Alterns gelten lassen: 1) ein selbständiges 
Altem der Gewebe »unabhängig von endogenen und 
exogenen Noxen“, wie z. B. die Veränderungen des 
Knorpels und Koriums — das eine verhältnismässig 
geringe Rolle spielen soll; 2) Residuen überstandener 
Schädigungen aus früherem Alter, und 3) als wichtigste 
Ursache die Abnutzung der Organe durch Arbeit, die 
sich vorzugsweise im Nerven-und Gefässsystem zeigen soll. 

Ein Zeichen der Abnutzung erblickt Nannyn be¬ 
reits in der nachlassenden Zuverlässigkeit der regulato¬ 
rischen Leistungen des Nervensystems, speziell hinsicht¬ 
lich der vasomotorischen, respiratorischen, sekretorischen 
und thermischen Vorgänge — und zwar lange bevor sich 
morphologisch erkennbare Veränderungen in den Nerven 
zeigen. 

Hiermit ist der Altersprozess schon in gewissem 
Sinn von der Zelle abgerückt und scheint von Regula¬ 
tionsmechanismen her seinen Ausgang zu nehmen, die 
sich im Lauf der Zeit verbrauchen sollen. 

Diese Interpretation des Naunynschen Stand¬ 
punktes scheint mir dadurch noch wesentlich gestützt 
zu werden, dass er »die verminderte Lebensenergie der 
alternden Zelle“ nicht für erwiesen hält und das Altern 
der Willkürmuskulatur für eine wahrscheinliche Folge 
einer falschen, thermischen Regulation ansieht, also auch 
nicht in der Muskelzelle selbst das primum movens des 
Alterns findet. 

Wir sehen, dass .sich bei dieser Auffassung das 
Problem schon verschoben hat: es handelt sich nicht 
mehr um die Frage, ob und warum die Z e 11 e altert, son¬ 
dern um den alternden Zellkomplex, um den Orga¬ 
nismus, und zwar zeigt sich in den drei charakterisierten 
Lösungsversuchen des Problems das Spiegelbild dreier 
scharf unterschiedener Epochen in der Geschichte unserer 
Wissenschaft. 

Wenn M ü h 1 m a n n im Wachstumsresultat der Zelle 
— ganz unabhängig von irgend welchen exogenen Ur¬ 
sachen — den Grund für ihr Altern sieht, so steht er 
völlig auf dem Boden der Zellularpathologie — die ana¬ 
tomische Einheit der Zelle trägt in sich die morpholo¬ 
gische Tendenz des Alterns. 

Kassowitz und Friedmann dagegen halten die 
morphologische Veränderung der Zelle für eine Folge 
ihrer fehlerhaften Funktion und diese äussert sich in 
einem Ueberwiegen dissimilatorischer Prozesse über die 
assimilatorischen. Wir stehen hier auf dem Boden des 
Zellstoffwechsels. Warum die formative Tätigkeit des 
Protoplasmas diesen verderblichen Weg einschlägt, sagt 
uns die Friedmann-Kassowitzsehe Definition 
nicht. 

Mit dem Hinweis, dass dieser Vorgang einem biolo¬ 
gischen Gesetz entspräche, ist nichts Neues zur Erklä¬ 
rung dieser fehlerhaften Zellfunktion hinzugebracht und 
man dürfte auch an der Allgemeingültigkeit jenes biolo¬ 
gischen Gesetzes Zweifel hegen, da es doch Zellen gibt, 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 6. 


Ö7. 


die nicht die Tendenz des Alterns zu haben scheinen 
— wie die Keimzellen, die Weissmann unsterblich nennt. 

Ich wies schon oben darauf hin, dass die Definition 
Friedmanns mit Begriffen operiert, die nicht klar 
und sicher umgrenzt sind. Die Naturwissenschaft ist 
mit solchen Begriffen besonders reich gesegnet und bei 
sorgfältiger Kritik würden zahlreiche Definitionen in das 
Gebiet der Umschreibung oder Tautologie verwiesen 
werden. 

Worte wie „regressive Metamorphose“, »Involution“, 
„degenerative Veränderungen ohne Heteroplasie“ sind 
im Grunde genommen Synonyme, und doch dient eines 
zur Erklärung des andern. Zum Wesen der »regressiven 
Metamorphose“ müsste es doch gehören, dass der Pro¬ 
zess irreversibel ist, d. h. nicht rückgängig gemacht, 
umgekehrt werden kann, und doch gibt es eine Rück¬ 
bildung bei der fettigen Degeneration, die nach wieder¬ 
holten Chloroformnarkosen auftritt. 

Aehnlich steht es mit den K a s s o w i t z sehen Meta¬ 
plasmen, die offenbar so definiert werden könnten, dass 
sie einen biologisch minderwertigen Abkömmling des 
Protoplasmas darstellen — oder mit anderen Worten 
altgewordenes Protoplasma sind. Aber das Altern des 
Protoplasmas sollte ja gerade erklärt werden! 

Mit solchen Definitionen bewegen wir uns in einem 
circulus vitiosus, was wohl in unserem speziellen Fall 
daran liegen dürfte, dass das Altersproblem im Grunde 
das gleiche, wie das Lebensproblem ist und dieses uns 
bis heute noch ein Rätsel ist. 

Das zeigt vielleicht am deutlichsten die Abnutzungs¬ 
theorie N a u n y n s. Mit demselben Recht, mit dem 
von der Zelle behauptet wird, dass sie sich abnutze, 
könnte man das Gegenteil behaupten und sagen: die 
Zelle kann durch Uebung zur Mehrleistung gebracht 
werden, was wir bei jedem hypertrophischen Herzen 
oder Muskel beobachten können. Oder anders ausge¬ 
drückt: die Zelle nutzt sich nicht ab, wenn Assimilation 
und Dissimilation im Gleichgewicht bleiben. Diese 
ideale Forderung wird aber nie erfüllt, denn die leben¬ 
dige Arbeit der Zelle ist keine konstante Grösse, son¬ 
dern wechselt je nach den Bedingungen, unter denen 
die Zelle steht. Sie hat blos die Tendenz, ihren Stoff¬ 
wechsel im Gleichgewicht zu erhalten und kann dieses 
nur unter möglichst gleichartigen äusseren Bedingungen. 
Aber das Leben besteht ja gerade in diesem Wechsel¬ 
verhältnis von Reiz und Reaktion und unterscheidet sich 
dadurch prinzipiell vom mechanischen Ablauf, dass die 
Zelle jene Tendenz zur Selbstregulation allen Reizen 
gegenüber besitzt, die noch in der Grenze des ihr Ge¬ 
mässen liegen. 

Nun verstehen wir auch, warum Naunyn zur Er¬ 
klärung seiner Abnutzungshypothese die Regulations¬ 
mechanismen heranzieht, die offenbar versagen müssen, 
wenn die Zelle allmählich im Kampf um ihr Dasein 
unterliegen soll. 

Die Frage ist nur die, ob jene Regulationen haupt¬ 
sächlich in der Zelle selbst gelegen sind oder von einer 
Zentralstelle her wirksam sind? 

Wenn letzteres der Fall ist, so müsste die Schädi¬ 
gung dieser Zentrale zu weitaus schnellerem und ein¬ 
deutigerem Versagen im Zellleben führen, als die ab¬ 
nehmende vitale Energie der Zelle selbst. 

Es scheint erwiesen zu sein, dass die höher diffe¬ 
renzierten Gebilde, wie Bindegewebselemente und Nerven¬ 
zellen, schneller dem Altersprozess unterliegen, als das 
Epithel und Muskelgewebe. Aber ob sich in der ein¬ 
zelnen Gewebsart der Abbau in der Weise vollzieht, 
dass der entwicklungsgeschichtlich jüngere, also diffe¬ 
renziertere Teil schneller diesem Schicksal verfällt, als 
der ältere, oder ob umgekehrt der ältere früher an die 
Reihe kommt, weil er als der integrierende im Haushalt 
des Organismus stärker in Anspruch genommen wird, 
also eher abgenutzt wird, ist eine Frage, die ich Ihnen 


nicht beantworten kann. Es würde z. B. hinsichtlich 
des Nervensystems auf die Frage ankommen: altert das 
Zerebrospinalsystem früher als das vegetative oder um¬ 
gekehrt? 

Wenn die Alterserscheinungen im Wesentlichen als 
Folgen des physiologischen Zellwachstums .oder des 
alterierten Stoffwechsels oder der intraorganisch gelei¬ 
steten Arbeit aufgefasst werden, so gehören alle diese 
Prozesse in erster Linie der vegetativen Sphäre und 
nicht der animalen an, daher wäre es wahrscheinlich, 
dass im Gebiet des vegetativen Nervensystems jene 
ersten Veränderungen zu suchen wären, die den Abbau 
des Organismus einleiten. Sie sehen, dass wir uns mit 
dieser Vermutung der Naunyn sehen Auffassung von 
der Störung der Regulationsmechanismen nähern. 

Die letzten Jahre haben uns nun hinsichtlich dieser 
Regulationen eine derartige Fülle neuer Tatsachen ge¬ 
lehrt, dass eine auch nur einigermassen orientierende 
Darstellung der Lehre von der inneren Sekretion und 
den chemischen Korrelationen im Organismus undenkbar 
ist. Das tiefgründige Werk B i e d 1 s über diesen Gegen¬ 
stand enthält allein 150 Seiten Literaturnachweis. 

Was hat nun die innere Sekretion mit den Erschei¬ 
nungen des Greisenalters zu tun? 

Wir könnten uns dabei beruhigen, die Hypothese, 
die einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehrt, 
aufzustellen, das für das Altern des Organismus primäre 
Störungen im Sympathicus oder vegetativen System 
angenommen werden müssen, da dieses System als ein¬ 
heitliches die Regulation der vasomotorischen, sekreto¬ 
rischen und thermischen Vorgänge besorgt, die eben in 
erster Linie vom Altern betroffen werden. 

Damit wäre die Frage nur weiter zurückgeschoben 
und nichts bewiesen, so lange wir über das „Wie“ 
dieser Regulation nicht orientiert sind. Desshalb müssen 
wir weiter zurückgreifen. 

In dem Kapitel „Die Funktion des Adrenalsystems“, 
worunter jenes ganze im Körper verteilte System chrom¬ 
affiner Substanz zu verstehen ist, das im Nebennieren¬ 
mark und fast allen sympathischen Nervenfasern und 
Ganglien angelagert gefunden wird — sagt B i e d 1: „Das 
Adrenalin dürfte aber nicht nur ein im Sympathicusge- 
biete erregend wirkendes und daher für die Leistungen 
des Organismus nützliches, sondern für die normale 
Funktion des ganzen sympathischen Systems unerläss¬ 
lich notwendiges Hormon darstellen“. Also im Adrena¬ 
lin haben wir ein Hormon, ein Produkt der inneren 
Sekretion des chromaffinen Systems, das für die nor¬ 
male Funktion des sympathischen Systems unerlässlich 
notwendig ist und für den normalen Sympathicustonus 
eine notwendige Bedingung zu sein scheint. 

Nach den Uebersichtstabellen B i e d 1 s über die Reiz¬ 
effekte des Adrenalins erstreckt sich seine Wirkung nicht 
nur auf Herz und Gefässe, auf die Sekretion der Drüsen, 
auf die Lymphbildung, den Stoffwechsel und den Wärme¬ 
tonus — auch auf die glatte Muskulatur des Darm¬ 
kanals, auf den Harnapparat, Lunge, Haut und Auge. 

Nur kurz erwähne ich hier die Beziehungen des 
Adrenalins zur Glykosurie und den der Arteriosklerose 
nahestehenden Gefässveränderungen. Hier liegt offenbar 
die Verbindungsbrücke zwischen jenen Reizzuständen 
der sympathischen Plexus und der beginnenden Arterio¬ 
sklerose, auf deren Zusammenhang Buch und ich vor 
mehr als 10 Jahren hingewiesen hatten, doch sah Buch 
das Primäre in der arteriosklerotischen Veränderung der 
Bauchaorta, während ich in der Alteration der Plexus 
die Ursache für die Arteriosklerose suchte. 

Wenn nun ferner die Wirkung der verschiedenartigen 
Hormone auf die chemischen Vorgänge in der lebenden 
Substanz im Wesentlichen darin besteht, entweder die 
assimilatorischen oder dissimilatorischen Vorgänge in 
der Zelle zu fördern, so lag der Gedanke wohl nahe, 
die Hormone auch für jene Verschiebung des Verhält- 


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nisses zwischen Assimilation und Dissimilalion verant* ! 
wörtlich zu machen, die das Altern des Organismus ] 
kennzeichnet. Hinzu trat noch die notorisch toxische 
Wirkung und wieder im Gegensatz dazu die entgiftende 
Tätigkeit gewisser Organsekrete, so dass auch für die 
Autointoxikationstheorie eine Erklärung gewonnen zu ! 
sein schien. j 

Auf dieser Grundlage nun hat L o r a n d *) den Ver- \ 
such unternommen, das Altern als eine Folge der ver- j 
änderten Tätigkeit der Blutdrüsen darzustellen. Es ist | 
nicht zu leugnen, dass seine Auffassung etwas bestechen¬ 
des hat — wenn er die Symptome der Akromegalie, des 
Myxoedems, des Morb. Basedowi etc. mit den Alterser¬ 
scheinungen vergleicht, aber im ganzen hat man doch 
den Eindruck, dass seine Schlüsse oft nicht mehr als 
Analogieschlüsse sind und das grosse Material die Frage 
noch nicht spruchreif erscheinen lässt. 

„Schon Horsley und Vermehren hatten bereits 
dem Gedanken Ausdruck verliehen, dass die Senilität i 
zum Teil wenigstens auf eine Degeneration der Schild¬ 
drüse zurückzuführen ist, ebenso wie umgekehrt das 
Myxoedem als primitive Senilität betrachtet werden , 
kann“ (Biedl 73). Biedl weist diesen Gedanken, ebenso t 
wie Lorands Versuch als unbewiesen zurück — er I 
sagt zu dieser Hypothese p. 74: 

„Der kausale Zusammenhang zwischen den unzwei¬ 
felhaft vorhandenen regressiven Veränderungen in den 
innersekretorischen Organen und den Erscheinungen der | 
Alterskachexie ist keineswegs bewiesen. Wir können ! 
uns sehr gut vorstellen, dass die ersteren nicht die Ur- I 
sache, sondern eine Folge der im Greisenalter bestehen¬ 
den allgemeinen Ernährungsstörungen darstellen.“ 

Die Pathogenese der senilen Involution kann erst i 
auf Grund eingehender Untersuchungen eine hinreichende 
Klärung erfahren.“ 

So äussert sich der augenblicklich vielleicht beste 
Kenner der Vorgänge der inneren Sekretion und wir 
könnten dabei stehen bleiben, wenn nicht zur Umgren¬ 
zung des Problems noch zwei wichtige Fragen beant¬ 
wortet werden müssten. 

Wenn anfangs von den Regulationsmechanismen des 
Organismus die Rede war und ich die Vermutung aus¬ 
sprach, dass das vegetative System dabei in Frage käme, 
so hat sich überraschender Weise die Frage nach der 
anatomischen Altersveränderung der Zelle in eine Frage 
nach einer verminderten Nervenfunktion verschoben. 
Aber auch hier sind wir nicht stehen geblieben, sondern 
haben die Hypothese bis in ihre weitesten Konsequenzen 
verfolgt und fast möchte man sagen mikrochemische 
Prozesse in den Organen der inneren Sekretion wieder für 
die Veränderung des Nerventonus verantwortlich gemacht. | 
Das entspricht der Fassung, die Biedl der Frage gibt: 
„Früher galt jede Organkorrelation für nervös, heute 
werden sogar die nervösen Beziehungen als chemisch 
vermittelt betrachtet!“ — p. 23. 

Auf welchem Gebiete der Chemie nun werden sich 
die Lösungen dieser Fragen abspielen? Die Anschau¬ 
ung, dass sich die wesentlichsten vitalen Vorgänge der 
Zelle in deren Eiweisssubstanzen und ihren chemischen 
Umsetzungen abspielen, ist heutzutage verlassen. 

Der Satz Pflüger’s „nur das Eiweiss ist lebendig“ 
wird nicht mehr als sicher erwiesen betrachtet, seitdem 
man die ungeheuer wichtigen biologischen Eigenschaften 
der Lipoidkörper kennen gelernt hat. Jede Zelle besitzt 
eine histologisch nicht nachweisbare Membran, die aus 
Lipoidkörpern besteht, und deren Integrität ist für die 
Zelle von vitaler Bedeutung. Nach Ivar Bang 2 ) ha¬ 
ben wir in der Lipoidmembran „ein ausgesprochen le¬ 
bendiges Gebilde, welches die Nahrungsaufnahme, sowie 


*); A. Lorand. Das Altern, seine Ursach n und seine Behand¬ 
lung. ' 1910. Leipzig, Klinkhardt. 

-) I. Bang. Chemie und Biochemie der Lipoide. Wiesbaden 1911. 


alle Sekretionen und Exkretionen beherrscht. Alle Intoxi¬ 
kation im weiteren Umfang und folglich die Wirkung der 
Narkotika, Antipyretika, Antiseptika und Toxine sind von 
der Lipoidmembran abhängig. .. . Die Osmose der Salze, 
Säuren, Alkalien und des Wassers in die Zelle wird durch 
die Lipoidmembran regiert. Hiermit in allernächstem 
Zusammenhang steht das elektrische Verhalten und ihre 
elektrische Erregbarkeit überhaupt“. Welche Umwäl¬ 
zungen auf den Gebieten der Physiologie und Pathologie 
durch die nähere Kenntnis der Biochemie der Lipoide 
bevorstehen, entzieht sich meiner Beurteilung, aber das 
Eine lässt sich wol schon heute sagen: bei allen Vor¬ 
gängen im lebenden Organismus spielen sie eine we¬ 
sentliche, vielleicht die wesentlichste Rolle und ihre grösste 
Bedeutung enthalten sie bei allen den Schädigungen 
denen der Organismus im Kampf mit der Aussenwelt 
ausgesetzt ist. Ihre Bedeutung als Aktivatore der Fer¬ 
mentbildung, als Enzymbildner, als die Giftwirkung hem¬ 
mender Stoffe nähert sie jenen Produkten der inneren 
Sekretion, von denen oben die Rede war. Aber noch 
eine weitere Eigenschaft — ihre chemische Affinität 
zu den Narkoticis insbesondere dem Chloroform zeigt uns, 
dass sie mitbeteiligt sind an den Prozessen der Fettdegene¬ 
ration, wie sie nach langdauernden Narkosen auftritt. 
Das sind chemisch sorgfältig studierte Erscheinungen 
der regressiven Metamorphose, die aber — wiederum 
chemisch nachweisbar — reversibel sind. Sie sehen, 
dass wir uns hier dem Gebiet der Alterserscheinungen 
wieder nähern und dass die nächste Zukunft uns zeigen 
muss, ob die Lipoidchemie im Stande sein wird den 
vitalen Vorgang bei den verschiedenen Arten der Zell- 
gewebsdegeneration im Alter zu erklären. 

Eine neue Bedeutung würde die Lösung dieser Frage 
auch für die Makrobiotik gewinnen, da es vielleicht 
nicht unmöglich sein dürfte den Ausfall gewisser mi¬ 
krochemisch wirkender Stoffe im Alter durch eine ra¬ 
tionelle medikamentöse Therapie zu ersetzen. Im Le¬ 
zithin dem bestgekannten Lipoidstoff — haben wir 
bereits ein solches Präparat, vielleicht im Spermin ein 
ähnliches und so dürfte auch in therapeutischer Hinsicht 
von der Zukunft viel zu erwarten sein. 

Wenn nun nach Allem, wie ich bereits anfangs her¬ 
vorhob, die Frage nach dem Wesen des Alterns nach 
seiner biochemischen Seite hin nicht spruchreif ist und 
ich Ihnen bloss Gesichtspunkte nennen konnte, die für 
das zukünftige Studium des Problems von grundlegender 
Bedeutung sein werden — so möchte ich doch zum 
Schluss die Frage noch streifen, ob wir nicht von psy¬ 
chologischer Seite her gewissermassen dem biochemi¬ 
schen Problem entgegenarbeiten und somit der Lösung 
näher kommen könnten. 

Wenn die psychischen Anomalien und Veränderungen 
des Greisenalters sich in gewissem Sinne auf derselben 
Linie bewegen, wie die biochemischen, so würde diese 
Analogie zu Gunsten der Theorie sprechen. Selbstver¬ 
ständlich kann ich aus der Fülle des Materials nur ein 
Problem herausgreifen, um Ihnen zu zeigen, ob,diese 
Analogie besteht oder nicht. 

Es herrscht unter den Psychiatern vollkommene Ueber- 
einstimmung darüber, dass die Merkfähigkeit im Alter 
sichtlich abnimmt, und damit wohl auch das Gedächtnis 
für gegenwärtig erlebte Wahrnehmungen. Hingegen wis¬ 
sen wir, wie lebendig beim Greise die Erinnerung werden 
kann, ja dass sie in gewissem Sinne ihm das Fehlen 
der Gegenwartsempfindung ersetzt. 

Wenn wir uns auf den Standpunkt des französischen 
Philosophen B e r g s o n stellen, so besteht zwischen 
Erinnerung und Wahrnehmung kein gradueller, sondern 
ein fundamentaler Unterschied. Die Wahrnehmung ist 
ein zeitlicher Vorgang sensoriell motorischer Art d. h. 
die Brücke zwischen dem sensoriellen Reiz und einer 
Handlung, während die Erinnerung zeitlos in der Ver- 


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gangenheit ruht und auf den Ruf wartet, sich auf der 
Schwelle des Bewusstseins einzustellen. 

„In der reinen Gegenwart leben, auf einen Reiz mit 
einer unmittelbaren Reaktion antworten, welche densel¬ 
ben fortsetzt, ist die Eigenart eines niederen Tieres: 
ein Mensch, welcher so vorgeht ist von einer impul¬ 
siven Natur. Aber ebensowenig ist der zum Handeln 
geeignet, der aus blosser Freude daran in der Vergan- j 
genheit lebt und bei dem die Erinnerungen zum Licht | 
des Bewusstseins auftauchen ohne Nutzen für die gegen- | 
wärtige Lage: dies ist dann keine impulsive Natur mehr, j 
sondern ein Träumer. Zwischen diesen beiden Extre¬ 
men steht die glückliche Beschaffenheit eines Gedächt¬ 
nisses. das biegsam genug ist, um mit Sicherheit den 
Konturen der gegenwärtigen Lage zu folgen und energisch 
genug, um jedem anderen Anruf zu widerstehen“ sagt 
B ergson. 

Lebt das Kind völlig in der Gegenwart, ohne 
seine Handlungen den Anweisungen der Erinnerung zu 
unterwerfen — so der Greis in der Vergangenheit, ohne 
dem Anreiz der gegenwärtigen Wahrnehmung Folge zu 
leisten. 

So nähert sich das geistige Leben des Greises dem 
Traumzustand, jener Entspannung des Nervensystems, 
der Unterbrechung der Beziehungen zwischen sensori¬ 
schen und motorischen Zentren. Erinnert nun jene Unter¬ 
brechung uns nicht an einen verminderten Tonus im 
Nervensystem, an eine veränderte Regulation im zeit¬ 
lichen Ablauf der Organ.'anktionen? Und gerade in dem 
ungeordneten zeitlichen Ablauf der Traumzustände sehen 
wir das Widerspiel der Zusammenhangslosigkeit im Ab r 
lauf der biochemischen Funktionen. Denn ob ich von 
der erhöhten oder verminderten Reizbarkeit der Zellen 
spreche, von ihrer Frische oder Ermüdung, von ihrem 
Schlaf oder Wachen ist im Grunde dasselbe, die Bezeich¬ 
nungen entstammen bloss verschiedenen Begriffskreisen. 

Nur die Gegenwart, der werdende Teil unsres gei¬ 
stigen Seins ist bewusst, weil Bewusstsein nur da ent¬ 
steht, wo es gilt zu wählen und zu handeln. (Bergson). 

Schwindet nun im Greisenalter jenes lebendige Be¬ 
wusstsein der Gegenwart, so muss auch die Empfindung 
für das Werden aufhören, an Stelle dessen ein Gefühl 
des Stillstands eintritt. Das ist charakteristisch für den 
alternden Menschen: das heute ist wie das gestern und 
die Zeitempfindung stumpft sich ab. 

Die gedrängte, wechselvolle Kette der Erlebnisse im 
Ablauf der Zeit, wird vom wachsenden Menschen mit j 
vollster Intensität empfunden — wir nennen es bewusst ! 
leben, während das beständige Hinabsinken des gegen¬ 
wärtigen Moments in die Vergangenheit die Abnahme j 
der vitalen Energie zeigt. 

So sehen wir denn, dass wir für den reversiblen Pro¬ 
zess des Werdens — für die Altersinvolution kein le¬ 
bendiges Bewusstsein haben — es tritt an seine Stelle 
die Empfindung des Stillstandes und diese freundliche 
Illusion ist wohl dazu angetan, uns den Abstieg zu er¬ 
leichtern. 

Und wenn der Stillstand weder in uns selbst noch 
in der uns umgebenden Welt eine Realität ist, wenn er 
eine ähnliche Abstraktion oder Konstruktion ist wie ; 
unsre Vorstellung eines homogenen Raumes, so tritt im 
Greisenalter an Stelle des wirklichen Zeiterlebnisses das 
imaginäre Stehenbleiben in einer unwirklichen Raum¬ 
welt, die keinerlei Beziehungen zu uns haben kann und 
auf die wir, da sie nicht existiert, ebenso wenig einwirken 
können. 1 

So altern Körper und Geist, in dem sie sich langsam 
vom Leben, dem sie einst ganz gehörten abwenden und 
einer Traumwelt zukehren, die erst in dem traumlosen 
und langen Schlaf dem Tode ihren Abschluss findet. 


Aus der medizinischen Klinik der Universität Würzburg 
(Vorstand: Geheimrat Prof. Dr. von Leube Exzellenz) 

Lässt sich die Diagnose des Abdominaityphus 
aus dem Verlaufe der Temperatur und dem 
Verhalten des Pulses ableiten? 

von Dr. med. D. Orudschiew, 
Volontärassistenten der Klinik. 

Wie ich in einer früheren Arbeit [1] erwähnt habe, hat 
die Diagnose des Typhus abdominalis während des ab¬ 
gelaufenen Jahrhunderts eine grosse Veränderung erfah¬ 
ren. An Bestrebungen, um Hilfsmittel an die Hand zu 
geben, welche eine exakte Diagnose des Abdominaltyphus 
ermöglichen sollten, hat es natürlich von jeher nicht 
gefehlt und namentlich die neuere Zeit schien dazu an¬ 
getan, die Differentialdiagnose wesentlich zu erleichtern. 
Wie bekannt, sind für die Feststellung der Diagnose 
des Typhus abdominalis eine grosse Reihe von 
Symptomen und Erscheinungen angegeben und zu die¬ 
sen Symptomen gehören auch unter anderen der cha¬ 
rakteristische Verlauf der Temperatur und 
das Verhalten des Pulses. 

I. Temperatur und ihr Verlauf. 

Die Diagnose des Typhus abdominalis lässt sich mit 
ziemlicher Sicherheit aus dem Verlauf der Temperatur 
schliessen. Denn, wie die ausgezeichneten Feststellun¬ 
gen Wunderlich’s [2, 3, 4, 5,] und Lieber mei- 
s t e r gezeigt haben, ist der Verlauf der Temperaturkurve 
in den typischen Fällen, um welche es sich hier handelt, 
so charakteristisch, dass er sich für die Diagnose be¬ 
nutzen lässt. 

Was zunächst die von mir beobachteten Fälle angeht, 
so hatten sämtliche Patienten am Tage ihres Eintritts in 
die Klinik hohes Fieber, das in den einzelnen Fällen 
zwischen 38,5°—40,1° (C.) schwankte (Achselhöhle). In 
allen Fällen des typischen Verlaufs der Krankheit, war 
der Verlauf des Fiebers im allgemeinen jenen Durch¬ 
schnittsverhältnissen entsprechend, wie sie in den Lehr¬ 
büchern geschildert werden. Denjenigen Abschnitt des 
Fiebers, welchen Wunderlich als staffelförmigen oder 
treppenförmigen Anstieg bezeichnet hat, konnte ich bei 
keinem meiner Patienten beobachten, da derselbe ge¬ 
wöhnlich zu Hause durchgemacht wurde, ueberhaupt 
in der Regel sich der Beobachtung entzieht und mit der 
ersten halben Woche manchmal auch mit der ersten 
Woche der Erkrankung zusammenfällt. Die meisten 
Kranken suchen die Klinik, wie bekannt, nur dann auf, 
wenn das Fieber oder die sonstigen Nebenerscheinungen 
einen bedrohlichen Grad erreichen, und das fällt durch¬ 
schnittlich mit der zweiten und dritten Woche der Er¬ 
krankung zusammen. Und so kamen zu uns die Kran¬ 
ken mit mehr oder weniger ausgesprochener febris Con¬ 
tinua verschiedener Dauer, dann einer Deferveszenz in 
staffelförmigem Abfall. 

Man hat sich vielfach bemüht, von der absoluten 
Höhe der Temperatur, sowie von der Dauer der febris 
continua, ja sogar von den Tagesschwankungen dersel¬ 
ben eine Prognose abzuleiten. Aus der sorgfältigen 
Zusammenstellung zahlreicher Typhusfälle von Lieber- 
meister [6] lässt sich ersehen, dass die Sterblichkeit 
eine um so grössere ist, je höher die erreichte absolute 
Temperatur war und je länger die febris continua 
anhielt. 

Dieser Behauptung von Liebermeister kann ich 
auf Grund meiner Untersuchungen nicht beistimmen. 
Auf Grund meiner Beobachtungen kann ich so viel sa¬ 
gen, dass sich eine Prognose weder von der 
Höhe der absoluten Temperatur, noch auch 
von der Dauer der febris continua ableiten 
lässt. Wir sahen unter unseren Kranken einerseits 
solche, die bis 40,4° ja sogar in einem Falle 41,9° Tem¬ 
peratur aufwiesen und andererseits solche, bei denen 


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die febris continua recht lange dauerte, aber trotzdem \ 
sind alle diese Kranken vollständig genesen. Allerdings § 
ein Fall, welcher ad exitum kam, war durch eine recht i 
lange anhaltende febris continua ausgezeichnet. Der ; 
exitus letalis war in diesem Falle aber nicht auf die 
Dauer der febris continua zurückzuführen, sondern der- i 
selbe ist eher die Folge einer schweren Komplikation ■ 
(Dekubitus -f- Myocarditis infectiosa -f- käsige Nekrose 
des Musculus rectus abdom.) gewesen. 

Wir können ferner eine Prognose (nach Lieber¬ 
meister) nur dann aussprechen, wenn die Fieberkurve 
nicht fragmentär, sondern in ihrem ganzen Verlauf vor 
uns liegt, und das ist nur dann der Fall, wenn der 
Typhus abdominalis vollständig abgelaufen ist. Daher 
hat Liebermeister Recht, wenn er'gleich nach sei¬ 
ner Behauptung sagt: „So wäre die Erkenntnis der Ab¬ 
hängigkeit der Prognose von der Höhe und der Dauer 
der Temperatursteigerung ein zweifelhafter Gewinn, wenn 
erst nach Ablauf der Krankheit das Material für die 
Beurteilung vorläge“. 

Wenn wir hier einerseits das Alter und den körper¬ 
lichen Zustand der Kranken, und andererseits, was we¬ 
nigstens mir von grosser Wichtigkeit erscheint, die 
schwankenden Reaktionen des Organismus gegenüber 
der Infektion berücksichtigen, wie sie die jüngsten frucht¬ 
bringenden Forschungen auf dem Gebiete der bakterio¬ 
logischen und serologischen Untersuchungen zu Tage beför¬ 
dert haben so müssen wir, streng gesagt, von einem Schema 
der Fieberkurve doch absehen. Wir stimmen recht gern 

Kühn [7] bei,wenn er sagt:.Mehr wie je steht 

hier die Bedeutung der Individualität im Vordergrund. 

Es wäre daher verkehrt, die Diagnose in pedanti¬ 
scher Weise von einem besonderen Fiebertyphus 
abhängig zu machen. Und ist letzterer vorhanden, so 
kann er doch noch während einer mehrtägigen Beob¬ 
achtungszeit zur Verwechselung mit anderen fieberhaften 
Affektionen Veranlassung geben“. 

Die Temperaturkurve bietet uns gewiss das wich¬ 
tigste Kriterium, ehe wir unsere definitive Entscheidung über 
die Diagnose abgeben, sie ist besonders bedeutungsvoll 
in den Fällen, in welchen einzelne andere wichtige 
Symptome fehlen. Aber leider kann eben dieses wert¬ 
volle Zeichen des Temperaturverlaufes erst relativ spät 
in seiner ganzen Bedeutung gewürdigt werden, so dass ; 
derselbe für die Frühdiagnose kaum in Betracht zu 
ziehen ist. 

Wenn wir uns die Frage beantworten wollen, woher 
das Fieber kommt, so können wir auf Grund der zahl¬ 
reichen Untersuchungen, welche noch heutzutage eifrig 
fortgesetzt werden, kaum ein abschliessendes Urteil ab¬ 
geben. So viel steht aber fest, dass für die Erzeugung 
des menschlichen Fiebers in erster Linie die Bakterien 
und ihre Tätigkeit, und erst in zweiter Stelle die darauf 
folgenden allgemeinen Körper- und Organveränderungen 
in Betracht kommen. Damit ist aber die Ursache des 
Fiebers nicht ganz aufgeklärt. Im Gegenteil, es gibt 
recht verschiedene Umstände, die das Fieber erzeugen 
können. Von diesen recht zahlreichen Faktoren erinnere 
ich an das Fieber nach subkutanen Frakturen, worauf 
zuerst Volkmann und Genzmer [8] und dann 
Grundier [9] aufmerksam gemacht haben. Ferner 
Temperatursteigerung bei grossen Blutergüssen [(von 
Bergmann und Angerer (10), Angerer (11) u. 
A.)] (Resorptionsfieber), bei der stomachalen Zufuhr von 
3—1 prozentiger Kochsalzlösung [Meyer (12)], ja sogar 
bei der Hysterie [Dippe (13)] und vielen anderen 
Krankheiten und Umständen. Es sei hier noch eine ! 
Arbeit von Vaughan, Wehler und Gidley [14]er- I 
wähnt, welche sich damit befasst, die Entstehung des 
Fiebers zu erklären. Die Verfasser kommen zu dem 
Resultate, dass die Ursache des Fiebers in einem Ueber- 
tritt von fremdem Eiweiss in die Blutbahn zu suchen 
sei. Hierbei wird es in einen giftigen und einen ungif¬ 


tigen Eiweisskörper gespalten. Die Einwirkung des 
giftigen Spaltungsproduktes auf das Gewebe des Kör¬ 
pers ruft Temperatursteigerung hervor. Das fremde 
Eiweiss ist aber nicht einzig und allein bakteriellen 
Ursprungs, es entsteht auch, wenn durch chemische oder 
mechanische Einwirkung Gewebe zugrunde geht. Dieser 
weitere Standpunkt wurde seinerzeit von Büchner 
[15 und 16] und Krehl [17] vertreten, indem sie ex¬ 
perimentell gezeigt haben, dass es möglich ist, aus den 
Mikroben mit Sicherheit Proteine verschiedener Axt zu 
gewinnen, welche bei Menschen und Tieren Fieber her¬ 
vorzurufen fähig sind. Dass die Frage aber damit auch 
nicht allseits erschöpft ist, beweist folgender Satz von 
Krehl [18]: „Der Stand der Forschung gestattet gegen¬ 
wärtig aber noch keine sichere Auskunft darüber, ob das 
wirksame Prinzip eiweissartiger Natur ist oder den Ei¬ 
weisskörpern nur so fest anhaftet, dass man es vorerst 
noch nicht von ihnen abtrennen kann“. 

Ich habe ferner in der Literatur nach einer Erklärung 
gesucht, deren Beantwortung nicht uninteressant wäre. 
Das ist die Frage: Warum bei typischen Typhen mit 
einem Schlage die febris continua sich zuerst in remit¬ 
tierendes und dann in intermittierendes Fieber ver¬ 
wandelt. Die vorzüglichen Monographien und Lehr¬ 
bücher, wie z. B. diejenigen von Cuxschmann, von 
Strümpell, Hofmann u. a. geben uns darüber 
keinen Aufschluss. Eine Arbeit von Th. D u n i n [19] aus 
dem Jahre 1887 versucht uns eine Erklärung dieser doch 
merkwürdigen Erscheinung zu geben. Er führt die Um¬ 
wandlung der febris continua in febris remittens und 
zuletzt in intermittens im Verlaufe des Typhus abdomi¬ 
nalis auf die Anwesenheit von Kokken im Blute zurück, 
welche bald nur lokale Eiterung, bald ein mit pyaemi- 
schem Charakter behaftetes Fieber hervorrufen. Der 
Abdominaltyphus in seinem gewöhnlichem Verlaufe wäre 
also nach Dunin eine sogen. Mischinfektion. Ob diese 
Behauptung heutzutage zutreffend ist, möchte ich be¬ 
zweifeln. 

Wir kommen damit zu einem zweiten, sehr charakte¬ 
ristischem Symptome bei Typhus abdominalis zu 
sprechen d. i. 

II. Das Verhalten des Pulses. 

Eine bekannte Erscheinung der typhösen Erkrankung 
ist die relative Verlangsamung des Pulses. Der Puls 
zeigte bei den meisten unserer Kranken eine relative 
Verlangsamung und meist auch Dikrotie. Obwohl der Puls 
bei denselben deutlich beschleunigt war, zeigte er im 
Gegensatz zu den meisten anderen fieberhaften Krank¬ 
heiten in der Regel eine geringere Frequenz als man 
nach der Höhe des Fiebers erwarten sollte. Ich 
habe bei den meisten Kranken bei einer Fieberhöhe von 
40—41° einen Puls von 90—110 in der Minute konsta¬ 
tiert. Ausserdem ist zu bemerken, dass gewöhnlich nach 
einiger Dauer des Fiebers die Arteria radialis sich 
schlaff und weich anfühlt und dadurch ist der Dikrotis- 
mus des Pulses am deutlichsten wahrzunehmen. 

Der relativen Verlangsamung des Pul¬ 
ses kommt bei der Diagnose des unkompli¬ 
zierten Typhus abdominalis sicher eine 
gewisse Bedeutung zu. Man kann schon in 
der ersten Woche der Erkrankung dieses typische Ver¬ 
halten des Pulses feststellen und dasselbe als Frühsymp¬ 
tom des Abdominaltyphus ansehen. Dieses höchst cha¬ 
rakteristische Phaenomen verliert seine diagnostische 
Bedeutung vollständig, sobald schwere Störungen des 
Allgemeinbefindens, wie z. B. Komplikationen, starke 
Blutungen u. dgl. das Krankheitsbild beherrschen. Die¬ 
ses eigentümliche Verhalten des Pulses wird von ande¬ 
ren namhaften Autoren, wie Curschmann, v. Strüm¬ 
pell und v. Leube anerkannt. Kühn spricht sich 
über diese Verlangsamung des Pulses folgender- 
massenaus: „ ... Ist aber der Puls deutlich verlangsamt 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift ,N? 6. 


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im Vergleich zur Temperatur, so haben wir ein wic h- 
t iges di ff erent i a t - d tä.gno s t i sc h e$ Mittel 
zür Verfügung, welches namentlich bei der Unterschei¬ 
dung von anderen mit hohen Pulszahlen einhergchendetj 
Infektionen, wie Scharlach und Pneumonie, von der 
grössten Bedeutung ist’' 

Aus dieser unzweifelhaft feststehenden Rege! gibt es 
aber Ausnahmen: R t> g e r f2Öj> C \i r S c h m a n i \, 
Roemheld (21) u. A. haben darauf aufmerksam ge¬ 
macht, dass die relative Langsamkeit des Pulses 6$ 
jüngeren Kindern und bei älteren schwächlichen Indivi¬ 
duen sehr selten zur Entwickelung kommt, dieselbe hat 
auch Quadrone j‘22| hei anäernjscheh weiblichen Per¬ 
sonen konstatiert 

Das Verhalten des Pulses gibt einen Anhaltspunkt 
für die Prognose des Typhus abdominalts und zwar in 
dem Sinne, dass die andauernden höheren Pulszahlen 
im Verlaufe des Typhös auf eingetfelene Komplikationen 
hinweisen, während sie am Beginn der Erkrankung als 
ein bedrohliches Zeichen der Herzschwäche angesehen 
werden. Ferner deutet da> plöridklie- Ansteigen des 
Pulses und Sinken der Temperatur auf Kollaps hin. 
Wie können tni aUgeniemen sagen, dass das gleich- 
massige Auf- und Absteigen der Puls- und Temperatur- 
kurven prognostisch vier besser ist, als wenn diese 
Kurven divergieren öder besonders, wenn sie sich kreuzen. 
Curlo und Gögglia |23| letten aus der Erregbarkeit des 
n. vagus die Prognose ab Sie stellen fest, dass die 
Typhotoxine. einen besonderen Einfluss aut die Herz- 
innerv3ti«in haben, namentlich auf den Vagus. Die 
Erregbarkeit des letzteren ist als cm Zeichen. .dafür ari- 
dass der nervöse Apparat ;m gutem Zustande 
ist, Daraus folgt der Schluss, dass die Abnahme 
der Vtikinqmnz als ein prognostisch günstiges Zeichen 
zu befrachten ist. 

Was die Ursache . der relativen Verlangsamung des 
Pulses änbetahgb So gilt noch heute die seinerzeit von 
Liebt-r me ist er angeführte Hypothese, welche dieses 
Phaertdme« atif tme durch die. Typhustoxine hervorge- 
rufene Reizerschetnung des Zerririiinervensysiefivs. speziell 
der Medüfla öhhmgate, zurückfühten lässt C u r s c h - 
m a n n bestätigt diese Hypothese, indem er als Aua- 
iogteerschejnung die Gallensäurewirkung bei Ikterus ms 
Feld führt welche ja bekanntlich dieselbe Reaktion von 
der^ Seite des Herzens auslöst. 

Was die Dikrotte des Pulses anbetribb welche ja 
von den Meistern der Pulsdiagnostik ebenfalls als Attri¬ 
but des Typhus abdominalis angtiefei wurde, wird 
heute derselben von vielen Autoren kaum eine grosse 
Bedeutung bdgemessen und mit Recht. Wenn wir uns 
das Zustandekommen des DikrH Isums vergegenwärtigen, 
•so müssen -.wir .fast bei jeder fieberhaften Krankheit diese 
Erscheinung erwaner». Mit Recht sagt von Le übe |24J: 
„Die pikrötie. bat bei weitem picht die dtugnbstische 
Bedeutung, die ihr gewöhnlich zuerkannt wird, du sie 
sich auch bei allen möglichen anderen fieberhaften Infek¬ 
tionskrankheiten findet“ 

Wie aus den oben angeführten Tatsachen hervörgeht, 
spielen die Ptds- und Ternperatürkurycn bei der Beuri 
tellung des Kranheitszustaudes uiuweifelhah eine emi¬ 
nente Rolle und sind von grosser Wichtigkeit, Diese 
Tatsache gewinnt noch inehr an Bedeutung, wenn man 
diese beiden Kurven mit einer dritten Kurve in Vergleich 
zieht» welche die feinste biolöglsche Reaktion des Orga¬ 
nismus darstellt und das ist die L e u k o z y tc n k u r v e. 
Meine spätere Vetdflentlichüng über dieses Thema wird 
diese gegenseitige Beziehung bei Abdom inattyphus klar 
legen. 

Literatur. 

1 . O r u <J <. r hitw Hufner LteUerblick über Uic geschichtlich« Bnt- 

.Wickhtni» der Lehre ymu Typhus 'shdnmlnÄlte und vom Bakterium 

iypHL I. Ufc. ^h.si*M'r< M,- -8. Tält. 


20 . 

21 . 

22 . 

23. 

24. 


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heiten. 1850. 

Om, ace*. Archiv f. physiologisch« Heilkunde. 1857. Öd. $VL 
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Ließeer: ZiemssenX Handhuch der speziellen Patho¬ 
logie und Therapie der Inneren Krankheiten. 

Kühn; Beri. kiln. Wöchenschrjft .V 25 und 30. 1896 

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0 r u ndler ■ v. Bruns Beihägfc. Heit i. 

v Bergmann und A n £ <' rer; Würzburger Festschrift 1882. 

Angerer klinische und ctpertmentclle Untersuchungen fiber 

Resorption von Blute iftfävasateri. Wützburg 1879 

M e y e r: Dtscfr. meij, TVöchv t|iö9- 

Dip pt. Archiv für klinische MetfiKfa. Öd. M 

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Jour, of Americ. Assoc .1909. . 

B u eb n e r; Berl. klin. Wocb. 1890. 

Om «os.; Münch. medt Wach. 

Kr« bl; Archiv f. e^pemneolclk’ Palliologie. Öd XXXV 
Ow : Pathologische Physiologie (9HU 
O u n i n •. Uebfer die Ursache eitriger Eriuuruiungcri und Venen 
tiirombose im Verlaufe des' Abdominaltyphus, Otsch. - Archiv,, f. 
klin. W.. medicin Bd. XXXIX Heit 3 und 4. 

Roger; Recherchtre cllniaties s«r ln maladies de iinfame. 
Bdf,,T Paris W2. 

R ö m h e I d; Jahrbuch ülr KinderheÜkundfi.X 1898. 

Qund rode .ij-Ü Mprgnehi 1903. 

Cur 1«' und G ögc I i 3 : Prognose desTvplms. Oaz*. ä. ospedäil 
hö iS. IW 

v. L e ü b e: fite spe/jtüK Diagnose dev inneren Krankhelten 
II. B.. 1908. 


Plattfuss und Kiumpfuss*). 

Von Dr. Otto T li i 1 0 . 

Riga, Orthopädisch»? Anstalt 

Nach den Forschungen des berühmten Anatomen 
H. v. Meyer (t 1893) ist der Plattfuss eine tlmkeb* 
rürtg des KUimpfasses d. h. der Klumpfuss ■ enbteht 
durch eine Drehung des Fin&ses Kante, 

der Pialtfuss durch' eine Drehung aut seine innere Kaiite. 
Die Abflachüng des Fussgewölbes ist nur eine Folge- 
erscheinüüg der Drehung auf die innere Kirnte 

Auf Gnmd dieser Tatsachen lut Th. eine Schiene 
hergestetlL die sowohl zur Beseitigung des Piatifusses 
als auch zur Beseitigung des K.lümplusses dient. Er 
benutzt diese Schiene erfolgreich seit 2G Jahren. 

Einen Plattfuss erhält er durch diese Schiene wochen¬ 
lang in Klurapfusst^liiüg, üttd umgekehrt einen Kltirop- 
füss in Plattfussstellung tFtg. 1 und 2), Genaueres 
über die Anfertigung und dem Gebrauch des Schiene 
ist im Original nachzuleseu. 

Bei schmerzhaHen Plaltfüssen lässt Th. den Kranken 
einigt* Wochen das Bett hüten und den Fu$s hochge* 
h$<ir\ Tug und Nacht in der 
Sijiieny- ]u Stel¬ 

ling haben. Nur zweim-it täglich 
wrtd die Schiern* enriemi zum 
Massieren und Wüschen des Bus¬ 
ses Sind die Si&mfciÄ öHthwim*- 



J^ig. !'- PLatlffiüs. 

den, so darf der Kranke mit der Schiene kürzere Strecken 
gehen. 

Nach ausreichender Beseitigung der Plattfusssteliung 
lässt Th. die Schiene nur noch ,m Nacht ani.egen, am 

•) Autorafciat au# Ucr Münth.'Mml VV. 19! j 




92. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 6. 


1912. 


Tage trägt der Kranke Stiefel, dessen Sohlen am inne¬ 
ren Rande 2 Zentim. vorstehen, nach Art der sogen. 

„amerikanischen“ 
Sohlen (Fig. 3). Der 
vorstehende Rand ist 
durch ein, quer über 
die Sohle verlaufendes 
Stück Bandeisen ver- 
streift. Der Absatz hat 
eine Höhe von etwa 2 
Zentim. und wird be¬ 
deutend nach innen 
gerückt. Hierdurch 
nimmt der Fuss beim 
Gehen eine leichte Klumpfussstellung ein. Aus seiner 
langjährigen Praxis führt Th. folgende Fälle an. 

Obrist Baron K. hatte sich in Turkestan einen schweren Gelenk¬ 
rheumatismus zugezogen. Er litt an einem unheilbaren Schiefhals. 
Beide Füsse standen auf den Innenkanten und waren so schmerzhaft, 
dass K. jahrelang kaum stehen konnte. 

Ich behandelte ihn einen Monat in meiner Anstalt, hierauf 
wohnte er auf dem Lande, Hess sich dort massieren, brauchte meine 
Schiene und Uebungen. Nach einigen Monaten konnte er grössere 
Strecken mit meinen Sohlen ohne Schmerzen gehen. 

Dieser Zustand erhielt sich jahrelang, allerdings setzte K. immer 
meine Uebungen fort. Wenn er es versuchte meine Sohlen abzu¬ 
legen traten sofort wieder Schmerzen und Gehstörungen ein. 

Helene von D. 14 Jahre alt, Zögling des Rigaer Waisenhauses, 
stammt von tuberkulösen Eltern. Sie hielt die Füsse meistens in 
einer leichten Klumpfussstellung. Das findet man nach der Beob¬ 
achtung von H. Meyer und nach meinen Beobachtungen häufig bei 
beginnenden Plattfüssen. Eine Abglattung des Fussgelenkes war 
nicht vorhanden. Behandlung wie bei Baron K. 

Es traten häufig Rückfälle mit grossen Schmerzen ein, da die 
Hausarbeiten im Waisenhause täglich langdauerndeS Stehen ver¬ 
langten. Sie verliess das Waisenhaus und bildete sich zur Buchhal¬ 
terin aus. Jetzt beseitigte die Behandlung die Schmerzen und Geh¬ 
störungen vollständig. 




Fig. 3. Rechtssei- Fig. 4. Rechtssei¬ 
tiger Plattfuss. tiger Klumpfuss. 


I 

I 


Zur Behandlung des Klumpfusses wird wie oben er¬ 
wähnt der Fuss längere Zeit durch die Schiene in 
Plattfussstellung erhalten. In schweren Fällen sind 
vorher die Sehnen durchzuschneiden, bisweilen auch 
Knochenoperationen vorzunehmen. Nach ausreichender 
Beseitigung der Klumpfussstellung lässt Th. Stiefel 
tragen, deren Sohlen und Absätze an der Aussenseite 
des Fusses vorstehen, also umgekehrt, wie beim Platt- 
fusse (Fig. 4). Derartige Stiefel sind allerdings jahrelang 
zu tragen. 

Folgender ganz besonders ungünstiger Fall erläutert 
den Gang der ganzen Behandlung. 

Frau K. 35 Jahre alt war an beiden Füssen und Händen ge¬ 
lähmt, infolge einer Arsenikvergiftung durch Tapeten. Rechts be¬ 
stand ein hochgradiger Plattfuss, links ein Klumpfuss. Ausserdem 
war an beiden Füssen eine hochgradige Spitzfussstellung eingetreten. 
Es reagierten die Dorsalflektoren weder faradisch noch galvanisch. 
11 Monate war die Kranke nicht mehr gegangen. 

Th. durchschnitt beide Achillessehnen. Jetzt gelang es leicht 
durch seine Schiene beide Füsse so stark überzukorrigieren, dass sie 
spitzwinkelig zum Schienbein standen (Hackenfussstellung). In dieser 
Stellung erhielt er die Füsse wochenlang. Hierdurch trat eine blei¬ 
bende Verkürzung der Dorsalflektoren ein d. h. die Füsse standen 
stets rechtwinkelig zum Schienbein. Allerdings konnte die Kranke 
jetzt die Fussspitzen gamicht mehr bewegen. Meistens erreicht man 
ja aber durch Sehnenüberpflanzungen in solchen Fällen auch nicht 
vielmehr. 

Jedenfalls ging nach einigen Wochen die Kranke grössere 
Strecken. Nach Briefen ihrer Aerzte war das ein grosser Erfolg; denn 


sie hatten es vollständig aufgegeben die Kranke Überhaupt noch auf 
die Beine zu bringen, da auch die Muskeln der Oberschenkel hoch¬ 
gradig geschwächt waren. 

Seit jener Zeit sind zwei Jahre vergangen. Die Verkürzung der 
Dorsalflektoren hat sich vollständig erhalten, die Stellung beider 
Füsse ist ganz normal Th. führt das hier ausdrücklich an, da man 
in vielen Fällen seine Behandlung an Stelle der Sehnenüberpflanzungen 
anwenden kann. 

Allerdings ist die Kranke genötigt noch immer die 
obenbeschriebenen Sohlen zu tragen. Das stösst aber 
auf garkeine Schwierigkeiten; denn die Sohlen sind eben¬ 
sowenig auffallend wie die sogen, „amerikanischen* 
Sohlen und jeder einigermassen geschickte Schuhmacher 
kann sie herstellen. Ja man kann sogar an fertig ge¬ 
kauften gutsitzenden Stiefeln mit breiten Spitzen die 
Sohlen und Absätze nach den beigefügteu Fig. 3 und 4 
abändern lassen. 

Auch nach Verstauchungen des Fussgelenkes lässt 
Th, zur Sicherung des Fusses die Sohlen nach Fig. 3 
und 4 umformen. 


Bücherbesprechungen und Referate. 

Zabludowski. Technik der Massage. Dritte, ver¬ 
änderte und vermehrte Auflage bearbeitet von 
Dr. J. Eiger. Mit 80 Abbildungen. Leipzig 1911 
Verlag von Georg Thieme. VIII + 140 Seiten. 
Ref. Dr. Hesse. 

Dr. J. Eiger, leitender Arzt des Berliner Ambula¬ 
toriums für Massage, hat es übernommen das bekannte 
Lehrbuch des verstorbenen hochverdienten Zablu¬ 
dowski in dritter Auflage umzuarbeiten. Wesentliche 
Aenderungen sind in den Abschnitten, welche über all¬ 
meine Grundsätze der Massagetecknik handeln, im Ver¬ 
gleich zu den früheren Auflagen nicht vorgenommen 
worden. Im allgemeinen ist die Einteilung und An¬ 
ordnung der Handgriffe im allgemeinen Teil übersicht¬ 
licher gestaltet, das Charakteristische der einzelnen 
Manipulationen mehr hervorgehoben und einzelne Hand¬ 
griffe, die Zabludowski zwar häufig angewendet hat, 
jedoch in den früheren Auflagen nicht beschrieben hatte, 
wie z. B. Tretungen, die einhändigen streichenden Kne¬ 
tungen neu aufgenommen worden. Die Lehre von der 
Knetung, dem Hauptfaktor der Massage, und von den 
kombinierten Manipulationen wurde im Sinne Zablu- 
d o w s k i s weiter ausgebaut. 

Das Buch ist jedem Chirurgen, besonders solchen, 
die mittleres Personal im Massieren zu beaufsichtigen 
haben, zu empfehlen. Die Abbildungen sind sehr in¬ 
struktiv. 

Clairmont und Haudek. Die Bedeutung der Ma¬ 
genradiologie für die Chirurgie. Jena. Verlag von 
Gustav Fischer 1911. — 96 Seiten. Preis Mk. 2.80. 
Ref. Dr. Hesse. 

Die von Eiseisberg sehe Schule in Wien steht 
augenblicklich in der Frage der abdominalen Chirurgie 
und in den Grenzgebieten der Chirurgie und Medizin 
fraglos obenan. Es ist deswegen auf das wärmste zu 
begrüssen, dass einer der hervorragensten Schüler 
v. Eiseisbergs Paul Clairmont im Zusammen¬ 
hang mit Martin Haudek, dem Assistenten Holz¬ 
knechts, seine reichen Erfahrungen auf dem Gebiet 
der Magenradiologie in übersichtlicher Form dargelegt 
hat. Das Buch ist weniger für den Röntgenologen, als 
in erster Linie für den Chirurgen und Internisten ge¬ 
schrieben. 

Nach den Ausführungen der Verfasser wird durch 
Verwendung des Röntgenverfahrens die Zahl der Fehl-, 
Probe- und Spätlaparotomien auf ein Minimum redu¬ 
ziert. Das Magenkarzinom konnte in allen Fällen, in 
welchen die Diagnose radiologisch sicher schien, durch 
den klinischen Befund nachgewiesen werden. Es ist zu 
hoffen, dass dieses Buch hauptsächlich im Kreise der 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Xe 6. 


93. 


Kliniker Eingang finde und diese so überaus wichtige ! 
Hilfswissenschaft, die Magenradiologie immer mehr zum , 
alltäglichen Werkzeuge der Internisten und Chirurgen j 
werde. Als Massstab dessen, was man mit der Röntge- | 
nologie der Abdominalorgane leisten kann, kann fraglos • 
das Clairmont-Haudeksche Buch dienen. 

Professor Dr. O. Heubner. Lehrbuch der Kinderheil¬ 
kunde. Dritte umgearbeitete Auflage. Verlag von 
Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1911. 2 Bände j 
M. 35. geb. M. 39. Ref. Dr. Hecker. , 

Zu den Werken allererster Klasse gehört fraglos d®s 
Lehrbuch Prof. Heubners und es nimmt seit seinem 
Erscheinen im Jahre 1903 wohl einen Hauptplatz in der i 
Bibliothek eines jeden Kinderarztes ein. Die Erfah¬ 
rungen des hervorragenden Gelehrten und Forschers 
bieten dem Leser eine Fülle von Belehrungen und sind 
ihm besonders wertvoll, weil sie mit Anregung zum 
Mitarbeiten und Weiterforschen verbunden sind. Der 
Name des Verf. verbietet es beinahe sein Geisteskind 
einer Rezension zu unterziehen, er allein ist ja schon 
Empfehlung genug! j 

Erwähnt sei nur, dass natürlich in dem Lehrbuche 
auch die allerletzten Errungenschaften der Pädiatrie, 
wie beispielsweise auf dem Gebiete der Ernährungs¬ 
pathologie- und Therapie Aufnahme gefunden haben, | 
und dass dem Buche eine grosse Anzahl von äusserst ' 
künstlerisch, nach dem Lumifcre-Verfahren, ausgeführten 
Abbildungen beigefügt sind, die so manches patholo- j 
gisch - anatomische Krankheitsbild ganz hervorragend | 
wiedergeben. j 

Professor Dr. Martin Kirchner. Schutzpockenimpfung 
und Impfgesetz. Verlag von Richard Schoetz. Ber- I 
lin. 1911. Ref. Dr. Hecker. j 

Seit Jahren, von Beginn der Schutzpockenimpfung 
an, hat es Impfgegner gegeben, welche den grossen I 
Segen dieser Einführung in die Praxis versucht haben 
zu misskreditieren, und in dem letzten Jahrzehnte sind 
dem deutschen Reichstage eine Anzahl von Petitionen 
zugegangen, die die Aufhebung und Abänderung des 
Impfgesetzes vom 8. April 1874 beantragen, und die 
auch wiederholt Gegenstand eingehender Beratung ge¬ 
wesen sind. 

Da hat sich nun Prof. Kirchner, Vortragender Rat 
im preussischen Ministerium des Innern, an die loh¬ 
nende Arbeit gemacht, in einem eben erschienenen Büch¬ 
lein unter Benutzung amtlicher Quellen das alles zu¬ 
sammenzufassen, was sich auf die Schutzpockenimpfung 
bezieht, ihren grossen Nutzen statistisch nachzuweisen, 
wobei er gegen die Impfgegner scharf ins Zeug ge¬ 
gangen ist und glänzend alles wiederlegt hat, was von 
ihnen gegen die Impfung vorgebracht worden ist. 

Allen, die sich mit dieser Frage beschäftigen wollen, 
sei auf das vorliegende Büchlein hingewiesen. 

Dr. Carl Seitz. Kurzgefasstes Lehrbuch der Kinder- I 
heilkunde für Aerzte und Studierende. Dritte ver¬ 
mehrte und völlig umgearbeitete Auflage. Verlag 
von S. Karger. Berlin 1910. 558 Seiten. Preis 
gebund. M. 14 60. Ref. Dr. Hecker. 

Die Kinderheilkunde hat als eigene Disziplin in den 
allerletzten Jahrzehnten eine derartige Bereicherung an 
neuen Gesichtspunkten gewonnen, dass ein kurzgefasstes 
Lehrbuch in gewisser Knappheit zu verfassen wohl zu 
den schwierigsten Aufgaben gehört. So ist auch aus 
dem in seiner ersten Auflage im Jahre 1893 als „Kom¬ 
pendium der Kinderkrankheiten“ erschienenen Büchlein 
Verf s in der vorliegenden dritten Auflage ein recht statt¬ 
liches Werk entstanden, das durchaus berufen erscheint, 
Aerzte und Studierende in die Pädiatrie einzuführen und 
über das Wichtigste zu orientieren. 

Ganz besonders wertvoll in dem vorliegenden Lehr¬ 
buche ist auch für jeden Spezialisten die hervorragend 


umfassende Bearbeitung des allgemeinen Teiles, wir wir 
das in anderen Spezialbüchern selten finden. 

Nachdem im ersten Kapitel die anatomisch-physiolo¬ 
gischen Eigentümlichkeiten des kindlichen Alters eine 
Besprechung gefunden, widmet Verf. das zweite Kapitel 
der Ernänrung und Pflege der Kinder. Hier in diesem 
Kapitel wird sich der Praktiker so manche Antwort in 
Bezug auf zugebenden Rat holen können, auf die an ihn 
von jungen Müttern in vielseitiger Weise gestellten 
Fragen. 

Im dritten Kapitel kommt in ausführlichster, sehr dan¬ 
kenswerter Weise alles zur Besprechung, was bei 
der Untersuchung der Kinder in Frage kommen muss, 
um zu einer richtigen Diagnose zu gelangen, und daran 
anschliessend bringt das letzte Kapitel des allgemeinen 
Teiles die Behandlung der Kinder zur Sprache, ein* 
schliesslich der Dosierung der gangbarsten Medika¬ 
mente. 

Dass die Bearbeitung auch des speziellen Teiles 
durchaus auf der Höhe ist, wird aus dem Gesagten er¬ 
sichtlich sein, so dass das vorliegende Buch allen Prak¬ 
tikern und auch Kinderärzten sehr warm empfohlen 
werden kann. 

Nachtrag I zu „Gehes Codex“. 

Er enthält die im vergangenen Jahr neu in den Han¬ 
del gekommenen Arzneimittel und Präparate sowie Er¬ 
gänzungen und Nachträge zu dem Ende 1910 herausge¬ 
gebenen Hauptwerk. 

Die Anzahl der ernst zn nehmenden, neu im Handel 
erschienenen Arzneimittel ist recht gering, hingegen 
nehmen wieder die unkontrollierbaren Geheimmittel und 
Spezialitäten der Kleinindusrie einen breiten Raum ein. 
Soweit es möglich war, hat die Firma die Untersuchungs¬ 
ergebnisse und sonst bekannt gewordene Angaben über 
diese Mittel aufgenommen, um den Fachkreisen Auf* 
klärung über diese vielfach wertlosen Erzeugnisse zu. 
geben. Technische Präparate sind in erweitertem Um¬ 
fang herangezogen worden, da in der Literatur meist 
nur schwer etwas darüber zu finden ist. Die Benutzer 
des Buches haben so die Möglichkeit, sich auch über 
sie zu unterrichten. Jedenfalls ist hier der Versuch ge¬ 
macht, durch eingehende und gleichmässige Berücksich¬ 
tigung der einschlägigen Gebiete das Buch mehr und 
mehr zu einem universalen Nachschlagewerk der phar¬ 
mazeutischen und chemisch-technischen Spezialpräparate 
auszugestalten, das auf alle Fragen über diese unter 
geschützten oder nicht geschützten Phantasie-Namen im 
Handel befindlichen Erzeugnisse zuverlässige Aus¬ 
kunft gibt. 

W. Rokitzki. Von der plastischen Wiederherstellung 
von Defekten im Organismus. Russki Wratsch 
1910, No 50. 

2 Fälle von heteroplastischer Wiederherstellung (1 mal des Oeso¬ 
phagus, 1 mal zirkulare Wiederherstellung des Darmes). 1. Fall, be¬ 
schrieben im Archiv für klinische Chirurgie, liegt schon 4 Jahre zu¬ 
rück. 2. Fall, operiert nach der Methode von N6laton-Jeannel: 
2 halbmondförmige Schnitte durch die Haut um die Oeffnung des 
Anus praeternaturalis, 1,5—2 cm. vom Uebergang in die Serosa des 
Darmes. Abpräparieren des Hautlappens von der Peripherie zum 
Zentrum so weit, dass die Ränder ohne Spannung über der Oeffnung 
vernäht werden können, wobei der Lappen mit der Epidermis ins 
Darmlumen zu liegen kommt. Darauf totaler Schluss der Bauchwand. 

Im 3. Falle handelt es sich um eine valle zirkuläre Plastik des 
Darmes. Der Kranke hatte nach der Operation an seinem Darm eine 
Hautröhre mit einem Durchmesser von 3 cm; die Länge der vorde¬ 
ren Fläche betrug 10, die der hinteren 2,5 cm. — 

Es handelte sich um einen Knaben, bei dem sich nach einem 
operativen Eingriff an der Linea alba eine Dünndarmschliqge und 
2,6 cm. über derselben das Ende des Colon ascendens öffnete, durch 
die, trotz nachfolgender Operation (Darmanastomose) Kotmassen aus¬ 
geschieden wurden. Operation nach Nelaton-Jeannel: ovaler 
Schnitt um beide Ocffnungen des Darmes, es wird ein Hautlappen 
von 12 cm. Länge und 11 cm. Breite markiert. Nach Abseparieren 
der Ränder, werden dieselben, mit der Epidermis nach innen, sorg¬ 
fältig längs der ganzen Länge des Lappens vernäht (in Form von 
Lembertnaht). Dadurch entsteht «ine geschlossene Hautröhre 
von 3 cm. im Durchmesser, die beide Enden, sowohl des Dünn- als 


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94. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Nb 6. 


1912. 


auch des Dickdarmes, vereinigt. Darüber werden beide mm. recti j 
abdominis vernäht. Darauf Naht der vorderen Aponeurose, Hautnaht, 
Drainage. Knabe gesund. Operation liegt 1 Jahr zurück. ; 


Le Veronal sodique en neurobiologie. Par | 
Dr. M a r i e, — (Archives de Neurologie. Juin 1911). i 

Veronal hat nicht nur hypnotische, sondern aueh sedative und I 
antispasmodische Wirkungen. Der hypnotische Effekt erstreckt sich 1 
bisweilen auf den folgenden Tag, seltener tritt er verzögert ein. Die j 
Ursache liegt wohl in langsamer Ausscheidung bezw. verzögerter 
Resorption. Man gibt es deshalb am besten in heisser Flüssigkeit J 
gelöst. Unnötig ist dies bei dem leichtlöslichen Veronal-Natrium, das 
sehr schnell wirkt, auch wenn es ungelöst genommen wird. Als 
Schlafmittel ist Veronal-Natrium sehr zuverlässig bei einfacher Insom¬ 
nie und bei Neurasthenie, Hysterie, Melancholie, chronischem Alko¬ 
holismus; als Sedativum, in entsprechenden Dosen, bei Aufregungs¬ 
zuständen infolge Melancholie, Dementia praecox, allgemeine Paralyse, 
Idiotie, Epilepsie, Delirium tremens; ferner leistet es gute Dienste 
bei Nikotinismus, Cocainismus und insbesondere bei der Morphino- 
manie. Veronal-Natrium ist ein direkter Antagonist des Morphins. 
Eine grosse Reihe von Krankengeschichten illustriert die Wirksamkeit 
des Mittels in derartigen ^Fällen. 

Behandlung der tertiären Syphilis mittels 1 
Jodi pin. Von Dr. Filaretopoulos in Athen. 
(Jatrikos Minitor, 1909, Nb 22/23.) 

Unter den zahlreichen Jodpräparaten hält F. das Jodipin für das 
geeignetste, da es die kranken Gewebe einer langdauernden Jodwir¬ 
kung aussetzt. Bei einer Jodipinkur wurden noch nach 70 Tagen 
Spuren von Jod im Urin gefunden. Kumulative Erscheinungen und 
Jodismus sind selbst bei hohen Dosen sehr selten und unbedeutend 
gewesen. Als günstige Nebenwirkung ist die Hebung des Ernäh¬ 
rungszustandes zu nennen. Zur Technick der Jodipininjektionen be¬ 
merkt der Verfasser, dass die Einspritzungen, in die Glutaealgegend 
oder den Interskapularraum, so langsam wie möglich ausgeführt wer¬ 
den müssen um Indurationen vorzubeugen. Nennenswerte Nachteile 
hat diese Applikation nie gehabt. 

Bemerkenswert ist ein Fall von tertiärer Arthritis, wo Hg und 
J ohne Erfolg blieben. Nach 12 Jodipininjektionen von 10 ccm. 
waren die Geschwülste des Knies fast geschwunden und die Gehfä¬ 
higkeit wiederhergestellt. 

Ebensogute Resultate wurden erzielt bei multiplen Gummata der 
Haut, Hemiplegie infolge von gummöser Endarteritis cerebralis, Pa¬ 
rese der unteren Gliedmassen mit Erscheinungen von Spinalparalyse; 
in letzterem Falle wurde der Gang fast normal. Bei tertiären For¬ 
men der Syphilis bewährt sich oft sehr gut die Kombination von 
Salvarsan mit einer Serie von Jodipininjektionen. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Riga. i 

1538. Sitzung vom 21. Dezember 1911. 1 

Anwesend 43 Mitglieder und als Gäste die Herren DDr. Werth, 1 
A r b u s o w und M a t z k e i t. 

Vorsitzender: Dr. O. S t e n d e r. Schriftführer: Dr. E. K r o e g e r. j 

P. 1. Dr. M. Hirschberg: Innere Ursachen bei Haut¬ 
krankheiten. 

(Der Vortrag erscheint in der St. Ptbrg. Med. .Zeitschr.) 

Diskussion: 1 

Dr. B ü 11 n e r: Die enterogene Intoxikation äussert sich bc- I 
kanntlich ausser in Symptomen von Seiten des Nervensystems auch 
in Urtikaria, Erythemen und anderen Hautaffektionen; typisch ist da¬ 
für die Urtikaria. Während man noch vor Kurzem für die enterogene 
Urtikaria gewisse Verdauungsstörungen, wie vermehrte Eiweissfäulnis, 
verantwortlich machte, kommt man jetzt wohl immer mehr zur An¬ 
schauung, dass diese Verdauungsstörungen nur begünstigend auf das i 
Zustandekommen der enterogenen Intoxikation wirken. Der wahre 
Grund wird neuerdings von vielen Seiten in anaphylaktischen Vor¬ 
gängen gesucht. Nach Friedberger, Wolff-Eisner und anderen Auto¬ 
ren lührt ein ungenügender Abbau gewisser eiweisshaltiger Nahrungs¬ 
mittel dazu. Die Immunitätsforschung hat uns aber das mutmasslich l 
richtige Verständnis für den Entstehungsmodus der enterogenen 
Urtikaria gelehrt. Ich glaube aber nicht, dass ein ungenügender Ab¬ 
bau des Eiweisskörpers es sein kann, welcher zu anaphylaktischen 
Symptomen führt, denn es finden sich ja immer im Darme neben 
tief abgebauten auch ungenügend abgebaute Spaltprodukte des 
Nahrungseiweisses und so wird man wohl annehmen dürfen, dass der 
Darm sich gegen die Resorption ungenügend abgebauten Eiweiss¬ 
spaltprodukts normaliter zu schützen weiss. Mir erscheint es also 
als wahrscheinlich, dass den in Rede stehenden anaphylaktischen j 
Vorgängen nicht ein ungenügender Abbau, sondern eine Resorptions- { 
Störung zu Grunde liegt, indem ungenügend abgebaute Eiweisspalt¬ 
produkte pathologischerweise zur Resorption gelangen. Die Annahme i 
einer Resorption im Darme gebildeter, an sich giftiger Stoffe scheint 
mir unnötig zu sein. 


Auffallend finde ich es, dass bei Darmgeschwüren anscheinend 
bisher keine anaphylaktischen Vorgänge beobachtet worden sind. 
Hier sollte man doch meinen, wären die Bedingungen zur Aufnahme 
unabgebauten Nahrungseiweisses ins Blut gegeben. Vielleicht, dass 
wenn man auf diesen Punkt achten wird, auch anaphylaktische Vor¬ 
gänge zur Beobachtung hierbei gelangen würden. Ich halte es für 
nicht unmöglich, dass beim Typhus abdominalis ein gewisser Anteil 
des Fiebers bei offenen Geschwüren tatsächlich auf Rechnung von 
Resorption ungenügend abgebauten Nahrungseiweisses zu setzen wäre. 
Desgleichen wäre bei den in der Rekonvaleszenz des Typhus abdo¬ 
minalis nach Fleischgenuss gelegentlich beobachteten Temperatur¬ 
steigerungen an anphylaktisehe Vorgänge zu denken, welche durch 
eine Resorptionsstörung entstehen konnten, indem ungenügend abge¬ 
bautes Eiweiss resorbiert wurde. 

(Autoreferat). 

Dr. Berkholz vertritt auch die Ansicht von Dr. Büttner, dass 
Urtikaria eine Reaktion der Haut auf subkutan oder innerlich verab¬ 
folgtes artfremdes Eiweiss ist. Als Beispiel der Wirkung subkutan 
eingeführten Eiweisses führt er die Serumwirkung auf die Haut an. 
Das Scrumexanthem ist eine Urtikaria. Dass auch per os eingeführtes 
Eiweiss Urtikaria hervorruft, ist bekannt. Als Beispiel aus seiner 
Praxis führt er folgenden Fall an: Ein 6 monatliches gesundes Kind 
sollte abgestillt werden und erhielt eine Mahlzeit Va Milchschleim, 
worauf sich im Laufe von 20 Minuten heftigste universelle Urtikaria 
einstellte. Dieses Experiment wurde noch 2 mal mit 1 a Milchwasser 
wiederholt. Resultat: gleicher Effekt in etwas abgeschwächter 
Form. Dr. Hirschberg entgegnet er, dass ein Zusammenhang der 
uratischen Diathese der Erwachsenen mit dem als exsudative Dia- 
these der Kinder bekannten Zustande von den Pädiatern geleugnet 
wird. Die exsudative Diathese, die sich in allerhand Hautausschlä¬ 
gen und Katarrhen der Schleimhäute äussert, wird auf eine Ano¬ 
malie der Drüsenfunktion des Darmes zurückgeführt, die eine 
Schwäche in der Ausnutzung der eingeführten Nahrung aufweisen. 
Ob diese Schwäche in der Verdauungskraft gegenüber dem Fett oder 
Eiweisstoffen besteht, oder im Mineralstoffwechsel stattfindet ist noch 
nicht erwiesen. C e r n y bringt sie mit der Fettverdauung in Zu¬ 
sammenhang. Exsudative und nervöse Diathese finden sich häufig 
kombiniert, ihr getrenntes Auftreten beweist aber die Selbständig¬ 
keit beider Diathesen. Der von P a 11 a u f aufgestellte Begriff der 
lymphatischen Konstitution ist im allgemeinen aufgegeben worden. 

(Autoreferat). 


Dr. Woloschinsky: Wenn ein Tier anaphylaktisch gemacht 
wird, so geht es an einer wiederholten Einspritzung zu Grunde, eben 
so wie sein Eiweiss für seinesgleichen gefährlich ist. Ehe man 
dieses wusste, hatte man schon klinische Beobachtungen gemacht 
die dem Tierexperimente analog sind. Solche Eigentümlichkeiten 
offenbarten sich dazwischen familiär, so dass gerade einige Familien 
gegen gewisse Eiweissarten und Medikamente sehr empfindlich sind. 

Dr. W. L i e v e n will aus den Gefahren der Anaphylaxie die 
praktische Nutzfolgerung ziehen und warnt vor prophylaktischen 
Seruminjektionen. Die Todesfälle dabei sind nicht der Diphtherie, 
sondern den anaphylaktischen Erscheinungen zuzuschreiben. Man 
sollte erst beim sicheren Erkennen der Diphtherie zum Serum 
greifen. 


Dr. Berkholz rät die Serumgaben aus Furcht vor der Ana¬ 
phylaxie nicht einzuschränken, da der Tod wegen zu geringer Se¬ 
rumgaben bekannt ist, der Tod aber an Anaphylaxie unbekannt ist. 
Auen die prophylaktischen Seruminjektionen müssen unter Umständen 
ihren Wert behalten. 


Dr. v. Hampeln: Durch die Anaphylaxiefrage ist das eigent¬ 
liche Thema der Diskussion verlassen worden. Uri Hirschberg hat 
auf die gegenwärtige Erkenntnis hingewiesen, dass nicht nur der 
anatomische Sitz der Krankheit, sondern auch die Körperbeschaffen¬ 
heit, die Konstitution des Kranken in Betracht käme. Die ältere 
Medizin hat der Beschaffenheit der Körpersäfte in Krankheitsfällen 
viel mehr Aufmerksamkeit zugewandt und es ist auffallend, dass 
dieser Standpunkt verlassen worden ist. Die anatomische Verände¬ 
rung isl schon ein vorgeschrittener Zustand des Krankheitsbildes. 
Es gibt Körperbeschaffenheiten, die zu gewissen Krankheiten neigen. 
Die jetzt neu eingeführten termini sind häufig schlecht gewählt, so 
müssen an Stelle des Ausdrucks: .Arthritismus* besser: .gichtisch, 
gesagt werden. 

Dr. Büttner: Zur Vermeidung der vorhin erwähnten Gefahr 
hat Ascoli empfohlen, zur prophylaktischen Injektion (gegen Diph¬ 
therie) antitoxisches Serum vom Hammel zu verwenden, um im Falle, 
dass nachher dennoch Erkrankung eintritt, nunmehr ohne wesentliche 
Anaphylaxie-Gefahr hochwertiges Pferdeserum verwenden zu können. 
Hat eine prophylaktische Injektion nicht stattgehabt, so würde eine 
wesentlichere Anaphylaxiegefahr ja erst nach länger dauernder An¬ 
wendung des Heilserums eintreten. (Autoreferat). 

Dr. Hirschberg (Schlusswort) hat sich bemüht ln seinem 
Vortrag so wenig wie möglich Details zu geben und zu zeigen wie 
sich das moderne Denken biologischen Fragen gegenüber verändert 
hat und wie der Konstitution und der Vererbung mehr Rechnung 
getragen wird. 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift Ne 6. 


95. 


Gesellschaft prakt. Aerzte zu Libau. ! 

Sitzung am 6. Ökt. 1911. ! 

Präses: Falk. Sekretär: B r e hm. 

1 . I 

Alksne demonstriert das Röntgenbild einer Pyoncph- 
rose, auf dem ein dunkler Schatten sichtbar ist entsprechend dem 
Nierenbecken Dieser Schatten könnte als Stein imponieren, doch ' 
handelt es sich sicherlich nicht darum, sondern wohl um den Schat- ' 
ten einer leichten Inkrustation mit Argent. nitric. da der Patient, 
dessen Pyelitis mit Nierenbeckenspülungen behandelt wurde, u. a. 
auch mit Arg. nitric. — Lösung gespült wurde. 

2 . 

Alksne demonstriert das Röntgenbild eines Falles von 
Knochenbolzung vermittelst frei transplantierten Tibiaspahns 
Es handelte sich um eine schwere Unterschenkelfraktur, die in so 
schlechter Stellung war, dass das obere Fibulafragment fast auf dem 
Malleolus medialis stand, während das obere Tibiafragment lateral- 
wärts verschoben war. A. führte die Knochennaht mit Silberdraht aus 
doch führte das nicht zum Ziel, der Draht musste entfernt werden, 
und es bildet sich eine Pseudnrthrose heraus. Bei der zweiten Ope¬ 
ration wurde mit der Giglisäge ein Knochenspahn aus der Tibiakante 
gesägt und seine Enden in die Markhöhle, resp. Spongiosa der Tibia¬ 
fragmente eingebohrt, so dass eine feste Vereinigung zu stände kam. , 
Die Fibula wurde mit Draht genäht. Der Erfolg ist gut, das implan¬ 
tierte Stück ist nicht nur anstandslos eingeheilt, wie das Röntgenbild 
zeigt, sondern die Funktion des Beines ist jetzt nach c. 4 Monaten 
so gut, dass Patient auftreten kann. 

Diskussion. , 

Brehm: Wer Gelegenheit gehabt hat sich mit alten, schlecht 
oder gar nicht geheilten Unterschenkelfrakturen herumzuschlagen, 
wird diesen schönen Erfolg um so höher schätzen. Diese Fälle bil- 
den oft eine wahre crux für den Chirurgen, die Naht versagte sehr 
oft, die ganze Technik ist schwierig, oft kostet es schon grosse Mühe 
die Fragmente nur in erträgliche Stellung zu bringen. Die freie 
Knochentransplantation wird ja jetzt in ausgedehntester Weise geübt 
und auf dem diesjährigen Chirurgenkongress stellten Küttner und 
Lexer ganz wunderbare Fälle vor, zum Beispiel den Ersatz grösster 1 
Teile des Femur durch Leichenknochen, der nicht nur unverzüglich 
cinheilte, sondern ausgezeichnet funktionierte. Allerdings wies spez. 
Lexer darauf hin, dass solche Leichenknochen doch nur als gute 
Prothesen wirken und mit der Zeit der Resorption verfallen, doch i 
habe unterdessen das Periost Zeit einen neuen Knochen zu bilden, der die 
Prothese entlasten und ablösen könne. Von der wunderbaren Fähig¬ 
keit des Periosts ganz neue tragfähige Röhrenknochen zu bilden, 
könne man sich leicht nach den Totalresektionen wegen schwerer 
Osteomyelitis überzeugen. Die schönen Resultate der Knochenbolzung, 
die sofort nach der Operation einen festen Halt gibt, werden etwas 
getrübt durch gelegentlich noch nach Monaten eintretende Lockerun¬ 
gen, die nach. Resorption des Knochenbolzens wieder zur Pseudarth- 
rose führen. i 

Alksne erwidert, dass nach nunmehr 4 Monaten man die Kon¬ 
solidation wohl als eine bleibende ansehen könne. In diesem Fall 
sei die Bolzung das einzig Mögliche gewesen, da der Knochen so 
weich war, dass an eine Vereinigung durch Draht, die schon einmal 
fehlgeschlagen sei, nicht mehr zu denken war; jedenfalls müsse man 
bei der Bolzung drauf bedacht sein, den Knochenspahn mit dem 
Periost zu entnehmen und lezteres sehr zu schonen. Eine unzuver¬ 
lässige Sache sei die künstliche Vereinigung der Knochen immer^ 


Feuilleton. 

Einiges zur Krebsfrage. ! 

Von Dr. Julius G r ü n b e r g in St. Petersburg. 

Die Versuche, die in den letzten Jahren gemacht wurden, um | 
des Krebses, einer der heimtückischsten Geissein, die das Men- I 
schengeschlecht kennt, Herr zu werden, sind ausserordentlich zahl- I 
reich. Ich erinnere nur an die Radium- und Röntgentherapie, an die 
Fulguration (Behandlung mit hochgespannten elektrischen Strömen) 
an das Kankroidin von Adam Rivier, an das Antimeristem von 
Schmidt, an die intratumorale Einspritzung des Salvarsans von seiten 
Czerny. 

Alle diese Mittel haben entweder wie das Kankroidin oder 
Antimeristem gar keinen Wert oder wie die andern eben genannten 
einen rein palliativen Wert. Bis heute gilt noch das Messer des 
Chirurgen, rechtzeitig gebraucht, als unersetzbar. Aber auch hier 
können wir keine endgiltige Heilung versprechen. Die bei der 
Operation zurückgelassenen nur mikroskopisch sichtbaren Herde 
oder die unabsichtlich in die Lymphbahnen implantierten Herde 
wuchern; es kommt früher oder später zum Rezidiv. Mit Freude 
muss man es daher begrüssen, dass Wassermann als erster den Ver¬ 
such gemacht hat, die Prinzipien der Ehrlichschen Chemotherapie 
für die malignen Tumoren anzuwenden. Das Problem, das Wasser¬ 
mann zu lösen bestrebt war, bestand darin, nicht etwa von aussen i 


oft genug bleibe die Konsolidation trotz sorgfältigster Technik und 
prima intentio doch aus. 

Falk sah einen Fall von Osteomyelitis femofis bei einem Kinde 
bei dem die Totalresektion ausgeführt wurde und der Knochen sich im 
Laufe einiger Jahre sehr gut wiederbildete, nur sei eine starke Ver¬ 
kürzung eingetreten. 

Brehm die Totalresektion wegen Osteomyelitis gibt beim Er¬ 
wachsenen bessere Resultate, weil die Verkürzung eine geringere ist, 
denn das Längenwachstum des neugebildeten Knochenstabes beim 
Kinde kann, wenn die Epighysenlinien zerstört sind, natürlich nur ein 
mangelhaftes sein. Beim Erwachsenen dagegen muss man nur sehr 
tüchtig extendieren, so sind die Resultate ausgezeichnet, wie ich das 
selbst mehrfach gesehen habe. 

3. 

Alksne demonstriert den tuberkulösen Hoden und 
Nebenhoden eines einjährigen Kindes. Hodentuberkulose in 
solch zartem Alter sei als grosse Rarität anzusehen. 

4. 

Mlchelson referiert über die diesjährige grosse Hygiene- 
Ausstellung in Dresden. 


Sitzung am 10. November 1911. 

Präses: Falk. Sekretär: B r eh m. 

1 . 

Schmfihmann stellt einen Fall von typ scher rechtsseitiger 
Serratuslähmung vor. Als ätiologisches Moment spricht er die 
beständige Auf- und Abwärtsbewegung des Armes an, die der Patient 
in seinem Beruf als Böttcher auszuführen hat. 

Diskussion. 

Falk meint, dass diese Erklärung nicht ausreichend sei, er 
könne sich nicht vorstellen, dass ein Nerv nur durch vermehrte Inan¬ 
spruchnahme gelähmt werden können, es müsse doch noch eine 
andere. Schädigung hinzutreten. 

Christiani glaubt diese Schädigung in einer vorausgegange¬ 
nen Infektion oder in deren toxischer Einwirkung suchen zu müssen, 
die vermehrte Inanspruchnahme trifft dann eben einen locus minoris 
resistentiae. 

2 . 

Ischreyt bringt ein Bild der Laufbahn und wissenschaftlichen 
Thätigkeit des im Sommer in Berlin an einem Herzschlage gestor¬ 
benen Mitgliedes der Gesellschaft Dr. H a e n s e 1 (vergl. d. Z. bh 50. 
1911). 

3. 

Dawldson (als Gast) referiert über den künstlichen Pneu¬ 
mothorax bei Lungentuberkulose. 

Diskussion. 

Christiani will diese neuere chirurgische Methode der Lun¬ 
gentuberkulosebehandlung nur dann akzeptieren, wenn sie in Statistik 
und praktischer Brauchbarkeit sich den anderen konservativen Me¬ 
thoden als überlegen erweist, doch müsste die Statistik schon grosse 
Zahlen aufweisen und mit der Statistik anderer Methoden gleichlaufend 
aufgestellt werden. 

Falk schliesst aus den in der Litteratur niedergelegten Meinun¬ 
gen auf eine Gleichstellung des künstlichen Pneumothorax mit den 
anderen Methoden bei Phthise mit weniger günstiger Prognose und 


eingedrungene Erreger, sondern im Organismus selbst neugebildete 
Zellen spezifischer Art chemotherapeutisch zu beeinflussen. Er 
musste also chemische Mittel konstruieren, welche in erster Linie 
nur die neugebildeten Geschwulstzellen, nicht aber die zum nor¬ 
malen Bestände des Organismus angehörigen Körperzellen angreifen, 
d. h mit andern Worten, er musste ein elektiv nur auf den Krebs 
wirkendes Mittel finden. Wassermann benutzte zu seinen Versuchen 
die Mäusekarzinome, welche seit den Versuchen von Ehrlich und 
Apolant, Jensen und Carl Lewin bezüglich ihrer Ueberimpfbarkeit, 
ihres klinisches Verhaltens und ihrer histologischen Struktur genau 
studiert und bekannt sind. Wie allgemein bekannt sein dürfte, fand 
Wassermann im Selen einen chemischen Körper, der auf das Karzi¬ 
nom der Mäuse destruierend einwirkt. 

Das prinzipiell Neue und Wichtige ist, dass dieser Körper nicht 
lokal appliziert wird, sondern intravenös injiziert automatisch an den 
Tumor herangeht. Da nun der Mäusetumor ein schlecht vaskulari- 
siertes Gebilde ist, so brauchte Wassermann einen „Transporteuren* 
zum Tumor, oder wie er sich treffend ausdrückte, „Eisenbahnschie¬ 
nen*, die das Selen auf dem Blutwege zum Tumor befördern. Als 
Transporteur dient Wassermann das ausserordentlich leicht diffun¬ 
dierbare Eosin. 

Wassermann gibt Mäusen von etwa 15 gr. Körpergewicht im 
ganzen 2,5 mgr. eosinsaures Selen in etwa 4—8 Injektionen und 
geht damit hart an die toxische Grenze. 

Der klinische Effekt, d. h. die Erweichung des Tumors, tritt ge¬ 
wöhnlich schon nach der 3. Injektion ein. Wie histologische Unter- 


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96. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 6. 


1912. 


würde die neue Methode in der Praxis bevorzugen, falls sie die 
Möglichkeit bieten sollte den langen und wiederholten Aufenthalt in 
den Heilstätten zu kürzen resp. zu vermeiden. 

Dawidson gibt an, dass der Ausbauer der Methode, Brauer, 
meist solche Fälle gewählt habe, die bereits mehrfach ohne Erfolg 
andere Methoden erschöpft hatten, wobei er doch zu recht günstigen 
Resultaten gelangt sei. 

4 . 

Christian! referiert über einen Fall von Ovarialkarzi- 
nom intra graviditatem, der von ihm in den letzten Tagen , 
operiert wurde. Für das Absterben der Frucht weiss er eine Er¬ 
klärung nicht zu geben, es sei denn, dass die erhebliche Kachexie 
der Mutter von Einfluss gewesen sei. Für eine post partum einge- j 
tretene doppelseitige Parotitis könne er die Erklärung der Autoren, ! 
die darin stets eine Infektion sehen, nicht annehmen, sondern glaube 
eher auf den bekannten Zusammenhang von epidemischer Parotitis, j 
Epididymitis und Ovarialerkrankung rekurrieren zu müssen. (Autore¬ 
ferat). 

5 . ; 

Alksne „Ein neuer Vorschlag zur Plastik nach 

Unterkieferresektionen.“ (Erscheint im Druck). 


Therapeutische Notiz. 

Aus dem Pharm. Institut der Universität Bonn. Codeonal, ein neues 
Narkotikum und Hypnotfkum. Von Dr. C. Bachem, Privatdozent 
und Assistent des Instituts. 

(Berlin. Klin. Wochenschrift 1912, Nr. 6.) 


Durch eine Reihe Untersuchungen hat Bürgi festgestellt, dass i 
Kombinationen narkotischer Mittel verschiedener chemischer Gruppen ! 
imstande sind, die Wirkung ihrer Komponenten nicht nur zu addieren, 
sondern bis zu einem gewissen Grade zu potenzieren. 

Die in den Handel kommende Mischung, Kodeonal genannt, 
besteht aus 11,76% Kodein, diäthylbarbit. und 88,24% Natrium 
diäthylbarbit. Kodeonal-Tabletten enthalten 0,02 Kodeinum diäthyl- 
barbituricum und 0,15 Natr. diäthylbarbit. Sie sind mit einer dünnen 
Zuckerschicht überzogen (damit der bittere Geschmack nicht zur 
Geltung kommt) und enthalten als Geruchs- und Geschmackskorrigens 
Spuren von Pfeffermünzöl. Die Dosierung der Tabletten und die 
Verzuckerung wurde auf Veranlassung von Prof. Alt-Uchtspringe ge¬ 
wählt. Der Kodeingehalt, berechnet auf reines Kodein, beträgt 7,4% 
Das Präparat eignet sich gut als Sedativum und Hypnotikum beson¬ 
ders in jenen Fällen, in denen der Schlaf durch Hustenreiz und 
dergl. gestört ist, sowie bei Vorhandensein von Schmerzen in den 
vom Symphathikus innervierten Organen, wo Kodeindarreichung ange¬ 
zeigt ist. Einige unerwünschte Nebenwirkungen der Diäthylbarbitur- 
säure werden im Kodeonal vermindert oder unterdrückt; besonders 
tritt der nach Diäthylbarbitursäure beobachtete Temperaturabfall beim 
Kodeonalgebrauch bedeutend zurück. Bei den relativ geringen thera¬ 
peutisch üblichen Mengen dürfte das Kodeonal so gut wie keine 
Temperaturherabsetzung bedingen. Man wird sich also seiner in 
allen Fällen mit Vorteil bedienen können, wo eine Temperaturver¬ 
ringerung vermieden werden soll und andere Schlafmittel aus dem 
angegebenen Grunde kontrainziert sind. B. hatte verschiedentlich 
Gelegenheit, sich von der günstigen therapeutischen Wirkung des I 
Kodeonals zu überzeugen, in einigen Selbstversuchen und auch ■ 
sonst fand er, dass Anfälle nervöser Schlaflosigkeit oder wo solche ! 

infolge Hustens bestand, bereits nach Gebrauch einer Tablette be- I 
seitigt wurden. Inwieweit sich das Kodeonal auch zur Behandlung 


suchungen von Hansemann ergeben haben, wird das Präparat in der 
Umgebung des Kerns der Krebszellen niedergeschlagen, wirkt also 
nukleotrop. I 

Unabhängig von Wassermann haben Neuberg und Kaspary an 
dem tierphysiologischen Institut der landwirtschaftlichen Hochschule 
in Berlin auf Grund von sehr mühevollen schon etwa 2 Jahren ] 
dauernden Untersuchungen einen vollen Erfolg aufzuweisen. Ihre Pu- | 
blikation in der .Deutschen Medizin. Wochenschr. Nr. 8. 1912“ j 
wurde gewissermassen vorzeitig erzwungen durch die am 17.11.12 i 
in der Gesellschaft für praktische Aerzte in Paris erfolgte Mitteilung 1 
von Dr. Gaube de Gers. Er berichtet über inoperable Fälle von 
Menschenkrebs, die er sehr günstig durch eine kolloidale Metallver- i 
bindung beeinflusst habe. 

Der Grundgedanke, der Neuberg und Kaspary leitete, war fol- ! 
gender. Salkosky und seine Schüler hatten festgestellt, dass ausser 
Radium besonders Schwermetalle, und namentlich die, in kolloidaler | 
Form auftretenden Verbindungen, die in dem Tumor event. spontan 
auftretende Autolyse verstärken. Neuberg und Kaspary haben nun 
Schwermetalle in eine Form gebracht, die mit relativer Ungiftigkeit 
spezifische Wirkungen auf die Mäusetumoren ausübt. Die Metalle, 
die in Betracht kommen, sind: Gold, Platin, Silber, Radium, Ruthe¬ 
nium, Iridrum, Blei, besonders aber Kupfer und Zink. — Schon we¬ 
nige Minuten nach der intravenösen Injektion zeigen sich die Gefässe 
in der Umgebung des Tumors enorm injiziert; zum Teil sind schon 
Zerfallserscheinungen, eine Viertelstunde nach der Injektion schon 
Sackbildungen mit trüber blutig verfärbter Flüssigkeit zu sehen. 


anderer Erkrankungen (Influenza, dysmenorrhoischer Beschwerden) 
oder zur Vorbereitung auf die Narkose eignet, wird die klinische 
Erfahrung lehren. Es dürfte somit feststehen, dass beim Kodeonal 
die narkotische Wirkung seiner Komponenten völlig ausgenutzt wird, 
dass dabei aber die narkotische Dosis verringert ist, und dass infol¬ 
gedessen Nebenwirkungen um so leichter vermieden werden. Das 
Kodeonal wird von der Firma Knoll & Ko., Ludwigshafen a. Rh., in 
den Handel gebracht. Ein Röhrchen mit 10 Tabletten koitet M. 1,25. 


Chronik. 

— Die Reichsduma votierte in 3-ter Lesung das Wehrpflichts- 
projekt. § 35 der Wehrplichtsordnung würde in folgender Fassung 
angenommen; Personen, die den Grad eines Doktor der Medi- 
z i n oder eines Arztes, eines Magisters der Veterinärmedizin 
oder der Pharmazie, eines Provisors oder Veterinärarztes besitzen 
stehen in aktivem Dienste 2 Jahre. Nach Abdienung von vier Mo- 
nuten in der Front als Untermilitärs, werden diese Personen, ohne 
besondere Prüfung, durch Begutachtung der militärmedizinischen In¬ 
stanz, in Klassen-Aemter ausser Etat entsprechend den durch Bildung 
erworbenen Rechten gestellt und absolvieren den festgestellten zwei¬ 
jährige aktiven Dienst in diesen Aemtern. 

— St. Petersburg. Zum gelehrten Sekretär des Reichs- 
medizinalrates ist Prof. A. Mo i s s e j e w und zum beratenden 
Mitglied Prof. D. Kossorotow gewählt worden. 

Odessa. Einige Mitglieder der pharmazeutischen Gesellschaft 
haben den Gedanken angeregt eine Bank zu gründen mit der spe- 
kie[len Aufgabe Aerzten und Pharmazeuten billigen Kredit zu ver¬ 
schaffen. 

— St. Petersburg. Prof. Dr. H. Turner ist zum Ehren¬ 
mitglied der Pirogow-Chirurgen-Gesellschaft gewählt worden. 

Das Kreisgericht hat durch Zulassung einer Aerztin, Frl. Dr. Golo- 
wina zur gerichtlichen Expertise, einen Praezedenzfall geschaffen. 

J a r o s 1 a w. Dr. P. N. S s u b b o t i n , angeklagt durch falsche 
Behandlung den Tod eines Patienten verursacht zu haben ist in 
zweiter Instanz frei gesprochen worden, nachdem der Zivilkläger und 
des Prokureur gegen das Urteil erster Instanz Protest eingelegt hatten. 
Die Zivilklage atn 10,000 R. Schadenersatz wurde abgewiesen. 

- Charkow. Dr. Kultschitsky Prof, der Histologie ist 
zum Kurator des Lehrbezirks Kasan ernannt worden. 

— Das bei der St. Petersburger Aerzte-Gesellschaft zur gegen¬ 
seitigen Unterstützung bestehende Ehrengericht im Bestände der 
Herren: W. N. S s i r o t i n i n, J. P. P a w 1 o w und S. W. S c h i d - 
lowsky untersuchte die Affaire der Aerzte: Prinzessin W. J. Ge- 
droitz.E. K. Fischer, M. N. Schreider, S. M. Wassil- 
j e w a und A. F. B u d n a j a. Auf Grund der Untersuchung resof- 
vierte das Ehrengericht folgendermassen: Der vorliegende Fa// ist 
die Folge des Kampfes persönlicher Interessen und Rechte und wenn 
der Zusammenstoss der Kollegen bis zu einem Grade schroffer Feind¬ 
seligkeit ausartete, so ist der Grund dafür in kleinstädtischem Klatsch 
zu suchen. Vor allem weist das Ehrengericht die gegenseitige An¬ 
klage der Parteien auf Verbreitung falscher Gerüchte über einander 
zurück, weil im Klagematerial dafür keine Bestätigung zu finden ist. 
Ferner bezeichnet das Ehrengericht das von den Kollegen Prinzessin 
Gedroitz am 22. April 1911 übergebene Urteil als ungerecht,weil 
alle Grundlagen dafür, die bei den Vehandlungen des Ehren¬ 
gerichts vorgebracht wurden, entweder als unbewiesen oder als direkt 
widerlegt erkannt wurden. Was speziell die Kollision der Kollegen 
Schreider und Fischer einerseits und Gedroitz andererseits 
anlangt, so müssen alle drei mehr oder weniger schuldig befunden 


Neuberg und Kaspary geben nicht Dosen, die wie beim Eosin-Selen 
nahe an der tödlichen Grenze stehen, sondern sie wollen kolloide 
Schwermetalle schaffen, welche Tumorenzerstörung ohne Lebensge¬ 
fährdung bedingen. Das Interessante an diesen Versuchen ist zwei¬ 
fellos die Tatsache, dass Neuberg und Kaspary gezeigt haben, dass 
das von Wassermann benutzte vermittelnde Glied, das Eosin, für die 
elektive Wirkung von Schwermetallen auf die Mäusekarzinome nicht 
unbedingt erforderlich ist. 

An der Hand zahlreicher Präparate zeigten uns in liebenswür¬ 
digster Weise sowohl die Prof. Neuberg und Kaspary als auch Ge¬ 
heimrat Prof. v. Wassermann den ganzen Verlauf der Behandlung 
von Mäusen mit ihren Mitteln. Die ersten wiesen darauf hin, dass eine 
grosse Anzahl der Mäuse vollkommen genesen, eine Anzahl aber an 
der „Heilung“ zu Crunde gingen durch Resorption der Zerfallspro¬ 
dukte des Tumors. 

Versuche zur Entfernung derselben mit Hilfe des Messers 
hätten nichts genutzt. 

Was nun die Behandlung des Menschenkarzinoms durch diese 
Mittel betrifft, so lassen sich aus den Mäuseversuchen keine Schlüsse 
ziehen, obwohl Prof. Wassermann der Hoffnung sich nicht verschliesst, 
dass sich in der Zukunft ein nicht toxisch wirkendes Mittel würde 
konstruieren lassen, mit dem man dann eventuell sich werde an den 
Menschen heranwagen dürfen. Noch ist die Sache nicht soweit! 

Es ist eben abzuwarten, was uns die Zukunft bringt. 


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97. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 6. 


werden, wobei es aber unmöglich ist festzustellen wer zuerst und wer 
hauptsächlich die Veranlassung gegeben hat. Sicher ist nur eins, 
dass Dr. F i s c h e r am weitesten gegangen ist, wie sich das in 
seinem zu rügenden Benehmen Dr. G e d r o i t z gegenüber am Bette 
des kranken Kollegen Dantschitsch äusserte. Das Ehrengericht drückt 
zum Schluss sein Bedauern darüber aus, dass die Kollegen nicht 
genügend Takt besessen haben um die Zuspitzung des gegenseitigen 
Verhältnisses in eine Form ausarten zu lassen, die in den Augen der 
Umgebung auf die ärztliche Korporation unliebsame Schatten wirft. 
Das Original ist gezeichnet: J. Pawlow, J. Schidlowsky, 
W. S s i r o t i n 1 n. Die Kopie bestätigt von dem Präsidenten der Aerzte- 
Gesellschaft zu gegenseitiger Unterstützung: Dr. S u 1 i m a und dem 
Sekretär: S a m s o n o w. 

Die Appellationsklage des Oberarztes des Stadthospitales in 
Odessa Dr. Baranow wurde im Kriminal-Kassationsdepartement 
des Senates verhandelt und ohne Folgen belassen. Dr. Baranow war 
in erster Instanz schuldig gesprochen keine Massregeln zur Verhin¬ 
derung der Flucht einer politischen Verbrecherin (Jaroschewskaja) 
aus dem Hospital ergriffen zu haben und zu einem Verweise mit 
Eintragung in die Dienstliste verurteilt worden. Aus den Akten ist 
zu ersehen, dass am Bette der Kranken ständig zwei Polizeisoldaten 
Wache hielten und, dass die Kranke flüchtig wurde als der eine Po¬ 
lizist sich für kurze Zeit entfernt hatte und der andere eingeschlafen 
war. Der Verteidiger des Angeklagten wies unter anderem vor dem 
Senat darauf hin, dass unter solchen Umständen die Administration 
des Hospitals nur in sofern schuldig erkannt werden könnte, als sie 
es unterlassen hatte dem schläfrigen Polizisten ein Analepticum zu 
verabreichen. Da Sie aber dazu nicht verpflichtet war, müsse die 
Schuldfrage verneint werden. 

— Riga. Die Tagespresse (Rjetsch vom l.c.) meldet folgende 
unerquickliche Vorgänge aus dem Interims-Zentralgefängnis in Riga: 
Die Internierten beschwerten sich über den im Oktober 1911 ernann¬ 
ten Gefängnis-Arzt Dr. B e h s e. Derselbe setzte den Krankenemp¬ 
fang auf einen Tag in der Woche an, während sein Vorgänger zwei Mal 
wöchentlich ordiniert hatte. Dadurch steigt die Krankenzahl bis auf über 
100 an, Dr. B e h s e bringt es aber fertig, in ca. lVa Stunden die 
Ordination zu beendigen. Eine solche Oberflächlichkeit trat beson¬ 
ders deutlich zu Tage bei der Behandlung des verstorbenen politi¬ 
schen Zwangssträflings Johann Nagel. Dieser erkrankte am 5. Januar 
c. mit Atembeschwerden und Erbrechen. Am 7. Januar verordnete 
ihm der Gefängnis-Arzt eine Salbe und als am 12. Januar der Patient 
dem Arzt klagte, dass er sich schlechter fühle, unterliess es Dr. 
B e h s e ihn nochmals zu untersuchen, sondern fuhr ihn grob an mit 
den Worten: .Was spielst Du den Dummkopf, Du bist ganz gesund*. 
Der Patient fühlte sich indessen so krank, dass er sich hinlegen 
musste und seine Kammergenossen richteten an den Gefängnischef 
eine Klage über grobe Behandlung seitens Dr. B e h s e und verlang¬ 
ten die Ueberfühning des Erkrankten in das Lazarett. Tags darauf 
ordnete der Chef eine Untersuchung des Kranken durch den Lazarett¬ 
arzt Dr. M e y an, der eine unbedeutende Anaeraie konstatierte und die 
Aufnahme auf die Station für überflüssig erklärte. Obgleich sich der Kranke 
von Tag zu Tag immer elender fühlte, wurde ihm noch am 19. Januar von 
Dr. B e h s e die Bitte Milch für eigene Rechnung kaufen zu dürfen, 
verweigert. Am 31. Januar wurde der Kranke schliesslich doch ins 
Lazarett übergeführt, wo er am 7. Februar starb. Auf die Beschwerde 
der politischen Sträflinge hin ordnete der Gouvernementsmedizinal¬ 
inspektor eine Revision des Medizinalwesens im Gefängnis an, die 
am 9! und 10. Februar stattfand, wobei einige analoge Fälle festgestellt 
wurden. So waren zwei Sträflinge kurz vor ihrem Tode, mit erhöhter 
Körpertemperatur vom Arzt aus dem Lazarett entlassen worden. 
Weiter wird Dr. Mey vorgehalten, dass er bei der Krankenvisite im 
Lazarett verlangt, dass die Kranken aufstehen und ihn militärisch 
laut begrüssen. Wer von den Sträflingen bei der Inspektion Be¬ 
schwerde geführt hat, wird von Dr. Mey überhaupt ins Lazarett 
nicht aufgenommen unter den Hinweis: .Empörer behandeln wir 
nicht.“ 

— Ueber die Tätigkeit der Sanatoriums für Lungenkranke des 
Grossfürsten Michael Alexandrowitsch liegt ein Rechenschaftsbericht 
vom leitenden Arzt Dr. Jan vor. Wir entnehmen dem Bericht 
folgendes: 

8 Werst von der Station der Finnländischen Bahn Terrioki liegt 
inmitten eines schönen Tannenwaldes an dem hohen Ufer eines 
malerichen Sees, das Sanatorium für lungenkranke Soldaten des 
Gardecorps, gegründet und unterhalten auf Kosten des Grossfürsten 
Michael Alexandrowitsch. Zu einem Sanatorium wurde nach dem 
Typus der Haus-Sanatorien ein stattliches dreistöckiges Haus ein¬ 
gerichtet. Im unteren Stock befindet sich die Küche mit den Wirt¬ 
schaftsräumen, der Speisesaal und die Wohnungen des Warteperso¬ 
nals. In den 7 Meter hohen Zimmern der beiden oberen Stockwerke 
sind die Schlafräume für 50 Kranke eingerichtet. Tannenbäume 
schmücken die Sääle in denen ein Temp. von 8—12° gehalten 
wird. Im dritten Stock befindet sich das Laboratorium und Kabinet 
des Arztes. 

Der Park hat 2ü Dessätinen durchweg Sandboden. Hier sind 
zwei Liegehallen aufgebaut. 

Das Wasser wird aus dem See genommen aber nicht direkt, son¬ 
dern aus einem grossen Brunnen, am Rande des Sees wohin es durch 
den sandigen Boden filtriert wird. Aus dem Brunnen wird das 
Wasser durch ein Pumpwerk ins Sanatorium geleitet. Das Wasser ist 
vorzüglich. 


Das Abwasser wird aufgefangen in zementierte Brunnen, die 
etrennt sind durch ein Paar Scheidewände, die festen Bestandteile 
leiben in der ersten Abteilung und werden 3—4 Mal jährlich fort¬ 
peschafft. Die flüssigen Massen werden mit einem besonderen 
Pumpwerk weit weg durch Röhren in Brunnen geleitet, wobei der 
letzte keinen Boden besitzt und alles einsaugt. 

Folgendes Regime wurde bei der Behandlung eingehalten. Um 
7 Uhr werden die Kranken geweckt und sofort in dem Baderaum 
feucht abgerieben, eine Prozedur, der die Kranken sich gern unter¬ 
werfen. Darauf müssen alle Patientep systematisch in frisch ge¬ 
lüfteten Zimmern tiefe Atemübungen ausführen. Die erste Mahlzeit 
besteht aus verschiedenen Grützen und Thee mit Brot. Um 12 Uhr 
ist Mittag aus zwei Gängen vor jedem Gedeck steht eine Kanne mit schö¬ 
ner Milch. Um 4 Uhr Thee mit Butterbrot. Um 8 Uhr Abendessen 
aus einer warmen Speise, Tee und Weissbrot. Nach den Mahlzei 
ten Aufenthalt in der Liegehalle oder Spaziergänge. Zur Zerstreuung 
machten die Leichtkranken Musik, Gesang und kleine Theaterauf¬ 
führungen. 

Im ersten Jahre — vom 14. Januar 1910 ab, waren 120 Kranke, von 
denen 11 acht Monate im Sanatorium verblieben, die übrigen 4 Mo¬ 
nate. Von der Gesamtzahl hatten 22 Tuberkelbazillen, 62 chron. 
Bronchitis, 7 exsudative und 29 trockene Pleuritis. Von den Tuber¬ 
kulösen gehörten zum I Stadium 7, zum II 8 und zum III 7. Ge¬ 
wichtszunahme betrug bis zu 15 Kilo. Angewandt wurden haupt¬ 
sächlich Guajakolpräparate und Kantharidenpflaster. Das Tuberkulin 
Denys hatte wechselnden Erfolg. 

Es starben 2, bei 13 trat eine Verschlimmerung ein, kein Erfolg 
wurde erzielt bei 13; Besserung bei 43; 59 kehrten wieder in ihr 
Regiment zurück. 

In Zukunft sollen hauptsächlich tuberkulöse Kranken im Anfangs¬ 
stadium aufgenommen werden. 

Möge die hochhumane Einrichtung des Grossfürsten Michael 
Alexandrowitsch noch auf viele Jahre gesichert werden zum Wohle 
der leidenden Gardesoldaten. 

— Berlin. In Sachen der Methylalkohol-Massen Vergiftung 
findet die Hauptverhandlung am 26 c. (n. St.) statt. Die Anklage 
lautet gegen vier Angeklagte auf gemeinschaftlichen, vollendeten und 
versuchten Betrug. Der Hauptangeklagite, Drogist J. Scharmack 
aus Scharlottenburg, ist ferner beschuldigt, vorsätzlich Gegenstände, 
welche bestimmt sind, anderen als Genussmittel zu dienen, derart 
hergestellt zu haben, dass der Genuss derselben die menschliche Ge¬ 
sundheit zu beschädigen geeignet war und durch diese Handlung 
eine schwere Körperverletzung, Verlust des Sehvermögens mindestens 
bei 5 und den Tod von 89 Menschen verursacht zu haben. 

- Die Universität Dublin feiert am 4. Juli (n. St.) c. das 200- 
jährige Jubiläum ihres Bestehens. Die Feier wird 3 Tage dauern. 
Alle russischen Hochschulen sind aufgefordert worden je einen Ver¬ 
treter abzudelegieren. 

— Der VII. Internationale Kongress gegen die 
Tuberkulose wird vom 14—20. April in Rom, unter dem Schutze 
Ihrer Majestäten des Königs und der Königin von Italien abgehalten 
werden. Die feierliche Eröffnungssitzung wird im Kapitol und die 
gewöhnlichen Sitzungen werden in der Engelsburg stattfinden. 

Der Kongress unterscheidet sich von allen früheren, durch seine 
soziale Bedeutung. Die erste der drei Sektionen, in die der Kongress 
eingeteilt ist, ist besonders für die soziale Bekämpfung der Tuberku¬ 
lose bestimmt; Vorsitzender dieser Sektion ist Prof. Guido Bac- 
c e 11 i, Präsident des Organisations-Komitees. 

Der Kongress wendet sich nicht nur an die Arzte, sondern auch 
an die öffentlichen Verwaltungen, sowie an Wohltätigkeitanstalten 
und Privatpersonen, Dämen einbegriffen, die sich mit humanitä¬ 
ren Unternehmen beschäftigen. Die moderne Zivilisation scheint nur 
zu sehr mit der Verbreitung der Tuberkulose gleichen Schritt zu 
halten; daher die Notwendigkeit, stets zum Kampfe gegen diese 
furchtbare Plage bereit zu sein. Die Zahl der Mitglieder, die nicht 
der Medizin angehören ist sehr gross: die Stadt Rom bereitet den 
Gästen den herzlichsten Empfang vor: ein Empfangskomitee, dessen 
Mitglieder den höchsten Klassen der römischen Gesellschaft ange¬ 
hören, wird für den würdigen Empfang der Herren Kongressisten 
und deren Damen, Sorge tragen; die Regierung hat auf den Staats¬ 
bahnen und den Staats-Dampferlinien eine Fahrpreisermässigung von 
60% und die „Sozietä Nazionale dei Servizi Maritimi“ auf ihren 
Dampferlinien 30% gewährt. Das Komitee im Einverständnis mit 
dem .Bund der Hotelbesitzer“ hat ebenfalls bedeutende Ermässigun- 
gen der Hotelpreise erhalten. 

Der Beitrittspreis beträgt 25 frs. für die Herren Kongressisten 
und 10 frs. für jedes Familienmitglied. Nähere Auskunft erteilt das 
„Generalsekretariat des Kongresses, Rom, Via in Lucina 36.“ 

II. Baltischer Aerztekongress zu Reval vom 18.— 20. August 
1912. Sonnabend, den 18. August: 

I. Allgemeine Sitzung von 10—2 Uhr. 1) Eröffnung des Kon- 
resses durch den Präses Dr. W. Greiffenhagen. 2) Rechenschafts- 
ericht des Kongressbureaus. 3) Wahlen der zwei Vizepräsides, der 

sechs Sekretäre und drei Kassaführer. 4) Direktor Mag. Petersenn 
(als Gast): Ueber Artbildung. 5) Dr. Thilo: Ueber künstliche Er¬ 
zeugung von Missbildungen. 6) Dr. v. Kügelgen: Ueber Entartung. 
7) Dr. v. Holst: Ueber Regenerationsmöglicnkeiten. 

II. Allgemeine Sitzung von 3—6 Uhr. 1) Prof. Dehio: Welche 
Naturanschauung ist die der heutigen medizinischen Wissenschaft ge- 
mässeste? 2) Bericht der Alkoholkommission: a. Professor Dehio: 


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Original fro-rri 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



98. 


1912. 


St. Petsburger Medizinische Zeitschrift. No 6. 


Alkohol und Organismus fexkl. Nerven), b. Dr. Hirsch: Alkohol und 
Nervensystem, c. Dr. von Engelhard: Die Rolle des Alkohols in der 
Individual- und Sozialhygiene, d. Dr. Siebert: Vorschläge zur Be¬ 
kämpfung des Alkoholmissbrauches. 

Sonntag, den 19. August. ' 

Kombinierte Sitzung für Orenzfragen von 10 bis 2 Uhr. 1) Dr. 
Stender: Neurologische Indikation für chirurgische Eingriffe am Ge- j 

hirn und Rückenmark. 2) Dr. Bornhaupt: Gehirn- und Rückenmarks- | 

Chirurgie. 3) Dr. Hohlbeck: Gehirnchirurgie im Kriege. 4) Dr. West- j 
phalen: Frühdiagnose des Dickdarm- und Rektumkarzinoms. 5) Dr. j 
v. Wistinghausen: Begriffe der Bruchanlage. j 

III. Allgemeine Sitzung von 3—6 Uhr. 1) Dr. Eliasberg: immu¬ 
nitätslehre und Serotherapie. 2) Dr. Blacher: Immunitätslehre und 1 
.Serotherapie. 3) Prof. Wladimiroff: Ueber Lyssa. 4) Dr. O. Moritz: I 
Ueber innere Sekretion. 5) Dr. E. Schwarz: Pathologie des Liquor 
cerebrospinalis. 6) DDr. E. Schwarz, v. Kruedener, v. Engelmann, 
Jürgens: Ueber Salvarsantheraphie vom neuro-, ophthalmo-, dermato- 
und otologischen Standpunkt. 

Montag, den 20. August. 1 

Spezialsitzungen. 

Otologie und Laryngologie von 8—11 Uhr (um die Teilnahme ; 
an der chirurgischen Spezialsektionssitzung zu ermöglichen). 1) Dr. 
Loppenowe: Diagnose der Labyrintherkrankungen. 2) Dr. Jürgens 
(Warschau): Operative Behandlung der Labyrintherkrankuugen. 3) Dr. 
von Zur-Mühlen: Ueber Nebenhöhlenerkrankungen. 

Urologie und Dermatologie von 8—11 Uhr. 1) Dr. v. Engel- i 
mann: Die neuen Anschauungen über Luestherapie. 2) Dr. Eliasberg: 
Ueber Wassermannsche Reaktion. 4) Dr. M. Hirschberg: Ueber 
Lichftheraphie. j 

Innere Medizin von 10—2 Uhr. 1) Dr. Schabert: Ueber 
Schrumpfniere. 2) Dr. Thomsen: Ueber chronische Bronchitis und j 
Emphysem. 3) Privatdozent Dr. Masing: Ueber Pericarditis. ! 

Chirurgie von 11-2 Uhr. 1) Dr. Klemm: Ueber Typhlatonie. 

2) Dr. Brehm: Ueber Leberchirurgie. 

Geburtshilfe und Gynäkologie von 10 — 2 Uhr. 1) Dr. v. Knorre: 
Bericht über die Arbeiten der Kommission zur Bekämpfung des Ute¬ 
ruskarzinoms. 2. Hauptthema: Uterussekretionen: a. Dr. Luchsinger 
(Petersburg): Metrorrhagieen. b. Dr. Weidenbaum: Fluor albus, 
c. Dr. v. Zur-Mühlen: Fluor gravidarum, d. Dr. Becker: Fluor bei 
Kindern und Greisinnen. 3) Schaffung einer geburtshilflichen Sta¬ 
tistik der Ostseeprovinzen: a. Dr. Schröppe; Geburtshilfliche Statis¬ 
tik Estlands, b. Dr. Raphael: Geburtshilfliche Statistik Kurlands, 
c. Dr. Schneider: Geburtshilfliche Statistik Livlands, d. Dr. Ruth: 
Geburtshilfliche Statistik Rigas. j 

Neurologie und Psychiatrie von 10—2 Uhr: 1) Privatdozent Dr. 
Idelsohn: Fortschritte in der Therapie der Nervenkrankheiten. 2) Dr. 
v. Lieven: Kritik der Freudschen Lehre. 

Ophthalmologie von 10-2 Uhr: 1) Dr. von Kruedener: Tränen- I 
sackerkrankungen. 

IV. Allgemeine Sitzung von 3- 6 Uhr: 1) Kurze Berichte der 
Sektionspräsides. 2) Wahl eines Präses für den nächsten Kongress 
und Bestimmung des Ortes. 3) Administrativa. 

Abends 8 Uhr: Abfahrt per Dampfer nach Helsingfors (mit 
Damen!). Am 22. August: Besichtigung der dortigen medizinischen 
Institute. 

Die ausschliesslich schriftliche Anmeldung weiterer Vorträge, 
deren. Dauer 15 Minuten nicht überschreiten darf, ist an den Präses 
des Kongress-Bureaus, Dr. W. v. Holst, Nikolaistrasse 20 und zwar . 
bis zum 30. April erbeten. Die entgiiltige Fassung des Programms 
wird im Juni veröffentlicht. Dr. Georg Schultz, 

Sekretär des Kongressbureaus. 

— Konstituierung des Deutschen Reichskomi¬ 
tees für den X VII. I n t e r n a t i o n a 1 e n medizinischen 
Kongress (London, 6. -12. August 1913). Das Deutsche 
Reichskomitee für den XVII. Internationalen medizinischen Kongress 
(London, 6. -12. August 1913) hat sich am 18. Februar in einer von 
zahlreichen hiesigen und auswärtigen Mitgliedern besuchten Sitzung 
konstituiert: es gehören ihm im ganzen 84 Vertreter der verschiede¬ 
nen Reichs- und Staatsbehörden, sowie fast alle grösseren medizini¬ 
schen Gesellschaften Deutschlands an. Zum Vorsitzenden wurde Herr 
Geh. Obermedizinalrat Waldeyer gewählt, zu stellvertretenden 
Vorsitzenden die Herren Ministerialdirektor Kirchner, Geh. Med.- 
Rat Kraus (Berlin), Geh. Med.-Rat Marchand (Leipzig), Geh. 
Med.-Rat Döderlein (München); zum Generalsekretär Professor 
Posner, zu dessen Stellvertreter Geh. Med.-Rat v. Hansemann 
(Berlin); zum Schatzmeister Kommerzienrat Ernst Stangen. Dem 
Vorstand zur Seite steht ein Arbeitsausschuss, dem Obergeneralarzt 
Kern, Marinegeneraloberarzt Gudden, Professor K r ü s s, Geh. 
Med.-Rat Sonnenburg, Geh. Med.-Rat Goldscheider, Geh. 
San.-Rat. Schwalbe angehören. 

Herr Posner berichtete Über die bisherige Tätigkeit der Per¬ 
manenten Internationalen Kommission, die am 4. September 1909 in 
Budapest eingesetzt wurde; an ihrer Spitze stand zunächst Professor 
Pavy in London, nach seinem Tode wurde Geh. Rat Waldeyer 
zum Vorsitzenden erwählt; das Amt des Generalsekretärs übernahm 
zuerst Professor Wenckebach, dann Professor Burger in Am¬ 
sterdam. Sitz der Permanenten Kommission ist der Haag, wo auch 
der stellvertretende Generalsekretär, Dr. van der Haer, wohnhaft 
ist. Der Vorstand hielt dort seine erste Sitzung am 29. und 30. März 


1910; diese trug natürlich nur einen provisorischen und informatori¬ 
schen Charakter, die erste Plenarsitzung, an der für Deutschland, in 
Vertretung von Waldeyer, Professor Posner teilnahmen, fand 
in London am 21. April 1911 statt. Dort wurde zunächst über die 
Beschlüsse und Resolutionen der einzelnen Sektionen des Budapester 
Kongresses beraten; ferner die Sprachenfrage in dem Sinne erledigt, 
dass wie bisher deutsch, französisch, englisch und italienisch zulässig 
seien, während spanisch und Esperanto abgelehnt wurden. Den Haupt¬ 
gegenstand der Beratungen bildete die allgemeine Organisation der 
Kongresse, wobei Anträge von Waldeyer und Posner, von V. 
Müller und Grosz, sowie ein Bericht des Generalsekretärs die 
Grundlage bildeten. Es wurde beschlossen, dass in Zukunft die Kon¬ 
gresse in vierjährigen Intervallen stattfinden sollen. In allen Staaten 
sollen Nationalkomitees nach dem in Deutschland bereits üblichen 
Modus gebildet werden, d. h. durch Wahl von Vertretern der Be¬ 
hörden und der medizinischen Gesellschaften. Diese Komitees sollen 
dem Organisationskomitee in allen den Kongress betreffenden An¬ 
gelegenheiten, insbesondere auch in bezug auf Ernennung von Ehren¬ 
präsidenten, beratend zur Seite stehen. Sie entsenden je ein Mitglied 
und einen Stellvertreter in das Permanente Komitee, dem ausserdem 
Präsident und Generalsekretär des vorigen und des kommenden Kon¬ 
gresses, der Generalsekretär und Sekretär des Komitees selbst sowie 
der jeweilige Vorsitzende der Internationalen Vereinigung der medi¬ 
zinischen Fachpresse angeboren. Das Permanente Komitee fungiert 
als Schiedsrichter in zweifelhaften Fallen, entscheidet - gemeinsam 
mit dem Organisationskomitee über die Zulässigkeit zur Mitglie¬ 
dschaft, die Sprachen, die Zahl der Sitzungen, die Einteilung der 
Sektionen, die Beziehungen zu den internationalen Spezialkongressen, 
sowie über Bearbeitung besonders wichtiger wissenschaftlicher Fragen 
durch Kommissionen. Dem Organisations komitee liegt die örtliche 
Vorbereitung des Kongresses selbst ob. In bezug auf die Einteilung 
der Sektionen wurden mehrere neue Beschlüsse gefasst, so z. B. 
die Errichtung einer neuen Abteilung für medizinische Radiologie, 
neue Subsektionen für Pathologische Chemie und für allgemeine und 
lokale Anästhesie. Weiter wurde bestimmt, dass, wenigstens in Lon¬ 
don, die Ernennung von Ehrenpräsidenten der einzelnen Sektionen in 
Wegfall kommt und dass nur Regierungen, Universitäten und Akade¬ 
mien (nicht auch wie früher Gesellschaften) zur Entsendung beson¬ 
derer Delegierter eingeladen werden sollen. 

Im Anschluss hieran wurde ein Antrag, dass das Deutsche Reichs¬ 
komitee sich, nach dem Vorbilde der Internationalen Kommission, für 
permanent erklären möge, angenommen. 

Es lag dann noch ein Antrag des Herrn Professor Sommer 
(Giessen) vor, des Inhalts, dass bei dem Londoner Kongress ein voller 
Sitzungstag auf die Erstattung von Referaten über das Thema .Die 
Frage der Vererbung in den einzelnen Gebieten der klinischen Me¬ 
dizin“ verwenden werden möge. Der Antrag wurde nach kurzer 
Diskussion dem Arbeitsausschuss zu weiterer Vorberatung überwiesen. 

— Hoch sch ulnachrichtcn. 

Lyon. Dr. Lesicur wurde zum Professor der allgemeinen 
Pathologie und Therapie ernannt. 

Toulouse. Dr. S o u 1 i 6 wurde zum Professor der Anatomie 
ernannt. 

Gestorben: In St. Petersburg Dr. Sarah Mariupol- 
s k a j a 30 J. alt (Suizidium durch Vergiftung). In Kalisch Dr. M. 
S. D i n t e , 60 J. alt. ln Warschau Dr. B. Tatschanowsky, 
71 J. alt. In Petersburg Dr. E. S. G r i b e n j u k , 58 J. alt. In 
Odessa Dr. M. J. Drosnes, populärer Psychiater. In Petersburg 
Dr. A. P. L e w i t z k y. In Cholin Dr. A. W. M i c h e 1 i s 56 J. alt. 
ln Klodama (Gouv. Kalisch) Dr. A. J. M y s 1 o w s k y 65 J. alt. In 
Konstantinopel Dr. Andreas Mordtmann 77 J. alt, der 40 Jahre 
hindurch am Deutschen Krankenhaus in Konstantinopel gewirkt hat. 

Nächste Sitzung des Vereins St. Petersburger 
Aerzte: Dienstag, d. 20. März. 

Tagesordnung: Fick. Ueber das Karzinom des Dickdarms und 
speziell des Zoekums und die Radikaloperation des¬ 
selben. 

Nächste Sitzung des deutschen ärztlichen 

Vereins: Montag, d. 19. März. 

Tagesordnung: Dobber t. Ueber einige physiologische und patho¬ 
logische Vorgänge infolge von Entwickelungsstörungen 
der inneren weiblichen Geschlechtsorgane. 

Mitteilung der Redaktion. 

Die Herren Mitarbeiter werden nochmals gebeten, im eigenen 
der Referenten und der Leser Interesse, es nicht zu unterlassen, den 
Originalartikeln eine kurze Zusammenfassung des Inhalts 

(Resümee) beizufügen. 

Dieser Nummer Hegt ein Prospekt „Jodival“ der Firma 
Knoll & Co., Ludwigshafen am Rh. bei. 


Buchdruckerei Kügelgen, Glitsch & Co., St. Petersburg, Englischer Prospekt 28, Ecke Offizierstrasse. Teleph. 14—91. 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







früher „ST, PETERSBURGER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT«. 


HAUMONATSSOfelWT 


BEZUGSPREIS IN RUSSLAND 8 RBL. 


FÜR'S AUSLAND 14 MARK JÄHRLICH 


Organ der deutschen medizinischen Gesellschaften in Russland. 

Herause«9eit«n von 

Prof. Dr. KARL DEHIO in Jurjew (Dorpat), Dr. PAUL KLEMM Io Riga, Dr, F, H0LZ1NÖER in St Petersburg. 

mwm: Br. F. Bolztaier. W. LI Ulie Br. 11, Telepbn 491-43. « SESCBifTSSTtlU: 1 Klhie. üjllltl« BwwH Itr. 28. leieplran 14-91. 


Sprechstunde täglkrt von fr-?.. 


Sprcchstünde. .UglicJi mH Ausuajime.<!«.Sonn- u. LeieiUge von 12- L 


ü 7 . 


St. Petersburg, den 1. (14,) April 1912. 


37. Jahrg. 


(Aus dem physiologischen Laboratorium der militärmedi- 
zinischen Akademie in St Petersburg;. Direkter: Aksd. 

Prof, iwan Pawlow), 

Starke laradlsche Hautreizung als bedingter 
Erreger der Speicheldrüsenarbeit bei Hunden *), 

Von D r. Mari e J e r o f e j e \v a in St. Petersbrtrg. 

Die Physiologie der höheren Abschnitte des Zent 
rainerveusystems ist schon seit lö Jahren Gegenstand ; 
des Studiums in den Laboratorien ProL J. P/Paw- j 
1 o w s und die Untersuchungen finden statt mit Hilfe 
der Methode de? bedingten Reflexe: Letztere sind das 
Resultat einer temporären Vebiudung* die folgender" 
massen zü Stande komm U jeder’ äussere Reiz, der die 
Hirnhemisphären cTrekh/ wird dortgewöhnlich UiSpeiv 
giert. Wenn aber etti peripherer Reiz in den Hemis¬ 
phären auf einen zentralen Reizungsherd so unter¬ 

liegt ersterer nicht einer Zerstreuung, sondern ;vsrirdkbrt- 
zenlmri bahnt sich einen neuen, temporären Weg : 
zu diesem Herde:. j 

Wird an emer beliebigen Stelle der Rörperobernachc 
des Bundes ein Reiz appliziert, und lässt man diesen 
Reiz zeiiHcn genau und mehrfach mit einer Gescltmacks- 
reizuag der Mundspeichddrüseri durch Nahrungsnutlel 
oder durch Substanzen, die abgewiesen werden., zu¬ 
sammen fallen, so bildet sich ein zentraler Reizurigä- 
berd ans, der periphere Reb wird «t* ihm hirtßX'.leJtei 
und tritt mit ihm in eine temporäre, bedingte Verbln- \ 
düng, die sich in der Auslösung der SpeicheJsekreUon ■ 
äussett. Um ein objektives Mas* für die Reizwirkaog 
zu haben wird 4c*f Speicheldrüsengang durch eine Haut- , | 
wunde nach aussen geleitet und die Zahl der Speichel¬ 
tropfen notiert. 

Nach dieser Methode wurde unter Fütterung mit ; 
FleictbBrod*Puiver bei Hunden «irr bedingter Reflex auf ’ 
starke faradjscbe: deutlich schmerzhafte Hautreizung ans- 
gebildet. Es wurde aber hierbei nicht nur eine be¬ 
dingte Verbindmig befgestelH, sondern sogar die Bahn ■ 
des gewöhnlichen Reflexes wgfüt! : verändert, was daraus 
hm vergeht, dass die, bet schmerzhafter .Reizung eintre¬ 
tende Schützreaktion, die irrt Beginn derUntersuchung bei \ 
viel schwächere Reizung ein!rMV •atimühlich, unter dem ' 
Einfluss dngtretener bedingter Verbindung/ vollständig 
zum Schwinden gebracht wurde. Selbst bei äusserst i 
schmerzhaften Strömen steht der Hund still da und ; r 
reagiert nur mit Speichel sekret ton, 

_ ' • . . / 

M Autörefer*t fine« VwtcVg* tri der wisstnsch. Vereinig; 
der Acrzte «!o> st.vlt. htrtVf'PÄifLHosprUb, ersvHetnt: m fxtetfÄ) W 1 
den Arbeiter; *kf ticsetfe'di. ross. Acrzte in St Petecsbnfg. - 


Dieser bedingte Reflex wufde bet 4 Hunden ansge- 
bildet. Au 3 anderen Btmdgn wurde die laradiscke 
Reizung ohne Fütterung ausgeführt, wobei die Schutz- 
reaktioiv mit jedem. Maje immer mischet wurde Als 
diese Reakjion einen hohen Grad erreicht hatte, wurde 
die Reizung jrnit- ’ /v^biitidgit und allttiältlieh 

schwand /auch hier die Schirizre^ktioiL: Fs haue somit 
das i,NahnmgszmiLrüm‘ gesiegt: 

Versuche mft Sehmer* rejjmnggeben ated Un Bild über 
die physiplbgik'be Kraft firnktioucljcr Zentren Das 
Zeigt sich Während das 

»Nabrungszenirutn“ den penpimren Reiz an sich zog 
und das Zentrum der Seftutereakrion un.te.rdrüekie, konnte: 
das diese Wirkung nicht erzielen. 

Lange. £m hindurch wurde eifrig (lei Versuch gemacht bei 
zwei Hunden Urtier nraler Zufübrüng von 0,t>l Ptbz. 
Satesäurelösu»^ einen Reilex auf faradische Haurmzung 
aujszabilden. Es ist nicht gelungen’ einen bedingten 
Reflex zu erzielen/.aber die Sdnitzicakriou v/unle zum 
Schwinden gebracht. Man muss amrchmen. da^s in 
diesem Falle das „Säure-Zcrttmm“ stark'.genug war um 
das „Zentrum der Schutzbewegimgen" Zrt'rtetitfalisiereu, 
aber Seme ganze Energie wurde, dabei adfglftfä liebt und 
reichte nicht aus zur Herstellung eine? Verbindung 
zwischen dm peripheren Reiz und der Speicheldrüse. 


Ueber „Neurorexl4ive u nach Saivarsan ! ) 

von Ed u a r d S c h w a r /. in Riga. 

Irn vorigen Herbst. konnte ich beruhten' über dfe 
ersten eigenen Erfahrungen mit 6Üb mrd Über die av- 
thusiastischen E h r 1 i c h-Sitzung in Königsberg. Dem 
damaligen jubelnden Enthusiasmus ist ein Rückschlag 
gefolgt, der aiieh auf der ersten Sitzung der ialiresyer- 
saiYimluiig: Deutsche! Nervertäitzie. ui Fmrtkniil u M m- 
Oktober 191! deutlich m Tage rihi Nftbbr det^afier 
Diskrtssion würde zii; ernster Nachbrütiirtg ; gernahn/ 

Wie liegen n«n die VerhäftÄ^ in 
Hat das Salvarsan wirklich süf das Nervoomtem•• «irtihb■ 
sn deletären Einfluss, dass es *die Syphilis aufs Nerven- 
systern ablenke?* f dass es sog. „Neurdrirzvdive** produ¬ 
ziere? eint „Sensi bili sie r'nbg des-, N.crveiisy. 
stems’ 4 erzeuge? Die Kapillaren hi Folge der Arsen- 
Vergiftung so weit schädige, dass cljesv einen /locus 
mfnoris resisientme darstelien, >n dem steh die Spiro- 
eftä^en leichter als üpter .gewöhnlichen uiLd früheren Ver- 
bältmssen ansiedeUen u ? ich habe schon mehrfach*, be¬ 
tont, dass die Misserfolge nicht dem SaMrsan auf Redl-. 

• : ■)/ Nach dhem - Vnrtrtg tft •<!« iri 

19 K 19M. 


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100 . 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. JMb 7. 



nung zu setzen sind, sondern der Methode seiner Anwen- j 
düng. In Frankfurt wurden die gravierendsten Beschul¬ 
digungen dem Salvarsan von Fi nger-Wien wiederholt, j 
die er schon früher gemacht hatte, er meinte die Neben- i 
Wirkungen des Salvarsan könnten nur beurteilt werden, I 
wenn sämtliche Erscheinungen, die nach der Applikation | 
des Salvarsans auftreten, miteinander zusammen betrach- i 
tet würden;' die alarmierenden Erscheinungen, die der 
Applikation folgten, seien als Arsenintoxikation aufzu- i 
fassen. Die Einwendung Ehrl ich’s, diese akuten Er- j 
scheinungen seien auf nicht absolut steril verwandte j 
Kochsalzlösung zu beziehen, suchte er zu entkräften, | 
indem er ausführte, dass das benutzte Wasser vor dem j 
Sterilisieren schon fast keimfrei sei; die an den anderen j 
Wiener Kliniken mit demselben Wasser gemachten 
Kochsalzinfusionen hätten nie ähnliche Erscheinungen 
hervorgerufen; auch seien dieselben akuten Erscheinun¬ 
gen der Salvarsaninfusion bei Behandlung von Patienten 
mit Pooriasis und Lepra beobachtet worden; damit würde j 
die Ansicht von Neisser und Kusnicky entkräftet, j 
die die akuten Erscheinungen auf ein Zugrundegehen j 
zahlreicher Spirochaeten zurückführten. Dagegen führte ( 
Sänge r-(Hamburg) aus, dass er in letzter Zeit erstaunt j 
sei, wie reaktionslos die jetzt nur angewandten intrave- | 
nösen Infusionen ertragen würden. Ich kann solches j 
an meinem Material gleichfalls für die letzte Zeit be¬ 
stätigen, nachdem mit destilliertem einwandfreien Wasser 
die Kochsalzlösung angefertigt und dann nochmals steri¬ 
lisiert wird. 

Finger führte weiter an, dass die Herxheimer- 
sche Re. die bei Hg. nur bei Syphilis auftretete und 
dem Spirohaetengehalt der Effloresz^nzen paralell gehe, 
bei Salvarsan auch bei Nichtsyphilis, auch bei Lichen 
ruber, Psoriasis vulgaris und Lupus vulgäris auftrete. 
Die Autoren hätten nur eine sehr geringe Anzahl ihrer 
Patienten in dauernder Beobachtung gehabt, während 
er über 75% Dauerbeobachtungen verfüge. Er führte 
darauf den' Umstand zurück, dass die Häufigkeit der 
Neurorezidive an seiner Klinik nur s c h e i n b a r eine 
grössere sei; auch an anderen Kliniken würde bei Dauer- * 
beobachtung ein gleich höherer Prozentsatz von Neuro- I 
rezidiven beobachtet werden, wenn nur die mit Salvar- j 
san Behandelten lange genug beobachtet werden könn- i 
ten. Er habe neben 18 Akustikus - Affektionen, 5 Fälle i 
von Neuritis opt. 6 Erkrankungen anderer Hirnnerven; 
er habe 7 Fälle von Allgemeinerkrankungen gesehen, j 
die sich in Schwindel, Kopfschmerz, Abmagerung, schwerer 
Vergesslichkeit äusserte, ein Krankheitsbild, das weder 
auf Hg. noch auf Salvarsan reagiert habe. 

Gegen diese Anschauungen führte Sänge ^(Ham¬ 
burg) die Mitteilungen Kren’s aus der Riehl- 
schen Klinik in Wien in’s Feld, die an derselben Be¬ 
völkerung zur Beobachtung gekommen seien, aus der 
auch das Beobachtungsmaterial Finger’s stammte. 
Die Krens’schen Beobachtungen seien an ebenso zahl¬ 
reichem Material mit derselben Sorgfalt gemacht, und 
stimmten mit den Beobachtungen anderer Autoren über¬ 
ein, und ständen in Widerspruch zu den F i n ge r’schen, 
die isoliert nur einen so hohen Prozentsatz von Rezi¬ 
diven gezeigt hätten. Dieses Faktum sei nicht leicht zu | 
erklären. Zur Erklärung führte jedoch Sänger an, i 
dass die Aufmerksamkeit der Beobachter durch die j 
schlimmen Erfahrungen mit Atoxyl und Arsazetin ge- | 
schärft worden sei. Man verfolge die Fälle genauer, und 
suche nach Erkrankungen des N. S. An der grossen 
Abteilung von Arning am Krkhs, St. Georg in Ham- i 
bürg, sei jeder Kranke, der 606 erhalten habe, genau von 
ophthalmologischer und neurologischer Seite untersucht ■ 
worden, und hätte Arning unter 1000 Fällen nur 2 
Neurorezidive gesehen. Sänger sei überzeugt, dass j 
durch den Faktor der grösseren Aufmerksamkeit das ! 
häufige Auftreten von Nervenerkrankungen im Sekundär- [ 
Stadium der Lues neuentdeckt worden sei. Sänger i 


habe schon 1890 an dem grossen Material des Allg. 
Krankenhauses St. Georg während eines halben Jahres 
systematische Untersuchungen in Betreff der Nervenstö¬ 
rungen in der Frühperiode der Syphilis angestellt, und , 
sei damals zu überraschenden Resultaten gekommen, 
ebenso wie W i 1 b r a n d t betreffs der Augenstörungen; 
letzterer habe nur an 200 Luetischen in der Frühperiode 
38 mal Hyperämie des N. opt., 5 mal Neuroretinitis, 
ein mal Retinitis und ein mal Blutung in der 
Netzhaut gefunden. Sänger habe damals seine , 
Resultate fixiert: „der Schwerpunkt der Beob¬ 
achtungen liege darin, das schon früh durch 
die Syphilis schwere anatomische Ver¬ 
änderungen im Nervensystem gesetzt wür¬ 
den und dass es durchaus notwendig sei, 
die Vorstellung definitiv aufzu geben, die 
Lues manifestiere sich lediglich auf der 
Haut und den Schleimhäuten.' — Wenn nun 
Hahn in 21,000 Fällen der grossen, früher Engel- 
Reimerschen Abteilung im Verhältnis zu dieser 
grossen Zahl nur wenig Neurorezidive gefunden habe, 
so erkläre sich diese Tatsache dadurch, dass weder vor¬ 
her noch nachher ähnliche systematische Untersuchun¬ 
gen von neurologischer, ophthalmologischer oder otia- 
trischer Seite angestellt worden seien. 

Sänger habe selbst, ebenso wie Nonne, weder bei 
der Behandlung syphilitischer noch parasyphilitischer 
Erkrankungen Neurorezidive gesehen. Alle diese Verhält¬ 
nisse sprächen dafür, dass die Neurorezidive nicht der 
Behandlung, sondern dem Stadium der Syphilis zuzu¬ 
schreiben seien. 

Benario wandte sich gleichfalls gegen die An¬ 
schauungen Fingers und referierte über die Fälle von 
Neurorezidiven, die er aus den im E h r 1 i c h’schen La¬ 
boratorium eingelaufenen Berichten und aus der Litera¬ 
tur zusammengestellt habe. Er konnte zeigen, dass in 
den 194 Neurorezidiven nach Salvarsan und den 122 
Neurorezidiven nach Hg in nahezu derselben Häufigkeif 
erkrankt waren. 

nnch nach 

Salvarsan Quecksilber 

Opticus.29,1% 25,1% 

Oculomotorius . . . 8,6'% 11,5% 

Facialis.16,3%, 23,0% 

Acusticus ... . 35,0% 35,8% 

In den Fällen, in denen über das Exanthem Meldun¬ 
gen Vorlagen, sei in 60%, dem Neurorezidiv ein papu¬ 
löses Exanthem vorausgegangen; schon Knorr e 
habe 1849 an den Zusammenhang des papulösen Exan¬ 
thems mit den Hirnnervenparesen im frühen Sekundär¬ 
stadium hingewiesen, auch wies Benario auf den 
prädisponierenden Einfluss des Alkohols und in gerin¬ 
gerem Masse den des Nikotins hin. Hinsichtlich des 
Berufes erkrankten an Neurorezidiven häufig Schmiede, 
Schlosser, Schiffsbedienstete und Bäcker, Köche, Köchin¬ 
nen, Leute mit schwerem Beruf. 

Benario besprach dann weiter den pathologisch- 
anatomischen Prozess. Die primären Sitze der Erkran¬ 
kung seien die perivaskulären Lymphräume 
(in Anlehnung an die Arbeiten von Diirk, Stras- 
mann, Stursberg, Beitzke und insbesondere Ra- 
vaut.) Das Primäre der Gefässerkrankungen sei eine 
Infiltration der Adventitia und Media, während sekundär 
und koordiniert die Jntima erkranke. Der sichtbare Aus¬ 
druck der meist aus Lymphozyten bestehenden Infiltration 
der perivaskulären Lymphräume des Gehirns sei die 
Lymphozytose des Lumbalpunktats. Da diese den 
klinischen Erscheinungen oft längere Zeit vorausgehe, 
oder noch vorhanden sein könne, wenn diese bereits 
abgenommen, so teilte Benario der Lymptozytose 
des Lumbalpunktates, neben der Feststellung der übri¬ 
gen Reaktionen eine wichtige Rolle zu für die einzulei¬ 
tende und fortzusetzende Theraphie. Benario wies 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. 7. 


101. 


auf die Arbeit von Vincent hin und zitierte aus der¬ 
selben Beispiele, die die lange Dauer der Lymohozytose 
selbst nach Abklingen der klinischen Erscheinungen be¬ 
weisen. 

Benario plaidierte dafür, dass die Dermatologen 
schon im Frühstadium der Syphilis der Sinnesorgane 
erhöhte Beachtung schenkten, eventuell unter Heranzie¬ 
hung der Lumlalpunktation. 

Auf die Ausführungen der anderen Autoren, Oppen- 
h e i m, O. Fischer, (Prag), Treupel (Frankfurt), 
Mattauschek, (Wien), Pilcz (Wien), Schuster, 
(Aachen) verweise ich auf die Berichte in den Zeitschriften. 
Die Proposition B e n a r i o ’ s die Ergebnisse der Liquor¬ 
untersuchung in Zukunft zur Beurteilung der Prognose und 
Therapie der syphilitischen Erkrankungen heran zu ziehen, 
ist hier in Riga für die syphilitischen Erkrankungen des 
N-S in ausgiebiger Weise erfüllt worden schon vor seiner 
Aufforderung. 

Von Anbeginn meiner Studien über das Salvarsan 
habe ich mich befleissigt, die Wirkung desselben auf 
den Zustand durch die 4 Nonne’schen Reaktionen und 
der Pändy’sehen Karbolsäure - Reaktion zu prüfen, 
in ganz ähnlicher Weise, wie es auch Nonne selbst 
getan hat. Er teilte die Ergebnisse in seinen grossen 
Referaten in Frankfurt mit. An meinem Material hat sich 
der Einfluss des Salvarsan auf die 4 Reaktionen in gleich 
zweifelloser Weise bestätigt, wie solches Nonne auch 
für seine Beobachtungen in p. 13 seines Referates für 
die Behandlung der Lues cerebrospinalis betonte; er be¬ 
tont, dass eine Kongruenz in dem Ablauf des klinischen 
Bildes und dem der 4 Reaktionen keineswegs die Regel 
sei. — Letzteres kann ich nach meinen bisherigen Er¬ 
fahrungen nicht zugeben. Mir scheint bei stationärer 
Behandlung eine Kongruenz des klinischen Bildes und 
der 5 Reaktionen wohl zu erzielen zu sein, und für 
mein therapeutisches Handeln habe ich die Ergebnisse 
der Reaktionen von Anfang an zu Grunde gelegt, und 
bin, meine ich, nicht schlecht gefahren, wie das Folgende 
zeigen wird. In Bezug auf den Einfluss des Salvarsan 
auf die 4 Reaktionen bei Tabes verweise ich auf meine 
Ausführungen in der St. Petersb. Med. Woch. No. 49 
und 50 1911, wobei ich bemerke, dass die günstigen 
und recht konstanten Resultate der Einwirkung des 
Salvarsan auf die Pleozytose bei Krankenhausruhe erzielt 
wurden. 

In Frankfurt wurde proponiert, ein grösseres Material 
gemeinsam zu sammeln. Solches von Dermatologen, Neu¬ 
rologen, Opthalmologen und Otiatern gemeinsam unter¬ 
sucht, würde die höchst wichtige Frage der Salvarsan- 
schädigungen erst entscheiden lassen. Wenn es auch 
wünschenswert ist ein grösseres Material neu zu sammeln, 
das genau nach allen Richtungen hin untersucht, ein¬ 
wandsfrei wäre, so meine ich, geben genau untersuchte 
Einzelfälle so viel Anhaltspunkte, um die Sachlage auch 
heute schon beurteilen zu können. 

Im letzten Jahr habe ich Gelegenheit gehabt 5 sog. 
„Neurorezidive“ zu beobachten. 2 sind in anderem Zu¬ 
sammenhang in St. Petersb. Med. Woch. Ne 49 und 50, 
schon erwähnt worden, 3 sind für die Leser dieser Zeit¬ 
schrift neu. Die beiden Ersten lagen zu gleicher Zeit in 
der Abteilung und waren ambulatorisch intensiv 
mit Hg. und Salvarsan (intramusk.) behandelt worden, 
erkrankten beide scheinbar nach Salvarsan an schwerer 
zerebraler Syphilis. 

Am 23. IV 1910 wurde der 27-jahrige Konstantin Deikun in die 
I. therapeutische Abteilung auigenommen. Er war benommen, war .plötz¬ 
lich* erkrankt, konnte anfangs keine Aussagen machen; im Blut wurde 
die Wasserm.-Re — negativ gefunden (30 . 4.11); es wurde eine .Neu¬ 
ritis opt. auf beiden Augen konstatiert. Die Eigenwärme war während 
der ganzen Beobachtungszeit in der I. Abteilung erhöht, zwischen 37° 
und 38° und Pat. hatte täglich unter Erbrechen zu leiden. Einige Tage 
nach der Aufnahme hellte sich das Sensoriuin so weit auf, dass Patient 
angab, im Juli 1910 Syphilis akquiriert zu haben, mit 3 Injektionskuren 
und im Mai 1911, also vor 2 Monaten mit Salvarsan (intrammusk) behan¬ 
delt worden zu sein. Was lag vor? handelt es sich um Hirnlues? han¬ 


delt es sich um ein Nurorezidiv nach Salvarsan? oder um eine anders¬ 
artige Erkrankung des cerebrum? Die negative Wasserm.-Rfe. im 
Blut hätte für letztere Auffassungen verwertet werden können; doch 
sehr mit Unrecht, wie die genauere Untersuchung gleich zeigen wird. 

Am 2. V. 1911 wurde Patient in die Nervenabteilung übergeführt! 
Hier konnten dieselben Erscheinungen konstatiert werden. Auch hier 
täglich Erbrechen, erhöhte Eigenwärme; neben einem normalen Organ¬ 
befund bestanden Kopfschmerzen, der Kopf nicht klopfempfindlich, 
Neuritis opt. und Doppelsehen, in Folge einer Parese des r. nerv, 
abd. die 1. Pu. > r. Pu. Sehschärfe nicht grob gestört. Patient liest 
kleinste Schrift, wird aber im Lesen durch Doppelbilder stark gestört. 
Die Pu. Re f. L. = n; f. Conv. = n; Kn Ph. = n, nicht gestei¬ 
gert, keine Lähmung der Extremitäten. Inguinaldrüsen geschwollen, 
sonst keine Luesreste. Am 4. V. 1911 wurde eine L. P. gemacht, die 

K Tch-gelblichen, leichtgetrübten Liquor ergab. Die Reaktionen 
flogenderraassen aus: Nonne-Apelt = -+- Pandy = -|—|—|— 
Pleozytose = 895 — hauptsächlich Lymphozyten, auch polynukleäre 
Zellen in geringerer Zahl. Wasserm-R& im Blut = —; die Wasserm-R& 
im Liquor konnte nicht gemacht werden. Die bakteriologische Un¬ 
tersuchung (Dr. Prätorius) ergab ein unsicheres Resultat; .Verunreini¬ 
gung nicht ausgeschlossen“. Somit war auch durch diese Untersuchung 
noch kein sicheres Urteil Zu bilden. Ich nahm aber keinen Anstand 
an Lues cerebri zu glauben, was durch die späteren Untersuchung be¬ 
stätigt wurde. Patient erhielt noch am selben Tage 0,6 Salvarsan 
intrav. Die Temperatur war am Tage der Infusion Ab: 38,7, am 
nächsten Tage 37,3 und 37,4, um dann unter 37° zu fallen und sich 
während der weiteren Beobachtungszeit nicht über 37° mehr zu erhe¬ 
ben. Kein Erbrechen mehr, Patient fühlte sich schon am 8. V., 4 Tage 
nach der Infussion ganz wohl und hat einen Appetit bekommen, .wie 
er ihn noch nie gehabt habe* (16. V.). Die Neuritis (opt) rückgängig. 

I Am 16. V. wird eine 2-te L. P. und eine zweite Salvarsaninfusion 
ä 0,6 gemacht. Jetzt erhielt ich ein vollständiges Reaktionsbild, in 
dem die W. Re im Liquor nicht fehlte. Die Reaktionen waren noch alle 
positiv bis auf die W. Re im Blut: Nonne-Apelt = (-[-), Pandy = 

-f- + -K PI-= 379, also auf die Hälfte zurückgegangen; W.-Bl = — ; 
und die W. Li = + + + in allen conz. Damit war erst die lue- 
( tische Natur der Hirn-Affektion bewiesen. Eine solche Erfahrung 
zeigt aber auch, wie gross die diagnostische Bedeutung der serolo¬ 
gischen Untersuchung des Liquor ist. Sie zeigt ausserdem, dass durch 
die Hg-Therapie die Wasserm. Re. im Blut wohl negativ geworden 
ist, (solches vorauszusetzen ist nach allen übrigen Erfahrungen sehr 
wohl zulässig), dass aber die ambulant durchgeführte spezifische 
Therapie eine schwere Erkrankung des Zerebrums nicht verhüten 
konnte. Die rückgängige Pleozytose war noch recht hochgradig, 
aber trotzdem fühlte sich Patient subjektiv ganz wohl; das Körper¬ 
gewicht hatte sich vom 10. V.—17. V. um 4 Pfund gehoben. ( 138 l / 2 — 
142 1 a Pfund). 

Dieses subjektive Wohlbefinden will ich hier schon 
ganz besonders betonen; diese Euphorie veranlasst öfters zu frühe 
Entlassung aus dem Krankenhause nnd doch sind die Kranken noch 
als Schwerkranke zu beurteilen, wie die hochgradige Pleozytose, hier 
379 Lymphozyten im Kub.-mm., anzeigt. Patient hat noch öfter 
i um Entlassung gebeten, Hess sich aber leicht überreden zn bleiben, 
da er seiner Doppelbilder wegen nicht arbeitsfähig war. Patient hat 
i noch 3 X Salvarsan ä 0,6 und später noch 7 Injektionen von Hg., 
salicylic. ä 0,1 bekommen; seine Neuritis opt. schwand schnell, seine 
I Abducens-parese bestand aber noch längere Zeit. Das Endresultat 
j war ein Glänzendes. Patient wurde nach 2 Monaten Krankenhaus 
| aufenthaltes am 30 Juli genesen, ohne Doppelbilder mit 14 Pfund 
Körpergewichtzunahme entlassen. Ich habe ihn im Okt. 1911 wieder¬ 
gesehen, er hat im ganzen 40 Pfund zugenommen, so dass ich ihn 
| kaum erkannte; er fühlte sich vollkommen wohl und war voll tätig! — 

1 Seine Reaktionsbilder zeigen bemerkenswerte Zahlen. Sie demon¬ 

strieren die stetige Abnahme der Pleozytose von 896 bis 27 und 
zeigen die Wasserm.-Re im Blut bis auf einmal am 13. VI. stets ne- 

g ativ; im Liquor stets hochgradig positiv, doch ist sie kurz vor der 
ntlassung nur noch für höhere Mengen Liquor noch positiv und nicht 
| hochgradig, also im Schwinden begriffen. Die Eiweissreaktionen sind 
auch fast negativ geworden! Ich setze sie hier im Zusammenhänge her: 




4.V.1911. 

6. V. 11. 

27.V.11. 

13. VI. 11. 

4.VII.11. 

21. VII. 11. 


N. A. 

+ 

+ (+) 


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+ + f f 

+ + + 

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896,- 

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87, 3 * 

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Conz. 

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0, 0 



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0,g 

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0,6 ! 

3. VI : 0, 5 

0, 6 

22,25,28,VI. 

1 - 

1 Pie- 

Salv. 



13.VI.0h, 


|4,8,18,28.V1I 

1 je 0,j Hg. 

i 






1 

; salicyf. 


Digitized by le 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 7. 


1912. 


102 . 


Trotz unvollständigem erstem Reaktionsbild und 
zweifelhafter bakteriologischer Untersuchung zeigen die 
späteren Bilder und der Erfolg doch, dass die Annahme 
einer Hirnlues richtig war. Die Wasserm. Re. im Liquor 
war später stets positiv und der Erfolg des Salvarsan 
war ein glänzender. Und ausserdem! es ist durch diese 
Erfolge schon der direkte Beweis erbracht, dass der 
schwere Zustand, mit dem Patient aufgenommen wurde, 
nicht auf die einmalige intramuskuläre Salvarsaninjektion 
zu beziehen war, dass er sich nicht um ein sog. Neuro- 
rezidiv nach Salvarsan gehandelt hat, sondern um eine 
reguläre Hirnsyphilis, die sich trotz Hg. und trotz Sal¬ 
varsan entwickelt hatte. Die sehr grossen Mengen Sal¬ 
varsan, die Patient erhalten hat, im Ganzen 3,5, zeigen 
ausserdem klar, dass eine Giftwirkung des Salvarsans 
bei Entstehung des Prozesses nicht mitgewirkt hatte, sie 
zeigen, dass auch später von einer deletären Wirkung 
von 606 auf die Organe nichts zu spüren war. Nach 
der 6. Injektion trat ein Herpes an Lippen und Kinn 
auf, der mich veranlasste zu Hg. überzugehen, weil die 
Doppelbilder noch nicht vollkommen geschwunden, und 
noch Pleozytose und Wassermann Re. im Liquor positiv 
waren. 

Ein 2. Kranker Latz 1 ) — nach dem Gesetz der Duplizi¬ 
tät der Fälle — lag zu gleicher Zeit in der Abteilung. 
Auch er hatte IVa Jahr vor der Aufnahme Lues akqui- 
riret, war energisch, freilich nur ambulatorisch behandelt 
worden und hat nach mehreren Hg.-Kuren und 4 Monate 
vor seiner Aufnahme 1 mal Salvarsan erhalten, intra¬ 
muskulär! Auch hier würde man (Finger?) vielleicht 
von einem Neurorezidiv nach Salvarsan gesprochen haben, 
von einer Ablenkung der Syphilis aufs Gehirn durch 
Salvarsan!? 

Er zeigte neben einem normalen Organbefund — (bis 
auf eine geringe Schwellung des rechten Knies, rheumati¬ 
schen Ursprungs, die schon vor der Infektion bestanden 
hatte) eine rechtsseitige Hemiparese; klagte über Schwin¬ 
del und taumelte beim Gehen so stark nach rechts, dass 
er ohne Unterstützung nicht gehen konnte. Es bestan¬ 
den gleichnamige Doppelbilder (paresis nerv, abduc.) 
und Kopfschmerzen, Erbrechen (1 mal) und Agrypnie. 
Die bakteriologische Untersuchung (Dr. Praetorius) er¬ 
gab sterilen Liquor, seine Reaktionsbilder ähnelten 
durchaus denen des ersten Palles: 



> 

| Oi 

17. VI. 

27. VI. 

21. VII. 

N. A. 

-+• 4- -f 

+ (+) 

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H) 

P. 

+ -F + -H 

-I- 4- 

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PL 

565,, 

107* 

69,4 * 

19, 9 

CQ 

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-f- % 


4" 4 - 

+ 1 

1 W. L. 

*- 4 4 4 - 

+ 4 - -* + 

4- -4- -f 4- 

- 4 4- + 

Therapie 


| 

ro.fi 27/VL 

Hg.salicyl 


Salvarsan. 


o, B n. vii. 

°* ! 




jo* 21 . VII. 

I ; 


Sie zeigten, dass es sich nicht um ein Neurorezidiv 
gehandelt habe, im Sinne einer neurotropen Wirkung 
des Salvarsans, alle 5 Reaktionen waren sehr stark 

>) Latz, 38 Jahr alt, aufgenommen: 9/VI 1911; entlassen 30/VI1 
1911. Nach Herrn Dr. Snicker s Bericht hat Patient vor H/2 Jahren 
Lues akquiriert; hatte Januar und Februarl910 Rezidive: Roseola,Papulae 
linquac; bis 20. August 1910 36 Inunktionen ung. einer: ä 5,0 und 
6 Injektionen Hg.-salicyl ä 0,1; 1911 1911 Salvarsan intramuscul. 
(nach Blaschko) 0,6 vom 19/V—4/VI 1911 4 Injektionen von Hg. 
salicylici. Alle Behandlungen sind ambulatorisch gemacht worden. 
Patient gibt selbst eine sachgemässe Anamnese, fühlt sich seit 3 
Tagen krank, Schwindel, Kopfschmerzen, Agrypnie, Doppels^hen und 
könne nicht sicher gehen, taumele und falle nach rechts. L. nerv, 
abd.-paretisch, gleichnamige Doppelbilder, rechte Hemiparese; Patient 
fallt beim Gehen nach rechts, Kniephänomen lebhaft, Achillesreflex 
lebhaft. Pu. Re. f. L. und Conv. = n; opht.= n. Bauchreflex, Kremaster¬ 
reflex = n; Sensibilität = n. 


positiv, die Pleozytose hochgradig, nur die Wasserm. Re. 
im Blut war nur mittelstark positiv (2-)-). Auch hier 
sehen wir, dass die ambulante Therapie mit Hg. und 
Salvarsan die Antikörper zum Teil fortgeschafft hat, 
aber eine Hirnsyphilis nicht hat verhüten können. 

Auch hier hat Patient ohne irgend welchen Nachteil, im 
Gegenteil mit stetiger Besserung seines Allgemeinbefindens 
und seiner Ausfalls-Erscheinungen 5 mal Salvarsan glän¬ 
zend vertragen; auch diesen Patienten habe ich 2 mal im 
Herbst wiedergesehen. Er stellte sich seiner Schwellung 
des r. Knies wegen vor, die schon vor seiner spezif. In¬ 
fektion bestanden hatte, und ihn wenig inkommodierte. 
Nach lokaler Behandlung war auch diese am 13/XII 1911 
geschwunden. Ich konnte mich aber bei diesen Gelegen¬ 
heiten von dem vorzüglichen Allgemeinbefinden überzeu¬ 
gen. Patient hatte in der Abteilung (I68V2 Pf. 14./VI— 
191 Pf. 26./VII) 22V2 Pf. zugenommen, und später noch 
mehr, alle Ausfallserscheinungen waren vor der Ent¬ 
lassung geschwunden, und jetzt nicht wiedergekehrt und 
Patient war voll arbeitsfähig! Die Reaktionsbilder, die 
Heilung nach spezifischer Therapie, die Anwendung 
des Salvarsan in hohen Dosen zeigen, dass es sich 
nicht um eine „Salvarsanschädigung“, sondern um eine 
Hirnsyphilis gehandelt hat. Auch bei diesem Kranken 
war die Euphorie so schnell nach der 2. Infusion einge¬ 
treten, dass er zu einer Zeit schon entlassen werden 
wollte, als seine Pleozytose noch eine hochgradige war 
(107): Die Kreuzchen (*) in den Reaktionsbildern der beiden 
Kranken zeigen die Zeiten der Entlassungsgesuche an! 
Ich meine auch hier auf diese Euphorie ganz besonders 
hinweisen zu müssen! Ohne genauere Daten in den 
Reaktionsbildern sind wir oft nicht in der Lage genau 
zu beurteilen, ob dem subjektiven Gefühl auch ein objek¬ 
tiver Zustand des Z. N. entspricht. Der erste Kranke 
Deikun wollte schon bei einer Pleozytose von 379 nach 
Hause, der 2. bei einer von 107!! 

Als im Herbst 1910 der Salvarsan-Enthusiasmus 
durch die ganze Welt ging, habe ich mehreremal Gele¬ 
genheit gehabt Leute zu untersuchen, die sich subjektiv 
wohl fühlten, doch durch die Angst vor einem even¬ 
tuellen Rezidiv jetzt durch das Salvarsan aller Angst 
und Furcht für alle Zeiten enthoben werden wollten. 
Ich machte solchen zur Bedingung eine L. P. und fand 
in einigen Fällen eine nicht unbedeutende Pleozytose 
(40 und 50). Es ist ja bekannt, dass eine Pleozytose 
schon im Sekundärstadium der Syphilis bestehen kann. 
Wenn sie auch lange Jahre bestehen kann (Vincents), 
ist sie doch wohl nicht irrelevant. Sie ist möglicher Weise 
der äussere Ausdruck einer Veränderung der Meningen, 
die die Grundlage bildet für eine spätere Tabes, resp. 
Parlyse! (cf. meine früheren Ausführungen St. Petersb. 
Med. Woch. 49 und 50, 1911). Sie kann aber längere 
Zeit getragen werden, ohne subjektive Beschwerden zu 
machen. Auch wo sie akut, als Ausdruck einer Hirn¬ 
lues aufgetreten ist, wie in obigen Fällen, und wohl zu¬ 
rückgegangen ist, aber doch noch eine bedeutende Höhe 
hat, macht sie keine Beschwerden mehr. 

Die Kranken verlangen schon Entlassung. Gibt 
man ihren Forderungen nach, so ist die Schlussfolgerung 
berechtigt, dass auf dem Boden des nicht vollständig 
zurückgegangenen Prozesses, ein Rezidiv sich entwickeln 
dürfte, oder richtiger gesagt, der nicht zur Ausheilung 
gelangte Prozess flackert wieder auf; nach Entlassung 
hört gewöhnlich die Therapie auf, oder aber das Verhal¬ 
ten der Kranken ist ein zweckwidriges. Die Situation 
ist dieselbe wie sie bei diesen beiden Patienten vor der 
Entwickelung der Hirnsyphilis, vor der Aufnahme war!! 

Zur Illustration dieser, zu Fehlern von Seiten des 
Kranken und des Arztes führenden pathologischen Eu¬ 
phorie, möge folgender Fall hier eingeschaltet werden. 
Und diese Fehler passieren naturgemäss leichter in Fäl¬ 
len von Hirnlues, die nur das Bild eines Meningitis 
ohne Lähmungserscheinungen zeigen. 


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Gck igle 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N° 7. 


103. 


In meiner Abwesenheit war in die Abteilung am 5 August 1911 
der Kasimir Bernatowitsch in benommenem Zustande auf¬ 
genommen worden. Er sollte akut erkrankt sein, konnte selbst keine 
Angaben machen, war unruhig und zeigte ausser einigen kleinen 
Narben an den Unterschenkeln, keinen Anhaltspunkt für seinen Zu¬ 
stand. Organbefund ohne Belang. L. Punktionen am 8. und 11. 
August ergaben gelblichen, resp. gelblich-grünlichen (11./VIII) Liquor, 
und die 5 Reaktionen folgende Bilder: 


JE 

<J 


8. VIII. 11. 

ll.VIII.il, 

CA 

N. A. 

F (F) 

F f F 

i 

o 

P. 

+ F + 

+ +F + + 

m 

PI. 

173, 2 

136,j 

c 

W. BL 

F F 4- 

1 FFF 

V 

CQ 

W. L. 

— 

F f F F 


Die bakteriologische Untersuchung gab keine sicheren Anhalts¬ 
punkte, Dr. Präetorius bezog den Befund am 8. VIII. 11. auf Verun¬ 
reinigungen. Am 11. VIII. war der Liquor steril und die Wasser- 
mannsche Reaktion im Liquor war das erstemal negativ ausgefallen. 
Patient bekam Ik. und 21. VIII. ist im Krankenbogen notiert „ab¬ 
solut mobil, fühlt sich ganz wohl und wünscht durchaus Entlassung"! 
Diagnose auf dem Bogen: Lues cerebri. — Am 22. VIII. wurde er 
ausgeschrieben; Am 27. September jedoch wieder von seiner Wir¬ 
tin in benommenem Zustand dem Krankenhaus übergeben. Erst 
nach einigen Tagen konnte Patient Angaben machen; er klagte 
über Kopfschmerzen und Schwindel beim Erschüttern des Kopfes; 
keine Lähmungserscheinungen, nur das Hörvermögen herabgesetzt. 
Pu. R6 f. L. u. Conv. n; = ophth = n. Organe ohne path. Befund. 

Seine Reaktionsbilder waren: 



28. vm. 

13. X. 

29. X. 

N. A. 

F 

+ 

— 

P. 

F 

f F 

+ ! 

PL 

70, 

13 

8,9 

W. Bl. 

F + + 

F + f F 

+ F + + 1 

+ C. 0,12 

W. Lq. 

F F f F 

FFF Fj+FFF c. 0 >4 , 0* 0,<J 

Therapie. 

i 

0*45 J 0, 6 

Salvarsan. 

1 

0, 6 -f 3XHg 
Salicyl. ä 0 tl 

14, 18,25. XI. 


Die Jodtherapie hatte wohl Euphorie erzeugt, hatte aber nicht 
verhüten können, dass Patient wieder in benommenem Zustande 
in’s Krankenhaus gebracht werden musste. Obgleich auch die 
Pleozytose auf die Hälfte zurückgegangen war, so erkrankte Patient 
doch wieder, d. h. er war krank geblieben, eine seinem Zustande 
nicht entsprechende Enphorie hatte den Kranken fehl geleitet sich 
für gesund zu halten. Eine genaue Untersuchung schützt vor sol-. 
chen Fehlem. Der Hergang ist aber hier derselbe, wie bei den 
sog. „Neurorezidiven"! Die Therapie ist eine ungenügende. Nach 
Abschluss dieser erkrankt Patient nach 3—12 Wochen von Neuem. 
Hier könnte man mit derselben Berechtigung, wie man von Neu¬ 
rorezidiven nach Salvarsan spricht, von einem „Neurorezidiv“ nach 
Jod sprechen, mit dem Unterschied, dass hier schon vorher eine 
Erkrankung des Z. N. vorlag! — Nach Salvarsan genas Patient. 
Er wurde am 1. XII 1911 entlassen. Erst in der 2. Hälfte seiner 
2. Kur war Patient einsichtsvoll genug, um jetzt zuzugeben, dass es 
falsch gewesen sei damals im Sept. nach Hause zu gehen. .Er habe 
sich aber ganz wohl geführt“!! ‘). 

Sehr deutlich demonstriert ein weiterer Fall die 
Entstehung eines Neurorezidives nach ungenügender 
Behandlung. 

Am 2. Dez. 1911 wurde der 33-jähr. Hebräer Schlom Baumann 
aufgenommea 

Er hatte sich April 1911 syphilitisch inficiert, hatte vom Syphi- 
lidologen eine intravenöse Infusion von Salvarsan erhalten mit der 
strikten Weisung sich nach kurzer Zeit eine zweite Infusion machen 
zu lassen. Der Mann hatte sich, wie er sagte, wohl gefühlt nach 
der ersten, und hatte den Rat des Arztes nicht befolgt und sich 
einer weiteren Behandlung nicht unterzogen. Mitte November 1911 
stellte sich eine Schwäche des rechten Beines ein, er konnte die 


*) Zusatz bei der Korrektur: der Bernatowitsch war 
.zur Nachprüfung" am 10. II. 1912 wieder ins Krankenhaus gekom¬ 
men; er zeigte bei der Aufnahme noch die Wasserm. im Blut + + + + , 
die übrigen Reaktionen negativ. Nach einer kombinierten Salvarsan- 
Hg Kur wurde er am 22. III. 1912 genesen entlassen. Seine Reak¬ 
tionen waren am 14. 111. 1912: na = —; Pändy = —; Pleoz. = 4,i; 
Wasserm. Bl = — Wasserm. in Li = — ! 


Zehen des rechten Fusses überhaupt nicht bewegen. Das Kn Ph. 
ist an beiden Beinen sehr lebhaft, Bauch Rfl. — 0, Cremast. Rfl. ssf 
0, gröbere Sensibilitätsstörung (taktile und Schm. E. geprüft) konnte 
nicht nachgewiesen werden. Babinski positiv, Blase = n. ophth. 
= n. Seine Reaktionsbilder zeigten während der Beobachtungszeit 
folgende Daten : 



' 

3. Xll. 1911. 

16. Xll. 1911. 20. Xll. 1911.J 

N. A. 

f (+) 


F (F) 

P. 

4- F 

4- 

4- 4- 

1 PK 

145, or 

35, 7 

30.9 1 

W. Bl. 

F F F 4- j 


+ 4 F F 

W. Li. 

+ + + F j 
C. 0,^ u. 0,2 | 

F r F F 

+ C. 0, 2 
4-F4- + C. 0, 4 

Therapie 

0* i 

°*® 

1 0,4 bis 0,5 l)j 


Auch hier beweist das erste Bild, dass es sich um 
Lues spinalis und nicht um eine Salvarsanschädigung 
handelte. Die lange Zwischenzeit zwischen erster The¬ 
rapie und Auftreten erster Spinalsymptome — 7 Monate — 
schon allein dürfte das Salvarsan als Gift freisprechen, 
wenn die spätere Erkrankung ihm zur Last gelegt wer¬ 
den sollte. Die Syphilis selbst und die ungenügende 
Behandlung sind die einzigen Momente, die beschuldigt 
werden dürfen. 

Und Salvarsan wirkte jetzt nicht schädigend, sondern 
heilend. Nach dreimaliger Infusion von Salvarsan und 
Bettruhe ging die Pleozytose zurück, das Bein wurde 
wieder funktionsfähig, seinem Gang war kaum etwas 
Pathologisches mehr anzusehen; die Wasserm.-Re. im 
Liquor war rückgängig, für 0,4 aber noch sehr stark positiv. 

Und auch jetzt noch wäre eine Unterbrechung der 
Kur nicht statthaft gewesen, doch Patient forderte kate¬ 
gorisch seine Entlassung und hatte sie schon vor der 
3. Infusion verlangt; seine. Reaktionsbilder waren alle 
noch positiv und dürften zu Rezidiven Anlass geben! 
Besser gesagt — die Reaktionen zeigten, dass trotz subjek¬ 
tiver Euphorie und objektivem Zurückgehen der Läh¬ 
mungserscheinungen der dem Leiden zu Grunde liegende 
Prozess noch nicht zur definitiven Heilung gekommen 
war und eine Fortsetzung der Therapie also durchaus 
noch notwendig war. Solche Fälle demonstrieren 
einzig und allein wie wir durch die genaue Unter¬ 
suchung des Liquor in den Stand gesetzt werden, die 
Verhältnisse „objektiv“ und beweisend zu beurteilen. 

Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse in dem von mir 
in meiner Mitteilung über die therapeutische Wirkung 
des Salvarsan (St. Petersb. Med. Woch. Ne 50 pag. 
573) beschriebenen Fall A. v. B., in dem ich selbst im 
Sek.-Stadium der frischen Syphilis eine ungenügende 
Behandlung durchgeführt hatte. 

Im Herbst 1910 (Patient wurde 18/IX 1910 auf¬ 
genommen) befand sich die Salvarsantherapie noch im 
Stadium der intramuskulären Injektionen. Patient er- 
hieli nur 2X 0,4; er fuhr nach Abblassen seines papu¬ 
lösen Exanthems nach Hause. Ich hatte Patienten nach 
3 Monaten zu erneuter Kur wiederbestellt. Er kam erst 
im Januar 1911 (die genauere Krankegeschichte bitte 
1. c. nachzulesen) mit einem Zustande, den man sehr 
wohl als Neurorezidiv hätte auffassen können in damali¬ 
ger Zeit! — er war taub geworden auf dem rechten 
Ohr und zeigte sonst allgemeine Schwächesymptome, 
geringe Steigerung der Eigenwärme; keine sonstigen 
Lähmungserscheinungen; bei seiner hochgradigen Nervo¬ 
sität, die schon seit Jahren bestand, hätte man auch 
das ganze Symptomenbild als Folge seiner Nervosität 
plus leichter Influenza ansehen können, und solches 
war auch wirklich geschehen. Patient klagte über 
Schwanken beim Gehen — vom Schwanken war aber 


Durch Platzen der Flasche ging mir ein kleiner Teil der Lösung 
verloren; wieviel, konnte nicht genau festgestellt werden. 


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Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



104 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 7, 


1912. 


nichts zu sehen, Er klagte über Unvermögen zu schrei* ' 
ben, schrieb aber richtig und gut, freilich mit subjekti¬ 
ver Anstrengung und Ermüdung; am Ohr war nichts 
zu finden (Dr. F. Voss) und in der Tat, dieses Sympto- 
menbild war auch in einer anderen Stadt als Neurose 
aufgefasst und gedeutet worden. Man hatte Patient be¬ 
ruhigt und zurück aufs Land geschickt mit allgemein 
diätetischen Anordnungen. Und dieser Auffassung des 
Symptomenbildes konnte nichts Definitives, nichts Greif¬ 
bares entgegengehalten werden. 

Auch der Anschauung, dass hier ein Fall von Schä¬ 
digung des Hörapparates nach Salvarsan vorläge, konnte 
nicht mit beweisenden Daten entgegengetreten werden. 
Erst eine L. P. brachte Klarheit und eine vollkommen 
andere und einwandsfreie Deutung der Sachlage. Ich 
setze die Reaktionsbilder nochmals hierher: 




12.1. 1911. 

5. II. 1911. 

22. II. 

18. III. 11. 


N. A. 

+ + # 

4- 4- 4- 4- 


+ (+) 


P. 

+ + + r 

+ + + + 

+ + -P -i- 4- 

4- 4- j 


PI. 

1109.,, 

207,« 

62, 7 

34, 7 

cd 

WB1. 

+ 4- 4- 

+ 4- -f 4- 

nicht ge- 

4- 4- + 4- 

> 

WLi. 

+ + + + 

f? + - - 

macht. 

4- 4- + 4- 

< 


C0, 2 -0,h 

cO, 2 - 0, H 


cO, 2 — 0, s 


1 The¬ 

Salvarsan 

4 X ä 0, (5 

7 Injektionen von 


rapie. 

12. I. 24; 1 

5. II; 22. II. 

Hg. salicyl. ä 0,1 | 




29. I. 2. I 

, 7 11, 9 II, 





25. II., 9. 

III., 19. III. 


Sie wirken überraschend und erschreckend und zeigen 
die bösesten Zahlen. Eine Pleozytose von 1109: die 
Eiweissreaktionen beide sehr stark positiv, ebenso beide 
Wasserm. Re. sowohl im Blut als auch im Liquor sehr stark 
positiv! Also ist ein Zweifel an einer spezifischen Hirn¬ 
affektion wohl nicht möglich. Und bei diesen Daten 
die rechtsseitige Taubheit! Nur diese allein eine Schädi¬ 
gung durch Salvarsan? oder alle Erscheinungen zusam¬ 
men ein schweres Syphilisrezidiv?! — Ich will die damalige 
Behandlung mit ä 0,4—2 X intramuskulär — als 'absolut 
ungenügend bezeichnen. Unsere Kenntnisse waren da¬ 
mals noch unzureichende. Jeder hatte Scheu eine grös¬ 
sere Dosis zu applizieren. Die Reaktionserscheinungen 
nach den Injektionen verstärkten nur die Scheu vor dem 
Mittel. Durch die schrecklichen Folgen des Atoxyl 
waren die Gemüter in Erregung. Heute kann ich be¬ 
haupten, dass das Salvarsan für den Menschen in Dosen 
von 0,6 ein unschuldiges Mittel ist, das man öfter ohne 
üble Folgen wiederholen kann und muss, denn mit 
einer Dosis kann man eine Sterilisation absolut nicht 
durchführen. Ich werde weiter unten eine Reihe von 
Fällen von Lues cerebri anführen, die in ihren Reaktions¬ 
bildern eine grosse Uebereinstimmung unter einander 
und mit den sog. Neurorezidiven zeigen und zeigen wie 
glänzend Salvarsan vertragen wird, und' wie glänzende 
Erfolge es zeitigt, und ich bin überzeugt, dass, wenn 
in allen Fällen, in denen Symptome von Seiten des 
Nervensystems aufgetreten sind, ebenso untersucht wor¬ 
den wäre, z. B. von Finger, wie Nonne es empfoh- I 
len und wie ich es gemacht habe, und wie I 
A s s m a n in Dortmund und andere, so wäre der Be- 1 
griff Neurorezidiv nach Salvarsan garnicht geprägt wor- j 
den, sondern es wäre von Anfang klar gewesen, dass 
es sich um Syphilisrezidive gehandelt hat, mit Lokali¬ 
sation im Gehirn! — Man hätte schneller eingesehen, j 
dass das Salvarsan ein unschuldiges Mittel, weit ungif- j 
tiger als Hg. ist, man hätte bald eingesehen, dass man j 
viel zu wenig energisch behandelt, und dass man Sal¬ 
varsan in zu kleinen Dosen und zu selten angewandt habe, 
und so die Rezidive durch eine zu kleine Dosis ver¬ 


schuldet worden waren. Gewiss haben die heftigen 
Reaktionserscheinungen nach den Injektionen und auch 
den intravenösen Infusionen dazu beigetragen die Scheu 
vor dem Mittel zu steigern und mahnten zur Vorsicht. 
Jetzt ist aber an vielen Orten das Erstaunen gross, dass 
diese heftigen Reaktionserscheinungen auf das Wasser 
zu schieben sind. Yak im off hat auf Ehrlichs Ver¬ 
anlassung im Speyer-Hause ja auch schon nachgewiesen, 
warum. Auch in meiner Abteilung fiebert seit dem 
Herbst 1911 fast niemand mehr, und die Reaktionser¬ 
scheinungen sind sehr gering. Trotz Reaktionserschei¬ 
nungen war ich durch die hohen Dosen und die häufi¬ 
gen Wiederholungen des Mittels schon im vorigen 
Winter zur Ueberzeugung gelangt, dass man viel 
dreister Vorgehen könne, und • dass man viel höhere 
Dosen anwenden könne, als allgemein angewandt wur¬ 
den und auch jetzt noch angewandt werden. Solches tritt 
auch noch in einer der letzten Veröffentlichungen in der 
Deutsch. Med. Woch. 1912 N° 3 von Prof. M. Möller 
(Stockholm) uns entgegen. Seine Resultate wären noch 
viel bessere, wenn er statt 0,4 immer 0,6 infundiert 
hätte; die Sterilisatio magna ist nur mit hohen Dosen 
und bei Wiederholung zu erzielen und zu erstreben, 
worauf Ehrlich immer wieder hingewiesen hat. Und 
auch dieses „Rezidiv“ bei Herrn A. v. B. wäre wohl 
ausgeblieben, wäre ich in der Lage gewesen, damals 
nach Anschauungen zu handeln, wie sie jetzt zu Gebote 
stehen, wenn ich damals so energisch vorgegangen wäre, 
wie später. Jedenfdlls zeigt aber auch dieser Fall, dass 
die sog. „Neurorezidive nach Salvarsan“ nicht als Giftwir¬ 
kung des Salvarsan anzusehen sind, sondern als Wirkung 
zu kleiner Dosen von Salvarsan; also nicht zuviel 
eines gefährlichen Mittels, sondern zu wenig dieses Mit¬ 
tels hat die schlechten Wirkungen gezeitigt; das zeigen 
die glänzenden Wirkungen des Salvarsan bei der Be¬ 
handlung der sog. Neurorezidive selbst. Die glänzenden 
Resultate mit kombinierter Salvarsan-Hg-Behandlung 
die jüngst Schölt z-(Königsberg) (Deutsch. Med. WocA. 
1912 II pag. 309 f. f.) veröffentlicht, haben die Neurorezi¬ 
dive in letzter Zeit vermissen lassen, auch aus seinen 
Erfahrungen geht hervor, dass nur eine ungenügende Be¬ 
handlung Schuld am Auftreten von Neurorezidiven war. Sal¬ 
varsan allein drükte im obigen Fall sofprt die Pleozytose 
von 1109 auf 207 herab; eine kombinierte Therapie liess 
sie auf 34 zurückgehen. 

Trotz recht glänzenden Resultates zeigen aber die 
Endreaktionen durchaus noch, dass Heilung noch nicht 
eingetreten ist — fordern zur Vorsicht in der Prognose, 
fordern direkt zu erneuter Behandlung auf. 

Was aber für Dinge zu Tage treten können in Fällen, 
die als „Neurorezidive“ gedeutet werden können, lehrt 
ein 5. Fall, den ich in obiger Mitteilung ganz kurz er¬ 
wähnt und nur von der therapeutischen Seite besprochen 
habe, der hier aber verdient genauer betrachtet zu wer¬ 
den. Es ist der Fall S. Sch. auf pag. 565 der Ke 49. 

Der Mann hatte in Deutschland einer Tabes dorsalis im praea- 
taktischen Vorstadium wegen im Spätherbst 1910 eine Salvarsanin- 
fusion erhalten. Im Januar 1911 auf seiner Rückreise von Berlin hier¬ 
her traten die ersten Symptome ungewöhnlicher Natur auf, die Pa¬ 
tient früher bei seiner Tabes nicht erlebt hatte. (Rückenschmerzen). 
Zu Hause fieberte Patient mehrere Wochen. Die gemessenen Tem¬ 
peraturen waren nicht hoch, doch waren täglich Antipyretica genom¬ 
men worden, nur einmal betrug die Temperatur abends 39°, 0 . Sonst 
waren auch keine erklärenden Symptome vorhanden, die eine Dia¬ 
gnose ermöglicht hätten; Status: Pupillenstarre, fehlendes Kniephä¬ 
nomen ; ianzinierende Schmerzen seit Jahren; doch jetzt war nichts 
hinzugekommen, als allgemeines Unbehagen Rückenschmerzen, Kopf¬ 
schmerzen und Fieber. (Die Nackensteifigkeit war nicht so hervor¬ 
tretend, dass sie im Vordergründe stand). Bei der Stimmung, die 
damals schon begann und jetzt erst recht noch die Gemüter depri¬ 
miert und gegen das Salvarsan einnimmt, würde man wohl das Sal¬ 
varsan nicht als unschuldig freigesprochen haben. Durch seinen Arzt, 
Herrn Dr. Bierich wurde Patient nach Riga zu mir dirigiert. Eine 
L. P. (20. II. 1911) brachte sofort mehr Klarheit. Ich fand einen so 
trüben Liquor, wie ich ihn bei luetischen Erkrankungen des N. S. 
nicht gesehen hatte. Beim Stehen bildete sich ein Gerinsel; mikro¬ 
skopisch fanden sich »meist polynukleäre Zellen“, aber auch reichlich 


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UMIVERSITY OF MICHIGAN 







105. 


1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N® 7. 


Lymphozyten (189 im Kub.-mm.) und Herr Dr. Prätorius konnte mikro¬ 
skopisch und kulturell Pneumokokken nachweisen. Ich machte nun 
3 Tage nach einander Lumbalpunktionen, die Patienten grosse Er¬ 
leichterung brachten und die Temperatur allmählich unter 37° herun- 
tergehen Hessen. (25. II.). Doch hielt sie sich nur 3 Tage unter 37°, 
stieg dann an und bewegte sich 19 Tage zwischen 37 und 38°. Ob¬ 
gleich schon der Liquor nach der ersten Punktion klar und nach der 
3-ten steril gefunden worden war, so stand ich doch unter dem Eindruck 
der Ergebnisse der mikroskopischen und bakteriologischen Unter¬ 
suchungen; dass es sich nicht um ein Neurorezidiv nach Salvarsan 
handelte war klar; aber dass es sich um eine Meningitis handelte, 
war auch wohl klar, wenn auch solche blande verlaufende Fälle von 
Pneumokokken meningitis wohl zu den Seltenheiten gehören dürften; 
serologische Untersuchungen konnte ich damals nicht machen lassen, 
und ich kehrte zu den täglichen Lumbalpunktionen zurück. Wenn sie 
auch subjektive Erleichterung schafften, so hatten sie doch keinen 
Einfluss auf die Temperaturen mehr. Bei dem stabilem Zustande 
mussten nun doch endlich andere Erwägungen Platz greifen. Die 
Pneumokokkenaffektion war abgelaufen, (?) die Untersuchungen lie¬ 
ferten eine sich kaum verändernde Pleozytose (2. III. 149 Lympho¬ 
zyten und polynukleäre Zellen 'Ungefähr zu gleichen Teilen: Dr. G. 


Ausserdem gab ich Ik. und Hg. (cf. Tabelle) und der allendliche 
Erfolg war ein guter! Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass die Wasserm.- 
Re. im Serum nach dem Salvarsan positiv geworden war; trotzdem 
hatte das Körpergewicht stark zugenommen! über 5 Kilo! und Pa¬ 
tient fühlte sich sehr wohl! So interessant nun schon diese Erfah¬ 
rung ist und die obigen Ueberlegungen bestätigte, um so interessanter 
ist der weitere Verlauf. Ich habe Patienten noch 2 X in der Klinik 
gehabt. Patient hatte sich nach seiner Entlassung zu Ostern 1911 
noch weiter erholt, hatte, vom Beginn der Kur an gerechnet, 35 Pfund 
zugenommen und habe sich so wohl gefühlt „wie seit Jahren nicht“. 
Aber auf einer Rückreise von Berlin nach Hause erkrankte er wieder 
mit Rückenschmerzen. Patient lag 14 Tage zu Hause, da sie aber nicht 
nachliessen, kam er am 23. Juni 1911 wieder in die Klinik; .die Tem¬ 
peraturen waren wieder hoch, zwischen 38° und 39°. Der Liquor zeigte 
wieder einen hohen Zellgehalt von 381. Die Ei Weissreaktionen waren 
positiv und die Wasserm.-R6. verhielten sich wie früher. Der Liquor 
war im bakteriologischen Institut steril gefunden worden. (Dr. Ber¬ 
tels 26. VI. 1911). Nach einer Salvarsaninfusion von 0.6 am 28. Juni 
fiel die Temperatur am Tage nach der Infusion rapid, weit unter 37° 
(35,8 M. und 36,9 Ab.) und blieb dann unter 37°. Es stellte sich 
Euphorie ein und Patient Hess sich nicht überreden zu längerer Ruhe, 




Kurve 1>. 


Schultz 9. III. = 152,9, 15. III. = 174,6). Die Ueberlegung, dass durch 
die Pneumokokkenaffektion die chronische Meningitis (N a g e o 11 e), 
die der Tabes zu Grunde lag, exazerbiert sei, resp. jetzt eine kom¬ 
plizierte Affektion der Meningen vorläge, hatte Manches für sich, und 
so beschloss ich eine Salvarsaninfusion zu machen, die am 19. III. zur 
Ausführung kam (0,5). Am 15. 111. hatte eine erneute Untersuchung 
stattgefunden, die beide Eiweissreaktionen noch stark positiv, eine 
Pleozytose von 174 ergeben hatte. Die Wasserm.-R£ im Liquor war 
sehr stark positiv (in allen Konzentrationen: von 0,2—0,8) die Wasserm.- 
R& im Blut aber war negativ ausgefallen. Nach einer Temperaturerhöhung 
am Tage der Infusion sank jetzt die Temperatur unter 37°, um auch 
nicht mehr zu steigen! — (Ausser nach den erneuten Salvarsanin- 
fusionen am 29. III. und 19. IV.). 

Ich setze hier die TBmperaturkurve und die Reaktionsbilder her: 



20. II. 1911. 

2. III. 1911. | 15. III. 1911. 

15. IV. 1911. 

N. A. 

4- -f 

4- ! 4- (+). 

-i | 

P. 

+ 4- 4- 4- 

4-+<l> + + + 

— 

PL 

189 

149 174, 6 

6, 8 

W. B. 

mei^t polynu¬ 

— 

• # + + 


kleäre Zellen 

f # + 4- + 

| + + C 0, 2 

W. Li. 

i 

1 in allen Conz. 

i 

+ 1++C0,4 

Therapie. 

3 X Salvarsan 19. 111. 0, 5 ; 29. III. 0 I(i ; 1 

Jk.10,npro die| 


19. IV. 0, fi ; 

Hg. salicyl. ä 0,j; 16. III; 

8.111, 22.1V. 


19. III; 28.111; 19. IV. 



sondern fuhr am 2. Juli 1911 wieder nach Hause. — Das Wohlbe¬ 
finden hielt den ganzen Herbst über an. Im Dezember 1911 trat 
wieder Uebelbefinden ein; nach einigen Tagen stellte sich Patient in 
der Klinik vor. Die Körpertemperatur war abends und morgens über 
37° (37,3 und 37,4), nach erneuter Infusion ging sie wieder prompt 
unter 37°. Die Pleozytose hatte sich wieder auf 115,8 gehoben. Seine 
Reaktionsbilder sind folgende: 



23. VI. 11. 

l.VU. 11. 

13.X1L11. | 

! N. A. 

+ (+) 

(4-) 

4- 

| p. 

+ 

<+> 

+ 

1 Pl. 

381 

35,4 

115,« 

j W. Bl. 
W. Li. 

•f- 4- 4- 4- 

nicht gemacht. 

1 

Therapie 

0.« , 


0* j 


Ein definitives Urteil über diese Beobachtung wird 
nicht leicht zu erlangen sein, da eine path.-anatom. 
Kontrolle fehlt. Viel Wahrscheinlichkeit scheint mir aber 
die oben angedeutete Anschauung auch für die 2 weite¬ 
ren Attaquen zu haben. Charakteristisch ist, dass Pat. 
die beiden ersten Male nach grösseren Anstrengungen 
und Ermüdungen (auf der Rückreise aus Berlin) er¬ 
krankte ; durch die Pneumokokkenmeningitis waren seine 
Meningen besonders empfindlich geworden, und die 


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St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ne 7. 


1912. 


106 . 


Anstrengungen und Ermüdungen genügten trotz glän¬ 
zender Erfolge der Therapie wieder den Prozess auf¬ 
flackern zu lassen, aber nicht durch Salvarsan. Ohne 
so genaue Untersuchungen könnte man das Salvarsan 
bei der heutigen Richtung beschuldigen, diese „Sensibili¬ 
sierung“ veranlasst zu hahen. Das Symptomenbild war 
bei der ersten Attaque mit Hilfe der Liquoruntersuchung 
ein so klares, dass an der Diagnose einer Pneumokokken¬ 
infektion kaum gezweifelt werden darf. Wenn man an¬ 
nehmen- will, die bakteriologische Untersuchung wäre 
nicht einwandsfrei, so sprechen doch der trübe Liquor 
und die polynukleären Zellen im Liquor direkt für eine 
Meningitis. 

Während der beiden späteren Anfälle sind Kokken 
garnicht und polynukleäre Zellen nicht in überwiegender 
Menge gefunden worden und ich habe mich durch 
die Ueberlegung, die Pneumokokkeninfektion habe die 
alte chron. Meningitis, die der Tabes des Pat. zu Grunde 
liegt (N a g e o 11 e), neu belebt und aufflackern lassen, 
wofür das immer wieder Ansteigen der Pleozytose spricht, 
veranlasst gesehen immer wieder mit Salvarsan vorzu¬ 
gehn und habe das wahrlich nicht zu bedauern gehabt. 
Mag nun diese Anschauung mehr oder weniger Wahr¬ 
scheinlichkeit für sich haben, eines glaube ich, geht 
aus diesem Fall deutlich hervor, dass nicht das Salvar¬ 
san, sondern die Pneumokokkeninfektion an der „Sen¬ 
sibilisierung“ des Nervensystems schuld ist, und dass 
das Salvarsan therapeutisch von glänzenden Erfolgen 
begleitet gewesen ist, also nicht geschadet hat. 

Es ist nicht ohne Belang an einer Reihe von Fällen 
von Lues cerebri und Lues spinalis den angeführten 
Fällen von sog. „Neurorezidiven“ gegenüberzustellen 
und zu zeigen, dass die Reaktiosbilder genau dieselben 
sind, wodurch noch deutlicher ersehen werden kann, 
dass es sich in allen Fällen um Syphilis-Rezidive ge¬ 
handelt hat. Wie sich durch die Liquoruntersuchung 
die wahre Natur der Neurorezidive erwiesen hat, so 
wird hier von Neuem zu sehen sein, welche Fortschritte 
die Diagnostik durch die Nonneschen 4 Reaktionen 
gemacht hat und wie mit Hilfe der Liquoruntersuchung 
es gelingt in unklaren Fällen zu klaren diagnostischen 
Anschauungen zu kommen. Schliesslich wird zur An¬ 
wendungsweise des Salvarsan ein weiterer Beitrag ge¬ 
liefert werden, der zur Uebezeugung führen muss, dass 
Ehrlich seine Absicht und sein Streben ein, dem 
menschlichen Organismus unschädliches, die Spiroch- 
aeten aber abtötendes Mittel zu finden, viel vollkom¬ 
mener erreicht hat, als es zu Anfang schien. 

Aus der Reihe der Fälle von Lues cerebri, die seit 
Anfang 1911 in meiner Abteilung zur Beobachtung ge¬ 
langten, und rund die Zahl50 erreichen, wähle ich als 
Beispiele nur einige heraus. Für die beiden als Neuro¬ 
rezidive angeführten ersten Fälle, die Lähmungserschei¬ 
nungen von Hirnnerven zeigten, sei hier ein Fall von 
Lues cerebri mit einer Fazfalislähmung angeführt 4 . 

Am 16 XII 1911 wurde der 25-jährige Arthur Rosen aufge¬ 
nommen. Er zeigt rechtsseitige Fazialislähmnng, die 4 Tage bestand 
und der Kopfschmerzen und Schwindel einen Tag vorangegangen 
waren. Er hatte vor 2 Jahren Syphilis durchgemacht, war mit 4 
Kuren ä 5—6 Injektionen behandelt worden. Letzte Kur in diesem 
Oktober. Neben normalem Organbefund zeigt der Status am N. S. 
ausser den subjektiven Symptomen nur die r. Fazialislähmung aller 
Aeste. Das r. Auge kann nur unvollkommen geschlossen werden und 




19 Xll 1911. , 28 Xll. 1811. 

9 1. 1912. 


N. A. 

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P. 

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C£ 

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292.7 ! 22,„ 

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W. Bl. 

4 - ... f j + + 

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1 W. Li. 

-f i bis — C. 0, 2 




i. ; -u — C. 0., 

in allen Conz. 


Therapie. 

~0„ : 7~ 0,, | 

| o« 


die r. Gesichtshälfte hängt. Ophth. = normaler Befund, Reflexe nicht 
gesteigert, nur Bauchreflexe = 0; keine Störung der Sensibilität, die 
übrigen Hirnnerven = n. Seine Reaktionsbilder bestätigen die 
Diagnose einer Lues cerebri als Grundlage des Zustandes. 

Alle 5 Reaktionen positiv und werden nach Salvarsan schnell 
negativ, resp. deutlich rückgängig. Euphorie vollkommen. 

Patient ist noch in der Abteilung, seine positive WRe. im Serum 
veranlasst mich ihm jetzt noch Hg. zu geben. 

Die Wirkung des Salvarsan wird aber durch die Bilder sehr deut¬ 
lich demonstriert. Die Fazialismuskulatur zeigte zu Beginn und auch 
heute noch nach 4 wöchentlichem Bestehen keine Ea Re. 

Als Gegenstück für den Fall Baumann sei angeführt 
ein Fall von Lues spinalis, den ich nach absolvierter 
Kur nach 8 Monaten und voller Arbeitsfähigkeit zu 
untersuchen Gelegenheit hatte, wodurch das Urteil ein 
vollständigeres wird. 

Der 32-jährige Former N i k. Silleneck wurde am 31/1 1911 
mit Parese beider Beine aufgenommen; er war 4 Monate krank. Er 
habe in den ersten Monaten seiner Krankheit (Nov. und Dez. 1910) 
garnicht gehen können, auch das Harnlassen sei erschwert gewesen. 
Vor 10 Jahren Ulkus. Sei von einem Feldscher behandelt worden. 
Familien-Anamnese ohne Belang. Patieut ist verheiratet. Frau keine 
Aborte. Ein Kind lebt, keine Kinder gestorben. Organbefund = n, 
Hirnnerven=n, opht.=n; Pu Re.f. L und f. Conv.=n. Gang spastisch und 
hochgradig paretisch; Kn Ph=stark gesteigert, mit Blasenfunktion ist 
Patient zufrieden. Kremasterreflex = n. BauchRe. = rechts fehlt 
der untere; der obere und mittlere vollkommen normal, ebenso 
wie alle 3 linkerseits; die Sensibilität ist nicht gestört, mit Ausnahme: 
rechts an der unteren Bauchgegend und rechts an der vorderen 
Fläche des Oberschenkels. Hier ist sie für Pinselberührung und 
Nadelstiche aufgehoben. 

Seine Reaktionsbilder zeigen wie im vorigen Falle eine schnelle 
Wirkung des Salvarsan; zu Hause hatte Patient angeblich nur Kal. 
und Natr. Jod gebraucht. 



Die Besserung ging ganz parallel mit der Abnahme der Pleozy¬ 
tose die hier keine sehr hochgradige war, ist vollkommen normal 
geworden. Die WRe. im Liquor steht leider für das erste Bild aus. 
Die Wassermannsche Re. im Blut war nach der 2. Salvarsan-infusion 
schnell negattv geworden. Beide negativen Reaktionen wurden später 
wieder schwach positiv, was mich veranlasste nach der Salvarsan- 
therapie noch Hg.-Inunktionen ä 5,0 machen zu lassen; die Kontrolle 
der Reaktionen ergab 8 Monate nach der Entlassung, in welcher Zeit 
Patient in seinem schweren Amt als Former voll gearbeitet hatte, 
dass die Rückenmarksaffektion zur Heilung gelangt war, alle Reak¬ 
tionen negativ, und dass aber nur die WRe. im Blut noch mittel¬ 
stark positiv (2—3 -h) geblieben war. Die Anaesthesie am rechten 
Unterbauch und am rechten Oberschenkel vorne bestand noch so 
komplett, wie sie vorher war, nur in der Gegend der Leistenbeuge. 
Das Fortbestehen der Sensibilitätslösung im Gebiet des 1. und 2. 
Lumbalsegmentes veranlasst bei Schwinden aller anderen Symptome 
der Lähmungen der 4 Reaktionen, den Fall als Heilung mit Defekt 
zu rubrizieren. Die lange Dauer, 4 Monate, des Prozesses vor Be¬ 
ginn einer eingreifenden Therapie erklärt das Restieren von Ausfalls¬ 
erscheinungen vollkommen! 

Aber die WRe. im Blut ist noch deutlich positiv geblieben. Es 
muss abgewartet werden, ob sie noch schwindet, oder ob*sich noch 
weiter Rezidive entwickeln werden. 

Die Krankheitsbilder ohne Lähmungserscheinungen 
bei denen meningeale Symptome mehr oder weniger im 
Vordergründe stehen, sind diagnostisch schwieriger, be¬ 
sonders, wenn erhöhte Eigenwärme dazu kommt. Auch 
hier lässt aber eine Untersuchung des Liquor bald den 
Charakter der Krankheitserscheinungen erkennen. 

Für den Kranken A. v. B., der ein solches Bild dar¬ 
bot, sollen hier ähnliche Krankheitsbilder als Analoga 
dienen. 

Am 4/VII. 1911 wurde der 25-jährige Kuklis zunächst in die 
innere Abteilung aufgenommen; schon dieser Umstand zeigt, dass 
der Aufnahme-Arzt nicht an ein Nervenleiden gedacht hatte. Im 
Vordergründe standen auch Magensymptome neben Kopfschmerzen, 
er klagte über Appetitmangel und Erbrechen; eine Woche vor der 


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Original fro-m 

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1912. 


107. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 7. 


Aufnahme seien die Kopfschmerzen stärker geworden. Alkoholgenuss 
mässig. Vor 4 Monaten habe Patient aber ein Ulcus penis gehabt 
und habe 4 Injektionen in den Rücken erhalten; ob Salvarsan, ob 
Hg. war nicht zu eruiren. Die letzte Injektion vor 3 Monaten; am 
Rücken waren Reste dieser Injektionen nachweisbar aber es blieb 
trotzdem unsicher, was injiziert worden war! Die.Körpertemperatur 
schwankte zwischen 37° und 38°. 

Die Untersuchungsbefunde der inneren Organe und auch des 
Nervensystems waren völlig negative; ophth. fand ich später am 
14./VII 1911 nur eine leichte Trübung um die Papille in der Gegend 
der Gefässe; (habe jedoch hinzugefügt im Bereich des Physiologi¬ 
schen!) Die einzigen Erscheinungen waren; Veränderung des sub¬ 
jektiven Befindens: Schwächegefühl, Kopfschmerzen, Erbrechen und 
objektiv: leichte Temperaturerhöhung. Erst die LP. brachte Klarheit. 
Seine Reaktionsbilder erinnern an die des Kranken A. v. B. Ueber- 
einstimmend ist auch die Zeit, das Auftreten 4 Monate post infektio- 
ucin, der Mangel an objektiven Symptomen und die subjeidiv wenig 
alarmierenden Erscheinungen im Gegensatz zum erschreckenden 
Reaktionsbilde: Liquor reichlich, trübe, gelblich. 



9. VII. 1911. 

20. VII. 1911. 

3. Vlll. 1911. 

N. A. 

+ + 4 

+ 4 

+ ! 

P. . 

++++++ 

4 4 4 4 

4 + 

PL 

1608, 7 

320, o 

66, 0 

W. Bl. 

hemmt selbst. 

4 + 

4 ' 

W. Li. 

+ + + + 

in allen Conz. 

+ + c. 0 , 2 
++■-»-+ c.o, 4 
0,6 0*8 | 

~~ C. 0,2 
+ + C. 0,4 
+ + +C.O,gO, 8 

Therapie 

0, 6 11 VIU 

0'« ! 

0,6 


Die sehr starke positive Wasserm. Re. im Liquor war entscheidend; 
die Pleozytose enorm, der Befund des Bakteriologen wohl „Verun¬ 
reinigung' 

Die Therapie spricht im selben Sinne wie die Wassermann Re. 
im liquor, die Temp. fiel am 2, Tage nach der 1. Infusion ab, um 
nicht mehr zu steigen. Am 17./VII ist notirt: Euphorie, kein Er¬ 
brechen, Appetit, Schlaf gut, Patient selbst meint, er könne wieder 
zur Arbeit, der Kopfschmerz sei vollkommen geschwunden. Er erhält 
noch 2 Infusionen (20./VII und 3./VIII). Am 7. August trat wieder 
Erbrechen auf; am nächsten Tage wieder Euphorie. Obgleich ihm 
strikt abgeraten wird das Krankenhaus zu verlassen, so lässt Patient 
sich nicht halten, und verlässt das Krankenhaus am 13. August. 

Auch hier war für den Patienten massgebend seine 
subjektive Euphorie. Er lässt sich nicht halten. Alle 
Reaktionen waren bei der Entlassung noch positiv und 
dürfte ein Rezitiv, wenn es eintreten sollte, nicht ver¬ 
wundern. Sollte es eintreten, so dürfte es aber wohl 
nicht auf die Wirkung des Salvarsans geschoben wer¬ 
den, sondern auf seine frische Syphilis und auf das 
unzweckmässige Verhalten des Kranken. Dass die Wir¬ 
kung an und für sich eine glänzende war, beweisen auch 
diese Bilder. 

Als weitere ähnliche Beispiele, in denen das Ver¬ 
halten des Kranken ein fügsameres war, und das End¬ 
resultat in Folge dessen ein besseres, mögen noch fol¬ 
gende erwähnt sein. 

Am 2/Xl 1911 wurde auch In die innere Abt. die Anna Te¬ 
te r m a n n aufgenommen; auch sie klagte über Kopfschmerzen seit 
einer Woche und über Erbrechen seit 3 Tagen. Im Mai desselben 
Jahres habe sie 14 Tage in ganz gleicher Weise gelitten, sei dann 
auch wieder gesund geworden. Patient ist unverheiratet, hat einmal 

g eboren, keine Aborte; am ganzen Körper keine Reste von Lues, 
Irganbefund normal Pu. Re. f. L.=n; Kn. Ph.=lebhaft, ophth=n, keine 
Nackensteifigkeit, Kernig negativ Temp. 38,2. Puls 80. Harn.=n. 
Sie wurde am 4./XI in die Nervenabt. übergeführt und ihr Reaktions 



< cs 



4 XI. 1911. 

18 Xi. 1911. 

30 XL 1911 J 

N. A. 

+ 

4- 


! p. 

4 

+ (4) 

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387, 5 

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34, 3 ! 

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+ 4- ■ 

+ v + + + : 

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W. Li. 

C. 0, 2 —0, R 

C. 0,2—0 >8 

1 —2-f-C. 0 4 ' 

Therapie. 

0,6 (7 XL) 

i 0, 6 | 

0.« j 


bild zeigt als Ursache ihrer Symptome ein Lues cerebri. Ausschlag¬ 
gebend ist auch hier die Wasserm. Re. im Liquor. Die bakteriolo : 
gische Untersuchung ergab vollkommen sterilen Liquor (Dr. Prae- 
töruis. 5/XI 1911.) 

Patient erhielt 3’X Salvarsan 0,6, gleich nach der ersten Infusion' 
trat Entfieberung ein. Patient fühlte sich gut. Auch sie hat mehr¬ 
fach vor der definitiven um Entlassung gebeten, weil die Euphorie eine 
vollkommene war. Die hohe Pleozytose sank aber nur allmählich 
auf 34 und die Wasserm. Reaktion im Blut und für 0,2 Liquor wur¬ 
den negativ. Patient liess sich am 17/XII 1911 nicht mehr halten, 
sie war vollkommen frisch und muntfer, ob definitiv geheilt, wage 
ich nicht zu sagen. 

Die Pleozytose war nicht geschwunden, und die Wasserm. Re. 
im Lq. für 0,4 noch positiv, aber der Effekt der Behandlung ein 
deutlicher und von Salvarsanschädigung nichts; nach allen 3 Infusio¬ 
nen keine Temperatursteigerung, keine Reaktionserscheinungen. 

Ein ähnlicher Fall auch mit langdauernden Fieber¬ 
erscheinungen im Symptomenbilde, zeigt gleichfalls auch 
trotz subjektiver Heilung bei Entlassung noch nicht 
Schwinden der positiven Reaktionen. Aber die Wir¬ 
kung des Salvarsan ist eine glänzende und 0,6 wurde in 
schneller Reihenfolge anstandslos vertragen! 

Am 15. Nov, 1911 wurde der K. M o r g 29 an. in der Peterson- 
schen Privatklinik aufgenommen. Er habe zu Hause 5 Wochen fast 
nur zu Bett gelegen, mit Kopfschmerzen, die namentlich abends heftig 
waren, ihn so quälten, dass er, wie er mir nach Schwinden derselben 
eingestand, an Selbstmord gedacht habe. . Das Leiden wurde auf eine 
Erkältung zurückgeführt, die er am 28. September in Moskau sich 
zugezogen hatte. Patient fieberte seit der Zeit leicht um 38°. Er 
hatte vor 4 Jahren ein Ulcus akquiriert, in dem keine Spirochaeten 
nachgewiesen worden waren. Vor 2 Jahren wieder ein Ulcus; nach 
dem ersten hatte Patient 3, nach dem 2. wieder 3 Hg.-Kuren durch¬ 
gemacht. Letzte Kur Frühjahr 1911. (Spritzkur). Bei normalem Sta¬ 
tus der inneren Organe fand sich neben den sehr heftigen Kopf¬ 
schmerzen und den Fieberbewegungen, ein stark klopfempfindlicher 
Kopf, und eine Neuritis opt; sonst keinerlei Ausfallserscheinungen; 
psychisch frei, gibt präzise und promte Antworten. Seine ReakUons- 
bilder Hessen keinen Zweifel an der Art der Erkrankung und das 
Salvarsan brachte sofortiges Nachlassen des Kopfschmerzes und cler 
Körpertemperaturen. 




15. XI 1911. 

23. XI. 1911. 

3. XII. 1911. 

c 

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; n. a. 

4 4- 

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W. BL 

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4 4 4 4. 

2* 

W. Li. 

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4 4 C. 0, 2 

x 


C. 0, 2 -0, 4 

C. 0,7—8,* 

jf + + +C. 0, 4 


i Therapie 

o* ! 

°>6 | 

’~o.7 — ~j 


Dieselbe ging am 2. Tage nach der erster Infusion zur Norm, 
hob sich am o. Tage nach der Infusion wieder auf 37, 8 Ab., am 
7. Tage infundierte ich wieder 0, 6; die Temperatur fiel und blieb 
niedrig. Die Lymptozytose war von 323 a f 45 zurüekgegangen/ 
die Eiweissreaktionen geschwunden. (Die N. A. Re. kaum nachweis¬ 
bar) und die Wasser. Re. im Liquor rückgängig. Patient verliess in 
subjektiv vollkommenem Wohlbefinden die Klinik, mit der Weisung, 
sich noch eine energische Schmierkur machen zu lassen, und sich 
nach 3 Monate zur Nachuntersuchung jresp. nochmaligen Behandlung 
vorzustellen. — Diese Nachuntersuchungen müssen abgewartet wer¬ 
den um ein definitives Urteil sich zu bilden. Wird auch hier ein so 
gutes Resultat zu verzeichnen sein, wie in den beiden ersten be¬ 
schriebenen Fällen? auch diese waren noch mit positiver Wasser- 
mann-Reaküon im Liquor entlassen worden und hatten sich trotzdem 
später glänzend erholt. 

Auch im nächsten Falle trat im weiteren Verlauf 
eine glänzende Besserung und klinische Heilung ein. 
Er war sehr demonstrativ, und lag zu gleicher Zeit mit 
den beiden ersten, hier mitgeteilten Fällen in der Ab¬ 
teilung. Er war nicht vor der Aufnahme spezifisch be¬ 
handelt worden, und seine 5 Reaktionen wären alle, 
auch die Wassermannsche Reaktion im Blut, sehr stark 
positiv, speziell im Gegensatz' zu den beiden andern, 
Deikun und Latzj die Beide vor der Erkrahküng.an den ; 
Gehirnerscheittüngen reichlich Hg und V, 606 erhalten 
hatten; Bei diesem Unbehandelten • war * die Wasser-- 
mannsche Reaktion sowohl im Blut als auch im Liquar stark 
positiv geblieben, während bei dem Einen (Deikun) 
(durch das Hg?) die Reaktion im Serum negativ, beim 


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108. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. N 2 7. 


1912. 


Zweiten (Latz) nur noch schwach positiv geblieben war, 
und trotzdem die Entwicklung der Hirnlues. 

Dieser dritte Kranke Prüffert 1 ) hatte auf seinen 
Arzt, der den Kranken in die Abteilung dirigiert hatte, 
„zunächst den Eindruck einer Paralyse!“ gemacht. Ana¬ 
mnestisch war Lues „vor 10 Jahren“ gewesen, wie es 
sich später herausstellte vor 2 Jahren (cf. unten genaue¬ 
rer Status) sein Symptomenbild ergab aber nichts Defi¬ 
nitives, Patient war benommen, konnte keine Angaben 
machen, hielt sich nicht für krank. Organbefund und 
Befund am N*.S. =■= n; keine Lähmungserscheinungen, keine 
Neuritis opt.; dafür sprachen aber seine Reaktionsbilder 
ein sehr deutliche Sprache, und die Erfolge der Thera¬ 
pie zeigen, dass es sich um Lues cerebri gehandelt 
hatte, der Erfolg war ein glänzender, obgleich die Pleo¬ 
zytose bei der Entlassung noch schwach, die beiden 
Wassermannachen Reaktionen noch deutlich positiv ge¬ 
blieben waren. Patient fühlt sich gesund, Frau gesund, 
Kind dick und rosig. Bei der Entlassung konnte keine 
pathologische Erscheinung mehr nachgewiesen werden, 
er rechnete richtig, sein Urteil war gut über sich und 
andere; er gab am 12 Tage nach der erster Infusion 
an, sich „während seiner Krankheit nicht krank“ ge¬ 
fühlt zu haben, und wollte schon am 27.VI bei einer 
Pleozytose von 99 und sehr stark positiver Wassermann- 
schen Reaktion im Blut und im Liquor, nach Hause. 
Die Euphorie sowohl während des schlimmsten Zustan¬ 
des, als auch in weit vorgeschrittener Rekonvaleszens 
tritt auch hier klar zu Tage. 



1 VI. 1911. 

13. VI. 

21. VI. 

21. VII. 

18.11,1912 

N. A. 

+ + 

+ 

(+) 

— 

— 

P. 

+ + + + + 


+ 

+ 

— 

PI. 

314, 8 

122, 3 

99,« 

21,3 

6.. 

W. Bl. 

+ + + + 

+ + + + 

'+ + + + 

+ + -f 

+ + + 

W. Li. 

+ -+--»- + 

+ + + + 

+ + + + 

- C. 0, 2 



in allen 

in allen 

in allen Conz. 

+ + +K. 

! 


Conz. 

Conz. 


0,4—0.8 


Thera - 

3 X Salvarsan 

7 Injektionen Hg. Salicyl. 


pie. 

ä 0* 

ä 

0., 



Zeigen diese Fälle nun auch, dass man mit Hilfe der 
Liquoruntersuchung in den Fällen der sog. „Neurorezi- 
dive“ über den wahren Sachverhalt ins Klare gekommen 
ist, so darf weiterhin nicht verschwiegen werden, dass 
sich hier Fehlerquellen einschleichen könnten, die an¬ 
scheinend der Anschauung einer Salvarsanschädigung 


*) Prüffert, Kommis in einem Holz-Export, 26 Jahre alt, aufge- 
nommefi 27. V 1911, entlassen 30. Juli 1911. Diagnose: Lues cerebri. 
Jung verheiratet, Frau zum ersten Mal gravid (erhält 606, das sie gut 
verträgt 2 Mal.) Lues vor 2 Jahren, 25 Inunktionen. Er sei seit 2 
Wochen krank — Aussagen der Frau: Kopfschmerzen, Gedächtnis¬ 
schwäche, macht Rechenfehler im Geschäft; wird von Herrn Dr. L. 
Schönfeld freundlichst der Abteilung überwiesen. Patient selbst so 
benomman, dass er keine Anamnese geben kann; kann absolut nicht 
rechnen. Sprache nicht paralytisch, doch erschwert; Schlaf gut, Pa¬ 
tient lässt Nachts Stuhl und Ham ins Bett. Organbefund =n, keine 
Klopfempfindlichkeit des Kopfes. Pu. Re. f. L. und Conv. =n. Schon 
am 13 VI 1911, also 12 Tage nach der ersten Salvarsaninfusion soweit 
klar, dass er eine gute Anamnese geben kann und gute Selbstkritik 
hat; könne sich an die jüngste Vergangenheit nicht erinnern und 
meldet erfreut, dass er die letzte Nacht trocken gewesen sei. Schon 
am 27. VI 1911 30 Tage nach der Aufnahme hat Patient keine Be¬ 
schwerden mehr, hält sich für gesund, will nach Hause: höflich, kor¬ 
rekt in seinen Angaben und in seinem Urteil. 

*) Prüffert hat sich,wieder vorgestellt zur Nachprüfung; er fühlt 
sich vollkommen gesund. Jetzt gibt Patient an nachdem seine Erin¬ 
nerung -für diq Vergangenheit sich vollkommen aufgehellt hät, dass er 
im Dez, 1910 4 Injektionen von Salvarsan in den Rücken erhalten 
habe; diese Behandlung sei ambulant dnrchgeführt worden. Hg-habe 
er nicht erhalten; er gehört somit zu der Reihe der „Neurorezidive". 
Seine Reaktionen habe ich oben noch nachträglich eingezeichnet. Sie 
sind alle bis auf die Wassermannsche Reaktion im Blut negativ ge¬ 
worden. (20. II. 1912). 


Vorschub leisten könnten. Es ist ja bekannt, dass aus¬ 
nahmsweise sich ein syphilitischer Prozess in cerebro 
in dem Verhalten des Liquor nicht spiegelt, so dass wir 
durch die Untersuchung des Liquor keinen Aufschluss 
gewinnen. Die Untersuchung fällt trotz syphilitischer 
Natur des Prozesses negativ aus, was aber doch noch 
nicht verführen darf einen luetischen Prozess auszu- 
schliessen. Bei progressiver Paralyse sind die positiven 
Befunde in Blut und Liquor am konstantesten und auch 
nach meinen Erfahrungen am unbeeinflussbarsten; (auch 
die Pleozytose blieb meist unbeeinflussbar durch Sal¬ 
varsan) und doch hat Binswanger 2 Fälle von progr. 
Paralyse beschrieben, in denen alle 4 Reaktionen nega¬ 
tiv waren. Es sei mir gestattet zum Schluss einen Fall 
anzuführen, den man wohl nicht nur mit Wahrschein¬ 
lichkeit als durch Syphilis verursacht ansehen wird, und 
doch waren alle Reaktionen negativ. Früher waren wir 
oft in der Lage nur aus dem günstigen Erfolg einer 
spezifischen Kur auf die Natur des Prozesses einen 
Rückschluss machen zu müssen. 

Nonne hat in seinem Handbuch mit Nachdruck 
darauf hingewiesen, wie fehlerhaft ein solcher Rück¬ 
schluss sein kann. Doch wir wissen, dass in vielen 
Fällen ein solcher Rückschluss zutrifft. 

Am 6. Juni 1911 war der 30-jährige Maschinist Wold. Terpel 
aufgenommen worden; er war am Morgen desselben Tages rechtssei¬ 
tig gelähmt worden, war in seiner Sprache stark behindert. Er 
zeigte ein papulöses Exanthem an beiden Beinen und Armen und 
Plaques im Rachen und hatte vor einem Jahr ein Ulkus akquiriert; 
der Ausschlag sollte schon 3 Monate bestehen. Der Organbefund 
war normal, auch am N. S. ausserden eben erwähnten Lähmungen 
keine Abweichungen zu konstatieren, die Lähmung war eine schlaffe, 
Sensibilität =n. Seine Reaktionsbilder zeigten als einzige Verände¬ 
rung eine recht stark positive Phase I (das zweite eingeklammerte.-+- 
für die Nonne-Apeltsche Reaktion soll bezeichnen, dass die Reaktion 
nicht so stark war, dass volle zwei + geschrieben werden konnten. 
Der Liquor war stark vermehrt, und leicht getrübt und leicht gelb¬ 
lich gefärbt. Die mikroskopische Untersuchung ergab nur einen 
Zellgehalt des Liquor von 4,4, aber beide Wassermannschen Reaktionen 
waren negativ. Der Liquor wurde bis zu 0,8 ausgewertet, war aber 
trotzdem negativ. Und die Körpertemperatur war zwischen 37 und 
38°. Am 6. Tage nach der Aufnahme entschloss ich mich Salvarsan 
zu geben neben Hg und Ik. Das Exanthem schwand rapid, die 
Temperatur fiel ab; die Lähmung besserte sich schnell. Im Novem¬ 
ber und Dezember 1911 hatte ich Gelegenheit Patienten zu sehen. 
Er hatte] sich so vorzüglich gebessert, dass er gleich nach der Ent¬ 
lassung am 19X111911 die Absicht hatte, seinen schweren Dienst als 
Maschinist wieder aufzunehmen, und man konnte nicht dagegen sein. 
Was noch bestand, war ein erschwertes; Schreiben etwas zitterig und 
langsam, aber er konnte schreiben und schrieb richtig. 


Seine Reaktionsbilder waren: 



6. Vll. 11. 

20. Vll. 11. 

3.V111.11. 

N. A. 

+ (+) 

— 

— 

P. 

+ 

+ 

— 

PI. 

4.4 

6.8 

5.i 

W. Bl. 

— 

— 

— 

W. Li. 

— 

- 

- 

Therapie. 

0.6 

iXHg.Jk. 

40-200 

3Xl6ssl. 


Pat. hat während seines ersten und zweiten Aufent¬ 
haltes je 3X0,6 Salvarsan erhalten, Hg nur eine 
Spritze (Hg salicylici ä 0,1). Beweisend ist ja dieser 
Fall absolut nicht, man konnte nicht mit Sicherheit be¬ 
haupten, dass seine Gehirnerscheinungen durch einen 
syphilitischen Prozess erzeugt worden waren, aber mit 
grosser Wahrscheinlichkeit wird man als Ursache seiner 
Lähmung die Syphilis annehmen können und wenn 
einmal bei einem sog. Neurorezidiv auch solche negative 
Reaktionbilder gefunden werden sollten, sö wird solch’ 
ein Fall doch zur Vorsicht warnen. Man wird nicht 
dem Salvarsan die Schuld geben, trotz solcher Bil¬ 
der, die anscheinend die Syphilis auszuschliessen 
scheinen. Dieser Fall liegt nicht anders als alle Fälle 


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1912. 


St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 7. 


109. 


vor der N o n n e s c h e n Zeit, vor der Liquoruntrsuchung, 
in welcher Zeit wir ex juvantibus mit ziemlicher Sicher¬ 
heit die Syphilis als Ursache beschuldigten, und doch 
waren die Reaktionen nicht ganz negativ; die Nonne- 
Apeltsche Reaktion war doch immerhin recht stark 
positiv, also der Liquor war verändert. Ausserdem 
zeigte der Fall, dass Salvarsan gut vertragen wurde! — 
Während IVa jährigen Anwendung des Salvarsan habe 
ich nie unangenehme Folgen gesehen. Diese Fälle, 
die als sog. Neurorezidive nach Salvarsan hätten ange- 
sehn werden können, haben sich, wie diese Mitteilungen 
zeigen sollen, als Syphilitische Rezidive in cerebro de- 
monstriren lassen. Bei diesen sog. Neurorezidiven 
wirkte das Salvarsan in allen 5 Fällen in hohen Dosen 
und häufiger Wiederholung vorzüglich. 

Die Liqouruntersuchung gibt auch für die Wirkungs¬ 
weise des Salversan gute Anhaltspunkte, sie gibt pro¬ 
gnostisch gute Fingerzeige; sie zeigt wie trügerisch 
die subjektive Empfindung des Kranken ist, und wie 
man sich nicht durch das hier als „path. Euphorie“ be- 
zeichnete Wohlbefinden des Kranken leiten lassen darf; 
die Liqoruntersuchung zeigt auch, dass trotz energischer 
Behandlung Reste in den Reaktionen nach bleiben, dass 
die Wassermannsche Reaktion im Li. oft bei der Ent¬ 
lassung noch positiv blieb, dass aber trotzdem eine 
vorzügliche Besserung eintrat, der zerebrale Prozess 
ausheilte, die Kranken stark Zunahmen, auch arbeits¬ 
fähig wurden, wie in den beiden ersten Fällen (Deikun 
lind Latz) die ich nach Monaten noch untersuchen konnte, 
freilich nicht auf den Liquorbefund. Im Fall Silleneck, 
in dem ich aber eine Liquoruntersuchung nach Monaten 
wiederholen konnte, war die Wassermannsche Reaktion im 
Liquor zwar negativ, war aber auch während der Beob¬ 
achtungszeit schon negativ gefunden worden, doch die 
Wassermannsche R£. im Blut war doch noch 2—3-f-. — 
Gewiss müssen Nachuntersuchungen abgewartet werden, 
doch schon jetzt können wir sagen, dass wenn wir eine 
vollkommene Heilung erzielen wollen, dreister vorgehen 
müssen. Obige Krankengeschichten zeigen, dass auch 
bei schweren Hirnaffektionen 0,6 bei 3 und 4-maliger 
Wiederholung anstandslos vertragen wird, und ich würde 
mich nicht scheuen noch grössere Dosen zu geben, nach¬ 
dem jetzt durch Eliminierung des Wasserfehler’s“ das 
Salvarsan sich als sehr unschuldiges Mittel erwiesen hat. 

Ehrlich hat in seinem Vortrag in Karlsruhe 1911 
zu den sog. »Neurorezidiven“ Stellung genommen (Münch. 
Med. Woch. 1911 No. 47) Ehrlich und Benario 
und Andere und in der letzten Zeit S c h o 11 z sind der 
Ansicht, dass die sog. Neurorezidive nicht dem Salvarsan 
zur Last zu legen seien und die genauere Untersuchung 
dieser Reaktionsbilder zeigen zur Evidenz, dass, die sog. 
„Neurorezidive“ syphilitische Affektionen des Hirn- und 
Rückenmarks, im Frühstadium der Lues und 2) dass 
sie die Folgen ungenügender Behandlung sind. Ehr¬ 
lich ist der Ansicht, dass durch die Therapie in den 
betreffenden Fällen nur eine Sterilisatio fere completa 
erreicht worden sei, dass einzelne Spirochaeten oder 
Spirochaetennester durch mangelhafte Blutversorgung 
vom Salvarsan nicht erreicht werden und leben bleiben 
und sich dann später zu grösseren Heerden auswachsen 
und so die Rezidive erzeugen! Essei eine ganz 
bekannte Erfahrung, dass jeder Keim nur zu einer 
kleinen Kolonie auswachse, wenn man Tausende von 
Keimen auf eine Platte aussäete; bringe man aber 
nur einige wenige Keime auf dieselbe Platte, so wachse 
jeder Keim zu einer grossen Kolonie aus.“ Durch eine 
ungenügende Dosis werde nun der grösste, Teil der 
Spirochaeten abgetötet und so der Raum geschaffen für 
die beste Entwicklung der wenigen Nachbleibenden. — 

E r i c h. H o f f m a n n *) hat schon 1906 nachgewiesen, 
dass 3 Wochen vor dem Ausbruch der Allgemein- 


*) Deutsche Medizinische Wochenschrift 1906 Nr. 13. 


erscheinungen Spirochaeten im Blut waren und dass bei 
einen Kranken »mit ziemlich frischer sekundärer Lues ohne 
jegliche nervöse Symptome durch Impfung auf Affen 
die Erreger im Lumbelpunktat vorhanden waren 2 ). Die 
Aussaat geschied früh; es gelangen Spirochaeten in’s 
Nervensystem, die dort liegen blieben und nicht aus¬ 
keimen, so lange im übrigen Organismus die Konkur¬ 
renz eine zu grosse ist. Wird nun durch ungenügende 
Behandlung diese Konkurrenz beseitigt, der grösste Teil 
der Spirochaeten abgetötet, so kommen die nachge¬ 
bliebenen in N. S. abgelagerten zur Entwicklung und 
machen die sog. »Neurorezidive“. Es ist schon oft 
darauf hingewiesen worden, dass es gerade im N.-S. viele 
Orte gibt, die mangelhaft mit Blut versorgt sind, so 
dass das Salvarsan schwer an diese Orte dringen kann. 
Je kleiner die Dosis um so schwerer. 

Und wenn man die Bilder von St rasmann 8 ) sieht, 
der wohl als Erster Spirochaeten in Cerebro nachge¬ 
wiesen hat, (nach ihm B e i t z k e) so ist auch durch 
den Augenschein schon einleuchtend, dass einzelne 
Spirochaeten von Salvarsan nicht erreicht werden; die 
Spirochaeten waren in seinen Präparaten am zahl¬ 
reichsten in der Umgebung der, in dem Bindegewebe 
verlaufenden kleinen Gefässe, aber auch weit ab von 
den Gefässen zu sehen! — Auch dem „Wasserfehler“ 
gibt Ehrlich mit Wahrscheinlichkeit die Schuld an 
den Rezidiven, wenigstens an ihrem gehäuften Auftreten 
in Wien (Finger); durch das Fieber werde die Arsen- 
avidität der Körperzellen verändert; sie reissen viel vom 
Salvarsan an sich, oder zersetzten es schneller. Für die 
Spirochaeten bleibe zur Abtötung zu wenig übrig. — 
Also auch hier wieder eine zu geringe Dosis! 
Ehrlich mahnt, wo Hirnsymptome besonders deutlich 
Vorkommen, sehr vorsichtig zu sein, und mit wieder¬ 
holten kleinen Dosen statt einzelnen grossen Schlägen 
zu behandeln.“ Aus meinen Fällen geht für mich her¬ 
vor, dass diese Vorsicht nicht nötig ist; ich habe meine 
hohen Dosen nicht zu bereuen gebraucht. Ich meine 
eher, man könnte jetzt, und nach Eliminierung des 
„Wasserfehler’s“ dreist zu höheren Dosen übegehen. 
Ich habe schon öfters bedauert, dass die Tube nur 0,6 
Salvarsan enthielt! Ich habe überhaupt keinerlei schlimme 
Erfahrungen gemacht! Keine Rezidive, keine Erschei¬ 
nungen, die auf eine Herxheimer’sche Reaktion hätten 
schlissen lassen; wo das Symptomenbild wirklich durch 
Syphilis verursacht war, hat Salvarsan in den letzten 
IVa Jahren in meiner Praxis nicht geschadet, wohl aber vor¬ 
zügliche Resultate gezeitigt; Und vor einem Fehler 
in der Diagnose schützen jetzt die genaueren Unter¬ 
suchungen, die Untersuchung mit den 5 Reaktionen in 
hohem Maasse! — 

Zu der ungenügenden Behandlung zähle ich auch 
die ambulante Behandlung. Schon Naunyn hat für 
die Behandlung der Syphilis Krankenhausbehandlung 
und Bettruhe verlangt. Ich habe nie ambulant behandelt, 
sondern nur in der Klinik oder im Krankenhause; die 
Resultate waren gute. Wären die beiden ersten Kranken, 
die ambulant nach früheren Anschauungen ausreichend 
behandelt worden waren — mit Hg und mit Salvarsan 
— auch an ihrer schweren Hirnsyphilis erkrankt, wenn 
sie in gleicher Weise, aber stationär, behandelt worden 
wären? — 

Fassen wir kurz zusammen, so können wir sa¬ 
gen, dass 

1) die sog. „Neurorezidive“ echt syphili¬ 
tische Erkrank Unken cTes Nervensystems 
und dass sie * 

2) durch ungenügende Behandlung, 
durch zu kleine Dosen und mangelnde 


2) Deutsche Medizinische Wochenschrift 1912 pag 316, Nr. 7. 

3) Strasmann Deutche Zeitschrift für Nervenheilkunde 
1910 Band 45. 


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Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



St. Petersburger Medizinische Zeitschrift. Ns 7. 


1912. 


110 . 


Widerholung des Salvarsan’s erzeugt wor¬ 
den sind; 

3) dass die ambulante Behandlung der 
Syphilis einen grossen Teil der mangel¬ 
haften therapentischen Erfolge zu ver¬ 
antworten hat. 


Die Pathologie des Nukleinstoffwechsels 
(Gicht, Uratsteindiathese *) 

von Dr. R. Schütz in Wiesbaden. 

Die Aufgabe, eine Darstellung der Pathologie des 
Nukleinstoffwechsels zu geben, ist nicht ganz leicht, denn 
vieles ist auf diesem Gebiete noch strittig, ja —wie die 
Diskussion während des Kongresses für innere Medizin 
erst neulich ergab — ist die Berechtigung mancher An¬ 
schauungen von neuem zweifelhafter geworden, als es 
vor kurzem scheinen mochte, Anschauungen, die ihre 
Väter als sicheres Gut geborgen zu haben glaubten. 
Indessen hat die emsige Arbeit der letzten Jahre auch 
Positives erbracht, was der Diskussion bereits entrückt 
ist und unmittelbar praktische Bedeutung für Diagnose 
und Therapie gewonnen hat. Alt gewohnte Ansichten 
sind aufzugeben, die bei Aerzten wie bei Laien sich 
gleichermassen eingebürgert haben und immer wieder 
zu verfehlten diätetischen und sonstigen therapeutischen 
Massnahmen Anlass gaben. Und so ist es für jeden 
von uns unerlässlich, sich über den heutigen Stand der 
Gichtlehre zu unterrichten. 

Das Ausgangsmaterial für den Nukleinstoffwechsel 
und die Harnsäurebildung sind die Nukleoproteide, 
zusammengesetzte Eiweisskörper, die als charakteristi¬ 
schen Eiweissparling die Nukleinsäure nebst deren Pu¬ 
rinbasen enthalten; sie stellen den Hauptbestandteil der 
Zellkerne dar, sind aber nicht ein Bestandteil jeglichen 
Eiweisses. Durch die Pepsin-, noch mehr durch die 
Trypsinverdauung wird aus den Nukleoproteiden die 
Nukleinsäure abgespalten und wahrscheinlich als solche 
im Darm resorbiert. Nachdem schon in der Darm¬ 
wand ihre Umsetzung begonnen hat, gelangen die Nuklein¬ 
säure resp. ihre Spaltprodukte vom Darm aus wohl auf 
dem Blutweg zu Leber und anderen Organen werden 
und daselbst durch komplizierte fermentative Prozesse 
stufenweise bis zur Harnsäure abgebaut. Ob der wei¬ 
tere Abbau der Harnsäure bis zum Harnstoff auch im 
menschlichen Körper in gewissem Masse statthat, — 
diese Frage ist heute noch durchaus strittig. 

Wenden wir uns jetzt der Pathologie des Nu¬ 
kleinstoffwechsels zu, und zwar zunächst der 
Gicht. 

Schon Garrod wies 1848 nach, dass das Blut 
Gichtkranker Harnsäure als Natriumurat in abnormer 
Menge enthalte, und er, wie nach ihm Ranke, Braun, 
C a n t a n i u. a. fanden den Harn bei Gicht harnsäure- 
ärmer, Befunde, aus denen sie schlossen, dass die Harn¬ 
säure im Körper zurückgehalten werde, indess Pfeif¬ 
fer eine verminderte Harnsäurebildung annahm.. Wäh¬ 
rend andere, wie Bouchard, Mord hörst die Harn¬ 
säureausscheidung des Gichtikers für grösser hielten, 
als die des Gesunden, waren v. Noorden, Laquer 
u. a. geneigt, in derselben nichts eigentlich Charakte¬ 
ristisches zu sehen, ebenso Minkowski, der noch 
1903 in seinem bekannten Lehrbuch sich dahin aus¬ 
sprach, dass bei Gichtischen in der anfallsfreien Zeit 
und auch bei chron. Gicht die Harnsäureausscheidung 
eine konstante Abweichung von der normalen Grösse 
in einer bestimmten .Richtung nicht sicher erkennen 
lasse. Ja auch der Harnsäuregehalt des GichtWutes * 
konnte in seiner Bedeutung für die Gichtdiagnose zwei¬ 
felhaft erscheinen, wenn auch die exakten Untersuchung 

*) Referat, dem Verein der Aerzte Wiesbadens erstattet. Mai 1911. 


gen von Klemperer und Magnus-Levy den Be¬ 
fund Garrods und seiner Nachfolger bestätigten. 
Fand sich doch vermehrte Blut-Harnsäure auch bei 
chron. Nephritis, Pneumonie, unkompensierten Herzfeh¬ 
lern, Leukämie. 

So war der Stand der Harnsäure- und Gichtfrage 
noch vor wenigen Jahren recht wenig befriedigend. Den 
entscheidenden Fortschritt brachten B u r i a n und Schur, 
indem sie die Harnsäure ihrer Herkunft nach trennten 
in exogene, mit den purinhaltigen Substanzen der Nah¬ 
rung eingeführte, und endogene, die vor allem durch 
Zerfall von Körperzellen, also durch Mauserungsvorgänge 
im Organismus selbst entsteht. Auf diese Weise gelang 
es, eine unberechenbare Fehlerquelle auszuschliessen 
und den endogenen, weiterhin auch den exogenen Pu¬ 
rinstoffwechsel einer exakten Untersuchung zugänglich 
zu machen. Danach konnten Brugsch und Schit- 
t e n h e 1 m in monatelang fortgeführten Versuchen nach- 
weisen, dass trotz fortgesetzt purinfreier Kost der Gicht¬ 
kranke Harnsäure im Blut zeigt, der Gesunde dagegen 
nur nach